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Blicke vor und hinter die Kulissen
Wie sieht die Praxis der AnarchistInnen aus?

Aktion ++ Organisierung ++ Projekte ++ Hang zur Nostalgie ++ Links

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Werfen wir noch einmal einen Blick in die anarchistischen Zusammenhängen, die sich im deutschsprachigen Raum so zeigen - diesmal aber hinsichtlich der Systematik von Handlungen und Organisierung. Wegen der Kleinheit der Organisationen und versprengten Basisgruppen ist alles recht übersichtlich. Nur den mit der Leitschnur "Gewaltfreiheit" arbeitenden Strömungen gelingt es ab und zu, dank erheblicher Überschneidungen mit dem bildungsbürgerlichen Lager große Massenmobilisierungen hervorzurufen. Denen aber fehlt dann jeglicher herrschaftskritischer Ansatz, sie verfallen vollständig ins Appellative und legitimieren damit die Macht der Exekutive, also der Regierungen. Anarchistisch wirkt das nicht, und der Widerspruch zur pro-anarchistischen Verbalradikalität derselben Personen an anderer Stelle könnte größer kaum sein.

Das ist aber nicht das einzige Merkmal anarchistischer Praxis, die Zweifel sät, ob Anspruch und Wirklichkeit ausreichend nah beieinanderliegen, dass sie überhaupt etwas miteinander zu tun haben. Ja - es entstehen Zweifel, ob der Anspruch, in wohlklingende Worte gefasst, überhaupt so besteht, wie er behauptet wird.

Anarchistische Aktion

Beginnen wir mit dem, was AnarchistInnen am bekanntesten macht: Ihre Aktionen. Das Primat der "Propaganda der Tat" ist tief verwurzelt und traditionell verfestigt. Das Zerrbild des/der unerschrockenen KämpferIn, des gefürchteten Guerrilleros oder des geschickten Hackers prägen die Wahrnehmung auch in den Träumen derer, für die Anarchie der Inbegriff von Abenteuer als Ausbruch aus einem als trist empfundenen Alltag darstellt. Es taucht auf Plakaten und in Comics auf, sei es das verwegene Anarcho-Männchen mit Bart, Hut und Bombe oder der gestählte Männer- bzw. Frauenkörper im Einsatz gegen das Böse in Form von Nazis oder KapitalistInnen. James Bond und Rambo lassen grüßen.
Mit der Realität hat diese Projektion, die sowohl unter bürgerlichen AnarchiehasserInnen als auch in anarchistischen Cliquen selbst geschürt wird, wenig zu tun. Zwar sind anarchistische Strömungen bei spektakulären Aktionen oft dabei, aber praktische Bedeutung haben solche Auseinandersetzungen kaum im Leben der AktivistInnen. Ob militanter Angriff oder gewaltfreie Massenblockade - es ist wie der Urlaub auf Mallorca ein Event, dass zum tristen Alltag den Gegenpol bildet. Langfristige Kampagnen oder kontinuierliche Projekte sind eher die Ausnahme.

Event-Hopping

So sicher, wie zu bestimmten und in der Regel vorhersehbaren Ereignissen große Menschenmengen bewegt werden, so wahrscheinlich ist ihr Fehlen dort, wo kein Hype entsteht. Massen stemmen sich dem Castor im Wendland (und z.T. auch anderswo) entgegen - aber die Energiepolitik vor Ort findet in den Büros von Verwaltungen und Geldanlagefirmen statt. 23.000 demonstrieren im Januar 2012 für eine andere Landwirtschaftspolitik, nur knapp 100 stürmten 2007 und 2008 als gemeinsames Gendreck-weg-Event je ein Feld des bösen US-Konzerns Monsanto, aber an den deutschen Versuchshochburgen, wo die neuen Pflanzen und Methoden entwickelt werden, regt sich kaum Protest. Wenn Deutschland neue Kriege anzettelt, gehen Tausende auf die Straße. Aber der Alltag von Bundeswehr, Besatzungspolitik unter humanitärem Schein, Rüstungsexporte und mehr interessieren nur Wenige. Das läuft in der gesamten Breite von Bewegung so - und ist auch gar nicht anders vorstellbar, solange Menschen eingebunden sind in die Zwänge des Alltags, in die Notwendigkeit, ihr Leben durch Verkauf der Arbeitskraft zu sichern und dafür im Zweifel auch die Klappe mehr zu halten als gut wäre.
Das anarchistische "Lager" ist hier kaum anders aufgestellt. Es lebt von den Einzelmobilisierungen zu Großevents. Nur sehr wenige dauerhafte Projekte, Zeitschriften und Verlage prägen die Landschaft, gestützt auf (Teil-)Hauptamtlichkeit. Immerhin ein Stück weit Kampagnenfähigkeit zeigte z.B. die FAU im Zusammenhang mit dem "strike-bike", einem Fahrrad aus einer Fahrradfabrik, die für einige Zeit selbstverwaltet weitergeführt wurde, als der Bankrott drohte (und schließlich auch kam). Doch das war eher die Ausnahme von der Regel.

Wenig Aktionen mit Willen, die Änderung auch durchzusetzen

Geht mensch vom Anspruch anarchistischer Aktion aus, nicht durch Anrufung der Mächtigen deren Rolle noch zu legitimieren, sondern die Dinge direkt zu ändern, so enttäuschen die meisten Handlungen. Für die aus dem Spektrum der mit dem Label "gewaltfrei" agierenden Gruppen organisierten Menschenketten gilt das in extremer Weise, weil kaum noch Aktionen stattfinden, die eine eigene direkte Handlung wenigstens symbolisiert, z.B. die Einschließung einer Kaserne, eines Atomkraftwerkes oder anderer Konfliktpunkte. Im Vordergrund steht seit Langem die Erzeugung telegener Hintergrundbilder, die eigene SprecherInnen und die Kontonummer durch bunt-harmlose Massenaufläufe. Damit das Ganze reibungslos gelingt, wird schon mal die Vorabsprache mit denen gesucht, gegen die sich scheinbar die Aktion richtet - so z.B. 2003 bei einem Spektakel vor einem Eingang der Rhein-Main-Airbase der US-Luftwaffe, das aber mit den Militärs abgesprochen war, um diese nicht wirklich zu stören. Wenn dann noch führende Politiker, wie SPD- und Grünenchef bei der Anti-Atom-Menschenkette auf den Elbedeichen, mit in der Händchen-halt-Reihe stehen, ist die Grenze zum reinen Wohlfühlevent überschritten. Dieses steht dann konkurrierend zu konkreten Formen von Protest, denn gefühlter Widerstand kann den Wunsch nach konkreter Veränderung zurückdrängen: Spenden, Klicks und Händchenhalten als moderner Ablasshandel.

Da gilt ebenso für viele militante Aktionen. Steinwürfe in Schaufenster wirken zwar mitunter entschlossen, folgen aber eher ohnmächtig und ziellos einem platten, Männlichkeit ausstrahlenden Gewaltfetisch. Ein direktes Signal, dass irgend etwas beendet oder selbst geschaffen werden soll, geht von einem botschaftslosen Stein nicht aus. Das liegt nicht am Steinewerfen selbst. Sehr wohl können Steinwürfe gezielt, gut überlegt und Botschaften vermittelnd sein. Leider aber überwiegt der Militanzfetisch in Form ritualisierter Gewaltausbrüche in Verbindung mit fehlenden Inhalten oder platte Parolen.
Selbst der Versuch, politische Treffen zu verhindern, ist wieder außer Mode gekommen. Zwar ist richtig, dass sich ein Erfolg wie in Seattle 1999 angesichts der riesigen Ressourcen staatlicher Strukturen nicht einfach wiederholen lässt, doch die Suche danach ersatzlos aufzugeben, um sich dann zehn Jahre später nur noch auf appellative Formen wie Menschenketten zu beschränken, ist enttäuschend. Zumal selbst das nur auf wenigen Events gelingt, während z.B. die Millionen alltäglicher Treffen, Partei- und Konzernsitzungen, Gerichtsprozesse usw. unangetastet bleiben.
In der Unterscheidung zwischen Protest und Widerstand, wie in z.B. Ulrike Meinhof vornahm, ist anarchistische Aktion in der Regel "nur" Protest - und liegt damit im Trend fast aller politischer Handlungen im deutschsprachigen Raum. Dort dominiert organisierte Harmlosigkeit verbunden mit hohem Spendenaufkommen, Medienpräsenz und Schaffung hauptamtlich geführter Apparate.

Einheitlich ist das Bild aber nicht. Etliche Ausnahmen bestimmen das Bild so, dass mensch darin auch mehr, also doch eine Kontinuität von direkten Aktionen erblicken kann.

Trotz dieser Beispiele ist der deutschsprachige Raum recht leer an direkter Aktion. Das ist aber kein auf diese Region beschränktes Phänomen, sondern zumindest in Mittel-, Nord- und teilweise Osteuropa sehr verbreitet. Historisch fehlen hier Revolutionen weitgehend, wobei Zusammenhänge da nur spekulativ sind. Wirkungen hinterließ der staatliche Umgang mit den nach 1968 folgenden Unruhen und Besetzungen. Es waren die modernen Eliten z.B. der sozialliberalen Koalitionen, die neben der Peitsche das Zuckerbrot auspacken und über massive finanzielle Förderung besetzte Häuser, alternative Betriebe, selbstverwaltete Jugendzentren, freie Schulen und politische Bewegungen erst befriedeten, dann integrierten und schließlich zum Modernisierungspotential der heutigen Zeit machten. Zurückgeblieben sind kleine Nischen, Gruppen ohne große Ausstrahlung - und die Events.

