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Wie kann es weitergehen?
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für die praktische Anarchie

Anarchistischer Alltag ++ Anarchie zeigen ++ Organisierung ++ Aktion ++ Utopien ++ Hoffnungen ++ Links

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Von der Strategie zur praktischen Umsetzung: Wie kann gelebte Anarchie schon heute im Alltag, in der politischen Auseinandersetzung und als Kooperation in einer komplexen, aber so ganz anders gepolten Gesellschaft aussehen? Fraglos: Ein vollständiges Bild wird sich hier nicht entwerfen lassen, denn aus der Idee von Emanzipation folgt ja, dass es keine schematischen Entwürfe geben kann, sondern es gerade das Kennzeichen herrschaftskritischer Praxis ist, immer die konkrete Lage sowie Wünsche und Bedürfnisse der Beteiligten zu beobachten, abzuwägen und daraus die Ideen für praktisches Handeln abzuleiten. Dem folgt eine ständige Reflexion der Wirkungen, die das eigene Handeln verursacht, und der neugierige Blick auf alles, was sich sonst noch tut. Es gilt, die konkreten Verhältnisse zu umzugestalten, dass sich Menschen aus Bevormundungen, Zwangsverhältnissen und Hierarchien lösen können, um sich nach ihrer Eigenart und in freier Kooperation selbst zu entfalten. Dafür reicht weder der reine Protest gegen die bestehenden äußeren Zwänge und herrschenden Diskurse noch der bloße Versuch, irgendwo kleine Inseln der Glückseligkeit zu schaffen in der Illusion, diese ließen sich von den herrschaftsförmigen Einflüssen frei halten, die von Außen und durch die Zurichtung der Beteiligten in jeden Winkel der Welt geschleppt werden.

Anarchie für alle: Herrschaftsfreies Leben und Überleben im Alltag

Der Alltag ist das unmittelbarste Lebensumfeld aller Menschen. Gemeint ist damit das, was immer wieder und oft standardisiert die eigene Lebenspraxis darstellt. Für die einen findet das vornehmlich in den eigenen vier Wänden statt, andere sind in Schule, Ausbildung, Beruf oder auf der Straße unterwegs. Hinzu kommen Besuche, Treffen mit Verwandten und Bekannten, Gänge zu Ämtern, die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das Surfen oder Chatten im Internet, Aktivitäten in Vereinen, beim Sport oder anderen anderen Orten, die routinemäßig aufgesucht werden bzw. immer wieder kehren. Überall dort reproduziert sich die Herrschaftsförmigkeit der Gesellschaft. Gesetze und Normen strahlen in die Orte, Menschen tragen ihre sozialen Zurichtungen mit sich herum, Privilegien und Hierarchien wirken sich aus.
Warum sollte mensch für eine herrschaftsfreie Gesellschaft nur dann kämpfen, wenn explizit dazu aufgerufen wird? Also in einer seltsamen Einteilung von politischem und sonstigen Leben? Zumal das sehr uneffizient wäre, denn die - durchaus nützlichen und wichtigen - organisierten Politaktionen bedeuten einen wesentlich höheren Aufwand als das Handeln im Alltag. Alltag ist ohnehin da. An- und Abfahrtswege entfallen. Wer den Alltag zur Aktionsfläche macht, erweitert die eigenen Handlungsmöglichkeiten erheblich. Zudem ist der Alltag oft deutlich kommunikativer als z.B. große Demos oder Veranstaltungen, wo Kommunikation eher als frontaler Redeschwall herüberkommt und oft nur die ohnehin Überzeugten erreicht.

Das Handeln im Alltag schafft jedoch besondere Herausforderungen. Denn hier herrscht "Norm"alität. Es fehlt die künstlich geschaffene Situation politischer Aktion, in dem der Sonderstatus besondere Freiheitsrechte schaffen kann - sei es über das Versammlungsrecht oder über die Freiheit der Kunst. Stärker erweitert ist die Handlungsfreiheit in konkreten Situationen, wenn eine Aktion heimlich und im illegalen, aber nicht überwachten Raum abläuft. Doch auf Dauer wirkt das allein nicht.

Im Original: Handeln und reflektieren ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Versuch und bewusstes Scheitern
Aus Meretz, Stefan: "Den Kampfhund bändigen", in: Freitag, 18.6.2004 (S. 5)
Eine andere Praxis setzt voraus, die eigene Eingebundenheit zu erkennen. Das Falsche ist nicht das Andere, ich bin es auch, es geht durch mich hindurch. Jede Handlung reproduziert das Ganze. Und hier beginnt die Alternative: Das Spielfeld verlassen, die Spielregeln außer Kraft setzen, nicht mehr mitspielen - wo immer es geht. Es geht nicht immer, aber sehr oft.
Geht es nicht, dann ist das Falsche bei vollem Bewusstsein zu tun und nicht als das Richtige zu verbrämen. Denn es sind immer zwei Schritte: wahrnehmen und handeln. Geht das Zweite nicht, geht immer das Erste. Keine Selbstzensur, das Wahrnehmen, Empfinden und Erkennen nicht umdefinieren, sondern mit Bewusstsein klarmachen: "Ich müsste widersprechen, aber ich halte Klappe, weil ich sonst rausfliege. Aber Es ist falsch."

Handeln und Reflektieren (fragend voran ...)
Aus Meretz, Stefan: "Den Kampfhund bändigen", in: Freitag, 18.6.2004 (S. 5)
Ich plädiere für eine wahrnehmende Distanz zum eigenen Tun, für einen Überblick über Handlungsmöglichkeiten. Für das alltägliche Handeln ist es ein Unterschied, ob ich mich von der Entfremdungslogik aufsaugen lasse, sie verinnerliche und wieder hinaustrage und Andere damit unter den gleichen Druck setze, unter dem ich stehe. Oder, ob ich distanziert und ohne moralischen Zeigefinger auf mein eigenes Tun schaue, um es genau nach solchen quasi-automatischen Wiedergaben fremder Sachzwänge abzusuchen - auf das ich es beim nächsten Mal vielleicht lassen kann oder wenigstens nicht mehr als "richtig" oder "gerecht" rechtfertigen muss, vor mir und anderen.

Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 66)
Es geht damit auch um die Verweigerung vorauseilenden Gehorsams, um die Sabotage freiwilliger Unterwerfung im Alltag. Unter dem Aspekt, daß es die AlItagskonditionierung ist, die Menschen unterwürfig macht, die Anpassungsverhalten täglich einübt und zementiert.

Weil der Alltag das ständige Lebensumfeld der Menschen bildet, sind die Handlungsmöglichkeiten unendlich vielfältig. Andererseits sind sie immer mit direkten Auswirkungen auf das eigene Leben verbunden, denn dieses findet untrennbar im gleichen Alltagsgeschehen statt, welches auch den Handlungsrahmen schafft. Das ist Chance und gleichzeitig zusätzliche Hürde. Wer politischen Protest als Ausnahmefall ins eigene Leben fügt, kann das so organisieren, dass sich sonst nichts ändert - ja, es ist möglich, politisches Engagement im sonstigen Leben völlig zu verstecken oder sogar unbekannt zu lassen. Ob Beziehung, Familie, Ausbildung, Arbeitsplatz, Nachbarschaft und mehr: Es kann alles völlig getrennt sein von einem in der Freizeit als Hobby, Abendtreffen und sporadischen Wochenendausflug gestalteten politischen Engagement.
Widerstand im Alltag heißt, sich dort einzumischen, bei Bedarf entgegenzustemmen oder Alternativen zu entwickeln, wo das eigene Leben ständig spielt. Damit hat jede Handlung auch Auswirkungen darauf, wird zum Gesprächsthema im Alltag, zum Segment des Umgangs mit anderen Menschen. Es verlangt mehr Mut, im Alltag aktiv zu sein als in den getrennten Sphären organisierter Politevents, die als Einmal-Inszenierung vorübergehen wie ein Urlaub oder Theaterbesuch - allerdings auch in ihrer Wirkung begrenzt bleiben auf den symbolischen Ausdruck. Die Einmischung in den eigenen Alltag oder aus ihm heraus wirkt immer direkt und kann verschiedene Facetten annehmen.

Aktion und direkte Intervention: Das ständige Einmischen

Eine Möglichkeit der Einmischung ist der politische Protest, also alle Formen von Aktionen, die im Kleinen wirken können. Fast alles, was an Aktionsmethoden bei organisierten Protesten außerhalb des Alltag angewendet werden kann, hat auch hier eine Chance - wenn auch in kleinerem Format: Verstecktes Theater, Plakate, Sabotage, Kommunikationsguerilla, Flugblätter, offene Briefe usw.
Alltag ist aber auch der Ort, in dem Diskriminierung, Ausbeutung, Mobbing, Ungleichberechtigungen, Privilegien und alle anderen Formen von Unterdrückungsverhältnissen einen unmittelbaren Ausdruck erhalten. Praktisch ist das ständig der Fall, denn Herrschaft durchzieht die Gesellschaft bis in den letzten Winkel. Patriarchale Logiken, Zweigeschlechtlichkeit, Rassismus, Erziehung, Kinderdiskriminierung, rechte Ideologien und Privilegien prägen den Alltag. Wer aufmerksam durch den Tag wandelt, wird viele Situationen entdecken, die Einmischung nötig machen, um Unterdrückungsverhältnisse aufzudecken, anzuprangern und - wenn eine passende Handlungsidee kommt - anzugreifen. Wer die Umgebung intensiv „abscannt“, d.h. beobachtet, hinterfragt und auf offensichtliche oder versteckte Herrschaftsförmigkeiten hin analysiert, bemerkt Tausende Stellen, an denen kleine Zeichen gegen das genormte Dasein hinterlassen werden können. Diese grundsätzliche Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten „Ausrüstungsgegenstände“ für den Widerstand im Alltag. Dazu kommt, sich gezielt Aktionstechniken anzueignen, um diese situationsbezogen einsetzen zu können – zum Beispiel um mittels verstecktem Theater in Kommunikation eingreifen zu können. Daneben lohnt es sich, immer auch so ausgerüstet zu sein, dass viele Handlungsmöglichkeiten offen stehen. Eine Art "Direct Action-Tasche" oder im Rucksack ein Fach für Aktionsmaterialien helfen. Ein paar Dinge, die dazu gehören könnten:

Im Alltag können einem Menschen begegnen, die einem bekannt sind und auch weiterhin zum eigenen sozialen Umfeld gehören - in der NachbarInnenschaft, am Arbeitsplatz, in Vereinen und Gruppen. Das erfordert ein besonderes Vorgehen, um nicht dauerhaft Kommunikationsmöglichkeiten zu beschneiden. Eher das Gegenteil wäre anzustreben: Neue Gesprächsthemen eröffnen, direkten Kontakt suchen.
Alltag sind aber auch die anonymen Verhältnisse im Supermarkt, in der U-Bahn oder im Bus, an der FußgängerInnenampel usw. Es sind oft hochkommunikative Räume, in denen Aktionsformen passend sind, die direkte Ansprache und Diskussion erzeugen. Solche Methoden sind besonders wertvoll, da Kommunikation der entscheidende Zugang zu Diskursen und allem ist, was an Normierungen, Wertungen und Vorurteilen in den Köpfen schwirrt. Mit den großen Politaktionen am Wochenende lässt sich das regelmäßig nicht erreichen. Diese wirken eher über Medien und auf die repräsentative Politik - aber weniger auf die vielen Menschen überall. Deshalb ist es eine Schwäche politischer Bewegung, auf solche zentralen Events plus begleitender Appelle an die Herrschenden zu setzen. Emanzipatorische Veränderung muss einerseits die Macht aus Parlamenten und Konzernen zu den Menschen ziehen, andererseits aber auch den Alltag und die direkte Kommunikation als Handlungsebene erobern. Sonst bleibt alles Begleitfolklore zum weiteren Durchmarsch institutioneller und diskursiver Herrschaftsverhältnisse und -beziehungen.

