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Containern als Medienhype
Armutsverwaltung? Widerstand? Pop-Kultur?

Quellen ++ Kooperativen ++ Wege kombinieren ++ Links

Dieser Text ist ein Diskussionsbeitrag von Leuten, die Containern, um unabhängiger leben zu können ... damit sie für ein widerständiges Leben nicht immer erst Urlaub oder auf ihre Karriere Rücksicht nehmen müssen.

Was ist Containern?

„ Containern“ oder auch „dumpster-diving“ („Tonnentauchen“) beschreibt das Herausholen von weggeworfenen Dingen aus Mülltonnen. Am bekanntesten ist dabei das Herausholen von Lebensmitteln aus den Containern von Supermärkten.

Wie geht das?

Die Abfallsammelbehälter sind manchmal direkt in den Gebäuden und mensch kommt deswegen garnicht dran. Oft stehen sie aber einfach auf Hinterhöfen oder Parkplätzen offen zugänglich. Dann kann mensch dort einfach hingehen, die Tonnen aufmachen und gucken, was es dort zu holen gibt.
Manchmal sind die Tonnen auch abgeschlossen (da hilft ggf. lock-picking --> Link bzw. bei Containerschlössern ein Multifunktionsschlüssel mit passendem Innendreikant (?)) oder stehen hinter Zäunen über die mensch vorher noch rüberklettern muss.
Meistens empfiehlt es sich nachts zu containern, wenn die Geschäfte geschlossen haben. Dann sieht eineN auch hoffentlich keineR und mensch kann ungesehen wieder verschwinden. Zudem sind einige Sachen nur Nachts zu finden, z.B. Brot und Gemüse, was morgens bei der Neuanlieferung wieder mitgenommen wird zur Resteverwertung oder Verrechnung. Praktisch sind abwaschbare Rucksäcke / Radtaschen oder Tüten in den Rucksäcken, Taschenlampen (sehr praktisch sind Stirnlampen, weil dann beide Hände frei bleiben) und eventuell (dünne) Gummihandschuhe.

Was findet mensch dort und ist das nicht eklig?

Meist findet mensch viele Exemplare einer Sache weswegen es durchaus Sinn hat, sich mit anderen Leuten zsuammen zu tun und eine Kooperative zum Austausch von containerten Sachen aufzubauen. D.h. es wird nicht zusammen containert, sondern das Containerte später getauscht bzw. zusammengeworfen, damit sich jedeR das Nötige nehmen kann aus der Gesamtvielfalt. Der Zustand der Sachen ist sehr unterschiedlich, mal ist eine von 100 Orangen verschimmelt, mal ist nur eine von 30 gut. Es gibt auch Läden, bei denen es bestimmte Wochentage gibt, an denen sich besonders gut containern lässt, es lohnt sich also, öfter nachzuschauen.

Was ist es juristisch?

Juristisch kann Containern als Diebstahl von Waren im Wert von 0 Euro gewertet werden. Allerdings ist unklar, ob der Müll nicht, wie z.B. normaler Hausmüll, als "herrenlose Sache" angesehen werden muss, die sich jedermensch legal aneignen kann. Außerdem kann Containern auch noch den Straftatbestand des Hausfriedensbruches (wenn eine „Umfriedung“, also ein Zaun oder eine Mauer oder ähnliches überklettert wurde) oder den des Einbruchs (bei Knacken eines Schlosses etc.) erfüllen.
Dies sind allerdings alles Antragsdelikte, das bedeutet also, dass der „geschädigte“ Supermarkt Anzeige erstatten müsste. Wegen Diebstahl kann auch die Statsanwaltschaft ein "besonderes öffentliches Interesse" an der Strafverfolgung formulieren. Wenn das geschieht und es zu einem Verfahren kommt, kann öffentlich thematisiert werden, dass dieser Supermarkt Menschen kriminalisiert, die Müll aus dessen Tonnen haben wollen. Es würde dann auch bekannt, welche Mengen dort (wie auch sonst überall - die Hälfte aller Lebensmitel landen im Müll, statt aus den Tellern) regelmäßig weggeschmissen werden – vor allem um die Preise hoch zu halten. Das wird die KundInnen freuen – und zudem über die Logiken des Kapitalismus aufklären. Insofern spricht einiges dafür, mögliche strafrechtliche Verfolgung als Element einer Politisierung des Containers zu sehen und folglich nicht weiter zu fürchten.