Appell statt direkte Aktion

Was ist am Streik eine direkte Aktion? Appelliert er nicht an die Firmenleitungen, deren Macht er aber durch die Forderungen grundsätzlich anerkennt? Warum sind Betriebsbesetzungen, die Form direkter Aktion in betrieblichen Auseinandersetzungen hingegen so selten? Auch Anarcho-SyndikalistInnen favorisieren immer wieder Streiks und wagen selten die Aneignung.
Dabei bekennen sich AnarchistInnen regelmäßig zur direkten Aktion, also zu der Idee, eigenhändig die Dinge zu verändern. Die wichtigste Zeitung der Anarcho-SyndikalistInnen heißt "Direkte Aktion". Es wäre also anzunehmen, dass sich AnarchistInnen nicht für Appelle oder appellative Aktionen interessieren. Doch weit gefehlt: In vielen Strömungen ist der Appell das Kernstück politischer Intervention.

Besonders verwunderlich ist die Liebe gewaltfreier Gruppen, in denen sich viele als AnarchistInnen bezeichnen und mit der als anarchistische Zeitung auftretenden "Graswurzelrevolution" sympathisieren, zu appellativen Aktionen. Dabei kommt doch aus dieser Ecke die als Handlungsaxiom aufgestellte These, politische Mittel müssten dem Ziel entsprechen. Anarchie aber wäre das Aus jeglicher Hierarchie und autoritärer Durchsetzungsstrukturen. Wer, weil die Mittel dem Zweck entsprechend sollen, inbrünstig jegliche Gewalt ablehnt, handelt widersprüchlich, wenn andererseits völlig selbstverständlich die Mächtigen angerufen werden, die eigenen Ziele umzusetzen. Denn das wäre genau das: Der Zweck heiligt die Mittel. Regierungshandeln soll Atomkraft verbieten. Oder den MON810-Genmais aus den USA. Oder ...
Warum ersetzen neuerdings Menschenketten die wenigstens symbolisch als direkte Aktion bewertbaren Blockaden? Was ist die reine Latschdemo anderes als eine Hommage an die Mächtigen, die anerkannt werden, aber bitte ihre Politik im Detail korrigieren sollen?

Um keine Missverständnisse zu erzeugen: Hier geht es nicht um gute oder schlechte Noten für Aktionen, sondern um die Analyse, welche Aktionsformen direkt wirken und welche appellativ. Angesichts der komplexen Herrschaftsverhältnisse und unterschiedlichen Formen, in denen Herrschaft auftreten kann, gibt es viele Arten der Intervention. Was einen Zug stoppt, die Aussaat gentechnisch veränderter Pflanzen behindert, den Abflug eines Flugzeuges mit Abschiebehäftlingen unmöglich macht oder offene Grenzen schafft, indem Stacheldraht und Kamera verschwinden, ist genauso eine direkte Aktion wie das Straßentheater oder die Kommunikationsguerilla, wenn sie in Diskurse oder öffentliche Debatten eingreifen. Es muss niemanden ärgern, wenn als ohnehin nicht zu verhindernde Reaktion auf gut vermittelte, druckvolle Aktionen parlamentarische oder behördliche Maßnahmen folgen.
Aber eine Unterschriftensammlung? Vorgefertigte Protestmails? Eine Menschenkette mit Luftballons? Das strahlt geradezu aus, dass es Regierende geben soll und diese endlich handeln: "Politiker reden, Führer handeln!" - drastischer als dieser Slogan von Greenpeace kann das dahinterstehende Gedankengut wohl kaum formuliert werden. Der Traum vom starken Mann, gedacht von denen, die eine andere Welt wollen ... oder wollen sie die gar nicht?

Selbst das Konzept des zivilen Ungehorsams, das vielen als radikal und herrschaftskritisch erscheinen mag und vor allem in gewaltfreien Kreisen hohes Ansehen genießt, ist bei näherem Hinsehen eher appellativ. Zwar ist denen, die mit diesem Begriff hantieren, nicht immer bewusst, dass hier eine Beschränkung auf einen Appell besteht, wenn auch dramaturgisch zugespitzt inszeniert. Daher darf die Kritik an denen, die sich auf den Begriff beziehen, nicht generalisiert werden. Doch im Konzept steckt die bewusste Regelübertretung als besonders aufdringlicher Vorwurf an die Adresse der Mächtigen, Missstände endlich abzustellen.

Im Original: Ziviler Ungehorsam ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Definition (Quelle dieses Textes)
Ziviler Ungehorsam ist der aus Gewissensgründen und gewaltfrei vollzogene bewusste Verstoß gegen ein Gesetz, eine Pflicht oder den Befehl eines Staates oder einer anderen Macht. Im Gegensatz zu einem Streik ist er nicht rechtlich abgesichert, und der Ungehorsame nimmt bewusst in Kauf, dafür bestraft zu werden. Wer zivilen Ungehorsam ausübt, gilt als Anarchist oder Staatsfeind, da er eine fremde Herrschaft über seine Aktivitäten ablehnt. Der Ausdruck ziviler Ungehorsam (im Englischen civil disobedience) wurde vom US-Amerikaner Henry David Thoreau in seinem Essay Civil Disobedience (1849) geprägt, in dem dieser erklärte, warum er aus Protest gegen den Krieg gegen Mexiko und die Sklavenhaltung keine Steuern mehr bezahlte. Die deutsche Übersetzung von "civil disobedience" müsste eigentlich bürgerlicher Ungehorsam heißen (engl. civil: bürgerlich bzw. staatsbürgerlich). Thoreau, von dem der Begriff stammt, befasste sich nicht mit gewaltfreiem Widerstand, sondern mit den Gewissenskonflikten, die er als Bürger, Wähler und Steuerzahler auszutragen hatte. Das heißt, ein Bürger verweigert seinem Staat den Gehorsam, wenn sein Gewissen ihm das diktiert. Dies betrifft besonders den Kriegsdienst und die Bezahlung von Steuern. Die Erwähnung, dass der Ungehorsam gewaltfrei sein muss, ist eigentlich überflüssig, weil jede Gewaltanwendung gegenüber einer Drittperson impliziert, dass diese Person gehorsam handeln müsste, um der Gewaltanwendung zu entgehen. Dies widerspräche dem Ziel, jeden Menschen zum Ungehorsam zu ermuntern. Namhafte Vertreter zivilen Ungehorsams waren Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Martin Luther King und die Brüder Philip und Daniel Berrigan. In dieser Tradition leisten viele Atomkraftgegner, Graswurzler, Friedensdemonstranten, Globalisierungskritiker und Totalverweigerer Widerstand in Form zivilen Ungehorsams. Bekannte Beispiele von zivilem Ungehorsam, der sich in politischen Bewegungen niederschlug, waren die Boston Tea Party, die indische Unabhängigkeitsbewegung sowie die Montagsdemonstrationen im Jahre 1989.

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 31 f.)
Zwischen der direkten Aktion und einem verwandten Konzept, dem des »zivilen Ungehorsams« sollte unbedingt unterschieden werden. Unter dem Letzteren ist meiner Ansicht nach jede Art kollektiver Verweigerung gegenüber dem Gesetz zu verstehen, wobei dies entweder aus moralischen Motiven geschieht oder um Druck auf die Regierenden auszuüben, damit sie schließlich auf Forderungen eingehen. So schreibt Henry D. Thoreau: »Wenn die Alternative darin besteht, entweder alle Gerechten einzukerkern oder Krieg und Sklaverei abzuschaffen, wird der Staat bei der Wahl nicht zögern.« Demnach ist ziviler Ungehorsam im Grunde eine konfrontative Form des Dialogs zwischen Bürgern, die sich nicht unterordnen, und dem Staat. Dieser Dialog stellt die grundlegende Legitimität des Staates nicht infrage (denn es wird vom Staat erwartet, dass er auf die Forderungen der Ungehorsamen reagieren und beispielsweise ein ungerechtes Gesetz ändern wird). Oft geht der zivile Ungehorsam mit einer Rhetorik der Aufrufe an die Gesellschaft einher, sie möge sich doch ihren eigenen Idealen gemäß verhalten. Auf diese Weise wird der Status quo der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Institutionen eher bestätigt als herausgefordert.

Aus Sternstein, Wolfgang: "Die gewaltfreie Revolte gegen 'Stuttgart 21'", in: GWR Dez. 2010 (S. 7)
Unter zivilem Ungehorsam in der Tradition von Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi und Martin Luther King versteht man die bewusste Übertretung von Gesetzen oder gesetzesähnlichen Vorschriften sowie die Gehorsamsverweigerung gegenüber polizeilichen Anweisungen mit dem Ziel, staatliches Unrecht oder staatliche Korruption zu beseitigen.
Ziviler Ungehorsam in diesem Sinne sollte "zivil", also offen, dialogbereit und gewaltfrei sein. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die für die Gesetzesübertretung oder die Gehorsamsverweigerung verhängte Sanktion klaglos hinzunehmen. ...
Durch ihre Bereitschaft, Nachteile und Strafen hinzunehmen, bekunden sie ihren Respekt vor dem Recht als solchem und appellieren an die Regierung und die Parlamente, die angefochtenen Entscheidungen noch einmal zu überdenken. ...