Raus aus den Zwängen: Selbstbefreiung im Alltag

Die relative Beliebtheit von außerhalb der eigenen Alltagsbeziehungen liegenden Politevents gegenüber der Einmischung im Alltag wird zusätzlich gesteigert dadurch, dass durch Aktionen an fernen Orten und innerhalb großer Gruppen die eigenen Überlebensbezüge und -quellen nicht gefährdet werden. Wer Händchenhalten auf dem Elbdeich spielt, riskiert keinen Verlust des Arbeitsplatzes. Wer vorgefertige Emails an den digitalen Papierkorb der Bundeskanzlerin schicken lässt, muss sich dafür wohl kaum in der NachbarInnenschaft rechtfertigen.
Anders sieht das bei Aktionen im eigenen Alltag und direkter Intervention aus. Wer gegen einen sexuellen Übergriff auf einer Party vorgeht, läuft Gefahr, zumindest kritische Blicke vieler in ihrer Feierlaune gestörten Partygäste zu ernten. Das kann, wer eine Unterschrift gegen Genitalverstümmelung in einem fernen Land leistet, nicht passieren (höchstens die standardmäßige eigene Belästigung durch die Spendeneinwerbeabteilungen der unterschriftensammelnden Organisationen).
Einmischung im Alltag geschieht immer als konkrete Person und oft in nicht-anonymen und dauerhaften Bezügen. Schon allein das Ziel, politische Handlungsfähigkeit zu erreichen, ist ein Grund, über die eigene Einbindung in Zwänge nachzudenken. Zentraler aber ist der Wert unabhängiger Entscheidungsfähigkeit (Autonomie) noch für das Leben selbst. Denn wenn Selbstentfaltung ein wichtiges Ziel des Lebens ist, bedeutet die Befreiung von allen normierenden und bestimmtes Verhalten erzwingenden Einflüssen eine wichtige, befreiende Voraussetzung, diese auch Wirklichkeit werden zu lassen. Der eigene Alltag ist also doppelt wichtig.

Anarchie zeigen: Überzeugen durch Tun?

Jede Handlung, jede Aktion und jedes Projekt kann zu mehr werden, wenn es dafür genutzt wird, weitergehende Utopien zu vermitteln. Zudem kann es die Wirkung des Konkreten verbessern, wenn die dahinterstehende und über das kleine Experiment hinausgehende Idee sichtbar wird. Zwar mag das zunächst auch einige Menschen abschrecken (wer ist angesichts der heutigen Hetze schon gern anarchisch?), aber da müssen emanzipatorische Ideen und IdeengeberInnen durch. Herrschaftsfreiheit, unter welchem der vielen Begriffe auch immer benannt oder umschrieben, muss aus den dunklen Ecken gesellschaftlicher Subkulturen, temporärer Protestphasen des Lebens oder bürgerlicher Hetze zu einer gegenkulturellen Offensive, zu einem erstrebenswerten Ideal und zur hinter den Aktionen der Befreiung und Selbstorganisierung sichtbaren Hoffnung erweckt werden.
Sie ist keine Idee für wohlige Sonntagsreden klein- und bildungsbürgerlicher Kreise, die mit verklärtem Blick die bessere Welt einfordern, um in ihrem sonstigen Leben zu denen zu zählen, die aus teil-privilegierter Stellung heraus genau das Gegenteil mit abzusichern helfen.

"Anarchie ist machbar, Herr Nachbar" (zwecks besseren Reimens in männlichem Sprachstil) lautet ein beliebter Spruch, den AnarchistInnen aber lieber vor sich hinbrabbeln, wenn sie unter sich sind, oder klammheimlich den NachbarInnen auf die Hauswand sprühen, um auch die letzte Chance zur Debatte um Herrschaftsfreiheit zu zertrümmern.

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 64 f.)
Die wirksamste Art anarchistischer Propaganda wird immer die Schaffung und die Demonstration anarchistischer gesellschaftlicher Beziehungen sein - eben die Praxis der vorwegnehmenden Politik. Es fällt Leuten viel leichter, die Vorstellung eines Lebens ohne Chefs oder Führer anzunehmen, wenn sie es erleben und nicht nur Argumente dafür lesen oder hören, auch wenn sie eine solche Erfahrung nur in einem begrenzten Maßstab machen können.

Wenn schon Emanzipation und ihre radikalste Form, die Anarchie, als Gegenkultur verstanden werden, liegt es nahe, auch den ganzen Bereich, der originär als Kultur verstanden wird, ins Blickfeld zu nehmen. Schrift, Bild, Ton, Inszenierung und vieles mehr vermitteln gesellschaftliche Auffassungen. Sie sind regelmäßig utopischer und mutiger als realpolitische Forderungen oder die Verzagtheit praktischer Alltagsgestaltung. Andererseits ist auch Kultur in vielen Zwängen gefangen, und ihre Befreiung aus diesen hin zu einer selbstbestimmten und selbstorganisierten Form wäre von Bedeutung.
Der Anteil von Musikgruppen, MalerInnen, SchriftstellerInnen und mehr ist hoch, die sich - oft träumerisch - sehr positiv auf Ideen der Herrschaftsfreiheit und Gleichberechtigung beziehen, während die Realität in einem Korsett von Zwängen und Hierarchien versinkt - einschließlich der Form künstlerischer Präsentation, die oft den in ihr vermittelten Inhalten widerspricht.
Es gibt praktisch keine um anarchistische oder wenigstens emanzipatorische Inhalte kämpfende und solche Ideale praktizierende KünstlerInnenszene, auch wenn die Inhalte ihrer Kunst das oft herbeisehnen oder fordern.

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 67)
Eine solche Herangehensweise begreift Anarchie als Kultur, als gelebte Realität, die überall in unterschiedlichen Gewändern auftaucht, sich unterschiedlichen kulturellen Klimata anpasst und um ihrer selbst willen verbreitet und entwickelt werden soll, unabhängig davon, ob wir der Auffassung sind, dass es die vorherrschende gesellschaftliche Form werden wird.

Keine Eintagsfliege: Selbstorganisiertes Leben

Anarchie im Alltag ist also dreierlei:

Kleine und große Schritte, gerne auch mal - wenn es die Situation zulässt - ein großer Wurf, wenn z.B. eine Fabrik übernommen, ein Dorf oder Wohnviertel selbstverwaltet oder per praktischer Aktion die Unterdrückungsmaschinerie gestoppt werden kann, sind immer gut. Damit sich die Veränderungen auch zu einer Gegenkultur entwickeln können, bedarf es aber mehr als Strohfeuer. Solange Protest und Selbstorganisierung nur die Nebenrolle in einem ansonsten von Abhängigkeiten und Zwängen durchzogenen Alltag sind, werden sie irgendwann gestrichen werden aus dem Tagesplan der von den fremdbestimmten Anforderungen überforderten Menschen. Es muss daher gelingen, den selbstorganisierten Alltag, sei es die materielle Reproduktion, die Kommunikation und Kooperation mit dem Umfeld oder die Einmischung in Form von Intervention und Aktion, zu einem Kontinuum zu machen. Das meint nicht starre Formen, sondern dass es mehr wird als die vereinzelten Ausnahmen im ansonsten abhängigen Leben.

Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 61)
Die Crux sozialer "Ein-Punkte-Bewegungen" (Anti-AKW, Anti-Startbahn etc.) ist unter anderem, daß es oftmals nicht gelingt eine dauerhafte und grundsätzliche Auseinandersetzung mit Macht und Herrschaftsstrukturen herbeizuführen, weil die Beschäftigung an der Oberfläche gesellschaftlichen Erscheinens bleibt. Nicht nur verlorene Konflikte. sondern sogar erfolgreich abgeschlossene Auseinandersetzungen, die sich quasi nur an dem gesellschaftlichen Symptom abarbeiten, führen zum Rückfall der Beteiligten ins "rein Private", sobald der Aktualkonflikt beendet erscheint.

Anarchie für Gruppen: Organisierung ohne Hierarchien

Menschen bilden regelmäßig Zusammenhänge, sei es der Kommunikation wegen, eines sozialen Miteinanders, dem gemeinsamen Erreichen von Zielen, zur Verwaltung von Ressourcen und unzähligen anderen Zwecken. Eine jede solcher Gruppen stellt einen gesellschaftlichen Subraum dar. Immer entstehen Strukturen, ungeschriebene Gesetze durchziehen das Verhalten in der Gruppe und die Kommunikation. Mehr oder weniger fest umfließt eine Grenze das Innere der Gruppe und trennt sie vom Drumherum. Wenn Emanzipation die Befreiung aus allen Zwängen, Zurichtungen usw. ist, dann gilt sie genauso für die eigenen Organisierungen. Es ist daher von großer Bedeutung, die Ideen der Emanzipation zur Geltung zu verschaffen auch und gerade an den Orten, die wir selbst gestalten.

Einschub hier: Extraseite zu Organisierungsfragen

Anarchie für Betriebe: Produktion und Verteilung

Betrachten wir einen weiteren wichtigen Bereich des gesellschaftlichen Leben. Wo kommen die Brötchen her? So könnte salopp die Frage lauten, mit der die Debatte um die materielle Reproduktion gestellt wird, oft auch mit den Begriffen Ökonomie oder Wirtschaft begrifflich gefasst. Doch das wäre zu ungenau. Denn aus emanzipatorischer Sicht, die ja den Menschen und dem, was ihm nützt, in den Mittelpunkt stellt, sind die heute zentralen Sektoren im Wirtschaftsleben überflüssig, während andere unterdrückt werden, die eigentlich wichtig wären. Denn ökonomische Tätigkeit im Kapitalismus dient der Erzielung und Steigerung von Profit, dem Aufbau wirtschaftlicher Macht und der Akkumulation von Produktionsmitteln. Alles, was Erschaffen wird, dient nur dazu, in Wert gesetzt zu werden, um daraus neue Möglichkeiten zu ziehen, wieder Werte zu schaffen oder Produktionsmittel zu akkumulieren. Die Bedürfnisse oder Ideen der Menschen spielen dabei nur insofern eine Rolle, als deren Befriedigung ein Weg sind, Profite zu erzielen. Würden Firmen mit dem Verkauf von Nahrungsmitteln keinen Gewinn erzielen können, gäbe es unter den herrschenden Bedingungen gar keinen Antrieb, das Verhungern der Massen zu verhindern. In diesem Sinne ist das herrschende Wirtschaftssystem unmenschlich. Wie aber sähe eines aus, dass den Menschen dient?

Umfangreiche Vorschläge dazu sind in verschiedenen Debatten rund um freie Produktionsformen (Oekonux, Keimformen, NutzerInnengemeinschaften, freie Software usw.) gemacht worden. Eine Übersicht bot der Reader "Herrschaftsfrei wirtschaften", der neben anderen Texten auf der Utopie-CD zu finden ist (Downloadliste online). Gesonderte Abhandlungen finden sich in der Textsammlung "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" und als Kapitel im Buch "Autonomie&Kooperation". Insofern bedarf es hier nur einiger sehr konkreter Vorschläge für Betriebe und wirtschaftliche Tätigkeiten, die anarchistischen Ideen folgen sollen.

Selbstverwaltung: Produktionsmittel in freien Vereinbarungen

Ein wichtiger Gesichtspunkt sind die Produktionsmittel, also alles, was zum Herstellen materieller Güter nötig ist: Boden, Maschinen, Gebäude. Von der Systematik her sind auch Pläne, technisches Wissen und Software zur Steuerung von Produktionsabläufen hier einzusortieren, wenngleich sie einfacher zu vervielfältigen sind und daher keiner besonderen Regelung der Verfügbarkeit bedürfen, wenn auf ihnen keine Beschränkungen wie Patente liegen.

