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Anarchie und Moral.
Das Gute aus dem transzendenten "Off"

Definition ++ Moral bei AnarchistInnen ++ Verhaltenscodes ++ Religionsersatz? ++ Links

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Was ist Moral und wozu dient sie?

Bevor die Existenz moralischer Vorgaben in anarchistischen Theorien, Konzepten oder Gedanken problematisiert werden, sei geklärt, warum Moral und Anarchie sich ausschließen. Davor steht der Versuch einer Definition, die für diese Texte gelten soll: Moral bedeutet die Annahme über-individueller, d.h. nicht aus der jeweiligen Vereinbarung zwischen Menschen resultierender, sondern abstrakt vorhandener Leitlinien für menschliches Handeln. Moral ist mit autoritärer Macht ausgestattet und erzeugt diese. Eine moralisch "richtige" Position bedarf in der Regel keiner zusätzlichen Begründung, d.h. sie verzichtet auf Argumente jenseits der Behauptung moralischer Überlegenheit.
Ähnlich benutzt werden Begriffe wie "universelle Werte", "höhere Vernunft", "gemeinsame Ethik" u.ä., also die Behauptung einer von den Menschen und ihrer Kommunikation getrennten Quelle wertender Handlungsvorgaben. Noch weitergehend in diesem Sinne sind Religionen, die ein gesamtes Wertesystem samt Herkunft, Durchsetzung, Sanktionen usw. bieten.

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Wikipedia zu Moral
Moral bezeichnet meist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen, sofern diese wiederkehren und sozial anerkannt und erwartet werden.
So verstanden, sind die Ausdrücke Moral, Ethos oder Sitte weitgehend gleichbedeutend und werden beschreibend (deskriptiv) gebraucht. Daneben wird mit der Rede von Moral auch ein Bereich von praktischen Urteilen, Handlungen oder deren Prinzipien (Werte, Güter, Pflichten, Rechte) verbunden. So verstanden, wertet eine Unterscheidung von Moral und Unmoral. Eine solche Bewertung kann als bloßer Ausdruck subjektiver Zustimmung oder Ablehnung verstanden werden (vergleichbar zu Applaus oder Buhrufen), oder als Beurteilung von Handlungen, deren Maximen oder sonstige Prinzipien in moralischer Hinsicht, d.h. als moralisch gut oder moralisch schlecht. Letzteres entspricht einem metaethischen Realismus. Die theoretische Ausarbeitung unterschiedlicher methodischer Vorgehensweisen und Kriterien moralischer Urteile sind Gegenstand der philosophischen Disziplin der Ethik.


Aus dem Gabler-Wirtschaftslexikon zu "Moral"
Sitte; bezeichnet - im Unterschied zur Ethik als Theorie der Moral - die normativen Regeln, die das Handeln von Menschen faktisch bestimmen bzw. bestimmen sollten, wobei Menschen auf den Verstoß gegen diese Regeln mit Schuldgefühlen reagieren. Die mores umfassten traditionell das Spektrum von den Konventionen bis zu sanktionsbewehrten Rechtsregeln. Bei Kant erfolgt eine Verengung und Vertiefung des Begriffs Moral auf die Autonomie des Gewissens jedes einzelnen, das allerdings wegen des Anspruchs auf Allgemeingültigkeit seiner Maximen konzeptionell an die Gesellschaft, bei Kant an die Menschheit, gebunden bleibt. Seit Hegel wird daher zwischen Moral, „Moralität” im Sinn individueller Überzeugung, und „Sittlichkeit” im Sinn von durch Recht und Verfassung gestütztem, historisch-kulturell bedingtem Institutionensystem einer Gesellschaft unterschieden.

Moral dient gern als Legitimation von Herrschaft, oder ist selbst Herrschaft. Das ist kein Missbrauch, sondern bereits in der Idee von Moral angelegt. Moralische Vorgaben erzeugen Diskurse oder entstehen durch sie. Dabei normieren sie menschliche Handlungen über die Konstruktion richtigen und falschen Verhaltens. Die Quelle der Wertung wird außerhalb der Menschen und ihrer Diskussion verlegt. Sie wird somit für die Menschen selbst unangreifbar und unhinterfragbar. Moralische Festlegungen sind regelmäßig Axiome, d.h. willkürliche Setzungen, die keiner Begründung mehr bedürfen, sondern als Ausgangspunkt für Ableitungen dienen. Sie sind also Begründungen für konkrete Verhaltensvorgaben, ohne selbst begründet zu sein.

Emanzipation bedeutet, die Gesellschaft und all ihre Beziehungen und Verhältnisse aus dem Blickwinkel der Einzelnen und ihrer freien Zusammenschlüsse zu betrachten. Eine moralische Wertung hätte in ihr keinen Platz, weil sie ihren Maßstab aus einer externen, höheren oder zumindest unantastbaren Quelle entnimmt.
Herrschaftsfreiheit und damit auch Anarchie verneinen das Existenzrecht jeder Art höherer Macht außerhalb des Menschen und seiner freien Zusammenschlüsse. Daher sind auch sie prinzipiell unvereinbar mit der Idee von Moral, universellen Werten oder einer allgemeinen Ethik.

Im Original: Keine Moral über den Menschen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Stirner, Max (1845): "Der Einzige und sein Eigentum", zitiert in: Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt
Daß die Gesellschaft gar kein Ich ist, das geben, verleihen oder gewähren könnte, sondern ein Instrument oder Mittel aus dem wir Nutzen ziehen mögen, daß wir keine gesellschaftlichen Pflichten, sondern lediglich Interessen haben, zu deren Verfolgung uns die Gesellschaft dienen müsse, daß wir der Gesellschaft kein Opfer schuldig sind, sondern, opfern wir etwas, es uns opfern: daran denken die Sozialen nicht, weil sie - als Liberale - im religiösen Prinzip gefangen sitzen und eifrig trachten nach einer, wie es der Staat bisher war, - heiligen Gesellschaft!
Die Gesellschaft, von der wir alles haben, ist eine neue Herrin, ein neuer Spuk, ein neues 'höchstes Wesen', das uns in Dienst und Pflicht nimmt! ...
(S. 25)
Jedes höhere Wesen über mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins. Stell' ich auf mich, den einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und ich darf sagen: Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt.
(S. 33)

Aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt
Nach Marx wird der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft bekanntlich um seine Gattung betrogen, die darin bestehe, daß er ein sinnlich-produktives Wesen sei. Beide aber - so Stirner -, bürgerliche Gesellschaft und Kommunismus, verpflichten sich gleichermaßen auf die Orientierung an einem Gattungsideal. Gattungsbegriffe konkurrieren - der Mensch als Person, als Einzelner bleibt auf der Strecke. Was Stirner den Kommunisten vorwirft, ist dasselbe, was er den Liberalen vorwirft: die Reduktion des Wesens der Person auf eine Gattungsidee, heiße sie "Menschheit" in der Person, heiße sie gattungsspezifische "Selbstbetätigung
Einer der wenigen Texte von Marx, in denen dieser das gesellschaftliche Subjekt als Individuum überhaupt thematisiert, ist die mit Friedrich Engels gemeinsam verfasste "Deutsche Ideologie", eine Schrift, die in weiten Teilen der polemischen Kritik an Max Stirner gewidmet ist und damit dem Versuch, nachzuweisen, daß das Individuum in der kommunistischen Gesellschaft besser aufgehoben ist als in Stirners negativer Anthropologie: "Mit der Aneignung der totalen Produktivkräfte durch die vereinigten Individuen hört das Privateigentum auf ..." Es ist aber gerade diese Rede von den "vereinigten Individuen", die Stirner gegen den Kommunismus aufbringt, und es ist die damit unterstellte Selbstverständlichkeit, mit der eine Gesellschaftsform avisiert wird, in der die Individuen "vereinigt" werden können und gleichwohl Individuen bleiben. Das Unteilbare kann keine Einheit bilden; Vereinigung von Individuen ist ein Selbstwiderspruch.
(S. 29)

Das schließt nicht aus, dass Menschen ihren eigenen Werte und Vorstellungen von "richtig" oder "falsch" entwickeln. Es stört auch nicht, wenn sie diese individuellen Überzeugungen für sich als eigene "Moral" bezeichnen. Wird eine eigene Meinung aber auch nach außen so begründet, erhöht das zumindeest die Gefahr von Missverständnissen, wenn nicht sogar wahrscheinlich ist, dass damit eine eigene Überzeugung mit zusätzlicher Durchsetzungskraft ausgestattet werden soll - die ethische Begründung dann also wieder zum Herrschaftsinstrument, d.h. zur Moralkeule wird.

