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Libertär oder liberal?
Wenn die Marktwirtschaft zum anarchistischen Ideal wird ...

Markt oder Staat ++ Einzelfragen ++ Anarchokapitalismus ++ Parecon ++ Alternativökonomie ++ Kritik ++ Links

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Zwar beteiligen sich viele AnarchistInnen an antikapitalistischen Kämpfen und lassen auch keine Zweifel an einer radikalen Gesinnung, das auf Profitmaximierung und ständige Warenbildung orientierte Wirtschaftssystem ganz abzuschaffen, aber in der - ohnehin eher dürftigen - Theoriearbeit im Anarchismus spielt die Ökonomie nur eine untergeordnete Rolle. Das ändert sich auch nicht in den Kreisen, die von ArbeiterInnenbewegung träumen und Agitation im betrieblichen Rahmen als Aktivitätsschwerpunkt benennen. Werden dort Texte entworfen oder verbreitet, so stellen die Kritiken eher Entnahmen aus anderen Strömungen dar. Das muss nichts Schlechtes bedeuten, schließlich sind viele marxistische Analysen des Wirtschaftsgeschehens brillant. Aber sie haben auch Grenzen z.B. was ihren Blick auf herrschaftsförmige Beziehungen betrifft, die außerhalb des rein ökomonischen Akquirierens von Wert und Mehrwert liegen.

Die Vorschläge und Konzepte aus mehreren Strömungen ragen in die anarchistische Debatte hinein:

Weit verbreitet sind in anarchistischen Texten Forderungen nach Dezentralisierung und Organisierung von "unten nach oben".

Im Original: Anarchistische Vorschläge ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Kropotkin, Peter, zitiert in: Was ist eigentlich Anarchie?, Karin Kramer Verlag in Berlin (S. 96)
Bei einer Konzentration der Produktion auf Notwendiges und Sinnvolles, ist nicht nur eine enorme Mehrung des Wohlstandes aller, sondern auch eine erhebliche Reduzierung der allgemeinen Arbeitszeit möglich. Anstelle der kapitalistischen Ausbeutung und des staatlichen Autoritarismus soll ein System sich selbst organisierender, die Trennung von Stadt und Land aufhebender, durch freie Kooperation miteinander verbundener Kommunen treten. So erst erhält der 'schöpferische Genius' der Massen die notwendige Freiheit für seine volle Entfaltung.

Vorschläge für eine anarchistische Ökonomie (Quelle)
Genau wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, so sollte auch die Wirtschaft und die Industrie von „unten nach oben" organisiert werden, d. h. auf der Grundlage von freien und gleichberechtigten Produktionsgemeinschaften, die sich nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der ArbeiterInnen und VerbraucherInnen zu wirtschaftlichen Föderationen (Bünden) zusammenschließen sollten. Dasselbe sollte für die landwirtschaftlichen Genossenschaften gelten.
Die Wirtschaft sollte also nicht durch Grenzen und zentrale Planung gehemmt, sondern sich von der Basis her, d. h. an den tatsächlichen Bedürfnissen der ProduzentInnen (ArbeiterInnen) und KonsumentInnen (VerbraucherInnen) orientieren. Nun wird es jedem/jeder einleuchten, dass mensch die wirtschaftliche Ordnung nicht dem Zufall überlassen kann. Das ist mit diesem Konzept auch keineswegs gemeint. Vielmehr sollten sich Industrie und Produktionszweige zu Räten zusammenschließen, die aus ihrer praktischen Erfahrung Probleme, wie z.B. Transport, Rohstoffgewinnung, Lagerung und Verteilung der Güter, beraten, beschließen und durchführen. Es leuchtet ebenfalls ein, dass bei einer solchen Organisation, in der HandarbeiterInnen und KopfarbeiterInnen aus ihrer täglichen und fachlichen Erfahrung heraus viel reibungslosere und richtigere Entscheidungen treffen, als irgendwelche studierten TheoretikerInnen an irgendwelchen grünen Tischen, in irgendwelchen staatlichen Zentralen.

Im Folgenden sollen Bruchstück und Teilforderungen aus anarchistischen Kreisen zur zukünftigen Ökonomie benannt werden. Ein umfassender Entwurf ist nicht vorhanden. Das einzige, in den letzten Jahren öfter benannte oder diskutierte Werk war das Buch "Parecon", dem deshalb ein eigener Abschnitt gewidmet werden soll. Es ist schon bezeichnend, dass auch dieses fade Konzept nur eine Übersetzung war. Die deutschsprachige Anarchie bringt noch weniger Theorie hervor. Parecon belegte, wie bürgerlich große Teile der AnarchistInnen sind. Ihre Konzepte appellieren an die Gutmenschen und phantasieren die bessere Welt herbei, wenn alle ein bisschen mehr aufpassen und die Guten regieren.

Markt oder Staat - die falsche Frage

In den seit 1999 neu entfachten Debatten um die Verteilung wirtschaftlicher Macht und gesellschaftlichen Reichtums dominiert der Streit um die Machtbalance zwischen den Konzernen im sogenannten freien Marktgeschehen und des Staates als Regulator und Steuerer. Aus emanzipatorischer Sicht müsste diese Frage hingegen vernachlässigbar sein, denn weder Konzernleitungen noch Regierungen bieten Schutz, gleichberechtigten Ressourcenzugang und eine Mitsprache für die Menschen selbst. Der immer wieder beschworenen VerbraucherInnenmacht fehlt ebenso wie irgendwelche Wahlen der Einfluss, der ihnen propagandistisch zugesprochen wird. Eine anarchistische Theorie müsste also beiden, Staat und Konzernen, den Fehdehandschuh hinwerfen und für eine Machtverlagerung hin zu den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen streiten.
Das geschieht auch, aber sehr, sehr selten. Eine Ausnahme war die Aneignung einer Fahrradfabrik und Produktion des "strike bike". Viel häufiger rufen auch AnarchistInnen, sichtbar mangels eigener Vorschläge und mangels brauchbarer Herrschaftsanalyse, nach mehr Demokratie (oft praktisch gleichbedeutend mit mehr Staat) oder ähneln - trotz gefühlt und verbal in Widerspruch stehend - den LiberalisiererInnen der Wirtschaft.

Etliche AnarchistInnen ticken anders. Sie vertrauen ausgerechnet den zentralen Bausteinen des Kapitalismus. Ähnlich wie bei der demokratischen Kontrolle zeigt sich ein naives Verständnis gesellschaftlicher Vorgänge. Die Wirkungen von Geld, marktförmigem Handeln oder Eigentum werden nicht auf ihre herrschaftsförmigen Wirkungen untersucht, sondern als Mittel betrachtet, die ohne weiteres auch dem Guten dienen können. Banken, Kreditwesen, Wertlogik - für anarchistische Utopien kein Problem?

Im Original: Anarchie und Marktwirtschaft ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wirtschaftstätigkeit und Geld überall
Aus Stehn, Jan (1997): "Manjana. Ideen für eine anarchistische Gesellschaft"
Beachtlich ist, dass diese Vereinigungen sich ausschließlich durch Engagement, von Mitgliedsbeiträgen und Spenden oder durch den Verkauf von Leistungen tragen. ... (S. 9)
Doch in Manjana gibt es zahlreiche Vereine, die alten Menschen und Behinderten eine Rente und Familien ein Kindergeld, weit höher als bei uns, auszahlen. ... Sozialer Ausgleich und ein freies Bildungswesen gehören zu dem Versprechen, das sich die Sozialen AnarchistInnen gegeben haben. Dieses Engagement wurzelt in der Überzeugung, dass Freiheit ohne Solidarität stirbt. Ohne sozialen Ausgleich wächst die Ungleichheit und aus Ungleichheit entstehen Macht und Herrschaft. ...
(S. 10)

Pro Marktwirtschaft, selbst im Detail (z.B. Zinsen)
Aus Stehn, Jan (1997): "Manjana. Ideen für eine anarchistische Gesellschaft"
... auch dort mit Geld gewirtschaftet wird und die Marktwirtschaft in hohem Ansehen steht. ... Nach Überzeugung der Sozialen AnarchistInnen ist die Marktwirtschaft d a s anarchistische Wirtschaftssystem ... Die Marktwirtschaft reguliert sich selbst über freie Vereinbarungen und freien Austausch. ... (S. 12)
Die Sozialen AnarchistInnen lobten mir nicht nur das Geld, sie lehnen auch Konkurrenz, Gewinne und Gewinnstreben nicht ab. ... "Wenn Betriebe überdurchschnittliche Gewinne machen, dann fördern wir die Konkurrenz." ...
Anarchismus verlangt auch in wirtschaftlichen Dingen, verantwortlich für das eigene Tun zu sein. ...
(S. 13)
Demokratische Kontrolle der Wirtschaft

So wie unter AnarchistInnen die Demokratie und insbesondere ihre basisdemokratische Ausprägung viel Unterstützung haben, so ist auch die Hoffnung weit verbreitet, dass in der Wirtschaft alles gut wird, wenn sie demokratisch kontrolliert wird - also die Gesamtheit der beteiligten Menschen die Entscheidungen trifft. Diese aus radikaldemokratischen Kreisen entlehnte Theorie übersieht jedoch, dass immer dann, wenn die Gesamtheit herrscht, die Vielfalt und das Individuum im Gesamten untergehen. Gut erkennbar ist schon an den Vorschlägen selbst: Kontrolle, ob demokratisch oder anders, braucht Kontrollinstanzen.

Im Original: Anarch@s pro demokratischen Kapitalismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wirtschaftstätigkeit und Geld überall
Aus dem "Entwurf" für ein Positionspapier zur Energieversorgung mit Strom und Wärme
erstellt durch die AG „Autonomie braucht Energie“ der FAU-Hannover
Präambel
Die FAU hat nicht nur eine Utopie, wie eine zukünftige Gesellschaft jenseits des Kapitalismus auf Basis von Freiheit, Gleichheit und Solidarität geschaffen werden kann. Auch für die Gegenwart haben wir Visionen mit denen drängende Probleme gelöst werden können. Entsprechend unseren Ideen und Analysen beinhalten unsere Lösungen sowohl Schritte, die wir als Einzelne gehen müssen, als auch politische Forderungen, die nur durch gemeinsames Handeln mit anderen gesellschaftlichen Gruppen und Personen durchgesetzt werden können. ...