Maschinen und erst recht Böden sind hingegen nicht beliebig vermehrbar. Es kann daher zu Konkurrenzen führen, wenn verschiedene Menschen Nutzungsansprüche erheben und nicht genügend Produktionsmittel vorhanden sind, dass alle jederzeit darauf zugreifen können.
Sinn, darüber zu diskutieren, wie der Zugriff zu gestalten ist, besteht nur dann, wenn überhaupt die Menschen über die Produktionsmittel verfügen. Es ist also Grundvoraussetzung, dass Böden, Produktionsmaschinen usw. dem Eigentum privater Firmen ebenso entrissen werden wie dem Staat, der nur in abstrusesten Ideen eine Sache der Menschen ist, tatsächlich aber über diesen schwebt und sie mit Mittel der Macht in sich einverleibt. Was nötig ist, ist also keine Verstaatlichung, sondern eine "Vergesellschaftung" von Produktionsmitteln in dem Sinne, dass es die Menschen sind, die dann in freier Vereinbarung den Umgang mit ihnen regeln.

Zur Zeit liegen die Produktionsmittel fest in der Hand der jeweiligen EigentümerInnen oder menschenunabhängiger Kapitalgesellschaften. Es ist auch weitgehend alles verteilt. Eine anarchistische Produktionsweise würde daher zum Nischendasein bestimmt - es sei denn, die AkteurInnen eignen sich das nötige Wissen und von der bestehenden materiellen Ausstattung, den Produktionsmitteln, Böden und Gebäuden einen ausreichenden Anteil an, der eine andere Produktionsweise auch in größerem Umfang zulässt.

Im Original: Aneignung der Handlungsspielräume ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Meretz, Stefan: "Den Kampfhund bändigen", in: Freitag, 18.6.2004 (S. 5)
Aneignung kann zweierlei bedeuten. Zunächst einfach "Wegnahme": angefangen vom Mundraub, über Unbezahlt-Zugang-verschaffen und die Raubkopie bis zum Haus-besetzen. Die Grenzen von der Subversion zum bloß individuellen Unter-den-Nagel-reissen sind fließend. ...
So verzichten Tauschringe auf die Geldform, tauchen jedoch einfache Arbeitszeit-Äquivalente ohne Ansehen der Qualifikation - geringe Reichweite. Umsonstländen hingegen brechen mit dem Tausch als Vermittlungsform von Herstellen und Verbrauchen - größere Reichweite.
Freie Software als drittes Beispiel schöpft in neuer Weise Neues und verteilt die Güter auf neue Art. Das Alltagsmittel Computer wird vom Konsumgut zum Produktionsmittel. In kollektiver Selbstorganisation werden nützliche Produkte geschaffen - für mich und gleichzeitig für alle. Selbstentfaltung, Vergegenständlichung der individuellen produktiven Kraft, was mir entspricht, ist der Antrieb.
Ein Schritt in die Praxis: Produktion und Versorgung in die Hand der Menschen

In der politischen Debatte dreht sich ein langwieriger Streit um die Frage, wieviel Einfluss der Staat auf die Wirtschaft haben soll. Seit Jahrzehnten stehen sich die vermeintlich sozialistischen Regierungen mit ihrer Neigung, Firmen zu verstaatlichen und möglichst viel des Wirtschaftslebens (meist nicht nur das) zu verregeln, den kapitalistischen Staaten mit ihren vermeintlich freien Märkten gegenüber. Interessant ist, dass die Unterschiede für das praktische Leben der Menschen gar nicht besonders intensiv sind. Wie rücksichtslos ein Regime gegen die eigene Bevölkerung vorgeht oder wie erfolgreich es andere Länder ausbeuten und dadurch den eigenen Lebensstandard heben kann, hängt weniger vom Anteil verstaatlichter Betriebe ab als von der grundlegenden politischen Ausrichtung und der Wirtschaftsmacht des entsprechendes Staates. Für die einzelnen Menschen, ob nun ArbeiterInnen, Erwerbslose, reproduktiv tätige Haushaltskraft im Hintergrund (in patriarchalen Verhältnisse also ein Großteil der Frauen) oder Auszubildende, besteht der Unterschied nur im abstrakten Wissen, an wen der Mehrwert geht - an meist skrupellose FirmenchefInnen oder ebensolche Staatsregierungen.

Die eigentliche Alternative zu beiden herrschaftsförmigen Modellen ist die Verlagerung ökonomischer Aktivität in BürgerInnengesellschaften. Damit sind Produktions- oder Versorgungseinrichtungen gemeint, die den Menschen selbst gehören bzw. von diesen gesteuert werden. Darum sollte gerungen werden - durchaus auch auf politisch-parlamentarischer Ebene. Lange Zeit sind die vormals staatlich oder kommunal organisierte Daseinsvorsorge (z.B. Energie- und Wasserversorgung), aber auch Bildung und Wissenschaft immer mehr in die Hand privatwirtschaftlicher Firmen übergeben worden. Die Folgen waren und sind eine immer stärkere Orientierung dieser Sektoren auf Profite. Der aufgrund schlechter Erfahrungen einsetzende Weg zurück ist nicht nur teuer, sondern bietet auch keine emanzipatorische Perspektive. Denn Staat und Gemeinden sind keine freien Zusammenschlüsse der Menschen, sondern abstrakte Machtinstitutionen mit Eigeninteresse. Was nötig ist, sind Elektrizitäts- und Wasserwerke sowie Gewinnungsanlagen in BürgerInnenhand, selbstorganisierte Schulen, von Staat und Wirtschaft unabhängige Wissenschaft usw. Die Elektrizitätswerke Schönau sind ein brauchbares Beispiel, welche Kräfte und Möglichkeiten das freisetzen kann - obwohl sich die InitiatorInnen dort sicherlich nicht als AnarchistInnen bezeichnen würden, sondern eher als christlich orientierte Wertkonservative. Aber ihnen war der Weg versperrt, mit Konzernen oder dem Staat zu paktieren, denn die kungelten alle mit dem Großkonzern, der unter anderem seinen Atomstrom gewinnbringend verkaufen wollte. So konnten die EWS-GründerInnen nur auf die Macht der Menschen bauen. Sie gewannen und es entstand eine der interessantesten Firmen dieses Landes. Dass sie kaum NachahmerInnen fand, zeigt einerseits das Desinteresse an Umweltverbänden, -parteien und -gruppen an der Machtfrage, andererseits aber auch die Schläfrigkeit anarchistischer Strömungen im deutschsprachigen Raum, solche oder ähnliche Modelle nicht hinauszutragen in eine Welt, die unter der Kontrolle von Markt und Staat steht, aber vielen so nicht gefällt. Es wird Zeit, die Alternative deutlich aufzuzeigen und Experimente zu starten, damit nicht nach dem Scheitern neoliberaler Phantasien nur einfach ein gestärkter Staat zurückkommt. Davon hätten die Menschen nämlich wenig bis nichts.

Schmeißt den Markt aus den Köpfen und Produktionsplänen!

All das - ob nun alternative Betriebe oder Produktion und Versorgung in BürgerInnenhand - nützt allein aber oft wenig, wie die bisherigen Experimente gezeigt haben. Es gibt etliche selbstverwaltete Betriebe, innerhalb derer mehrere Menschen zumindest formal gleichberechtigt sind und sich den Zugriff auf die Produktionsmittel teilen. Das ist zwar noch keine anarchistische Perspektive in dem Sinne, dass alle Interessierten, Beteiligten und Betroffenen sich gleichberechtigt einmischen können, aber es ist immerhin die Ankoppelung des Besitzes an konkrete Menschen. Doch arbeiten die nun für die Bedürfnisse der Menschen?
Leider tun sie das nur in einigen, sehr seltenen Ausnahmen, die eher exotisch wirken zwischen den ganzen selbstverwalteten GbR, GmbHs und Genossenschaften, die alle gnadenlos für den Markt arbeiten. Sie versuchen, über Werbung Nachfrage zu erzeugen, suchen nach den Marktsegmenten mit dem höchsten Profit für ihre Tätigkeit und verlieren die Bedürfnisse der meisten oder aller Menschen völlig aus den Augen. Diese Hinwendung an die Marktlogiken hat ihre Folgen. Sachzwänge entstehen, die Effizienz der Arbeit muss bis zu einer Konkurrenzfähigkeit im Markt gesteigert und deshalb oft auf Schuldenbasis investiert werden. Arbeitszeiten und Output müssen rentabel sein.

Es braucht also auch hier etwas Neues, nämlich die Abkoppelung der Produktion vom Markt, in dem Werbung, Erzeugung von Bedürfnissen oder anderen Quellen der Nachfrage, Konkurrenz und vieles mehr wüten. Produktion und Versorgung sollen ein gutes Leben und die Selbstentfaltung der Menschen ermöglichen. "Wirtschaft soll dem Menschen dienen" heißt es ja auch pathetisch in Programmen von Parteien, Kirchen und Organisationen. Das aber geht nur, wenn die Menschen auch die Bestimmenden werden. Produktion muss an Wünsche und Bedürfnisse der Menschen gekoppelt werden. Das gelingt weder dem Markt noch in Form abstrakter Fünfjahrespläne, wie es die realsozialistischen Regierungen mal unter dem Banner vermeintlicher Bedürfnisfeststellung der Menschen versucht haben. Sondern es müssen die Menschen selbst sein, für die und durch die produziert wird. Es ist daher auf Dauer nicht befriedigend, wenn Firmen nur in Selbstverwaltung der dort Arbeitenden stehen, sondern sie müssen Kommunikation und Kooperation derer, die in ihnen produzieren, und denen, deren Bedürfnisse dadurch gedeckt werden, darstellen. Hinzukommen noch die Betroffenen z.B. in der Nachbarschaft von Produktionsstätten.

Interessante Beispiele einer Produktion ohne Markt bilden landwirtschaftliche Höfe, die für einen bestimmten Kreis zu versorgender Menschen die notwendigen Lebensmittel produzieren. Angesichts fortentwickelter Kommunikationsmöglichkeiten muss das nicht bedeuten, nur noch auf ein regional beschränktes Angebot zurückgreifen zu können. Aber es stellt die Produktion, ergänzt um einen regionalen und überregionalen Austausch von Produkten, auf die Bedürfnisse der Menschen ein. Der freie Markt als Kampfzone um Preise, Verteilung und Monopole fällt weg.

Gleicher Zugang statt gerechte Verteilung

Ebenso radikal gilt es die Mechanismen der Verteilung in Frage zu stellen. Der Ruf nach gerechterer Verteilung des Reichtums greift nämlich zu kurz oder geht an den entscheidenden Punkten schlicht ganz vorbei. Denn das Bild fehlender Gerechtigkeit geht vom Irrtum aus, dass Hunger, Armut usw. dadurch entstehen, dass die Reichen und Überernährten nichts abgeben. Das ist falsch. Armut und Hunger entstehen, weil die Besitzenden über mehr Machtpotentiale verfügen (von Geld bis zu Armeen) und daher ständig den Armen noch etwas wegnehmen können, obwohl ohnehin schon alles sehr ungleich verteilt ist. Die Verteilung ist also das Problem. Dort, wo das Potential zur zentral gesteuerten Verteilung besteht, kommt es zur künstlichen Erzeugung von Mangel. Dieser ist wirtschaftlich lukrativ, denn er sichert Absatzmärkte, hohe Preise, wirtschaftliche Macht und damit hohe Profite.

Die Macht zur gesteuerten Verteilung muss also raus aus den wirtschaftlichen Prozessen. Produktions- und Versorgungsmöglichkeiten gehören in die Hand der Menschen, die mit ihnen arbeiten, aber sie nicht besitzen und daher nicht anderen entziehen können. Die Produkte sind nicht Eigentum der Produzierenden, sondern ein gesellschaftlicher Reichtum, der allen offen steht. Die Akkumulation von Produktionsmitteln führt nicht zu besseren Chancen auf Profite, weil das Ergebnis (mehr Produkte) keine Rendite verspricht. Gleichzeitig ist die Akkumulation auch nicht zur Versorgungssicherheit nötig, weil niemand abgetrennt werden kann vom Zugang zu den Gütern. Es ist ausschließlich Sache der freien Vereinbarung, was wie und für wen produziert wird, was aus Gründen der Effizienz immer ein bisschen auf Vorrat hergestellt und dann wie gelagert und nutzbar gemacht wird.

