auf

Übersichten über diese Seiten: "Alle Themen"-Button links (Seite nach oben scrollen!) ++ Projekte ++ Themen
NGO Staat Wirtschaft Zentralismus Sozialforum Kollektiv Bündnisse Beispiele
Materialversand

NGO - interne Strukturen und Strategien

Definition ++ Rolle der NGOs ++ Praxis ++ Lobbyarbeit ++ Anbiederung ++ Jagd nach Spenden ++ Medienorientierung ++ Links und Infos

Was ist eine NGO?

Joachim Hirsch, Des Staates neue Kleider, in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtsregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 15f)
Nach Wahl (...) sind unter NGO freiwillige Zusammenschlüsse zu verstehen, die staats- und parteiunabhängig, nicht an wirtschaftlichen Gewinn und auch nicht an den Eigeninteressen ihrer Mitglieder orientiert sowie weder ethnisch, noch national, religiös oder geschlechtsspezifisch exklusiv sind. Dies ist freilich zunächst einmal eine eher rnormative und selbstbeschreibende Konstruktion, die in der Realität kaum volle Entsprechungen finden dürfte. ...
NGO sind in der Regel eben nicht nur idealistische Sachwalter wie auch immer definierter Menschheitsinteressen sondern notwendigerweise auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und Kalkülen arbeitende "Moral"-Unternehmen.

Programmatische Aussagen von NGO
Pressetext auf ots zur Jahresbilanz von DNR-Präsident Hubert Weinzierl
Positiv an der Entwicklung seit „Rio“ ist nach Ansicht des DNR, dass Themen wie die Nachhaltigkeit sowie Umwelt- und Entwicklungsfragen aus der Weltpolitik nicht mehr wegzudenken seien.  Für den nächsten Weltgipfel 2002 in Johannesburg bestünden im Zusammenführen von Globalisierung und Nachhaltigkeit sowie in der Ökologisierung der Weltwirtschaftsverhandlungen die größten Herausforderungen. „Vielleicht gelingt es in Johannesburg, den Vorschlag des deutschen ‚Rats für nachhaltige Entwicklung‘ zu verwirklichen und eine Weltkommission für Nachhaltigkeit und Globalisierung einzurichten“, bezeichnete Weinzierl als wichtiges umweltpolitisches Ziel für 2002.

Aus: Roland Roth, NGO und transnationale soziale Bewegungen ..., in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtsregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 54)
... dass NGO auch an charakteristischen Schwächen der neuen sozialen Bewegungen teilhaben (...):

Alex Demirovic, NGO, Staat und Zivilgesellschaft, in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtsregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster, S. 142ff)
NGO stellen gewissermaßen eine Parallele zur Entwicklung von grünen Parteien dar. Im letzteren Fall professionalisieren sich politische Aktivisten, indem sie zu beruflichen Parteipolitikern und Parlamentariern werden. In einem kleinen Segment der sozialen Bewegungen, vor allem dem Umweltbereich, professionalisieren sich Bewegungsaktivisten, indem sie Nichtregierungsorganisationen gründen. Eine vergleichbare Entwicklung gibt es auch im Bereich der internationalistischen Solidaritätsbewegung. Durch die vor allem von der Sozialdemokratie mit dem Brundtland-Report vorangetriebene Diskussion über nachhaltige Entwicklung und die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro wurden beide politischen Stränge Ende der achtziger und frühen neunziger Jahre eng miteinander verknüpft. Mehr als in anderen erlangten NGO in diesen beiden Bereichen die Anerkennung durch zwischenstaatliche Organisationen und durch nationale Regierungen. Einzelne Staatsapparate und Stiftungen unterstützen NGO direkt finanziell und indirekt durch Steuererleichterungen sowie durch Kooptation in den politischen Beratungsprozeß. ...
... im Zusammenspiel mit den Medien reduzieren einige der von diesen aufgewerteten NGO die Komplexität weltgesellschaftlicher Zusammenhänge auf wenige und scheinbar unmittelbarer politischer Praxis zugängliche Themen, Personen oder Verhandlungsarenen.

Interview der taz mit Reinhard Loske, Grünen MdB, taz 28.1.2002 (S. 5). Gemeint ist die Studie Zukunftsfähiges Deutschland, die Antwort ist vollständig zitiert!
Frage: Ist der Kapitalismus mit seiner Wachstumslogik überhaupt zukunftsfähig?
Loske: In der Studie haben wir gesagt: Gut leben statt viel kaufen.

Irgendwie alles ist schuld ...
Aus einem Rundbrief des Forum Umwelt&Entwicklung, zitiert in konkret 4/96 (S. 36)
Doch die Hindernisse, die einer nachhaltigen Entwicklung entgegenstehen, sind vielfältig. Sie reichen von menschlicher Habsucht und Gleichgültigkeit gegenüber natürlichen Ressourcen, Armut und sozialer Ungerechtigkeit bis zur Unausgeglichenheit nationaler und internationaler Zahlungs- und Handelsbilanzen. So hat sich die Menschheit in einem Netz vieler sich gegenseitig verstärkender Faktoren verfangen.

Zivilgesellschaft = Ansammlung von Eliten, u.a. NGOs
Europa-Abgeordnete (u.a. Sven Giegold) in einem Aufruf, mal wieder eine neue NGO aus Polit-Eliten zu bilden
Wir, die für die Regulierung des Finanz- und Bankensektors verantwortlichen Abgeordneten, rufen daher die Zivilgesellschaft (NRO, Gewerkschaften, Akademiker, Think-tanks...) auf, eine oder mehrere Nichtregierungsorganisationen zu bilden, um eine Gegenexpertise zu den auf den Finanzmärkten durch die wichtigsten Marktteilnehmer ausgelösten Vorgänge zu entwickeln (Banken, Versicherungsgesellschaften, Hedge Funds,...) und diese Erkenntnisse effizient über die Medien zu verbreiten.

Definition auf www.nachhaltigkeit.info, Auszüge:
Was ist eine NRO/NGO?
Die Antwort gibt die Hauptabteilung Presse und Information der Vereinten Nationen (Department of Public Information DPI d
):
„Eine nichtstaatliche Organisation (Non-governmental organisation, im weiteren Text: NGO) ist eine nicht-gewinnorientierte und auf freiwilliger Arbeit basierende Organisation von Bürgern, die sowohl lokal als auch national oder international organisiert und tätig sein kann. Auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet und von Leuten mit einem gemeinsamen Interesse gegründet, versuchen NGOs, eine Vielfalt von Leistungen und humanitären Funktionen wahrzunehmen, Bürgeranliegen bei Regierungen vorzubringen, die politische Landschaft zu beobachten und das politische Engagement in der Bevölkerung zu erwecken. Sie stellen Analysen und Sachverstand zur Verfügung, dienen als Frühwarnmechanismus und helfen, internationale Übereinkünfte zu beobachten und umzusetzen. Manche NGOs sind für ganz bestimmte Aufgaben gegründet, so zum Beispiel Menschenrechte, Umwelt oder Gesundheit. Ihre Verbindungen zu Abteilungen und Einrichtungen der Vereinten Nationen hängt ganz von ihren Zielen, Standorten und Möglichkeiten ab."

Aus Harald Welzer, "Das gute Leben gibt es nicht umsonst", in: Spiegel 26/2012 (S. 63)
In den Jahrzehnten seit dem Aufkommen der Umweltbewegung hat sich eine Öko- und Nachhaltigkeitsindustrie mit einem Betriebssystem etabliert, in dem die NGOs, Stiftungen, Kommissionen, Tink-Tanks und Räte in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Mittel stehen. Deshalb die vielen Konferenzen, die nichts anderes sind als Messen, auf denen eine Moral gehandelt wird, die die brutale Wirklichkeit des allgegenwärtigen Raubbaus ein bisschen netter daherkommen lässt.
Zugleich wird mehr denn je zuvor gebohrt, gefördert, planiert, gerodet und konsumiert, die Anbauflächen, die großindustriell mit gentechnisch veränderten Pflanzen bebaut werden, werden ausgedehnt, um kurzfristig höhere Erträge zu erzielen, als eine nachhaltige Nutzung es erlauben würde. Die expansiven Strategien werden desto mehr intensiviert, je deutlicher die Knappheiten zunehmen.
Der Alarmismus der Ökos und der Klimaforscher sorgt nur für die Mitteilung, dass die Party womöglich bald vorbei sein könnte. So finden Ökobewegung und heißlaufender Extraktivismus in jener friedlichen Koexistenz zueinander, für die Rio-20 steht. Die einen sind für die Zerstörung des Planeten zuständig, die anderen für die Besorgnis darum.

Zur Funktion und Funktionsweise von NGOs

Peter Wahl wurde um die Jahrtausendwende zu einem der wichtigsten Führer der heranwachsenen NGOs.