Die Moralen der AnarchistInnen und Gutmenschen

Die folgenden Ausführungen stellen einige geläufige Moralvorstellungen vor, die in Kreisen verbreitet sind, in denen auch anarchistisch gesinnte Menschen mitwirken. Die Abgrenzung zwischen AnarchistInnen und ihrem Umfeld fällt allerdings schwer. Bis auf den Kern der FAU mit ihrer intensiven Labelpolitik und wenige, ähnlich verfahrende Basisinitiativen, ist schwer erkennbar, wer sich als AnarchistIn versteht und wer nicht. Zudem sind Übergänge zwischen anarchistischem und bürgerlichem Lager erkennbar (siehe Kapitel zu den Hauptströmungen des Anarchismus im deutschsprachigen Raum).

Im Original: AnarchistInnen pro Moral ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" in der sich als anarchistisch bezeichnenden GWR, Nr. 216, Februar 1997
Dieser 'Bund' hat keine PräsidentIn und kein Parlament, auch kein Zentralkomitee oder Gerichtshof. Für mich hat der anarchistische Bund weder Mitgliederlisten noch Organisation. Ich stelle ihn mir als Bewegung von Menschen vor, die ihr Selbstverständnis als soziale AnarchistInnen durch ein gemeinsames Symbol sichtbar und bekannt machen. Die Umsetzung der Versprechen braucht allerdings Organisation - das geschieht in freien Vereinigungen, in BürgerInneninitiativen, in GenossInnenschaften, in Komitees und Vereinen. Ja, der Staat, der ist abgeschafft. ...
Gut wäre allerdings, wenn wir uns den Menschen, die sich unserem Bund nicht anschließen, auf ein friedliches, herrschaftsfreies Nebeneinander verständigen können. Fünf Gebote sind dafür wichtig:
  • keine Gewalt gegen Menschen und deren Eigentum
  • keine Manipulation der Meinung anderer durch Unehrlichkeit
  • keine Zerstörung gemeinsamer Umwelt
  • keine gravierende Ungleichheit in den Eigentumsverhältnissen
  • Konflikte durch Gespräche und gemeinsam bestimmte Schiedsleute lösen.
Diese Grundsätze beinhalten die Minimalethik herrschaftsfreier Beziehung. Sie sind letzter möglicher anarchistischer Konsens zwischen Menschen und Gesellschaftsgruppen, die keinen weitergehenden Konsens miteinander finden.
Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist eine moralische Norm. Anders als der diskursiv, d.h. durch den herrschaftsförmigen Gebrauch erzeugte Anschein ist Gerechtigkeit inhaltsleer, wird bei Benutzung aber regelmäßig mit einem hinter dem Begriff versteckten Inhalt (Diskurs) gefüllt. Dieser versteckte Inhalt verfolgt dann das jeweilige Interesse, während die Verbindung mit dem Begriff der Gerechtigkeit eine moralische Aufladung darstellt und Argumente überflüssig machen soll. Die Behauptung, etwas sei "gerecht", dient damit in der Regel dazu, die eigenen Wünsche durchsetzungsstärker machen.

Wie beliebig Gerechtigkeit tatsächlich ist, soll an einem einfachen Beispiel gezeigt werden. Die folgen drei Sätze zur Frage der Verteilung von Gütern oder dem Tauschmittel Geld scheinen sich zu widersprechen:

Keiner der drei Sätze ist mit einem anderen in Einklang zu bringen. Dennoch sind alle "gerecht", d.h. sie stellen jeder für sich aus einem bestimmten Blickwinkel eine gerechte Lösung dar. Welcher Blickwinkel eingenommen wird, folgt aus dem Interesse der/s BetrachterIn. Ein schönes weiteres Beispiel war der Streit um das Elterngeld. Ist es gerecht, wenn das alle bekommen? Oder ist es gerechter, wenn das die nicht bekommen, die ohnehin reich sind?

Aus Schmollack, Simone: "Die Gerechtigkeitslücke", in: taz, 12.10.2010 (S. 12)
Wenn die FDP jetzt vorschlägt, dass Besserverdienende kein Elterngeld mehr bekommen sollen, klingt das zunächst nach einer gerechten Idee: Warum sollen Menschen, die so viel Geld verdienen, dass sie es kaum ausgeben können, zusätzlich noch etwas bekommen, nur weil sie ein Kind kriegen? Und wiederum jene, die jeden Cent meher dringend brauchen, nämlich Hartz-IV-EmpfängerInnen und -AufstockerInnen, gar nichts mehr beziehungsweise nur ein paar Euro?
Trotzdem: Gerecht im Sinne des Gleichheitsgebots im Artikel 3 des Grundgesetzes ist der FDP-Vorschlag nicht. Menschen mit den gleichen Voraussetzungen, in diesem Fall der Geburt eines Kindes, dürfen bei familienpolitischen Sozialleistungen nicht unterschiedlich behandelt werden.

Noch ein Beispiel. Vor einigen Jahren erschien folgender Comic:

Die dahinterstehende Initiative für neue soziale Marktwirtschaft war eine neoliberale Denkwerkstatt von Konzernen, die unter dem Schein der Unabhängigkeit mit Botschaften die Diskurse zur gesellschaftlichen Umstrukturierung beeinflussen sollte. Mit dem Comic sollte für eine Gerechtigkeit gleicher Preise für alle geworben werden: Es wäre empörend, müssten Menschen unterschiedlich viel für das Gleiche zahlen. Es fällt aber nicht schwer, das genaue Gegenteil in den Comic hineinzuinterpretieren, denn auch das genaue Gegenteil des eben als gerecht bezeichneten wirkt auch gerecht - nämlich wenn alle einen Preis zahlen, der ihrer Zahlungsfähigkeit entspricht. So zeigte der Comic, wahrscheinlich unbeabsichtigt, vor allein eines: Gerechtigkeit ist keine Qualität, sondern eine moralischer Schein für beliebige Inhalte.

Gerechtigkeit ist nur eine leere Hülle, ein sogenannter "Containerbegriff", in den jede Person oder Interessensgruppe je nach eigenem Willen oder politischem Programm einen eigenen Inhalt hineinfüllen kann. Insofern ist Gerechtigkeit eine moralische Norm, die gar keine externe Wertequelle darstellt, sondern nur den Anstrich für einen konkreten Inhalt bietet, hinter dem das persönliche oder politische Interesse versteckt werden kann. Damit dient die Forderung nach Gerechtigkeit der Erhöhung eigener Durchsetzungskraft, ist folglich also immer herrschaftsförmig, weil sie aus eigenen Interessen einen universellen Maßstab, eben eine Moral erzeugt.