Aus Bergstedt, Jörg: "Was ähnlich aussieht und doch so unterschiedlich ist", in: grünes blatt 2/2011
Mensch sieht sie oft zusammen: Locker verbundene oder auch getrennt agierende AktivistInnen, die ihre Aktionen – wenn überhaupt ein Label benannt wird – als „Direct Action“ bezeichnen. Und meist in größeren Gruppen agierende Menschen, die ihr Tun als „zivilen Ungehorsam“ definieren. Viele von ihnen tun das ohne große Überlegung – doch bei näherem Hinsehen stecken hinter den Begriffen Unterschiede. Dieses liegen auch, aber gar nicht in erster Linie in den Aktionsmethoden, sondern mehr in der Grundeinstellung dazu, ob die Wahl von Aktionsformen Sache der handelnden Menschen oder mehr Sache einer übergeordneten Moralentscheidung ist.
...
Wolfgang Sternstein schreibt in der GWR Dez. 2010 (S. 7): „Ziviler Ungehorsam in diesem Sinne sollte ‚zivil’, also offen, dialogbereit und gewaltfrei sein.“ Drei unauffällige Worte, aber mit weitreichender Wirkung. Offenbar steht eine feste Moralvorstellung hinter der Idee des zivilen Ungehorsams. Wo die hier kommt und warum Aktionen immer „offen, dialogbereit und gewaltfrei“ sein müssen, erklärt niemand. Die Moral ist einfach da, wie ein Naturgesetz.
Mit ihr werden viele Aktionsformen ausgegrenzt. Offen und dialogbereit sind nur sichtbare Aktionen – alles was nachts oder heimlich geschieht, wird denunziert: Sabotage, Militanz, Graffities, Kommunikationsguerilla. Sogar das harmlose (aber durchaus wirkungsvolle) versteckte Theater fällt hinten herunter. Sternstein agiert politisch motiviert und damit betriebsblind. Er hat bestimmte Strömungen im Blick, die er ausgrenzen will. Dafür nutzt er das Sprachrohr des parlamentsfern organisierten, bürgerlichen Gutmenschenspektrums. Dort laufen seit Jahrzehnten solche Ausgrenzungen gegen militante Aktionsformen (wo gibt es die in Deutschland eigentlich?), vor allem aber gegen selbstorganisierte AktivistInnen, die mehr auf „Direct Action“, d.h. die dogmenfreie Aneignung vieler Aktionsmethoden und abwägende Anwendung der jeweils zur Situation passenden Mittel.
Als dritte Regel benennt Sternstein die Gewaltfreiheit. Das ist der am weitesten verbreitete Grundsatz unter dem Begriff „Ziviler Ungehorsam“. Praktisch ist diese mit „gewaltfreie Aktion“ gleichsetzt, wie auch im Namen des Netzwerkes Z.U.G.A.B.E. zu erkennen. Doch auch das führt wieder nur zu Unschärfen, denn warum soll gewaltfreie Aktion immer offen und dialogbereit agieren – und warum soll ziviler Ungehorsam zwingend gewaltfrei sein? Die Verknüpfung liest sich eher wie ein Glaubensgrundsatz, d.h. bestimmte Regeln werden durch Wiederholung als Norm gefestigt.
Gewaltfreiheit wird dabei als implizite Regel, also quasi wie ein Naturgesetz behandelt: „Die Erwähnung, dass der Ungehorsam gewaltfrei sein muss, ist eigentlich überflüssig, weil jede Gewaltanwendung gegenüber einer Drittperson impliziert, dass diese Person gehorsam handeln müsste, um der Gewaltanwendung zu entgehen.“ (Quelle)
Das steigert zum einen die Unklarheit des Gewaltbegriffs, der bekenntnisartig ungefüllt bleibt, hier aber erkennbar nur die Gewaltanwendung gegen Personen meint. Die Grenzziehung, dass durch Gewalt ein Handeln erzwungen wird, schafft aber ebenfalls keine klare Grenze, sondern verwischt diese eher. Sie kommt hier der Nötigung nahe, d.h. der anonyme Bombenanschlag wäre danach nicht erfasst, weil er kein konkretes Handeln bei den Betroffenen einfordert. Andererseits wären auch andere direkte Angriffe auf Personen wie bei Mars TV, der Rebel Clowns Army oder einer geschlossene Menschenkette um ein Objekt nicht mehr von der Definition gedeckt, weil auch hier deutlicher Druck ausgeübt wird, sich in eine bestimmte Richtung zu verhalten (z.B. um nicht weiter von Clownsaktionen oder Mars TV gedemütigt zu werden).
Es ist daher mehr als fraglich, ob Gewaltfreiheit überhaupt ein Aktionskonzept ist oder nicht eher eine Art Bekenntnis, dessen genaue Bestimmung unklar ist und das deshalb mit dem zivilen Ungehorsam verknüpft werden kann, aber nicht zu diesem gehört (siehe im Heft „Gewalt? Gewaltfrei? Oder was?“ und unter www.projektwerkstatt.de/gewalt).
Einen Schritt weiten gehen die, die Legalität als Kriterium für Aktionen in die Waagschale werfen. Klar – rein taktisch ist das nicht unbedeutsam, schließlich sollte mensch wissen, wann Strafe droht und wann nicht (was aber nicht nur mit Gesetzen zu tun hat)
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Das wird auch in den konkreten Handlungen deutlich. Ein Blick auf die Feldbefreiungen von "Gendreck weg" zeigt das. Die Kampagne gehört zum Netzwerk Z.U.G.A.Be, beruft sich also auf den Begriff des zivilen Ungehorsams. Anfangs ging es noch darum, ganze Felder platt zu machen. Am Ende waren es nur noch symbolisch einzelne Pflanzen, die herausgezogen wurden - als dramatische Form des Appells, die unerwünschten Pflanzen in einem hoheitlichen Akt doch bitte zu verbieten.
Mit Gewaltfreiheit hat das dann nebenbei auch wenig zu tun, denn der Appell an die Mächtigen kann nie eine gewaltfreie Aktion sein, weil sie die Nutzung struktureller Gewalt einfordert. Die schafft also zumindest ein Stück der Legitimation des Rechts auf Gewalt.

Bei näherem Hinsehen sind aber nicht nur ziviler Ungehorsam und Streiks appellative Aktionen, sondern auch vieles dessen, was als militant gilt. Es ist nämlich nicht eine Frage der Aktionsform, sondern des Motivs, der Zielrichtung und der Vermittlung. Steinwürfe in die Fenster der Mächtigen mögen zwar in der Form des Appells nachdrücklicher sein, aber sie bleiben der Ausruf der Wut. Sie behindern nichts und beklagen nur die konkreten Handlungen derer, denen sie gewidmet sind. Das liegt nicht im Prinzip des Steinwurfes, sondern in der konkreten Ausführung. Nur selten haben Sabotage und Militanz eine direkte behindernde Wirkung oder vermitteln sehr klar: Wir wollen das und das nicht! Tröstlich: Das muss nicht so sein - und erst recht nicht so bleiben.

Im Original: Entradikalisierung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 123, mehr Auszüge)
Aber selten ist das revolutionäre Projekt durch die "Bourgeoisierung", wie sie Bakunin gegen Ende seines Lebens befürchtete, stärker verwässert worden als heute. Auch waren die Schlüsselwörter dieses Projekts selten so uneindeutig. Wörter wie "Radikalismus" und "links" haben ihre klare Kontur verloren und werden - so steht zu befürchten - bald ernstlich kompromittiert sein. Was heute als Revolutionismus, Radikalismus und Linke durchgeht, wäre vor ein oder zwei Generationen als Reformismus und politischer Opportunismus abgelehnt worden. Das soziale Denken hat sich so tief in den Eingeweiden der heutigen Gesellschaft festgesetzt, daß selbsternannte "Linke" - seien es Sozialisten, Marxisten oder unabhängige Radikale unterschiedlicher Couleur - Gefahr laufen, verdaut zu werden, ohne es selbst zu merken. In vielen euro-amerikanischen Ländern gibt es einfach keine bewußte Linke von irgendeiner Bedeutung. Es gibt, abgesehen von ein paar Enklaven revolutionärer Theoretiker, noch nicht einmal einen kritischen unabhängigen Radikalismus. (S. 123) ...
Rudi Dutschkes Aufruf an den SDS zum "langen Marsch durch die lnstitutionen" bedeutete letzten Endes kaum mehr als sich den existierenden Institutionen anzupassen, ohne sich die Mühe zu machen, neue zu entwickeln, und führte zum Verlust Tausender an eben diese Institutionen. Sie gingen hinein - und kamen niemals wieder heraus. (S. 156)

Anarchistische Organisierung

Fehlende Selbstorganisierung

Der übliche Weg materieller Reproduktion ist heute der anonyme Markt, auf den die Früchte fremder (und meist fremdbestimmter) Arbeit oder die Dienstleistung selbst eingekauft werden kann. Der Zugang zu diesem Angebot erfolgt fast überall über das universelle Tauschmittel Geld. Das zieht eine Reihe grundsätzlicher Probleme nach sich. Neben der Neigung, allem einen Wert zu geben und es in Geld umsetzen zu wollen, führt der Markt zum Verlust an Wissen und damit der Kontrolle und Beeinflussung von Produktionswegen. Wer ein Produkt kauft, weiß in der Regel nichts mehr über dessen Entstehungsgeschichte, die bei der Herstellung geltenden Arbeitsbedingungen und nur selten mit gewisser Sicherheit - wenn entsprechende Zertifikate vorliegen - etwas über ökologische Folgen.
Zudem zwingt die Reproduktion über den Kauf fremder Leistung im anonymen Markt zur Beschaffung des dort gültigen Tauschmittels Geld. Das aber ist für die meisten Menschen nur über den Verkauf der eigenen Arbeitskraft oder eine unterwürfige bis unwürdige Anbiederung an staatliche Transferstrukturen möglich. Beides schafft Abhängigkeit, beides trennt die Menschen von einer möglichen selbstbestimmten Lebensgestaltung.

