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Naturschutz von oben

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Bild von einer UN-Umweltkonferenz: Spiegelbild gesellschaftliche Verhältnisse - billige Frauenarbeit für die Öko-Führer
(aus Junge Welt, 4.5.200, S. 15)

Heiteres Zitateraten
Wer hat das gesagt: "Naturschutz in angewandter Patriotismus"?
(Lösung unten auf der Seite)

Natur schützen, Menschen vertreiben?

Schon hierzulande war (und ist teilweise noch) das Vorgehen oft rabiat. Vielerorts dominierten Schilder die Landschaft, mitunter Zäune und AufpasserInnen, die in Aufmachung und Auftritt vielerorts an Ranger oder öko-paramilitärische Einheiten erinnern konnten. Wo Naturschutzverbände eigene Flächen erwarben, standen schnell auch Verbotsschilder. Das Signal war eindeutig: Der Mensch ist unerwünscht, ein Störenfried, der von den Gutmenschen herausgehalten werden muss. Dafür seien Verbote nötig - entweder über staatlichen Verordnungsnaturschutz oder über Eigentumsbildung mit den dahinterstehenden Machtmitteln.

Im Original: Pro & Contra Naturschutz von unten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus den Ö-Punkten, Winter 1998:
Ohne Großschutzgebiete läuft nichts!
von Mark Harthun, Naturschutzbund Deutschland
Dem Naturschutz werden zwei Leitbilder nachgesagt, das der "Integration" und das der "Segregation". Integration bedeutet "Naturschutz und Nutzung auf einer Fläche", also eine nachhaltige Wirtschaftsweise ohne Schutzgebiete. Das Leitbild der "Segregation" sucht einen Kompromiß in einer klaren räumlichen Trennung zwischen Naturschutzflächen und intensiv genutzter Produktionsfläche.
Hauptziel muß immer "Naturschutz auf der ganzen Fläche" sein, was eine nachhaltige (biologische) Landwirtschaft meint. Für dieses Ziel kämpfen viele Menschen seit Jahrzehnten ² mit geringem Erfolg. Dabei drängt die Zeit, denn jede ausgestorbene Art ist
niemals wieder zurückzuholen. Ein Warten auf den gesellschaftlichen Konsens zum Öko³Landbau auf der gesamten Fläche würde das Ende zahlreicher Arten bedeuten. Daher also der Ruf des Naturschutzes nach Schutzgebieten. Sie sind innerhalb relativ kurzer Zeit auszuweisen und können als "Arche" dienen, um für beschränkte Zeit eine Artenvielfalt zu erhalten, die bei Erreichen des Hauptziels der "Integration" als Keimzellen für die Wiederbesiedlung der Kulturlandschaft dienen können. Je größer die Gebiete, desto länger können sie diese Funktion erfüllen, weil gerade Tierarten auf Mindestpopulationsgrößen angewiesen sind. Langfristig ist dieses Konzept zum Scheitern verurteilt, weil es durch die intensiv genutzte Landschaft kaum einen Individuenaustausch mehr gibt. Daher muß es Großschutzgebiete geben, z.B. Nationalparke, die groß genug sind, um auch längerfirstig alle natürlich ablaufenden Prozesse garantieren zu können. Nur hier können Arten mit großem Raumanspruch (z.B. Wildkatze, Luchs) überleben. Tausende von kleinen Gartenteichen (die "Idealform" demokratischen Naturschutzes?) können niemals ein großes zusammenhängendes Feuchtgebiet ersetzen. Die unbeeinflußten Naturlandschaften sind auch noch notwendig, wenn das Ziel der "Integration" erreicht ist, denn die ökologische Landwirtschaft schützt nicht vor der Zerschneidung der Landschaft mit Straßen, der Verinselung von Lebensräumen, Störungen und Immissionen. Es muß einige Flächen geben, die die Zivilisation zwar betrachten und erforschen soll, aber die per Verordnung vor der Zerstörung geschützt sind. In Deutschland gibt es ganze 14 dieser Art, die 0,44% der Landesfläche einnehmen.
Wer heute Naturschutz macht, muß sich mit den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten arrangieren. Mehr Basisdemokratie ist dringend notwendig, aber welche Bezugsgröße soll gewählt werden? Wer ist die Basis ² die örtliche, die Kreis-, die Landesbevölkerung? Macht man Entscheidungsrecht am Bedarf oder an der Betroffenheit fest? Nimmt man etwa die Auseinandersetzung um Nationalparke: Nach einer Emnid³Umfrage wollen 70% der Bevölkerung, daß mehr Flächen als Nationalpark geschützt werden. Bei einer Abstimmung in drei Gemeinden am geplanten Nationalpark Kellerwald in Nordhessen stimmten jedoch ca. 70% aus ihrer Betroffenheit gegen einen Nationalpark. Wer ist also die demokratische Basis, die "direkt" betroffen 5700 Leute aus den drei Gemeinden, oder die Millionen Bürger, die den Bedarf haben? Ein ähnliches Stimmungsbild wird man bei umweltschädlichen Projekten haben, wie Fernstraßen. Im Falle von Atomanlagen ist es noch komplizierter. Der Bedarf an Strom ist landesweit, die Betroffenheit von großräumiger radioaktiver Verseuchung liegt vor allem bei der Region. Die Gemeinde vor Ort (z.B. Biblis, Gorleben) wird wiederum einen außerordentlich hohen Bedarf an der Atomanlage haben, was mit den üblichen manipulativen Bestechungsgeldern (Turnhallen und ähnliches) zusammenhängt.
Es wird im Naturschutz und bei Bauprojekten immer Maßnahmen geben, die zum überregionalen Nutzen und zu lokalen Einschränkungen führen. Daher ist es eine Illusion zu glauben, man könne eine altruistische Kommune finden, die ihre Entwicklungsmöglichkeiten oder Naturschönheiten freiwillig der Allgemeinheit opfert. Die Definition der Gemeindeebene als basisdemokratische souveräne Einheit wäre daher das Verhinderungsinstrument für landespolitische Großprojekte. Entscheidungen bundesweiter Bedeutung müssen also auch von der gesamten Landesbevölkerung getroffen werden - entweder in Volksentscheiden oder per Verordnung der Landesregierung. Oder sollten etwa auch andere hoheitliche Regelungen, wie die Abschaffung der Todesstrafe oder Asylrecht in ihrer Umsetzung den Kommunen oder Landkreisen überlassen werden?

Demokratisierung des Flächen- und Rohstoffverbrauchs
Von Jörg Bergstedt, Institut für Ökologie
So richtig neu ist die Debatte nicht, aber an den meisten NaturschützerInnen und Umweltverbänden ging sie bislang einfach vorbei - und zwar penetrant. Sie wird dort sogar oft aktiv verhindert, denn die Frage beinhaltet Zweifel am liebgewonnen: Darf Naturschutz von oben durchgesetzt werden? Sollen die Mächtigen mächtig bleiben, Menschen weiter ausgebeutet werden - aber das alles ein bißchen begrünt und nachhaltig? Vielleicht damit Macht und Ausbeutung länger und effizienter ablaufen können?
Große Teile des Natur- und Umweltschutzes, der klassische Naturschutz aber fast als Ganzes, sind immer Verfechter eines starken Staates gewesen. Die Menschen, seien es die BürgerInnen im Allgemeinen oder Hausfrauen und -Männer, NaturnutzerInnen usw. im speziellen, sind immer nur die Dummen; die, die per Gesetz oder Umweltbildung zu etwas zu bringen sind, was sich »oben« irgendwelche Mächtigen ausgedacht haben. Immer wieder fordern NaturschützerInnen härtere Strafen oder Polizeieinsatz gegen UmweltzerstörerInnen. International heben die Machtvisionen der Naturschutz- strategInnen in wilde Phantasien von Grünhelm- Kampfeinsätzen, Schuldenerlaß gegen Umweltschutz usw. ab. Ob Schutzgebiete, Agenda oder die Studie »Zukunftsfähiges Deutschland« - überall ist die Herrschaftsfrage ausgeklammert. Das »Oben« und »Unten« soll unangetastet bleiben, nur daß die NaturschutzfunktionärInnen gerne oben dabei wären. Statt vor Ort um gemeinsame Regelungen zu ringen oder auch gegen Machtmißbrauch (wozu auch die Umweltzerstörung gehört!) zu kämpfen, fühlen sie sich an runden Tischen in erlauchter Atmosphäre wohler. Sie hoffen, die Mächtigen für ihre Anliegen zu gewinnen, damit dann über deren Machtapparate die eigene Idee umgesetzt wird.
Irgendwo und irgendwann muß Schluß sein! Solange die Menschen nur Objekt von Machtstrategien sind, ändert sich nichts grundlegend. Solange ist auch der Naturschutz Kumpan der Mächtigen!
Der klassische Naturschutz hat eine düstere Vergangenheit. Seine Instrumentarien stammen aus dem Kaiserreich oder der Nazizeit (z.B. die »moderne Naturschutzgesetzgebung«). Verändert wurde wenig. Emanzipatorische, d.h. die Mit- und Selbstbestimmung fördernde, Instrumente fehlen im Naturschutz fast gänzlich (in der Stadtplanung kommen sie wenigstens ganz am Rande zum Zuge - aber auch nur dort, wo eh kein mächtiger Konzern interessiert war-, z.B. in Form der Anwaltsplanung, Bürgerbeteiligung usw). Der Vertragsnaturschutz ist eine nur wenig befriedigende Ausnahme: Immerhin verhandeln hier zwei Parteien (LandnutzerInnen und Behörde) gleichberechtigt miteinander, allerdings bleiben die betroffenen BürgerInnen außen vor, es ist mehr ein »Deal« zwischen zwei Mächtigen, der Obrigkeit und dem/der EigentünterIn der Fläche.
Es wäre klug und, eben wegen der dunklen Vergangenheit, gerecht, wenn gerade der klassische Naturschutz zu einem Vorreiter einer veränderten Strategie würde, in der die bisherige Logik politischer Entscheidungen auf den Kopf gestellt wird. Das »Zauber«wort heißt: Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch. Warum eigentlich soll ein Unternehmen, nur weil es Geld und mindestens einen Produktionsstandort besitzt, Luft, Boden und Wasser verändern, d.h. in der Regel »versauen« dürfen? Warum werden die Menschen, die zusammen mit Landschaft, Tieren und Pflanzen betroffen sind, sich aber im Gegensatz zu den anderen dreien auch tatsächlich äußern könnten, nicht befragt? Und warum sollen LandwirtInnen, Forstbehörden, JägerInnen, GolferInnen usw. eigentlich auf gleiche Weise agieren können: Sich mit Geld bzw. auf der Basis von Grundbesitz einfach alles erlauben können, obwohl es alle betrifft?
Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch bedeutet, daß zukünftig nicht mehr die entscheiden, die über das Kapital (Geld bzw. Grund- oder anderer Besitz) und/oder, oft damit zusammenhängend, über die Machtstrukturen wie Gesetzgebung, Polizei usw. verfügen, sondern ganz einfach die Menschen, die in der jeweiligen Region betroffen sind.
In allen Gemeinden, Gemarkungen oder in anderen sinnvollen Abgrenzungen würden hierzulande die Menschen miteinander aushandeln, auf welchen Flächen und mit welchen Rohstoffen (Wasser, Luft, Lagerstätten) was geschieht: Landwirtschaftliche Nutzung, Wohnungen, Spielplätze, Gewerbe, Naturschutzflächen usw. Die Flächennutzungspläne werden zu demokratischen Landkarten, in denen sich der Wille der Menschen niederschlägt - Stück für Stück in immer besser laufenden Diskussionen, denn echte Demokratie will geübt sein.
Auch global wirkt das neue Prinzip: Es bedeutet, daß Rohstoffabbau oder Flächennutzung nur mit Zustimmung der betroffenen Menschen einer Region erfolgen kann. Und diese Menschen sind direkt zu beteiligen, nicht über ihre mit den korrupten, auf Militär und Polizei gestützten, von den reichen Ländern abhängigen Regierungen ihres Landes!
Die Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch wäre revolutionär für den Naturschutz. Aber: Etwas, was wie eine Revolution wirkt, werden wir brauchen. Wir können uns zwischen Ökodiktatur und der Demokratisierung des Flächen- und Rohstoffverbrauchs entscheiden. Ich bin sicher, die Menschen werden an vielen Orten lernen, ihre Entscheidungen klug zu treffen - besser jedenfalls als heute, wo ein kleiner Kreis von Mächtigen entscheidet, der die Wirkungen des eigenen Handelns meist nicht sieht, weil sie Hunderte bis Tausende Kilometer entfernt Menschen in Zwänge bringen, verarmen lassen oder gar morden.
Alle Instrumente des »starken Staates« oder des öko-geölten Kapitalismus wie Schutzgebiete, Ökosteuern oder Selbstverpflichtungserklärungen stabilisieren nur die, die dafür verantwortlich sind, daß wir uns heute um ruinierte Landschaften und unterdrückte Menschen kümmern.
Ein neuer Naturschutz ist nötig. Er muß revolutionäre Dimensionen haben, weil sie einfach nötig sind angesichts des Desasters draußen in der Landschaft. Und er muß emanzipatorisch sein, weil es unerträglich wäre, wenn das Ende der Ausbeutung von Natur einhergeht mit der noch größeren Ausbeutung von Menschen. Außerdem böte ein »Naturschutz von unten« noch eine weitere Chance: Wir würden bündnisfähig mit allen, die dann mit uns für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen. In vielen Teilen politischer Bewegungen sind UmweltschützerInnen heute schräg angesehen, weil sie immer wieder mit den Mächtigen kungeln und Forderungen stellen, die Staat und Konzerne in ihrer Macht fördern würden.
Darum: Für einen Naturschutz von unten! Für eine herrschaftsfreie Gesellschaft!
Gesteigert international: Der Mensch als Feind

Das alles aber ist harmlos gegenüber dem, was international geschieht. Auch da sind es aber die großen Umweltverbände und andere AkteurInnen aus den Industrienationen, die autoritär agieren. Allen voran: Deutschland. Denn dieses Land dominiert nicht nur die internationale Umweltschutzadministration, sondern ist auch DAS Spendensammelland. Umweltverbände wie BUND und NABU mischen international mit. Greenpeace und WWF werden auf internationaler Ebene vor allem aus Mitteleuropa finanziert. Hier, in Deutschland, den Alpenrepubliken und Benelux sitzt das spendenorientierte BildungsbürgerInnentum. Von hier fließt das Geld, welches in ärmeren Regionen die Artenvielfalt retten soll, die andernorts vernichtet wird - meist von Konzernen oder Regierungen der gleichen Länder, deren Geld dann die Rettung finanzieren. Doch bei näherem Hinsehen ist die Strategie so unterschiedlich nicht, denn immer geht es um Standortpolitik: Deutschland (und einige andere Nationen) sichert sich Rohstoffe. Deutschland sichert sich Agrarflächen. Deutschland sichert sich Import- und Exportrouten. Und eben auch die Regenerationsflächen für Biodiversität und Klima, die nebenbei auch als Flächen für imperiale Tourismuskonzepte nützlich sind.