Dezentrale Erzeugung
Gerade im für die demokratische Kontrolle und die Unabhängigkeit von zentraler Erzeugung wichtige dezentrale Stromversorgung gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, die bisher noch nicht ausgeschöpft sind. ...
Damit die Erzeugung und Nutzung von Energie wieder demokratischer Kontrolle unterliegt und den Bedürfnissen der VerbraucherInnen und nicht der Profitinteressen unterliegt sind drastische Schritte notwendig. Die Stromerzeugung muss rekommunalisiert werden und die großen Stromkonzerne müssen enteignet werden. Um eine bessere Kontrolle zu erreichen muss als bereits bestehende Form der Organisation, die Genossenschaft gewählt werden. Hier können KonsumentInnen (z.B. End-NutzerInnen der Energie) und ProduzentInnen (z.B. Jene, die Energieversorgung in Form der Anlagen installieren und warten) auf gleichberechtigter Ebene (eine Person - eine Stimme, unabhängig von eventuell geleisteten Einlagen und Arbeit) miteinander in Kontakt stehen. Somit kann auch die Abhängigkeit von kommunalen Politik-Interessen in Form von Parteien oder regionalen Investoren entgegen gewirkt werden. ...


Aus Albert, Michael (2006), "Parecon", Trotzdem Verlag Grafenau
Global soll Gerechtigkeit herrschen statt Armut, Solidarität statt Habgier, Vielfalt statt Konformismus, Demokratie statt Unterordnung, Nachhaltigkeit statt Raubtierverhalten. (S. 8)
So könnte man sie durch eine internationale Kapitalbehörde, eine globale Investitionsunterstützungsbehörde und eine globale Handelsbehörde ersetzen, deren Auftrag es wäre, im Bereich der internationalen Kapital-, Handels- und Kulturbeziehungen für Gerechtigkeit, Solidarität, Vielfalt, Selbstbestimmung und Bewahrung des ökologischen Gleichgewichts zu sorgen. Sie sollten auch anstreben, die Investitions- und Handelsvorteile vorrangig den schwächeren und ärmeren Partnern zukommen zu lassen statt den stärkeren und reicheren. Sie sollten die Rücksicht auf nationale Ziele, kulturelle Identität und gerechte Entwicklung über die kommerziellen Interessen stellen. Sie sollten sich für die Bewahrung der nationalen Schutzgesetze und -regelungen auf den Gebieten Arbeitswelt, Verbraucher, Umwelt, Gesundheitswesen, Sicherheit, Menschenrechte, Tierrechte und anderer gemeinnütziger Anliegen einsetzen und die Länder belohnen, die in dieser Hinsicht die größten Erfolge aufzuweisen haben. Sie sollten schließlich zur Förderung des demokratischen Gedankens beitragen, indem sie demokratisch kontrollierten Regierungen mehr Entscheidungsspielräume verschaffen und - zu Gunsten des Überlebens, Blühens und Wachsens der kleineren Einheiten - die Forderungen der transnationalen Konzerne und der Wirtschaftsmächte im Zaum halten.
... (S. 11 f.)
Unsere Vision einer den Menschen und der Demokratie verpflichteten internationalen Wirtschaftsordnung konkretisierte sich zunächst in den drei vorgeschlagenen neuen Weltbehörden. (S. 14)

Einzelfragen

Anarchistische Gruppen und Einzelpersonen äußern sich auch zu wirtschafts- und sozialpolitischen Einzelfragen. Hier dominieren erneut Blindflecke und vergessenene Themen, zudem sind Vorschläge und Kritiken meist tagespolitischer Art, d.h. sie werden nicht eingebettet in weitergehende theoretische Überlegungen und Konzepte. Immerhin gibt es sie: Die Einmischung per konkreter Forderung, als Kritik und oder Vorschlag zur Veränderung.
Naturgemäß dominieren, entsprechend der Orientierung von Teilen der anarchistischen Strömungen, soziale Themen mit Bezug auf ArbeiterInnen. Vor allem anarcho-syndikalistische Organisationen haben hier Schwerpunkte.

Grundsicherung

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Herrschaft vielfach auf den Entzug von selbstorganisierten Überlebensmöglichkeiten aufbaut. Wo Menschen nicht oder nur schwer selbständig die dazugehörigen materiellen Grundlagen schaffen (z.B. durch Zugriff auf Boden oder andere Produktionsmittel) oder wenigstens erwerben können, sind sie gezwungen, sich den Angeboten anderer zur fremdbestimmten Versorgung zu unterwerfen. Die AnbieterInnen der Versorgung diktieren dabei umso mehr die Bedingungen, wie die sich ihnen unterwerfenden Menschen nur als Einzelne und austauschbar dastehen. In der Regel erhalten die VerkäuferInnen ihrer Arbeitskraft als Gegenleistung der universale Tauschmittel Geld, es sind aber weiterhin auch moderne Formen der Sklaverei und Leibeigenschaft verbreitet, bei denen oft nur eine vorgegebene Unterkunft und Nahrung als "Lohn" herausspringen.
Menschen, die keine andere Chance haben, müssen zur Revolte greifen oder sich mit Haut und Haaren unterwerfen. Sie unterliegen dann einer extremen Form der Beherrschung, die ihre ganze Person einnimmt und kaum Privatheit mehr zulässt. Gegen solche Unterdrückungsformen richtet sich die Idee der Grundsicherung, d.h. einer Garantie der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen unabhängig von der Unterwerfung unter Abhängigkeitsverhältnisse. Eine solche Grundsicherung würde die individuellen Handlungsspielräume erhöhen und hätte - wenn entsprechend gestaltet und nicht mit neuen Kontrollmechanismen verbunden - befreienden Charakter. Allerdings schafft sie gleichzeitig eine Legitimation für den Garanten der Grundsicherung, als der in allen vorliegenden Konzepten der Staat vorgesehen ist. Für eine antistaatliche Theorie wie den Anarchismus ist das ein Widerspruch, der einer Grundsicherung daher den Rang eines Reformschrittes zuweist, der zu mehr führen muss - nämlich zu einem gleichberechtigten Zugriff auf alle gesellschaftlichen Ressourcen in freien Vereinbarung. Nur leider fehlt es dem meisten AnarchistInnen an gesellschaftlicher Theorie, so dass sozial- und wirtschaftspolitische Forderungen, wenn sie nicht sogar ganz ausbleiben, auf Einzelvorschläge reduziert bleiben und oft staatslegitimatorischen Charakter annehmen.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 187, mehr Auszüge)
Brot ist mit Verlaub "heiliger“ als priesterlicher Segen; Alltagskleider "gesegneter" als kirchliche Gewänder; der persönliche Wohnraum spirituell wichtiger als Kirchen und Tempel; das bessere Leben auf Erden ist segensreicher als das im Himmel verheißene. Die Lebensgrundlagen müssen als das gelten, was sie buchstäblich sind: Grundlagen, ohne die das Leben unmöglich ist. Sie Menschen vorzuenthalten, ist schlimmer als "Diebstahl" (um Proudhons Bezeichnung für Eigentum zu gebrauchen); es ist schlechterdings Totschlag.

Allerdings ist das nicht überall so. Vielmehr schlagen die bis ans marktliberale heranreichenden Theorien (oder was mensch mangels vorhandener Theorie zu solcher erklärt) auch hier durch. Zum Teil zeugen die Texte von regelrechtem sozialrassistischen Hass auf LeistungsverweigerInnen.

Im Original: Ohne Fleiß kein Preis ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Peter Kropotkin: "Die Eroberung des Brotes", Trotzdem Verlag in Grafenau
Alles soll allen gehören! Vorausgesetzt, daß Mann und Weib die ihnen mögliche Arbeit liefern, haben sie ein Recht auf den ihren Bedürfnissen entsprechenden Teil des Gesamtprodukts.

Vorschlag aus "Parecon" (mehr Zitate unten)
Wer mehr verdienen will, muss eben länger oder härter arbeiten. ... (S. 17)
Entlohnung je nach persönlichem Bedarf. Doch so gut sich diese Norm anhört, sie hat eigentlich gar nichts mit ökonomischer Gerechtigkeit zu tun, sondern zählt zu einer anderen Kategorie - der des Mitgefühls. Unter moralischen Wertaspekten kann die reine Gerechtigkeit nicht das letzte Wort sein. ... (S. 43)
Eines ist allerdings klar: Es hätte natürlich keinen Zweck, die Einkommensgerechtigkeit und das Mitgefühl so weit zu treiben, dass die Produktion zusammenbricht oder andere unerwünschte Nebeneffekte uns das Leben erschweren. ... (S. 44)
Das hört sich etwas abgehoben an, doch stellen wir uns mal vor, ich wäre auf einer einsamen Insel gestrandet, mit mir 50 andere Schiffbrüchige. Das Schiff hätte Spielzeug geladen, von dem wir einiges retten konnten. Die Leute könnten am Traumstrand schwimmen gehen, sie könnten sich mit Spielen oder Musik die Zeit vertreiben, Beziehungen aufbauen, Gedichte schreiben, die Natur erforschen etc. Andererseits müssten wir auch Unterkünfte errichten, Nahrungsmittel anpflanzen, Trinkwasservorräte anlegen, Feuerstellen hüten etc. Zur Wahl stünden also eintönige Schwerarbeit oder aber Spaß und Muße.
Und jetzt meine ganz persönlichen Erwartungen: Ich brauche für mich ein Dach über dem Kopf, Lebensmittel und Trinkwasser, neuwertige Kleidung sowie eine kostbar geschnitzte Flöte. Meine Gesundheit, mein Glück, mein Lebenssinn - alles hängt davon ab, ob ich diese Dinge bekomme oder nicht. Ich brauche das einfach. Arbeiten mag ich aber auch nicht, weder an der Herstellung dieser Sachen noch anderswo. Ich mag viel lieber schwimmen und herumhängen, als mich tagtäglich mit solchen Pflichten zu befassen. Ich brauche sehr viel Freizeit. So bin ich eben.
Niemand wird ernsthaft glauben, ich käme mit dieser Erwartungshaltung durch. Doch was soll mit der Forderung, ich m üsse in jedem Fall alles bekommen, was ich benötige, anderes gemeint sein, als dass solche Ansprüche auch legitim wären? Ich hege den Verdacht, man meint in Wirklichkeit: Klar, du bekommst was du brauchst, aber du musst auch eine faire Gegenleistung in Form von Arbeit liefern, und du benötigst auch nicht was du sagst, sondern was im Licht dessen, was du sagst, die Gesellschaft dir zugesteht. Wenn aber dies so ist, dann ist die Forderung nach Bedürfnisbefriedigung ohne Arbeitsbezug nichts als dummes Gerede.
Außerdem ist diese Forderung nicht nur die Produktmenge betreffend utopisch - nicht alle können alles kriegen. Es wäre auch alles andere als gerecht, die Bedürfnisse Arbeitsfähiger, die nicht arbeiten, zu belohnen. Es würde auch nichts nützen, sich immer fair und gerecht verhalten zu wollen ...
(S. 274 f.)