Nun wäre es denkbar, diese Zwangsverhältnisse einerseits zu bekämpfen, andererseits punktuell zu durchbrechen, um zumindest Nischen zu bilden, in denen andere Grundsätze der Produktion und des Güteraustausches gelten. Bedürfnisorientierte Produktion, produktive Selbstentfaltung, gleicher Zugang für alle zu den Ressourcen und Produkten könnten Merkmale solcher Alternativen sein. Doch von solchen Versuchen ist wenig zu sehen. Fast alle Menschen mit anarchistischer Attitüde leben vom Verkauf ihrer Arbeitskraft oder davon, dass andere ihre Arbeitskraft einsetzen, um sie mit durchzufüttern. Das soll nicht moralisch bewertet werden (zumal Moral als Versuch einer allgemeingültigen Ordnung von Wertungen immer herrschaftsförmig ist), sondern zunächst einmal festgestellt werden. Wer als AnarchistIn unterwegs ist, ist meist dem tristen Arbeitsprozessen fremdbestimmter Beschäftigung unterworfen oder lebt in einer Zwischenphase des Lebens davon, dass andere das tun. Das gilt auch für manche Leuchttürme anarchistischer Organisierung wie die bekannten Bewegungsagenturen .ausgestrahlt oder Campact, deren massive Jagd nach Spenden eher reicher Klientel alle Handlungen prägt.

Versuche (mehr meist nicht) einer Selbstorganisierung finden sich nur in zwei Strömungen: Zum einen der anarcho-syndikalistichen FAU, die ihre Organisationsarbeit per durch Votum auf Basisversammlungen auf rotierende, konkrete Basis- oder gesondert zusammenkommende Personengruppen überträgt. Als reproduktive Grundlage verbleibt jedoch die Lohnarbeit der Mitglieder, aus denen sich die Organisation finanziell wesentlich speist. Zudem hat die Binnenstrukturen einen bemerkenswerten Grad an Bürokratie erreicht, welche die Möglichkeiten zur spontanten Selbstorganisierung stark beschneidet.
Die zweite Gruppe sind Teile der unabhängigen AktivistInnen, zu deren Lebensstrategie es gehört, unabhängig vom Zwang zur geldorientierten Reproduktion zu leben. Viele von ihnen leben von den Abfällen einer kapitalistischen Gesellschaft, die nicht nur ständig Waren wegwirft, weil diese ihren Geldwert verloren haben (während der Nutzwert geblieben ist), sondern zwecks Erzielung höherer Preise auch systematisch Waren vernichtet. Damit auszukommen, ist zwar eine im Hier und Jetzt offenbar recht gut mögliche Lebenskunst, aber kein Modell einer herrschaftsfreien Gesellschaftsutopie. Zudem verwirklicht nur ein kleiner Teil der unabhängigen AktivistInnen eine solche Alltagspraxis für sich und für die Organisierung politischen Widerstands. Viele Andere beteiligen sich höchstens sporadisch, leben phasenweise einfach von den Reproduktionsaktivitäten anderer und verabschieden sich mangels eigener Überlebensfähigkeit außerhalb kapitalistischer Reproduktionsangebote recht schnell wieder in die Normalität, meist eine bürgerliche.

Ansonsten herrschen auch in als anarchistisch etikettierten Zusammenhänge die gleichen Hemmnisse wie überall:

Die schöne freiheitlich wirkende Welt böte Freiräume zu selbstorganisierten Strukturen und Strategien in Widerstand und Alltag. Der Nutzung steht allerdings eine gewaltige Systematik der Verhaltenssteuerung entgegen. Es ist ein gegenkultureller Ansatz, sich das eigene Leben wieder anzueignen. Zur Zeit bringen kaum Menschen die Kraft dazu auf. Die Verlockung des Mitschwimmens im Strom und der Aufgabe des eigenen Willens zugunsten gefühlter Geborgenheit als Rädchen im System ist hoch.

Kollektive Identität und Label

Kooperationen, die von den Menschen ausgehen, in denen deren Wille zu Kommunikation, Produktivität oder gegenseitiger Hilfe zum Ausdruck kommt, bedürfen keiner Bewerbung. Sie entstehen aus Bedürfnissen der Beteiligten. Diese sind frei, ihrer Kooperation einen Namen zu geben, um sich sichtbar und ansprechbar zu machen. Doch tragendes Motiv ist der Wille, in der Kooperation etwas Gewünschtes zu erreichen. Das sieht anders aus, wenn sich die Organisation als Selbstzweck verselbständigt. Parteien und große Verbände werden heute unabhängig von konkreten Absichten aufrecht erhalten. Die Arbeitsplätze der dort Beschäftigten mutieren ebenso zum Selbstzweck wie der Bekanntheitsgrad und das Image der Organisation. Die Frage, ob die jeweilige Organisierungsform zur Erreichung z.B. ideeller Ziele noch sinnvoll ist, wird nie gestellt, wenn das Überleben des Gesamtgebildes sich selbst begründet.
Kollektive Identität entsteht, d.h. das Gesamte wird zum eigenen Zweck, erlangt eine eigene Persönlichkeit und tritt oft sogar den Wünschen der Einzelnen konkurrierend gegenüber. Das ist lange bekannt und sichtbar in den großen Metaidentitäten Nation und Volk, dessen Eigenleben immer wieder gegen die Interessen der Teile gerichtet ist. Im Denken des "Du bist nichts, Dein Volk ist alles" fokussiert sich die Extremform dieses Denkens, in der nur noch das Interesse des Ganzen, der "Gemeinwille" zählt. Mit freier Kooperation hat das nichts zu tun - gut sichtbar ja auch darin, dass die Menschen nicht mehr gefragt werden, ob sie Teil des Kollektivs sein wollen oder nicht. Sie werden dort hineingesteckt oder draußen gehalten, wie es dem übergeordneten Zweck des Ganzen entspricht.

Verbände mit eigenen Labeln ähneln dieser Konstruktion in Vielem. Auch sie sind keine Kooperation, in der die Vielfalt der unterschiedlichen Menschen im Mittelpunkt steht, sondern der - auf welche Weise auch immer ermittelte - Gemeinwille. Das Wohl des Kollektivs, sein Konto- und Mitgliederbestand, sein Renomée in der Öffentlichkeit usw. sind wichtiger als die Ideen der Einzelnen. Eine Welt, in der viele Welten Platz haben, ist selten.
So auch in anarchistischen Kreisen. Vielfalt und Unterschiedlichkeit leben nur in den wenig vernetzten Zusammenhängen von Einzelgruppen und Einzelpersonen. Eine Organisierungskultur der gewollten Vielfalt in Kooperation zeigt sich aber auch dort selten - sei es aus Mangel an strategischem Willen oder schlicht aus der Isolation der Einzelnen voneinander. Wer es nicht einmal hinkriegt, miteinander zu kommunizieren, kann keine kollektive Identität, allerdings auch keine freie Kooperation aufbauen.
Die (relativ) großen AkteurInnen anarchistischer Strömungen wie FAU oder GraswurzlerInnen mit ihren Bewegungsagenturen setzen sehr stark auf kollektive Identität, sicht- und bewerbbare Label sowie den Selbsterhalt der Organisationen als Selbstzweck.

Im Original: CrimethInk zu Labeln ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Text „Du willst also einen Aufstand?“ aus dem Buch Message in a bottle – CrimethInc Communiques 1996-2011, übersetzt von der bm-Crew, Unrast 2012
Über das widerstehen gegen die Quarantäne von kleinen geschlossenen Kreisen der Überzeugten gibt es einiges zu sagen. Stell dir ein Molekül vor, dass sich mit anderen Molekülen über das Teilen von Elektronen verbindet. Wenn es freie Elektronen hat ist es für neue Verbindungen oder Spaltungen anfällig; wenn es andererseits alle Elektronen in stabilen Bindungen hat ist es ungewöhnlich, dass es neue Dynamiken zu den Molekülen rundum aufbaut. In ähnlicher Weise tendieren Anarchist_innen, die sich selbst in einer Gemeinschaft von überzeugten Ideolog_innen abkapseln, dazu statisch und berechenbar zu werden, während jene, die ihre Partizipation an explizit anarchistischen Kreisen beschränken um offen für andere Beziehungen zu bleiben manchmal Wellen der Veränderung vorantreiben können.
Konsens- und Basisdemokratie

In fast allen anarchistischen Zusammenhängen ist Basisdemokratie die prägende Form der Entscheidungsfindung. Das geschieht nicht nur mangels Alternativen, sondern bewusst und wird als gelebte Anarchie beschrieben. Meist werden Konsensverfahren angewendet, die nach Meinung derer, die so verfahren, eine weitere Steigerung der Selbstbestimmung der Einzelnen nach sich ziehen und deshalb besonders anarchistisch seien.
Diese Auffassungen sind überraschend, denn Konsens und Basisdemokratie basieren ziemlich auffällig auf abgegrenzten Kollektiven. Gerade Konsensverfahren bedürfen einer scharfen Grenzziehung zwischen Innen und Außen, d.h. Abstimmungsberechtigten und denen ohne Stimm- einschließlich Vetorecht. Da eine solche Grenzziehung immer ein Kriterium beinhalten muss - ob nun Wohnort, Geschlecht, Alter oder politische Orientierung -, ist sie immer mit der Bildung kollektiver Identität verbunden.
Hinzu kommt, dass Basisdemokratie Veränderungswünsche auf ein Gremium (Plenum, Vollversammlung ...) projiziert, statt sie zur Sache der direkten Intervention und freien Vereinbarung zu machen. Damit sind alle grundlegenden Mängel der Demokratie auch in den Untertypen wie Basis- und Konsensdemokratie anzutreffen. Dennoch gelten sie bei der Mehrheit der AnarchistInnen als gelebte Anarchie - ein sehr deutlicher Hinweis auf massive Theoriedefizite in diesen politischen Strömungen.

