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Direct-Action-Kalender

Direct Action: Widerstand im Alltag
Grundidee und Strategien

Abschnitte dieser Seite: Grundeinstellungen ++ Handlungspotential ausbauen ++ Aufmerksam werden ++ Üben ++ Links

Grundeinstellungen für den widerständigen Alltag

Wie immer gibt es natürlich keine Patentrezepte mit objektiver Gültigkeit und garantiertem Erfolg, wohl aber einige Anhaltspunkte und Erfahrungswerte, die Dir helfen können, mehr und mehr Widerständigkeit in den Alltag zu bringen. Dazu gehört z.B. die passende Ausstattung, Situationskomik und Schlagfertigkeit, Frechheit, aufmerksame Wahrnehmung, eine aufgeweckte „Standardeinstellung“, gute Vorbereitung, der Umgang mit Ängsten und materielle Unabhängigkeit. Im Mittelpunkt aller hier vorgestellten Aspekte steht immer, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Handlungsmöglichkeiten ausdehnen

a. Wissen um Aktionsmethoden

Es ist hilfreich, viele Aktionsmöglichkeiten zu kennen und auch das Know-how zu haben, um diese umsetzen zu können. Dazu gehört, sich die Grundmuster von Direct Action bewusst zu machen und sich typische Techniken anzueignen (mehr dazu in Kapitel 2). Viele Anregungen zu kreativem Widerstand mit Alltagsbezug finden sich darüber hinaus in den Broschüren „Kommunikation subversiv“ und „Die Mischung macht's“ (Bezug über www.aktionsversand.tk, unter www.projektwerkstatt.de/download runterladbar).

b. Die passende Ausstattung

Unvorbereitet zu sein ist zwar eine sichere Erkennungsmelodie für Linke, passt aber nicht zu einer phantasievoll-widerständigen Alltagspraxis. Ob längere Reise, Schulbesuch oder Gang ins autonome Zentrum - Materialien und kleine ,Helferlein' erweitern Deine Handlungsmöglichkeiten. Vieles kann der widerständigen Verwendung überführt werden: Mit Kreide, Edding und einem Sortiment unterschiedlichster Aufkleber können Teer und Beton, Klos, Haltestellen, sexistische Zeitungen oder die sonstige Umgebung umgestaltet werden. Kleine Flyer oder Fakes (Fälschungen, z.B. perfekte Nachahmungen von BGS-Broschüren) können in Zeitungen eingelegt werden. Mit Urkunden oder Glückwunsch-Kärtchen (z.B. "Sie haben gerade einen Menschen sexistisch diskriminiert") ist es für Dich vielleicht einfacher, auf Unterdrückungssituationen zu reagieren. Und beim Kontakt mit BGS, Polizei oder anderen Autoritäten "dürfen" Konfetti und andere ,klamaukige' Dinge nicht fehlen. Was mensch mit sich schleppst, hängt von der Umgebung und den jeweiligen Bedürfnissen ab. Sehr praktisch ist eine Direct Action Tasche oder ein Fach im Rucksack mit der passenden Ausrüstung (immer schnell griffbereit!). Ein paar Dinge, die dazu gehören könnten:

c. Aktionsplattformen für dauerhafte Handlungsfähigkeit

Drei Straßen weiter wird ein besetztes Haus geräumt. Der Protest Deiner WG beschränkt sich darauf, der Polizei ein paar Parolen entgegen zu rufen. Eigentlich hattet ihr sogar ein paar gute Ideen - aber der Baumarkt war schon geschlossen. Das zurückbleibende Gefühl von Ohnmacht ist ,hausgemacht'. Denn neben mentalem Know-how und Übung in direkter Aktion hängt spontane Handlungsfähigkeit oft auch davon ob, ob hilfreiche Materialien verfügbar sind. Ansonsten ist das Ereignis, auf das Du reagieren wolltest, möglicherweise schon vorbei. Angesichts dieser einfachen Erkenntnis verwundert es, dass es in politischen WGs oder Zentren oft schon an den grundsätzlichsten Utensilien mangelt, um auf Unvorhergesehenes schnell reagieren zu können.

Fast alles kann zum Aktionsmaterial werden, abhängig von Deinen Ideen - daher nur ein paar Beispiele, was ständig verfügbar sein sollte: Seifenblasen, Wasserbomben und -pistolen, Bettlaken und Spraydosen (für schnell hergestellte Transpis), Mars-TV (ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent), Aufkleber und Einleger (z.B. für Produkte in Läden), Kreide, Sekundenkleber, ‚Hassi’ (d.h. eine Motorradhaube zur Maskierung), Handschuhe, Verkleidungen, Megaphon, Kleister, Pinsel, Stadtpläne und präzise Karten, Aktionsfahrräder und vieles mehr.