Im Original: Anarchistische Kritik an Gerechtigkeitsmoral ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 88 ff., mehr Auszüge)
Gleich zu Beginn möchte ich eine sehr wichtige Unterscheidung treffen: nämlich zwischen Freiheitsidealen und dem Begriff von Gerechtigkeit. Diese beiden Wörter werden so austauschbar gebraucht, daß sie fast als synonym erscheinen. Gerechtigkeit unterscheidet sich jedoch grundlegend von Freiheit, und es ist wichtig, das eine von dem anderen zu trennen. Im Laufe der Geschichte haben beide zu sehr unterschiedlichen Kämpfen geführt und bis zum heutigen Tag radikal verschiedene Forderungen an die jeweiligen Machthaber und Regierungssysteme gerichtet. Wenn wir zwischen bloßen Reformen und grundlegenden Veränderungen der Gesellschaft unterscheiden, so geht es dabei großenteils bei den einen um Forderungen nach Gerechtigkeit, bei den anderen aber um Freiheit - so eng beide Ideale in instabilen sozialen Perioden auch miteinander verwoben sein mochten.
Gerechtigkeit ist die Forderung nach Gleichheit, nach "Fairneß" und einem Anteil an den Erträgen des Lebens, zu denen man selbst einen Beitrag leistet. Mit den Worten Thomas Jeffersons ist sie auf der Grundlage des Äquivalenzprinzips "gleich und exakt... ". Diese faire, äquivalente, anteilsmäßige Behandlung, die einem sozial, juristisch und materiell im Austausch für die eigene eingebrachte Leistung zuteil wird, wird traditionell durch Justitia, die römische Göttin, dargestellt, die mit einer Hand die Waage und mit der anderen das Schwert hält und deren Augen verbunden sind. Zusammengenommen bezeugt die Ausstattung der Justitia die Quantifizierung von Rechtsgütern, die auf beide Waagschalen verteilt werden können; die Macht der Gewalt, die in der Form des Schwertes hinter ihrem Urteil steht (unter den Bedingungen der "Zivilisation" wurde das Schwert zum Äquivalent des Staates), und die "Objektivität“ ihres Richtens, die sich durch die verbundenen Augen ausdrückt.
Ausführliche Diskussionen über Theorien der Gerechtigkeit, von Aristoteles in der Antike bis zu John Rawls in unserer Zeit, brauchen hier nicht untersucht zu werden. Sie beinhalten Ausführungen über das Naturrecht, über Verträge, Gegenseitigkeit und Egoismus - Themen, die nicht von unmittelbarem Belang für unsere Darstellung sind. Aber die Binde um Justitias Augen und die Waage in ihrer Hand sind Symbole für eine höchst problematische Beziehung, die wir nicht ignorieren dürfen. Vor Justitia sind alle menschlichen Wesen scheinbar "gleich". Sie stehen ihr gleichsam "nackt“ gegenüber, allen Status und aller gesellschaftlicher Privilegien und Sonderrechte entkleidet. Der berühmte "Schrei nach Gerechtigkeit" hat einen langen und komplexen Stammbaum. Schon in den frühen Tagen systematischer Unterdrückung und Ausbeutung gaben Menschen der Justitia ­ mit offenen oder verbundenen Augen - eine Stimme und machten sie zur Sprecherin der mit Füßen Getretenen gegen die gefühllose Ungerechtigkeit und gegen die Verletzung des Äquivalenzprinzips.
Anfänglich wurde Justitia dem stammesmäßigen Gesetz der Blutrache, der bedenkenlosen Vergeltung für die Verletzung eines Blutsverwandten entgegengesetzt. Das berühmte lex talionis - Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben - wurde ausschließlich bei Schädigung eines Verwandten und nicht für Menschen im allgemeinen angewendet. Auch wenn die Forderung nach Rechtsausgleich innerhalb des eigenen Stammes rational erscheinen mag, so zeugte doch dieses Gesetz von einer beschränkten Denkweise und einem engen Horizont.
(S. 88 ff.)

Nun hat der Begriff der Gerechtigkeit, weil er von allen Seiten als moralischer Propagandagag genutzt wird, trotzdem ein hohes Ansehen erlangt. Wer will schon "ungerecht" sein? Jede politische Programmatik muss, will sie Durchsetzungskraft entfalten, irgendwie "gerecht" erscheinen - was jedoch angesichts der Beliebigkeit des Gerechtigkeitsbegriffs nicht schwer ist. Weil der Begriff im Meinungskampf fast unvermeidlich ist, haben auch AnarchistInnen einen Sinn für Gerechtigkeit und die damit verbundene Moralkeule entwickelt.

Im Original: AnarchistInnen predigen Gerechtigkeit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" in der sich als anarchistisch bezeichnenden GWR, Nr. 216, Februar 1997
Die Rückbindung von Recht an Gerechtigkeit schlägt bereits den Bogen zum Anarchismus: Selbstbestimmung und Gerechtigkeit sind für ihn zwei zentrale und unverzichtbare Werte. ... Selbstbestimmung gibt es nicht ohne Gerechtigkeit. Da alle Menschen gleichwertig sind, darf das Selbstbestimmungsrecht des/r Einen nicht das der Anderen ignorieren oder verletzen. ... Für den Anarchismus stellt sich die Frage, wie die Selbstbestimmung der Menschen in ein gerechtes Verhältnis zueinander gebracht werden kann. Wieweit geht meine Freiheit und wo muß sie zugunsten der Freiheit anderer zurückstehen? Das ist die Frage nach dem 'anarchistischen Recht'. ...
Konsens versöhnt Selbstbestimmung und Gerechtigkeit ...
Nein, nicht einheitliche Regelungen sind für die anarchistische Gesellschaft notwendig, aber ein Konsens über Prinzipien und Wertvorstellungen, die einen Rahmen für die Vielfalt der Regelungen bieten. ...
Der Grundkonsens einer anarchistischen Gesellschaft könnte beispielsweise so formuliert sein:
"Jeder Mensch hat das Recht, frei zu entscheiden, welche Beziehungen und welche Vereinbarungen sie/er eingeht. Alle Beziehungen und Vereinbarungen sind in einer angemessenen Frist kündbar. Darüber hinaus versprechen wir einander, für die folgenden sozialen Verpflichtungen einzustehen:
  • Reichtumsunterschiede, vor allem an Boden, Produktionsmitteln, Gebäuden, Finanzmitteln und sonstigen Vermögen werden wir kontinuierlich durch Umverteilung abbauen.
  • Jedem interessierten Menschen sind Bildung, Wissen und Knowhow frei zugänglich zu machen. Jeder hat das Recht auf Einblick in andere Projekte. Kein Mensch darf in seiner Meinungsbildung behindert oder manipuliert werden.
  • Ungleichheit, die durch die Sorge für Kinder und pflegebedürftige Menschen, durch Krankheit, Behinderung und Notlagen entstehen, gleichen wir untereinander aus.
  • Wir setzen uns für den Erhalt der ökologischen Vielfalt in der Natur ein und schützen die Umwelt vor menschenschädigenden Veränderungen.
  • Konflikte wollen wir ohne Gewalt und ohne Androhung von Gewalt austragen. Wenn wir andere Menschen in ihrer Freiheit oder unsere sozialen Verpflichtungen verletzt haben, leisten wir Wiedergutmachung.
  • Mit gewaltfreiem Widerstand verteidigen und beschützen wir einander unsere Freiheit.
  • Die Ausgestaltung und Umsetzung dieser sozialen Verpflichtungen liegt in unseren eigenen Händen. Dafür organisieren wir uns in frei gewählten Vereinigungen."
Aus Wolfgang Hertle, "Plädoyer für zivilen Ungehorsam ", in: Friedensforum 2/2008 (S. 43)
Es wird keine gewaltfreie Gesellschaft ohne Gerechtigkeit und Basisdemokratie geben.