Parecon-Autor Michael Albert in einem Interview
Wirtschaftsgerechtigkeit, das sei, wenn man im Verhältnis zu seiner Anstrengung, bzw. zu den erbrachten Opfern, belohnt wird.

Aus "Utopie - ein Vorschlag" der Utopie-AG/Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (1995, S. 24)
Grundsätzlich ist es doch gerecht, daß jemand, der viel und gut arbeitet, auch mehr verdient.
Arbeit

Interessant sind einige Theorieansätze und Vorschläge aus anarchistischen Kreisen zur Neuorganisierung der Arbeit insgesamt. Hier zeigt sich mitunter das Besondere des Anarchismus, der von seinen Grundlogikgen hier eine Ablehnung nicht nur eines auf Profit und Verwertung ausgerichteten Wirtschaftens, sondern auch eines dirigistischen Staates darstellt.

Im deutschsprachigen Raum hat das Modell der "5-Stunden-Woche" von Darwin Dante eine größere Bedeutung errungen. Danach wird heute die meiste Arbeitskraft in Bereichen eingebracht, die keine für das menschliche Leben notwendige oder förderliche Produktivität darstellten. Kapitalismus (und sicher auch andere Wirtschaftssysteme) sind damit alles andere als effizient, sondern folgen den Zwängen zu Profit, Profitabilität und ständiger Verwertung aller Dinge und allen Lebens. Dabei werden Mensch und Natur zu reinen Waren, die möglichst kostengünstig auszubeuten sind. Das System beruht nicht auf Freiwilligkeit, sondern auf Kontrolle, Strafe, Entzug von Alternativen und Garantie von Privilegien sowie der formalen Absicherung ungleichen Zugriffs auf Ressourcen und Produktionsmittel. Die Aufrechthaltung all dieser Herrschaftsbeziehungen und -verhältnisse verbraucht ungleich mehr Produktivkraft als die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen für das Leben der Menschen selbst.
Es ist folglich eine einfache mathematische Sache, dass schon Überwindung kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse, noch mehr die Überwindung aller Herrschaftsformen viel Zeit und Kraft freisetzen würde, so dass, wenn zukünftig Freiwilligkeit statt Zwang vorherrschen, keine Sorge bestehen braucht, dass die für Überleben und gutes Leben notwendigen Tätigkeiten verrichtet würden. Im Gegenteil: Der menschlichen Schaffenskraft und Kreativität würden etliche Bremsen entzogen, wenn z.B. Neuerungen in der Gestaltung von Arbeitsabläufen, innovative Techniken usw. nicht mehr unter dem Zwang der Profitabilität stehen, sondern sich an freiem Willen oder Bedürfnissen orientieren.

Im Original: Produktivkraftverschwendung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Produktivkraft wäre da, wird aber verschwendet
Aus Schandl, Franz: "Die Welt sich vorstellen ohne Geld und Markt", in: Freitag, 11.4.2004 (S. 5)
Hierzulande dürften wohl an die 90 Prozent aller Verausgabung von Arbeitszeit direkt oder indirekt dem kapitalistischen Rechnungswesen (Buchhaltung, Verkauf, Auspreisung, Kalkulation, Abrechnung, Werbung, Versicherung, Banken, Mahnwesen, Münzprügung, Gelddruck) geschuldet sein. Emanzipation meint ein Arbeitsentsorgungsprogramm ungeheuren Ausmaßes. Dieses Potenzial wird frei und steht anderweitig zur Verfügung. Imagine!

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 196, mehr Auszüge)
Ich muß aber unzweideutig klarmachen, daß man größten Wert auf arbeitsersparende Geräte legen wird - seien es nun Computer oder automatische Maschinen - um die Menschen von unnötiger Plackerei zu befreien und um ihnen den zeitlichen Freiraum dafür zu sichern, an sich selbst als Einzelwesen und als Bürger zu arbeiten. Wenn neuerdings vor allem die amerikanische Umweltbewegung den Einsatz von arbeitsintensiven Technologien fordert, offenbar um auf den Knochen der arbeitenden Klassen Energie zu "sparen", so ist dies eine skandalöse, selbstgerechte Anmaßung der Mittelschichten. Diese Professoren, Studenten, Akademiker und der ganze übrige gemischte Salat der Leute, die diese Ansichten vertreten, sind meist solche, die noch nie in ihrem Leben gezwungen waren, einen mühsamen Arbeitstag etwa in einer Gießerei oder am Fließband einer Automobilfabrik hinter sich zu bringen. Ihre eigenen arbeitsintensiven Aktivitäten haben sich meistens auf ihre "Hobbies" beschränkt, die allenfalls Joggen, Sport und erholsame Wanderungen in Nationalparks und Wäldern einschließen. Ein paar Wochen heiße Sommerwochen in einem Stahlwerk würde sie schnell von der Vorliebe für arbeitsintensive Industrien und Technologien heilen.

Das Genannte gilt aber nicht immer und überall. Einer der aktuellsten unter den umfassenden und auch in anarchistischen Spektren angesehenen Vorschläge für ein vermeintlich anderes Wirtschaften schlägt unter dem Stichwort "partizipatorische Ökonomie" (Parecon, siehe Extraabsatz unten) wieder nichts anderes als Steuerung und Verteilung vor, ohne das gewaltige Herrschaftspotential in solchen Vorgängen zu erfassen. Wie üblich steckt hier ein blinder Glaube an eine irgendwie geartete bessere Obrigkeit hinter dem Gesamtmodell. Der Akzeptanz in anarchistischen (und auch anderen, z.B. politisch "linken" Kreisen und NGOs) tat das keinen Abbruch. Vielleicht war die Begrenztheit sogar förderlich, weil fehlende Herrschaftsanalysen hier mindestens üblich, wenn nicht sogar gewollt sind, um nicht allzustark auf Konfliktkurs mit Hierarchien und den zur Zeit Herrschenden zu geraten.

Zuteilung von Arbeit ja, aber etwas netter!
Vorschlag aus "Parecon" ... vermeintlich ein aktuelles anarchistisches Werk (mehr Zitate hier ...)
Daher soll jeder arbeitenden Person - also jedem, der zum Sozialprodukt beiträgt - ein Bündel verschiedener Tätigkeiten zugewiesen werden. Diese Tätigkeitsbündel sind so gestaltet, dass im Durchschnitt für jeden die gleiche Arbeitsplatzqualität gilt. (S. 16)
Wer mehr verdienen will, muss eben länger oder härter arbeiten. (S. 17)
Wer aber stellt die Tätigkeitsbündel gerecht zusammen, und wer bewertet den Grad des Einsatzes - und entscheidet somit über die Bezahlung? Das machen die Arbeiter natürlich selbst, und zwar in ihren Räten. (S. 17)

Arbeit einschließlich fremdbestimmter Erwerbsarbeit wird in vielen Zusammenhängen nicht grundlegend, sondern nur in seinen konkreten Ausformung kritisiert, obwohl diese nichts Anderes sind als die erwartbare Folge eines Systems von Abhängigkeiten, Zwang und Entzug von Alternativen. Dennoch sind profitable Betriebe, Arbeit und Herstellung von Waren für den Verkauf im Markt selten theoretisch hinterfragt und auch Praxis in den meisten anarchistischen Projekten, z.B. Kommunen. Der Arbeitsethos kam zu neuen Weihen ...

Im Original: Maloche ja, aber in kollektiven Betrieben? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Michail A. Bakunin (1873): Staatlichkeit und Anarchie (S. 639)
Kooperation in jeder Gestalt ist zweifellos die rationale und gerechte Form der zukünftigen Produktion. Um aber ihr Ziel erreichen zu können - die Befreiung der arbeitenden Massen und ihre volle Entlohnung und Zufriedenstellung - ist es unerläßlich, daß Land und Kapital in jeder Hinsicht zum Kollektivbesitz gemacht werden.

Erich Mühsam: Alle Macht den Räten. Aus: Fanal Nr. 3 / 1930 (5. Jahrgang)
Die Organisation von den Arbeitsstätten und Arbeitsbeziehungen aus, das ist die politische und wirtschaftliche Gesellschaftsform der Anarchisten, das ist die staatlose, die dem Staat entgegengesetzte Gesellschaftsform der Anarchie. [...] Die alten politischen Systeme würden also ersetzt werden durch die Repräsentation der Arbeit.

Kritik an hoher Bewertung der Arbeit als solcher
Aus Wicht, Cornelia (1980): "Der Ökologische Anarchismus Murray Bookchins", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt (S. 29)
In dem Maße, wie die Anzahl der Industriearbeiter im Verhältnis zu anderen sozialen Klassen zunahm, wurde der Arbeit - genauer gesagt, der mühevollen Arbeit - auch im revolutionären Denken ein höherer, positiver Wert zugemessen. Diese puritanische Arbeitsethik der Linken ging im Laufe der Zeit nicht zurück, sie bekam sogar in den 20er Jahren einen gewissen Nachdruck. Die Massenarbeitslosigkeit machte den Arbeitsplatz und die soziale Organisation der Arbeit zu einem zentralen Thema der sozialistischen Propaganda. Der Sozialismus wurde gleichgesetzt mit einer auf Arbeit beruhenden Gesellschaft.

Peter Kropotkin: Die Eroberung des Brotes. Trotzdem Verlag in Grafenau
Das Recht auf Wohlstand ist die soziale Revolution, das Recht auf Arbeit ist günstigstenfalls ein industrielles Zuchthaus.


Peter Kropotkin: Die Eroberung des Brotes. Trotzdem Verlag in Grafenau
Das Lohnsystem hat seinen Ursprung in der persönlichen Aneignung des Grundes und Bodens und der Arbeitsinstrumente durch einige wenige. Es war dies eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der kapitalistischen Produktion. Das Lohnsystem wird mit dieser verschwinden, selbst wenn man es unter der Form von „Arbeitsbons“ wird vermummen wollen.