Im Original: Internationale Schutzgebiete - moderner Kolonialismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Martina Backes, "Auf Safari gegen die Armut" in: Zeitschrift iz3w, April 2005 (S. 284 ff.)
Große Teile Afrikas wurden im Namen der Weltgemeinschaft zu Naturschutzgebieten erklärt. Zu ihrer Finanzierung wird oft auf die Einnahmen aus dem Natur- und Ökotourismus gesetzt. Für die BewohnerInnen der betroffenen Regionen bleiben oft nur schlecht bezahlte Jobs, manchmal droht ihnen gar eine Umsiedlung. So installiert sich ein postkoloniales Regime, das direkt am kolonialen Naturschutzgedanken anschließt.
Die Organisation Refugee International meldete im November 2004, im südäthiopischen Nationalpark Nechasar seien 2.000 Familien gezwungen worden, ihr Land zu verlassen. Sie sollten der »Entwicklung« des Parks durch die African Parks Foundation, einer niederländischen Naturschutzstiftung, »Platz machen«. Betroffen sind rund zehntausend Menschen, die jeweils zur Hälfte von der Landwirtschaft und als Viehhirten lebten. ...
Die soziale Blindheit, die viele AktivistInnen den Naturschutzverbänden und ihrem Fokus auf Ökotourismus vorhielten, scheint damit nun zum Hauptgegenstand der Debatte um Tourismusförderung zu werden. Doch während sich in der tourismuspolitischen Rhetorik das Konzept des community based tourism als sozioökonomisches Rezept gegen die Armut dem »Ökotourismus als Instrument zur Finanzierung von Naturschutz« beigesellt, nimmt zugleich die Kommerzialisierung der Naturressourcen neue Ausmaße an. Und die versprochene Teilnahme und -habe der Bevölkerung bleibt in der Praxis weitgehend Wunschtraum. Diese Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität ist jedoch nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Sie ist im Wesentlichen das Ergebnis einer Legitimationskrise und doppelten Transformation des Naturschutzes.
Da ist zum einen der altbekannte Zwang zur Ökonomisierung der Ökologie: Nur wenn sich der Schutz der Natur langfristig auszahle, sei er realisierbar. Die Finanzierung von Naturschutz durch Tourismus, etwa des Schutzgebietsmanagements durch die Eintrittsgelder, erscheint aufgrund der maroden Staatshaushalte der einzig gangbare Weg. ...
Mit der Umsetzung der neuen entwicklungspolitischen Konzepte zur Tourismusförderung institutionalisiert sich ein postkoloniales Verhältnis, das direkt an die kolonialen Ursprünge des modernen Umweltbewusstseins und der Naturparkpolitik anknüpft. Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika eingerichteten Wildreservate entstanden vielerorts auf Druck der Großwildjäger-Lobby, die ihre Wildressourcen umso mehr gefährdet sahen, je weniger weiße Flecken auf der Landkarte verblieben. Schützenhilfe bekamen sie in Südostafrika von Naturforschern, die gerade aufgrund des Raubbaus in den »Paradiesräumen« ein Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen entwickelten. Während die Kolonialherren der ortsansässigen Bevölkerung selbst in den Dürrejahren Ende des vorletzten Jahrhunderts verboten, für den Eigenbedarf zu jagen, dezimierten sie im südlichen Afrika ganze Wildherden. ...
Im Jahr 1900 führten die Deutschen in »Deutsch-Ostafrika« eine restriktive Schutzpolitik ein. Die ersten Wildtierreservate waren bereits 1896 errichtet worden Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden zwölf Reservate ausgewiesen. Die einzige erlaubte Aktivität in dem ersten tansanischen Wildreservat, dem Selous Game Reserve, war die Jagd. In den 1930er Jahren wurden hier fast 40.000 Menschen vertrieben und jenseits der Parkgrenze »angesiedelt«. ...
Das heutige Naturverständnis der Regierungen in den südostafrikanischen Ländern unterscheidet sich kaum vom Naturbegriff der frühen kolonialen Naturpolitik. Und auch die aktuellen Konflikte zwischen lokalen Bevölkerungen und den nationalen Regierungen rund um eine Reihe von Nationalparks zeigen historische Kontinuität. »Gegenwärtig sind Afrikaner ebenfalls nur am Rande der Parks zugelassen, und obgleich sie nicht mehr die romantische Tradition des Ursprünglichen verkörpern, entsprechen ihre Rollen als VerkäuferInnen von lokalem Handwerk dennoch weitgehend diesen Vorstellungen« (Luig, S. 141).
Obwohl die Ursachen für Naturzerstörung heute sehr vielfältig sind, wird in aktuellen Naturschutzdebatten vorwiegend die arme Landbevölkerung als Verursacher identifiziert - ob im Rahmen entwicklungspolitischer Nachhaltigkeitsdiskurse (ohne Armutsbekämpfung kein Ressourcenschutz) oder von den postkolonialen Regierungen, die sich im Dienste des globalen Ressourcenmanagements sehen. Dass der primär armen lokalen Bevölkerung indirekt die Schuld an der Zerstörung der Savannen gegeben wird, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ökologie-Debatte.

Die praktischen Ausformungen dieses kolonialistischen Naturschutzansatzes sind so absurd, dass sie sich kaum glaubwürdig beschreiben lassen. Gäbe es nicht Fotos und, zum Teil heimlich aufgenommene, Filme, wäre es schwer, die Wirklichkeiten zu beschreiben. Sie reichen von bewaffneten, paramilitärischen Rangern über von NABU-Frauen, die alte deutsche Polizeiuniformen für Öko-Uniformierte in Kirgistan auf "NABU" (statt "Polizei") umnähen (was dann Männer der Presse präsentieren) bis zu Jagdsafaris zur Finanzierung von Umweltprojekten der UN, des WWF oder anderen, bei denen sich dickbäuchige Deutsche von afrikanischen "boys" das Gewehr tragen lassen, um dann mit "Sieg Heil"-Ruf vor dem erschossenen Großwild posieren.

Grünhelme

Es ist in dieser Denke nur konsequent, den Umweltschutz auch als Legitimation für Eroberungen, internationale Macht oder sogar Kriege zu benutzen. Klaus Töpfer forderte als Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen eine UN-Eingreiftruppe gegen Umweltkatastrophen. "Wir brauchen mehr Vorsorge, also Grünhelme". Als Joschka Fischer Jahre später Bombenteppiche mit "Nie wieder Auschwitz" begründete, hatte er also nur das Thema gewechselt, nicht die Logik: Grüner Imperialismus. Der Werbeslogan lautet: Jetzt neu - sterben für Frieden, Menschenrechte und Umweltschutz. Fehlt nur noch die umwelt- und sozialverträgliche Variante der Kriegsführung ...

Zitate: Forderungen für eine hierarchie (Öko-)Welt

Aus: punkt.um 10/2001 (S. 22)
Nur im strukturell konservativen Naturschutz haben dezentrale, privatrechtliche Betriebsformen, wie sie in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Kultur längst üblich sind, bisher kaum Niederschlag gefunden.

P.M. 2000: Subcoma, Paranoia City in Zürich (S. 134)
Ein "gutes Leben" ist darum mit einer noch so perfekten Öko-Diktatur nicht zu erreichen, weil dise gerade die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten so sehr beschneiden müsste, dass wieder soziale Spannungen entstehen würden, die verschwenderische, ökologisch destruktive Konflikte auslösen würden. Wir brauchen eine soziale Abrüstung, keine zentralistische Gleichmacherei.

Rechts: Ausschnitt aus der Jungen Welt vom 24.7.2003

Aus Umweltbundesamt, 2002: "Umweltbewußtsein in Deutschland 2002" (Studie, Berlin, S. 98)
Umweltgesetze ... Während sich bei diesen (gemeint: die weniger Umweltengagierten) die Zahl derjenigen, die die Gesetze für ausreichend halten (40%) bzw. nicht für ausreichend halten (43%) annähernd die Waage halten, bewertet  die Mehrheit der Umweltaktiven (59%) die Gesetze für nicht ausreichend und nur 33% glauben, die bestehenden Gesetze würden genügen.

Aus "Die Umwelt muss in den Mittelpunkt" in der FR, 27.5.2005 (S. 7), die AutorInnen sind UmweltministerInnen in Spanien, Frankreich und Deutschland
Die Architektur der internationalen Umweltordnung muss an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden. ... die anspruchsvollen Aufgaben erfordern Autorität, gerade auch in institutioneller Hinsicht.

Aus dem Aufruf zum Tag der Erde 22.4.2003
Kernpunkte der ökologisch-sozialen Welt-Zivilisation:
 ... 5. alle Umwelt- und Arbeitschutzgesetze werden durch eine internationale Weltpolizei überwacht,
 6. ein internationaler Umweltstrafgerichtshof und ein Arbeits- und Sozialgerichtshof werden eingerichet ...
 9. neben Parlamenten, Regierungen und Gerichten werden Medien aus ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit von Großkonzernen befreit, zur objektiven Berichterstattung verpflichtet und zur vierten Gewalt erklärt ...
Vision: In nächster Zeit sind die Menschen bereit und fähig, ein irdisches politisches Regelungsssystem zu schaffen, das die natürlichen Lebensgrundlagen nachhaltig bewahrt, politische Betriebsunfälle der Völker korrigiert und weltweit Gerechtigkeit im ökonomischen Prozeß gewährleistet. Krieg wird als politisches Mittel der Vergangenheit angehören. Es bricht das Zeitalter der planetaren Demokratie an.

Presseinfo des Deutschen Naturschutzrings, veröffentlicht in Alligator 10/2004 (S. 14)
Warum zentral und schneller manchmal besser für die Umwelt ist
... Der Deutsche Naturschutzring, Dachverband der deutschen Natur- und Umweltschutzverbände, setzt sich dafür ein, dass der Naturschutz zusammen mit anderen Umweltbereichen einheitlich auf der Bundesebene in der so genannten konkurrierenden Gesetzgebung ohne Zugriffsrechte der Länder geregelt wird: Damit Deutschland "europataugliche" wird ...

Umweltschutz von oben (S. 28 f.)
Aus dem Memorandum "Wege zu einer Alternativen Weltwirtschaftsordnung (AWWO)", Positionen in Attac Deutschland (Dritter Entwurf, September 2004)
Dafür tritt Attac Deutschland in langer Sicht ein:
Die verstreuten internationalen Verantwortlichkeiten für Umweltfragen sollten in einer Weltumweltorganisation gebündelt werden. Sie muss mit einem starken Durchsetzungsmechanismus versehen werden, wie ihn beispielsweise die heutige WTO hat. ...
Analog zur Internationalen Atomenergiebehörde könnte eine "Internationale Behörde für Erneuerbare Energien" eingerichtet werden, um deren Verbreitung zu fördern.

Aus "Mehr Regeln" (siehe Abb. links), einem Interview mit Ernst-Ulrich von Weizsäcker (Ex-SPD-MdB und Chef des Wuppertal-Institutes) in: UFU58-Themen und Informationen (S. 30)
Wir brauchen drei Dinge. Erstens europäische Regeln. Zweitens globale Regeln. Und drittens einen weltweiten Resonanzboden seitens der Zivilgesellschaft für die politische Entwicklung und später Durchsetzung der Regeln. ... Die EU-Regelungsebene ist also zwar dringend nötig aber längst nicht so gut, wie sie sein sollte. ...
Jetzt heißt es an vielen Stellen, etwa in den anfangs genannten südamerikanischen Ländern: je mehr der Weltmarkt regiert, desto weniger ist die nationale Demokratie noch möglich. Heute reichen die drei Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative gar nicht mehr aus, um gegen den eigentlichen Machthaber, das Kapital, so etwas wie Gewaltenteilung zu konstruieren. Wir erleben drei schwache Gewalten gegen eine starke.

Aus Locke, John, "Zwei Abhandlungen über die Regierung" (I § 24), zitiert in: Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (1993), "Bürgerschaft und Herrschaft", Nomos in Baden-Baden (S. 141)
Durch diese Verleihung hat Gott ihm kein persölniches Beitzrecht über die niederen Lebewesen übertragen, sondern ein der gesamten Menschheit gemeinsames Recht.
Hinweis: Religionskritik hier ...

Prinz Philip, Ex-Präsident und heutiger Ehrenpräsident des WWF (im Film "Der Pakt mit dem Panda")
Nur so kann man den Bestand wilder Tiere sichern. Es muss ein Gleichgewicht zwischen den Arten herstellt werden. Das kann man nicht der Natur überlassen. Indem man die Raubtiere dezimiert, schützt man andere Tiere. Anders geht es nicht.

Aus dem Vorwort des Geschäftsführers im Solar-Förderverein, Wolf von Fabeck, in: Solarbrief 3/07 (S. 3)
Wir brauchen einen starken Staat ...
Es geht um eine Rückbesinnung auf die Ideale einer wehrhaften Demokratie: Sich informieren, sich einmischen, gute Politiker und gute Politik unterstützen. Wir alle sind gefordert! Der Staat ist keine Melk-Kuh, sondern ist die einzige Organisation, die unser Überleben garantieren kann.
Wir brauchen deshalb einen starken Staat, der sich gegen die Wirtschaft und ihre Zumutungen durchsetzen kann und für den Zukunftsvorsorge die oberste Priorität darstellt.

Vom gleichen Autor, in: Solarbrief 3/07 (S. 12)
Die Umweltorganisationen machen sich langsam lächerlich. Warum wenden sie sich nicht an die Politiker, deren Gesetze uns in den Klima-Schlamassel geführt haben und uns immer tiefer hineinziehen?
Ja, liebe Umweltorganisationen, nicht schöne Appelle, sondern gültige Gesetze bestimmen, was erlaubt und was verboten ist, was sich lohnt und was sich nicht lohnt! ...

Aus einem Interview mit Michael Bender, Leiter der Bundeskontaktstelle Wasser der Grünen Liga, in: Junge Welt, 4.1.2017 (S. 8)
Wir brauchen vor allem auch mehr Kontrollen. Aktuell wird jeder Betrieb statistisch nur alle hundert Jahre kontrolliert.

Kommentar: Völliger Blödsinn. Die jeweiligen Gesetze sind wiederum Reaktionen auf öffentlichen Druck - der war letztlich die entscheidende Komponente. Recht ist immer konservativ, nie innovativ. Es vollzieht verspätet nach, was in der gesellschaftlichen Debatte durchgesetzt oder zumindest stark wurde.

Aus "Indigener Naturschutz"
Gegenwärtige Naturschutzpraktiken verringern häufig die biologische Vielfalt, fördern zerstörerische Entwicklungsprojekte und führen immer wieder zu Menschen-rechtsverletzungen.

Pro Ordnungsrecht

Aus Marc Engelhardt/Markus Steigenberger (2008): " Klima-Countdown", Schmetterling Verlag in Stuttgart (S. 122)
Alle soziologischen Untersuchungen zeigen, dass soziale Normen akzeptiert werden, wenn sie allgemein eingehalten werden. Deshalb ist das Ordnungsrecht nicht der schlechteste Teil der Umweltgesetzgebung.

Weitere Beispiele

Der Traum von Institutionen voller Macht

Ökologischer Rat

Aus dem Text "Plädoyer für ein ökologisches Kultursystem" von Marko Ferst (Quelle: Ökologische Plattform der PDS)
Hätten die nachfolgenden Generationen die Chance, mit in den Parlamenten zu sitzen und die Geschicke zu lenken, wir würden uns wundern, welche durchgreifende Abspeckkur sie uns binnen kürzester Frist verordnen würden. Ernst Ullrich v. Weizsäcker, Jens Reich und Rudolf Bahro plädieren für einen ökologischen Rat, der politisch versucht, die Interessen aller zukünftigen Generationen zu wahren. Sie trauen dies den jetzigen Parteien nicht mehr zu. Wir müßten uns ein Ethik- und Ökoparlament als oberstes Staatsorgan, als rahmengebende Institution über dem Bundestag, leisten. Bisher lenkt der Verteilungskampf um Besitzstände die gesellschaftliche Perspektive. Die langfristigen Orientierungen gehen im Parteiengerangel unter. Dieses ökologische Oberhaus müßte sich durch eine demokratische Personenwahl konstituieren unter Ausschluß der Parteien und würde für etwa sieben Jahre gewählt. Die Abgeordneten haben mit Hilfe einer umfassenden schriftlichen Arbeit ihre ökologische Kompetenz auszuweisen.

Aus Ferst, Marko: "Plädoyer für eine ökologische Zeitenwende", in: Grüner Weg 31a, Sommer 2004 (S. 32 f., gesamter Text als .rtf)
Eingerichtet werden könnte ein Ökologisches Oberhaus, demokratisch gewählt, das die langfristigen politischen Perspektiven festlegt und dem Bundestag und dem Bundesrat gegenüber weisungsbefugt ist.1 Es soll das Mensch-Natur-Verhältnis überwachen und gegenüber den anarchischen Partialinteressen der Gesellschaft die Maße ökologischer Begrenzung durchsetzen. Es ist der institutionelle Ausdruck, dass die Ökonomie und die soziale Ausstattung ein Untersystem des Naturhaushalts ist und Marktgesetze sich nicht gegen Naturgesetze zum Schaden der zukünftigen Generationen durchsetzen dürfen. Ins Ökologische Oberhaus würden keine Parteien gewählt, sondern es sollte sich über eine Personenwahl konstituierten. Für die Bewerber/innen wird u.a. mit Hilfe einer eigenständigen Arbeit nachzuweisen sein, dass sie für das Amt qualifiziert sind. Eine Kommission entscheidet mit Beteiligung der Öffentlichkeit, ob der Kandidatur im Vorfeld der Wahl stattgegeben wird. Zum Beispiel könnte ein Umweltverband Einspruch erheben, wenn anhand von Fakten nachweisbar wäre, dass ein Industrielobbyist ins Parlament will und die vorgelegte Arbeit nur schöner Schein ist.