Informelle Hierarchien

Wo Mut und Wille fehlen, das Miteinander von Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen offene Dynamik horizontaler Kommunikation und freier Kooperation zu organisieren, schleichen sich schnell informelle Hierarchien ein. Sie bestehen aus der Mischung Vieler, die zufrieden sind, nicht selbst denken und entscheiden zu müssen, mit dem Willen Weniger, ihre eigenen Ideen oder sogar das Wohl kollektiver Identitäten (Verbände, Labels ...) durchzusetzen.

Im Original: Informelle Hierarchien ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg
Der Soziologe Mario Diani erklärt, dass sich Führungsrollen in sozialen Bewegungen häufig aus der Verortung von »gewissen Akteuren im Mittelpunkt des Austauschs praktischer und symbolischer Ressourcen« ergäben wie beispielsweise ihrer Möglichkeit und »Fähigkeit, Bündnisse zwischen Organisatorinnen und Organisatoren von Bewegungen zu fördern«. Kurz gesagt, gewisse politische Ressourcen sind erforderlich, um im Rahmen anarchistischer Aktivitäten Einfluss zu nehmen. ... (S. 91)
Gruppenstrukturen sollten so formalisiert werden, dass die Hierarchien, die sie bilden, demokratisch konstituiert sind. Da sie annimmt, eine Elite werde kaum bereit sein, auf ihre Macht zu verzichten, auch wenn sie herausgefordert würde, »bleibt als einzige Alternative die, der Gruppe eine formalisierte Struktur zu geben, die dafür sorgt, dass die ursprüngliche Macht institutionalisiert wird. ...
In einer gezielten Zurückweisung unterstreicht die Anarcho-Feministin Cathy Levine, dass die formale Festschreibung von Eliten ein inakzeptables Zugeständnis an die verknöcherten Muster der traditionellen Linken mit ihrem patriarchalischen Weltbild sei. Levine lehnt »einfache Antworten, vorfabrizierte Alternativen« und eine Theorie rundweg ab, die »keinen Raum dafür lässt, dass wir unser eigenes Leben gestalten«, und unterstreicht die Unabdingbarkeit eines radikalen Milieus, in dem die Beteiligten geachtet werden und das ihnen großzügige, umfassende Unterstützung und Förderung bietet. Die groben Mechanismen formaler Strukturen seien da nicht angebracht. Jason McQuinn geht so weit zu behaupten, dass die von Freeman angesprochenen Probleme genau so, wenn nicht in schlimmerer Form in formell strukturierten Organisationen anzutreffen seien: »Es ist sehr viel üblicher (wahrscheinlich, weil es verdammt viel einfacher ist), dass die ‚Starken oder vom Glück Begünstigten unhinterfragte Hegemonie über andere’ etablieren, indem sie formale Organisationen gründen oder übernehmen. Warum sollen sie sich schließlich mit einer aufwändigen ‚Vernebelungsstrategie’ herumschlagen, um eine wacklige Hegemonie über eine kleine, informelle Gruppe zu verbergen, wenn es viel einfacher ist, sich innerhalb von formalen Organisationen in Rollen hineinzumanövrieren, in denen man tatsächlich Macht hat.«
(S. 100 f.)

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 143, mehr Auszüge)
Es wird berichtet, daß während der Mai-Juni Unruhen 1968 in Frankreich, in verschiedenen Pariser arrondissements Nachbarschaftsversammlungen abgehalten wurden. In den Vereinigten Staaten wurden halbherzige Nachbarschaftsprojekte, insbesondere Mietstreik-Gruppen und Ghetto-orientierte Unterstützerkollektive ins Leben gerufen. Jedoch konnte der Gedanke, neue Arten libertärer städtischer Formen, als Gegenmacht zu den vorherrschenden staatlichen Formen zu entwickeln, nirgends Wurzeln schlagen außer in Spanien, wo die Madrider Bürgerbewegung eine wichtige Rolle im öffentlichen Protest gegen das Franco-Regime spielte. Somit blieb die Forderung nach Dezentralisierung ein wichtiger inspirierender Slogan, wurde allerdings nie außerhalb des Universitätscampus spürbar, wo sich die radikalen Bestrebungen auf "Student Power" konzentrierten.
Akzeptierte, formale Hierarchien

Damit ist es nicht getan. Mit Tomaten auf den Augen oder hoher Akzeptanz fremder Führung (auch aus Bequemlichkeit, dann nicht selbst denken zu müssen) entstehen schnell informelle Hierarchien. AnarchistInnen haben aber auch Hierarchien offen gefordert. Ihnen fehlte und fehlt sichtbar der Mut, sich eine Handlungsfähigkeit vorzustellen, die ohne steuernde Strukturen als komplexer Raum voll horizontaler Kommunikation und freier Kooperation besteht. In der Folge der Annahme, Hierarchien seien nötig, floss der Hauptteil strategischen Denkens in die - z.B. basisdemokratische - Ausgestaltung der Steuerung und Kontrolle statt in horizontale Modelle des Miteinanders.

Im Original: Konzepte pro Hierarchisierung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet
Wir Anarchisten verabscheuen eine Führerschaft mit Befehlsgewalt und auf Dauer gesicherter Wirksamkeit, also jede Staatsregierung, Beamtenschaft und Parteizentrale, jede Diktatur und jede Klüngelherrschaft. Aber wir leugnen weder die Nützlichkeit des Spielleiters im Theater noch des Vorsitzenden einer Versammlung oder des Kapitäns auf einem Schiff.

Avantgarde nötig - Volk als Legitimation

Text mit Auszügen aus: Bakunin, gesammelte Werke Bd. 3 (S. 97, zitiert auf www.anarchismus.at)
Ein System von Betriebskomitees und Räten, ja selbst eine starke anarchosyndikalistische Bewegung reicht aber nicht aus, um eine Revolution effektiv vorzubereiten und durchzuführen: Es müssen Leute vorhanden sein, die sich in bestimmten Gebieten auskennen, die sich auf die Vorbereitung der Revolution konzentrieren, die Unternehmungen planen und durchführen können, ohne dabei auf ihre Arbeit oder ähnliche Verpflichtungen Rücksicht nehmen zu müssen. Vor allem in den Aufständen vor (und z.T. auch während) der spanischen Revolution sah mensch, dass dezentrale Räte in der vorrevolutionären Phase nicht die nötige Schlagkraft besaßen. Diese bittere Erfahrung haben die spanischen AnarchosyndikalistInnen machen müssen. Sie begannen wiederholt bewaffnete Aufstände gegen die Regierung, die nach anfänglichem Erfolg wegen der schlechten überregionalen Organisation blutig zerschlagen wurden (hier soll kein Zentralismus propagiert werden, aber es hat sich gezeigt, dass es notwendig ist, dass die revolutionären Aktivitäten der Räte aufeinander abgestimmt werden müssen, damit die Räte nicht zersplittert agieren und ihre Kräfte verzetteln). Je nachdem, wie stark der Terror des Staates ist, arbeitet die Avantgarde einer Revolution mehr oder weniger stark konspirativ (geheim). Konspiration bedeutet für die Anarchisten allerdings nicht, als selbsternannte Chefs der proletarischen Massen, diese zu putschistischen Abenteuern anzustiften. Bakunin nannte die konspirativen Organisationen, die er selbst mitbegründete, die „GeburtshelferInnen" der Revolution. Natürlich ist die Avantgarde nicht mit der Masse der RevolutionärInnen zu verwechseln, der revolutionären Armee, die aus dem Volke selbst kommt. „Die Armee muss immer das Volk sein", nie kann und darf es diese Aufgabe an eine intellektuelle Minderheit abgeben. Diese Individuen müssen im revolutionären Kollektiv „aufgelöst" sein, dürfen also keine Autoritäten bilden. In „Staatlichkeit und Anarchie" beschreibt Bakunin eingehender die Rolle solcher Kader: „Diesen Schichten (gemeint sind: den ProletarierInnen) schließen sich aus der bürgerlichen Welt nur einige Individuen an, die der Klassen, der sie entstammen, den Rücken gekehrt und sich völlig den Interessen des Volkes angenommen haben, weil sie die gegenwärtige Ordnung, sei es nun die politische, soziale oder ökonomische, von ganzem Herzen hassen." Bakunin spricht hier vornehmlich von Kadern aus der bürgerlichen Klasse; natürlich kommen auch sehr viele aus den Reihen des Proletariats, besonders während sehr revolutionärer Epochen; oft sind es aber tatsächlich hauptsächlich Personen aus dem Bürgertum, die ihren Klassen den Rücken kehren und zur Avantgarde werden. (Dies war vor allem zu Bakunins Zeiten der Fall, als die ArbeiterInnen und Bauernschaft täglich zwischen 12 und 16 Stunden arbeiteten. Wenn sie dann nach Hause kamen, hatten sie meist andere Sorgen, als Bücher zu lesen oder sich sonstwie geistig zu betätigen. Auch fehlte ihnen oft die finanzielle Möglichkeit, sich längere Zeit revolutionär zu betätigen. Woran es heute liegt, dass z.B. in Österreich meist Intellektuelle eine Avantgarde darstellen, ist ein vollkommen anderer Grund. Zum Teil liegt dies in der faschistischen Vergangenheit Österreichs begründet, die bewirkt, dass die Menschen durch die Massenmedien in einem total unpolitischen Zustand gehalten werden; Bürgerinitiativen werden verteufelt und die Illustrierten, die in Millionen Auflagen verkauft werden, bauschen unwichtige und unpolitische Kleinigkeiten immens auf). Aber zurück zur intellektuellen Avantgarde: „Diese Individuen sind nicht zahlreich, aber dafür wertvoll, natürlich unter der Bedingung, dass sie durch ihren Hass auf das Herrschaftsstreben der Bourgeoisie in sich selbst auch die letzten Überreste von persönlichem Ehrgeiz gelöscht haben - in diesem Falle, so wiederhole ich, sind sie wirklich wertvoll. Das Volk schenkt ihnen Leben, elementare Kraft und ein Aktionsfeld; als Gegenleistung bringen sie ihre positiven Kenntnisse mit, Methoden der Abstraktion und der Analyse, sowie die Kunst, sich zu organisieren, Allianzen zu bilden, die ihrerseits diese aufgeklärte, kämpferischen Kraft bilden, ohne die der Sieg unerreichbar bleibt.(…) Damit sie (die Kader) aber handeln, müssen sie vorhanden sein und dazu muss man sie vorbereiten und im Voraus organisieren, denn Sie wird nicht ganz von selbst entstehen - weder durch Diskussion, noch durch Auseinandersetzungen und prinzipielle Debatten, noch durch Volksversammlungen." (Bakunin, gesammelte Werke Bd. 3, Seite 97) ...
Diese Art der Avantgarde wirkt also wie in der Chemie ein Katalysator: d.h. sie macht die Revolution nicht selbst, sondern gibt in günstigen Gelegenheiten nur den Anstoß dafür. Hat die Revolution gesiegt, ist er überflüssig geworden.