Aus Robert Kurz: Antiökonomie und Antipolitik
... brachten die alte Genossenschaftsbewegung seit dem 19. Jahrhundert ebenso wie die sogenannte Alternativbewegung der Neuen Linken seit den späten 70er Jahren wie aus dem Lehrbuch des Marxismus tatsächlich all das hervor, was ihnen die Politikaster und Staatsplanungs-Fetischisten immer schon vorgeworfen hatten: massive Kleinbürgerlichkeit und Klitschenmentalität, Abwendung von jeder gesamtgesellschaftlichen Perspektive, technologische Rückständigkeit und Selbstausbeutung, Verblödung des Landlebens; schlielich Rückkehr in den Schoß der bürgerlichen Gesellschaft qua Bankrott oder qua kapitalistische "Professionalisierung".
Was zurückblieb, waren im Fall der älteren Arbeiterbewegungs-Genossenschaften stinknormale kapitalistische Konzerne wie Co-op oder Neue Heimat, die sich bekanntlich durch besondere Anfälligkeit für Korruptionsskandale blamierten. Die Reste derjüngeren Alterantivbewegung dagegen besetzten hauptsächlich Marktnischen im Kasinokapitalismus durch handwerkliche Luxusproduktion für eine betuchte Honoratiorenkundschaft, durch Edel- und Ethno-Gastronomie, Kultur- und Sozialarbeitsklitschen (kommerziell oder am Staatstropf) usw. Hier hat sich ein klassisches Mittelstands- und neues Spießbürgerpotential übelster Sorte zusammengebraucht, das entweder den keynesianstischen Umverteilungsgeldern hochkonkurrent nachjammert oder gar längst wieder "stolz" aus sein "selbsterarbeitetes" und selbsterrafftes Kleineigentum ist, protestantischen Arbeitsmasochismus pflegt und politisch zwischen kommunaler SPD-Mafia und grünen Realos angesiedelt ist. Daraus kann auch noch bei weitergehender Krise ein Zulauf für den rechtsradikalen oder "linken" Sozialnationalismus kommen. Zwar gibt es unter den Resten der Alterantivbewegung auch Menschen, die sich ihren emanzipatorischen Anspruch und die radikale Gesellschaftskritik nicht abgeschminkt haben, aber sie finden dafür in ihrem eigenen Milieu keinen sozialen Boden mehr. ...
Alternativbewegung der 70er und 80er Jahre ... die damaligen Vorstellungen einer "anderen Produktions- und Lebensweise" waren durchwegs mit einer reaktionären "Kritik der Produktivkräfte" verbunden. Mikroelektronik, Computer und Potentiale er Automatisierung in der industriellen Produktion wurden verteufelt. Diese Produktivkraftkritik konnte und wollte die Frage der sozialen Emanzipation nicht an die Aufhebung der "abstrakten Arbeit" binden, sondern umgekehrt an deren Rückführung auf ein historisch tieferes Niveau. Damit blieb die Alternativbewegung aber auch dem System der "Arbeitsplätze" verhaftet; sie ergriff die Partei der (vermeintlich alternativ und sozial befriedigend auszugestaltenden) "Arbeit" gegen die vom Kapitalismus hervorgebrachten Produktivkräfte. Auf diese Weise wurde sie sogar kompatibel mit konservativen und kulturpessimistischen Ideologien, die schon seit dem späten 18. Jahrhundert etwas in Gestalt der literarischen, politischen und sozialökonomischen Romantik das Rad der Geschichte zurückzudrehen versuchten. In den meisten Fällen wurde dabei nur innerhalb der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte irgendein früherer Entwicklungsstand pnatasmatisch verlärt und in eine "schwarze", reaktionäre Utopie verwandelt.
Eigentum

Eine merkwürdige Blindstelle zeigen viele anarchistische Texte in Sachen Eigentum. Obwohl diese Gesellschaft stark auf dem Eigentumsprinzip aufbaut und sich wesentliche Teile der Zwangsapparate nur mit deren Sicherung und Akkulumation beschäftigen, wird Eigentum oft nicht als Problem an sich, sondern nur in seiner konkreten Form z.B. allzu großer Reichtumsunterschiede problematisiert.

Im Original: Pro Eigentum ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Dogma plus Naivität: Gewaltfreiheit repektiert Eigentum
Aus Stehn, Jan (1997): "Manjana. Ideen für eine anarchistische Gesellschaft"
Die sozialen AnarchistInnen haben fünf Gebote für ein herrschaftsfreies Nebeneinander unterschiedlicher Ideen aufgestellt
  • keine Gewalt gegen Menschen und deren Eigentum
  • keine gravierende Ungleichheit in der Eigentumsverteilung ...
Weil jeder Mensch ein Recht auf Eigentum hat, wird gravierende Eigentumsungleichheit - wie wir sie etwa in unserer kapitalistischen Gesellschaft kennen - in Manjana nicht akzeptiert. Die AnarchistInnen schützen das Recht auf Eigentum, soweit es nicht in solchem Umfange angehäuft wird, dass andere dadurch arm an Eigentum werden. (S. 6)

Pro Kapitalakkumulation - Kreditanstalten sammelt private Produtionsmittel ein
Aus Stehn, Jan (1997): "Manjana. Ideen für eine anarchistische Gesellschaft" (S. 17)
Ein Unternehmen, das keine wirtschaftliche Perspektive mehr hat, tut gut daran, seinen Kapitalkredit zu kündigen. Das ist jederzeit mit einer Frist von einigen Monaten möglich. Anders als bei einem Bankkredit brauchen die UnternehmerInnen ihren Kredit nicht geldlich zurückzahlen. Ihre Kreditschuld gilt getilgt, wenn sie ihr Unternehmen, also Grundstücke, Gebäude, Produktionsmittel, Warenlager, Kasse usw. der Genossenschaftsbank übergeben.

Aber Zweifel: Kollektiveigentum und "alles soll allen gehören" gleichgesetzt!
Peter Kropotkin: Die Eroberung des Brotes. Trotzdem Verlag in Grafenau
Unter der Gefahr des Untergangs sind die menschlichen Gesellschaften gezwungen, auf folgende Fundamentalprinzipien zurückzukommen: die Produktionsmittel müssen als Kollektivprodukt der Menschheit wieder in Kollektivbesitz der Menschheit gelangen; (...) alles soll allen gehören, da alle dessen bedürfen, da alle nach Maßgabe ihrer Kräfte den Reichtum haben schaffen helfen, und da es faktisch unmöglich ist, den Anteil zu bestimmen, der in der gegenwärtigen Produktion einem jeden zufallen könnte.

Ein seltenes Gegenbeispiel lieferte das Buch bolo'bolo, ohnehin einer der wenigen romanhaften Zukunftsentwürfe, in dem tatsächlich auf Kontroll- und Steuerungsstrukturen verzichtet wird. Mensch mag ihn im Detail als mehr oder weniger gelungen ansehen, aber immerhin ist ein Versuch.
Das gilt auch für die Eigentumsfrage. Statt Wischi-waschi-Aussagen über irgendwie bessere Steuerung durch Räte voller gutwilliger Menschen oder, wie im Marxismus sehr beliebt, die Vergesellschaftung zu fordern, ohne zu erklären, wer oder was eigentlich denn diese Gesellschaft als Eigentümerin ist, entwirft P.M. frech ein Modell: Jede Person hat eine Kiste - das taku. Was da reinpasst, ist der eigene Besitz. Niemand anders darf an die Kiste. Was nicht mehr reinpasst. gehört allen und ist hinsichtlich der Nutzung immer Gegenstand freier Vereinbarung ohne Privilegien. Soll etwas Neues rein und es fehlt der Platz, muss etwas Anderes raus.
Daneben gibt es wenig aktuelle anarchistische Texte, die Eigentum klar ablehnen. Der Satz "Eigentum ist Diebstahl", ja aus anarchistischer Quelle stammend, ist heute vergessen oder zum plakativen Slogan für die typischen Demonstrationsblöcke verkommen, in denen Lautstärke die Inhalte ersetzt.

Am 27.4.2012 fand sich in der FR eine Doppelseite zum Thema Urheberrecht. Für das Eigentum und die Verwertbarkeit von Wissen sprachen sich zwei Personen aus. Andere bezogen die Gegenposition. BefürworterInnen von Eigentum und Verwertung waren Dota Kehr ("Kleingeldprinzessin") und Lutz von Schulenburg, Chef des "anarchistischen" Verlag Nautilus. Peinlich.

Im Original: Eigentumsbehälter in bolo'bolo ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus P.M.: "bolo'bolo" zu taku (Quelle)
Jedes ibu bekommt von seinem bolo einen Behälter aus solidem Material (50x50x100 cm), über dessen Inhalt es als sein exklusives Eigentum verfügen kann.
Geld, Zinsen und Co.

Da überrascht nicht, wenn AnarchistInnen auch noch das Geld loben. Das sei ein "ideales Instrument" zur Selbstbestimmung. Als Basis scheint immer wieder das Eigentumsrecht durch: Das Recht auf Handel (mit Geld) ergebe sich als Folge der uneingeschränkten Bestimmungsgewalt über das Eigentum.

Im Original: Geld macht frei - Anarchie und der schnöde Mammon ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Stehn, Jan (1995): "Eine Struktur für die Freiheit"
Zum Recht, frei über den Ertrag der eigenen Arbeit zu verfügen, gehört auch das Recht sich mit anderen auszutauschen. Geld ist ein ideales Instrument, mit dem Menschen ihre Austauschverhältnisse zueinander selbstbestimmt und unkompliziert gestalten können. Die Prinzipien und Regelungen, nach denen Menschen sich austauschen, sind offen und selbstbestimmt.
Geld ermöglicht, Menschen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, ohne daß der Verwendungszweck fest gelegt ist.

Pro Marktwirtschaft, Geld und Zinsen
Aus Stehn, Jan (1997): "Manjana. Ideen für eine anarchistische Gesellschaft"
"Geld erst ermöglicht unser Leistungen ohne direkte Gegenleistungen zu tauschen", sagten mir meine manjanischen Freunde. "Wo wir geben, müssen wir nicht zugleich nehmen, und wo wir nehmen, müssen wir nicht geben. Das Geld verbindet uns in der Gesellschaft miteinander und lässt doch den einzelnen frei über sein Geben und sein Nehmen, über seine Arbeit und seinen Konsum entscheiden."
Die Sozialen AnarchistInnen lobten mir nicht nur das Geld, sie lehnen auch Konkurrenz, Gewinne und Gewinnstreben nicht ab. ... "Wenn Betriebe überdurchschnittliche Gewinne machen, dann fördern wir die Konkurrenz." ... (S. 13)
Die Zinsen schaffen Anreiz, sparsam mit Kapital umzugehen. Manjana ist keine rechte Gesellschaft, viele Dinge müssen mit einfachen, arbeitsintensiven Mitteln erledigt werden. Die Genossenschaften setzen die Zinsen so hoch (oder so niedrig), dass ihr Angebot an Kredit der Nachfrage entspricht. (S. 14)

Aus dem Kapitel "Der Kapitalrat - die Monopolbank der Gesellschaft", in: "Utopie - ein Vorschlag" der Utopie-AG/Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (1995, S. 26)
Das Privatgeldkonto: Auf dieses Konto wird mein Arbeitsverdienst überwiesen, eventuell ein Einkommenszuschuß und unabhängig von meinem Einkommen, meine Rente, falls mir eine solche zusteht.