Aus Albert, Michael (2006), "Parecon", Trotzdem Verlag Grafenau
Global soll Gerechtigkeit herrschen statt Armut, Solidarität statt Habgier, Vielfalt statt Konformismus, Demokratie statt Unterordnung, Nachhaltigkeit statt Raubtierverhalten. ... (S. 8)
Partizipatorische Ökonomie (wie hier vorgeschlagen): Gemeineigentum; Allokation durch partizipatorische Planung mit Räten; ausgewogene Tätigkeitsbündel; Entlohnung nach Einsatz und Entbehrung; Entscheidungen durch partizipatorische Selbstbestimmung ohne Klassenschranken.
(S. 31)
Entlohnung je nach persönlichem Bedarf. Doch so gut sich diese Norm anhört, sie hat eigentlich gar nichts mit ökonomischer Gerechtigkeit zu tun, sondern zählt zu einer anderen Kategorie - der des Mitgefühls. Unter moralischen Wertaspekten kann die reine Gerechtigkeit nicht das letzte Wort sein.
(S. 43)
Eines ist allerdings klar: Es hätte natürlich keinen Zweck, die Einkommensgerechtigkeit und das Mitgefühl so weit zu treiben, dass die Produktion zusammenbricht oder andere unerwünschte Nebeneffekte uns das Leben erschweren. (S. 44)
Gewiss kann man gegen unsere Norm ganz pragmatisch einiges einwenden. Soll ein kleines Kind wirklich über Dinge entscheiden, von denen es allein betroffen ist, oder lassen wir - da dem Kind noch die notwendige Urteilskraft fehlt - die Eltern an seiner Statt entscheiden?
(S. 46)

Parecon-Autor Michael Albert in einem Interview
Wirtschaftsgerechtigkeit, das sei, wenn man im Verhältnis zu seiner Anstrengung, bzw. zu den erbrachten Opfern, belohnt wird.

Aus "Utopie - ein Vorschlag" der Utopie-AG/Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (1995, S. 24)
Grundsätzlich ist es doch gerecht, daß jemand, der viel und gut arbeitet, auch mehr verdient.

Als moralische Keule ist Gerechtigkeit eine Waffe im Ringen um politische Hegemonie. Es ist daher kein Wunder, dass sie nicht nur von - mangels präziser Analyse oft herrschaftsblinden - AnarchistInnen zur vermeintlichen Stärkung ihrer Positionen eingesetzt wird, sondern auch von denen, die Macht und Kontrolle befürworten. Gerechtigkeit richtet sich bei ihnen gegen die Ideen von Herrschaftsfreiheit oder Anarchie.

Im Original: Ungerechte Anarchie? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Quelle??? (leider verlorengegangen - muss neu gesucht werden)
Mit Gerechtigkeit - so hieß es - bezeichnen wir den höchsten Anspruch, den wir für eine politische Ordnung erheben. Es ist ein Anspruch, der sich weder durch andere Ansprüche (wie: Koordination, Effizienz oder Stabilität) außer Kraft setzen noch gegen sie aushandeln läßt. Gerechtigkeit bezeichnet die unbedingte, die sittliche Forderung. Wenn man also nicht ein beliebiges, sondern das schlechthin höchste, das sittliche Kriterium sucht, dann müssen die egoistische und die utilitaristische Position ausscheiden. ... (S. 414)
Mit dem Gerechtigkeitsprinzip der wechselseitigen Einschränkung und Sicherung von Freiheit nach strikt allgemeinen und für alle gleichen Grundsätzen ist das letzte Kriterium, das höchste normativ-kritische Prinzip zur Beurteilung der Sittlichkeit (Vernünftigkeit), nicht der positiven Geltung und auch nicht der Wohlfahrtsgemäßheit öffentlicher Zwangsgesetze benannt. Das Kriterium betrifft nicht bloß Gesetze erster Ordnung (Gebote, Verbote, Verfahrensvorschriften), sondern ebenso Gesetze zweiter Ordnung (Regeln zur Lösung von Streitfällen und Vorschriften über die Entstehung sowie die Veränderung von Gesetzen). Keineswegs gibt es sich damit zufrieden, daß Gesetze auch Gesetze, d. h. ohne Eigennamen formuliert sind. Es fordert darüber hinaus, daß die Gesetze von Grundsitzen bestimmt werden, die als universal gültig gedacht können. Das Kriterium der politischen Gerechtigkeit ist also ähnlich dem Kriterium sittlicher Maximen, dem kategorischen lmperativ. ...
(S. 415)
Mit dem Prinzip der Gerechtigkeit wird nicht bloß die Anarchie abgelehnt; es werden ebenso Diktatur und Despotie verworfen, da sie die Menschenrechte nicht respektieren. Der politische Grundkonflikt heißt keineswegs Sozialismus versus Kapitalismus bzw. Freiheit versus Sozialismus. Im Gegensatz zu diesem politischen Schlagworten von „links“ bzw. „rechts“ besteht der politische Grundkonflikt vielmehr im Gegensatz von politischer Gerechtigkeit (gerechter Herrschaft bzw. Verfassungsstaat) gegenüber der Diktatur auf der einen und der Anarchie auf der anderen Seite.
(S. 417)

Es wäre aus einer emanzipatorischen Sicht und für eine vorwärtsbringende Streitkultur wünschenswert, wenn im politischen Meinungskampf Interessen und Ziele transparent sind. Daher sollten Vorschläge und Meinungen nicht hinter wohlklingende Worthülsen verborgen, sondern offen benannt und konkret begründet werden. Die Ablehnung des Gerechtigkeitsbegriffes ist kein Plädoyer für Ungerechtigkeit, denn die Umkehrung schafft nur eine neue Worthülse ohne Inhalt. Sondern sie befürwortet die Konfliktführung mit offenen Karten: Aus welchem Blickwinkel hat ein Vorschlag Folgen für wen? Statt: Das ist doch gerecht. Oder ungerecht.

Gewaltfreiheit

Schauen wir auf eine weitere moralische Attitüde, die in anarchistischen Kreisen weit verbreitet ist: Die Gewaltfreiheit. Sie bildet für einige Strömungen des Anarchismus die zentrale ideologische Orientierung. Nötig ist sie vor allem, um deren enge Verzahnung mit Teilen des gut betuchten, privilegierten BildungsbürgerInnentums nicht zu gefährden.
Das Postulat der Gewaltfreiheit trägt ein ähnliches Problem mit sich wie die Gerechtigkeit. Es hat keinen konkreten Inhalt, sondern "gewaltfrei" wirkt als etwas per se Gutes, weil es auf einer starken gesellschaftlichen Akzeptanz aufbaut. Diese folgt aber gerade daraus, dass verschiedene politische Strömungen die Idee der Gewaltfreiheit aus ihrem eigenen Blickwinkel füllen können. SitzblockiererInnen demonstrieren eigene Gewaltfreiheit (mitunter ganz absichtlich auch als Harmlosigkeit begriffen), um damit moralisch mögliche Angriffe der Ordnungskräfte des Staates abwehren zu können. In deren Blickwinkel wiederum ist Gewaltfreiheit aber schlicht das Gewünschte, weil Legale - eine Ableitung aus dem staatlichen Gewaltmonopol. Der Staat kann sich umso leichter durchsetzen, je eindeutiger die Gewalt verteilt ist. Er hätte gern 100% beim Staat, deshalb ja das Monopol. Das wird diskursiv und formal durchgesetzt oder durchgeprügelt. Was die einen (gewaltfreie AktivistInnen) also als Stärke begreifen, ist aus dem Blickwinkel der anderen die gewünschte Schwäche. Beide aber stellen es als positiv dar, d.h. wenn nach einer gewaltfreien Aktion Polizei und AktivistInnen (meist über ihre penetrant vorhandenen SprecherInnen) verkünden, die Aktion sei gewaltfrei gewesen, so meinen es beide positiv und freuen sich darüber. Während die einen ihre eigene Aktion meinen, meinen die anderen das Verhalten der anderen. Gewaltfrei ist also die Gewaltfreiheit des Protestes, während das Verhalten der Herrschenden ausgeblendet wird. Deren Gewalt ist legitim und vor allem legal. Gesteigert wird das in Betrachtungsweisen, bei denen die Gewalt der Herrschenden unterteilt wird in legale bzw. legitime und nicht legitime Gewalt. Überraschenderweise sind es gerade Teile der ansonsten als dogmatisch gewaltfrei auftretenden Kreise, die plötzlich wichtig finden, ob ein Krieg völkerrechtswidrig ist oder ob in einem eroberten Land das böse Militär oder die gute, weil zivile Polizei aufräumt. Für die betroffenen Menschen ist der Unterschied mitunter kaum spürbar. Wenn aber hinter der Attitüde der "Zivilen Konfliktbearbeitung" (einem Lieblingswort bei Gewaltfreien) dann jeder brauchbare Gewaltbegriff verschwindet, bleibt an Inhalt gar nichts mehr übrig.