Vereine, Mitglieder, Spenden, Wirtschaftstätigkeit
Aus Stehn, Jan (1997): "Manjana. Ideen für eine anarchistische Gesellschaft"
Beachtlich ist, dass diese Vereinigungen sich ausschließlich durch Engagement, von Mitgliedsbeiträgen und Spenden oder durch den Verkauf von Leistungen tragen. ... (S. 9)
Der Einsatz der meisten Menschen beschränkt sich darauf, sich zu entscheiden, welche Vereinigung sie durch (passive) Mitgliedschaft und finanzielle Beiträge unterstützen. ...
Viele Entscheidungen in den Vereinen sind delegiert an Arbeitsausschüsse und gewählte Vereinsräte. ...
(S. 11)

Aus Andreas Speck: "Nach Straßbourg. Zum Umgang mit Gewalt in den eigenen Reihen", in: GWR Mai 2009 (S. 11 f.)
Es ist klar, dass es dabei nicht um eine Zusammenarbeit mit der Polizei gehen kann oder um einen eigenen "Sicherheitsdienst". Das den Demonstrationen inhärente Problem ist jedoch, dass sie als unorganisierte Masse in der Regel nicht handlungsfähig sind. Es wäre daher vielleicht über trainierte Bezugsgruppen nachzudenken, die schnell deeskalierend eingreifen können, ohne Menschen auszugrenzen oder gar der Polizei auszuliefern.
Parteien

Darwin Dante schlägt in seinen anarchistischen Büchern sogar die Gründung einer Partei vor - und zwar (wenn schon, denn schon) nach § 4 richtig bürokratisch mit "Ortsgruppenvorstand, ... Mandatsverwaltungsbeauftragten ... Landes- und Kontinentalräte und ... Weltrat" (Quelle: Aus der Satzung der Partei "Basisdemokratie Jetzt/Die Libertären Basisdemokraten", in: Darwin Dante, a.a.O.). Parteigründungsphantasien lebte auch schon der zwar nicht mit anarchistischer Attitüde agierende, aber dennoch viel theoretische Vorarbeit für freiheitliche Orientierungen leistende Erich Fromm mit seinem Vorschlag einer Partei humanistischer SozialistInnen aus.

Im Original: Die Partei, die Partei, die hat immer recht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München (S. 96 f.)
Die SP-SDF muß zum moralischen und intellektuellen Gewissen der Vereinigten Staaten werden und ihre Analysen und Beurteilungen so weit wie möglich verbreiten.
2. Die Ausrichtung der Aktivitäten der SP-SDF muß sich nach den Prinzipien der optimalen Dezentralisierung und der aktiven, verantwortungsbewußten Teilnahme ihrer Mitglieder an Diskussionen und Entscheidungen richten. Sie muß zudem der Äußerung und Verbreitung von Minderheitsmeinungen großen Raum bieten. Das sozialistische Programm kann kein fertiger Plan sein, sondern muß wachsen und sich durch kontinuierliche Aktivität, Anstrengung und Interesse aller Parteimitglieder entwickeln.
3. Die SP-SDF muß sich von anderen politischen Parteien nicht nur durch Programm und Ideale unterscheiden, sondern darüber hinaus in ihrer Struktur und Arbeitsweise. Sie muß zur geistigen und sozialen Heimat für alle Mitglieder werden, denen humanistischer Realismus und Urteilsfähigkeit gemeinsam sind, in der Solidarität des gemeinsamen Interesses und im Glauben an den Menschen und seine Zukunft.
4. Die SP-SDF muß ein breit gestreutes Erziehungsprogramm in Gang setzen bei Arbeitern, Studenten, Fachleuten und Angehörigen aller sozialen Schichten, von denen ein mögliches Verständnis für sozialistische Kritik und Ziele erwartet werden kann.
5. Die SP-SDF kann einen Erfolg nicht in kurzer Zeit erwarten, jedoch soll dies nicht heißen, daß sie nicht nach größtmöglichem gesellschaftlichen Einfluß streben soll. Sie muß sich bemühen, die Unterstützung einer ständig wachsenden Zahl von Menschen zu gewinnen, die - durch die Partei - ihre Stimmen in den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt hören lassen.
Hegemonialkämpfe, Ausgrenzung und Zensur

Wenn schon Hierarchien, dass auch richtig. Wo Macht besteht, entwickeln sich auch Konkurrenzen und Angst um die eigenen Privilegien. Diese führen zu Hegemonialkämpfen - in basisdemokratischen Zusammenhängen regelmäßig perfider ausgeführt als in den Mehrheitsschlachten der NormaldemokratInnen. Dabei wären Letztere bereits abschreckend genug angesichts des ständigen Ringens um Ressourcen und Diskurssteuerung zwischen ohnehin privilegierten Gruppen, die die Masse der Menschen nur als Abstimmvieh und damit Werkzeug in den Kämpfen der Eliten betrachten.
In basisdemokratischen oder rein informell gesteuerten Zirkeln ist vieles ähnlich. Hier gibt es keine offenen Systeme. Ressourcen, Zugang zu Medien und Mächtigen, Wissen und Kontakte - das alles wird exklusiv verwaltet von den Eliten und steht den einfachen AktivistInnen regelmäßig nicht zur Verfügung.
In allen überregionalen anarchistischen Printmedien herrschen Regeln und Zensur, selbst das relativ offene Indymedia ermöglicht es in Deutschland technisch, Beiträge ganz zu elimineren. Das typisch deutsch zu nennen, mag übertrieben sein - ganz falsch ist es aber auch nicht.
Sehr ähnlich wirkt sich die Arbeitsweise der meisten anarchistischen Buchverlage aus, die vor allem ihr eigenes soziales Umfeld schreiben lassen und so kaum selbst zu einer Streitkultur um Theorie- und Praxisansätze beitragen.

Damit widerlegt sich die Erwartungshaltung Ilija Trojanow, der im Einstiegskapitel (S. 6) des Buches "Anarchistische Welten" (Nautilus) schrieb:

Die meisten Gegner, ob der herrschenden Meinung untertan oder aus vermeintlciher Konkurrenz um eine progressive Alleinvertretung, begnügen sich damit, den Anarchismus verächtlich zu machen. Selten hat es über die letzten zwei Jahrhunderte hinweg eine ernstzunehmende Auseinandersetzung, eine sachliche Kritik gegeben, die Anarchistinnen und Anarchisten willkommen sein dürfte, denn gerade eine auf Freiheit, Vielfalt und Skepsis gegründete Haltung ist bestrebt, die eigenen Annahmen und Schlussfolgerungen regelmäßig in Frage zu stellen.

Gerade in anarchistischen Kreisen herrscht überwiegend eine starke Abneigung gegen Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Streitkultur. Geschlossene Marschformationen, Konsens und kollektive Identitäten dominieren.