An anderen Stellen gehört die Abschaffung des Geldes zu den Versuchen alternativer Ökonomie. Doch auch hier zeigt sich, dass zentrale Mechanismen kapitalistischer Wirtschaft nicht erfasst und analysiert werden. Denn ein zentrales Problem, welches Geldflüsse nach sich zieht und durch diese in konkrete Form gebracht wird, ist die Wandlung aller Sachwerte und menschlichen Fähigkeiten in Waren. Ihnen wird ein Wert zugeordnet, der sie kauf- und verkaufbar macht. So wandelt wirtschaftliches Geschehen alles in Werte, freigegeben zum Handeln mit ihnen.
Dieses Prinzip wird nicht abgeschafft, wenn die Währung wechselt - also weder durch regionale Währungen noch durch eine Umstellung auf Zeit als Währungseinheit. Damit werden zwar die Parameter von gerechter und ungerechter Verteilung verschoben, es entstehen neue Arme und Reiche, aber das Prinzip wird nicht aufgehoben.

Im Original: Anarchistisch bezahlen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Kompliziertes Tauschen, unsichtbare Ordnungskräfte, nebliges Heilversprechen
Aus Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers (S. 24)
Der Wert der Produkte ist unveränderlich, er wird durch die dafür erbrachte Arbeit, gemessen in Zeit, bestimmt. Dabei wird ein allgemeiner Durchschnittswert für das jeweilige Produkt errechnet und zugrundegelegt. Gebrauchswert und Tauschwert sind somit in dieser auf Nützlichkeit ausgerichteten Produktion identisch, ebenso wie Produktion und Konsumption, es herrscht weder Mangel noch Überproduktion. Wo eine Sache eine natürliche Seltenheit besitzt, sorgt die Gesellscahft dafür, daß alle daran teilhaben können. Der Geldverkehr wird abgeschafft, im Tausch handelt man Produkt gegen Produkt. Die Werte sind somit nach Proudhon einer beständigen Zirkulation unterworfen, was jegliche Anhäufung von Mehrwert unmöglich macht. Jeder Produzent/jede Produzentin erhält den gleichen Lohn, der Anteil bestimmt sich aus der Summe des Arbeitsertrags dividiert durch die Anzahl der ProduzentInnen. Jede Person verrichtet die Arbeit, für die sie das meiste Talent hat, ohne dadurch einen unterscheidlichen gesellschaftlichen Stellenwert einzunehmen.
Technikkritik

Das Verhältnis zur Technik unter den AnarchistInnen scheint gegensätzlicher kaum sein zu können. Während einige diese komplett ablehnen und vom Leben in Einklang mit der Natur träumen, bejubeln andere die Technik als neue Ausgangsbasis für eine Befreiung des Menschen aus der Fremdbestimmung der Lohnarbeit. Platt sind oft beide einschließlich vieler Zwischen- und Nebenformen solcher Ideologie. Denn das macht die Schnittmenge vieler Auffassungen zur Technik aus: Es fehlt der Blick durch die Herrschaftsbrille. Die Frage nach emanzipatorischer und antiemanzipatorischer Wirkung wird selten gestellt.

Technik pauschal als Chance oder Gefahr zu werten, ist zu wenig für einen emanzipatorischen Ansatz. Die entscheidenden Fragestellungen sind, ob sie eine Befreiung in Gleichberechtigung der Menschen fördert oder die Herrschaftsverhältnisse stärkt. Dazu findet sich ein Text "Mensch - Natur - Technik" in der Sammlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen". Hier klaffen - zumindest im deutschsprachigen Raum - riesige Lücken. Es dominieren unpolitische Positionen der Art "Atomkraft schlecht, Windkraft gut" oder ähnlich.

Die am weitesten entwickelte der neuen Debatten über Herrschaft und Befreiung lief (und läuft zum Teil noch) im Zusammenhang mit freier Software. In den Organisierungsprinzipien von Betriebssystemen, Programmen, Treibern und mehr wurde die Keimzelle für mehr gesehen. Nach einiger Zeit erschienen Bücher und Abhandlungen über mögliche Perspektiven über den Softwarebereich hinaus. Leider ebbte diese Diskussion wieder ab. Freie Software ist heute zu einer Normalität geworden, die bis in Regierungsetagen Bedeutung gewonnen hat. Ihre ProtagonistInnen beraten heute Konzerne, Polizei und Staatsanwaltschaften, während das Ringen um Befreiung und Gesellschaftsgestaltung stark nachgelassen hat.
In einigen politischen Bewegungen gibt es kleine Strömungen, die emanzipatorische Ideen in den politischen Widerstand einzubringen zu versuchen. Dazu gehört die Idee des "Umweltschutz von unten" oder die "emanzipatorische Gentechnikkritik".

Literaturempfehlung: Reader "Technik für ein gutes Leben oder für den Profit?"
Ein Büchlein zu Technik und Technikkritik mit Diskussionsbeiträgen zur Kritik am Allheilmittel Technik und emanzipatorischen Perspektiven jenseits des Primitivismus. Themen: Technik als Werkzeug ++ Debatte um Technikkritik ++ Was wäre emanzipatorische Technik? ++ Perspektiven.
A5, 114 S., 4 Euro, ISBN 978-3-86747-049-0 ++ Mehr Infos ++ Download als PDF

Die Schnittstellen zu Marktwirtschaft und Bürgerlichkeit

Aus den Überschneidungen zwischen anarchistischen und bürgerlichen, mitunter sogar zu marktliberalen oder demokratiefetischistischen Kreisen entwickelt sich ideologische Nähe. Blindflecke dehnen sich aus, der analytische Blick trübt sich immer mehr ein. Im Ergebnis weiten sich die Übereinstimmungen, die zunächst aus gesellschaftstheoretischer Unschärfe entstehen, zu Ähnlichkeiten aus, die kaum noch einen Unterschied zwischen anarchistischen Entwürfen und bürgerlichen Realitäten erkennen lassen. Als zusätzliche Klammer wirken ähnliche Lebensweisen - es sind die in jungen Jahren leicht aufmüpfigen und sanft bis radikal anarchischen Kinder des BildungsbürgerInnentum, die auch die nächste Generation dieser stark rechtsstaatsgläubigen, auf typische Gutmenschenideale wie Gerechtigkeit und Demokratie bilden. Fehlende inhaltliche Füllung macht es einfach, völlig konträre Gesellschaftsmodelle wie Demokratie und Anarchie in den nebulösen Gedankenwelten zusammenzubringen oder Gerechtigkeit als Ideal zu empfinden, obwohl gerecht je nach Blickwinkel schlicht alles sein kann - bis zum Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die Nähe bürgerlicher und aus solchem Denken stammender anarchischer Ideen ist auch in Texten über mögliche Zukünfte zu erkennen, wenn Besitzrecht als notwendig und die Marktwirtschaft als "ideale Form der Vernetzung in einer freien Gesellschaft" abgefeiert wird.

Im Original: AnarchistInnen für bürgerliche Ideale ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus "Utopie - ein Vorschlag" der Utopie-AG/Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (1995)
Individuelle Freiheit braucht privates Besitzrecht. ... Unter bestimmten Bedingungen ist die Marktwirtschaft geradezu die ideale Form der Vernetzung in einer freien Gesellschaft. ... (S. 10)
In meiner Utopie setze ich auf die Kraft der Wirtschaftgemeinschaft, die ich für die freiheitlichste Form der Gemeinschaftsbindung halte.
(S. 55).

Fiktives Interview mit Menschen, die schon in der zukünftigen Utopie leben (im gleichen Heft, S. 24 ff.)
Karl: Wir erwarten nicht, daß jeder Verantwortung für ein Unternehmen tragen will. Jedem steht es frei, sich direkt bei einem Unternehmen anstellen zu lassen und mit Lohnarbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Auch in unserer Bäckerei tragen wir zu viert die Verantwortung für das Unternehmen als ganzes und drei weitere sind angestellt, d.h. sie erhalten einen festen Lohn und sind nur für ihren Arbeitsbereich verantwortlich.
Frage: Gibt es also auch bei euch weiterhin zwei Klassen: diejenigen, die ein Unternehmen leiten, und diejenigen, die in Lohnarbeit tätig sind?
Erika: Menschen sind verschieden und wir akzeptieren, daß es Menschen gibt, die Interesse und Fähigkeiten haben, ein Unternehmen zu leiten, und Menschen, die das nicht wollen oder nicht können. ...
Frage: Trotzdem gilt in eurem Wirtschaftssystem weiterhin das Leistungsprinzip: Je nach wirtschaftlichen Erfolg verdienen die einen mehr, die anderen weniger. Werden dadurch nicht wieder Menschen wirtschaftlich an den Rand gedrängt?
Erika: Grundsätzlich ist es doch gerecht, daß jemand, der viel und gut arbeitet, auch mehr verdient. Wir vom Kapitalrat bemühen uns allerdings, daß die wirtschafltichen Unterschiede nicht zu krass werden. Wir ermutigen die Betriebe, von den Konzepten der wirtschaftlich erfolglichen Unternehmen zu lernen, und weisen Unternehmensneugründer auf die Wirtschaftsbereiche hin, in denen gute Gewinne gemacht werden. ...
Mit dem 'Startgeld', das jeder Mensch zwischen seinem 21. und 27. Lebensjahr ausgezahlt bekommt, läßt sich bei sparsamer Lebensführung gut neun Jahre ohne Arbeit leben. Darüber hinaus hat niemand, der arbeitsfähig ist, das Recht, auf Kosten anderer zu leben. ...
Wenn die Löhne sinken, werden die Menschen, die noch über ihr Startgeld verfügen (also vor allem die jüngeren), es bevorzugen vorübergehend von diesem Geld zu leben, als für einen niedrigen Lohn zu arbeiten. Andere werden es vorziehen, statt abhängig-beschäftigt zu arbeiten, selber ein Unternehmen zu gründen. Die (zeitweisen knappen) Arbeitsplätze werden diejenigen erhalten, die darauf angewiesen sind, weil sie keine Alternative haben.
Anarch@s als VorreiterInnen der Monetarisierung von Umweltschutz