Es gibt sehr wenig Experimente dieser Art. Sie würden auch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, weil sie Produkte aus eigener Herstellung zwar bedürfnisorientiert und, näher an der Utopie, nicht gegen einen festen Preis als Ware abgegeben würden. Sie setzen aber meist viele Betriebsmittel (z.B. Energie) voraus, die als Ware bezogen, also eingekauft werden müssen. Das wird Übergangsmodelle notwendig machen. Allerdings können die Projekte starke Außenwirkung entfalten, wie es Umsonstläden oft schon tun, die von der Verteilung her schon nach dem Prinzip des gleichen Zugangs zum vorhandenen Reichtum funktionieren. Ließe sich diese Idee auch ausdehnen auf Lebensmittelläden, Energieversorgung usw.?

Ökonomische Hierarchien überwinden

Jedes wirtschaftliche Projekt kann und sollte nicht nur Hierarchien und Ungleichberechtigungen im Binnenverhältnis überwinden sowie durch die direkte Verknüpfung von Nachfrage und Angebot die eisigen Gesetze des Marktes ausschalten, sondern auch dazu beitragen, übergreifende wirtschaftliche Herrschaftsverhältnisse anzunagen oder zu durchbrechen. Hierzu gehören die Abkoppelung der meisten Menschen vom Zugang zu Produktionsmitteln, der Zwang zur Verwandlung aller Güter und Fähigkeiten in Waren, die über den Preis zu neuem Wert werden und der Anhäufung von Profiten dienen, und die Zuordnung bestimmter Rollen und Verteilungen zwischen Metropole und Peripherie.
Letzteres kann im Detail aufgebrochen werden, wenn klassisch periphere Tätigkeiten wie Land- und Gartenbau mitsamt der Nahrungsmittelveredlung, Energiegewinnung und anderes in die Metropolen integriert wird, während umgekehrt Kulturstätten, Bildungsorte usw. in periphere Räume gestreut werden. Hier können alternative Projekte und Betriebe zum einen ein kleines Stück der nötigen Veränderung selbst sein und zum anderen diese zum Teil nicht so offensichtlichen Herrschaftsverhältnisse offenlegen und kritisieren.

Anarchie in Aktion: Intervention ins Hier & Jetzt

Wer die Kritik an den herrschenden Verhältnissen oder Entwürfe für herrschaftsfreie Zukünfte in Aktionen und Projekten vermitteln will, muss Wege finden, wie sich diese in eine konkrete Aktivität mit einbauen lässt, oder sogar speziell dafür Aktionsideen entwerfen. Von größerer praktischer Bedeutung dürfte das Erstere sein, denn das gesellschaftliche Engagement von Menschen entzündet sich regelmäßig eher an Detailfragen als an gesamtgesellschaftlichen Utopien. So suchen BürgerInneninitiativen, Verbände und unabhängige Gruppen in der Regel ganz konkrete Aktivitätsfelder, in denen sie ihren Protest entwickeln. Seltener sind eigene Vorschläge, die sich zudem auch meist auf ganz konkrete Punkte beziehen. Das ist völlig legitim, weil direkte Betroffenheit oder ein konkretes Interesse die Menschen motivieren, sich zu engagieren.
Eine Verknüpfung visionärer Ideen mit dem Ein-Punkt-Protest ist aber nicht nur regelmäßig möglich, sondern bei kritischer Analyse der Hintergründe des angegriffenen Missstandes auch nötig. Es ist sogar eine der Gründe für manche Schwäche oder Kurzlebigkeit vieler Initiativen und Protestgruppen, dass sie ihr Vorhaben aus dem Zusammenhang reißen und lösen wollen, ohne die sonstigen politischen Verhältnisse zu ändern. Mitunter kann das auch gelingen - als Zugeständnis der Eliten aus dem Kalkül heraus, den Bogen von Unterdrückung und kapitalistischer Ausbeutung nicht so zu überspannen, dass Unzufriedenheit den Protest mehr anheizt als nötig.

Es ist nicht schwer, hinter jedem Missstand auch die politische Gesamtstruktur zu entdecken. Nichts ist von den gesellschaftlichen Verhältnissen getrennt: Keine Person agiert im leeren Raum und keine politische Entscheidung, keine betriebliche Investition und keine Organisationsform (eigentlich) öffentlicher Belange fällt vom Himmel.
Diesen Zusammenhang zum Teil der eigenen Aktion zu machen, ist danach nicht nur strategisch klug, sondern politisch auch nötig. Sonst beschränkt sich BürgerInnenprotest immer auf die Korrektur im Detail. Aufgrund der begrenzten Kraft des oft nur ehrenamtlichen Engagements gegenüber einer mit Personal, Geld und materiellen Ressourcen überfrachteten Sphäre aus Staat, Institutionen und Konzernen wandelt sich selbst ein zunächst resolut vorgetragener Protest in eine Politikberatung, die am Ende im Appell an die Mächtigen endet, deren Machtfülle einschließlich Verteilung von Ressourcen und Gestaltungsmitteln aber nicht in Frage stellt. Damit aber bleiben die Entstehungsvoraussetzungen des Problems, d.h. selbst nach einem erfolgreichen Ringen ums Detail können ähnliche Probleme und sogar die gleiche Geschichte wieder entstehen.

Den konkreten Widerstand mit der Vermittlung der zu dem jeweiligen Einzelpunkt passenden Argumente und Vorschläge so umzusetzen, dass auch die Kritik an den Entstehungsvoraussetzungen und erhofften, über das Einzelne hinausgehenden Visionen in ihnen mitschwingt, ist die Kunst emanzipatorischer Aktion - und damit auch der Anspruch an anarchistisches Agieren in der Öffentlichkeit.
Zwei verschiedene, ebenfalls geschickt miteinander verbindbare Formen sollen hier dargestellt werden: Der Widerstand als Angriff auf das Bestehende - gern verbunden mit über die Kritik hinausgehender Formulierung alternativer Möglichkeiten und Vorschläge. Und der Aufbau von Projekten, in denen entweder Folgen sozialer Missstände aufgefangen, kleine Verbesserungen angestrebt oder Keimzellen für etwas größeres Neues gelegt werden. Denkbar ist, beide Ansätze miteinander zu verbinden.

Widerstand

An dieser Stelle kann und soll nicht das breite Spektrum unterschiedlicher Aktionsmethoden vorgestellt werden. Wer nach Ideen oder konkreten Tipps sucht, ist auf www.direct-action.tk richtig oder kann den Direct-Action-Reader bestellen. Zum offensiven Umgang mit Repression, Polizei und Gerichten gibt es eine besondere Seite und auch einen weiteren Reader. Es gibt aber einige grundsätzliche Überlegungen, die aus Protest eine emanzipatorische Aktion machen, d.h. eine, in der sich Anspruch und Wirklichkeit wenigstens annähern.

Ein Punkt ist das Vermeiden von Appellen an die Herrschenden oder des Einsatzes bestehender Machtverhältnisse für das eigene Ziel. Denn damit wird genau das legitimiert, im schlimmsten Falle sogar gestärkt, was den Missstand hervorruft. Das sei am Beispiel Umweltzerstörung erläutert. Die rücksichtslose Nutzung von Ressourcen, die Vernichtung von Lebensgrundlagen, das Pflastern immer neuer Industriegebiete, Straßen usw. in die Landschaft und die Entsorgung des anfallenden Mülls vom Papiertaschentuch bis zum strahlenden Ex-Brennstab eines AKWs funktionieren nur über Mechanismen von Herrschaft, zum einen in seiner platten Form bei der Durchsetzung von Interessen in politischen Sphären und beim gelegentlich notwendigen Durchprügeln der Vorhaben durch die Polizei, zum anderen aber auch in der Steuerung von Diskursen, Informationsflüssen und Wertungen. Ohne diese Matrix der Macht bedürfte gesellschaftliche Gestaltung immer der freien Vereinbarung mit den Betroffenen und Interessierten. Das aber würde Umweltzerstörung ganz oder weitgehend unmöglich machen, denn Menschen sind nicht von sich aus so dumm, sich ihre eigene Überlebensgarantie, nämlich ein lebensfähiges Nahumfeld, einfach kaputt machen zu lassen.
Wer nun für den Umweltschutz eintritt, dabei aber weder an emanzipatorischen Zielen interessiert ist noch beim Mittel der Umsetzung kritisch reflektiert, kann schnell geneigt sein, für das eigene Anliegen die umsetzungsstärksten und daher scheinbar effizientesten Wege zu gehen. Das aber wären in der heutigen Zeit Polizei, Gerichte, Behörden und Konzerne. Tatsächlich haben Umweltschutzverbände fast immer darauf gesetzt - zunächst auf den starken Staat, ab den 90er Jahren und damit als Mitschwimmende und AntreiberInnen des Neoliberalismus immer mehr auf Konzerne und marktförmige Mechanismen. Für manch Einzelprojekt war das nützlich, aber in der Gesamtheit wurde damit der Umweltschutz zu einem Instrument der Herrschenden. Sie bestimmen heute, was "nachhaltig" oder "umweltgerecht" ist. Umweltorganisationen sind überwiegend abhängig von Industrie- und Staatsgeldern. Ein riesiges Protestpotential, ursprünglich eher in einer diffusen Protestszene von BürgerInneniniativen, Aktionsgruppen und Netzwerken mit kaum einheitlicher politischer Ausrichtung (einschließlich auch starken rechten Strömungen) ist heute die Sache von Staat, Wirtschaft und bürokratischen, abhängigen Umwelt-NGOs. Die Sphäre der Macht ist also um ein Tätigkeitsfeld erweitert worden, während die Menschen mal wieder das Nachsehen haben (was die meisten, lethargisch als MitläuferInnen und Rädchen im System sozialisiert, nicht stört).

Um dieser Falle zu entgehen, mit dem Protest für das scheinbar Gute das Falsche zu stärken, braucht es direkte Aktionen. Damit ist gemeint, dass nicht der Appell an die Mächtigen, sondern die eigene Handlung die Veränderung schafft - entweder ganz konkret (ein ausgerupftes Genfeld ist einfach weg, ein demontierter Abschiebeknast ebenso ... alles schon vorgekommen!) oder über einen öffentlichen Druck, der dann zwar doch zu einer Umsetzung der Forderung über die Sphären der Macht führt, aber diese eben nicht selbst anruft und dadurch auch nicht legitimiert und stärkt.

Desweiteren bedarf es einer klaren Position gegen die Strukturen der Macht. Sie mindestens zu benennen und im Rahmen der Aktivitäten als Ursache bzw. Problem zu demaskieren, wäre der mindeste Anspruch an emanzipatorischen Protest. Er würde sich zum Widerstand wandeln, wenn die Herrschaftsverhältnisse und -beziehungen, die den Hintergrund von Missständen darstellen, nicht nur benannt, sondern auch angegriffen werden.

Eine wichtige Unterscheidung: Ziviler Ungehorsam und "Direct-Action"

Viele Aktionen, die immerhin nicht auch noch blind an der Grenze der Legalität hängenbleiben (ohne Sinn und Zweck von Gesetzen zu hinterfragen, die überwiegend reinen Machtinteressen folgen), werden mit dem Label des zivilen Ungehorsams versehen. Das geschieht auch in anarchistischen Kreise, vor allem in den gewaltfreien Zusammenhängen, wo der zivile Ungehorsam die Leitidee von Aktion darstellt. Bei näherer Betrachtung aber ist ziviler Ungehorsam eben gerade nicht direkt, sondern auch nur ein Appell an die Herrschenden - wenn auch in einer provokant zugespitzten und mitunter die Regeln der angerufenen Machteliten verletztenden Weise.