Ist Containern politisch?

Nein, containern ist nicht per se politisch. Es ist weitgehend egal, ob die oft einwandfreien Lebensmittel im Müllbehälter vergammeln oder ob jemand sie mitnimmt und isst. Der einzig messbare Effekt wäre die vermehrte Abnutzung der Mülldeckelscharniere durch das häufigere Öffnen und die Mülltrennung, die möglich wird, wenn der Inhalt des Containerten gegessen und die Verpackung dann getrennt entsorgt wird. Beide Effekte sind verschwindend klein. Dennoch hat Containern selbst zwei indirekte Wirkungen:

Beides zusammen macht Containern politisch so brisant, dass es Regionen gibt, in denen die politische Polizei das Sammeln von Lebensmitteln aus dem Müll kriminalisiert oder die Supermärkte zum aufwendigeren Wegsperren motiviert, um unabhängigen AktivistInnen das Wasser abzugraben. Denn es ist leider so: Der größte Feind politischer Widerständigkeit sind weder das Wetter noch die Polizei, sondern das eigene soziale Umfeld und die Angst – z.B. vor Verlust des Arbeitsplatzes. Wer sich im Leben selbst organisieren kann (und Containern ist da nur ein kleiner Teil), wird gefährlicher für alle, die Menschen in Abhängigkeit und unter Kontrolle bringen wollen. Umgekehrt heißt das aber auch: Containern wird erst dann politisch, wenn die so gewonnene Unabhängigkeit auch genutzt wird für einen politisch widerständigen Alltag.

Umgang mit Medien und Öffentlichkeit

Das Thema „Containern“ elektrisiert Teile der Medien. Doch hinter ihrem Interesse an dieser Form des Lebens vom Müll steckt eher der Gedanke an erotische Körper auf dampfendem Dreck oder der Verkaufsschlager abgestürzter Existenzen. Politische Vermittlung findet kaum statt. Wenige Ausnahmen bestätigen diese bisherige Regel. Ein Beispiel ist der WDR-Film über drei Personen, die versuchen, ihr Leben ohne Geld zu organisieren – um unabhängiger leben zu können (Link: www.planet-schule.de/wissenspool/bg_gefundenes_fressen/gefundenes_fressen/sendung.html). Im Umfeld dieser ContainererInnen gilt: Mediale Darstellung des Essens aus dem Müll wird nur dann unterstützt, wenn neben den Bildern die Kritik am künstlich erzeugten Mangel, der Jagd nach dem Profit benannt und auch gezeigt wird, dass Selbstorganisierung die eigenen Handlungsmöglichkeiten steigern kann – unter anderem für einen wirksamen politischen Widerstand gegen die Systeme, die mit Wegwerfen die Preise nach oben treiben und daher aus Mangel, auch Hunger gezielt Profit schlagen.

Im Original: Neon-Stories ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Im Frühjahr 2009 produzierte Neon einen Text zum Thema. Da zugesagt war, die politischen Positionen auch abzudrucken (was auch geschah in Form wörtlicher Zitate), ließen sich zwei AktivistInnen darauf ein. Der Text wurde aber vorher gegengelesen. Er enthielt ziemlich viel Müll. Mindestens einer blieb auch drin - trotz Korrektur. Nämlich dass es eine Bewegung und einen Sprecher gäbe. Beides ist Unsinn. Aber Medien als Diskursschaffende brauchen das ...
Der Mailwechsel vor der Veröffentlichung zwischen Neon-Redakteur und Betroffenem:

Textvorschlag von Neon am 25.2.2009
Im deutschsprachigen Raum ist Jörg Bergstedt ein Sprecher der Bewegung ...