1 Die ursprüngliche Idee stammt von Rudolf Bahro, der sie in "Logik der Rettung" erstmals vorstellte.

UNO-Umweltbehörde
Umfassende Visionen eines starken Staates
Im Original: Autoritäre Naturschutzkonzepte ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einer Rezension des Buches "Ausweg Ökodiktatur?" in: md magazin 12/2011 (S. 44)
Bernhard Pötter hat ein Buch veröffentlicht, in dem er beschreiben will, "wie unsere Demokratie an der Umweltkrise scheitert". In diesem Buch, und das ist ziemlich neu, wird nicht die Forderung nach mehr Demokratie gestellt, sondern nach weniger Demokratie und mehr Bürokratie. Der Autor ist überraschenderweise Redakteur der linken Berliner Zeitung taz. Es geht ihm darum, die Bürger zu einem ökologischen Verhalten zu zwingen, zu dem sie selbst nicht bereit sind. Musterbeispiel für eine gelungene Maßnahme ist das Verbot der Glühbirne. Er fordert eine Art Ökodiktatur light und nennt das "Ökokratie". Direkter Demokratie gegenüber ist er eher abgeneigt. "Ohne eine gewisse Entfernung von der direkten Demokratie der Shoppingmeile wird die Ökokratie nicht bestehen können". Das Parlament habe gegen den Willen der Mehrheit den Bundeswehreinsatz in Afghanistan beschlossen. Auch der Euro sei eingeführt worden, ohne die Bevölkerung zu fragen. "Warum also soll über den Verbrauch von fossilen Energien basisdemokratisch abgestimmt werden?" Die Ökokratie sei schließlich "keine Schönwetterveranstaltung". Fachleute sollen die ökologischen Ziele definieren, daran hat sich der Bürger zu halten, ob er will oder nicht: "Die bürokratisch-wissenschaftlichen Vorgaben stehen nicht zur Debatte". Ähnlich der europäischen Zentralbank solle eine ökologische Zukunftsbank massiv in die nationale Politik eingreifen. Ihr Entscheidungsgremium werde zur Hälfte aus Politikern besetzt, die für satte zehn Jahre gewählt werden, und zur Hälfte aus Experten, die "von einer europäischen Wissenschaftsvereinigung benannt" werden, also überhaupt nicht demokratisch legitimiert wären. Der Glaube an die Neutralität der Wissenschaft, gemeint ist der Weltklimarat, ist allerdings ziemlich blauäugig. Dessen öffentliche Aufmerksamkeit, und damit Fördergelder, hängt von einer möglichst dramatischen Darstellung der Lage ab. Manche Wissenschaftler bestreiten die These, der Klimawandel sei überwiegend menschengemacht (www.eike-klima-energie.eu). Diese Kritiker fertigt der Autor als "bekennende Leugner des Klimawandels" ab. Doch auch, wenn man dem Klimarat glaubt, stellt sich immer noch die Frage, welches die besten Mittel zur Bekämpfung des Klimawandels sind. Auf dem Klimaschutzmarkt wird nicht in Milliarden, sondern in Billionen gerechnet. Die Bewilligung dieser Gelder einer demokratischen Debatte und Entscheidung zu entziehen, würde ein optimales Umfeld für Korruption und Lobbyismus schaffen.
Es ist gar nicht nötig, die Menschen zu umweltgerechtem Verhalten zu zwingen, statt auf Argumente zu vertrauen. Ökologische Themen sind schon jetzt zentral und spielen bei Wahlen und Volksentscheiden eine wichtige Rolle. Maßnahmen, die der Bevölkerung ungefragt aufgezwungen werden und mit einem tiefen Griff in den Geldbeutel verbunden sind, würden diese positive Einstellung zum Umweltschutz zum Kippen bringen.

Internationale Schutzgebiete - moderner Kolonialismus

Der folgende Text stammt von Martina Backes aus der Zeitschrift iz3w, April 2005 (S. 284 ff.)

Auf Safari gegen die Armut
(Post-) Koloniales Umweltbewusstsein in der ökotouristischen Naturparkpolitik
Große Teile Afrikas wurden im Namen der Weltgemeinschaft zu Naturschutzgebieten erklärt. Zu ihrer Finanzierung wird oft auf die Einnahmen aus dem Natur- und Ökotourismus gesetzt. Für die BewohnerInnen der betroffenen Regionen bleiben oft nur schlecht bezahlte Jobs, manchmal droht ihnen gar eine Umsiedlung. So installiert sich ein postkoloniales Regime, das direkt am kolonialen Naturschutzgedanken anschließt.
Die Organisation Refugee Intemotional meldete im November 2004, im südäthiopischen Nationalpark Nechasar seien 2.000 Familien gezwungen worden, ihr Land zu verlassen. Sie sollten der »Entwicklung« des Parks durch die African Parks Foundation, einer niederländischen Naturschutzstiftung, »Platz machen«. Betroffen sind rund zehntausend Menschen, die jeweils zur Hälfte von der Landwirtschaft und als Viehhirten lebten. Im April 2004 hatte Äthiopien einen Vertrag mit der African Parks Foundation unterzeichnet, in dem ihr die Konzession für das Management des Parks übertragen wurde. Das Interesse der Stiftung gilt insbesondere dem ökotouristischen Potenzial des bereits 1962 eingerichteten Naturparks. Schon in den vergangenen Jahren hatte die Stiftung Konzessionen für insgesamt vier Parks in Sambia, Malawi und Südafrika erhalten.
Das Beispiel Nechasar steht nicht allein für die Entwicklung, dass sozial schwache Gemeinden ihre Landrechte und Verfügungsrechte über die Naturressourcen gegenüber der eigenen Regierung und den finanzkräftigen, meist ausländischen Investoren kaum mehr durchsetzen können. Die Debatte über Natur- und Ökotourismus hat überall in Afrika in einem bislang nicht gekannten Ausmaß zu einem privatwirtschaftlichen Zugriff auf oftmals schon in der Kolonialzeit eingerichtete Naturreservate geführt. Hinter der Kommerzialisierung des Parkmanagements steht die Naturschutz-Lobby mit ihren ökotouristischen Konzepten. Aufgrund leerer Staatskassen in afrikanischen Ländern wird dieser Prozess von entwicklungspolitischer Seite noch forciert.
Gerade in Südafrika und Namibia nehmen die privaten und nicht staatlich gemanagten Wildtierfarmen zu. Die Vergabe von Konzessionen für direkte touristische und natur­schützerische Dienstleistungen an finanzkräftige Unternehmen sollen nun auch die staatlichen Naturparks modernisieren. So werden in den Nationalparks Südafrikas touristische Versorgungsdienstleistungen wie Unterkunft, Bau von Hotels, Restaurants, aber auch das Wildtiermanagement und die Instandhaltung der Parkgrenzen an private Betreiber vergeben. Die staatliche Behörde SANParks intensiviert seit geraumer Zeit die Konzessionierung ganzer Nationalparks oder deren In­frastruktur: derzeit sind zwölf kommerzielle Konzessionen auf 20 bis 35 Jahre vergeben.
Die Marakele Ltd. Management Compony ist in Südafrika beispielsweise für die Parkgrenzen, die Einführung von neuem Wildbestand und deren Rehabilitation zuständig. Über die Konditionen der Konzessionsvergabe wurden keine öffentlichen Debatten geführt (t.i.m. team 2004). Doch je mehr Bereiche von der kommunalen Ebene in private Hände übergeben werden, desto geringer wird die Entscheidungsmacht der lokalen Gemeinden über die Naturressourcen. Für die ausländischen Investoren ist hingegen ihre Konkurrenzfähigkeit am internationalen Markt entscheidend. So verteuerte die Vergabe von Konzessionen zur Bewirtschaftung der Parks die Übernachtungen, die nunmehr das Luxus­segment der klassischen Safaritouren bedienen, das sich viele südafrikanische Urlauber schlicht nicht leisten können.
Der Marakele Park, für den nun ausschließlich die Marakele Ltd. (in persona des Großunternehmers Paul Vlissingen) zuständig ist, besteht aus dem ursprünglichen Park in den Waterberg Mountain, dem Welgevon­den Private Game Reserve und dem privaten Marakele Contractual Park. Darüber hinaus kaufte Vlissingen Farmen für den doppelten Preis des Marktwertes, um das Land dann zu einem privaten Wildtierpark zu erklären. Der Großunternehmer äußerte sich der Presse gegenüber gutherzig: »Ich wollte Afrika etwas zurückgeben. Ich wollte etwas Gutes für die Erde und für die Bevölkerung tun.« Die Bevölkerung hatte schlicht nicht die finanziellen Mittel, das Farmland aufzukaufen. Nun liegen die Rechte an dem veräußerten Land ausschließlich beim Käufer. Ein Rückkauf seitens des Staates ist rechtlich nur möglich, wenn der überhöhte Preis plus Inflation gezahlt wird.

Wa(h)re Wildniskultur
> Diese jüngsten Entwicklungen stehen in Kontrast zu den Versprechungen der neuen Tourismuskonzepte, die regional und auf Gemeindeebene eine »Armutsbekämpfung durch Tourismus« zu realisieren geloben. Das von der Welttourismusorganisation (WTO) im Jahr 2004 lancierte Sustoinabie Tourism - Eii­mination of Poverty Programm (ST-EP) etwa greift damit die Kritik an der bisherigen Tou­rismusförderung auf. Tourismuskritische und entwicklungspolitische NG0s in Süd und Nord hatten immer wieder bemängelt, dass der behauptete trickle-down-Effekt des Tourismus zugunsten ärmerer Bevölkerungsschichten ausblieb. Das zu ändern, hat sich die WTO nun zu Herzen genommen. Die direkte Ein­bindung der Gemeinden in die touristische Entwicklung soll gerade auch der ärmeren Bevölkerung Einkommen garantieren.
Die soziale Blindheit, die viele AktivistInnen den Naturschutzverbänden und ihrem Fokus auf Ökotourismus vorhielten, scheint damit nun zum Hauptgegenstand der Debatte um Tourismusförderung zu werden. Doch während sich in der tourismuspolitischen Rhetorik das Konzept des community based tourism als sozioökonomisches Rezept gegen die Armut dem »Ökotourismus als Instrument zur Finanzierung von Naturschutz« beigesellt, nimmt zugleich die Kommerzialisierung der Naturressourcen neue Ausmaße an. Und die versprochene Teilnahme und -habe der Bevölkerung bleibt in der Praxis weitgehend Wunschtraum. Diese Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität ist jedoch nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Sie ist im wesentlichen das Ergebnis einer Legitimationskrise und doppelten Transformation des Naturschutzes.
Da ist zum einen der altbekannte Zwang zur Ökonomisierung der Ökologie: Nur wenn sich der Schutz der Natur langfristig auszahle, sei er realisierbar. Die Finanzierung von Naturschutz durch Tourismus, etwa des Schutzgebietsmanagements durch die Eintrittsgelder, erscheint aufgrund der maroden Staatshaushalte der einzig gangbare Weg. Die Regierungen der Entwicklungsländer, die im Rahmen der Konvention für die Biologische Vielfalt (CBD) als Souveräne der Biodiversität anerkannt wurden, wollen ihre reichhaltige Natur nicht länger als Gut ohne Marktwert einer unkontrollierten Ausbeutung überlassen und plädieren für eine öko­touristische Inwertsetzung. Die African Park Foundation sieht ihre Politik daher als Beitrag zur Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber der Biodiversitäts-Konvention.
Zum anderen steht hinter der neuen Naturparkpolitik eine veränderte gesellschaftliche Legitimation des Naturschutzes. Das klassische Naturschutzkonzept geriet seit den 1980er Jahren heftig in die Kritik. Zugleich wurden Armut und Bevölkerungswachstum als Hauptursache von Naturzerstörung definiert. Die Kritik an der Trennung von Natur und Kultur als kolonialistisches und am Naturschutz als ausgrenzen­des und somit herrschaftliches Konzept führte dazu, dass Biodiversität nun auch als gesellschaftliche Kategorie betrachtet wurde. Daraufhin etablierte sich im Jargon des internationalen Schutzgebietsmanagements der Begriff der »Pufferzone« - nun war die Rede von einer vorsichtigen Integration traditioneller Landnutzung in die Randgebiete der Naturreservate.
Die Nutzbarmachung indigenen Umweltwissens und traditioneller Bewirtschaftungsmethoden ist inzwischen Programm. Kein Masterplan der afrikanischen Behörden lässt die Vokabeln »community conservation« und »people-park-relation« missen. Auffallend oft setzen auch die entwicklungspolitischen Akteure auf diesen humanistisch-moralischen Toleranz-und-Dialog-Diskurs. In ihren aktuellen tourismuspolitischen Debatten sind die interkulturelle Verständigung mit und die nachhaltige Entwicklung der,Indigenen' sowie der Schutz und Erhalt der,Vielfalt der Kulturen' zentrale Denkfiguren.
In dieser aktuellen Debatte um sozialverantwortlichen Tourismus finden allerdings auch dubiose ethnopluralistische Vorstellungen ihren Platz. Nahezu ungebrochen verteidigen einige Fürsprecher der neuen touristischen Konzepte kulturelle Unterschiede als erhaltenswertes höheres Gut gegen eine diffus imperialistische Zerrüttung, gegen Verwestlichung oder schlicht gegen »Überfremdung«. Konservative Naturschutzorganisationen predigen - unterstützt von den einschlägigen UN-Organisationen - mehr denn je den Erhalt von »gewachsener, traditioneller« Kultur. Und auch tourismuskritische NG0s und die großen Entwicklungsagenturen haben in der »zu erhaltenden Kultur und schützenswerten Natur« ihre gemeinsame rhetorische Basis gefunden. Sie alle geraten damit ins Fahrwasser eines statischen, kulturalistischen Regionalismus, der zum einen die Dynamik sozialen und kulturellen Wandels ausblendet und zum anderen ,traditionelle' Gesellschaften idealisiert.

Großwildjäger als Naturschützer
Mit der Umsetzung der neuen entwicklungspolitischen Konzepte zur Tourismusförderung institutionalisiert sich ein postkoloniales Verhältnis, das direkt an die kolonialen Ursprünge des modernen Umweltbewusstseins und der Naturparkpolitik anknüpft. Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika eingerichteten Wildreservate entstanden vielerorts auf Druck der Großwildjäger-Lobby, die ihre Wildressourcen umso mehr gefährdet sahen, je weniger weiße Flecken auf der Landkarte verblieben. Schützenhilfe bekamen sie in Südostafrika von Naturforschern, die gerade aufgrund des Raubbaus in den »Paradiesräumen« ein Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen entwickelten.
Während die Kolonialherren der ortsansässigen Bevölkerung selbst in den Dürrejahren Ende des vorletzten Jahrhunderts verboten, für den Eigenbedarf zu jagen, dezimierten sie im südlichen Afrika ganze Wildherden. Der weltweit berühmte Jäger Frederik Selous erlegte allein 548 Tiere in drei Jahren. Jan Viljoen schoss bei einer einzigen Safari 210 Elefanten. Die Londoner Tageszeitung The Times stellte 1900 fest, dass in der Kapkolonie »das Großwild fast zur Gänze zu existieren aufgehört« habe. Josef Thomson berichtete nach einer Expedition an die zentral­afrikanischen Seen zwischen 1887 und 1880, dass zwischen der Küste und dem Lake Tanganjika kaum mehr ein Stoßzahn zu finden sei. Die boomende Klavierindustrie war Hauptabnehmerin des Elfenbeins.
Im Jahr 1900 führten die Deutschen in »Deutsch-Ostafrika« eine restriktive Schutzpolitik ein. Die ersten Wildtierreservate waren bereits 1896 errichtet worden Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden zwölf Reservate ausgewiesen. Die einzige erlaubte Aktivität in dem ersten tansanischen Wildreservat, dem Selous Game Reserve, war die Jagd. In den 1930er Jahren wurden hier fast 40.000 Menschen vertrieben und jenseits der Parkgrenze »angesiedelt«.
Die koloniale Wahrnehmung der »primitiven« und »unökonomisch« lebenden Viehhirten sowie brandrodender Ackerbauern führte damals dazu, dass Umweltschäden von den deutschen und britischen Kolonialherren im wesentlichen auf das Verhalten der Afrikaner und nicht auf die wesentlich umweltschädlichere kapitalistische Ökonomie der weißen Siedler - seien es Großwildjagd, Industrie, Bergbau, Plantagenwirtschaft oder der Bau von Eisenbahnstrecken - zurückgeführt wurde. Auch die von den Kolonialisten betriebene Schaff ung wildtierfreier Korridore, die gegen die Ausbreitung der Schlafkrankheit angelegt wurden und mit der Tötung Tausender von Wildtieren einherging, fiel aus dieser Wahrnehmung heraus.