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 31 f.)
Zwischen der direkten Aktion und einem verwandten Konzept, dem des »zivilen Ungehorsams« sollte unbedingt unterschieden werden. Unter dem Letzteren ist meiner Ansicht nach jede Art kollektiver Verweigerung gegenüber dem Gesetz zu verstehen, wobei dies entweder aus moralischen Motiven geschieht oder um Druck auf die Regierenden auszuüben, damit sie schließlich auf Forderungen eingehen. So schreibt Henry D. Thoreau: »Wenn die Alternative darin besteht, entweder alle Gerechten einzukerkern oder Krieg und Sklaverei abzuschaffen, wird der Staat bei der Wahl nicht zögern.« Demnach ist ziviler Ungehorsam im Grunde eine konfrontative Form des Dialogs zwischen Bürgern, die sich nicht unterordnen, und dem Staat. Dieser Dialog stellt die grundlegende Legitimität des Staates nicht infrage (denn es wird vom Staat erwartet, dass er auf die Forderungen der Ungehorsamen reagieren und beispielsweise ein ungerechtes Gesetz ändern wird). Oft geht der zivile Ungehorsam mit einer Rhetorik der Aufrufe an die Gesellschaft einher, sie möge sich doch ihren eigenen Idealen gemäß verhalten. Auf diese Weise wird der Status quo der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Institutionen eher bestätigt als herausgefordert.

Zudem wird der zivile Ungehorsam regelmäßig mit dogmatischen Beschränkungen in den Aktionsformen verbunden, vor allem mit dem Verzicht auf jede Form von Gewalt. Auch das ist ein Verlust emanzipatorischer Orientierung, denn jedes Weniger an Entscheidungskompetenz der konkret Handelnden ist ein Mehr an externer Steuerung. Sie geschieht durch eine höherrangige Selbstverpflichtung, deren konkrete Ausgestaltung in der Regel aber auch noch privilegierte Personen schafft - nämlich die, die dann definieren, was Gewalt ist.

So ähnlich "Direct Action" in der Praxis unabhängiger AktivistInnen wirkt (siehe z.B. im gleichnamigen Reader oder unter www.direct-action.tk), so hat es doch eine grundlegend andere Herangehensweise. Hier gibt es keine allgemeingültige Aktionsmoral. Immer stehen die handelnden Menschen im Mittelpunkt und ihre, auf eine reflektierte Abwägung folgende Entscheidung. Jegliche Bevormundung durch vorher festgelegte Regeln entfällt. Stattdessen geht es um die Aneignung von Handlungsmöglichkeiten – technischen, kommunikativen und vielen weiteren. Dadurch sollen die AktivistInnen in die Lage versetzt werden, in einer konkreten Situation aus möglichst vielen Optionen auszuwählen und ihre Ziele umzusetzen.
Damit ist „Direct Action“ die Kampfform emanzipatorischer Politik. Denn Emanzipation ist die Idee, gesellschaftliche Verhältnisse aus dem Blickwinkel der einzelnen Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse zu betrachten, zu analysieren und so zu verändern, dass sich die einzelnen Menschen – wohlgemerkt: alle! – möglichst frei und weit entfalten können. Es wäre absurd, wenn als erster Schritt hin zu diesem Ziel wieder nur Regeln und Dogmen gelten würden, wie es bei konventionellen Versammlungen oder Beteiligungsverfahren nach Recht und Ordnung üblich ist, aber auch im zivilen Ungehorsam.
Ein weiterer Unterschied ist der gewollte Verzicht, ausgerechnet solche Strukturen, die eine unerwünschte Lage heraufbeschwören oder zu sichern helfen, durch einen Appell, endlich zu handeln, auch noch zu legitimieren. Abschreckendstes Beispiel war der Slogan des Protestkonzerns Greenpeace beim Klimagipfel in Kopenhagen: „Politiker reden, Führer handeln“. Wie kann noch deutlicher der Wille dokumentiert werden, ein autoritäres System zu wollen – wenn auch mit anderen Teilzielen. Um Genversuchsfelder zu verhindern, kann mensch – am einfaches per vorgekauter Mail von Campact an Ilse Aigner oder Angela Merkel appellieren. Sinn macht das voraussichtlich wenig angesichts dessen, dass die sich längst entschieden haben, die Anwendung der Technik zu wollen. Oder mensch geht hin, besetzt den Acker, reißt die Pflanzen heraus, blockiert die Fabrik- oder Ministeriumstore, sabotiert die Propagandaveranstaltungen oder enthüllt die Verflechtungen und Geldflüsse. „Protest ist, wenn ich sage Das und Das passt mir nicht. Widerstand ist wenn ich dafür sorge, dass Das und Das nicht mehr passiert.“ (Ulrike Meinhof)

Direct Action basiert auf präziser Herrschaftsanalyse und will mit den Aktionen dazu beitragen, das Herrschaftsförmige aus den gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnissen zu jagen. Ob institutionelle Formen der Machtausübung, ökonomische Zwänge oder diskursive Beherrschung – alles kann Ziel von Direct Action sein. Zu ihr passt also eine ständige Skepsis gegenüber subtilen Formen der Beeinflussung und Fremdsteuerung, sie will nicht nur Institutionen angreifen, sondern auch Denkmuster, Kommunikationsverhältnisse und die ungeschriebenen Normen der Welt. Die Aktion wirkt über die Köpfe, die wie wahrnehmen. „Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten“, sagte schon Aristoteles.
Direct Action ist eine Form gelebter Freiheit: Die AkteurInnen entscheiden selbst über das, was sie tun. Sie müssen auf keine Verbandslabel, staatlichen Zuschüsse, Vorstände oder AuftraggeberInnen Rücksicht nehmen. Ihre Selbstbestimmung steigt mir ihrem Reflexionsvermögen, d.h. mit der Fähigkeit, auch tatsächlich eigene Überzeugungen in einer Aktion zu verwirklichen statt nur plumpen Parolen, der Demagogie der führenden Bewegungsköpfe oder scheinbaren Sachzwängen zu folgen. Sie wächst ebenso mit dem Knowhow der Beteiligten.
Bei alledem ist Direct Action nicht alles. Sie versteht sich als gleichberechtigter Teil zu anderen kreativ-emanzipatorischen Handungsstrategien wie Gegenöffentlichkeit, Freiräume und Aneignung und versucht, Erstarrungen in den Aktionsformen und -strategien zu überwinden, z.B. die Wirkungslosigkeit vieler vereinheitlichender Aktionsformen (Latschdemo, Lichterkette ...). Verachtet wird der Hegemonialkampf zwischen Labeln und KarrieristInnen oder aufgrund verschiedener Aktions- und Ausdrucksformen.

Ziele von Aktionen

Aktion kann verschiedene Zwecke verfolgen und diese auch kombinieren. Davon abhängig werden ebenso die Methoden sein wie die Frage, welche Inhalte in den Vordergrund gestellt und welche noch benannt werden. An dieser Stelle sollen nicht alle möglichen Zwecke aufgeführt werden, dazu sei auf den Direct-Action-Reader und die Internetseite www.direct-action.tk verwiesen. Vielmehr geht es in der folgenden Aufzählung speziell um die Frage, welche emanzipatorischen, d.h. herrschaftskritischen, utopischen oder befreienden Inhalte sich an Aktionen knüpfen lassen.

Was für alle Formen der Organisierung gilt, ist bei politischen Aktionen besonders wichtig: Sie sind nicht nur Intervention, sondern auch Übungsfeld für eine andere Kultur des Lebens. Zentral gesteuerte Latschdemos oder die modernen Instantaktionen der hochprofessionellen Bewegungsagenturen erfüllen dieses nicht. In ihnen kommen mehrere Aspekte zum Ausdruck, die der Idee von Selbstbestimmung, freier Kooperation und horizontaler Kommunikation widersprechen. Das gilt von Seiten der MacherInnen solcher Aktionen, die Menschen als Setzfiguren großer Inszenierungen sehen und ständig nach Spenden und Mitgliedern schielen - teilweise in einem seltsamen Gegensatz zu ihrer basisdemokratischen Propaganda oder der Selbstdarstellung als Netzwerk. Genau davon kann aber bei den vorgekauten Aktionen keinerlei Rede sein. Das gilt genauso für die, die nur mitmachen und sich per Geldüberweisung in einen Status von TheaterbesucherInnen versetzen. Das wird nicht besser, wenn - wie durchaus beliebt - viele selbst verpeilt sind und auch gern andere für sich denken lassen, sich nicht selbst organisieren, aber hinterher nöhlen, dass die Hirten der herdenförmigen Aktion nicht korrekt waren. BewegungsführerInnen wie Jochen Stay, Christoph Kleine und andere sind nicht allein das Problem, sondern auch die Vielen, die längst die vorgekaute Aktion brauchen.

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Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 57)
Libertäres gesellschaftliches Agieren, das das Ziel verfolgt emanzipative Wirkung zu erzielen, kommt nicht umhin, die geschilderten Phänomene als Herausforderung zu begreifen. Die kritische Beleuchtung eigener Strategie zeigt oft erhebliche Mängel im Bereich des sensiblen Umgangs mit dem Gegenüber. Die eigenen Angebote in der Auseinandersetzung mit anderen überschreiten meist kaum die Ebenen der Problemwahrnehmung, das heißt die Information oder Aktion verweist auf ein gesellschaftliches Problem, ohne jedoch mehr als die Qualitätsmargo des Appells zu überschreiten. Nachvollziehbare praktische Handlungsansätze und Angebote, die auf nicht überforderndem Niveau einen Einstieg in eine konkrete Erfahrungsebene bieten könnten, fehlen oft.
Immer und überall handlungsfähig sein: Knowhow, Aufmerksamkeit und passendes Werkzeug

Emanzipatorisch ist es, möglichst oft auf möglichst viele Weisen auf eine Situation reagieren oder etwas selbst anzetteln zu können. Wenn Menschen ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern, ist das also ein Akt der Befreiung. Das hat mehrere Säulen:

Wer viele Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten erkennt, dann Ideen und Wissen hat, wie gehandelt werden kann und, falls erforderlich, auf die nötigen Hilfsmittel zurückgreifen kann, kann aus einer größeren Menge von Alternativen das der Situation Angemessene und selbst Gewollte auswählen.
Gleichgültiges Desinteresse am Geschehen, das Verharren in Unwissen oder Verzicht bzw. Vernichtung von Ressourcen (Werkzeug, Materialien, Räume usw.) schaffen umgekehrt ebenso Handlungsbeschränkungen wie selbstauferlegte Dogmen. Provokativ ausgedrückt: Emanzipation bedeutet, einen Molotov-Cocktail (Brandsatz einfacher Bauart) in einer konkreten Situation nicht zu werfen, weil es unangemessen oder aus anderen Gründen gerade nicht als beste Aktionsform erscheint - also weil mensch es nicht will, und nicht weil mensch es nicht kann. Umgekehrt: Sollte es dann doch einmal als günstige Handlungsmethode erscheinen, ist es gut, diese auch zu beherrschen, sonst entstehen schnell unerwünschte Nebeneffekte oder der Haupteffekt klappt nicht. Die üblicherweise peinlichen militanten Aktionen im deutschsprachigen Raum zeigen meist wenig Hirn hinter Stein-, Flaschen- oder Brandsatzwürfen.

Im politischen Tageskampf: Immer die Machtfrage stellen

Aus anarchistischer Sicht wäre vorteilhaft, jede Aktion so zu organisieren, dass sie neben dem konkreten Thema, um das es geht, auch darüber hinausgehend die hinter einem Missstand stehenden Machtverhältnisse sowie - als Krönung - visionäre Ideen einer anderen Welt bzw. gesellschaftlichen Gestaltung vermittelt.

Das gilt auch da, wo der Meinungskampf - aus taktischen Gründen oder als Folge einer zunächst außerparlamentarischen Initiative - in der Sphäre von Ämtern, Regierungen und Parlamente ausgetragen wird. Denn hier ist die Gefahr besonders groß, im Sumpf der Anpassung den Mechanismen herrschaftsförmiger Umsetzungsstrategien zu verfallen und am Ende selbst auf ein Erreichen der Detailziele durch administrative Maßnahmen, also den Weg "von oben" zu verfallen. Das fühlt sich am Einzelfall sogar gut an, wenn z.B. ein konkretes Projekt oder eine Forderung, um die monate- oder jahrelang gerungen wurde, endlich ganz oder wenigstens teilweise verwirklicht werden kann. Doch solcher Erfolg im Detail kann schweren Schaden im Gesamten nach sich ziehen, oder zumindest Chancen vernichten, die bestanden, wenn damit Herrschaft legitimiert wird. Das sei am Beispiel der Energiewende erläutert.