Ein erster Schritt könnte sein, in Deiner Wohnung, WG oder anderen Räumlichkeiten eine Kiste mit Aktionsmaterialien zusammen zu stellen oder eine Ecke dafür zu reservieren. Für größere Sammlungen bieten sich Kellerräume an; sind diese von außen begehbar und gibt es mehrere Schlüssel, kann auch eine Gruppe von Menschen darauf zugreifen. Wenn es überall in Deiner Stadt solche kleinen Ecken gäbe, könnte das die Protestkultur beleben - vor allem dann, wenn die unterschiedlichen Menschen miteinander kooperieren. Die einzelnen Orte können je nach Interesse ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen: vom Chemielabor über Sabotage-Keller bis hin zur Verkleidungs-Ecke (z.B. für verstecktes Theater).

Eine mögliche Weiterentwicklung sind Direct Action Plattformen. Das sind Orte, wo Aktionsutensilien von allen gleichberechtigt genutzt werden können. Dort könnten auch Rechner mit E-Mail- und Fax-Presseverteilern untergebracht werden, damit Aktionen gegenüber Medien kommuniziert werden können. Denkbar ist, Arbeitsplätze für bestimmte Tätigkeiten einzurichten (Schablonen-Tisch, PC zum spurenfreien Erstellen von Texten usw.). Besser als private Räume dürften für eine Direct Action Plattform politische oder soziale Zentren mit durchgehenden oder mindestens regelmäßigen Öffnungszeiten sein. Vorteile: Viele Menschen können die Plattform nutzen, um Aktionen vorzubereiten. Zudem erschwert die öffentliche Zugänglichkeit der Polizei, Einzelne zu kriminalisieren, weil unklar bleibt, welche Nutzerinnen was getan haben - gerade dann, wenn richtig viel abgeht.

Aufmerksamkeit und Sensibilität steigern

Es ist gar nicht nötig, auf Demonstrationen zu gehen oder auf Events zu warten, um politisch aktiv werden zu können. Herrschaft durchzieht die Gesellschaft bis in den letzten Winkel. Patriarchale Logiken, Zweigeschlechtlichkeit, Rassismus, Erziehung und Kinderdiskriminierung oder rechte Ideologien prägen den Alltag. Wer aufmerksam durch den Tag wandelt, wird genug Situationen finden, wo Unterdrückung zu kritisieren ist. Wer die Umgebung intensiv „abscannt“ und die eigene Sensibilität erweitert, bemerkt tausend Stellen, an denen kleine Zeichen gegen das genormte Dasein hinterlassen werden können. Diese grundsätzliche Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten „Ausrüstungsgegenstände“ für den Widerstand im Alltag.

a. Der Situations-„Scan“

Wer Konzentration und Sensibilität „hochfährt“, in die Situation eintaucht und aufmerksam beobachtet, hat viele Vorteile. Das „Scannen“ der Umgebung deckt oft neue Möglichkeiten auf, kreativ oder witzig in Situationen einzugreifen oder die Umwelt zu verändern. Es hilft, Details in der Umgebung oder dem Verhalten anderer wahrzunehmen. So entdeckt mensch z.B. neue Stellen, um Aufkleber oder gefälschte Hinweise anzubringen. Oder Ansatzpunkte, in ein Gespräch einzugreifen. Wer dazu noch genau sucht bzw. mit klarem Willen, Kreativität und widerständiger Grundeinstellung durchs Leben wandert, dürfte mit der Zeit immer neue Möglichkeiten finden, Unsinn zu stiften, Normalität zu durchbrechen. Neben der spontanen Aktionsfähigkeit gibt es noch weitere Anwendungsgebiete und gute Gründe für das aufgeweckte Agieren:

Aufgrund sozialer Zurichtung und der ständigen Präsenz von Bevormundung, Zwängen und Normierungen (z.B. die Orientierung auf Konsum statt Selbstorganisierung) ist dieses „Scannen“ bei vielen Menschen leider verschüttet; mensch trottet mit wenigen Ausnahmen im Dämmerzustand vor sich her und nimmt all die interessanten Details um sich herum kaum wahr. Die Wahrnehmung wieder zu schärfen, den Blick für Aktionsmöglichkeiten zu entwickeln ... all das kann gezielt geübt werden.