Im Original: Kritik von Innen - Peter Wahl über NGOs ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Peter Wahl, "NGO Multis, McGreenpeace und die Netzwerk Guerilla. Zu einigen Trends in der internationalen Zivilgesellschaft", in: Peripherie Nr. 71 (1998, S. 55ff)
Mehr noch, es ist kaum wünschenswert, NGOs eine größere Rolle zu geben.
Denn, wie viele Autoren zurecht anmerken, gibt es gerade unter Demokratiegesichtspunkten auch problematische Seiten am NGO Phänomen (ausführlich dazu Brunnengräber in diesem Heft). Dabei wird in der Regel der Aspekt der demokratischen Legitimität der NG0s im Vergleich zu aus freien und geheimen Wahlen hervorgegangenen Regierungen in den Vordergrund gestellt. Es besteht weitgehend Konsens in der Literatur, daß NGOs im Vergleich dazu eine nur sehr begrenzte Legitimität besitzen und daher in einem „Legitimationsvakuum“ (Messner, 1998, S. 274) operieren. ...
Die Mitgliedschaft der meisten NGOs bewegt sich aber im dreistelligen Bereich, viele haben noch weniger oder überhaupt keine Mitglieder. Wenn die Arbeit von NGOs Oft mit dem Begriff advocacy (dt. Anwaltschaft) beschrieben wird, dann trifft dies in diesem Fall sehr genau den Sachverhalt: stellvertretend für andere nimmt man mangels einer eigenen Basis deren Interessen wahr.
Darüber hinaus sind die Mitwirkungsmöglichkeiten der Basis in vielen Fällen sehr gering. Sei es, daß traditionelle Verbandstrukturen durch bürokratische Erstarrung kaum Einfluß auf die hauptamtlichen Apparate, die die eigent-lichen Akteure sind, haben. Sei es, daß im Namen von Effizienz und Professionalität anstelle demokratischer Strukturen bewußt straffe Hierarchien etabliert werden. Das bekannteste Beispiel dafür ist Greenpeace, das demokratische Organisationsformen expressisverbis ablehnt. ...
Die Vorbereitungstreffen zur Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro (UNCED) es gab insgesamt vier sog. PrepComs (preparatory committees), von denen jedes für sich bereits eine Konferenz mit mehreren hundert Teilnehmern war und UNCED selbst waren der erste große Auftritt der NGOs auf einer Weltkonferenz. Dies entsprach der Empfehlung des
Brundtland Berichts, in dem es über NGOs hieß: "Immer mehr Probleme von Umwelt und Entwicklung könnten ohne sie [die NGOs; P.W.] nicht in Angriff genommen werden.“ (WCED 1987, S. 322). Die daraus folgende offene Akkreditierungspraxis der UNO hatte es mehreren tausend Organisationen ermöglicht, in Genf, New York und Rio dabei zu sein.
Die Situation war sowohl für Regierungen als auch für NGOs relativ neu.
Das Ensemble der NGOs war zu jenem Zeitpunkt noch weitgehend unstrukturiert. In langwierigen und schwierigen Selbstorganisationsprozessen wurde eine horizontale Vernetzung mit quasi "basisdemokratischen" Zügen angestrebt. Die Partizipation und Artikulation möglichst vieler NGOs sollte ermöglicht werden. Komplizierte Proporzschlüssel zwischen Nord, Süd und Ost NGOs, zwischen großen und kleinen Organisationen und zwischen den verschieden Themen wurden erprobt, um eine demokratische Legitimität innerhalb der NGO Gemeinde und eine gewisse Repräsentativität zu gewährleisten. ...
Im Verlaufe des Rio Prozesses erodierte dieser Ansatz immer mehr. Statt dessen setzte sich ein effizienzorientierter Pragmatismus durch, der das interne Demokratieproblem der NGO Gemeinde nicht mehr reflektierte. ...
Von zentraler Bedeutung war allerdings, daß die Eigendynamik der politischen, kulturellen etc. Diversität unterschätzt wurde. Im Gegensatz zum offiziellen Slogan "Vielfalt ist unserr Stärke“ wurde die Vielfalt als Schwäche oder als lästig wahrgenommen. Die aus der Vielfalt der Identitäten resultierenden Interessenwidersprüche konnten nicht vermittelt werden, z.B. nach dem Modell eines demokratischen Parlaments auf nationalstaatlicher Ebene, mit institutionalisierter Mehrheit und Opposition. Die Widersprüche bestehen zwischen:
• Nord und Süd NGOs,
• gemäßigten und radikaleren NGOs,
• auf Lobby und auf Bewegung orientierten NGOs,
• anglophonen und romanisch geprägten politischen Kulturen,
• finanzstarken und finanzschwachen NGOs,
• großen und kleinen NGOs.
Die Kapitulation vor der Vielfalt reflektiert ein tiefer liegendes, bis heute ungelöstes Problem: Pluralität, politische und kulturelle Vielfalt sind ein Wert an sich, den zu respektieren zum Kernbestand demokratischer Prinzipien gehört. Den Prozeduren demokratischer Entscheidungsfindung dagegen ist eine Tendenz zur Vereinheitlichung inhärent. Das Mehrheitsprinzip und der Zwang zum Konsens, wenn gegenüber konkreten Entscheidungen eine gemeinsame Position gefunden werden soll, nivellieren die Diversität. ...
Auch aus diesem Grunde haben sich zahlreiche NGOs aus der internationalen Arbeit zurückgezogen. Andere wiederum agieren zwar weiter, aber sie müssen dies in einem unstrukturierten Feld tun, in dem hinsichtlich demokratischer Prozeduren quasi anarchische bzw. Marktverhältnisse herrschen. In Abwesenheit eines demokratischen Regelsystems bilden sich wie auf einem unregulierten Markt zunehmend informelle Hierarchien, Asymmetrien, Konkurrenz und Hegemonialstrukturen heraus.
Diejenigen NG0s, die weiterhin auf internationaler Ebene präsent sind, haben daraus die Konsequenz gezogen, vor allem ihre eigene Organisation und Position zu stärken. ...
Auf das Scheitern einer an "basisdemokratischen" Leitbildern orientierten internationalen Vernetzung haben einige große NGOs aus dem Norden mit der Schlußfolgerung reagiert, ihre eigenen Strukturen zu transnationalisieren und zu "global players" zu werden, die an mehreren Punkten des Globus zugleich präsent und handlungsfähig sind. ...
Ungeachtet der politischen Ausrichtung entstehen durch die Transnationalisierung einiger NGOs und NGO Netzwerke neue und starke Akteure, die dazu tendieren, Dominanzzentren in der internationalen NGO Szene zu werden und die mit anderen transnationalen NGOs in Konkurrenz um Einfluß und Ressourcen treten. ...
Die für eine zukünftige Strategie von NGOs interessantesten Lektionen aus der Anti MAI Kampagne sind:
NG0s haben über den Tellerrand ihrer single issues hinaus mit der neoliberalen Globalisierung eine gesellschaftliche Grundproblematik thematisiert;
9 die konfrontative Ablehnung des MAI hat sich gegenüber einer "konstruktiven Verbesserung" durchgesetzt, ohne der Wirkung der Kampagne in Medien und Öffentlichkeit zu schaden;
9 politische Durchsetzungsfähigkeit erreichen NGOs, wenn ihre Themen "die Massen ergreifen“ und Bewegung an der Basis entsteht;
o lockere Netzwerkstrukturen haben sich als effizient erwiesen, zentralistische und hierarchische Organisationsformen dagegen als nicht notwendig, bzw. sie wären wahrscheinlich kontraproduktiv gewesen;
o kleine und zu flexibler Reaktion fähige NGOs haben eine wichtige, wenn auch nicht monopolartige Rolle gespielt. ...
Die einseitige Konsensfixierung als Grundlage der politischen Kultur gilt es um Konfliktbereitschaft und Konfliktfähigkeit zu ergänzen. Alle bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen waren das Resultat von historischen Konflikten und Kämpfen, auch wenn diese dann in historische Kompromissen konsensual konsolidiert wurden. Zukünftig ist der flexible Einsatz sowohl von konfliktiven als auch konsensualen Mitteln erforderlich.

Thomas Gebauer, "...von niemandem gewählt!" in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 101)
Insbesondere größere NGOs, die sich bereits öffentliche Reputation erstritten haben, legen auf die Akzeptanz, die die Organisation in der (medialen) Öffentlichkeit erreicht, in der Regel einen größeren Wert als auf vereinsinterne Demokratie.

Zur Vereinnahmung und Instrumentalisierung (am Beispiel Seattle)
Peter Wahl, WEED und Attac-Funktionär, "Sie küssten und sie schlugen sich", in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtsregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 133)
Die Gewerkschaften sorten für Akzeptanz im gesellschaftlichen Mainstream, die Blockade des Direct Action Network für - fernsehgerechte - Dramatik und die NGO für die inhaltlich qualifizierte Vorbereitung und Unterfütterung der Aktionen.

Roland Roth, NGO und transnationale soziale Bewegungen ..., in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtsregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 53)
NGO agieren ... als eine hierarchische nationale und internationale professionelle Elite mit bezahltem Personal, orientiert an konsultativen Prozessen mit nationalen Regierungsinstitutionen und internationalen Organisationen weit abgehoben von lokalen und regionalen Solidaritätsinitiativen, die zumeist auf ehrenamtlicher und freiwilliger Basis arbeiten und weniger als 10 Prozent ihrer finanziellen Mittel vom Staat erhalten. Es gibt also eine starke Tendenz in Richtung separierter Welten. Üblicherweise hat die NGO-Elite ihre lokalen Wurzeln, soweit sie überhaupt vorhanden waren, gekappt und ist wenig interessiert an der Transparenz des Informations- und Verhandlungsgeschehens, zu dem ihre Repräsentanten Zugang haben.

Alex Demirovic, NGO, Staat und Zivilgesellschaft, in: Ulrich Brand u.a., 2001, Nichtsregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Westf. Dampfboot in Münster (S. 144)
Nur ein winziger Teil der weltweit existierenden NGO kann internationale Konferenzen besuchen und den Entscheidungsprozeß zu beeinflussen versuchen. Sie repräsentieren bestimmte Interessen und Bevölkerungsgruppen, ohne von diesen Bevölkerungsgruppen delegiert und gewählt zu werden; vielmehr entscheidet häufig die Nähe zu Regierungen, einzelnen Staatsapparaten ode Politikern, also persönliche Bekanntschaft oder Zugehörigkeit zu einem Netzwerk, über die Teilnahme. Die Bevölkerung, der "Volkssouverän", weiß häufig nicht einmal, dass sie vertreten wird.

Aus den Ergebnissen der Fachtagung Fundraising und Umweltschutz (Beilage zu punkt.um 6/2002)
Der Markt hat eine regulierende Kraft auf Verbandsinhalte, wenn sich das Anliegen "nicht mehr verkaufen läßt".