Der Wandel von fossil befeuerten Groß- und vor allem Atomkraftwerken zu erneuerbaren Energiequellen beruht auf einem gesellschaftlichen Meinungswandel, der stark durch Proteste und Aktionen hervorgerufen wurde. Prägend war die Anti-Atom-Bewegung, die nicht nur an konkreten Baustellen neuer Kraftwerke und bei Transporten von Atommüll erhebliche Aufmerksamkeit erzielte, sondern immer wieder und mit der Zeit zunehmend für regenerative Energien stritten. Was sie aber dabei fast immer vergaßen, war die Frage der Macht. Zwar waren in Anti-Atom-Zusammenhängen Slogans wie "Herrschende Klasse stillegen" oder "Herrschaft abschalten" immer präsent, doch bei der Umsetzung alternativer Projekte wurden die AkteurInnen brav und opportunistisch, d.h. sie suchten für ihr Vorhaben den einfachsten Weg. Der bestand regelmäßig in der Nutzung des angebotenen Instrumentarium von Normen und Kapital.
Ausnahmen bildeten nur drei Fälle, in denen aber das Besondere, nämlich Emanzipatorische an der Umsetzungsform selten oder gar nicht benannt wurde, weil es nie das ursprüngliche Ziel war.

In allen diesen Beispiele zeigt sich, dass nicht der Wille, emanzipatorische Ziele zu verwirklichen, sondern die jeweilige politische Lage oder andere Motive im Vordergrund standen, aber als Nebenwirkung auch die Mitbestimmung der Menschen stieg. Tatsächlich ist die Energiewende aber eine verspielte Chance, endlich einmal die Wucht des eigenen Protestes zu nutzen, um nicht nur das konkrete Details, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Angesichts dessen, dass z.B. die gewaltfreien Strömungen selbst ernannter AnarchistInnen bei diesem Verzicht auf emanzipatorische Politik mitspielten und ohne Zögern die kapitalistisch ausgerichtete Geldanlage in bürgerInnenfernen Energieanlagen oder den Wechsel auf profitorientiert arbeitende Ökostromanbieter propagierten, besteht der Verdacht, dass emanzipatorisches Denken hier höchstens eine PR-Masche, aber keine praktisch werdende Überzeugung ist.
Das Ergebnis der Orientierung auf Marktmechanismen, Konzerne und Profit ist fatal und beweist: Der Kapitalismus macht aus jeder noch so guten Idee etwas Menschen- und Umweltfeindliches. Regenwald wird für Palmplantagen umgenietet, Solarwüsten dehnen sich in der Landschaft aus, Windräder werden verbrauchsfern errichtet, Maisplantagen füttern Biogasanlagen - und alles gilt als "öko".

Dabei wäre die Verbindung von Herrschaftsabbau und Befreiung mit praktischer Politik eine besonders gute Möglichkeit, emanzipatorische Veränderung nicht im luftleeren Raum zu fordern und durchzusetzen, sondern sich ohnehin vollziehende Wandlungen innerhalb des dadurch zunächst nicht gefährdeten kapitalistischen und rechtsstaatlichen Normalbetriebes zu nutzen, die Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Menschen zu erhöhen. Die Macht muss aus den Parlamenten, Behörden und Konzernen herausgezogen werden hin zu den Menschen und von ihnen gebildeten und geprägten Kooperationen.

Genau das Gleiche gilt für alle anderen Bereiche der - wie heißt es so schön - öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie sind weder im Würgegriff von Konzernen (Privatisierung) noch in der Hand abgehobener Regierungen bzw. ihren Verknüpfungen (Public-Private-Partnership) sinnvoll, sondern - als Etappe zu einer Gesellschaft fern von Eigentumslogik und Privilegien - in Produktions- und Versorgungseinheiten, die von den BürgerInnen selbst organisiert und verwaltet werden. Gleiches gilt für den Kultur- und Bildungsbereich und an vielen anderen Stellen.

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Aus "Einige Notizen zu aufständischem Anarchismus"
Wir haben kein Rezept für eine ideale Gesellschaft oder liefern das Bild einer Utopie für den allgemeinen Konsum. Die meisten AnarchistInnen der Geschichte, ausgenommen derer die glaubten daß die Gesellschaft sich zu dem Punkt hinentwickeln würde an dem sie den Staat zurücklässt, waren aufständische AnarchistInnen. Einfach gesagt bedeutet dies, daß der Staat nicht einfach dahinschwinden wird. Vielmehr müssen wir AnarchistInnen angreifen, denn warten ist eine Niederlage; was wir brauchen ist eine offene Meuterei und das Verbreiten von Subversion unter den Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen. Anarchismus ist deshalb hauptsächlich eine Praxis und konzentriert sich auf die Organisaiton des Angriffs.
Gesellschaftliche Großkonflikte und ein zielgerichtetes Mitmischen

Es gibt viele Missstände und Probleme in dieser Welt, die selten oder nie ans Tageslicht kommen. Dazu gehören viele alltägliche Konflikte, Diskrimierungen und Unterdrückungen, oft verbunden mit Gewalt, die im Dunkel der Familien, Arbeitsplätze oder anderen mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaften ablaufen. Ebenso zählen viele Arten wirtschaftlicher Kriminalität dazu, vor allem wo sie sich nicht gegen potente Konkurrenten, sondern gegen Schwächere oder Menschen in fernen Ländern richten. Selten oder nie geahndet wird die regelmäßige und oft heftige Kriminalität von Träger hoheitlicher Befugnisse. Beleidigungen und Körperverletzungen, Beweismittelfälschung und -vernichtung, Freiheitsberaubung und Rechtsbeugung sind in Polizeiwachen und Justizgebäuden Alltag - ohne jegliche Sanktion.

Diesen Mauern des Verschweigens stehen andere Bereiche gegenüber, die zu gesellschaftlich hochbrisanten Themen heranreifen und immer wieder große Auseinandersetzungen provozieren. Dazu gehören Konflikte um Risikotechnologien, allen voran die Atomenergie und die Agro-Gentechnik. Kriege provozieren Protest, das Wirken der Armeen in sogenannten Friedenszeiten hingegen kaum. Mitunter lösen lokale und regionale Themen Aufregung aus - wie im Verlaufe des Jahres 2010 recht plötzlich der Konflikt um Stuttgart 21.
Solche Auseinandersetzungen sind wichtig, können aber zu mehr genutzt werden als dem Ringen um das konkrete Einzelthema. Das liegt sogar nahe, denn bei Großvorhaben, die größere Proteste hervorrufen können, sind die dahinterstehenden Machtstrukturen deutlich erkennbar. Hier bestände die Chance, politischen Widerstand auch zu einer Kritik an herrschaftsförmigen Verhältnissen und zu einem offensiven Werben für herrschaftsfreie Utopien zu nutzen. Zur Zeit geschieht das selten oder unvollständig. So wurde im Konflikt um Stuttgart 21 zwar thematisiert, dass hinter dem Projekt - wie sollte es anders sein - Firmen- und Regierungsinteressen stehen. Doch eine Systemkritik war kaum zu hören, sonst hätten nicht grüne Oberfunktionäre (alle männlich, daher ohne -Innen) das Ruder z.B. im Rahmen der Schlichtung so leicht in die Hand nehmen können. Als der geschickte Fadenzieher Heiner Geißler dann auch noch eine der Regierungsmeinung ähnliche Lösung als "Schlichtung" verkaufte, trat der Grünen-Landeschef vor die Kameras und verkündete das als großen Erfolg. Sein Ziel war sichtbar, Wahlkampf zu betreiben. Wer Herrschaftsverhältnisse analysiert und visionär denkt, hätte klar haben müssen, dass über die Logik von Staat und Regieren gesellschaftliche Bedingungen nicht grundsätzlich zu ändern sind, weil zum Ziel, sich in solchen Sphären zu betätigen, nie passt, die eigene Machtfülle an andere zu verteilen. Das aber wäre das Ziel emanzipatorischer Umgestaltung: Die Macht rauszuziehen aus Regierungen, Parlamenten und Institutionen, aus Märkten und Kapitalbesitz, von allen Stellen, wo Privilegien eine Hierarchie zwischen Menschen, ihren Zusammenschlüssen oder z.B. Metropolen und Peripherie bilden. Es geht nicht um das Hin- und Herschieben der Macht zwischen den Zentren der Macht, wie es die meisten NGOs und Parteien fordern, sondern um deren Schwächung zugunsten des Gewinns an Gestaltungsmacht bei den Menschen und ihren freien Vereinbarungen. Weder Liberalisierung (als Abbau staatlicher Dominanz zugunsten der Privatwirtschaft) noch Verstaatlichung oder Reregulierung (als umgekehrter Trend) erhöhen die Handlungsmöglichkeiten der Menschen. Beide sind damit keine Emanzipation - und damit nicht mit der Idee von Anarchie verbindbar.

Fast alle gesellschaftliche Konflikte, mitunter sogar ganze Aufstände (wie zuletzt in vielen Staaten der arabischen Welt) mündeten schnell in den Ruf nach einer anderen Regierungsmannschaft. Bei allen internen Konkurrenzen waren sich die Privilegierten der Welt an dieser Stelle auch immer einig. Nie hat jemand lauthals gefordert, dass mensch es bei der Absetzung der Regierung doch belassen soll und die Angelegenheiten gesellschaftlicher Organisierung ohne formalen Überbau zu einer Sache der Menschen selbst zu machen. So, wie sich die Aufständischen perfekt über die Nutzung direkter und technisch unterstützter Kommunikation zu ihren Protesten verabreden konnten, können sie auch die gesellschaftliche Steuerung ohne einheitliches Zentrum gestalten. Doch auf diese Idee kam niemand - oder die wenigen Hoffnungen dieser Art gingen in einem internen und von außen gesteuerten Trommelfeuer zur Bildung neuer Regierungen und deren Anerkennung durch andere Staaten unter.

Keimzellen und Projekte

Die Propaganda der Tat vollzieht sich nicht nur in direkten Aktionen, sondern auch in Projekten und Experimenten, in denen neue Formen der Alltagsgestaltung, Kommunikation und Kooperation entwickelt und gelebt werden. Sie wirken nach außen und tragen soziale, ökonomische oder politische Impulse und Ideen in die Gesellschaft. Ihnen kommt dabei eine mindestens vierfache Funktion zu:

Je mehr herrschaftsfrei oder wenigstens herrschaftsarm organisierte Projekte es gibt, je mehr sie mit ihren Außenbeziehungen in die Gesellschaft strahlen und je besser Vernetzung und Kooperation zwischen den Projekten bestehen, desto eher ist es möglich, dass viele Menschen in ihnen eine Sicherung ihrer Existenz finden und damit angstfreier, mit mehr Risikobereitschaft und Kraft, vor allem aber dauerhafter in Aktionen und Projekten wirken können.

Anarchistische Projekte müssen kein Nischendasein fristen. Es gibt etliche Belege dafür, dass sie sogar wirksamer agieren können als die schwerfälligen Apparate von Umwelt-NGOs oder die zwar flexiblen, aber ihre Kraft wesentlich auf Spendenjagd und das Verbreiten des eigenen Labels fokussierenden Bewegungsagenturen.
Das ist gut bei Aktionen, z.B. dem Protest gegen Naziaufmärsche, Castor-Transporte oder Genfelder zu sehen, wo kleine, selbstorganisierte Aktionsgruppen einen großen Teil der Wirkung erzeugen, weil sie in der Lage sind, unberechenbare und dadurch wirksame, überraschende Aktionen durchzuführen. Im Bereich der Agrogentechnik-Kritik gab es sogar noch eine weitere Besonderheit, dass Apparate, Umweltverbände und Grüne seit Jahren die sowohl inhaltlich als auch von möglichen Aktionsformen her anspruchsvollen Versuchsfelder komplett ignorierten. Ihre Büros sind auf die Metropolen beschränkt, ihre Öffentlichkeitsarbeit richtet sich gegen symbolstarke "Feinde" (z.B. die Firma Monsanto und die Genmaissorte MON810, auch als diese schon lange als kommerzieller Anbau verboten war) und blieb immer verbunden mit dem Bemühen um Spenden. Die deutschen Versuchsanlagen waren hochgesicherte Bereiche mit meist mehreren Feldern, die als Forschung verschleiert wurden. Unabhängige Aktionsgruppen mit emanzipatorischer Ausrichtung in Organisierung und Argumentation agierten seit 2007 genau an diesen Schwerpunkten und lagen sowohl von der Aktionsfähigkeit als auch im inhaltlichen Niveau deutlich über den Presseverlautbarungen aus grünen oder NGO-Büros. Dabei taten die ihnen näher stehenden Medien viel, um den platten Protest gegen Monsanto zu fördern und die unabhängigen Aktionsgruppen unsichtbar zu halten oder sogar zu diffamieren.