Korrektur am 25.2.2009
Nein. Wir haben keine Sprecher. JedeR spricht für sich oder nur dann für eine begrenzte Runde von Leuten, wenn dieses im Einzelfall mal so abgeklärt wurde (z.B. bei Aktionen). Leute, die sich als Sprecher aufspielen, sind hier viel kritisiert. Das wäre also auch schnell erkannt, dass das nicht von mir stammen kann.


Antwort von Neon am 26.2.2009
Vielen Dank für Deine Mühe, die Änderungen stehen jetzt alle so im Text.


Text in der Neon April 2009
Sprecher der Bewegung ...
Der politische Hintergrund des „Containerns“

Mangel, beim Essen in seiner Extremform als Hunger ist weltweit betrachtet kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem. Lebensmittel, Rohstoffe und Energie, fast überall ausreichend vorhanden oder erreichbar, wird gezielt so verteilt, dass die Menschen von ihnen getrennt werden. Sie werden zusammengezogen und kontrolliert (akkumuliert) bei denen, die dann hohe Preise bei der kontrollierten Wiederherausgabe erzielen können. In den vergangenen Jahrhunderten ist systematisch die Selbstversorgungsfähigkeit der Menschen mit Essen zerstört worden – z.T. läuft dieser Prozess in Teilen der Welt heute noch. Bei anderen Lebensgrundlagen startete dieser Prozess der Privatisierung später, z.B. beim Wasser.
Darauf folgt eine brutale Einsicht: Es ist gewollt, dass Menschen hungern und dass es Lebensmittelknappheit gibt, denn nur deswegen wirft der Lebensmittelmarkt Gewinne ab. Hunger ist Mord! Auf den lokalen Supermarkt bezogen bedeutet das, dass es sich lohnt, etwas wegzuwerfen, wenn es nicht mehr ganz frisch ist. Ja – es lohnt sich bereits, Sachen wegzuschmeißen, nur um Mangel zu erzeugen. Marktwirtschaftlich betrachtet lohnt es sich eher, neuen Lebensmittel vollen Preis zu erhalten, als die alten reduziert abzugeben. Daraus entstehen absurde Situationen. So liegen überdurchschnittlich viele hochpreisige und Bio-Produkte in den Containern der Supermärkte – obwohl gerade über Letztere überall in den Medien zu lesen ist, dass sie knapp sind. Sind sie auch, aber sollen sie auch. So lässt sich Profit machen, darum geht es.
Global wird aus dem Ganzen ein Dickicht an Wirkungen, die auf die Menschen hereinprasseln. Eigenanbau wird bekämpft und das Land solchen Großagrarbetrieben gegeben, die die Produkte über den Markt verkaufen. Massen an Essen werden aus vielen Ländern des globalen Südens herausgeschafft in die Überschussregionen Europas und Nordamerikas. Gleichzeitig wird der Export in der EU überschüssiger Produkte subventioniert. Dann brechen dort die kleinen Märkte zusammen und alle werden abhängig von den weltweiten Warenströmen. Am Ende ist Konsum nur noch mit Geld möglich. Und die Menschen müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, leben abhängig und müssen Untertanen sein, um nicht zu verhungern. Ein brillantes System, das sich ständig als gigantische Heilsarmee tarnt – von Entwicklungshilfe bis zur Gentechnik.
Containern hilft gegen all dieses nichts. Aber es kann Menschen aus der Angst und Untertänigkeit bringen. Wenn sie dann wirksamer gegen das Beschriebene kämpfen können, dann hat Containern seinen politischen Sinn ergeben. Wenn dann Staatsschützer Supermärkte besuchen, um für bessere Absicherung der Mülltonnen zu werben, haben auch sie begriffen, wo das revolutionäre Potential des Lebens aus dem Müll liegt.