Internationalisierung des Naturschutzes
In Südafrika war der praktische Naturschutz von Anbeginn mit der kolonialen Expansion verbunden. Naturschutzgesetze wurden insbesondere unter dem Britischen Empire von der einen Kolonie auf die andere übertragen. Was für Indien galt, schien auch für Südafrika passend, und was in Rhodesien ausprobiert wurde, exportierte man nach Botswana. Insofern kann schon während der Kolonialzeit von einer "Internationalisierung des Naturschutzes" gesprochen werden (Luig 1998).
Anhaltende Dürren hatten in Südafrika Mitte des 19. Jahrhunderts zur Gründung des ersten Waldschutzgebietes (Royal Forest Reserve) geführt. Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Xhosa spielten dabei eine entscheidende Rolle, ihnen wurde auf diese Weise der Zugang zu Grund und Boden verwehrt. »Der Gedanke des Ressourcenschutzes diente nach 1870 vor allem der Legitimation, die afrikanische Bevölkerung aus den Waldgebieten zu vertreiben und in Reservaten anzusiedeln. Auf diese Weise wurde der Naturschutz für eine policy of space ond place instrumentalisiert, die entscheidend dazu beitrug, die sozio-ökonomischen Differenzierungen der Kolonialgesellschaft, die auf der ungleichen Verteilung von Ressourcen aufbaute, weiter zu verfestigen.« (Luig 1998, S. 130).
Zur Vertreibung der afrikanischen Bevölkerung aus ihren Siedlungsgebieten wurden verschiedene Argumentationsfiguren bemüht: Ein herbeigeredeter wissenschaftlicher Begründungszusammenhang zwischen den Warnungen vor einem globalen Klimawandel und den unangemessenen Methoden der Landnutzung brandrodender Ackerbauern und primitiver Jäger legitimierte die koloniale Naturschutzpolitik. Rhodesien etwa erklärte Matopos, ein Gebiet südlich von Bulawayo, mit eben diesen Argumenten zum Nationalpark.
Auch hier bezog sich, wie in den meisten afrikanischen Naturreservaten, der »Schutz der Natur ( ... ) nicht auf eine gewachsene Wildnis, sondern auf die Erfindung einer Wildnis, die als solche erst kreiert werden mußte« (Luig 1998, S. 137). Die in Wirklichkeit seit über Vierjahrtausenden genutzte Kulturlandschaft wurde als Gegenwelt zu der rund um Bulawayo entstehenden Bergbau- und Industrielandschaft imaginiert und als Freizeitpark in die koloniale Landschaftsordnung integriert. Matopo verkörperte somit die europäische Vision des ursprünglichen Afrika.

Afrikaner als Naturinventar
Das heutige Naturverständnis der Regierungen in den südostafrikanischen Ländern unterscheidet sich kaum vom Naturbegriff derfrühen kolonialen Naturpolitik. Und auch die aktuellen Konflikte zwischen lokalen Bevölkerungen und den nationalen Regierungen rund um eine Reihe von Nationalparks zeigen historische Kontinuität. »Gegenwärtig sind Afrikaner ebenfalls nur am Rande der Parks zugelassen, und obgleich sie nicht mehr die romantische Tradition des Ursprünglichen verkörpern, entsprechen ihre Rollen als VerkäuferInnen von lokalem Handwerk dennoch weitgehend diesen Vorstellungen« (Luig, S. 141).
Obwohl die Ursachen für Naturzerstörung heute sehr vielfältig sind, wird in aktuellen Naturschutzdebatten vorwiegend die arme Landbevölkerung als Verursacher identifiziert - ob im Rahmen entwicklungspolitischer Nachhaltigkeitsdiskurse (ohne Armutsbekämpfung kein Ressourcenschutz) oder von den postkolonialen Regierungen, die sich im Dienste des globalen Ressourcenmanagements sehen. Dass der primär armen lokalen Bevölkerung indirekt die Schuld an der Zerstörung der Savannen gegeben wird, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ökologie-Debatte. Die ebenso häufig vertretene These von den indigenen Völkern als ,Hüter der Natur', die ihnen eine besondere Bedeutung bei der Wiederherstellung des »verloren gegangenen natürlichen Gleichgewichts« oder einervermeintlich urwüchsigen Wildnis zuspricht, steht hierzu nur scheinbar im Widerspruch. Wenn beispielweise die Absätze der UN-Biodiversitätskonvention zum Tourismus ein Bild von den Indigenen zeichnen, als gehörten sie zum natürlichen Ivnentar der zu schützenden Räume, wird die gesellschaftliche und kulturelle Dimension der von ihnen bewohnten Räume negiert. Das Bild des geschichtslosen, archaischen und naturzerstörenden Wilden und die in modernen westlichen Öko-Konzepten erfolgende Verklärung von Indigenen knüpfen an den Topos von den 'edlen Wilden' und den 'Barbaren' an.
Schon für die koloniale Machtpolitik wurde die Argumentationsfigur vom naturharmonisch lebenden Wilden und unwissenden, primitiven Barbaren genutzt. Beispiel Kenia: die dortigen Naturschutzgebiete waren zunächst als Wildschutzgebiete und Reservate für die Maasai gedacht. Diese »Einfriedung« der Maasai war das Resultat der kolonialen Vorstellung, dass sie als Viehhirten nicht jagen und damit zunächst keine Bedrohung für den Wildherdenschutz darstellen würden. Da sie den Handel mit Fleisch verweigerten und die Landwirtschaft ihnen fremd sei, wäre von ihnen keinerlei Beitrag für die koloniale Wirtschaft zu erwarten. Später wurde das gleiche Bild dazu benutzt, die Maasai wieder aus den Wildreservaten zu vertreiben. Die ausschließlich mit der Vermehrung ihrer Kühe beschäf­tigten Viehhirten würden mit den Wildtieren um die Ressourcen Wasser und Gras in Konkurrenz treten - fortan galten sie als Konkurrenten zum Jagdtourismus und als Umwelt­bedrohung. Von nun an sah das koloniale Programm die Überführung zu einer sesshaften Lebensweise vor (vgl. Collett 1987).
Damals wie heute werden die Bewohner aus der Naturparkpolitik weitgehend ausgeschlossen und die Kontrolle der lokalen Ressourcen von lokalen auf globale Akteure verschoben. Die US-amerikanische staatliche Hilfsorganisation USAID unterstützt ökotouristische Projekte mit der Begründung, sie seien eine »nachhaltige« Alternative zum jagen, Holzfällen und zur Landwirtschaft. So könne »lokale Unterstützung für die Einrichtung von Naturparks gewonnen werden«. Ein Nutzen für die AnwohnerInnen wird geschaffen, weil so »potenzieller Widerstand gegen den Schutz von Wäldern und Fischgebieten abgemildert werden kann«. Es ist offensichtlich: »Die menschenfreundlich gehaltene Rhetorik, mit der das Thema der 'lokalen Gemeinschaften' und 'Völker' behandelt wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die örtlichen Bewohner( ... ) als ein Problem gesehen werden.« (Butcher, 2003)
Das stößt bei den Betroffenen verständ­licherweise auf Protest: Im November 2004 beklagten Vertreter indigener Gruppen auf dem IUCN Worid Conservation Congress in Bangkok, die »Big Three« der unter den im Tourismus engagierten Naturschutzorgani­sationen (World Wildlife Fund / WWF, Conservation International / CI und The Nature Conservancey /TNC) würden AnwohnerInnen systematisch aus Entscheidungsprozessen ausgrenzen. »Ihre Rhetorik mag sich geändert haben, aber nicht ihre Praxis«, meinte ein Aktivist (The Nation, 25.11.2004). Während sie den BewohnerInnen der lokalen Gemeinden Waldzerstörung vorwerfen, »halten CI und WWF einfach ihren Mund, wenn Re­gierungen Konzessionen zum Holzeinschlag oder Minenabbau gewähren« (ebd.). Zumindest ist den Naturschutzorganisationen vorzuhalten, dass sie sich mit der Diskrepanz zwischen ihren eigenen sozialen Ansprüchen an den Naturschutz (Partizipation, Armutsbekämpfung u.a.) und der Realität kaum auseinandersetzen. Statt dessen wird der Naturschutz unter die Konkurrenzperspektive neoliberaler Globalisierung gepackt. Gerade auch die Interessenkonflikte vor Ort unter den lokalen Akteuren, die ebenfalls sehr vielfältig sind, geraten in den Strudel ökonomischer Zwänge und vorgedachter Lösungskonzepte, die kaum Gestaltungsspielräume lassen. Die Befürworter des Ökotourismus haben sich bislang kaum mit dem Zusammenhang zwischen der neoliberalen Restrukturierung der Natur (durch Inwertsetzung und Privatisierung) und der Umgestaltung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse vor Ort auseinandergesetzt.

Pufferzone gegen Migration
DieAusweisungimmerneuer»Wildnisgebiete« erschließt der höchst mobilen Touristikbranche neue Zielefür Erlebnis- und Abenteuerreisen. Doch während zahlungskräftige westliche Touristen sich besser denn je in den vormals infrastrukturell oft wenig erschlossen Gebieten bewegen können, wird die regionale Mobilität gezielt behindert. Denn die Einrichtung der Parks geht nicht selten mit der Ausweitung staatlicher Migrationskontrolle einher. So verspricht sich beispielsweise Südafrika durch die Erweiterung des Limpopo-Trans-Frontier-Nationalparks an der Grenze zu Mosambik und Zimbabwe von derzeit 35.000 auf 100.000 kM 2 laut Angaben der Peoce Parks Foundation eine bessere Kontrolle der Arbeitsmigration aus Mosambik.
Ein anderes Beispiel: Die elektrischen Grenzzäune des 1892 eingerichteten Krüger National Park sollten die Wanderung von Großwild ins bürgerkriegsgeplagte Mosambik und damit die Gefahr von Wilderei verhindern. Defacto dienten die Grenzzäune immer auch der Kontrolle der mosambikanischen Guerilla. jetzt werden die Zäune nicht wie angekündigt abgebaut, sondern lediglich in Richtung Mosambik verschoben, bis hinter das angrenzende, aufgrund von Landminen nur dünn besiedelte Gebiet Coutada. Das daraus hervorgehende geplante Großschutzgebiet Gaza-Krüger-Gonarezhou dient laut Survivat International auch der Kontrolle der Migration von MosambikanerInnen in Richtung Südafrika. Sie sind meist auf der Suche nach bezahlter Arbeit. Zwar beinhaltet das Projekt auch den Plan einer touristischen Entwicklung des Parks mit der Hoff nung auf lokale Arbeitsplätze. Für die 12.000 in Coutada lebenden Menschen ist dies aber keine Alternative. In aller Regel bieten die wenigen und oft schlecht bezahlten Jobs als Koch und Touristenguide keine ausreichende Perspektive.

Anmerkung
1 Erste strenge Gesetze zum Schutz der Natur wurden von der englischen und französischen Kolonialregierung auf Mauritius und St. Helena erlassen. Diese auf dem Seeweg nach Indien gelegenen Inseln waren der großen Nachfrage nach Holz und Wasser nicht gewachsen - nach­lassende Bodenfruchtbarkeit, Entwaldung und ein erstes Artensterben gelten als die ersten Umweltschäden im Paradies' und als Meilenstein der Entwicklung eines modernen Umweltbe­wusstseins (Radkau 2000).

Literatur
Anderson, David/Grove, Richard (Hg.): Conser­vation in Africa. People, Politics and Practice. New York 1987
Butcher, ]im: The Moralisation of Tourism. Lon­don 2004
Collett, David: Pastoralists and wildlite: image and reality in Kenya Maasailand. In: Anderson/Grove (Elg.) ebd.
Hulme, David/Murphree, Marshall: African Wildlife and Livelihoods. University of Zimbabwe 2001
Luig, Ute: Naturschutz im Widerstreit der Interessen im südlichen Afrika. Bielefeld 1998
Radkau, Joachim: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. München 2000
t.i.m. team news, Bangkok 2004
http://www.afroi.com/articies/1 5102
http://www.africanparks-conservation.com/
http://www.refintl.org/content/article/detail/ 47241

Martina Backes ist Mitarbeiterin bei FernWeh - Forum Tourismus & Kritik im iz3w.

Anarchisten für internationale Gebietsaufkäufe (Öko-Imperialismus)
Aus "Utopie - ein Vorschlag" der Utopie-AG/Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (1995, S. 15 f.)
Der Ökorat kann auch aus Naturschutzsicht wertvolle Gebiete in anderen Regionen erwerben, wenn er den Eindruck hat, daß diese dort nicht ausrechend geschützt werden (vergleichbar mit der Initiative von Naturschutzgruppen, die heute Teile des Regenwaldes erwerben, um diesen zu schützen).

Schutzgebiete als Vorratssicherung für Bauprojekte

Aus: Nord West Zeitung / Oldenburg (Olbg.), 7.06.2001
Schutzgebiet soll Bau möglich machen
A 26: Bezirksregierung sucht Planungssicherheit im EU-Recht
dpa Lüneburg. Mit der Ausweisung eines EU-Vogelschutzgebietes will die Lüneburger Bezirksregierung den Weg für eine Trasse der Autobahn A 26 ebnen. Die Trasse zwischen Stade und der A 7 wird möglicherweise durch das Rübker Moor nordöstlich von Buxtehude (Kreis Stade) führen. Dort brütet der seltene Wachtelkönig.
Es gehe darum, sich für die Trassenplanung ein möglichst rechtssicheres Gebiet zu schaffen, sagte Regierungspräsidentin Ulrike Wolff-Gebhardt gestern in Lüneburg. Das sei nur möglich, wenn das 1300 Hektar große Feuchtgebiet zum Vogelschutzgebiet nach EU-Recht erklärt werde. Dann könnten nach einer Verträglichkeitsprüfung Ausnahmen in Anspruch genommen werden. Gelte das Gebiet künftig als "faktisches Vogelschutzgebiet", so gäbe es keine rechtliche Möglichkeit, auch nur einen Teil der Trasse hindurch zu führen.

Paramilitärische Ökoeinheites des NABU in Kirgisien


Peinlich: Öko-Ranger jetzt in deutschen Ex-Polizeiuniformen - statt POLIZEI steht NABU drauf (aus: Gießener Zeitung, 7.11.2008)

Ökoimperialismus:
  Unter dem Deckmantel der Ökologie internationale Vormacht aus- und aufbauen ...

Dirk Maxeiner und Michael Miersch, 1998
Doch ohne die Devisen der Feriengäste wäre Amboseli eine Agrarregion, in der Rinderherden grasen und Maisäcker gedeihen: Kein Platz fuer wilde Tiere...Mit Grzimeks Trick, konnte die Serengeti weiterleben. ...
Wer Feuer entfacht, kann Waelder in Steppen verwandeln. Und genau dies haben Naturvoelker, und später die Hirtenkulturen in grossem Massstab getan... Bis heute besitzt Brandrodung (etwa in den Regenwaldregionen Suedamerikas und Suedostasiens) mehr Zerstoerungskraft als mancher Umweltfrevel der technischen Zivilisation.

Paul Alan Cox und Thomas Elmqvist, in Ambio 1997
Alejandro Argumedo, ein Quechua-Indio aus Peru wies darauf hin, dass bis zum 19. Jahrhundert die meisten unverdorbenen Gebiete von indigenen Voelkern kontrolliert wurden. Als Ergebnis davon enthalten weiterhin die von Ureinwohnern kontrollierten Gebiete mehr gefährdete Tier- und Pflanzenarten als alle Naturreservate der Welt zusammen.

Robin Hanbury-Tenison, Präsident von Survival International, 1994
Vertrieben vom Land ihrer Vorfahren, um für Touristen Platz zu schaffen, wurden die Massai geschlagen und ins Gefängnis gesteckt, wenn sie ihren Herden erlaubten, zurückzukehren.

So wirbt die TUI in ihrem Reisekatalog „Faszination Ferne“, November 98, um neue und alte Kunden
Schnee auf dem Kilimanjaro. Flirrende Hitze in der Serengeti. Auf einer Expedition ins Tierreich pirschen wir wie einst Professor Grzimek auf den Spuren der Big Five: Elefant, Nashorn, Leopard, Büffel und Löwe. Afrikas berühmtester Nationalpark ist einfach ein tierisches Abenteuer.