Ähnliches gilt für einzelne lokale oder regionale Projekte. Wenn emanzipatorische Ideen mit strategischer Organisierung, Gegenöffentlichkeit, radikalen, aber niveauvollen Inhalten verbunden wurden, konnten sie sich trotz Ignoranz in bürgerlichen Medien, Gegenwehr der klassischen NGOs und Parteien Gehör verschaffen - vor allem mit direkten Aktionen aller Art. Beispiele sind einige besetzte Häuser in der Schweiz oder in den Niederlanden, oder die Projektwerkstätten der 90er Jahre, von denen bis heute, also über 20 Jahre, die Projektwerkstatt in Reiskirchen-Saasen nicht nur unabhängig überlebte, sondern als intensiver regionaler und überregionaler Akteur wirksam blieb.

Fragend voran: Skeptizismus und permanente Kritik

Ob eigene Projekte, gesellschaftliche Intervention oder die Debatte um Utopien, keine Idee oder Erkenntnis darf starr bleiben. Denn Stillstand wäre eine Folge entweder von fehlender Reflexion über den noch bestehenden Gehalt an Herrschaft in den jeweils entstandenen Verhältnissen und Beziehungen oder von formalen, inneren oder äußeren Zwängen, die eine Weiterentwicklung blockieren. Emanzipation aber bedeutet ein permanentes Voran bei Befreiung und Ausdehnung der Handlungsmöglichkeiten.

Beide Prozesse, also sowohl die ständige Neuentdeckung bislang unbekannter Herrschaftsförmigkeiten in Beziehungen und Verhältnissen als auch die Entwicklung neuer Handlungsmöglichkeiten, sind endlos. Um diesen Prozess in Gang zu halten, bedarf es der ständigen kritischen Betrachtung des Bestehenden einschließlich des jeweils neu Erreichten. Gewünscht ist ein permanenter skeptischer Blick auf die Geschehnisse, selbst- und fremdverursachte. Emanzipation bedeutet das offensive Hinterfragen, das Demaskieren von Situationen und der freie Weg von Informationen in die Öffentlichkeit.

Aufklärung ist dabei zu wenig, wenn sie nur auf der sachlichen Ebene bleibt, aber Interessen, Deutungen und Privilegien ausblendet. Notwendig sind verschiedene Blickwinkel, die Politisierung aller Abläufe und immer die emanzipatorische Perspektive, also die Frage, was eine Situation für die konkreten Menschen bedeutet und wo weitere Schritte ihrer Befreiung und Ausdehnung ihrer Handlungsmöglichkeiten bestehen.
Voraussetzung ist unter anderem Transparenz, d.h. der Zugang zu allen Informationen für alle Menschen statt Datensammelwut und -monopole bei Behörden. Wichtig werden organisierte Hilfsmittel für gemeinsame Reflexion, Diskussion und Streit sein. Denn Betriebsblindheit tritt bei allen Menschen ein, die sich in konkrete Aktivitäten und Themen stürzen. Sie betrachten die Welt aus einer sich verfestigenden Perspektive, aus der sie nur durch die soziale Interaktion herausgerissen werden können.

Hinterfragen, skeptische Analyse und Organisierung von Kritik und Streit können und sollten sofort beginnen, aber nie enden. Gelebte Anarchie heißt immer auch, das Hinterfragen und den produktiven Streit anzuheizen, zu organisieren und einfach zu machen. Sich im Bestehenden einzurichten oder Widersprüche zu verschleiern, kann das Ende des Voranschreitens und damit der emanzipatorischen Veränderung bedeuten.

Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" in der sich als anarchistisch bezeichnenden GWR, Nr. 216, Februar 1997
Träume ich 'mal von einer anarchistischen Bewegung mit vielen Menschen, so stelle ich mir vor, daß schrittweise autonome Rechtsbereiche erkämpft werden. Ein Grundsatz könnte sein, daß staatliches Recht nur soweit gilt, wie die betroffenen Menschen ihre Rechts-Angelegenheiten nicht selber regeln. Zum Beispiel: Dort wo Menschen ihre Konflikte durch eigene Schiedsgerichte lösen, hat die staatliche Justiz nichts mehr zu suchen. Einhergehen muß damit auch das Recht, die Steuern zu reduzieren oder zurückzufordern. Etwa so: Wo Eltern eine frei Schule gründen, entfallen nicht nur die staatlichen Schulgesetze, ihnen steht auch der entsprechende Anteil ihrer Steuern, die der Staat für Bildung aufwendet, zu.
Der Anarchismus kommt nicht 'Knall auf Fall' - in vielen Schritten muß der Staat zurückgedrängt, anarchistisches Menschenrecht behauptet und Selbstbestimmung mit Leben und Inhalt gefüllt werden.

Die emanzipatorische Fragestellung der ständigen Skepsis ist der Gehalt an Herrschaft in jeweiligen Verhältnissen und Beziehungen. Ziel ist, sie zu überwinden oder, als Zwischenschritt, ihnen den hegemonialen Charakter zu nehmen. Die Macht muss herausgezogen werden aus den Apparaten, Konzernen, Parlamenten und allen anderen Orten der Fremdbestimmung. Sie gehört zu den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen.

Anarchie für Träume und TräumerInnen: Theorieentwicklung und Utopiedebatte

Anarchie wird immer wieder als Träumerei oder schlicht "utopisch" abgetan. "Ja, das ist ja schön und gut, aber es klappt mit diesen Menschen halt nicht" - so oder ähnlich lauten die Reaktionen auf emanzipatorische Ideen und Forderungen nach einer Welt ohne Herrschaft. Doch das Argument gegen eine herrschaftsfreie Welt ist deshalb stumpf, weil ja das "Klappen" (Funktionieren) einer Gesellschaftsformation" offensichtlich sonst auch kein Kriterium ist. Sonst müssten der real existierende Kapitalismus und die dahinterstehende Rechtsstaatslogik längst verjagt worden sein. Denn ein System, das trotz Nahrungsmittelüberproduktion Milliarden in Hunger und Elend leben lässt, das mit riesigen Ressourcen und Umweltzerstörungen Waffen und Kontrollmittel herstellt, um Menschen einzuschüchtern, zu zwingen oder zu töten und das mit all seinen autoritären Mitteln selbst der Hauptgewalttäter in dieser Welt ist und zusätzlich noch Gewalttätigkeit zwischen Menschen massiv fördert, "klappt" nicht.?

Der Verweis auf die bestehenden Verhältnisse ist nützlich, denn als Argument für gesellschaftliche Veränderungen reicht, dass sich die Lage verbessert. Wer auf einen perfekten Entwurf für die Utopie wartet, bevor das bestehende Desaster endlich hinweggefegt oder Schritt für Schritt demontiert wird, zeigt eine beachtliche Gleichgültigkeit von realem Leid. Insofern löst sich auch hier der Widerspruch zwischen Reform und Revolution: Jede Befreiung, jede Verbesserung der Handlungsmöglichkeiten ist es wert, darum zu ringen.

Die Bedeutung von Utopien

Einen Wert hat jede Utopie aber auch als solche. Und zwar aus vielen Gründen.

Es ist deshalb wichtig, um Utopien zu ringen, Debatten anzuzetteln und öffentliche Ausdrucksformen zu finden. Für einen vorwärtstreibenden Anarchismus ist es wichtig, endlich weiterzukommen als die ewige Wiederholung der auf formale Institutionen beschränkten Phantasie revolutionären Verbalradikalismus. Mutiger müssen Lieblingskinder der Nation wie Demokratie und Recht demaskiert werden statt sie in der eigenen Praxis zu verteidigen oder anzuwenden. Die historischen Quellen anarchistischer Theorie sind auf das zu begrenzen, was sie können: Anregungen, mitunter wertvolle, aus einem Blickwinkel, der lange zurückliegt. Die Leerstellen, die sich mit einer solchen Bedeutungsbegrenzung auftun, müssen durch aktuelle und intensive, gerne auch konfliktträchtige Debatten gefüllt werden. Anarchie zu leben, heißt auch, eine brodelnde Küche der gesellschaftlichen Analyse und kreativen Zukunftsentwürfe aufrecht zu erhalten. Davon ist in den aktuellen anarchistischen Zusammenhängen zumindest im deutschsprachigen Raum nichts zu spüren.

Eine Fragestellung, die vor dem Hintergrund erwünschter Utopien und analysierter Gegenwart zu diskutieren ist, ist die nach dem Verhältnis von Ziel und eingesetzten Mitteln. Dabei besteht, wie am Beispiel der Gewaltfrage bereits gezeigt wurde, kein unmittelbar bindender Zusammenhang. Wer emanzipatorische Veränderung will, sollte keine Methoden anwenden, die die Herrschaftsverhältnisse verstärken oder die Chancen einer Befreiung verringern. Das ist aber etwas anderes als die Selbstbeschränkung, nichts anwenden zu wollen, was es auch in der Utopie nicht mehr geben soll. Eine kritische Analyse kann zwischen Dogma und strategischer Umsetzung emanzipatorischer Ideen unterscheiden, d.h. es ist unser Kopf, die Abwägung und der Austausch mit anderen, die Aktionsmittel wählen muss - nicht die Selbstverpflichtungserklärung aus irgendeinem Verbandsbüro oder Slogans, hinter denen Verhaltensnormierungen stecken, die Menschen wieder nur einschränken statt handlungsfähiger und damit "freier" machen.

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Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg
Die Entsprechung von Vision und Praxis wird unter Anarchisten nicht nur als eine Frage von Grundwerten und Prioritäten angesehen, sondern auch als Voraussetzung, um revolutionäre Ziele zu erreichen. Damit setzen sich Anarchistinnen und Anarchisten eindeutig von autoritären leninistischen Formen des Sozialismus bzw. von den Parteien dieser Art ab. ...
»Alle menschliche Erfahrung lehrt, dass Methoden und Mittel nicht vom angestrebten Ziel getrennt gesehen werden können. Die angewandten Mittel werden durch persönliche Gewohnheit oder gesellschaftliche Praxis Teil des letztendlichen Zwecks; sie beeinflussen ihn, verändern ihn, und schließlich werden Mittel und Zweck eins ... die ethischen Werte, die die Revolution für die neue Gesellschaft durchsetzen soll, müssen mit den revolutionären Aktivitäten der sogenannten Übergangsperiode bereits initiiert werden. Dies kann als echte und zuverlässige Brücke zu einem besseren Leben nur dann gelten, wenn sie aus demselben Material gebaut ist wie das Leben, das über sie erreicht werden soll.« ... (S. 62 f.)