Im Original: Zensur und Hegemonie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Text des Informationsflyers "Zur Zensur auf der Libertären Medienmesse (24.-26.8.2012 in Bochum)"
Zunächst gab es auf eine Anfrage eine Zusage, dass die Veranstaltung laufen könne. Dortige Begründung in erster Mail von Faudu4 <faudu4@fau.org>: "wir können die veranstaltung mit titel "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen: Grundlegungen für eine herr-schaftsfreie Welt" nicht machen. es gab im vorfeld starke bedenken in bezug auf frühere verhaltensweisen deiner person, die wir nicht so beiseite schieben können und jene sonst die anderen veranstaltungen überschatten würden. wir bitten darum diese ent-scheidung zu respektieren. diese entscheidung ist unabhängig von dem geplanten verlagsstand, der natürlich nicht davon betroffen ist. der verlag ist auch ein teil des libertären spektrums den es abzubilden gilt. letztendlich kann das entsprechende buch auch da angeboten werden." (Hinweis: Für Buchverkaufsstände wird eine Gebühr bezahlt - wer bezahlt, durfte also trotzdem auf der Messe sein)
Auf Nachfrage zu den Gründen stand in einer zweiten Mail aus der Orgagruppe: "natürlich ist die begründung leider etwas schwammig. tatsächlich bezieht sie sich auf das damalige verhältnis zum vs. und die entscheidung, die es zu respektieren gilt, ist die gruppenkonsens absage zur veranstaltung hinzunehmen. trotzdem finden wir das es ein ausreichender kompromiss ist, wenn du mit dem verlag ausstellen kannst."
Im weiteren Verlauf wurden von verschiedenen Seiten immer neue Gründe konstruiert. Die Behauptungen und Vorwürfe waren regelmäßig anonym, so dass eine eindeutige Zuordnung zur LiMesse-Orgagruppe auch nicht klar ist. Mehrfach wurde behauptet, die Zensur sei eingebildet und eben nur der Vortrag nicht ins Programm genommen worden. Das haben viele geglaubt (weil Menschen gerne dazu neigen, hinter Vorgängen keine systematischen Machtspiele sehen zu wollen, weil das die Laune verdirbt). Als Grund für die Nichtaufnahme des Vortrags wurde eine Zeit lang behauptet, dass der Vortrag ja 2010 schon auf der LiMesse gelaufen sei. Das jedoch war frei erfunden (der Referent war überhaupt nicht auf der LiMesse 2010). Es zeigt von einigem Machtkalkül, dass sogar Gründe komplett konstruiert werden, um eine Zensur zu verschleiern.
Allerdings zeigen die Texte aus der Orgagruppe ja selbst, dass es Zensur war - ganz besonders der später dann öffentlich gestreute Titeltext in der Bochumer Stadtzeitung (siehe unten).
Noch vor der sogenannt libertären Messe gingen ZensorInnen oder ihre Hinterleute (wieder anonym) an die Öffentlichkeit und schmissen dort mit Dreck. Interessant: Nun wurde eine völlig neue Begründung angegeben - eine, von der bereits seit Monaten be-kannt war, dass sie so nicht stimmte. Für eine Schlammschlacht aber ist auch jedes Gerücht nützlich. Die Bochumer Stadtzeitung veröffentlichte folgende Passage: "Der Ökoaktivist Jörg Bergstedt hat für den Messesamstag eine Demonstration für eine „zensurfreie Zone“ angekündigt. Der aus Mittelhessen stammende Autor und Aktivist war zuvor von der Teilnahme an der Limesse ausgeschlossen worden, unter anderem weil er 2011 bei dem rechten verschwörungstheoretischen 7. Anti-Zensur-Kongress aufgetreten ist. In die Kritik war Bergstedt aber auch wegen seines zeitweiligen Kon-takts zum Verfassungsschutz geraten. Der AZK-Kongress wird von dem Gründer der autoriären und evangelikal-esoterischen „Organischen Christus Generation“ Ivo Sasek organisiert und bietet HolocaustleugnerInnen, rechtsextremen PoulistInnen und antisemitischen VerschwörungstheoretikerInnen ein Forum. Deswegen möchten die VeranstalterInnen ihn nicht auf der Limesse haben."
Die Begründung ist doppelt schwach: Erstens zu die-sem Zeitpunkt neu aus dem Hut gezaubert (vorher wurde anderes gesagt, siehe oben zitierte Mails). Zweitens ist über den AZK-Auftritt weitgehend bekannt und an vielen Stellen beschrieben, dass der Autor dort war, weil er für einen (kritischen!) Reader über solche Zusammenhänge recherchierte (Titel „Den Kopf entlasten“ siehe auch www.kopfentlastung.de.vu). Immerhin aber gaben die VeranstalterInnen mit diesem Text selbst zu, einen Ausschluss vollzogen zu haben. Zudem eskalierten sie – und zensierten erneut. Eine Gegendarstellung zu den Behauptungen ging der Redaktion zu, wurde aber nicht veröffentlicht – wie üblich liegt hier das Niveau libertärer Kultur unter dem der bürgerlichen Normalgesellschaft.
Solche Formen von Zensur und Ausgrenzung sind, ziemlich üblich. Das mag manche überraschen, die mit „Wir wollen doch alle das Gleiche“ den kritischen Blick vernebeln oder über „das ist bestimmt nicht so gemeint“ fast alles der Bewegungseliten durchgehen lassen.
Der heute auf der LiMesse zensierte Autor ist bereits mehrfach auf sogenannten anarchistischen und liber-tären Camps und Veranstaltungen als unerwünscht erklärt und seine Veranstaltungen unterbunden worden. Dabei sind AutorInnen, die anarchistische Theorie erarbeiten, im deutschsprachigen Raum sehr selten. Der Ausgegrenzte ist mit Werken wie „Freie Menschen in freien Vereinbarungen“, „Anarchie“, „Herrschaftsfrei wirtschaften“, „Autonomie und Kooperation“ und anderen eher selten – und fliegt raus. U.a.:
- Mehrfach auf A-Camps (soweit sie auf der Burg Lutter stattfinden, die für diese Verbote mit der Androhung auch von körperlicher Gewalt sorgten)
- Auf dem Rebellischen Zusammentreffen 2012
- Auf dem Vernetzungstreffen Z.U.G.A.Be (dort auch unerwünscht: Autorin Hanna Poddig)

Anarch@s und Polizei ergänzen sich prima, wenn es um Macht geht: Demo gegen Zensur vor Ort nicht erlaubt!

Ein Text zur Kritik der Basisdemokratie wurde an Graswurzelrevolution (GWR) und Direkte Aktion (DA) geschickt mit der Bitte um Veröffentlichung. Beide lehnten ab. Aus den Begründungen:
Graswurzelrevolution: „in Deinem Text steht u.a., „dass es anarchistische Zeitungen gar nicht gibt, auch wenn sich einige so nennen.“
Demnach gibt es also die anarchistische Monatszeitung Graswurzelrevolution gar nicht. Und da es uns nicht gibt, können wir Dir auch nicht antworten. Und diese Antwort ist wiederum nur eine Illusion. Denn uns gibt’s ja gar nicht. Auch wenn Du demnächst behauptest, dass die Erde eine Scheibe ist, würde das die GWR voraussichtlich nicht abdrucken, da es im GWR-HerausgeberInnenkreis einen Konsens gibt, dass die Erde rund ist, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Zu Deinem Artikelangebot: Ich würde es mal so sagen, ‚eher positiv’, weniger unter Umständen ‚ja’, dabei dennoch nicht so eindeutig, wie ‚vielleicht’. Alles klar? Na dann.“
Zudem informierte die GWR auch andere Zeitungen über ihre Meinung – auffordernd, den Text auch dort abzulehnen. Offenbar war den BasisdemokratInnen wichtig, dass die abweichende Meinung ganz unterdrückt bleibt.
Direkte Aktion: In der DA würde ich ihn lieber nicht unterbringen, weil er da nicht reinpasst. Du hast schon recht: die DA ist keine anarchistische Zeitung, sondern eine anarchosyndikalistische. Sie versteht sich als Sprachrohr der Syndikate in der DA und nicht als anarchistische Diskussionszeitung. Wir haben in der FAU interne Diskussionsplattformen. Allerdings fokussiert sich die Diskussion bei uns auf andere Schwerpunkte, bei denen Deine Thesen z. T. sicher einer kritischen Würdigung wert sind und zur Hinterfragung der eigenen Haltung interessant sind.
Als Diskussionsgrundlage für eine neue Diskussion des Selbstverständnisses innerhalb der FAU finde ich ihn auch deshalb ungeeignet, weil wir uns bewusst anders organisiert haben, als einige grundsätzliche Forderungen von Dir es verlangen würden. Nur als Beispiel: Wir konstruieren bewusst ein starkes „Wir“. Wir wollen das halt so. Und weil wir das wollen, ist es auch nicht unanarchistisch.“


In einem Text gleich beides: Erst den Zensurvorwurf zurückweisen - und dann die Zensur aussprechen
Aus der "Dokumentation zu den Methoden der politischen Diffamierung des Jörg Bergstedt" (von GWR-HerausgeberInnen)
Die Behauptung der Spaltung und der Zensur ist falsch und wird als politische Diffamierung der Graswurzelrevolution betrachtet. ... Zensur findet in der Graswurzelrevolution nicht statt. ...
Wer so schlampig recherchiert, wer uns politisch so offensichtlich und gleichzeitig dummdreist dinamiert, mit demlder arbeiten wir nicht zusammen, es sei dem, die Person entschuldigt sich öffentlich und sorgt dafür, da0 solches nicht mehr vorkommt. Wir haben nämlich weder die Energie noch die Zeit noch den politischen Willen, auf jeden Quatsch des Herrn Bergstedt ausfUhrliche Gegendarstellungen wie diese hier zu schreiben.
i.A. einzelner Leute aus dem GWR-Herausgeberlnnenkreis, die ein Veto gegen Austauschanzeigen und Beilagen mit Bergstedt/Ö-Punkten einlegen

Rechts: Interview zu Stuttgart-21 in der GWR Januar 2014. Am Ende hatte die Interviewte auch den Namen Jörg Bergstedt aufgezählt. Er wurde von der GWR-Führung wegzensiert, d.h. hier wurde sogar ein Interview verfälscht!