Aus Norbert Suchanek, 2000: Ausgebucht – Zivilisationsflucht Tourismus
Begonnen hatten die Vertreibungen der Massai - Professor Grizmek lässt grüssen - mit der Errichtung des Serengeti-Schutzgebiets Ende der 50er Jahre. Damals war Tansania noch eine britische Kolonie. Dass die ostafrikanische Savanne auch angestammter Lebensraum der Massai ist, respektierten weder Kolonialverwaltung noch Tierschützer. Die in der Serengeti beheimateten Massai wurden kurzerhand in das erheblich kleinere Gebiet des Ngorongoro-Kraters umgesiedelt. Als immer mehr tierliebende Urlauber ins Land kamen, waren sie 1974 aber auch im Ngorongoro-Krater nicht mehr touristisch erwünscht. 250 Massai wurden mit ihren 1.800 Rindern vom tansanischen Militär aus dem Krater vertrieben. Diese angebliche Tierschutzpolitik, die auf die Vertreibung der Ureinwohner aus den „Tierparadiesen“ abzielte, wurde in den Folgejahren ebenso in anderen Regionen Afrikas konsequent weitergeführt. ...
Die thailändische Regierung plant - mit Hilfe japanischer Kredite in Höhe von umgerechnet 2,3 Millionen Mark - ein neues Reservat im bislang nur schwer zugänglichen Regenwald von Wat Chan, wo die Ureinwohner seit Generation leben. Während innerhalb des Schutzgebiets eine „Öko-Lodge“ fuer die internationalen Natururlauber vorgesehen ist, wollen die staatlichen Planer die Karen ausserhalb des Waldreservats in für Touristen bequem erreichbare „Cultural Villages“ umsiedeln. „Menschen können nicht im Wald leben, weil menschliche Lebewesen keine Tiere sind. Anders als wir können sich Tiere an die Wildnis oder an irgendeine Umwelt natürlich anpassen“, begründet der Forstdirektor die geplante Umsiedlungsaktion. ...
Der vielleicht schlimmste Fall der letzten Jahre wurde in Thailand aufgedeckt: „21 Kinder und 12 erwachsene Frauen aus dem Volk der Padaung sind in Burma gekidnappt und in einem Menschenzoo nahe Chiang Mai im Norden Thailands gefangen gehalten worden, wo sie während 18 Monaten den Touristen als Fotoattraktion vorgeführt wurden“, berichtete 1998 der in Basel ansässige Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung.

Der Massai Kanderi ole Toroge in In Focus, Tourism Concern 1997
Touristen zahlen 25 Pfund Eintritt, um in den Park zu kommen, und doch so gut wie nichts von dem Geld kommt zu uns. Wie kann dies richtig sein?

Aus Norbert Suchanek, 2000: Ausgebucht – Zivilisationsflucht Tourismus
Ureinwohner raus - Touristen rein
Das Prinzip „Ureinwohner raus - Touristen rein“ galt und gilt fuer viele sogenannte Schutzgebiete in den Entwicklungsländern des Südens. Und erst recht gilt dies fuer ein menschenverachtendes Regime wie in Myanmar, dem ehemaligen Birma oder Burma. Recherchen der britischen Zeitung The Observer zufolge flohen Mitte der 90er Jahre 30.000 Karen aus ihren burmesischen Gebieten in die Wälder des benachbarten Thailands. Ursache dieser Massenflucht seien, so der Observer 1997, brutalste Aktionen von Burmas Militär gewesen. „Dörfer wurden zerstört, viele Ureinwohner versklavt, vergewaltigt oder getötet, nur um Platz für das in der Welt grösste Naturreservat seiner Art zu schaffen.“ Die Rede ist vom geplanten Myinmoletkat Nature Reserve. In diesem von den Karen besiedelten Gebiet haben noch Tiger, asiatische Elefanten und Sumatra-Nashörner überlebt, weshalb die in New York ansässige Wildlife Conservation Society und die Smithsonian Institution in Washington das Projekt der burmesischen Junta unterstützen. Nach Meinung des Observer wolle die Militaerregierung mit dem geplanten Schutzgebiet zum einen Tausende von Naturtouristen anlocken. Zum anderen solle das Tierschutzengagement dem blutigen Regime ein grünes Deckmäntelchen verschaffen. Als der Bericht des Observers in der Weltpresse praktisch keinen Widerhall fand, brachte Sue Wheat von Tourism Concern die Doppelmoral unserer Freizeitgesellschaft auf den Punkt: „Wenn das burmesische Militaer 2.000 Gorillas oder Tiger geschlachtet hätte, um Platz fuer eine Stadt zu machen, der Aufschrei der internationalen Öffentlichkeit wäre erheblich stärker gewesen.

Anne Nuorgam, Mitglied des Sami Council von Finnland
(Tourismus-)Unternehmen haben Sami-Attraktionen am Polarkreis errichtet, aber in Wirklichkeit sind es meist Schauspieler, die einen Sami darstellen. Die Unternehmen beschaeftigen junge finnische Studenten, die sich dann Sami-Kleidung anziehen und irgendetwas vorfuehren, von dem sie glauben, es sehe wie Sami-Kultur aus. Dies geschieht in einem sehr grossen Umfang.

Deborah McLaren, Direktorin des Rethinking Tourism Project
Tourismus sucht sich zunehmend die Heimat Indigener Völker und ihre Kulturen als Zielgebiete für touristische Entwicklung aus.

Aus dem Buch "Das Mephisto Prinzip" von D. Maxeiner und M. Miersch
Wenn die Wildnisgebiete dieser Welt von Profis der Reisebranche oder besser noch der Unterhaltungsbranche vermarktet würden, müßte sich niemand mehr über bedrohte Arten sorgen machen.  Man stelle sich vor, die Walt Disney Corporation würde die Virunga-Vulkane samt Gorillas vom Staat Ruanda pachten. Die Tiere wären sicher wie in Abrahams Schoß, die Menschen hätten jobs und ein warmer Dollarregen würde über dem Regenwald niedergehen.

Aus: Georg Simonis: Der Erdgipfel von Rio - Versuch einer kritischen Bewertung, in Peripherie 51/52 (1993)
Das Ziel der nachhaltigen oder dauerhaften Entwicklung (sustainable development) ersetzt problemlos das Ziel der nachholenden Entwicklung, da es zur Rechtfertigung einer Entwicklungspolitik dienen kann, die auf die Krise der Peripherie reagiert und gleichzeitig die Interessen des Zentrums zu berücksichtigen erlaubt. Das Prinzip der Dauerhaftigkeit setzt Überlegen voraus ..., worunter nicht alleine das Überleben der Ärmsten zu verstehen ist, sondern auch die Sicherung der Stabilität westlicher Produktions- und Konsummuster unter sich wandelnden ökologischen und ökonomischen Bedingungen subsumiert werden kann.

Im Original: Naturschutz per Militäreinsatz ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Weltverband der Naturschutzverbände will Naturschutz durch Kriege verwirklichen
Aus Schattenblick, 6.10.2008
Vertreter der Weltnaturschutzunion suchen Gespräch mit den Militärs, weil sie hoffen, sie könnten deren Schlagkraft für eigene Interessen einspannen; umgekehrt lassen Militärs die Chance, sich ein grünes Feigenblatt zu verschaffen, nicht ungenutzt verstreichen.
Innerhalb der breiten gesellschaftlichen Umweltbewegung gibt es eine Fraktion, die der Ansicht ist, dass sich grüne Farben gut vermischen lassen und dass das Tarngrün der Militärs zu dem Grün ihrer Richtung passt. Auch wenn diese Fraktion auf den ersten Blick eine große Bandbreite an Meinungen vertritt - angefangen von der Bereitschaft zur Zusammenarbeit, damit sich die Militärapparate umweltfreundlicher verhalten, bis zu Angeboten wie, dass Soldaten zur Sicherung von wertvollen Naturressourcen eingespannt werden oder gegen Umweltfrevler vorgehen könnten - überwiegt letztgenannte Ausrichtung. Kritik am Militär wird dabei weitgehend ausgespart. ...
Frits Hesselink, Vorsitzender der niederländischen Beratungsfirma HECT Consultancy und Mitglied der IUCN-Kommission für Ausbildung und Kommunikation (CEC). Er möchte auf dem Workshop ein Gespräch jenseits von "Kampfgebiet-Auswirkungen" führen und sowohl Umweltimplikationen des Militärs als auch militärische Implikationen für Umweltkrisen erkunden. Seiner Meinung nach könnte das Militär analog zu Friedensmissionen auch darin unterwiesen werden, Wälder zu schützen und sich um die Wasser- und Nahrungsversorgung zu kümmern. "Zur gleichen Zeit haben wir offene Ohren für Umweltpersonen, die das Militär als Gefahr anstatt als Verbündeten betrachten, und doch ist das Militär die einzige Organisation, das die logistische Kapazität besitzt zu helfen", behauptet Hesselink [2].
Man wolle jedoch über den lediglich primären Umweltschutz des Militärs - eigene Umweltverschmutzungen beseitigen oder Manöver verschieben, "damit Vögel brüten können" - hinausblicken.
Geradezu naiv mutet es an, wenn Wouter Veening, Präsident des Institute for Environmental Security (IES) und stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik (CEESP) bei der IUCN, das Szenario entwirft, dass die Flüsse im Himalaya mangels Schmelzwässer austrocknen und dann Menschen abwandern und mit Wasser versorgt werden müssen und dass niemand anderes als das Militär über die Kapazität (Hubschrauber, Schiffe, Lastwagen) und die Erfahrungen in großmaßstäblichen Operationen verfügt, um die Betroffenen zu versorgen.


Eine Reportage über eine fragwürdige Mission von Jack Hitt, 45, Reporter und Buchautor, schreibt für verschiedene US-amerikanische Magazine, u.a.New York Times (aus dem Amerikanischen: Petra Groll)
Die Ökosöldner