Aus "Robin, Tobin und die Gipfelstürmer", in: FR, 17.12.2003 (S. 31)
Entsprechend dem Artikel 71 der UN-Charta können sich NGOs als Berater und Beobachter bei den einzelnen UN-Organen akkreditieren lassen. Dabei gibt es drei Kategorien: In der ersten dürfen die NGO-Vertreter zuhören, in der zweiten Material verteilen, in der dritten eigene Punkte auf die Tagesordnung setzen lassen. Je höher der Status, um so höher die formalen Hürden.
Viele der etwas mehr als 1400 zugelassenen NGOs bleiben in der ersten Kategorie stecken. Aber auch wer die zweite Stufe erklommen hat, ist nicht immer gern gesehen. "Es gibt immer Länder, die versuchen, uns rauszuekeln", sagt Svenja Koch von Greenpeace Deutschland. Meist werfen die Staaten den NGOs Verstöße gegen die Statusvereinbarungen vor. Japan und Norwegen fühlen sich bei jeder Anti-Walfang-Kampagne dazu berufen.
Die NGOs reagieren auf diese Deckelung mit noch größerem Expertentum und noch stärkerer Professionalisierung. Sie bauen unternehmensähnliche Strukturen auf, leisten sich gut bezahlte Managements, perfektionieren ihre Lobbyarbeit, werden zu fantasievollen Förderantragsdichtern und fusionieren ähnlich wie Gewerkschaften und Konzeren zu NGO-Multis. Bei Climate Action Netwerk (CAN), Friends of the Earth International (FOEI) und dem 4,7 Millionen Mitglieder starken World Wide Fund for Nature ist dies der Fall.

Im Original: Protest als Modernisierer von Staat und Kapitalismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Annette Ohme-Reinicke (2012): "Das große Unbehagen", Herder in Freiburg (S. 186-189)
Modernisierung oder Aufbruch?
Die Betrachtungen des Maschinensturms und des konservativen Heimatschutzes am Anfang dieses Buches haben gezeigt, dass eine fundamentale Ablehnung technischer Innovationen und technischer Großprojekte nicht selbstverständlich mit einer emanzipatorischen Politik einhergeht. Umgekehrt machte die Affirmation des "technischen Fortschritts" etwa durch die sozialdemokratische Arbeiterbewegung und große Teile der Gewerkschaften deutlich, dass technische Modernisierung gesellschaftlich und politisch nicht neutral sein kann, sondern faktisch eine auf Rationalisierung, Konkurrenz und Vereinzelung basierende Verwertungslogik beinhaltet. "Technischer Fortschritt" ist strukturell eben immer die Weiterentwicklung profitorientierten Denkens und Handelns mit neuen Mitteln, das seit über einem Jahrhundert mit der Verheißung eines qualitativ besseren Lebens daherkommt. Diese Ideologie wird seit einigen Jahrzehnten durch ver-schiedene Protestbewegungen in Frage gestellt und beginnt, sich darin aufzuheben. Das zeigt sowohl die Gespaltenheit der SPD hinsichtlich "Stuttgart 21" als auch die Ablehnung des Projekts etwa durch den DGB Baden Württemberg.
Vielleicht kündigt sich hier eine historische Zäsur des bürgerlichen Selbstverständnisses schlechthin an. Denn die Entwicklung und Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft gründete wesentlich auf der Ideologie, der technische Fortschritt sei naturgesetzlicher Heilsbringer und Schrittmacher der geschichtlichen Entwicklung. Genau das wird aber von den Bewegungen immer massiver in Frage gestellt. Damit ist auch eine wesentliche Säule des bürgerlichen Selbstverständnisses ins Wanken geraten.
In den Auseinandersetzungen um "Stuttgart 21" ist das Selbstbewusstsein der Stuttgarter Bürger als Bürger und das heißt heute: als ein politisch gestaltendes Subjekt gewachsen, keine Frage. Es sind überdies viele wertvolle Erfahrungen damit gemacht worden, wie Proteste organisiert, wie Netzwerke gebildet, wie Informationen ausgetauscht werden können. Es ist aber noch nicht ausgemacht, wohin sich die Bewegung entwickeln wird.
Und allen Bewegungen, die wir bisher unter den Bedingungen der Industrialisierung erlebt haben, scheint eine eigentümliche Dialektik inne: Ziele, Forderungen und Praktiken, gedacht als emanzipatorisch gesellschaftsverändernd, die sich in ihrer Zeit provokativ radikal ausnehmen, geraten im Lauf der Zeit zu Faktoren der Modernisierung. Aus der Arbeiterbewegung wurde Sozialpartnerschaft; die Anti AKW Bewegung wollte die Atomkraftwerke abschaffen und erhielt zunächst "sichere" Reaktoren; die Frauenbewegung wollte Gleichberechtigung der Geschlechter und feiert inzwischen Karrierismus als Erfolg; die Ökologiebewegung bekam verschiedene Tonnen zum freiwilligen Müll Sortieren und die GRÜNEN; die Forderung nach Selbstbestimmung verlängert sich im aktivierten "unternehmerischen Selbst" der Ich AG; der antiautoritäre Aufbruch der 60er Jahre, der sich gegen Normierung und Zwang richtete, diffundiert in "Diversity". Egal, ob es sich um die Arbeiterbewegung als Klasse handelt, die Studentenbewegung, die Frauenbewegung, die Anti AKW Bewegung oder die verstaatlichten sozialistischen Bewegungen: Emanzipatorische Forderungen und Ziele wurden letztlich integriert und diffundieren in neuen Formen kapitalistischer Verwertung.
Diese Dialektik könnte sich auch hinsichtlich der Bewegung gegen "Stuttgart 21" andeuten. Die kleine mentalitäts-geschichtliche Einführung, die am Anfang dieses Buches steht, ließe sich dann etwa im Anschluss an Beobachtungen von Michael Kienzle fortführen: "Der Bauzaun (...) wurde zur Magna Charta eines neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins." (Kienzle, in: Weitz, 2010: 81) Diese "mentalitätsgeschichtliche Revolte" (ibid.) bliebe eben eine "mentalitätsgeschichtliche", die "Magna Charta" erinnerte dann an einen Versuch der Bürger, sich Gehör und Mitsprache zu verschaffen. Und ein mentaler Wandel, den die Proteste zweifellos hinterlassen werden, stünde einer " modernen " Stadt ja nicht schlecht. Der würde dann eben einmal mehr in die Verwertungslogik der kapitalistischen Mühle integriert, dieses Mal mit Hilfe der Grünen.'
FN: Hinsichtlich der Funktion der Grünen war etwa Johannes Agnoli schon vor 20 Jahren sehr weitsichtig: "Statt eine Fundamentalopposition zu sein, erfüllen die Grünen die Aufgabe aller institutionskonformen Oppositionen: die mögliche Rebellion zur Ordnung zu rufen und in die Ordnung zurückzuholen. Wie vormals
die Sozialdemokratie." (Agnoli 1990: 209f)
Einmal mehr hätte sich eine Protestbewegung als Modernisierer gezeigt und dabei vielleicht Schlimmeres, Unsinniges verhindert, immerhin. Mehr aber auch nicht. Und wie heißt es schließlich in einem Lied, das in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung vor über fünfzig Jahren gesungen wurde: "Freedom is a constant trying." Auch die Schlusszeilen des von Leonard Cohen der Stuttgarter Bewegung gewidmeten Liedes, "I tried to be free", wären sehr passend.
Damit könnte man den Stuttgarter Bürger als erwachenden Citoyen verstehen. Sein Gegenbegriff ist der Bourgeois. Dieser wird ja seit der französischen Revolution als der Bürger verstanden, der im Privaten seinen wirtschaftlichen Interessen nachgeht, im Unterschied zum Citoyen, der seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachkommt.
Eine andere Perspektive auf Bürger und Bürgerschaft ließe sich aber erschließen über die klassische griechische Polis und die römische Tradition. Dort ist der Bürger der Einwohner einer Stadt, der mit anderen Bürgern zusammen im politischen Raum über die beste Entwicklung der städtischen Belange streitet. "Bürger" ist somit zum einen eine bestimmte Lebensform, die an das Städtische, das Gesellschaftliche gebunden ist, zum anderen aber verweist der Bürger auf ein Verständnis des Politischen, in dem sich Menschen als Menschen im Lichte der Öffentlichkeit zusammenfinden. Dieses Verständnis des Politischen, das in der Neuzeit etwa von Spinoza und Hegel vertreten wurde, konnte sich bis heute gegen die Dominanz liberalen Denkens, das die Notwendigkeit repräsentativer Politik einschließt noch nicht durchsetzen. Die nicht mehr liberalen, sondern republikanischen Ideen beinhalten jedoch den Hinweis, dass jede Orientierung sozialer und politischer Bewegungen an die Beeinflussung und Besetzung staatlich politischer Institutionen zur Entschärfung oder sogar zum Zerbrechen der Kraft der Bewegungen führt. So geschehen auch in der Protestbewegung gegen "Stuttgart 21", als die Hoffnung auf institutionalisierte Moderationsverfahren sowie eine neu gewählte Regierung gerichtet wurde und die Bewegungen an Dynamik verloren. In einem an der Polis gewonnen Verständnis vom Bürger und der Bürgerschaft gibt es dagegen keine staatlich institutionellen Adressaten, denen die Bürger ihre Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen übertragen. Es gibt dort keine die Bürger stellvertretend repräsentierenden und entscheidenden politischen Organe, sondern die Bürger selbst sind es, die an öffentlichen Orten gemeinsam die Entscheidungen über die Gestaltung ihres Gemeinwesens treffen.
Um dieses Selbstbewusstsein als neues bürgerliches weiterzuentwickeln die Ansätze sind in der Bewegung gegen " Stuttgart 21 " vorhanden bedarf es öffentlicher Orte und Foren, zu denen jeder Zutritt haben muss, in denen jeder für seine Überzeugung streitet, sodass die Macht der Bürger sich im Ringen um die beste Gestaltung ihres Gemeinwesens zeigt. Selbstverständlich kann das Modell der Polis und der Res Publica nicht unmittelbar auf unsere Gegenwart übertragen werden. Aber sowohl die englische Revolution, die Pariser Comune, als auch die amerikanische Revolution und die vielen Versuche, im 20. Jahrhundert, Formen des Republikanismus von unten nach oben, also räterepublikanisch zu entwickeln, verdeutlichen, dass und wie Bürgerlichkeit als Res Publica, die Politik nicht an Repräsentationsorgane delegiert, sondern kommunitär, als wirkliche Bewegung agierend, umgesetzt werden kann.
Die es nicht kapieren: Hetze gestrig-autoritärer Politiker gegen NGOs

Die modernen NGOs sind eine Ressource, Integrationshilfe und Akzeptanzbeschaffung für den Staat. Dazu müssen die Eliten sich offen gestalten und Kritik assimilieren. Diese moderne Form der Herrschaft, in der sich die NGOs dank etlicher Staatsgelder wohlfühlen und politischen Protest wirksam kanalisieren, ist etlichen gestrigen PolitikerInnen noch nicht geläufig. Sie pöbeln und wollen gar keine Kritik ...