b. Herrschaftsbrille

Die meisten Menschen sind nicht irritiert, wenn Kinder im Bus oder Zug von Erwachsenen zurecht gewiesen, belehrt, bestraft oder gewalttätig angegangen werden (alles kommt ständig vor). In weiten Teilen der Gesellschaft besteht kein Bewusstsein für so offensichtliche und häufige Diskriminierungen aufgrund des Alters. Es ist „normal“. Auch in ,linken' Kreisen werden solche oder subtilere, verschleierte Formen von Herrschaft nur von wenigen überhaupt als solche wahrgenommen. Auch Menschen, die in einigen Bereichen Herrschaft sehr genau durchschauen, können in anderen "blind" sein für eigenes Dominanzverhalten. Viele Frauen nehmen Männer mackerig, angeberisch oder unsensibel wahr, was die entsprechenden Männer häufig gar nicht mitbekommen. Und vielleicht fällt mir gar nicht auf, wie ich mich z.B. subtil ausgrenzend gegenüber Migrantinnen verhalte. Es wäre nun zwar schön, die Herrschaftsbrille einfach so aufsetzen zu können. Statt dessen können verschiedene Prozesse helfen, Herrschaft zu erkennen:

Vorbereitung, Reflektion und ständiges "Training"

a. Ängste bearbeiten

Direkte Intervention und Widerstand im Alltag wollen geübt sein und setzen häufig Mut und Entschlossenheit voraus. Ich muss entschieden handeln können, wenn andere diskriminiert werden. Dem stehen häufig verinnerlichte Ängste entgegen. Sich die Abläufe in Unterdrückungssituationen und die eigenen Hemmungen bewusst zu machen oder mit anderen darüber zu reden, kann hilfreich sein. Offener Umgang mit Ängsten und „Filmen“ (d.h. tief sitzende Bilder, Gefühle oder Erfahrungen, die in bestimmten Situationen hochkommen), die sich aus der eigenen Zurichtung auf normgerechtes, angepasstes Verhalten, oder beispielsweise Autoritätshörigkeit ergeben, sollten nicht an den Rand gedrängt oder als lästiger Ballast behandelt werden. Gerade sie führen in Unterdrückungssituationen oder bei illegalen Aktionen nämlich oft zu Blockaden. Schon der Raum für diese Auseinandersetzung muss möglicherweise erst aktiv erobert werden, da Mackerigkeit und versachlichte Atmosphäre auch in politischen Szenen dominieren.

Ängste schlagen sich fast immer auch körperlich nieder und verstetigen sich dadurch. So tritt in Angstmomenten bei vielen Menschen eine stockende Atmung auf, kombiniert mit einer Art Bewegungslosigkeit. Beide Momente haben eine verstärkende Wirkung auf das einengende Gefühl. Wer sich das bewusst macht, kann auch körperlich ,gegensteuern', z.B. indem Du Dich bewegst, ausstreckst, aufstehst oder bewusst weiter atmest, wenn Du solche Symptome an Dir wahrnimmst. Atemübungen können helfen, um in angespannten Situationen nicht zu erstarren und zu Handlungsfähigkeit zurück zu finden.

b. Trainings

Widerstand im Alltag setzt voraus, dass ich als konkrete Person agiere und mich anderen stelle, ich kann nicht in einer anonymen Masse verschwinden. Das schafft einige ,Anforderungen`: Ich muss in der Lage sein, meine Position überzeugend und verständlich darzustellen oder auf Fragen einzugehen - d.h. ich muss geübt sein in politischer Debatte und Kommunikation. Zudem muss ich fähig sein, auch Widersprüche oder kritische Fragen nicht zu übergehen, sondern als Ausgangspunkt für eine intensivere Debatte zu begreifen.

Verstecktes oder unsichtbares Theater, z.B. das beherzte Eingreifen bei rassistischen BGS-Kontrollen kann nicht nur gedanklich durchgespielt, sondern auch in der Gruppe geübt werden. Eine Variante dabei sind Formen des Improvisationstheaters(2), das sehr stark vom Spiel aus dem Stehgreif lebt bzw. genau dieses trainiert. Dazu gehören beispielsweise eine Reihe von Spielen und Übungen, um Spontaneität und Einfallsreichtum zu wecken. Genau das ist gefragt, um im Alltag mit vorher nicht planbaren Situationen umgehen zu können. Workshops und Trainings, welche die genannten Aspekte verbinden, sind am erfolgversprechendsten - und gleichzeitig auch Möglichkeiten, andere Menschen mit einzubeziehen und für Widerständigkeit zu werben.

Ansonsten gilt: Jedes Gespräch, jede Alltagssituation bietet Chancen, sich in "Schlagfertigkeit", Situationskomik, direkter Intervention und politischer Debattenkultur zu üben. Das ist gut vereinbar mit dem Versuch, den langweiligen WG-Alltag umzukrempeln, bunter und frecher zu machen - am besten sofort...

(1) siehe zur rechtlichen Situation: www.projektwerkstatt.de/antirepression/tipps/klein.html
(2) Improvisationstheater: http://de.wikipedia.org/wiki/Improvisationstheater

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