Eine neue Generation von Umweltschützern wie die Aktivisten der US-amerikanischen Organisation „WildAid“ begnügt sich nicht mehr mit PR-Maßnahmen. Sie setzt bewaffnete Truppen ein. Zum Beispiel in Kambodscha.
Weit über einen Kilometer tief stürzt der Felsen in die flauschige Decke des Regenwalds und in den Golf von Thailand darunter. Unsichtbare Fischerboote ziehen schaumgekrönte Kurven auf die spiegelnde Oberfläche. Das Ruinenfeld von Bokor, der ehemaligen Ferienresidenz der französischen Kolonialmacht im südlichen Kambodscha, krönt der einst Atem raubende Patio eines Hotels und Casinos aus den Zwanzigerjahren. Verkohlt heute, von Einschüssen durchsiebt, angefüllt mit geplatzten Sandsäcken - verlassene Maschinengewehrnester der Roten Khmer. Während des brüchigen Friedens, den Kambodscha seit einigen Jahren erlebt, konnte der Dschungel den Ort zurückerobern. „Schauen Sie dort rüber“, sagt Mark Bowman, verantwortlich für die Ausbildung der zehn bewaffneten kambodschanischen Parkranger, die hinter mir stehen. Ihre AK-47-Gewehre baumeln lässig von der Schulter, sie rauchen und unterhalten sich auf Khmer. Bowman deutet auf einen Faden weißen Rauchs über dem Wald unter uns: „Das sind die Wilderer.“
Wo es kaum Hilfe für die Bevölkerung gibt, versucht eine neue Generation von Umweltschützern, der Natur zu helfen und bedrohte Arten des südostasiatischen Raums vor dem Aussterben zu bewahren. Mit bewaffneten Truppen. Mark Bowman, 1,90 Meter groß, australischer Infanterist in Tigerstreifencamouflage und dem passenden Schlapphut, ist ein umtriebiger Mensch. Abgebrüht durch unzählige Missionen und ausgestattet mit einem Repertoire harten Humors, Sex mit Affen, Tod im Minenfeld und dergleichen.  Ein Gefahrensucher, UN-Blauhelm 1992 und Soldat im Minenräumprogramm am Flughafen von Phnom Penh, Sicherheitschef von Hollywoodstar Matt Dillons Filmprojekt „City of Ghosts“ in Kambodscha, das im Frühjahr in die Kinos kommt. Als ich ihn beiläufig als Söldner anspreche, grinst Bowman kurz. Ganz kurz. „Ich bin taktischer Berater“, sagt er, „ich bilde Parkranger aus: Verhaftungsmethoden, Hinterhalttechnik, Nachtpatrouillen.“
Wieder scannt er die Wipfel und macht bald sieben Feuer aus. „Diese beiden da sind etwas größer als die anderen“, sagt er, „das sind wahrscheinlich Sägemühlen.“ Typisch für Holzdiebe, erklärt er, die sägten die Beute meist direkt im Camp und bauten schlammige Pisten, auf denen das Holz dann schnellstens fortgeschleift werden kann. „Hätte ich jetzt die richtige Funkausrüstung, dann wäre eine Einheit der Ranger in Nullkommanichts vor Ort.“ Bowmans Bemerkung ist eher an Peter Knights gerichtet, den 38-jährigen Briten, der diesen Einsatz - die Ausbildung einer Chaostruppe (nicht wenige sind ehemalige Infanteristen der Roten Khmer) zu einer effektiven Wildschutzeinheit - als Herzensangelegenheit betrachtet. Knights ist einer der vier locker Verbündeten, die sich „WildAid“ nennen: zwei erfahrene Umweltschützer, der frühere Referent für Gegenspionage an der George-Washington-Universität und eine wohlhabende Erbin. Drei Männer und eine Blondine, der Eingreiftrupp des Dschungels.
Vorbei die Zeiten, meint Knights, als es ausreichte, einen ökologischen Skandal publik zu machen und die Reaktion der Regierung abzuwarten: wie bei der Weltklimakonvention oder beim Walfangverbot. Mit Gesetzen und Verträgen allein komme man gegen die globalisierende Wirtschaft nicht an. Deshalb bilden Knights und seine Kollegen bewaffnete Truppen aus, die Naturschutzgesetze rund um den Globus durchsetzen sollen. WildAid kontaktiert die einzelnen Regierungen mit dem Angebot, Rangern aus dem öffentlichen Dienst - wie den Männern in Bowmans Trupp - eine Sonderprämie zu zahlen und sie in westlichen Methoden effektiver Verbrechensbekämpfung zu trainieren.
In Russland haben WildAid-Ranger geholfen, den von Jägern bedrohten Sibirischen Tiger vor dem Aussterben zu schützen. In Thailand und Kambodscha verteidigen sie die meistgejagten Dschungelbewohner: Elefanten, Tiger, Schildkröten, Affen und Schlangen. Auf den Galapagosinseln hilft WildAid, den Vertriebsweg für Haifischflossen zu unterbrechen. Die Nachfrage ist dramatisch gestiegen, seit Haifischflossensuppe das Symbol für Luxus geworden ist, den sich Chinesen der aufstrebenden Mittelklasse gern gönnen.  Im vorigen Mai drückte die US-Regierung mit einer Spende über achtzigtausend Dollar erstmals ihre Anerkennung für die Arbeit von WildAid aus.
„Wir wissen, wo es langgeht hier draußen“, sagt Knights, als wir vor dem alten Kasino stehen. „Wir brauchen keine weiteren Untersuchungen und Berichte.“ Mit seinem strubbeligen Haar erinnert Knights an den jungen Sting und war vor gar nicht langer Zeit tatsächlich Bassist der „Idle Hands“, einer Popband wie den Talking Heads. Als er sich dem Umweltschutz widmete, stieß er auf Gleichgesinnte, die Mitbegründer von WildAid: den Briten Steve Trent und die beiden US-AmerikanerInnen Steve Galster und Suwanna Gauntlett.  Bereits 1990 gehörte Galster zu jenen Umweltschützern, die sich mit dem Schmuggel von Rhinozeroshörnern beschäftigten. Anstatt aber einen Bericht zu verfassen, versteckte er eine Kamera in seinem Rucksack und mischte sich unter die Schwarzhändler. Mit Erfolg. Er konnte den Plan der chinesischen Mafia aufdecken, Nashornelfenbein zu horten - das ohnehin für dreißigtausend US-Dollar das Kilo gehandelt wird - und dann den Preis mit einem ultimativen Trick noch weiter in die Höhe zu drehen: Nashörner bis zum Aussterben zu jagen.
Die Arbeit im Dschungel stellt nur eine von vielen Möglichkeiten dar, den illegalen Welthandel mit Naturgütern zu stoppen. Knights und seine Freunde haben Kommandos von Detektiven in Bangkok und Phnom Penh ausgebildet, die die Aktivitäten illegaler Mittelsmänner auf Video aufzeichnen und sie später verhaften und anklagen. Andere Programme sollen die Verteilungsketten unterbrechen. In den Dörfern am Rande des Dschungels überzeugen WildAid-Berater Wilderer von einer sinnvolleren Karriere in der Landwirtschaft. Natürlich wird auch Insiderwissen über die illegalen Strukturen gut bezahlt. Und man versucht per Aufklärung die Nachfrage in Asien zu drücken: mit Megaprominenten wie Hollywoodstar Jackie Chan, der sich in einem TV-Spot gegen die pseudomedizinische Nutzung bedrohter Arten ausspricht.
Mag er seine Agententricks auf der Straße erworben haben, Peter Knights Ausbildung ist konservativ. Er kommt von der London School of Economics und denkt wie alle freien Manager. „Wir finden jede Schwachstelle im Handelskreislauf heraus und greifen sie an“, sagt Knights.
Als in Bokor die Nacht anbricht, kehren wir zurück zum Außenposten von WildAid. Wie überall im ländlichen Kambodscha, wo in buchstäblich jeder Hütte ein Liter Benzin die einzige Glühbirne und einen Fernsehapparat antreibt, röhrt draußen ein Minigenerator, der für die Beleuchtung unserer Kochstelle sorgt. Die Ranger reinigen ihre Waffen. Bowman erzählt, dass die Wilderer nicht selten der Militärpolizei angehören. Oder es sind Eingeborene, die Aloe sammeln, ein Holz, dessen Duft Parfum- und Weihrauchhersteller sehr schätzen. Oder sie suchen Gelben Wein, den Wirkstoff einer Bleichcreme, die manche Asiaten benutzen, um ihre Haut aufzuhellen. Derlei Ernten wären an sich nicht so schlimm, würden die Wilderer nicht kurzerhand den ganzen Baum fällen, um an die Weinranken an seiner Spitze zu gelangen. Und würden sie nicht jedes beliebige Tier schießen, das ihnen vor die Flinte läuft.
Einige Wilderer besitzen Kettensägen. Der Neupreis liegt bei achthundert Dollar, ein Vermögen in Kambodscha, wo der Monatslohn sich um die zwölf Dollar bewegt. Entsprechend bemerkenswert ist die Beute, wenn ein Wilderer mit Kettensäge gestellt wird. Andererseits arbeiten diese Wilderer häufig für den organisierten Schwarzmarkt und sind bewaffnet. Alle Ranger in unserem WildAid-Trupp haben bewaffnete Auseinandersetzungen hinter sich. Nur wenige Monate vor meiner Ankunft wurde eine Patrouille von einer Granate gestoppt, die plötzlich aus dem Gebüsch segelte. Sieben der Ranger trugen Splitterverletzungen davon.
Spät in der Nacht erläutert Bowman den Plan für den kommenden Tag: Wir werden ans Nordende des Bokornationalparks vorstoßen, wo WildAid-Informanten einen starken Anstieg der Plünderungen ausgemacht haben. Bald lechzt der Generator nach den letzten Tropfen Sprit. Die Geräusche des Dschungels dringen durch die Fenster des Kasinos, als wir unsere Nachtlager aufsuchen.  Stirnrunzelnd fragt Bowman, ob ich weiterhin vorhabe, mein rotes Jagdhemd zu tragen. „Ziehen Sie dies an“, knurrt er und wirft mir ein schwarzes Hemd zu.  „So machen sie sich ja zum Ziel für jeden Anfänger.“
Zehn kambodschanische Ranger quetschen sich am folgenden Morgen in den Minipickup. Bowman, Knights und ich folgen in einem weiteren Fahrzeug. Vor uns liegen drei Stunden Fahrt zu einem Dorf namens Pichnil, einem weiteren Außenposten. Normalerweise schickt WildAid fünf Leute zur Dreitageschicht in den Dschungel, aber für diese Mission ist die Mannschaft verdoppelt worden.  Nördlich von uns soll sich ein ehemaliger Kommandant der Roten Khmer aufhalten, der für die Morde an drei westlichen Touristen verantwortlich gemacht wird, im Süden ein nicht geräumtes Minenfeld. Im Gänsemarsch betreten wir den Dschungel auf einem alten Holzfällerpfad. Ek Phyrum, der kambodschanische Anführer, ordert jeweils fünf Mann zur Sicherung an die Spitze und an den Schluss der Truppe.
Im Dschungel ist es wichtig, lautlos zu kommunizieren. Bowman hat Ek und seinen Leuten Handzeichen beigebracht. Eine geballte Faust heißt: „Halt!“ Die Hand vor dem Mund und der Zeigefinger meinen: „Still, da ist was, versteckt euch!“ Lautlos und dunkel gekleidet kann die ganze Mannschaft in Sekundenschnelle mit dem Dschungel verschmelzen. Um das Gefühl für die Zeit zu bewahren, machen wir jede Stunde fünf Minuten Trinkpause. An einer Wegbiegung gibt Ek plötzlich das Alarmsignal. Sofort verschwinden wir im Gebüsch. Und hören Sekunden später ein Motorrad. Es kommt näher und die Ranger absolvieren ihr Programm: Die Waffen im Anschlag, stoppen sie den Wilderer und seinen Beifahrer. Bowman strahlt vor Zufriedenheit, und sein Kamm schwillt, als sie den Tatort sichern, die Waffen checken und den beiden Wilderern schließlich keinen Weg mehr offenlassen, als Abstand von ihrer Ausrüstung nehmen.
Beide sind Militärpolizisten. Der Fahrer trägt ein Baseballcap mit der Aufschrift „Camel Trophy Adventure Wear“ und beteuert noch, er sei kein Wilderer, als die Ranger in einer Satteltasche einen in Kambodscha geschützten Brüllhirsch finden. Die beiden werden vorläufig festgenommen.  Sein Mittelsmann auf dem Schwarzmarkt, protestiert der Ältere, zahle ihm einen guten Preis für den Hirsch, der dann an ein Spezialitätenrestaurant geliefert werde: sechstausend Riel. Das kann nur ein Übersetzungsfehler sein, denke ich, und bitte den Mann, den Preis zu wiederholen. „Nein, nein“, sagt er, „sechstausend Riel.“ In Phnom Penh habe ich viertausend Riel gegen einen US-Dollar getauscht.
Der Polizist und sein Kumpel erhalten eine drastische Lektion über die Notwendigkeit des Artenschutzes. Jeder Wilderer bekommt sie zu hören. Anders als bei uns im Westen, wo die Haltung dominiert, Gott habe die Natur geschaffen, um sie dem Menschen untertan zu machen, kann im buddhistischen Kambodscha der Naturschutz auf kulturellen Stolz und religiöse Geschichte bauen. Das hilft, die Lektion zu schlucken. Am Ende scheinen die Wilderer ehrlich betroffen und beklagen nur an einem Punkt, wie beschwerlich es doch gewesen sei, den Hirsch zu fangen. Die Ranger verdonnern beide. Das Moped des Offiziers wird für zehn Tage beschlagnahmt - eine verheerende Strafe.  Der Mann senkt den Kopf, während die Ranger ihm eine eidesstattliche Erklärung vorlegen, die besagt, dass er nie wieder wildern wird. Der Offizier bestätigt sie mit seinem Fingerabdruck.
Gute zehn Kilometer kommen wir an diesem ersten Tag im Dschungel voran und machen dabei ein Dutzend solcher Fänge. Mehr als einmal schnappen die Ranger einen einzelnen Wilderer und wenige Minuten später stellt sich der Komplize.  Eine Zeit lang müssen sie sogar anstehen und warten, bis sie den Fingerabdruck loswerden. Während Ek die Prozedur ausführt, hält sich Bowman im Hintergrund und beobachtet dessen Vorgehen. Gelegentlich macht er sich Notizen und kritisiert anschließend den laxen Umgang der Ranger mit ihren Waffen. Mehrere haben die Angewohnheit, den Zeigefinger in die Mündung ihrer Kalaschnikow zu stöpseln. Oder sprechen während der Pirsch einfach zu laut.  Und natürlich kann man auch nicht während der Mittagspause nackt im Fluss baden: Wilderer könnten einen übertölpeln und erschießen, warnt Bowman. Aber nach Tagesmärschen in brütender Hitze und Nächten in verschwitzten Schlafsäcken fällt die Entscheidung zwischen einer Erfrischung im Fluss und einer Kugel im Kopf nicht so leicht, wie es scheinen mag.
Bei Sonnenuntergang überqueren wir tief im Dschungel den Koh-Sla-Fluss und steuern einen steilen Pfad an, als ein Wilderer, die Kettensäge wie eine Waffe über der Schulter, auf den gleichen Hügel zuhält wie wir. Er sieht uns und verschwindet mit einem Satz im Busch. Ek ordnet Deckung an, drei Ranger lassen ihre Sachen fallen und sprinten ihm nach. Tief geduckt harren wir aus, kein Knistern, kein Rascheln entgeht uns. Nach einigen Minuten beruhigt sich mein fliegender Atem, dann befällt mich eine Art kulturelles Déjà-vu:
Gerade sechzig Kilometer von Vietnam entfernt stecke ich jetzt in der Klemme. Mit ein paar westlichen „Beratern“ auf der Seite der „Guten“, die Jagd auf das „Böse“ machen. Was für ein Irrsinn.
Zehn gespannte Minuten später sind die Ranger zurück. Ohne den Wilderer, aber mit reicher Beute. Der Mann konnte nur entkommen, weil er sich von seiner schwersten Last befreite, der teuren Kettensäge, die die Ranger jetzt stolz vorführen. Peter Knights steht das Vergnügen im Gesicht geschrieben.  Angesichts der großen Entfernung beschließt Ek, das Beweisstück nicht zurück ins Hauptquartier zu bringen, wo siebzig Sägen wie ein Thronschatz bewacht werden. Ek zieht ein Verfahren vor, das Bowman Kettensägenmassaker nennt.  Ein schwerer, flacher Stein ist bald gefunden und dann ist jeder Ranger einmal dran. Ein Ritual unter Glaubensbrüdern. Die Reste wandern auf einen Haufen Holz und gehen sofort in Flammen auf.
Bei Sonnenuntergang suchen wir einen Platz für unsere Hängematten, zum Schutz bilden die bewaffneten Ranger einen Kreis um uns. Still und verzweifelt hoffen wir, dass endlich der verdammte Schweiß verdampft, der sich wie eine Lackschicht auf die Haut legt. Wir schlafen nur in Schüben.  Nicht aus Angst vor den modernen Räubern des Dschungels, sondern vor den alten, vor den Kobras, Tigern, Malaienbären und Pythons. Tagsüber war es spannend, ihre Fährten und Spuren zu entdecken. Aber nachts, wenn jedes seltsame Geräusch existenzielle Folgen haben kann, dann überwiegt die bedrohliche Seite der Wildnis. Haben diese Tiere auch nur ein Maul voll Dankbarkeit für all die guten Taten, die in ihrem Interesse geschehen?
Es war unumgänglich, dass sich der Umweltschutz analog zur Wirtschaft global ausdehnt, entlang der gleichen Routen, der legalen und illegalen, denen der Handel folgt. Unumgänglich auch, dass dabei seltsame Bettgenossen Allianzen bilden. Kambodscha zählte zu den gröbsten Umweltsündern und plünderte den Dschungel mit Kahlschlägen, als die wichtigsten Geldgeber des Landes - vor allem Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die Asiatische Bank für Entwicklung - 1999 jede weitere Zahlung der 1,5 Milliarden Dollar Hilfe von Fortschritten beim Umweltschutz abhängig machten. Zum Abkommen gehörte die Berufung der Organisation „Global Witness“ zu unabhängigen Beobachtern. Im vorigen Jahr konstatierte der Bericht von „Global Witness“, dass Kambodschas ohnehin verwüsteter Dschungel weiterhin von Plünderern heimgesucht wird. Als Eva Galabru, eine leitende Angestellte der Organisation in Phnom Penh, eines Tages im Juni aus ihrem Büro kam, stoppte vor ihr ein Auto mit quietschenden Reifen. Mehrere maskierte Männer sprangen heraus und schlugen sie zusammen.  Die Männer entkamen, ohne ihr Geld, ihre Papiere anzufassen. Am Tag darauf erhielt sie eine knappe E-Mail: „Hau ab!“
Kambodschas Politik funktioniert ähnlich wie die afghanische. Lokale Kriegsfürsten können den Missbrauch ihrer Macht rücksichtslos ausdehnen. Auf der anderen Seite haben (internationale) NGOs (Nichtregierungsorganisationen) längst festgestellt, dass sie fast wie nationale Machtfaktoren handeln können. Weil sie die Bundesregierung nachhaltig stabilisieren, herrscht nach Aussage eines Botschaftsangehörigen in Kambodscha eine „NGO-Regierung“. Das wollte ich bei meiner Rückkehr nach Phnom Penh genau anschauen.
Suwanna Gauntletts Weg, die mobile Einheit von WildAid einzurichten, gilt als Lehrstück. Um die Händler und ihre Mittelsmänner zu stellen, werden Kriminalpolizisten, Polizisten und Ranger verschiedener Regierungsbereiche bei Razzien zusammengezogen. Zwei Tage verbringen wir auf abgelegenen Farmen, wo gefesselte Tiere unter Strohballen versteckt werden, und durchsuchen Restaurants in der Stadt, wo exotische Lebewesen verschnürt und in Plastik eingetütet in engen Schränken verstaut sind. Wie die Parkranger werden die Männer von der Regierung bezahlt. Zuzahlungen, Krankenversicherung, Verpflegung, Uniformen und Erfolgsprämien kommen von WildAid. Gauntletts Einfluss nimmt ständig zu. Der Bürgermeister der Hauptstadt, der zu ihren Vertrauten zählt, hat jeden Verzehr bedrohter Arten in Phnom Penh verboten. Einer der Strippenzieher des Landes, Senator Nhim Vanda, präsentiert jedoch einen Privatzoo als Symbol seiner Macht. Suwanna Gauntlett und ihre mobile Einheit zuckten nicht mit der Wimper, zwei seiner neuen Tiger mitsamt dem funkelnagelneuen Transporter zu beschlagnahmen.
Am Morgen als ich aus dem Urwald komme, liest mich die mobile Einheit mit einem Konvoi aus drei Fahrzeugen auf. Mit frischen Durchsuchungsbefehlen ausgestattet, jagen sieben Polizisten, vier Umweltofficer und Suwanna Gauntlett ins nächste Dorf, Ream. „Sobald unsere Fahrzeuge irgendwo gesichtet werden“, erläutert sie, „schlagen die Händler in der ganzen Gegend mit ihren Handys Alarm.“ Das Restaurant in Ream präsentiert am Eingang ein großes Aquarium, randvoll mit einem fleischigen Knäuel eingelegter Schlangen. Reifen quietschen, die Polizisten schwärmen aus. Mit erhobenen Waffen stürmen sie den Laden, die Umweltspezialisten laufen in den hinteren Bereich, in Vorratsräume und leere Schlafzimmer.
Die Wirtin schreit die bewaffneten Polizisten an, ihre fünf Kellnerinnen, alle sehr junge Mädchen, rennen wild durcheinander, um uns abzulenken. Auf den Schrei eines Officers laufen alle in den Hinterhof, wo mehrere langschwänzige Makaken in kleine Käfige gesperrt sind. In einem anderen wir finden Schildkröten, groß wie Autoreifen, und einen Berg transparenter, gelber Plastiktüten, in jeder eine Kobra. Eine zischt und versucht sich aufzurichten und schlägt dabei in ihrer Tüte immer wieder wie wahnsinnig auf den Holzboden. Eine andere hat sich in klassischer Position aufgestellt.
Zischen kann sie nicht, denn die alte Frau hat zur üblichen Vorsichtsmaßnahme gegriffen und der Schlange das Maul zugenäht. Als wir die Tiere ins Auto des Veterinärs laden, keift sie empört, dass die Polizisten auch die Ketten mitnehmen, die sie gekauft hat, um die Affen zu fesseln.  Widerwillig bestätigt sie die übliche Erklärung mit ihrem Daumenabdruck.
Wird sie nochmals erwischt, drohen Geldstrafe oder Gefängnis.
Es wird ein nächstes Mal geben, so viel ist sicher. Wie sollte sie sonst Geld verdienen? Ein Übersetzer erklärt mir das ganze „Delikatessen“-Angebot ihres Ladens, wo ein Arbeiter eine wirklich scharfe Nacht damit verbringen kann, all seine virilen Bedürfnisse zu befriedigen: Die „Kellnerinnen“ sind dreizehn-, vierzehnjährige Prostituierte, die an einem der Tische das Essen servieren. Dann folgt ein Potenz steigerndes Dessert, beispielsweise eine lebende Kobra, die die Männer an einem anderen Tisch zu rasender Wut provozieren. Nach ihrem Glauben setzt völlige Rage mehr der wirksamen Sexualhormone frei. Die Schlange wird enthauptet, der Mann lässt ihr Blut in ein Whiskeyglas tropfen, leert es in einem Zug und wählt schließlich eines der Mädchen zur Begleitung ins enge Hinterzimmer aus. Schweigend fahren wir davon. Ein paar Schildkröten konnten wir retten - die Mädchen lassen wir zurück. „In Kambodscha tut man, was man tun kann“, meint Gauntlett achselzuckend.
Fünf Stunden bin ich am kommenden Tag mit der mobilen Einheit in Dörfern an der vietnamesischen Grenze unterwegs. Unter anderen durchsuchen wir das Haus eines der reichsten Männer der Region, ein zweistöckiges Gebäude mit eingefasstem Hof und zwei Generatoren. Als wir ankommen, ist er über alle Berge. Seine Frau hat er zurückgelassen. Die aber bietet einen Deal an: Für eine geringe Strafe verrät sie die Adresse ihrer Konkurrentin ein paar Dörfer weiter.
Unser Konvoi bewegt sich in die abgelegene Kompong-Cham-Provinz. Staunend versammeln sich die Leute am Straßenrand, Autos sind hier eine seltene Erscheinung. In dieser Gegend fahren die Wohlhabenden alte, verbeulte Schwinnfahrräder. Der Kerl, hinter dem wir her sind, der mächtigste Mann im Dorf, wohnt in einer Hütte. Seinen Reichtum demonstriert er auf eine in Kambodscha übliche Art, die allerdings auch Donald Trump verstehen würde:
Türen gibt es nicht, aber einen riesigen Kleiderschrank, durch dessen Glastüren beneidenswerte Stapel von T-Shirts, ein Fernseher, ein Ghettoblaster und Schnapsflaschen zu sehen sind. Wie der letzte Händler hat sich auch der Donald von Kompong Cham aus dem Staub gemacht und überlässt seiner Frau die Cops.
In einem Schuppen finden wir reichliche Wildbeute. Unter anderem sechs Pangolins, Ameisenfresser, die sich aufrollen wie geschuppte kleine Reifen, wenn sie sich aufregen. So passen sie dann in die gleichen gelben Plastiktüten, in denen wir zuvor die Kobras gefunden hatten. Wir befreien die Pangolins und erfrischen sie mit eimerweise kühlem Wasser. Der Officer lässt die Frau zur Standardlektion vor dem Haus Platz nehmen. Die meisten der Dorfbewohner, etwa siebzig Männer, Frauen und überwiegend nackte Kinder haben sich versammelt, als sie mit ihrem Daumenabdruck die Erklärung unterzeichnen muss: Beim nächsten Mal droht Strafe. Geradezu ehrfürchtig verfolgen die Leute die ganze Prozedur, die ihnen höchst fremd, wenn nicht bedrohlich erscheinen muss.
Immer wieder betrachten die Frau und die anderen Dorfbewohner den gestickten Schriftzug „WildAid“ auf der Hemdtasche des Officers. Ein exotisches Wort in einem bizarren Alphabet, für sie sicher so unverständlich wie Khmer für mich. Während der Durchsuchungsaktionen fällt mir öfter dieser rätselhafte Gesichtsausdruck auf, und ich frage mich, ob die Generation von Amerikanern vor mir nicht den gleichen Ausdruck hervorrief, als sie über die Gegend kamen. Sicher, die Folgen der Interventionen unterscheiden sich erheblich.  Es ist etwas anderes, ob man dir das Moped für zehn Tage abnimmt oder mit Napalm kommt. Wenn aber eine Frau etwa für den Besitz einer Schildkröte bestraft wird, nicht jedoch für Kinderprostitution, in solchen Momenten scheint sich Geschichte in absolut lächerlicher Weise zu wiederholen.
Auf der anderen Seite sind die kambodschanischen WildAid-Ranger der Sache schon aus buddhistischen Glaubensgründen und Nationalstolz verbunden.  Elefant, Tiger, Schlange, Affe und Malaienbär haben Kultcharakter, sie gelten in Kambodscha als magisch und göttlich. Derzeit herrscht im Land der freudige Geist einer Wiedergeburt. In diesem Sinn kommt auch die Lektion, die die Wilderer sich anhören müssen, beim Volk an. Beginnt nicht jede Schöpfungsgeschichte mit den Tieren? „Es sind die Tiere meiner Vorfahren“, sagt ein Ranger, der Englisch spricht, und beendet seinen Satz, als bedürfe es keines weiteren Motivs, den Dschungel zu retten.
Als die Leute immer näher an den Tisch kommen, schaut die Frau vom Schriftzug auf der Uniform auf. In ihrem Gesicht suche ich nach einer Spur von Erkenntnis oder Offenbarung, ob hier neuerlich eine „Mission“ des Westens stattfindet oder eine neue kambodschanische Ordnung entsteht. Aber das ist schwer zu sehen. Schnell fällt die Dämmerung über die Szene, und in ganz Kambodscha beginnen die Generatoren zu dröhnen.
Retten, was zu retten ist - den Profit und die »Natur«