Rechts: Beispiel des CDU-Abgeordneten Bleser, der in einer Zeitung Folgendes ankündigte ...

Praxis und Alltag von NGO-Arbeit

Aus einem Interview mit dem Buchautor Daniel Boese, in: taz am 25.11.2011
Das Problem der deutschen Klimaschutz-Jugendbewegung ist, dass die Aktiven in den einerseits sehr starken und andererseits sehr festgefahrenen Strukturen der Umweltverbände landen. Und die Eitelkeiten unter den Jugendverbänden stehen den Eitelkeiten unter den großen Verbänden in nichts nach. ...
Die streiten sich hinter den Kulissen auch darüber, wer wie viel Facetime mit dem Minister bekommt. Die würden viel mehr bewegen, wenn sie eigene Kampagnen machen würden, die offen sind für Nicht-Verbandsmitglieder und die Konflikte angehen. Es muss jetzt um die harten Fragen gehen. ...
In England, den USA und Australien ist die Klimabewegung in der Lage, sehr pointiert Druck zu machen und sehr lautstark zu werden. Da müssen wir auch in Deutschland hinkommen.

Wenn die politische Idee zum Beruf wird …
Aus einem Interview in Viola Köster (2012): „Umwelt-NGOs“ (S. 141f)
"Natürlich! Also, es gab Zeiten, da hab ich es als sehr schmerzlich empfunden. Also, die Nachteile, die [mit der Professionalisierung] verknüpft sind. Dass mit der Zeit immer mehr so geworden ist wie eine Firma, ein Büro, ein Unternehmen. Dass man nicht mehr mit allen befreundet ist [ ... ] " (Interview #1)
Die wichtigsten Ergebnisse aus den Interviews zusammenfassend, lässt sich Folgendes festhalten: Entweder scheinen sich die Mitarbeiter so stark an das Leistungs und Erfolgsprimat ihrer professionalisierten Organisation anzupassen, dass sie anfangen, an Erschöpfung und Burnout zu leiden. Oder aber, sie versuchen sich zum Selbstschutz mit ihrem Privatleben und seinen Ansprüchen vom Leistungsprinzip abzugrenzen und laufen dabei Gefahr, über den entstehenden Widersprüchen zu resignieren. Es erschien den Befragten jedenfalls kaum möglich, sich nicht nicht anzupassen an das vorgegebene Selbstmanagement.

Strukturen heutiger Umweltzentren: Frauen als Putzkräfte, eingeteilt von Bereichsleitung Verwaltung
Mail aus dem Umweltzentrum Hannover vom 4.2.2006
Liebe KollegInnen,
Anna ist letzte Woche für längere Zeit erkrankt. Wir erfuhren dies erst am Freitag-Nachmittag. Aufgrund eines glücklichen Zufalles konnte uns Monique (via bcs) am Freitag gleich aushelfen und das Nötigste putzen.
Wir bemühen uns um Krankheitsvertretung, allerdings werden wir uns wohl einige Tage selbst behelfen müssen.
MfG ... Bereichsleitung Verwaltung
Umweltzentrum Hannover e.V.
Hausmannstraße 9-10, 30159 Hannover
Telefon 0511-16403-29, Fax 0511-16403-91
www.umweltzentrum-hannover.de
verwaltung@umweltzentrum-hannover.de

Zwei Tage später (die Funktionäre können offenbar den Besen nicht halten ...):
Liebe KollegInnen, wir brauchen nun dringend eine Vertretung für Anna. Bitte macht uns doch Vorschläge, wer hier aushelfen könnte. Es handelt sich um 9 Wochenstunden, die als Minijob vergütet werden. Vertretungsdauer bis mind. Ende Februar, evtl. noch länger.
MfG ... Bereichsleitung Verwaltung
Umweltzentrum Hannover e.V.
Hausmannstraße 9-10, 30159 Hannover
Telefon 0511-16403-29, Fax 0511-16403-91
www.umweltzentrum-hannover.de
verwaltung@umweltzentrum-hannover.de

Disziplinierungen

Verbände und Lobbyarbeit

Zehn Tipps für Lobbyisten

Aus: GERMANWATCH-Lobbyhandbuch

  1. Detaillierte Sachkenntnis sowie sowie Kenntnisse über Inhalte, Zuständigkeiten und Verfahren sind die wichtigsten Voraussetzungen zur erfolgreichen Begründung eines Anliegens.
  2. Nur mit Ausdauer und personeller Konstanz können Sie ein Informanten- oder Kontaktnetz aufbauen, das ebenso dauerhaft gepflegt werden muß, dennnur dann können sich die Beziehungen zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen entwickeln. Auch für ihren Gesprächspartner muß sich der Kontakt insoweit lohnen, als seine Informationslücken gefüllt werden, er einen Informationsvorsprung gewinnt oder seine Position in der Öffentlichkeit gestärkt wird.
  3. Bereiten Sie Ihr Anliegen gut vor, da daß Sie es präzise, glaubwürdig und klar vortragen können. Das Anliegen muß für beide Seiten überzeugend sein.
  4. Schlagen Sie glaubwürdige und realistische Alternativen vor.
  5. Es geht um kleine Schritte, nicht um endgültige Lösungen.
  6. Die Interessen des Partners und der Zielgruppe müssen bekannt sein, um daran anknüpfen zu können. Lobbyarbeit kann nur erfolgreich sein, wenn es Interessenüberschneidungen mit Partnern oder Zielgruppe gibt.
  7. Bringen Sie Konfliktbereitschaft mit, vermeiden Sie aber aufgeregte Vorwürfe an Ihre/n Gesprächspartner/in. Oft sind Sie besser informiert als Ihr Gegenüber, so daß auch Ängstlichkeit fehlt am Platze ist.
  8. Fixieren Sie sich nicht nur auf Politikerinnen und Politiker. Unternehmen, Geschäftsleute, Verbände und Verwaltung können auch Ziele von Lobbyarbeit (und gelegentlich Bündnispartner) sein.
  9. Die eigene Organisation darf nicht als verlängerter Arm der politischen Gegner der Zielgruppe auftreten oder so eingeschätzt werden.
Im Original: Weitere Zitate zu Lobbyarbeit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Zwischenbericht der Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten"
Bei den Vereinten Nationen können sich internationale NGOs über den Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC)für Verhandlungen akkreditieren, bei dem auch seit 1948 der Council for Non Governmental Organisations (CONGO)angesiedelt ist. Bei der Weltbank gibt es seit 1981 ein NGO-Komitee. Die reelle Bedeutung dieser Foren ist jedoch sehr unterschiedlich. Der Politikdialog mit NGOs kann für (zwischen-)staatliche Institutionen vielfältige Vorteile haben: die Abschöpfung von Expertise und Problemlösungskompetenz, die Legitimierung der eigenen Politik und die Stärkung der eigenen Position gegenüber anderen Regierungen oder zwischenstaatlichen Organisationen, sowie auch die Früherkennung von gesellschaftlichen Problemen und sozialem Protest.  Eine aktuell diskutierte Idee, wie diese Konsultationsverfahren im Rahmen einer Global Governance ausgebaut werden könnten, bezieht sich auf Politiknetzwerke und Formen der Netzwerksteuerung (vgl. Reinicke u.a.2000).Globale Politiknetzwerke, von denen zur Zeit etwa 60 bis 70 existieren, sind eine noch junge institutionelle Innovation und zeichnen sich durch ihre offene und dynamische Form aus.
Ihr Zweck ist es, verschiedene Akteure zusammenzubringen und Brücken zwischen dem öffentlichen Sektor,der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft zu bauen, oft unter Mithilfe von internationalen Organisationen. Gemeinsam erarbeiten diese Akteure dann an „Runden Tischen “Problemlösungen. Dabei handelt es sich um Vorschläge (im internationalen Recht spricht man von „soft law “oder „non-binding legal standards “), die dann ggf. national angenommen, parlamentarisch legitimiert und umgesetzt werden können. ...
Die NGOs selbst weisen allerdings darauf hin, dies könne und solle nur eine zeitlich befristete Rolle sein, bis das Nachwachsen der Legislative und demokratischer Kontrolle vollzogen sei ...

Ralf Fucks, Geschäftsführer der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, in: Stiftungen und NGO's als Architekten des Wandels, Akademie Loccum 69/98 (S. 27f)
Da meldet sich die Sorge, ob mit einer solchen Ausrichtung nicht vielleicht doch am Ende nur kurzatmige internationale Konferenzdiplomatie gefördert wird ... bei denen man ... nicht genau weiß, was die eigentlich für eine nachhaltige Wirkung haben gegenüber dieser eher basisorientierten Arbeit, die sich auf Aufbau von zivilgesellschaftlichen Akteuren und Strukturen richtet.

Aus Volker Heins, 2001, „Wächst der Einfluß der NGOs aufdie Wirtschaft?“ in: Achim Brunnengräber u.a., „NGOs als Legitimationsressource“, Leske+ Budrich Opladen (S. 212)
In diesem Sinne kann festgestellt werden, dass innerhalb des Untersuchungszeitraums neue politische Organisationen tatsächlich Einfluss auf große transnationale Firmen wie Hoechst/Aventis, Bayer oder Novartis ausgeübt haben mit der Folge, dass sich diese Firmen 1. strikter an internationale Vereinbarungen wie die UN-Konvention über biologische Vielfalt halten, dass sie 2. ihre Praxis der Erschließung genetischer Ressourcen unauffälliger gestalten und dass sie schließlich 3. einen euphemistischen Diskurs über den Wert der biologischen Vielfalt für eine der Schlüsselindustrien des 21. Jahrhunderts eingeübt haben.