Die hohe Kompatibilität einiger anarchistischer Strömungen mit moderner Bürgerlichkeit zeigt auch der von ihnen mitgetragene Wandel der Umweltschutzbewegung von der auf BürgerInnenbeteiligung ausgelegten BI-Zeit (70er und 80er Jahre) zu einer auf moderne, hochprofitable Wirtschaftstätigkeit ausgelegten Ansammlung von Firmen, Geldanlagevermittlung usw. In der alten Umweltliteratur und -debatte nahmen anarchistische Kreise immer eine Gegenposition zu Modellen z.B. der Vordenker Herbert Gruhl, dem Club of Rome und anderen konservativen Zirkeln ein. Inzwischen haben sich alle Flügel weitgehend konfliktfrei auf dem Sektor öko-marktwirtschaftlicher Ideen getroffen. Im Begriff der Nachhaltigkeit vereinigten sich die Strömungen. Gut sichtbar wurde diese von einer analytischen Betrachtung der Herrschaftsförmigkeit moderne Ökokonzepte völlig befreite Phalanx des Öko-Gutmenschen in der Debatte um den Schutz des Klima. Nur sehr kleine Kreise wehrten sich gegen die Idee, durch Luftverschmutzungsrechte die Atmosphäre kauf- und verkaufbar zu machen. Immerhin waren es erkennbar anarchistisch geprägte Kreise, die die Kritik überhaupt noch aufrecht erhielten - das Bündnis Risingtide aus dem anglo-amerikanischen Raum und niederländischen AktivistInnen sowie das kleine Netzwerk "Umweltschutz von unten" im deutschsprachigen Raum. Sie bildeten in der Umweltbwegung wie auch unter den AnarchistInnen nur kleine Minderheiten.

Im Original: Geld für Umweltverbrauch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus "Utopie - ein Vorschlag" der Utopie-AG/Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (1995)
Jeder Ökorat stellt den Regionen, von denen seine Region Schadstoffe empfängt, eine Rechnung aus in Höhe der eigenen Umweltschadensverwertung. ... (S. 50)
Wer ein AKW betreibt, muß zumindestens alle Haftungs- und Folgekosten in seinen Strompreis mit einrechnen. (S. 57)
Steigerung ist Absurde: Anarchokapitalismus

Es gibt einige Neoliberale, die ihre Ideen von totalem Markt und einer Privateigentumsgesellschaft (da der Staat weg soll, wird das Privateigentum dann mit Privatarmeen abgesichert) als Anarchie bezeichnen. Zu ihnen gehört Oliver Janich, Gründer der "Partei der Vernunft" sowie Andre Lichtschlag mit seiner Zeitung "eigentümlich frei" (aufgerufen: 25.8.2014). Dort steht: "Eigentum – das ist der Schlüssel zur Freiheit. ... eigentümlich frei steht auf der Seite der libertären Gegenwehr. Gegen die zunehmende neosozialistische Enteignung." Aber auch sonst hat die Zeitung krude Gedanken zu bieten:

Aus einem Text mit der Forderung, die Frau solle an den Herd, in: "eigentümlich frei", Sept. 2014 (S. 34)
Eine für den Mann kochende Frau ist ein transzendentales Urerlebnis, vergleichbar mit dem Öffnen des ersten Dosenbiers, dem Jagen eines wilden Tieres oder dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft.

Oliver Janich im Gespräch mit Robert Stein, Teil 1 ab ca. 3:00 min (Speakers Corner) über die Attentate von Paris am 13.11.2015
Ich weiß genau, was der (gemeint: seine Leser) denkt. Und der denkt sich "genau ahhh der Janich, dem sein nächster Post ist garantiert, das ist 'ne false flag ... und ich hab inzwischen diese Leute alle blockiert"
Im weiteren Verlauf bezeichnen sie Donald Trump als Teil der Wahrheitsbewegung und erhoffen sich viel von dessen Wahl.


Im Original: Partei, anarchokapitalistisch, rechts-offen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
T-Shirt der Anarchokapitalist_innenAus der Seite der German Libertarian Party
Gemeinsam können wir aufdringliche und teure Behörden beseitigen, Steuern drastisch verringern und die Freiheit jedes einzelnen fördern.

Rechts: Motiv auf einem T-Shirt des anarchokapitalischen Liberty Store - Aufkleber usw. für Anarchokapitalist_innen

Aus einem Interview mit dem Parteivorsitzenden Manuel Peters, "einst Kreissprecher der Kölner Alternative für Deutschland", in: Freitum, 1.7.2014
Die Stoßrichtung unserer Partei ist durch ihr Programm vorgegeben. Dasselbe hat ein klar radikalliberales Profil, das uns ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal garantiert. Wir verstehen uns als ein Sammelbecken für alle freiheitlichen Strömungen, die auf Basis unseres Programms zueinanderfinden können. Das schließt Libertäre, klassische Liberale, Anarcho-Kapitalisten oder auch nationalliberale Monarchisten wie mich ein, solange sie bereit sind, das Gemeinsame in den Mittelpunkt zu stellen. Wir können uns keine Grabenkämpfe leisten! Aber nicht nur unser Programm, sondern auch unser Stil wird einzigartig sein. ...
Wir wollen das staatliche Währungsmonopol aufheben und eine Freihandelszone mit den USA, Russland, Japan, Südkorea, Taiwan, Australien, Israel und Island einführen. ...
Alle Bürger sollen selbstfinanzierte Autonomiegebiete einrichten dürfen. Mit uns werden Parteienverbote ebenso der Vergangenheit angehören wie Meinungsstraftaten oder die Kriminalisierung von Drogensüchtigen. Dafür wird der freie Waffenbesitz erlaubt ...
Was die Partei der Vernunft angeht, so unterscheidet uns in erster Linie unser provokativer Stil von ihr. Inhaltlich sehe ich keine entscheidenden Unterschiede. Ich sehe die PDV auch nicht als Gegner, sondern als potentiellen Partner. Das habe ich auch immer so kommuniziert. Deswegen werde ich mich auch demnächst mit der Vorsitzenden der PDV, Frau Susanne Kablitz, zu einem Gespräch treffen, auf das ich mich bereits sehr freue. ...

Programm der German Libertarian Party (Die Libertären)
Die Forderung nach Umverteilung steht aus unserer Sicht der Aufforderung zu einer Straftat gleich, da Umverteilung nur möglich ist, indem man Menschen die Früchte ihrer Arbeit wegnimmt. Parteien und andere Interessengruppen, die sich zusammenschließen, um staatlich erzwungene Umverteilung zu fordern, sind aus unserer Sicht kriminelle Vereinigungen. ...
Wir fordern die ersatzlose Abschaffung der Kapitalertragssteuer. Rendite für alle statt Doppelbesteuerung!
Wir fordern die Abschaffung der Erbschaftssteuer und der Grunderwerbssteuer. ...
Wir fordern die radikale Vereinfachung der Sozialgesetzgebung! Kurzfristig sind alle existierenden Sozialleistungen durch eine mit einer Arbeitsverpflichtung verbundene negative Einkommenssteuer zu ersetzen. ...
Wir fordern eine Freihandelszone mit den USA, Russland, Japan, Südkorea, Taiwan, Australien, Israel und Island! ...
Wir fordern die Abschaffung des Mindestlohnes. ...
Wir fordern die vollständige Privatisierung der Sozialversicherungssysteme. ...
Steuerhinterziehung ist ein Kavaliersdelikt! Wir fordern, die bestehenden Steuerstraftatbestände abzuschaffen und selbige künftig nur noch als Ordnungswidrigkeiten zu verfolgen. Gegen Sozialneid und Kriminalisierung von Leistungsträgern!
18) Wir fordern die Abschaffung des Rechtsanspruchs auf Asyl. ...
Wir fordern die Abschaffung des Antidiskriminierungsgesetzes. ...
Wir fordern die Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Gegen Subventionen für landschaftsverschandelnde Vogelschredder!

Parecon - krude Wirtschaftstheorie aus anarchistischen Kreisen

Die einzige umfassenden Wirtschaftstheorie, die in den letzten Jahren in breiteren Kreises des Anarchismus, aber auch im bürgerlichen Sektor politischer Opposition Aufmerksamkeit errang, war das Konzept der "partizipatorischen Ökonomie" (abgekürzt nach dem Originalbegriff im Englischen: Parecon). Schon die Breite der Akzeptanz zeigte an, dass hier entweder ein besonders beeindruckender Entwurf vorlag, der bürgerliche, marxistische und anarchistische Strömungen vereinte. Von Letzteren waren sowohl dogmatisch gewaltfreie wie auch die stärker autonom-anarchistische Gruppen im Fanclub des Werkes von Michael Albert vertreten, ebenso Verlage der deutschen Anarch@szene. Parecon bezeichnete sich auch selbst als anarchistischer Entwurf.

Im Original: Parecon als anarchistisches Konzept ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Albert, Michael (2006), "Parecon", Trotzdem Verlag Grafenau
Schließlich würde unter der Parecon soviel individuelle Freiheit herrschen wie überhaupt nur vorstellbar, solange nicht auf den entsprechenden Freiheiten anderer herumgetrampelt wird. Merkwürdiger Weise stammt diese Kritik vor allem aus der anarchistischen Ecke - merkwürdig deshalb, weil die Parecon, indem sie mit erstarrten Hierarchien Schluss macht und Selbstbestimmung herbeiführt, im Grunde ja eine anarchistische Vision realisieren will. (S. 253)

Ein Blick in den Entwurf zeigt, warum Parecon so überzeugte: Es setzte vor allem auf das Ideenspektrum der Gutmenschen, deren Hoffnungen auf gute Menschen beruhen, die irgendwie entstehen, wenn es alle ernst meinen mit einer besseren Welt. Die Leitbegriffe solcher Kreise finden sich in Parecon in schöner Vollständigkeit wieder: "Gerechtigkeit ... statt Armut, Solidarität statt Habgier, Vielfalt statt Konformismus, Demokratie statt Unterordnung, Nachhaltigkeit statt Raubtierverhalten". Das klingt gut, kann von allen unterschrieben werden, denen gesellschaftliche Herrschaftsanalyse zu anstrengend ist, und so zu einem schönen, breiigen Identifikationspunkt gemeinsamer Ideen werden. Nur: Ausgesagt ist mit all diesen Begriffen gar nichts - und genau das bietet die Basis der Einigkeit. So verwunderte es nicht, dass Linksparteistiftung, Anarch@s, KommunistInnen und das eher bürgerliche Attac zusammen eine Veranstaltungsreihe mit dem Autor organisierten (siehe Abbildung. Wuchs hier, vermittelt über die schwammigen Inhalte eines die heile Welt verkündenden Buches zusammen, was zusammen gehört? Weil es sich in seiner schärfelosen Gesellschaftskritik ähnelt?
Parecon-Autor Albert selbst könnte mit seinem Gerechtigkeitsbegriff, mensch solle immer "im Verhältnis zu seiner Anstrengung, bzw. zu den erbrachten Opfern, belohnt" werden, durchaus in der F.D.P. Karriere machen. Dort hört sich die Ideologie sehr ähnlich an, wenn auch in der Praxis des Neoliberalismus oft wiederum deren vorgetragene Leistungsideologie verraten wird, steht doch eher die Sicherung struktureller Lohnunterschiede, also mehr Geld für gleiche oder selbst für weniger Leistung, im Vordergrund.