Von Klaus Pedersen, in: Junge Welt vom 18.03.2006

In unserer industrialisierten Welt ist Naturschutz eine angesehene Sache. Unter Umständen verbringen unsere Kinder ihre Freizeit bei den »Panda-Rangers« des World Wildlife Fund (WWF) oder einer anderen naturschutzorientierten Jugendgruppe. Uns ist bewußt, daß der Erhalt unserer Lebensgrundlagen mit dem Schutz der natürlichen Umwelt in Zusammenhang steht. Man geht gern »im Grünen« spazieren und sieht sich Tierfilme an, die darüber berichten, wie vom Aussterben bedrohte Arten doch noch gerettet werden, möglichst am Einzelschicksal illustriert.

Ressource Natur
Das verstellt den Blick darauf, daß »Natur« sehr konkreten Begehrlichkeiten bestimmter Branchen ausgesetzt ist, durch deren Geschäftsinteressen aber zugleich jene Natur zerstört wird, die sie zur langfristigen Sicherung ihrer Profite eigentlich benötigen. So hat die Pharmaindustrie ein natürliches Interesse am Erhalt der biologischen Vielfalt. Nach einschlägigen Schätzungen gehen 40 bis 60 Prozent aller heute zugelassenen Medikamente auf pflanzliche Inhaltsstoffe zurück. Zwar basiert inzwischen ein beträchtlicher Teil der Neuentwicklungen auf Zehntausenden firmeneigenen (d. h. patentgeschützten) Molekülen, die darauf getestet werden, ob sie für neue therapeutische Prinzipien geeignet sind. Aber bei den Pharmakonzernen besteht weiterhin Innovationsbedarf durch neu entdeckte pflanzliche Wirkstoffe. Das Schlüsselwort heißt Biopiraterie. Zu den klassischen Fällen gehören Ayahuasca, das »Drachenblut«, der Hoodia-Kaktus, Immergrün, der Neem-Baum und die »Teufelskralle«. Weniger spektakulär, aber gefährlicher sind die sogenannten Bioprospektionsprojekte. Bei diesen wird die Flora ganzer Gebiete systematisch erfaßt, werden Proben gesammelt und anschließend in chemisch-analytische oder molekularbiologische Labors geschickt. Die aufgrund solcher Untersuchungen angemeldeten Patente lassen sich in der Regel nicht zurückverfolgen, so daß Biopiraterie-Fälle dieser Art, die vermutlich massenweise auftreten, nicht bekannt werden. Nicht umsonst weigern sich die Industrienationen hartnäckig gegen eine Verpflichtung zur Offenlegung der geographischen Herkunft bei Patentanmeldungen, die biologisches Material betreffen.
Die Pharmaindustrie hat ein vitales Interesse am Erhalt der »Natur«, insbesondere in den wenig abgegrasten tropischen Regionen. Gegenden, in denen, wie es die indische Ökofeministin und Trägerin des alternativen Nobelpreises Vandana Shiva ausdrückt, die Kolonien des 21. Jahrhunderts von den »Innenräumen der Körper von Frauen, Pflanzen und Tieren« gebildet werden (1). Das Abgrasen dieser Regionen - die Bioprospektion - erfordert jedoch mehr Zeit, als die verbreitet anzutreffende Zerstörung »unberührter« Natur zuläßt, die vom Profitstreben anderer Wirtschaftszweige direkt oder indirekt verursacht wird. Dieser Widerspruch ist ein plastisches Beispiel für einen der fundamentalen Widersprüche des Kapitalismus, wo »der enormen Steigerung von Partialrationalitäten die Irrationalität des Ganzen dieser Gesellschaft ohne Vermittlung gegenüber[steht]« (2).
Dabei hat sich die »Irrationalität des Ganzen« der kapitalistischen Wirtschaftsweise als Phänomen bis in Regierungskreise herumgesprochen. Bereits im Jahr 2000 schrieb der »Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen« (WGBU) der Bundesregierung: »Die biologische Vielfalt, das natürliche Kapital unseres Planeten, erlebt gegenwärtig einen dramatischen Zusammenbruch: ihre '6. Auslöschung'. Sie könnte die letzte große Krise, bei der vor 65 Millionen Jahren u. a. die Saurier ausstarben, an Wucht sogar noch übertreffen.«

Strategie der Vertreibung
Die Gegenstrategie entfaltet sich - dem üblichen Politikstil folgend - in der Weise, daß aus korrekt beobachteten Phänomenen viele Schlußfolgerungen gezogen werden, ohne die Gründe jener Erscheinungen zu untersuchen. In der Medizin heißt das symptomatische Behandlung, die im günstigen Fall zu einer zeitweisen Linderung führt, ohne daß die Ursache der Krankheit beseitigt wird. Welche Risiken und Nebenwirkungen hat nun die von den herrschenden Eliten verordnete Therapie für die »Habenichtse« unseres Planeten?
Charles Geisler, Professor für ländliche Soziologie an der Universität Wisconsin, berechnete die Zahl jener, die allein in Afrika im Namen des Naturschutzes vertrieben wurden, auf über 14 Millionen (3). Für diesen Kontinent gibt es 25 Fallstudien, in denen sowohl die Protagonisten der Vertreibungen (der WWF ist siebenmal genannt) als auch die Details der Ereignisse beschrieben sind. Zum Beispiel führte die von der EU gesponsorte Schaffung eines biologischen Korridors zwischen dem Kibale Forest Reserve und dem Queen Elizabeth National Park in Uganda dazu, daß 30000 Waldbewohner und Kleinbauern ohne jede Vorwarnung ihre Existenzgrundlage verloren, »verbunden mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen, Massenverarmung, dem Niederbrennen und Plündern (der Behausungen), dem Abschlachten des Viehs und dem Tod von Angehörigen der indigenen Bevölkerung (4).
Das transnationale Naturschutzmanagement läßt es an eiskalter Rationalität nicht mangeln. Zu den Opfern der Bemühungen, das »natürliche Kapital« zu erhalten, zählen die Massai in Ostafrika, die Batwa in Uganda, die San in Botswana - oder die Karen in Thailand, die Huaorani in Ecuador, die Maya in Mexiko, Belize und Guatemala, 600000 Naturschutzflüchtlinge in Tschad und - offiziell eingestanden - 1.6 Millionen Adivasi in Indien. Weltweit wird die Zahl der Naturschutzflüchtlinge (nicht zu verwechseln mit Umweltflüchtlingen im Ergebnis von Naturkatastrophen) auf mehrere zehn Millionen Menschen geschätzt.
Vertreibungen gibt es in vielen Regionen, und deutsches Geld trägt dazu bei. Das Schutzgebiet Bosawas in Nicaragua wird von der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit 2,56 Millionen Euro unterstützt, wobei die Mittel »zu etwa gleichen Teilen für intensive Schutzmaßnahmen (Demarkierungen, Bau und Ausrüstungen von Kontrollpunkten, Beschaffung von Fahrzeugen, Booten, Kommunikationsmitteln etc.) und für kleinere Projekte der sozialen und gegebenenfalls wirtschaftlichen Infrastruktur« verwendet werden (Zitat aus der Projekt-Kurzbeschreibung). Gewährsleute vor Ort berichten, daß die nikaraguanische Naturschutzbehörde de facto unter deutscher Kontrolle steht und daß aus dem von der KfW mitfinanzierten Biosphärenreservat Bosawas wiederholt Menschen vertrieben wurden. Auf einer Versammlung am 5. 2. 2004 in Siuna (Bosawas), an der eine der Gewährspersonen teilnahm, sprachen Vertreter der Regierungsbehörde davon, daß die 663 im Jahr 2003 geräumten Personen nicht ausreichten und daß weitere Räumungen erforderlich seien. Eine entsprechende Forderung wurde in einem Brief des Umweltministers vom 12. 1. 2004 erhoben, der auf dieser Versammlung herumgereicht wurde. Unverblümt wurde ausgesprochen, daß es bei diesem »Entwicklungsprogramm« um die Vertreibung der ansässigen Bevölkerung geht.

Rettung des Regenwaldes
Das korrekt beschriebene Phänomen des Verlusts an biologischer Vielfalt findet seinen dramatischen Ausdruck in der galoppierenden Vernichtung der Regenwälder. Aber der biologische Reichtum in den Ländern des Südens ist auch Teil der Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Aufgrund der herrschenden sozial-ökonomischen und politischen Verhältnisse unterliegt er einer rasanten Zerstörung. Ein Beispiel ist der grüne Gürtel Mittelamerikas, der sich von Oaxaca (Südmexiko) bis nach Panama zieht. Von den transnationalen Naturschutzexperten wird er der »Mittelamerikanische Biologische Korridor« genannt. Hier tummeln sich auf 0.5 Prozent der globalen Landfläche 17 Prozent aller terrestrischen (auf dem Land lebenden) Tier- und Pflanzenarten. Zugleich leben in dieser Region etwa 25 Millionen Menschen. Jene, die durch Brandrodungen den Regenwald zerstören, tun das in der Regel nicht freiwillig. Viele von ihnen sind durch die für jene Länder typische ungerechte Landverteilung extrem marginalisiert.
In Guatemala beispielsweise besitzen zwei Prozent der Bevölkerung 70 Prozent des bebaubaren Landes. Große Flächen des Großgrundbesitzes liegen brach. Trotzdem werden Landbesetzer (die eigentlich nur die Versprechungen des 1996 zwischen der Regierung und der Guerilla abgeschlossenen Friedensvertrags einfordern) mit polizeilicher und paramilitärischer Gewalt vertrieben. Neben der Migration in die USA ist für diese landlosen guatemaltekischen Campesinos die Brandrodung im vermeintlichen Niemandsland der Urwaldregion des Petén die einzige Perspektive. Dabei folgen sie den Straßen der Holzfirmen und den Trassen der Ölunternehmen, die ihrerseits unbehelligt bis in die Kernzonen der Naturschutzreservate hinein operieren. Das Resultat ist ein jährlicher Waldverlust von 400000 Hektar in der Nordhälfte des »Mittelamerikanischen Biologischen Korridors«, zu dem der Petén gehört. Bei Fortsetzung dieses Tempos wird der Wald im Jahr 2015 verschwunden sein - eine ökologische Katastrophe mit eindeutig sozialen Ursachen - und sozialen Folgen.
Für die Eliten des Nordens hat die Eindämmung des Regenwaldverlusts keine existentielle, sondern eine strategische Bedeutung. Die Sicherung Biodiversität - in Form von »Entwicklungszusammenarbeit« - ist Aufgabe des Staates, getreu dem Prinzip, Aufwendungen (bzw. Verluste) zu sozialisieren und (spätere) Gewinne zu privatisieren. Es ist dieses Prinzip und nicht die Erhaltung der biologischen Vielfalt an sich, die kritisiert werden muß. Wenn man die im Internet recherchierbaren Summen addiert, welche die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Laufe der Jahre allein in Lateinamerika in Biodiversitätsprojekte investiert hat, ergibt sich eine Summe von über 100 Millionen Euro. Im günstigen Fall wird dabei - als Nebeneffekt - auch zum Erhalt der Existenzgrundlage der lokalen Bevölkerung beigetragen. Aber oftmals sind an den Naturschutz (= Ressourcenschutz) Forderungen nach menschenleeren Räumen geknüpft, was - wie oben beschrieben - Abermillionen Entwurzelte zur Folge hat.