Aus Heike Walk/Achim Brunnengräber, "Ende der Supernova NGOs?" in: Ökologisches Wirtschaften Spezial 3-4/2002 (S. 12)
NGOs haben sich in der Vergangenheit zwar geschickt in Szene gesetzt und dadurch mediale Zustimmung und offizielle Aufmerksamkeit gewonnen. Einen stärkeren Einfluss, der über die abrufbare Beraterrolle hinausgeht, konnten sie sich aber nicht erkämpfen.

Andere Welt per Lobbyarbeit und alternativer Ökonomie?
Aus Altvater, Elmar (2004): "Auswege aus selbstverschuldeter Unmündigkeit", in: Gobal total, Papyrossa Verlag in Köln (S. 234)
Eine Strategie der Verwirklichung der anderen, möglichen Welt, kann nur erfolgreich sein, wenn die sozialen Akteure auf den drei Hochzeiten tanzen: in der alternativen Ökonomie, in den Bewegungen der Zivilgesellschaft, aber auch auf die Macht in Gesellschaft und Staat zielend.

Aus Uwe Hoering, „Der freundliche Overkill“ in der FR vom 9.7.2002 (S. 2)
Die Zivilgesellschaft ist gefragt im Rio-Prozess - und hat wenig zu melden ...
Wo sind die NGOs? "Verzweifelt suchten Journalisten bei der Internationalen Wasserkonferenz im Dezember in Bonn nach Ansprechpartnern, doch statt den Medien kritische Stellungnahmen, Orientierungshilfe im Verhandlungsgestrüpp oder wenigstens TV-gerechte Proteste zu liefern, "partizipierten" sie: Im Multi-Stakeholder-Dialog wurden in tagelangen Debatten Empfehlungen und Forderungen an den UN-Weltgipfel in Johannesburg formuliert. ...
Gleichzeitig bindet die Beteiligung "Kapazitäten und lässt zu wenig den visionären Blick über die Tagesaktualität hinaus zu", räumt DNR-Mann Röscheisen ein. Insbesondere für kleinere Organisationen hat sie sich zum "Partizipations-Overkill" mit nachfolgender Partizipations-Müdigkeit entwickelt, so dass meist nur die großen Organisationen Auftrittschancen nutzen. Nach Ansicht von Pat Mooney hat die Aufwertung zum Nebendarsteller auf der globalen Weltbühne zudem "den Protest gedämpft". Bei vielen NGOs diagnostiziert der Chef der kanadischen Forschungsorganisation ETC das "Stockholm-Syndrom", die Identifikation einer Geisel mit ihren Geiselnehmern.
"Wie andere Geiseln auch haben manche Organisationen sich durch das Weltgipfel-Schauspiel vereinnahmen lassen, in der Hoffnung, eines Tages wenn schon nicht wahre Liebe, so doch ein wenig Sicherheit zu finden." Umgekehrt können Regierungen ihre Entscheidungen mit Hinweis auf die Beteiligung der Zivilgesellschaft legitimieren. ...
Insbesondere Süd-NGOs kritisieren den "Mythos", alle Beteiligten hätten die gleichen Möglichkeiten, sich einzubringen, lokale Bürgergruppen ebenso wie Konzerne. Grundsätzliche Interessengegensätze würden durch die Konsenssuche leicht unter den Runden Tisch fallen. ...
Trotz Ernüchterung werden in Johannesburg bis zu 60 000 NGO-Vertreter erwartet. Die meisten von ihnen werden weit ab vom Sandton-Konferenzzentrum beim "Forum der Zivilgesellschaft" ein buntes Programm aus Diskussionen und der Suche nach gemeinsamen Perspektiven anbieten. Zwar sind die Erwartungen gering, dass der Gipfel konkrete Beschlüsse fassen wird. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Der Einigungsdruck, so einige NGO-Vertreter, wird schon etwas bewegen.

Aus "Good Governance" durch NGO-Beteiligung, in: Umwelt 10/2002 (S. 647, der Text berichtet über eine Studie des Umweltbundesamtes zur Zusammenarbeit von Regierung und NGOs)
In diesem Zusammenhang weisen die Verfasser auf ein starkes Nord-Süd-Gefälle bei der Teilnahme von NGO an internationalen Prozessen hin und unterstreichen die Notwendigkeit, Finanzmittel für den Kapazitätsaufbau in unterrepräsentierten Regionen bereitzustellen. ... Inhaltlich sprechen sich die Verfasser dafür aus, den Zugang von NGO und der breiten Öffentlichkeit zu Informationen zu verbessern und NGO den Zugang zu allen relevanten Treffen im Rahmen der maßgeblichen internationalen Institutionen zu gewähren. Sie sollten berechtigt sein, Stellungnahmen zu verteilen und in den offiziellen Diskussionen zu intervenieren. "Logistische Gesichtspunkte" (Beschränkungen des Platzes und der Zeit) können auf der Grundlage eines Systems von gleichgerichteten NGO-Gruppierungen gemanagt werden, in der jede NGO-Gruppierung eine begrenzte Anzahl von Vertretern schickt, denen eine bestimmte Redezeit zugewiesen wird. Zur Überprüfung der ordnungsgemäßen Anwendung dieser Regeln wird vorgeschlagen, einen Überprüfungsmenschanismus, z.B. in Form eines unabhängigen Ombudsmanns für NGO oder eines Überprüfungsausschusses einzurichten.

Horst-Eberhard Richter in einer Rede auf dem Antikriegstag des DGB in Frankfurt, dokumentiert in der FR am 3.9.2003 (S. 7)
Wenn man die eigenen Abgeordneten damit in Ruhe läßt, dass sie nur Fraktionsgehorsam üben und sich lediglich in Wahlkampfzeiten der Wählerschaft zur Diskussion stellen, dann erfüllt man nicht den Sinn der Verfassung, wonach alle Staatsgewalt vom Volke auszugehen habe. ... Da muss die Friedensbewegung ähnlich wie andere NGOs entschieden mehr Lobby-Arbeit machen.

Aus "Gekämpft wird diesmal anders - auf beiden Seiten" zum Ausbau des Frankfurter Flughafens, in: FR, 17.12.2003 (S. 35)
Früher, sagt der hessische Geschäftsführer des Naturschutzbund Nabu, Hartmut Mai, "war unsere Kriegskasse gefüllt". 50000 bis 100000 Mark hatte der Nabu jedes Jahr für Gerichtsverfahren vorsorglich beiseite gelegt, und zwar "schon als Drohfaktor". Heute, wo es dem Nabu wirtschaftliche viel besser geht und eine Rücklage in ähnlicher Größenrodnung überhaupt nicht schwer fallen würde, gibt es im Etat des Nabu zwar den Titel Verbandsklage zwar noch. Doch dahinter steht eine Null.
Die Zeiten ändern sich: Die Verbandsklage, das mögen zumal konservative Politiker gerne hören, "bringt uns gesellschaftlich nicht weiter", sagt Mai zu einem Strategiewandel im Natur.

Aus einem Interview mit Ulrich Beck zum G8-Protest in Heiligendamm 2007, in: FR, 9.6.2007 (S. 4)
In den Protesten artikuliert sich neben allem Abstrusen und Widersprüchlichen die Forderung nach einem Paradigmawechsel der Politik. Den Demonstranten steht vor Augen, dass wir die globalen Fragen in einem neuen Bündnis mit zivilgesellschaftlichen Netzwerken lösen müssen. Insofern könnte man sagen: Attac gehört an den Verhandlungstisch.

Verbände und Anbiederung

Links: Scan aus der Broschüre "Auf I Stegen I Bleiben" der Naturfreundejugend Deutschland (S. 11)

Aus: Presseinformation von Greenpeace vom 10.4.2001
Greenpeace weist die heutige Darstellung des Bundesgrenzschutzes Hannover und entsprechende Medienberichte, wonach Greenpeace-Aktivisten in Göttingen einen ICE-Zug an der Ausfahrt gehindert hätten, entschieden zurück. Greenpeace hat weder an der Planung noch an der Durchführung einer solchen Aktion im Bahnhof von Göttingen teilgenommen.
Zu dieser Aktion hatte offenbar ein „Anti-Atom-Plenum“ in Göttingen aufgerufen. Möglicherweise haben die Demonstranten behauptet, sie seien Greenpeace-Aktivisten oder Sympathisanten. Greenpeace hat mit diesen Demonstranten nichts zu tun. Greenpeace protestiert nur gezielt gewaltfrei gegen die Atommüll-Transporte. Aktionen dieser Art, die gezielt Behinderungen im Personen-Verkehr verursachen, sind sinnlos und schaden den friedlichen Protesten gegen die Atomindustrie. Greenpeace lehnt jegliche Eingriffe in den Personen-Verkehr strikt ab.