Im Original: Mehr Auszüge aus Parecon ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Albert, Michael (2006), "Parecon", Trotzdem Verlag in Grafenau
Global soll Gerechtigkeit herrschen statt Armut, Solidarität statt Habgier, Vielfalt statt Konformismus, Demokratie statt Unterordnung, Nachhaltigkeit statt Raubtierverhalten. ... (S. 8)
Zur Überwindung des Kapitalismus bieten nun einige Globalisierungskritiker mit der Parecon eine Vision neu zu schaffender Institutionen an, die sich auf die bereits bei den globalen Alternativen erwähnten Werte Gerechtigkeit, Solidarität, Vielfalt, Selbstbestimmung und ökologisches Gleichgewicht stützen.
Ein Charakteristikum dieser Vision ist das Gemeineigentum an den Arbeitsstätten. Diese gehören also jedem Bürger zu gleichen Teilen; ohne dass mit dem Eigentum noch Sonderrechte oder Einkommensvorteile verknüpft wären. Bill Gates wäre dann eben nicht mehr der Eigentümer eines Großteils der Software-Industrie. Diese Industrie würde uns allen gehören, niemand wäre dadurch besonders reich oder mächtig. Die mit dem Prinzip "Reichtum durch Profit“ verbundenen Übel wären verschwunden.
(S. 15)
Solche Räte würden auf allen Ebenen - von der Arbeitsgruppe bzw. vom Haushalt über Betriebe bzw. Kommunen bis zum Gesamtstaat - gebildet; sie wären die eigentlichen Entscheidungsorgane. Die Abstimmungsverfahren in den Räten müssten nicht einheitlich festgelegt sein; denkbar wären einfache Mehrheiten, Zweidrittel- oder Dreiviertelmehrheit, ja selbst Konsens - je nachdem, was angebracht erscheint. Entscheidungen können demnach auf verschiedenen Ebenen fallen; manche sind einer einzelnen Person übertragen, über andere muss ein ganzer Betrieb oder eine ganze Kommune befinden.
(S. 16)
Daher soll jeder arbeitenden Person - also jedem, der zum Sozialprodukt beiträgt - ein Bündel verschiedener Tätigkeiten zugewiesen werden. Diese Tätigkeitsbündel sind so gestaltet, dass im Durchschnitt für jeden die gleiche Arbeitsplatzqualität gilt.
(S. 16)
Wer mehr verdienen will, muss eben länger oder härter arbeiten.
(S. 17)
Wer aber stellt die Tätigkeitsbündel gerecht zusammen, und wer bewertet den Grad des Einsatzes - und entscheidet somit über die Bezahlung? Das machen die Arbeiter natürlich selbst, und zwar in ihren Räten.
(S. 17)
Partizipatorische Ökonomie (wie hier vorgeschlagen): Gemeineigentum; Allokation durch partizipatorische Planung mit Räten; ausgewogene Tätigkeitsbündel; Entlohnung nach Einsatz und Entbehrung; Entscheidungen durch partizipatorische Selbstbestimmung ohne Klassenschranken.
... (S. 31)
Die Bilanz der ganzen vertrackten Sache ist einfach: Um sowohl bei der Produktion als auch beim Konsum allen Betroffenen Mitsprache im Sinne der Selbstbestimmung zu verschaffen, sind in der Parecon auf allen Ebenen ArbeiterInnen- und VerbraucherInnenräte eingerichtet, von der einzelnen Familie bis zur größten Branche oder Region. Wer dabei mitreden will, kann auf die erforderlichen Informationen zählen, muss aber motiviert und fähig sein und Selbstvertrauen besitzen. Über die anzuwendenden Kommunikations- und Entscheidungsverfahren können die Räte autonom befinden, je nach verfügbarer Zeit, den ggfs. zu vermeidenden Reibereien und den mit möglichen Fehlentscheidungen verbundenen Risiken. (S. 101)


Arundhati Roy bezeichnet PARECON als "demokratisch" und "weniger hierarchisch" - das reicht den Anarch@s offenbar!
Zitiert auf dem oben rechts abgebildeten Werbefaltblatt zur PARECON-Rundreise
PARECON ist ein starkes Argument für eine absolut notwendige Vision für ein demokratischeres, weniger hierarchisches, alternatives WIrtschaftsmodell.

Einmütigen Applaus werden solche Ideen in anarchistischen Strömungen nicht erhalten. Sie sind stark vertreten in den gewaltfrei-anarchistischen Zusammenhängen, deren Nähe zu rechtsstaatlich-bürgerlichen Kreisen aber ohnehin unübersehbar ist. Es gibt wenig Anlass, Zeitschriften wie die "Graswurzelrevolution" und ihr Umfeld tatsächlich als anarchistisch zu begreifen.
Schon Projekte wie das Mietshäusersyndikat (Sitz in Freiburg), die überall im deutschsprachigen Raum Wohnhäuser genau vor dieser Eigentumsverwendung des freien Handels schützen wollen, dürften über solche Theorien von Freiheit durch Geld und Marktwirtschaft nur den Kopf schütteln - obwohl sie inzwischen selbst zu einer Art "Immobilienkonzern" geworden sind. Ihre Attraktivität jedenfalls speist sich stark aus der eigenen Wirtschaftsstärke. AnarchistInnen, deren Herrschaftsbegriff weiter reicht und auch ökonomische Verhältnisse mit erfasst, müssten eigentlich eine deutlich weitergehende Position beziehen. Doch leider fehlen sie sind nicht besonders prägend und öffentlichkeitswirksam.

Alternativökonomie

Anarchistische Ideen und bekennende AnhängerInnen derselben sind in alternativ-ökonomischen Zusammenhängen immer wieder anzutreffen. Hier werden konkrete Firmen geschaffen oder verwandelt, die dann in ihrer Struktur Herrschaftsverhältnisse abbauen sollen. Besonders beliebt sind kleine Firmenkollektive und Genossenschaften.
Ein genauerer Blick auf solche Strukturen lässt allerdings einen doppelten Zweifel aufkommen. Zum einen weisen die meisten der Firmen keine interne Hierarchiefreiheit auf, obwohl das in der Regel das erklärte Ziel ist. Bei kleinen Kollektiven, also Firmen, in denen zwar das Innen und Außen (wer gehört dazu und wer nicht) klar und damit auch eine Hierarchie der Mitbestimmung definierend geschaffen wurde, könnten immerhin innerhalb des Kollektivs horizontale Verhältnisse geschaffen werden. Das hängt allerdings mehr von der Praxis der gemeinsamen Tätigkeit und sonstigen, dann vor allem freien Vereinbarungen ab - weniger von der Rechtsform und -struktur.
Ganz düster sieht es hingegen bei größeren Betrieben, vor allem den hochgelobten Genossenschaften aus. Diese werden immer wieder als Inbegriff für Gleichberechtigung präsentiert. Tatsächlich verfügen sie aber über eine stark zentralistische Struktur mit Vorstand und Aufrichtsrat. Denen steht die Menge weitgehend einflussloser GenossInnen gegenüber. Das ähnelt den verpöhnten Aktiengesellschaften mit dem einzigen Unterschied, dass in der Genossenschaft alle gleiches Stimmrecht haben. Praktisch hat das wenig Effekt, denn so oder so sind die großen Versammlungen der großen Firmen von den zentralen Gremien gesteuert. Eine aufmüpfige Basis lässt sich in allen Fällen leicht ausbremsen - durch die Machtspiele bei Tagesordnung, Abstimmungsmethoden oder Wahl von Tagungsort und -zeitpunkt, um die Teilnahme der nicht in den Firmeneliten verankerten GenossInnen zu erschweren. So legte die aus anarchistischen Kreisen kommende, dann sich innerhalb weniger Jahre bruchlos zu bemerkenswerter Bürgerlichkeit wandelnde Szene um das Ökozentrum Verden ihre Genossenschaftssitzungen absichtlich auf Termine wie Montagmorgen, um der basisdemokratischen Pflicht nachzukommen, aber doch unter sich zu bleiben. Die dahinter stehende Denklogik setzte sich in den Folgejahren bruchlos in die Modernisierung und Hierarchisierung aller Strukturen dort fort (siehe Bergstedt, Jörg (2001): "Reich oder rechts?", IKO-Verlag in Frankfurt).