Landfrage und Ökologie
Den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen bedeutet, Kollisionen mit anderen Profitinteressen (Großgrundbesitzer, extraktive Industrie) zu vermeiden, ungerechte sozialökonomische Verhältnisse unangetastet zu lassen und statt dessen das schwächste Glied der Kette anzugreifen: die lokale Bevölkerung. Die plötzlichen Eruptionen von ökologischem Enthusiasmus seitens der Weltbank und anderer Institutionen haben dazu geführt, daß sich die offiziell geschützten Flächen innerhalb von 16 Jahren verdoppelt haben. Mittlerweile sind über zwölf Prozent der globalen Landfläche - über 30 Millionen km2, mehr als die gesamte Fläche des afrikanischen Festlands, geschützt. Noch immer kommen neue Flächen hinzu. Private Naturschutzgebiete erfreuen sich wachsender Beliebtheit. In Guatemala ließen allein im Jahr 2001 die Besitzer von 31 privaten Reservaten insgesamt ca. 12000 Hektar Fläche registrieren. Das 1990 von der World Parks Commission gesetzte Ziel, zehn Prozent unseres Planeten unter Schutz zu stellen, ist deutlich überschritten - ein makaberer Gegensatz zu den Zielen der Halbierung der Zahl der Hungernden und der Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes, Ziele, deren Verfehlung absehbar ist.
Typisch ist auch, daß viele ältere Biosphärenreservate und Naturschutzparks jahrzehntelang nur auf dem Papier existierten, so daß die in ihnen lebenden Menschen kaum etwas davon verspürten. Zuweilen wurde die Besiedlung zuvor menschenleerer Naturräume geduldet oder sogar aktiv von der jeweiligen Regierung unterstützt - als Ventil zur Entschärfung schwelender sozialer Konflikte.
Ein klassisches Beispiel ist die Siedlungspolitik der mexikanischen Regierung im lakandonischen Urwald in Chiapas. In den 50er und 60er Jahren siedelten sich dort 4000 Familien an, von denen 17 sogar über eine Genehmigung des Präsidenten verfügten. Dann, im März 1978, gab es - schon damals auf Druck internationaler Naturschutzorganisationen - einen neuen präsidialen Erlaß, und das Biosphärenreservat Montes Azules wurde geschaffen. D.h. das Biosphärenreservat wurde, unter Ignorierung der Vorgeschichte, einem komplexen und heiklen Agrarkonflikt übergestülpt. Trotzdem, eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein, existierte danach für fast zwei Jahrzehnte nur auf dem Papier als Schutzgebiet.
Erst seit den 90er Jahren werden Vertreibungen angedroht und zum Teil durchgeführt. Man begann, nicht nur in den Montes Azules und anderen Regionen Mittelamerikas, sondern praktisch in allen biologisch bedeutsamen Regionen des Südens mit großem Eifer Demarkationsarbeiten durchzuführen, Bewirtschaftungsplänen zu erarbeiten und Parkranger auszubilden. Eine interessante Frage ist, ob der plötzliche Eifer, die »unberührte Natur« zu schützen, nur rein zufällig mit der vollen Entfaltung der Gentechnologie und der Entdeckung des (vom Norden verursachten) Klimawandels zusammenfällt. Umfangreiche Bioprospektionsprojekte, wie zum Beispiel die International Cooperative Biodiversity Groups5, die mit Millionen-Budgets in elf verschiedenen Ländern operieren und die intensiv mit molekularbiologischen Labors zusammenarbeiten, sprechen eher gegen einen zufälligen Charakter.

Naturschutzkonzerne
Die von ökonomischen Interessen diktierte Vertreibung der Urbevölkerung hat eine über 500 Jahre alte Tradition. Der Genozid, der mit der »Entdeckung« Amerikas begann, blieb nicht auf die amerikanischen Kontinente beschränkt. Bis in die heutige Zeit wird die indigene Bevölkerung rücksichtslos vertrieben, wenn es um den Zugriff auf Erdöl, Bodenschätze, Holz oder fruchtbaren Boden geht. Doch während Shell, British Petrol, International Paper und Bechtel einen vertrauten Klang haben, wenn derartige Fälle von Menschenrechtsverletzungen angeprangert werden, kamen in letzter Zeit einige Namen hinzu. Es handelt sich um Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die in den letzten zehn bis 15 Jahren zu multinationalen Unternehmen mutiert sind, deren Gelder von der Weltbank (d. h. dessen »grünem Arm«, der Global Environmental Facility), aus den Töpfen der »Entwicklungshilfe«-Ministerien der Industriestaaten und den Public-Relations-Budgets der Großkonzerne kommen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Mit diesen Organisationen sind weder NABU noch BUND gemeint, sondern transnationale Institutionen, die fernab von ihren Geldgebern, in den Ländern des Südens operieren.
Allen voran sind dabei die »großen Drei« zu nennen - der WWF, Conservation International und The Nature Conservacy, von denen in Deutschland der WWF mit seinem Stammsitz in der Schweiz am bekanntesten sein dürfte. Sie sind alle wieder dabei, wenn heute - von der EU finanziert - die Experten für »geschützte Gebiete« zusammentreten. Es geht um ein letztes Expertentreffen vor der 8. Konferenz der Vertragsstaaten der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt (COP8), die vom 20. bis 31. 3. 2006 im brasilianischen Curitiba stattfindet.

»Greenwash«
Anfang 2004 wurde zum neunten Mal in Folge vergeblich versucht, auf einem Treffen der Vereinten Nationen in New York eine Resolution einzubringen, die die territorialen und Menschenrechte der indigenen Bevölkerung schützen soll. Im Entwurf dieser erneut gescheiterten UN-Deklaration heißt es: »Die Urbevölkerung darf nicht gewaltsam von ihrem Land oder Territorium entfernt werden. Es darf keine Umsiedlung stattfinden, ohne daß die indigene Bevölkerung ihr freies, informiertes Einverständnis gegeben und eine Einigung über gerechte, angemessene Entschädigung stattgefunden hat, wenn möglich mit der Option zur Rückkehr« (zitiert in 6). Während dieses Treffens erhob sich eine Delegierte der Indigenas und erklärte, daß, obwohl die extraktive Industrie nach wie vor eine ernsthafte Bedrohung darstelle, ihr neuer und größter Feind der »Naturschutz« sei.
Bereits vor sechs Jahren verfügten die »großen Drei« zusammen über einen Haushalt von 965 Millionen US-Dollar, Tendenz steigend. Conservation International (CI), gemeinhin unter dem Verdacht illegaler Bioprospektion in großem Stil stehend, konnte seine Einkünfte von 2004 zu 2005 auf 93 Millionen US-Dollar verdoppeln. Im Jahr 2005 operierte CI mit 114 Millionen US-Dollar in über 40 Ländern. Woher kommt das Geld? Neben Zuwendungen von großen privaten Stiftungen (wie der vom Gründer der Intel Corporation geschaffenen Gordon und Betty Moore Foundation) bezieht CI Gelder von der Weltbank und Regierungsbehörden verschiedener Industrieländer. Hinzu kommt »Corporate Sponsorship«, zu deutsch Firmenspenden. Die Liste dieser Geldgeber ist lang - 2005 spendeten 275 Unternehmen insgesamt sieben Millionen US-Dollar. Zu ihnen gehörten u.a. so leuchtende Vorbilder in Sachen Umweltschutz und kultureller Sensibilität wie BP, Coca Cola, Exxon, McDonalds, Monsanto, Walt Disney und Wal-Mart. In seiner kritischen Analyse des Naturschutz-Business fragt Mac Chapin vom World Watch Institute (7), »Ist es nicht ein bißchen sonderbar, daß im Jahr 2003 indigene Gruppen im Amazonasbecken von Oxfam bei ihrem Kampf gegen die Plünderung durch Chevron Texaco unterstützt wurden, während die drei großen Naturschutzorganisationen der gleichen Firma ein grünes Feigenblatt im Austausch gegen finanzielle Unterstützung lieferten?« Für das »grüne Feigenblatt« gibt es seit längerem den Begriff »Greenwash«. Dieser hat im Jahr 1999 Eingang in das offizielle Oxford English Dictionary gefunden und wird dort definiert als »Desinformation, die von einer Organisation verbreitet wird, um ein umweltbewußtes öffentliches Image zu verbreiten.«
Es lohnt sich also, genau hinzuschauen, wenn Firmen sich mit der Unterstützung von Naturschutzorganisationen brüsten. Es könnte sein, daß mit dem grünen Feigenblatt gleich zwei Dinge zugedeckt werden - die eigenen Umweltsünden und die Zerstörung der Existenzgrundlage ganzer Bevölkerungsgruppen.

1 Shiva, V. (2002): Biopiraterie. Kolonialismus des 21. Jahrhunderts. Unrast, Münster.
2 Metscher, T. (2005): Postmoderne und imperialistische Gesellschaft. Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Nr. 62, 109-135.
3 Geisler, C. und de Sousa, R.: From Refuge to Refugee: the African Case. Public Administration and Development 21 (2001): 159-170.
4 Feeney, T. (1993): The Impact of a European Community Project on Peasant Families in Uganda. Oxfam Briefing, No. 6.
5 http://www.fic.nih.gov/programs/icbg.html
6 Dowie, M. (2005): Conservation refugees. Orion Magazine, http://www.oriononline.org/pages/om/05-6om/Dowie.html
7 Chapin, M.: A challenge to conservationists. World Watch Magazine, November/December 2004

Klassische Fälle von Biopiraterie

Weltordnungs- und Entwicklungspolitik

Thomas Gebauer, "...von niemandem gewählt!" in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 100)
Hatte früher noch der Staat eine soziale Fürsorgepflicht und konnte staatliche Unterstützung  wenigstens im Prinzip rechtlich eingeklagt werden, haben die Opfer der neoliberalen Globalisierung heute meist nur noch die Möglichkeit, an private ausländische Hilfswerke zu appellieren. Die Unterstützung, die sie von diesen bekommen können, trägt bereits wieder Züge feudaler Gönnerhaftigkeit.

Joachim Hirsch, Des Staates neues Kleider, in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 39ff)
Insgesamt besteht auch innerhalb des NGO-Systems eine Machthierarchie, die potenten, meist metropolenbasierten "NGO-Transnationals" im Vergleich zu kleineren und schwächeren Orgnaisationen auf lokaler und regionaler Ebene erhebliche Vorteile schafft (...). In gewisser Weise bildet also das NGO-System selbst noch einmal die zwischen den Nationalstaaten existierende ungleiche Machtverteilung ab. ...
Schließlich misst sich die demokratische Qualität von NGO sehr wesentlich an der Art ihres Bezugs zu denen, deren Interessen sie zu repräsentieren und wahrzunehmen beanspruchen. Interessen können in der Weise stellvertretend formuliert und praktische Hilfe kann durchaus so geleistet werden, dass die Abhängigkeit der Adressaten verstärkt und deren Möglichkeiten zu gesellschaftlich-politischer Selbstorganisation geradezu zerstört werden, wie es sich bei vielen Entwicklungs- und Nothilfeprojekten nachweisen läßt. ...
Geht es um die Aufhebung weltweit dominierender Herrschafts-, Ausbeutngs- und Abhängigkeitsbeziehungen, so wird es keinen Ersatz für radikale, d.h. unmittelbare und außerinstitutionelle, di herrschenden politischen Agenden und Konsense sprengende und gegen den verzweigten Komplex von Herrschaftsapparaten auf nationaler wie internationaler Ebene gerichtete Aktion geben können, schon gar nicht in Form von Verhandlungen auf diplomatischem Parkett oder an grünen Tisch. Zu einem solchen Verhalten sind indessen NGO aufgrund ihrer Struktur- und Funktionsbedingungen nur sehr bedingt in der Lage.

(Alex Demirovic, NGO, Staat und Zivilgesellschaft, in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtsregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 144)
Nur ein winziger Teil de weltweit existierenden NGO kann internationale Konfrenzen besuchen und den Entscheidungsprozeß zu beeinflussen versuchen. Sie repräsentieen bestimmte Interessen und Bevölkerungsgruppen, ohne von diesen Bevölkerungsgruppen delegiert und gewählt zu werden; vielmehr entscheidet häufig die Nähe zu Regierungen, einzelnen Staatsapparaten ode Politikern, also persönliche Bekanntschaft oder Zugehörigkeit zu einem Netzwerk, über die Teilnahme. Die Bevölkerung, der "Volkssouverän", weiß häufig nicht einmal, dass sie vertreten wird.

Aus der Hausarbeit Der Einfluss vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Friends Of The Earth International (FOEI) auf die Klimaverhandlungen in Bonn im Juli 2001" von Robert Kneschke (Download als .rtf)
Friends of the Earth International (FoEI) ist das "größte dezentral organisierte Netzwerk von Umweltorganisationen und besteht aus 66 Gruppen in 65 Ländern" (Mittler 2002:57). Über die Hälfte der Gruppen befinden sich in Ländern des Südens und in Osteuropa (Mittler 2002b:189). Der BUND ist der größte Umweltverband in Deutschland und "mit weit über 300.000 Mitgliedern und Förderern einer der größten Friends of the Earth Gruppen" (ebd.) weltweit.
Zwar hat jede FoEI-Gruppe - unabhängig von der Mitgliedsstärke - die gleichen Entscheidungsrechte, in der Praxis allerdings brauchen "erfolgreiche Aktionen von FoEI [...] aus Kapazitätsgründen im Regelfall die Unterstützung von mindestens einer der drei großen europäischen Gruppen aus den Niederlanden, Deutschland oder Großbritannien" (Mittler 2002:58).

Gegenmodell: Abwicklung des Nordens

Aus: Christoph Spehr, 1996: Die Öko-Falle
Praktisch bedeutet das, in leicht schematisierter Form:

Links und Leseempfehlungen

Leseempfehlung 1: Reich oder rechts?
Die Debatte über Umweltschutz von unten und die Kritik an autoritären Ökostrategien ist schon alt. Um 2000 herum (unter anderem als Teil der Kritik an der Expo 2000) entwickelte sie sich zu einer Theorie mit Beiträgen in Zeitschriften, Büchern, Vorträgen, Workshops auf Kongressen und Seminare zum Thema. Für den ersten Überblick entstand ein Infopaket zu Umweltschutz von unten (bestellbar für 1 Euro bei www.aktionsversand.tk) und ein Buch zu „Perspektiven radikaler, emanzipatorischer Umweltschutzarbeit" dazu (20 Euro ++ Bestellseite). Im Juni 2002 erschien das Buch "Reich oder Rechts" - eine systematische Übersicht politischer Positionen und Verfilzungen mit Staat und Industrie der Umweltverbände und -gruppen. 300 S., 22,80 Euro mit Quellen-CD. Bestellseite und Infoseite zu Buch. Später kamen ein Beitrag im Buch "Autonomie und Kooperation" sowie im Grundlagenwerk zur Theorie der Herrschaftsfreiheit "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" hinzu (Kapitel zum Mensch-Natur-Verhältnis und zum Umweltschutz ++ Bestellseite der beiden Bücher).

Leseempfehlung 2: Macht und Umwelt
Das kleine Theoriebuch über den Zusammenhang von Herrschaft und Umweltzerstörung
Texte und Thesen zur Verknüpfung von Herrschaft und Umweltzerstörung. Es zeigt sich, dass machtförmige Verhältnisse gleichzeitig die Voraussetzung wie auch das Mittel der rücksichtslosen Aneignung von Rohstoffen, Land und allen anderen Lebensgrundlagen ist. Natur und Mensch sind die Faktoren, die zum Zwecke von Herrschaftsausbau und -sicherung sowie ständigem Profit ausgebeutet werden. ... Info- und Bestellseite

Leseempfehlung 3: Gentechnik und Macht
Ein kleines Büchlein mit Texten und Zitaten zum Zusammenhang von Herrschaft und gentechnischer Manipulation an Nutztieren und -pflanzen. Im Mittelpunkt steht die Kritik an Saatgutkontrolle, Patenten und Ingenieursmethoden im Sozialen. Ebenso beleuchtet werden die spendenorientierten Strategien von Umweltverbänden, Grünen und anderen, die auf Herrschaftsanalyse und deshalb in gefährliche Argumentationen abrutschen. 64 S., quadratisch, 3 Euro, ISBN 978-3-86747-065-0 ++ bestellen!

Etliche Texte und Zitate sind mit, andere ohne Namen - das liegt zum einen daran, wie wir die Texte bekommen haben, zum anderen können die, deren Texte hier abgedruckt sind, auch selbst bestimmen ... Mail genügt und der Name wird gestrichen bzw. hinzugefügt.

Lösung des Zitateratens:
Hubert Weinzierl (Ex-Chef und Ehrenvorsitzender BUND, damals DNR-Präsident usw.), wörtlich zitiert in einer gemeinsamen Presserklärung deutscher Umweltverbände und der CDU im Dezember 2004