Im Original: Spalten, distanzieren ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Bürgerinitiative: Ein Stadtteil steht auf
Gegründet: 21.11.96 ehem. Hafenkrankenhaus – Haus 5
Seewartenstr. 10 20459 Hamburg Tel./Fax: 317 902 61
Hamburg, 1. Juli 2003
Offener Brief an
die Geschäftsführung von Greenpeace, Fax: 306 18 100
den Betriebsrat von Greenpeace, Christiane Sattler
die Belegschaftsversammlung von Greenpeace am Mittwoch, den 2.Juli 2003
Durch die taz hamburg vom 30.6.2003 haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich Mitarbeiter der Deutschland Zentrale von Greenpeace in einer Form von innerstädtischen Konflikten, hier die Vertreibung der Bambule aus dem Karoviertel und die daraus resultierenden Folgen, distanziert haben, die an Erbärmlichkeit und Peinlichkeit nicht zu überbieten ist.
Ein Bereichsleiter namens Peter Küster will keinen Ärger mit dem Verfassungsschutz haben und kündigt deshalb 3 Honorarkräften, denen er Sympathisantentum mit der Bambulebewegung vorwirft!
Ein Mensch namens Fouad Hamdan, seines Zeichens „Leiter Kommunikation“ schwadroniert in unerträglicher Weise über die Gewaltfrage. Im Bildzeitungsstil und Herrn Innensenator Schill sicher zum Wohlgefallen, versucht er die Bambulebewegung in friedliche und in gewalttätige Sympathisanten zu spalten. Zu seinen Gunsten gehen wir davon aus, dass er über die Gewaltfrage noch nie nachgedacht hat, sonst würde er nicht den Polizeijargon von einem „harten Kern der Gruppe, der gewaltbereit ist“ nachplappern.
Wir kennen die Bambule-Leute aus unseren Stadtteil, aber wir kennen keinen „harten Kern, der gewaltbereit ist“ oder zur Gewalt aufgerufen hätte“!
In diesem Fall –wie in vielen anderen Fällen auch – ging die Gewalt ausschließlich vom Staat aus.Schon die Art der Räumung des Bauwagenplatzes durch ein unverhältnismäßig großes Polizeiaufgebot war Gewalt, die Art wie die Bauwagen dann durch die Stadt getrieben wurden bis den Bewohnern in Harburg, dort wohin auch die Kampfhunde verbannt worden waren, ein Platz zugewiesen wurde, war Gewalt.  Dieses polizeiliche Vorgehen empörte selbst Menschen, die bis dato von der Existenz des Bauwagenplatzes Bambule nichts wussten und führte dazu, dass die Bauwagenbewegung Bambule – auch weit über Hamburgs Grenzen hinaus – bekannt wurde. Ausdruck dieser Empörung waren dann die Demonstrationen, an denen Tausende friedlich und unbewaffnet teilnahmen. Die Reaktion des Staatsapparates war ein martialisches Polizeiaufgebot, von dem schon allein durch die Ausrüstung: Helm, Schild, Handfesseln in der Brusttasche, Gummiknüppel in der Hand, Ellenbogen und Knieschutz und Wasserwerfer im Hintergrund und in den Seitenstraßen, Gewalt ausging. Eine Gewalt, die auch durch den Einsatz der der Polizei zur Verfügung stehenden Mittel ganz konkret wurde. Über diese Art von Gewalt sollte Herr Hamdan mal nachdenken, statt mit seinen Äußerungen zu versuchen, soziale Einrichtungen und Bewegungen gegeneinander auszuspielen. Wir waren bisher der Auffassung, dass Greenpeace Deutschland – Gruppe Hamburg – Teil der sozialen Bewegung in dieser Stadt ist. Wir gehen davon aus, dass wir vom Ergebnis der Belegschaftsversammlung am kommenden Mittwoch unterrichtet werden und hoffen, dass wir unsere Meinung nicht revidieren müssen.
Für die Bürgerinitiative St. Pauli :Ein Stadtteil steht auf
Marianne Wilckens

Rechts: Aus einem Text über Barbara Unmüßig, ehemals WEED-Spitzenfunktionärin. Inzwischen arbeitet sie in leitender Funktion bei der Heinrich-Böll-Stiftung ... (Quelle: BNN, 22.3.1995)

P.M., 2001: Subcoma, Paranoia City Verlag in Zürich (S. 88)
All diese NGOs machen selbstverständlich eine unersetzbare Arbeit, doch sind sie kaum mehr als Feuerwehren gegen die vom System angerichteten Schäden. Wo sie "Lösungen" anbieten (wie Greenpeace das tun will), handelt es sich meist bloss um technologische Gadgets (Kühlschränke, Autos). ... Sie wollen und können keine Programme vertreten, die eine planetarsiche Alternative beinhalten, wenn sie nicht ihre Spendenquellen verlieren wollen.

Links: Aus dem Programm des Deutschen Naturschutztages 2006, der auch von Umweltverbänden mitgetragen wird

Gruppe Landfriedensbruch, 2001
NGOs müssen eine Politik im Rahmen der herrschenden Verhältnisse machen, da sie als Organisation sowie die in ihnen agierenden Hauptamtlichen (und NGO-Aktivitäten basieren vor allem auf Hauptamtlichkeit) direkt und finanziell abhängig sind entweder vom Staat und den Konzernen als zentrale Strukturen des herrschenden Systems oder die überdurchschittlich reichen BürgerInnen als SpenderInnen.

Aus einem Brief von Klaus Schlüter, Vorstandsvorsitzender* der Grünen Liga an Umweltminister Trittin, nachdem eine Mitarbeiterin Kritik an einer geplanten Tourismusmaßnahme in einem Naturgebiet geäußert hatte (22. Mai 2002)
Sehr geehrter Herr Minister Trittin,
mit Verwunderung haben wir die Beschwerde bezüglich der geplanten Maßnahmen auf der Insel Vilm ..., die eine ehemalige Praktikantin der GRÜNEN LIGA e.V. Frau Iri Wolle, an Sie gerichtet hat, zur Kenntnis genommen. Wir möchten hiermit noch einmal die Position der GRÜNEN LIGA e.V. zum Ausdruck bringen und mögliche Missverständnisse dahingehend, daß die Meinung von Frau Wolle mit der Position der GRÜNEN LIGA e.V. übereinstimmt, ausräumen. ...
Im Hinblick auf die vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) auf der Insel Vilm geplanten Vorhaben zum Tag der Artenvielfalt vertrauen wir auf die Erfahrungen des BfN**, insbesondere des international anerkannten Naturschutzexperten Dr. Hannes Knapp** ... Somit sind ideale Voraussetzungen für die Koordinierung der kontrollierten Arbeit von Artenexperten und Medienvertretern auf der Insel gegeben. ...

*Dieses Amt gibt es gar nicht, dennoch unterzeichnet Schlüter so. Der Brief war mit dem Bundesvorstand nicht abgesprochen. Zwei Tage später wäre eine Vorstandssitzung gewesen ...
**Einrichtung bzw. Angestellter der Regierung!

Pressemitteilung des NABU von Freitag, 20. Dezember 2002
Solikon 2006 ProgrammNABU zieht überwiegend positive Bilanz für Umwelt- und Naturschutz im Jahr 2002

Christoph Bautz, Geschäftsführer von Campact, im Interview, in: Junge Welt, 7.6.2010 (S. 8)
Wird nicht die Glaubwürdigkeit des Protests gefährdet, wenn sich SPD- und grüne Politiker an die Spitze der Protestbewegung setzen?
Wir hatten eine lange Diskussion, inwieweit wir mit Parteien zusammenarbeiten. Die alten Schlachten sind geschlagen. Natürlich reicht der Atomkonsens nicht, wie wir damals befürchtet hatten. Wir haben aber gesagt: Schwamm drüber. Wir wollen an einem Strang ziehen – aber wir werden unseren Bürgerprotest nicht vereinnahmen lassen.

Alle unter einem Hut
Der Kongress "Solidarische Ökonomie" vom 24.-26.11.2006 in Berlin zeigte, welche Bündnisse in einer inhaltsleeren sozialen Bewegung möglich sind. Mit dabei waren neben den bekannten NGOs von Attac über BUKO bis zum DGB sowie etlichen sich linksradikal oder gar anarchistisch gebenden Gruppen wie Cafe Libertad, Contraste oder die Graswurzelrevolution auch:

Pro Rotgrün im Wahlkampf 2002

Peter Küppers im "Editorial" des KGV-Rundbriefs 3/2002 (S. 1)
Wer Umweltschutz als wichtig ansieht und/oder nicht der Wirtschaft überrlassen will, sollte zur Wahl gehen, auch wenn er der Politik der letzten Jahre nicht voll zustimmt Denn es kann noch schlechter werden.

Aus einer Pressemitteilung des BUND, 25.6.2002
Der BUND hat die Wahlprogramme der im Bundestag vertretenen Parteien analysiert. Ergebnis: Die Programme weisen in punkto Umweltschutz markante Unterschiede auf - vor allem bei den Themen Energiepolitik und Ökosteuer.
Haben Buendnis 90/Die Gruenen sehr anspruchsvolle Umweltziele, so sind sie bei SPD, CDU/CSU und PDS nur vage benannt. Die FDP setzt in Sachen Umweltschutz allein auf die Wirkungen des Marktes. 
Die ausfuehrliche Analyse und weitere Informationen erhalten Sie bei: BUND-Pressestelle, Ruediger Rosenthal, Tel. 030-27586-425/ -489, Fax: -449; Mobil: 0171-8311051, E-Mail: presse@bund.net; Presse-Archiv unter www.bund.net?archiv.

Jürgen Resch, DNR-Schatzmeister und DUH-Geschäftsführer, im Ergebnisbericht der Fachtagung Fundraising und Umweltschutz (Beilage zur punkt.um 6/2002)
... Regierung seit 1998, die tatsächlich ein beispielloses Erfolgsprogramm an Umweltgesetzen und Verordnungen vorweisen kann ...

Aus einer Presseinfo des Deutschen Naturschutzring nach der Wahl (23.9.2002)
Mit Genugtuung kommentierte heute Hubert Weinzierl, Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), die Fortsetzung des rot-grünen Regierungsbündnisses. "Gewinnerin der Wahl ist auch die Natur, denn jetzt kann das öko-soziale Pflänzchen der Hoffnung weitergedeihen," sagte Weinzierl.

Aus dem Jahresrückblick des Fördervereins Ökologische Steuerreform
Ökologische Steuerreform gehört nicht nur die jüngste Fortentwicklung der Ökosteuer selbst, sondern auch der gesamte Umweltteil der rotgrünen Regierungserklärung zu den erfreulichsten Elementen eines insgesamt recht unerfreulichen Gesamtbildes.