Nun wird es viele "Gewaltfreie" geben, die der These widersprechen, Gewaltfreiheit würde keinen konkreten Inhalt haben. Aus dem jeweils aktuellen Blickwinkel ist dieser Widerspruch sogar verständlich, denn die meisten AkteurInnen sind davon überzeugt, einen klaren Begriff der Gewaltfreiheit zu haben. Doch simple Nachfragen zeigen, dass es damit nicht soweit her ist. Stellen Sie doch einmal solchen Menschen die Frage: "Was habt Ihr gegen Beate Klarsfeld und Georg Elser?" Fast alle werden antworten wie: "Wer ist das?"
Wenn die entlarvende Anfangssituation vorbei ist, bringen Sie ein paar Zitate von Gandhi, wo dieser, wenn nichts anderes mehr hilft, zur Gewalt rät. Wer Jesus als gewaltfreies Vorbild benennt, kann mit der Geschichte der Vertreibung von Händlern aus dem Tempel verwirrt werden, wo sogar - der fraglos nicht besonders seriösen, aber von Gläubigen meist hochgeschätzten Bibel zufolge - eine Peitsche als Werkzeug zum Einsatz kommt (alles genauer in der Kritik an der Gewaltfreiheitsdogmatik).
Wenn Ihr Gespräch soweit gediehen ist, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus - aber immer als bizarrer Abwehrkampf, um die eigene Ideologie retten zu können. Das Spektrum reicht von "das sind aber Ausnahmen" (was immerhin zugibt, dass Gewaltfreiheit doch nicht immer passt, also keine höhere Moral ist) über Erklärungen, dass das auch gewaltfrei gegangen wäre (solche dogmenrettenden Texte gibt es wirklich z.B. über den Widerstandsstrategien gegen Hitler - diskutiert sich sicherlich auch gut bei einem Glas Rotwein im gesicherten Wohnzimmer), bis zu "das ist doch keine Gewalt" (zumindest zur berühmten Ohrfeige durchaus zu hören). Doch dieses Geeire beweist nur, dass wir es bei Gewaltfreiheit mit einem inhaltlich unbestimmten Moralbegriff zu tun haben. Er steht stellvertretend für das "Gute", moralisch Überlegene - und damit der Gewalt als etwas Schlechtes, moralisch Verwerfliches gegenüber. Gerät dieses simple Schema durcheinander, z.B. durch Kenntnisnahme schwierig zu diskreditierender Gewalt, so wird das bisher Schlechte, wenn es nicht einfach durch Nichtbefassung mit dem Thema kein Problem darstellt, eingemeindet in das "Gute" - und schon stimmt die Moral wieder.
Es ist noch nicht sehr lange her, dass gewaltfreie Propaganda im deutschsprachigen Raum auch die Sachbeschädigung zur Gewalt zählte und ächtete. Im Grundlagenbuch "Gewaltfreie Aktion" wird das 2011 zumindest clandestine Sabotage ausgegrenzt. Seitdem bestimmte Formen der Sachbeschädigung z.B. beim Behindern von Castortransporten aber in der Allgemeinheit hohes Ansehen genießen, werden diese zu gewaltfreien Aktionen umgewertet und heute zur Eigenwerbung benutzt (aber nur, wenn sie gelingen). Heute gilt das Herausreißen (also: Töten) von gentechnisch veränderten Pflanzen als gewaltfrei, während der Steinwurf in eine Glasscheibe als Gewalt gilt. Wer die Logik hinter solchen Wertungen enttarnen will, darf nicht die Frage nach Gewalt, sondern muss die nach einem moralischen "Gut" und "Böse" stellen - natürlich aus der Sicht derer, die mit moralischem Anspruch über die Aktionen Anderer richten. Einen weiteren Erklärungsansatz für die wirren Ein- und Ausgrenzspiele bietet der Blick auf Spenden- und Mitgliederzahlen.

Im Original: Gewaltfreiheit und Moral ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Johann Bauer, "Direkte gewaltfreie Aktion ...", in: Friedensforum 2/2008 (S. 40)
Wie kann unter widrigen Umständen, Enttäuschungen, Niedertagen an Zielen und ethischen Motiven festgehalten werden, die nicht unmittelbar durchsetzbar erscheinen? Eine Antwort, die Ziele und Mittel, Effektivität und Demokratie, Durchsetzungsfähigkeit und Moral im Gleichgewicht zu hatten sucht, ist die gewaltlose Revolution. ...
Gewaltlosigkeit muss aktiv, aggressiv, revolutionär sein, sonst verfehlt sie ihr Ziel der Beseitigung der verschiedenen Gewaltformen. Sie muss sich ja gegen entschlossenen Widerstand derer durchsetzen, die die bisherigen Formen der Gesellschaft verteidigen. Die Revolution darf sich ihre Mittel nicht von ihrem Feind vorschreiben lassen; sie muss ihr Ziel durch ihre Mittel kennzeichnen.

Aus Wolfgang Hertle, "Plädoyer für zivilen Ungehorsam ", in: Friedensforum 2/2008 (S. 43)
Gewalt macht blind, ihr autoritärer Charakter steht in völligem Gegensatz zum demokratisch-gewaltfreien Ziel der Selbstbestimmung. ... Es wird keine gewaltfreie Gesellschaft ohne Gerechtigkeit und Basisdemokratie geben. ...
Unser Ziel kann nur sein, die Gegenseite mit moralischen Mitteln zu "entwaffnen".

Da das Thema "Gewalt" in vielen sich anarchistisch gebenden Zusammenhängen eine hohe, wenn nicht identitätsstiftende Rolle spielt, ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Wie zu sehen sein wird, ist die Gewaltfrage nicht nur zentraler Bezugspunkt bei den "Gewaltfreien", sondern auch identitätsstiftend als genaues Gegenteil, als Fetisch von Militanz. Ihr wird eine Eigenqualität zugemessen, ohne den Inhalt und die konkrete Zielrichtung, die damit verpackt wird.

Manche Anarchist_innen machen es sich in Bezug auf herrschaftsfreie Utopien in der Gewaltfrage sehr einfach: Gäbe es Anarchie, wäre die Gewalt weg - eine herrschaftstheoretisch weder begründete noch naheliegende Annahme.

Aus "Eine befreite Gesellschaft und Gewalt oder: Warum Knäste unnötig sind!", in: Gaidao Nr. 55 (S. 16)
Frau und Kind werden so von vornherein entmachtet und als vermeintlich schwache Wesen kommt ihnen eine Position zu, die überwiegend wahlweise zu Sexualdelikten an Frauen oder Übergriffen an Kindern infolge von Machtmissbrauch führen kann. In einer Gesellschaft jedoch, in der Kinder als gemäß ihrem Entwicklungsstand eigenständig denkende und sich entfaltende Individuen anerkannt werden, in dem Frauen sich vollständig vom Joch männlicher Herrschaft emanzipiert haben, wären solche Delikte schlicht nicht denkbar.

Libertär und brav: Der anarchistischer Knigge

Aus Darwin Dante (1993): "5-Stunden sind genug", Manneck Mainhatten Verlag in Frankfurt
Der friedliche Weg zur Kooperation zum wechselseitigen Vorteil aller Beteiligten, den wir auch den neuen synthetischen Intelligenzen weisen können, kann also nur über die Treue, Hilfsbereitschaft und Liebe der Menschen zueinander führen.

Von der Akzeptanz höherer Werte und Moral zum Verhaltenskodex im Anarchismus ist es nicht weit. In beiden Fällen stehen nicht die Menschen und ihre freien Vereinbarungen im Mittelpunkt, sondern externe Quellen, aus denen sich Vorgaben für das Leben der Einzelnen und die gesellschaftliche Organisierung speisen.