Speziell zur Gewaltfrage
Unter Anarchistinnen und Anarchisten ist die politische Gewalt kaum noch ein Thema. ... (S. 121)
Heute ist die vorwegnehmende Verwirklichung eines anarchistischen Modells freiwilliger Gewaltfreiheit eindeutig nicht umzusetzen, weil der Staat dem entgegensteht und systematisch Gewalt einsetzt, die Idee einer universellen Übereinkunft über die Gewaltfreiheit also vereitelt.
Jedenfalls bezüglich der Gewalt ist eine vorwegnehmende Politik heute nur innerhalb anarchistischer Zusammenhänge zu verwirklichen. Die kann geschehen, indem wenigstens in der Bewegung selber gesellschaftliche Beziehungen ohne Gewalt und stattdessen mit den Mitteln friedlicher Konfliktbearbeitung, der Mediation oder - bei unüberbrückbaren Differenzen - der Trennung angestrebt werden.
Schließlich ist es auch nicht ganz abwegig zu behaupten, dass anarchistische Gewalt gegenüber dem Staat tatsächlich eine Vorwegnahme anarchistischer gesellschaftlicher Beziehungen ist. Denn Anarchisten würden auch immer erwarten, dass selbst in einer »anarchistischen Gesellschaft« die Menschen bereit wären, diese, notfalls mit Gewalt, zu verteidigen, sollte es den Versuch geben, soziale Hierarchien wieder einzuführen oder sie anderen aufzuzwingen. Gewalt, die sich gegen die (Wieder)Einführung einer hierarchischen gesellschaftlichen Ordnung wendet, ist also heute ebenso eine angemessene Reaktion, wie sie es in einer Gesellschaft ohne staatliche Strukturen wäre.
So viel zur Behauptung, Gewalt könne von Anarchisten niemals gerechtfertigt werden. Doch es bleibt die Verantwortung von Anarchisten zu begründen, welche Gewalt tatsächlich gerechtfertigt werden kann und mit welchen Argumenten. ... (S. 147)
Zunächst einmal die Frage, wie genau »Gewalt anwenden« gemeint ist. Denn diese Begrifflichkeit ist geeignet, fast jede Form politischen Vorgehens zu umschreiben, nicht zuletzt die juristische. Jeder Appell an den Staat, jede Form von Druck auf ihn, um ihn zur Unterstützung bestimmter Anliegen zu bewegen, ist implizit oder explizit ein Vorstoß dahingehend, seine Gewaltpotenziale für die eigene Seite nutzbar zu machen. Um es mit einem historischen Beispiel zu illustrieren: Der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wird oft zugute gehalten, dass sie sich gewaltfreier Mittel bedient habe, doch tatsächlich wurde die Abschaffung der gesetzlich geregelten Rassentrennung durch eine ganze Reihe eindeutig gewaltsamer staatlicher Interventionen durchgesetzt, insbesondere durch die Entsendung der Nationalgarde zur Überwachung der Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen in manchen Südstaaten. Ähnlich sind auch rechtliche Schritte zum Schutz von Naturgebieten eindeutig Gewaltmittel. Erhält ein Rodungsunternehmen eine rechtliche Verfügung, die es dazu verpflichtet, sich aus einem Waldgebiet zurückzuziehen, so wird es dazu durch die Androhung einer Strafe gezwungen, hinter der letztendlich der bewaffnete Arm der Regierung steht. in letzter Konsequenz mag der Staat in solchen Fällen nicht tatsächlich physisch eingreifen, doch als Drohung steht das entsprechende Gewaltpotenzial bereit und kann eingesetzt werden, falls die juristisch bestätigte Forderung nicht erfüllt wird. Wählen wir also den Rechtsweg, legen wir damit nicht fest, dass Gewalt ausgeschlossen wird - wir überlassen lediglich dem Staat die Entscheidung darüber. Solche Überlegungen scheinen darauf hinauszulaufen, dass kaum noch etwas übrig bleibt, was man tatsächlich als »gewaltfreie Aktion« bezeichnen kann. Möglicherweise kommen überhaupt nur noch sehr passive Formen des Eingreifens infrage. (S. 150 f.)

Was Hoffnung macht: Blicke über die Grenzen

Damit ist diese Textsammlung über anarchistische Theorie und Praxis im deutschsprachigen Raum zuende. Es gibt keine Gründe, sich die Sache schön zu reden. Die Schwächen in allen Bereichen sind ebenso offensichtlich wie das Interesse, dass bei vielen an Hierarchien, Steuerung oder Positionen besteht - und zwar sowohl denen, die in den Apparaten die Ressourcen akkumulieren (Spenden, Wissen, Kontakte und Materialien) und Aktionen steuern, als auch bei denen, die gerne als MitläuferInnen und SpenderInnen ihr durch weitgehendes Versagen im eigenen Alltag und Leben lädiertes Gewissen beruhigen.

Haben emanzipatorische und damit auch anarchistische Ideen überhaupt eine Chance? Ja - und das zeigt sogar der hinsichtlich emanzipatorischer Politikideen und -praxis schwächliche deutschsprachige Raum. Es klappt sogar gerade dann besser, wenn Menschen mit anarchistischen Ideen, intensiv und offensiv auftreten. Es kommt dabei nicht darauf an, die eigenen Label in den Mittelpunkt zu stellen, um dann, wie es die FAU 1999 in Köln machte, im Nachhinein zu feiern, auf einer Großdemo die meisten Fahnen gezeigt zu haben. Das ist peinlicher Schwanzvergleich und mit keiner anarchistischen Idee verbindbar. Wahrscheinlich ist es eher sogar schlau, neben den Labeln auch auf das Wort Anarchie zu verzichten, handelt es sich doch um einen mit allerhand seltsamen Assoziationen aufgeladenen Begriff, quasi einen Container an Deutungen.
Stattdessen kommt es auf tatsächliche Umgestaltung und die konkrete Benennung der anderen Formen der gesellschaftlichen Gestaltung an. Beides kann überall beginnen.

Der Blick über die Grenzen kann dabei Mut machen, aber auch Gefahrenpunkte zeigen. Es gibt eine Menge Projekte, Debatten und Aufstände in dieser Welt, die explizit anarchistische Ideen beinhalten oder Forderungen erheben, die zum Inhalt emanzipatorischer Umgestaltung gehören, deren radikalste Form ja die Anarchie ist. Beeindruckend ist vor allem die Zahl kleiner Projekte mit Selbstorganisierung, sei es der Austausch von Gütern auf lokaler Ebene, die Besetzung von Land zur kooperativen Erzeugung von Lebensmitteln oder kleine Produktionsgenossenschaften. Zudem gibt es größere Projekte und Aufstände, die auch durch überregionale Medien oder via Internet verbreitet wurden. Besonders heraus stachen dabei die zunächst als "Antiglobalisierung" bezeichneten Proteste, bekannt geworden seit Seattle 1999, wo anarchistische Gruppen eine große Rolle spielten und vor allem die Aktionsorganisierung stark von der Idee einer horizontalen Vernetzung in einer Aktion, in der viele Aktionen Platz hatten, geprägt war. Schon einige Jahre vorher begann der Aufstand der Zapatistas in Chiapas (Mexiko), die Slogans wie "Fragend schreiten wir voran" oder für eine "Welt, in der viele Welten Platz haben" prägten.
Neben solchen interessanten Beispielen wachsen in der Vielfalt von Gruppen auch seltsame Orientierungen heran oder extreme Fokussierungen auf Einzelthemen, die dann der Ableitung aller weiteren Theorien oder Forderungen dienen. Mitunter verschmelzen anarchistische Attitüden mit herrschaftsförmigen Gebilden, z.B. in Form des Nationalanarchismus oder des Anarchokapitalismus. In beiden Fällen werden krasse Gegensätze, d.h. extreme Herrschaftsgebilde, mit Ideen des Anarchismus zusammengebracht. Einer skeptischen Analyse halten solche Gedankengebäude allerdings regelmäßig nicht stand. Meist leiden sie daran, dass sie nicht die Menschen, sondern identitäre Kollektive wie Nationen, Völker oder Firmen zum Gegenstand der Befreiung machen wollen. Davor haben die Menschen nichts. Eher schaden sie, weil solche Konstrukte regelmäßig mit massiven Unterdrückungserscheinungen im Inneren verbunden sind. Ein ähnliches Problem trägt der Anarchoprimitivismus in sich, der den Menschen abspricht, via Aneignung neuer Fähigkeiten die eigenen Handlungsmöglichkeiten auszudehnen.

Die Größe scheint hingegen, gefördert durch grenzenüberschreitende Kommunikation per Telefon und Internet, keiner Kooperation mehr grundsätzlich im Wege zu stehen. So sind auch globale Bündnisse mit Verzicht auf zentrale Apparate nicht ausgeschlossen. In einem Netzwerk selbstorganisierter Aktionsgruppen wurde in den globalisierungskritischen Protesten versucht, die Ansprüche an eine selbstorganisierte Widerständigkeit in einigen Leitgedanken zu verfassen. Auch wenn immer wieder an der einen oder anderen Formulierung Kritik entstand, sind sie doch ein beachtliches Ergebnis eines gemeinsamen Diskussionsprozesses und einer Kooperation von Aktionsgruppen, die etliche Jahre unter dem Begriff "People's Global Action" (PGA) lief.

Im Original: PGA-Hallmarks (Quelle) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
1. Eine Ablehnung von Kapitalismus, Imperialismus und Feudalismus, sowie aller Handelsabkommen, Institutionen und Regierungen, die zerstörerische Globalisierung vorantreiben.
2. Eine Ablehnung aller Formen und Systemen von Herrschaft und Diskriminierung, einschließlich (aber nicht ausschließlich) Patriarchat, Rassismus und religiösen Fundamentalismus aller Art. Wir erkennen die vollständige Würde aller Menschen an.
3. Eine konfrontative Haltung, da wir nicht glauben, dass Lobbyarbeit einen nennenswerten Einfluss haben kann auf undemokratische Organisationen, die maßgeblich vom transnationalen Kapital beeinflusst sind;
4. Ein Aufruf zu direkter Aktion und zivilem Ungehorsam, Unterstützung für die Kämpfe sozialer Bewegungen, die Respekt für das Leben und die Rechte der unterdrückten Menschen maximieren, wie auch den Aufbau von lokalen Alternativen zum Kapitalismus.
5. Eine Organisationsphilosophie, die auf Dezentralisierung und Autonomie aufgebaut ist. Die PGA stellt ein Koordinationswerkzeug dar, keine Organisation. Sie hat keine Mitglieder und ist nicht juristisch repräsentiert. Keine Organisation oder Person kann die PGA repräsentieren.

Ein wenig aber zeigt PGA durch sein geräuschloses Verschwinden von der Bühne wichtiger AkteurInnen die Probleme, die das Ringen um emanzipatorische Veränderungen und den Anarchismus offensichtlich weltweit hat: Er kann Begeisterung erzielen, unmittelbar überzeugen, auch interessante Impulse setzen, aber es fehlt die Fähigkeit, sich als kontiniuerlicher Prozess zu stabilisieren. Entweder folgt ein Ausbluten, der Wechsel der Beteiligten in die eigene Privatheit, in die erstarrten Organisationen, die gesellschaftliche Normierungen auch im Inneren spiegeln, oder das Mitmischen an den Hebeln der Macht.

Es ist eines der großen Dilemmata des Anarchismus, immer wieder nur eine Art Durchlauferhitzer für (meist junge) Menschen zu sein, die dann - mitunter mit einigen interessanten, angeeigneten Fähigkeiten - an andere Orte wechseln, wo sie höchstens noch mit Appellen an die Mächtigen zur Behebung konkreter Missstände "Gutes" im Detail tun, aber im Gesamten oft die Lage verschlimmern, weil sie Herrschaftsverhältnisse legitimieren oder sogar auszubauen helfen. Die Anarchie hat eine bessere Zukunft, wenn es gelingt, sie zu einer Lebensalternative von Menschen zu machen und nicht nur zu einer Sturm-und-Drang-Phase, in der (junge) Menschen sich ausprobieren, aber nicht wirklich Alternativen und starke Überzeugungen aufbauen. Oder in der Unzufriedene die ärgsten Bedrohungen abzuschütteln versuchen, um nach einigen Anfangserfolgen schlapp zu machen und sich mit der leicht verbesserten Lage gleich wieder zufrieden zu geben.

Zum nächsten Text über aktuelle Projekte im Anhang des Buches "Anarchie"

Die Seiten zur Anarchie auf www.projektwerkstatt.de

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