DNR-Presseinfo zur Regierungsbildung
Koalition setzt Zukunftszeichen / DNR-Präsident Weinzierl begrüßt Perspektiven für Politik der Nachhaltigkeit im neuen Koalitionsvertrag
Bonn (ots) - Der Deutsche Naturschutzring (DNR) hat heute die umweltpolitischen Vereinbarungen im neuen Koalitionsvertrag der rot-grünen Bundesregierung als „Zukunftszeichen“ positiv gewürdigt.  „Wir begrüßen darin vor allem die Perspektive für eine Politik der nachhaltigen Entwicklung“, kommentierte DNR-Präsident Hubert Weinzierl die Koalitionsziele.
Weinzierl hob insbesondere die Stärkung des Umweltressorts als ein Signal der Versöhnung von Ökologie und Ökonomie hervor. Gerade unter dem Vorzeichen eines drohenden Klimawandels sei es wichtig, dort die Maßnahmen für die Förderung der erneuerbaren Energien zu bündeln und damit effektiver zu machen. Die von der Bundesregierung auch international angestrebte Vorreiterrolle im Klima- und Umweltschutz sichere darüber hinaus einen Technologievorsprung für das Exportland Deutschland und damit zukünftige Arbeitsplätze.
Im Naturschutz sieht der DNR-Präsident entscheidende Fortschritte aufgrund der Aussagen zum vorbeugenden Hochwasserschutz. „Die Schaffung neuer Auenlandschaften an den Flüssen, die Absage an einen Donauausbau mit Staustufen, der Stopp der Elbe-Zerstörung - all das sind wichtige und richtige Schritte im Sinne eines ökologischen Hochwasserschutzes, wie wir ihn empfehlen“, sagte Weinzierl.
Schließlich lobte der DNR die angekündigte Fortsetzung der Agrarwende in Deutschland. „Wenn in Zukunft stärker die ländlichen Räume statt die Überproduktion gefordert wird, hilft das, die bäuerliche Landwirtschaft und die natürliche Tier- und Pflanzenwelt zu sichern“, erläuterte der DNR-Präsident.
Eine große Herausforderung sieht der Dachverband der deutschen Natur- und Umweltschutzverbände in der zukünftigen Verkehrspolitik.  Sie könne nur durch eine radikal neue Weichenstellung auf Nachhaltigkeitskurs gebracht werden. Weinzierl wörtlich: „Jede Milliarde, die nicht in das Straßennetz investiert wird, ist eine Investition in das Netzwerk des Leben.“
Der Präsident des DNR forderte die Koalition schließlich auf, den mit der neuen Vereinbarung eingeschlagenen Kurs mutig beizubehalten.  „Die von der Bundesregierung erarbeiteten Nachhaltigkeitsstrategie ist jedenfalls die geeignete Basis für eine zukunftsfähige Politik“, sagte Weinzierl.
Christoph Markl-Meider, Deutscher Naturschutzring Presse

Bundestagswahljahr 2005

Zum Kongress McPlanet in der Jungen Welt am 7.6.2005 (S. 4)
Die Grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung sowie das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hatten an der Gestaltung des Programms mitgewirkt. Das war unschwer zu übersehen und verdeutlichte in gewisser Weise auch das Dilemma, vor dem die etablierten Teile der Umweltbewegung stehen: Die Verhältnisse verlangen nach mehr Radikalität, aber man wird nicht so richtig seine emotionale Bindung an das Milieu der grünen Regierungspartei los. ... Lichtblicke der Veranstaltung waren hingegen einige Referentinnen aus den Ländern des Südens ... Einsichten, die in Deutschland, wo Organisationen wie Greenpeace und BUND viele Jahre auf die Durchsetzung marktkonformer Steuerungsinstrumente gesetzt hatten, noch immer nicht zum Konsens der Umweltbewegung gehören. Verbudnen mit der Regierungsnähe eines Teils der Apparate dieser Gruppen führt das auch zu einem indifferenten Verhältnis zum Sozialabbau, das Sven Giegold von ATTAC im Abschlußplenum beklagte. ...
Der Text stammt von Wolfgang Pomrehn, der in den vergangen Jahren selbst radikale Positionen im Umweltschutz angegriffen, aus der Jungen Welt zensiert und gerade die großen Verbände samt ihrer Regierungsnähe gehypt hatte (z.B. rund um die Klimakonferenz 2001 in Bonn). Offenbar scheint er das Ergebnis auch seiner Strategie nicht mehr besonders positiv einzuschätzen ...

Appelle an die Mächtigen

DNR-Text
Trittin und Stoiber sollen gemeinsam intervenieren
Vor dem Erörterungstermin zum tschechischen Atomreaktor Temelin am morgigen Donnerstag in Passau hat der Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Hubert Weinzierl, zu einer „überparteilichen Koalition der Vernunft gegen den Risikoreaktor“ aufgerufen. Es sei sehr erfreulich, dass Bundes- und Staatsregierung darin übereinstimmen, dass das Pannen-AKW im benachbarten Tschechien nicht ans Netz gehen dürfe.
Weinzierl forderte deshalb Umweltminister Jürgen Trittin und Ministerpräsident Edmund Stoiber auf, diesen gemeinsamen Standpunkt auch offensiv gegenüber der tschechischen Regierung zu vertreten. „In einer solchen Koalition der Vernunft gegen das AKW Temelin kann die Politik auf breite Unterstützung in der Bevölkerung bauen und neue Glaubwürdigkeit zurückgewinnen“, sagte Weinzierl.
Der DNR-Präsident begrüßte, dass die Bürgerinnen und Bürger aus Deutschland mit dem Erörterungstermin Gelegenheit bekommen, ihre Einwände zu äußern.  Allerdings stellte Weinzierl das Verfahren grundsätzlich in Frage.
„Dieser Schrottreaktor wird nicht gebraucht und ist gefährlich. Deshalb darf es nicht um nebensächliche Schönheitsreparaturen oder bauliche Detailfragen gehen, sondern um die prinzipielle Genehmigungsfähigkeit“, erklärte Weinzierl.

Wir wollen weiter als brav gelten - des Geldes wegen
Aus der Freitag, 5.7.2012 (S. 5) zur Frage eines Förderstopps für als verfassungsfeindlich angesehene NGOs
"Käme die neue Regeleung, würden Organisationen, die aufgrund eines rechtlich nicht definierten Extremismusbegriffs im Verfassungssschutzbericht auftauchen, automatisch ihre Gemeinnützigkeit verlieren. Ohne Anhörung, ohne Korrektur. Und ohne Spielraum für lokale Finanzämter. Wenn diese die Gemeinnützigkeit entziehen (müssten), wären viele Organisationen am Ende." Jutta Sundermann, Mitglied Koordinierungskreis von Attac Deutschland
"Die meist unbegründete Angst gegen die Bestimmungen der Abgabenordnung zu verstoßen, verhidnert schon heute Kampagnen zu gesellschaftlich kontroversen Themen." Felix Kolb, Gründer und Mitglieder der Bewegungsstiftung

Staatsnahe Gewerkschaften

Kommentar von Hanna Gersmann zu "Die Umweltbewegung ist allzu staatstragend geworden", in: taz*,19.8.2008 (S. 11)
Greenpeace fängt wieder an
Umweltschützer müssen radikaler werden, wenn es in Deutschland auch künftig noch eine Umweltbewegung geben soll. Darum ist es gut, dass die Aktivisten von Greenpeace jetzt Felsbrocken ins Meer werfen, um zu verhindern, dass hochtechnisierte Industrieflotten mit ihren unersättlichen Netzen den Ozean leer fischen. Protest braucht neue Inszenierungen. Nur so lassen sich Politiker, die Klimaprobleme und Artensterben vernachlässigen, unter Druck setzen.
In den vergangenen Jahren sind die deutschen Umweltverbände viel zu behäbig und bürokratisch geworden. Die Umweltstiftung WWF gibt sich wirtschaftsnah, der Nabu kooperiert mit Volkswagen, der BUND fällt auch nicht weiter durch Konfrontationen auf. Die Ökoszene verwaltet sich selbst; sie ist fahrlässig unspektakulär. Sicher, beim G-8-Gipfel in Heiligendamm drangen Greenpeace-Boote in die Sperrzone ein. Nur: Das riskante Manöver war medientauglich, machte aber keinen Sinn. Die Aktivisten hatten lediglich eine Protestnote dabei, die sie den Staatschefs überreichen wollten. Ein Schreiben können Politiker schnell überfliegen - und wieder weglegen. Wer die Massen ansprechen will, der braucht Kampagnen, die spektakulär sind und den Verantwortlichen zugleich praktikable Lösungen präsentieren. Anders als früher reicht es heute nicht mehr aus, auf Schlote zu klettern oder mit Schlauchbooten Waljäger zu rammen. Diese Bilder sind so oft ausgestrahlt worden, dass sie keinen Eindruck mehr schinden. Kein Sender schickt dafür noch seine Kamerateams los.
Darum ist die Tausend-Steine-Aktion auch nicht nur ein Mittel gegen Hochseefischer und Sandbagger. Sie attackiert vor allem die regierungsfreundliche Trägheit, die sich unter Ökokämpfern eingeschlichen hat, seit Rot-Grün an der Macht und der Feind scheinbar weggebrochen war. Und während der Umweltminister die Ökoschäden der Aktion prüft und die Fischer Strafanzeige stellen, können sich zudem die Fische im neuen Refugium erholen. Der Politikwechsel bei den Umweltschützern zeigt: Es geht nicht ohne Konfrontation.

*Was im Kommentar verschwiegen wird: Die taz hat jahrelang die Anbiederungspolitik und Staatsnähe der NGOs gefördert und gefordert, während sie radikale und selbstorganisierte Zusammenhänge verschwieg oder diffamierte.

Jagd nach Spenden und Mitgliedern


Absurder Aufruf von "Mehr Demokratie": Spenden sammeln gegen Spenden!

Orientierung auf Medienpräsenz - Kampf um Mitglieder und Spenden

Aus Mareike Korte (2008): "Medienstrategien von Protestbewegungen". Diplomarbeit Berlin
Selbstbeschränkung: Es wurde deutlich, dass es gegenüber den Medien eine Selbstbeschränkung der AkteurInnen gibt. Bestimmte Ziele und Kritiken werden zwar gegenüber den AktivistInnen, also der eigenen Diskursgemeinschaft, formuliert, gegenüber den Medien aber nicht erwähnt, da davon ausgegangen wird, dass darüber nicht berichtet wird, es im hegemonialen Diskurs, zu dem auch die Massenmedien zählen, nicht sagbar ist. Dazu gehören z.B. sofortiger Atomausstieg, Gewaltfreiheit als Gesellschaftsutopie und die Anwendung geschlechterdifferenzierter Sprache. Diese Ziele oder Ideen befinden sich nicht im hegemonial hergestellten Konsens. Dies kann als Selbsttechnologie im Sinne Foucaults gedeutet werden, da die Beschränkungen der Berichterstattung der Medien bereits vorweggenommen und durch Selbstbeschränkung internalisiert werden, der Raum des Sagbaren ist hier deutlich eingeschränkt.
Anpassung: Für die untersuchten Kampagnen und ihre Zielsetzungen spielen Medien eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund passen sie sich, um von den Medien berücksichtigt zu werden, an bestimmte Funktionsweisen der Medien an. Die Beschränkung auf wenige Personen, die gegenüber den Medien sprechen – auch als Personalisierung bezeichnet – ist eine dieser Anpassungen an Medienfunktionsweisen. Dies ist ein Kompromiss, der zu Lasten der emanzipatorischen Ansprüche von Nicht-Hierarchisierung und Aktivierung der Kampagnen geht. Er hat zur Folge, dass die Darstellung in den Medien oft den emanzipatorischen und antihierarchischen Charakter der Kampagne nicht wiedergibt und teilweise sogar Personen ausmacht, die die Proteste „anführen“.