Im Original: Verhaltensregeln für Anarch@s ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wie Menschen leben müssen
Kritik am Menschenbild vieler Anarch@s in: Stowasser, Horst (2007): "Anarchie!", Nautilus in Hamburg (S. 483 ff., gesamtes Kapitel als .rtf)
Wer Anarchie daher als eine ethische Glaubensgemeinschaft versteht, verwechselt ganz einfach die Mosaiksteinchen, aus denen sich eine anarchische Gesellschaft zusammensetzt, mit dem Gesamtmosaik. In jedem >Steinchen< schließen sich Menschen nach ihren Neigungen und Bedürfnissen zusammen. Dabei dürfen sie so anspruchsvoll oder anspruchslos sein, wie ihnen beliebt: die saft- und kraftlose Zweckgruppe oder die hoch motivierte Glaubensgemeinschaft nichtrauchender, friedensbewegter, antipatriarchaler und sitzpinkelnder VeganerInnen - alles ist denkbar. Die Interaktion zwischen den Mosaiksteinchen geschieht durch Beispiel, Erfahrung und Überzeugungskraft, nicht durch Zwang. Sobald aber rauchende und nichtrauchende, stehpinkelnde und sitzpinkelnde, fleischessende und pflanzenessende, schrille und fade, aggressive und pazifistische, rationale und esoterische, laute und leise, epikuräische und asketische, individualistische und kollektivistische Menschen gegenseitig voneinander verlangen, so und nicht anders zu leben, weil es so und nicht anders >richtig< sei, kann eine anarchische Gesellschaft nicht funktionieren. Solche Menschen haben das Wesen der Anarchie nicht begriffen, und selbstverständlich brauchten sie überhaupt keine libertäre Struktur. Zur Durchsetzung einer kollektiven Ethik sind Philosophie und Struktur des Staates viel besser geeignet. ...
Der Disput um das richtige, konsequente und ultimativ-korrekte Verhalten scheint manche Anarchas und Anarchos pausenlos zu beschäftigen; es beherrscht überregionale Treffen und füllt die Spalten vieler Szeneblätter und Chatrooms. Das geht von Ernährungsgewohnheiten über Sexualpräferenzen, Kosmetika, Urinierverhalten und Kleiderordnung bis zur jeweils gängigen Szene-Sprache. Die völlig legitime Suche nach einer eigenen Identität verselbstständigt sich dabei bisweilen und gerät leider nur allzuoft zu einem Spießertum mit umgekehrtem Vorzeichen, das von außen betrachtet befremdend wirkt, wenn nicht lächerlich. Auch in der Anarchoszene gibt es ein ritualisiertes »Das tut man aber nicht!« - nur wird es anders ausgedrückt ...

Spießigen Verhaltensvorschriften steht in anderen, mitunter sogar gleichen Kreisen eine bemerkenswerte Ignoranz für die Folgen des eigenen Verhaltens gegenüber.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 138, mehr Auszüge)
Dieses Gefühl der Verheißung war rein materialistisch. Die Ablehnung materieller Güter durch die Gegenkultur stand nicht im Widerspruch zum eigenen Besitz von Stereoanlagen, Schallplatten, Fernsehgeräten, "bewußtseinserweiternden" pharmazeutischen Produkten, exotischen Kleidern und gleichermaßen exotischer Nahrung.

Bei näherer Betrachtung ähneln sich die beiden, in der Alltagspraxis so unterschiedlichen Ansätze. Sie verzichten nämlich auf eine politische, hinterfragende, permanent skeptische und abwägende Orientierung des eigenen Verhaltens. Die einen propagieren Moral und political correctness als Leitkultur des Handelns, die anderen sehen gar keinen Anlass, das eigene Verhalten kritisch zu durchleuchten. Beide entlasten vor allem ihren Kopf. Wer unkritisch durchs Leben tingelt, wie andere sich durch Internet klicken oder durch Fernsehprogramm zappen, ist ebenso weit entfernt von jeder Idee der Selbstbestimmung wie diejenigen, die sich einer einfachen, aber identitätsstiftenden Ideologie unterwerfen - und dabei, zwecks Wohlfühlens, tunlichst einen kritischen Blick auf das Konkrete und die Hintergründe vermeiden. So lassen sich die AnhängerInnen einfacher Lebensführungsideologien auch schnell irritieren. Erzählen Sie mal einem/r einge"fleisch"ten VeganerIn (blödes Wortspiel), dass ein containertes Würstchen keine Tiere tötet, die beim Discounter gekauften Erbsen aber schon. Warum? So absurd, wie es sich anhört, ist das gar nicht. Denn es kommt auf die Erzeugung von Nachfrage an. Ein Glas Würstchen, welches aus dem Müll gesammelt wird, erzeugt genau keine zusätzliche Nachfrage, während die Sache mit den Erbsen komplizierter ist. Erstens ist jeder Anbau auch von Pflanzen ein ständiger Verdrängungskampf gegen Tiere. Im konventionellen Landbau geschieht das mit Spritzmitteln, die Mäuse, Heuschrecken, Schmetterlings- und Käferlarven oder was auch immer auf unvorstellbar grausame Weise töten - und zwar massenweise. Aber auch im ökologischen Landbau gibt es Spritzmittel, mechanische Tötungsmethoden und vor allem die schlichte Tatsache, dass ein Erbsenfeld vielen Lebewesen den sonst möglichen Lebensraum nimmt. Zweitens stärkt jeder Einkauf die Wirtschaftskraft des Ladens und der gesamten Produktion zumindest dieser Ware. Laden und Produktionsabläufe dienen aber meist auch dem Absatz von Fleischwaren - und so kann der Kauf von Erbsen z.B. die Werbung für Tierprodukten finanzieren.
Das zu durchdenken, ist die Kunst des Reflektierens, Hinterfragens und skeptischen Beäugens dessen, was uns als einfache Welt so vorgegaukelt wird. Die wegen ihrer Einfachheit so attraktiven Denkvorgaben zu zerlegen und sich selbst zu üben sowie andere zu motivieren, Herrschaftsförmigkeiten zu durchschauen, wäre ein emanzipatorischer Anspruch - und nicht, mit eigenen Vereinfachungen um die denkfaulen Köpfe zu konkurrieren.

Der Kampf gegen den Egoismus

Viele AnarchistInnen bezeichnen, bürgerlichen Moralvorstellungen folgenden, den Egoismus als Quelle von Konkurrenz und Machtkämpfen.

Im Original: Hetze gegen Egoismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Fuchs, Christian (2001): „Soziale Selbstorganisation im informationsgesellschaftlichen Kapitalismus“, Selbstverlag (S. 207)
Der Anarchismus geht davon aus, daß diese Normen und Werte darin bestehen, daß die Menschen in einer anarchistischen Gesellschaft verantwortungsvoll, solidarisch und altruistisch handeln und daß sie die Eigennutzenmaximierung zu Gunsten der Berücksichtigung allgemeiner Interessen aufgeben. Durch eine Sozialisierung in einem gesellschaftlichen System, das auf Werten wie Kooperation, Solidarität und Altruismus an Stelle von Konkurrenz, Eigennutzenmaximierung und Egoismus basiert, sei dies sehr wohl möglich.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 144, mehr Auszüge)
Für die anarchistischen Theoretiker sollte das Individuum die Freiheit haben, sich als ethisches Wesen - und nicht als engstirniger Egoist - zu betätigen, um eine rationale, hoffentlich uneigennützige Wahl zwischen rationalen und irrationalen Alternativen in der Geschichte zu treffen.

Kritik an dieser Konstruktion vermeintlich höherer Werte, dem Gegensatz von Eigennutz und Gemeinnutz und moralischer Vorgaben für das eigene Verhalten ist selten. Kommt sie aus der Ecke reiner IndividualanarchistInnen, so ist sie oftmals nicht mit einer Antwort auf die Frage verbunden, wie sich die voneinander losgelöst gedachten Individuen denn ohne verhaltensleitende Moral verständigen, wie sie Kooperationen finden, gesellschaftlichen Ressourcen nutzen, erneuern und erweitern. Der wichtige Hinweis, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen darüber entscheiden, wie sich Egoismus auf andere Menschen auswirkt - konkurrierend oder fördernd -, ist nur selten zu finden. Aber es gibt ihn.