Im Original: Alternative Ökonomie als Lösung? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 127 f.)
Diskutiert wird hingegen über die Alternativ- und Selbsthilfeökonomie in ihrer eingeschränkten Bedeutung als »Schattenwirtschaft« innerhalb des staatlich-kapitalistischen Rahmens. Betont wird der genossenschaftliche Charakter solcher Alternativbetriebe, die Einkommensgleichheit, das Fehlen einer innerbetrieblichen Hierarchie und die Versuche, die Trennung von Kopf- und Handarbeit sowie von Arbeit und Privatleben aufzuheben oder einzuschränken. Ebenso positiv wird häufig auch vermerkt, daß ökologisch sinnvolle Produkte hergestellt werden.
Bei vielen solcher wohlmeinenden Untersuchungen zur Alternativökonomie und zur Selbsthilfebewegung wird vor allem die sozialpsychologische Dimension dieser Formen der Selbstorganisation gewürdigt: Es werde die Isolation und Anonymität abgebaut, Arbeitslose erhielten Beschäftigung, Minderheiten und sozial Benachteiligte könnten ihr lädiertes Selbstbewußtsein in der Gruppe aufpolieren. Neben dieser psychischen Korrekturfunktion werden auch die Aspekte der Erziehung zur Demokratie, zur (unternehmerischen) Selbständigkeit und zur Mitbestimmung und Eigeninitiative genannt. Weder aus den zuvor genannten Wertungen noch aus dem Selbstverständnis vieler Beteiligter geht hervor, daß in den bereits praktizierten Ansätzen der Selbstverwaltung und solidarischen Kooperation etwas qualitativ Neues steckt, das in seinen Prinzipien erkannt und über die vorhandenen Ansätze hinaus erweitert eine gesellschaftliche Strukturveränderung zur Folge haben könnte. ...
Die pragmatische Orientierung im Umfeld der Alternativ-Projekte läßt häufig die Chance ungenutzt, mit der eigenen Praxis von Selbstverwaltung und Vernetzung auch die bestehenden ökonomischen Strukturen in Frage zu stellen und aus diesen Praxisansätzen weitergehende Perspektiven zu entwickeln.
Dieses Fehlen der von Anarchisten propagierten Perspektive eines dezentral strukturierten Selbstverwaltungs- oder Gesellschaftssozialismus droht bei zunehmender Professionalisierung, beim Zwang zur Anpassung an den kapitalistischen Markt oder an staatliche Subventionsauflagen den »alternativen« Anspruch zurückzudrängen. Die Bemühungen um die notwendige ökonomische Effizienz lassen oft einen perspektivlosen Pragmatismus überhand nehmen, bei dem die ursprünglichen Ziele, sofern es solche gab, ihre systemsprengenden Konsequenzen erst gar nicht entfalten können. Die Angleichung der alternativen Betriebe an die etablierten herrschaftlich-kapitalistischen Strukturen ist nur noch eine Frage der Zeit. Ähnliche Anpassungsprozesse gab es bereits in der Genossenschaftsbewegung vor allem zu Beginn dieses Jahrhunderts.
Die fehlende Perspektive und theoretische Alternative zur staatlichen Planwirtschaft und kapitalistischen Marktwirtschaft begünstigt aber nicht nur solche Anpassungsprozesse, sondern führt auch dazu, dass bestehende Veränderungspotentiale in ihrer Bedeutung verkannt bleiben oder erst gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Das zeigen die obengenannten Versuche, in diesen Bewegungen lediglich ein sozial-psychologisches Korrektiv zu sehen. Eine kritische Neuorientierung an anarchistischen Theorien könnte die Staats- und Kapitalismuskritik von den traditionell dominierenden „linken“ Perspektiven und Interpretationsmustern lösen. ...


Zur sogenannten "Dualwirtschaft"
Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 129)
Eine Tendenz zu weniger Staat und mehr gesellschaftlicher Selbstorganisation und Selbstbestimmung kommt in den Konzepten einer »besser balancierten Dualwirtschaft« zum Ausdruck. Der Begriff »Dualwirtschaft« ist bereits sehr verbreitet. Er bezeichnet die faktische Doppelung der Volkswirtschaft in einen formellen Bereich (d. h. die mit Steuern belegte Arbeit vor allem in Industrie und Verwaltung gegen Lohn) und in einen informellen Bereich (d. h. die verschiedenen Formen der Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe, Hausarbeit, Eigenversorgung usw.). In den verschiedenen Konzepten einer »besser balancierten Dualwirtschaft« wird dafür plädiert, den informellen Sektor unter Zurückdrängung des formellen zu erweitern. (Huber 1979; Robertson 1979; Gorz 1980) Die Menschen sollten verstärkt Produkte durch selbstbestimmte, unentfremdete und dezentral-selbstorganisierte Eigenarbeit erwirtschaften und Dienstleistungen in Kooperation und Selbstorganisation erbringen.
Auf die möglichen positiven ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgewirkungen einer solchen Ausweitung der Eigentätigkeit wird hingewiesen: Die Menschen könnten gemeinschaftliche Lebensformen entwickeln, Konsum- und Leistungsorientierung würden als grundlegende Wertvorstellungen in Frage gestellt, auf ökologisch bedenkliches Wirtschaftswachstum könnte verzichtet und bei einer entsprechenden gesellschaftlichen Arbeitszeitverkürzung im formellen Sektor und einer Arbeitsumverteilung könnte der Arbeitslosigkeit entgegengewirkt werden. Mit dieser Vorstellung einer »besser balancierten Dualwirtschaft« wird die Erweiterung von Freiräumen und von gemeinschaftlich-kooperativen Formen des Lebens und Arbeitens angestrebt.

Kritik

Doch - wie immer - gibt es keine Einheitlichkeit. AnarchistInnen sind eine bunte Mischung, wenn auch die generelle Theorielosigkeit fast die gesamte Breite erfasst und so wesentliche Schwächen verursacht. Dazu gehören die geringe Interventionsfähigkeit in gesellschaftliche Debatten und die kurze Verweildauer der meisten AktivistInnen, für die Anarchie nur eine diffuse Empörungsphase vor dem Wiedereintauchen in die Bürgerlichkeit darstellt, meist auf einem modernisierten Niveau gegenüber der Generation ihrer Eltern, LehrerInnen oder anderen Abgrenzungsvorbilder.
Selbstkritik, z.B. an macht- und marktorientierten Konzepten sogenannter Anarch@s, ist selten, aber kommt vor - z.B. die Kritik an Ähnlichkeit von Anarchie und Kapitalismus (dieses Buch ist ja selbst ein Beleg dafür).

Im Original: Kritik an Ähnlichkeit von Anarchie und Kapitalismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem kritischen Kommentar "Mit der Marktwirtschaft in die Zukunft?" in: "Utopie - ein Vorschlag" der Utopie-AG/Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (1995, S. 44 f.)
Auf diese Art und Weise wird das Menschenbild des Kapitalismus in die Utopie hinein verlängert. Arbeiten ist eine zentrale Sache im Leben. In unserer heutigen Gesellschaft läuft die Identitätsbildung zu einem großen Teil über die ausgeübte Arbeit ab. Auch in der Utopie wird Arbeit als wesentliches identitätsstiftendes Moment erhalten bleiben. ...
Ein Großteil unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme rührt von der Fixierung auf die individuelle Leistungsfähigkeit am Arbeitsmarkt und welche Konsummöglichkeiten die Menschen haben, wenn sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Eine Utopie sollte die heutige bürgerliche Ideologie, wonach Leistung und möglichst viel Konsum einen Großteil des Lebensglücks/Lebenssinns ausmachen, gründlich überwinden.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 85, mehr Auszüge)
Das Konkurrenzprinzip hat nicht nur die Kapitalisten in den Kampf gegeneinander um die Märkte gehetzt, sondern alle Ebenen der Gesellschaft durchdrungen. Käufer und Verkäufer werden gegeneinander ausgespielt, Bedürfnis gegen Habgier und Individuum gegen Individuum gesetzt, bis in die elementarsten Bereiche menschlicher Begegnungen hinein. Selbst Arbeiter begegnen einander auf dem freien Markt sozusagen mit einem Knurren, und jeder sucht aus Überlebenswillen den anderen zu übervorteilen. Kein Moralisieren und kein Predigen kann die Tatsache ändern, daß Rivalität bereits auf den allerelementarsten Ebenen der Gesellschaft ein bourgeoises Lebensgesetz ist das im wahrsten Sinne des Wortes über "Leben" entscheidet. Akkumulation - um den Konkurrenten zu fällen, aufzukaufen oder auf andere Weise in Verlegenheit zu bringen - ist eine Existenzbedingung innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Eine Perspektive jenseits von Markt und Staat wird von libertären KommunistInnen und ihnen nahestehenden Strömungen formuliert. Vor ihrem marxistischen Hintergrund wehren sie sich gegen eine Individualisierung von Eigentum. Zwar fehlt ihnen eine Idee für eine Aufhebung des im Kapitalismus so zentralen Eigentums. Doch ihr Versuch, die Vergesellschaftung zumindest der Produktionsmittel mit anarchistischen Freiheitsidealen zu verbinden, böte immerhin die Chance, eine weitergehende Perspektive zu entwickeln. Denn Begriffe wie "Gemeinbesitz" oder "Vergesellschaftung" bedürfen einer näheren Klärung, in deren Folge sich Widersprüche und Komplikationen zeigen würden, die Ansporn zum Vorantreiben anarchistischer Theorien schaffen.

Im Original: AnarchistInnen als SozialistInnen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einem Grundlagentext über Anarchie, verfasst in der Anarchistischen Föderation Französischer Sprache (FAF), herausgegeben von der I-AFD – IFA (Initiative für eine anarchistische Föderation in Deutschland - angeschlossen an die Internationale der Anarchistischen Föderationen):
Die Freiheit und die Gleichheit sind die beiden Schlüsselbegriffe, um die sich alle libertären Entwürfe drehen.
  • Als Sozialisten sind sie für den Gemeinbesitz an Produktions- und Distributionsmitteln.
  • Als Libertäre glauben sie, dass der Einzelne nur frei sein kann in einer Gesellschaft wirklich freier Menschen, und dass die Freiheit eines jeden von der Freiheit der anderen nicht eingeschränkt, sondern bestätigt wird.
Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
Im Hinblick auf das Postulat »Weniger Staat - Mehr Gesellschaft« ist bei aller Kritik am Etatismus »mehr Gesellschaft« nicht mit »mehr Markt« gleichzusetzen, da damit die verschiedenen Formen ökonomisch bedingter Herrschaft und die dadurch mitverursachten sozialen Mißstände unangetastet blieben; zudem steht der kapitalistische Markt mit seinen konkurrenzhaften unsolidarischen Verkehrsformen einer Neustrukturierung der Gesellschaft durch den Aufbau von dezentralen und kooperativen Ordnungsstrukturen im Wege. Der angestrebte, auf dezentraler Selbstorganisation und Selbstverwaltung basierende »Gesellschaftssozialismus« ist nicht über eine Ausweitung des Marktes und über eine Verstaatlichung zu erreichen, ebensowenig allein über einen »Austritt aus dem Kapitalismus« und die Neuorganisation einer Alternativökonomie. ... (S. 131)
Eine Vergesellschaftung durch Dezentralisierung, Entbürokratisierung und Demokratisierung bleibt notwendig. Reprivatisierung ist für eine libertäre Perspektive auszuschließen, da dies zwar »weniger Staat«, aber nicht »mehr Gesellschaft« und schon gar nicht weniger Herrschaft bedeutet. ...
(S. 167)

Zum Text über Anarchie und Marxismus, dem fünften im Kapitel "Theorien, Lücken und blinde Flecken"

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