Professionalisierung versus inhaltlichen Ansprüchen
Aus Viola Köster (2012): „Umwelt-NGOs“ (S. 171ff)
a) Professionalisierung und Managerialismus als Realitätsprinzip
Wie in Abschnitt 3.2 festgestellt, besteht ein entscheidender Widerspruch zwischen den genannten Ansprüchen und den tatsächlichen Arbeitsbedingungen in professionalisierten Umwelt NGOs. Letztere sind nicht (mehr) Authentizität sichernd sondern fremdbestimmt, durch extern formulierte Zielrichtlinien und Strategien. Wie beschrieben, wurden im Zuge der Professionalisierung auch in Umwelt NGOs Managementkonzepte aus der Privatwirtschaft übernommen und mit Hilfe von Experten umgesetzt, was von den befragten Mitarbeitern bestätigt worden ist (vgl. insbesondere die Interviews #1, #3, #4, #5, #8, #9). Diese neuen Organisationskonzepte sind vor allem auf eine effiziente Arbeitsstruktur ausgelegt, so dass möglichst viel Leistung erbracht werden kann. Dafür wiederum wurden einzelne Abteilungen aufgebaut, die formalisierte und abstrakte Tätigkeiten zu erfüllen haben. 'Teams' für Fundraising, Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit sind herausragende Beispiele dafür.
Dieser professionelle Managerialismus in Umwelt NGOs läßt sich mit seiner Erfolgsorientierung als das von Herbert Marcuse beschriebene vorherrschende Realitätsprinzip (Rp) auffassen, das sämtliche Lebensbereiche der modernen Industriegesellschaft erfasst hat (vgl. Marcuse 1967). Der einzelne Mensch wird diesem ökonomischen Primat untergeordnet und fungiert nurmehr als Hilfsmittel zur Zielerreichung. Auf diese Weise holen sich die Umwelt NGOs mit ihrer Professionalisierung also das in der Gesellschaft vorherrschende Rp den Status Quo ins Haus und stehen ihm nicht (mehr) als Gegenmacht entgegen. Hinter dieser Handlung steht die Annahme, innerhalb des Systems mit den anderen (politischen und wirtschaftlichen) Akteuren auf einer Ebene stehend, einen effektiven Natur und Umweltschutz betreiben zu können. Diese Argumentation der NGO Manager steht Marcuses Überzeugung, dass Natur und Umweltschutz nur außerhalb des vorherrschenden Realitätsprinzips (Rp) gelingen kann, diametral gegenüber.

b) Selbst Management und AKU als Inkarnation des Realitätsprinzips
Wenn die Professionalisierung in Form von Organisations und Personalmanagement nun als Marcuses Rp angesehen werden kann, das von den NGOs als leistungssteigerndes Mittel übernommen worden ist, so muss auch das in 2.4. vorgestellte Selbst Management als Verinnerlichung des Rps durch die Mitarbeiter angesehen werden. Die Auswirkungen der Selbst Kontrolle, Selbst Ökonomisierung und Selbst Rationalisierung müssen dann mit Marcuse als selbstzerstörerische Verhaltensweisen verstanden werden, da das Rp dabei die Herrschaft über die "innere Natur" übernimmt. Als Managerialismus hält es jedenfalls Einzug in die "ureigenste Triebstruktur" der NGO Beschäftigten (Marcuse 2009: 176).
Unterstützt wird das Rp nach Marcuse dabei durch den Destruktionstrieb Thanatos der darauf bedacht ist, den Einzelnen möglichst wenigen inneren Widersprüchen und Spannungen auszusetzen. Auch unter der Gefahr, dass diese jntrojektion des Realitätsprinzips" dem Individuum in seiner Psyche und den eigenen Überzeugungen schadet, treibt ein (größerer) Teil der NGO Mitarbeiter diese dazu, sich selber dem zuvor kritisierten Leistungsprinzip zu beugen (vgl. Marcuse 1968: 30): "Der Schein der Selbstbestimmung[] ermöglicht die Internalisierung der das System reproduzierenden Bedürfnisse (systemimmanente Bedürfnisse): das Aufoktroyierte wird zum Angebotenen und dann zum Eigenen des Individuum, zum Gewählten. " (Marcuse 2009: 159)
Statt sich also weiter um authentisches Verhalten im NGO Beruf zu bemühen und den "äußeren Naturschutz" mit dem "inneren Naturschutz" zusammen zu bringen, bauen die (meisten) Beschäftigten im Zuge der "Selbst Rationalisierung" vielmehr "emotionale Schutzfilter" und eine "professionelle Distanz" auf (vgl. hierzu die Interviews #3, #6, #7, #8, #9). Dadurch erhoffen sie sich, persönlich weniger an den Widersprüchen zwischen persönlicher Einstellung und beruflichem Leistungsstreben leiden zu müssen. Die persönlichen Emotionen bezüglich eines Arbeitsthemas gilt es also zu zügeln, da sich diese "radikale Sensibilität' die Marcuse doch als Protestpotential ausfindig gemacht hatte nicht mit der formalisierten Arbeit unter dem Rp Primat verträgt.

Aus Viola Köster (2012): „Umwelt-NGOs“ (S. 182f)
Nähme man diese Überlegungen in der Praxis ernst, müsste nun nach einer alternativen Professionalisierung für Umwelt NGOs gesucht werden. Diese hätte das innerste Protestpotential der Organisationen, die "radikale Sensibilität' und die "revolutionäre Subjektivität' ihrer Mitarbeiter zu schützen und auszubauen, anstatt sie wie bisher einzuschränken. Dieser "innere Naturschutz" ließe sich dadurch gewährleisten, dass sich die realen Arbeitsbedingungen in Umwelt NGOs mit den Ansprüchen der Mitarbeiter an den NGO Beruf decken. So müssten insbesondere die artikulierten Wünsche nach Selbstbestimmung, Kooperation, Arbeitsplatzsicherheit und Anerkennung im Beruf erfüllt werden. Dafür wären eine Arbeitszeitverkürzung, tatsächlich kooperativ getroffene Organisationsentscheidungen beispielsweise bezüglich der Fördergelder und der Methoden der Öffentlichkeitsarbeit Bürokratie- und Hierarchieabbau und die Auflösung abstrakter Arbeitsstrukturen erforderlich. Vor allem müsste jedoch auch der Widerspruch zwischen privat und beruflich vertretenen politischen Einstellungen gemindert werden, so dass sowohl die individuelle Authentizität der Mitarbeiter als auch die organisationale Glaubwürdigkeit gewährleistet würden. Die von den NGO Hauptamtlichen aufgebauten "emotionalen Schutzfilter" stellen unter den gegebenen Arbeitsbedingungen zwar einen nötigen Selbstschutzmechanismus dar, gleichzeitig aber auch eine Einschränkung 'des emotionalen Protestmotors' des Einzelnen. Die wirkliche, nicht die durch Change Management künstlich hergestellte Übereinstimmung von Wollen und Müssen der Mitarbeiter, könnte dann zum Erhalt der individuellen Authentizität, d. h. zum "inneren Naturschutz" und zur Steigerung des Protestpotentials der Organisationen führen und damit insgesamt auch zu vermehrten Kapazitäten für den "äußeren Naturschutz".
Ob dann aber überhaupt noch von Professionalisierung als erfolgssteigerndes Mittel gesprochen werden sollte, muss an dieser Stelle als Frage offen bleiben.


Beispiele politisch völlig unsinniger Appelle an führende PolitikerInnen. Sinn solcher Sammlungen sind die Adressen selbst, die dann mit Spendenaufrufen oder Anträgen zu Fördermitgliedschaften "bombardiert" werden. Links ausgestrahlt im Frühjahr 2010, rechts zeitgleich das personell z.T. identische Campact - mensch beachte die Zahl schon gesammelter Adressen. Das finanziert den MitarbeiterInnenstab!

Das gleiche mit einer Greenpeace-Unterschriftensammlung: Völlig unsinnige politische Forderung - klingt aber schön und lässt viele zum Kugelschreiber greifen. Zack, eine Adresse und damit einE potentielle SpenderIn mehr.



Und noch einer: Unterschriftensammlung von Friedensorganisationen ... allgemein, unpolitisch, Hauptsache die Adresse!

Links zum Thema

Buchtipps

Nachhaltig, modern, staatstreu?

Staats- und Marktorientierung aktueller Konzepte von Agenda 21 bis Tobin Tax
Aktuelle Vorschläge aus politischen Gruppen werden auf ihre Wirksamkeit untersucht. Die Herrschaftsfrage wird gestellt: Steigern die Vorschläge Macht- und Ausbeutungsverhältnisse? A5, 220 Seiten. Mehr auf der Versandseite zum Buch ...

Reich oder Rechts?

Unter dem Titel "Reich oder Rechts?" ist ein umfangreiches Buch zur Kritik an NGOs, Ökokapitalismus, Esoterik, rechten Verbindungen usw. erschienen. Es kostet 22,80 Euro, ist im IKO-Verlag erschienen und kann hier direkt bestellt werden ... Versandliste!

Weitere Buchprojekte u.a. zu NGO-Kritik:

Mehr Links

Etliche Texte und Zitate sind mit, andere ohne Namen - das liegt zum einen daran, wie wir die Texte bekommen haben, zum anderen können die, deren Texte hier abgedruckt sind, auch selbst bestimmen ... Mail mit Begründung genügt und der Name wird, wenn das Argument überzeugt, gestrichen bzw. hinzugefügt.