Im Original: Keine Moral über den Menschen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet
Sicher ist indessen, daß von allen auf gesellschaftliches Zusammenwirken angewiesenen Geschöpfen allein der Mensch den Kampf planvoll auf die eigene Art ausgedehnt hat, und zwar nicht, wie das bei manchen Tieren und bei den Kannibalen geschieht, um Ernährungsschwierigkeiten zu beheben, sondern um ungleiches Recht in derselben Gattung zu schaffen und dadurch Machtgelüste zu befriedigen. Gegenseitige Hilfe ist ebenso Bestandteil der Gleichberechtigung, wie soziale Ungleichheit jede Gegenseitigkeitsbeziehung unmöglich macht.

Anarchistischer Gedankenbrei: Religion - nein! Höhere Werte - ja, doch ...?

Es ist überraschend, wie oft und intensiv sich AnarchistInnen auf unumstößliche moralische Grundwerte beziehen oder universelle Kriterien für richtiges und falsches Verhalten benennen. Dabei ist der Glaube an höhere Quellen für Werte oder Ideologien vergleichbar mit Religionen, die die umfassendsten Systeme dieser Art darstellen.

Im Original: AnarchstInnen gegen Religion ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (mehr Auszüge)
Daß der Anarchismus mit dem Glauben an eine außerhalb der Persönlichkeit wirkende bewußte und willensbegabte Kraft unvereinbar ist, bedarf keiner besonderen Darlegung. Der Begriff der Religion könnte nur insofern mit anarchistischer Denkweise in Übereinstimmung gebracht werden, wie er als Hingebung und Versunkenheit des Ich in seiner Beziehung zu Menschheit und Weltall gemeint wäre. ... (S. 30)
Jede Unterwerfung und Beherrschung führt zu materieller Ausbeutung, jede Ausbeutung zu Autorität, Zentralismus, Staat. Gott und der Staat sind die beiden Pole der Macht, die auf der Verneinung von Gleichberechtigung, Gegenseitigkeit und Selbstverantwortung beruht. ...
(S. 32)
Die jüdische Gottvater-Lehre, die den einzigen, allmächtigen, allgerechten, allgegenwärtigen Gott mit dem finster drohenden Verlangen über die Menschen setzt, in unaufhörlichem Gebet angefleht, bewundert, der hingegebenen Verehrung versichert und für alles, selbst für jede Qual und Demütigung bedankt zu werden, schuf den westlichen Völkern die Voraussetzung zur Hinnahme der Vaterschaftsfamilie mit der gottähnlichen Stellung des über die Seinen herrschenden Oberhauptes. Diese autoritären Vorbilder haben auch dem Staat mit seiner nationalistischen Ideologie die Bereitwilligkeit der Menschen zur Untertanschaft unter eine zentralistisch schaltende Macht, zum Verzicht auf Selbstverantwortung, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung in den Dingen des gesellschaftlichen Zusammenlebens erschlossen. Gottvater, Vater, Vaterland - die Einwirkung auf die Gefügigkeit der Menschen geschieht überall auf die gleiche Weise ...
(S. 40)

Aus Bakunin, Michail: Gott und der Staat (Nachdruck 1995 im Trotzdem Verlag, Internet)
Alle Religionen mit ihren Göttern, Halbgöttern, Propheten, Erlösern und Heiligen wurden von der leichtgläubigen Phantasie von Menschen geschaffen, die noch nicht zur vollen Entwicklung und zum Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten gelangt waren; der Himmel der Religion ist also nichts als eine Lichtspiegelung, in der der Mensch, von Unwissenheit und Glauben überspannt, sein eigenes Bild wiedersieht, aber vergrößert und verkehrt, d.h. vergöttlicht. ...
Da Gott alles ist, sind die wirkliche Welt und der Mensch nichts. Da Gott die Wahrheit, die Gerechtigkeit, das Gute, das Schöne, die Macht und das Leben ist, ist der Mensch die Lüge, das Schlechte, das Übel, die Häßlichkeit, die Ohnmacht und der Tod. Da Gott der Herr ist, ist der Mensch der Sklave. Der Mensch ist unfähig, die Gerechtigkeit, die Wahrheit und das ewige Leben selbst zu finden, und kann sie nur durch göttliche Offenbarung erlangen. Wer aber Offenbarung sagt, sagt auch Offenbarer, Erlöser, Propheten, Priester und Gesetzgeber, die Gott selbst erleuchtete, und sobald diese einmal als Vertreter der Gottheit auf der Erde anerkannt sind, als die heiligen Lehrer der Menschheit, die Gott selbst auserwählte, um die Menschheit auf den Weg des Heils zu leiten, müssen sie notwendigerweise absolute Macht ausüben. Alle Menschen schulden ihnen unbegrenzten und demütigen Gehorsam; denn gegenüber der göttlichen Vernunft gibt es keine menschliche Vernunft, und vor der Gerechtigkeit Gottes bleibt keine irdische Gerechtigkeit bestehen. Als Sklaven Gottes müssen die Menschen auch Sklaven der Kirche und des Staates sein, insoweit als der Staat von der Kirche geheiligt ist. Dies begriff von allen bestehenden und vergangenen Religionen das Christentum am besten, nicht ausgenommen selbst die alten orientalischen Religionen, welche übrigens nur bestimmte und bevorrechtete Völker umfaßten, während das Christentum den Anspruch hat, die ganze Menschheit zu umfassen, und von allen christlichen Sekten hat der römische Katholizismus allein dies mit strenger Konsequenz verkündet und verwirklicht. Deshalb ist das Christentum die absolute Religion, die letzte Religion, und die römischapostolische Kirche die einzig konsequente, rechtmäßige und göttliche.
Ob es also den Metaphysikern und religiösen Idealisten, Philosophen, Politikern oder Dichtern gefällt oder nicht: Die Gottesidee enthält die Abdankung der menschlichen Vernunft und Gerechtigkeit in sich, sie ist die entschiedenste Verneinung der menschlichen Freiheit und führt notwendigerweise zur Versklavung der Menschen in Theorie und Praxis. Wenn wir also nicht die Versklavung und Herabwürdigung der Menschen wollen wie die Jesuiten, die protestantischen Momiers, Pietisten oder Methodisten, dann können und dürfen wir dem Gott der Theologie und dem Gott der Metaphysik nicht das geringste Zugeständnis machen. Denn wer in diesem geheimnisvollen Alphabet A sagt, sagt schließlich unvermeidlich auch Z, und wer Gott anbeten will, muß, ohne sich kindische Illusionen zu machen, tapfer auf seine Freiheit und Menschlichkeit verzichten. Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: Folglich existiert Gott nicht. Ich fordere jeden auf, diesem Kreis zu entgehen, und nun mag man wählen. ...
(S. 58 f.)
Die Tatsache dieses Glaubens erklärt sich übrigens auf natürliche und vernünftige Weise. Das Beispiel von Kindern und Jünglingen, selbst von vielen Erwachsenen, zeigt uns, daß der Mensch seine geistigen Fähigkeiten schon lange gebrauchen kann, bevor er sich darüber Rechenschaft ablegt, wie er sie ausübt, bevor er zum klaren und genauen Bewußtsein dieser Ausübung kommt. In dieser Zeit, in welcher der Geist seiner selbst unbewußt in Tätigkeit tritt, in der die Intelligenz naiv oder gläubig tätig ist, schafft der von der äußeren Welt bedrückte Mensch, von dem inneren Stachel, dem Leben und den vielartigen Bedürfnissen des Lebens getrieben, eine Menge Einbildungen, Begriffe und Ideen, die notwendigerweise zuerst sehr unvollkommen sind und der Wirklichkeit der Dinge und Tatsachen, die sie sich auszudrücken bemühen, sehr wenig entsprechen. Und da er sich seiner eigenen Verstandestätigkeit nicht bewußt ist, da er noch nicht weiß, daß er selbst diese Einbildungen, Begriffe und Ideen hervorbringt und hervorzubringen fortfährt, da er selbst ihren ganz subjektiven, das heißt menschlichen Ursprung nicht kennt, betrachtet er sie natürlich mit Notwendigkeit als objektive Wesen, als wirkliche Wesen, die von ihm selbst ganz unabhängig durch sich selbst und in sich selbst sind.
Auf diese Weise schufen die Naturvölker, die langsam ihre tierische Unschuld verließen, ihre Götter. Nachdem sie sie geschaffen, fiel ihnen nicht ein, daß sie selbst ihre einzigen Schöpfer waren, und sie beteten sie an, betrachteten sie als wirkliche, ihnen selbst unendlich überlegene Wesen, legten ihnen Allmacht bei und erklärten sich als ihre Geschöpfe, ihre Sklaven. Mit der Weiterentwicklung der menschlichen Ideen idealisierten sich auch die Götter, die, wie ich bemerkte, stets nur der phantastische, ideale, poetische Widerschein oder das verkehrte Bild dieser Ideen waren. Aus groben Fetischen wurden sie allmählich zu reinen Geistern, die außerhalb der sichtbaren Welt existieren, und zum Schluß, als Folge einer langen geschichtlichen Entwicklung, verschmolzen sie in ein einziges göttliches Wesen, den reinen, ewigen, absoluten Geist, den Schöpfer und Herrn der Welten. ...
(S. 92)
Es ist jene ewige Luftspiegelung, welche die Massen auf die Suche nach den göttlichen Schätzen hinreißt, während die herrschende Klasse viel bescheidener sich damit begnügt, die elenden Güter der Erde und das menschliche Hab und Gut des Volkes, seine politische und soziale Freiheit inbegriffen, unter ihre eigenen Mitglieder zu verteilen, auf sehr ungleiche Art übrigens und so, daß der, der mehr besitzt, immer noch mehr erhält.
(S. 103)

Aus Frans de Waal, "Tierische Moralitäten" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg, S. 61)
Ich bezweifle, dass die Naturwissenschaft und die naturalistische Weltsicht die Lücke füllen und eine Inspiration für das Gute werden könnten. Jedes Bezugssystem, das wir zugunsten einer bestimmten moralischen Perspektive entwickeln, ist gezwungen, eine eigene Liste von Grundsätzen aufzustellen, eigene Propheten hervorzubringen und eigene ergebene Anhänger um sich zu scharen, sodass es sehr bald die Gestalt irgendeiner beliebigen herkömmlichen Religion annehmen würde.

Dass Religion mit emanzipatorischen und erst recht anarchistischen Ideen unvereinbar sind, darüber herrscht also weitgehend Einigkeit. Doch kaum trägt ein metaphysisches Wertesystem dieses Etikett nicht mehr, bröckelt die Klarheit. Wenn bestimmte Moralvorstellungen als universell angenommen werden - wie an den Beispielen Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit gezeigt -, dann hat das doch eine Ähnlichkeit mit den klassischen Religionen. Gleiches gilt, wenn mensch sich auf über dem Individuum und seinen freien Zusammenschlüssen stehende Quellen bezieht - wie es bei identitären Kollektiven (Volk, Plenum usw.) oder höheren Werten der Fall ist. Als Religion wirkt es nur deshalb nicht, weil die reichlich veraltete, triefend patriarchale Figur des bärtigen Gottvaters eingemottet und durch moderne Bilder ersetzt wurde, ohne dass aber deren Funktion als Quelle externer Autorität in Frage gestellt ist.

Da überrascht es auch nicht, dass andere Strömungen, die sich religionskritisch geben und vermeintlich den Menschen in den Mittelpunkt stellen (also emanzipatorische Ziele verfolgen), ähnliche Probleme haben. Das gilt z.B. für die sich stärker als einheitliche Gruppe organisierenden HumanistInnen. Diese haben, obwohl als Personen überwiegend eher bürgerlicher Sozialisierung, sogar die eine oder andere Überschneidung mit anarchistischen Gedanken und Strömungen - wie im nicht zufällig weit verbreiteten Buchstaben "A" in Verlagsnamen wie Alibri, Alive usw. erkennbar ist.

Im Original: HumanistInnen hetzten gegen Egoismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Egoismus als Übel
Auszug aus Reichholf, Josef H., "Der Mensch zwischen Natur und Kultur", in: "Der Neue Humanismus", Alibri in Aschaffenburg (S. 132)
In der Überwindung des primären Egoismus des Individuums und des sekundären der Gruppe, zu der es gehört, liegt also die Herausforderung für den Humanismus.

Im alten Humanismus: Erziehung und Kultur als Bändigung des Raubtiers Mensch
Auszug aus Wetz, Franz Josef, "Wie ist Selbstachteung noch möglich? ", in: "Der Neue Humanismus", Alibri in Aschaffenburg (S. 197ff)
Humanistische Bildung ist eine Aufgabe und keine Selbstverständlichkeit! Sie darf als Versuch gedeutet werden, das Raubtier Mensch zu bändigen, für das Unmenschlichkeit der natürliche Normalfall war, wenn tatsächlich Triebe und Leidenschaften statt Geist und Vernunft den Menschen ursprünglich regierten. Hier setzt der Humanismus mit seiner Idee der Menschenbildung als Menschenzähmung an. Denn Humanismus ist immer auch das Unterfangen, die von unersättlichen Begierden getriebene Bestie Mensch aus der Barbarei zurückzuholen, das Rohe, Wilde, Grausame an ihm einzudämmen, hemmungslose Impulse und den Drang nach Gewaltsamkeit zu begrenzen. So wendet sich der Humanismus gegen die unruhige Gärung des Lebens, die durch die Züchtung höherer Anstandsgefühle begrenzt werden sollte. Fassungslose Verzweifung, unbeherrschte Freude, ausschweifende Lach- und Tanzobsessionen, das Vulgäre, Obszöne, Exzessive, die Lust an der Fäkalsprache, die Grimassen der sinnlichen Erregung und die Fratzen des bebenden Fleisches - dies alles wird im Humanismus als ansteckende, Unruhe stiftende Elemente einer inneren und äußeren Zensur unterworfen und wie Exkremente ausgeschieden. ...
Der neue Humanismus geht diesen Weg nicht ...
Sechstens ist der neue Humanismus weniger geist- und vernunftorientiert als vielmehr leib- und lustbetonend. Aufwühlende Reizbefriedigungen, rauschende Erotik und maßlose Feste ermöglichten eine Intensivierung und Bereicherung des Lebens. Hierzu böten Sport, Spiel, Sex, Abenteuer und Musik der unterschiedlichsten Art vielfältig Gelegenheit. In dieser hedonistischen Lebensweise vollziehe sich eine Art existenzieller Wertschöpfung, bei der ein Mehrwert in Form eines gesteigerten Lustgewinns erzielt werde.
Siebtens gilt die Veredelung des Menschen zu einem selbstlosen, wohlwollenden Wesen eher als aussichtsloses Unternehmen, weil menschliches Handeln von Eigeninteresse gelenkt werde. Hinter altruistischem Verhalten steckten egoistische Gene, hinter Kooperation strategisches Kalkül, hinter Mitfreude persönlicher Lustgewinn und hinter hilfsbereitem Mitleid eigenes Schmerzempfinden, die Macht der sogenannten Spiegelneuronen. Dieses empathische Schmerzempfinden reduzierten wir häufig durch Spendenaktionen und Hilfsmaßnahmen, hinter denen gleichfalls eigennütziges Handeln stehe, gehe es doch hierbei letztlich um eine Beseitigung des eigenen Unbehagens angesichts des Elends anderer Menschen.

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