Kritik ist nicht erwünscht - und wer was sagen darf, entscheidet die GWR!
Aus der "Dokumentation zu den Methoden der politischen Diffamierung des Jörg Bergstedt" (von GWR-HerausgeberInnen)
Auf Seite 115f findet sich bei Bergstedt (Daten, Fakten, Hintergründe!!!) seine Darstellung der Ereignisse und der Bewertung der X-1000malquer-Blockade im Rahmen der Aktionen gegen den Castor im März 1997.
Darin heißt es - neben dem damals üblichen Spaltungsvorwurf: „Durch ihr Verhalten haben sich die 'X-tausendmal-quer'-DrahtzieherInnen, organisiert vor allem tim die
Kurve Wustrow im Wendland, die Umweltwerkstatt in Verden und die Graswurzelrevolution in Oldenburg, weitgehend außerhalb der Anti-Atom-Bewegung gestellt." (S. 115)
Diese Behauptung wird als bewußte Ausgrenzung betrachtet. Es wird erklärt, daß Herr Bergstedt in keiner Weise befugt ist, solche Ausgrenzungen auszusprechen. Für wen hält er sich? Für die Inquisition der Anti-AKW-Bewegung?


Und mit Dreck schmeißen ...
Zitat aus der gleichen Quelle mit quellenfreien Behauptungen
Das einzige, was GWR-Redakteurinnen je von Jugendumweltkongressen abzockten, sind finanzielle Fahrtkosten und Honorare für Arbeitskreise. Und wir sind sicher, daß die Einkünfte aus diesen Quellen bei Herrn Bergstedt bedeutend höher sind, als sie es für die Graswurzelrevolution jemals waren.

Im Editorial der GWR Nr .278:
Außerdem gibt es ein neues Titelseitenlayout. Ob das aber die Staatsschutzbehörden,Jungle World-Redakteure und Jörg Bergstedts dieser Welt davon abhält, weiterhin Quark über die graswurzelrevolution zu verbreiten? Während Bergstedt in seinen Verschwörungsbüchern3 die böse, weil gewaltfreie (und „elitäre") GWR mit ÖDP, Greenpeace u.a. gleichsetzt und verrührt, ...

Weiter unten die Fußnote:
3 J. Bergstedt: Nachhaltig, modern, staatstreu?, Raiskirchen-Saasen 2003; Agenda, Expo, Sponsoring, Raiskirchen-Saasen 1999

Insbesondere GWR-Chef Bernd Drücke personifiziert einen seltsamen Bergstedt-Hass. Wenn er andere Menschen etwas Kritisches über seine Zeitung schreiben, wähnt er sofort sein Feindbild hinter allen, auch wenn keinerlei Zusammenhang besteht. Absurderweise unterstellt er seiner Feindbild-Projektion dann auch noch, dass er die GWR hassen würde - wo auch immer er das herhat. Wer sich in der Projektwerkstatt umschaut, findet z.B. die GWR dort immer in der Zeitschriften-Leine. Da sich die meisten Leute in der Projektwerkstatt um die Routinearbeiten nicht kümmern, darf getrost davon ausgegangen werden, dass es immer genau der angebliche GWR-Hasser ist, der die GWR in der Projektwerkstatt zum Lesen regelmäßig aushängt. Aus Bernd Drückes Mail am 4.12.2014 an die Redaktion "grünes blatt":
Anti-GWR-Buch "Anarchie. Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" ...
Ich habe Deine "Kritik" im GB gestern als feindselig empfunden, mein Eindruck war, dass Du/Ihr vom selbst erklärten GWR-Hasser Bergstedt verhetzt wurdet. ...
Was ich für die "Bullen" reklamiere, sollte natürlich auch für
MitstreiterInnen gelten.
Anlass war ein Artikel im "grünen blatt", in dem zwei Personen sich beschwerten, dass ohne Rückfrage ein Foto von ihnen bei einer Aktion als Abo-Werbebild von der GWR eingesetzt wurde. Die erste Reaktion von GWR-Chef Drücke enthielt diese Zeilen:
Es wäre m.E. dagegen ausgesprochen kontraproduktiv und dumm, eine solche Aktion "vermummt" zu machen und - wie Du im GB schreibst - "andere eventuell störungswillige Polizist_innen mittels Schottersteinen auf Distanz zu halten". Letzteres lehnen wir tatsächlich ab. Ich bin froh, dass Du eine solche Dummheit nicht gemacht hast. Vielleicht handelt es sich bei Deiner "Schottersteine"-Äußerung um eine testosterongesteuerte (post-)pubertäre Mackerphantasie und -Pose? Wie dem auch sei: Die eigene Utopie sollte sich m.E. schon in den eigenen Aktionsformen widerspiegeln, und wer andere Menschen ("Bullen") mit "Schottersteinen auf Distanz" hält, tut eben dies nicht. Im Gegenteil, er verletzt andere und gefährdet Menschenleben. Das ist m.E. in der Tat konterrevolutionär und menschenverachtend. Gehört ein gewalttätiges Macho-Handeln, das andere Menschen gefährdet, tatsächlich zu Deiner Utopie?

Verschleiert ... Selbstbeschreibungen der GWR suggeriert Offenheit und Vielfalt
Aus einem Interview mit Bernd Drücke von den Bloggern Sören Weber (herrschaftsfrei.org) und Maurice W. (netz betrieb.de)
Ein gutes Beispiel dafür, wie anarchistische Organisierung im Kleinen stattfinden kann, ist auch die gewaltfrei anarchistische Monatszeitung Graswurzelrevolution, bei der ich arbeite. Dort wird seit 1972 nach anarchistischen Prinzipien, in basisdemokratischen Strukturen, mit Konsensprinzip gearbeitet. Das ist keine ausbeuterische Lohnarbeit, sondern weitgehend selbstbestimmte Arbeit, wie ich sie mir in allen gesellschaftlichen Bereichen wünsche. Menschenwürdige und sinnvolle Arbeit, aber auch Entschleunigung, Müßiggang, das Recht auf Faulheit für alle, so stelle ich mir die Anarchie vor. ...
Das Beispiel der Graswurzelrevolution zeigt auch, dass anarchistische Organisierung funktionieren kann. Wir diskutieren in der Regel die Texte vorab. Zum Beispiel wenn eines der rund vierzig Mitglieder des GWR HerausgeberInnenkreises sagt, "dieser Artikel gefällt nür ganz und gar nicht, da lege ich jetzt ein Veto gegen ein", dann hat das erst einmal eine aufschiebende Wirkung. Der Artikel erscheint zunächst nicht. Das Veto muss aber begründet werden, es wird darüber diskutiert, per Mail und während der GWR-HerausgeberInnentreffen. Im besten Fall hat man den Effekt, dass am Ende dann zwei konträre Texte nebeneinander stehen und eine Diskussion in der GWR entfacht wird. Das kann auch sehr konstruktiv sein. Der positive Effekt ist, dass die Menschen, die zum Beispiel für die Zeitung arbeiten oder auch interviewt werden, doch wesentlich zufriedener damit sind, weil sie bis kurz vor Drucklegung noch Änderungen einfordern können.
Bei anderen Zeitungen weißt du oft nicht, was sie aus einem Interview, das sie mit dir geführt haben, machen. Da habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Mich hat vor kurzem die Neue Zürcher Zeitung telefonisch zu Griechenland interviewt. Am Ende wurde dann ohne Rücksprache ein aus dem Kontext gerissenes Zitat von mir im Rahmen eines Hetzartikels gegen griechische Anarchisten gedruckt. Auch die „linke Wochenzeitung" Jungle World arbeitet in diesem Zusammenhang nicht anarchistisch. Die hat mich 2007 interviewt und anschließend das Interview gedruckt. Ohne dass ich das verhindern konnte, haben sie zum Teil Kernaussagen, die ihnen nicht in den Kram passen, rausgenommen und stattdessen eher die witzigen Sachen stehen gelassen. Ein fairer Umgang sieht anders aus.
In diesem Sinne ist anarchistischer Journalismus, so wie ich ihn verstehe, fairer und oft seriöser als der schnelllebige Mainstreamjournalismus. Wenn wir für die GWR ein Interview führen, machen wir es so, dass wir den Text anschließend transkribieren und behutsam überarbeiten. Die gesprochene Sprache wird von uns redaktionell überarbeitet und der Text gegebenenfalls gekürzt. Wir schicken dann die Texte im Korrekturmodus an die Interviewten. Die können alles nochmal durchgucken und sagen, das und das ist mir wichtig, das soll drin bleiben, das kann raus, und so weiter. Es wird also sichergestellt, dass alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufrieden sein können und dass nicht über die Köpfe hinweg entschieden wird. Das unterscheidet die GWR von vielen anderen Medien.

Suche nach dem Theoriewerk "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" auf www.anarchismus.at: Vergeblich!


Bücher verbieten?
In Hannover gingen "Linke" zu linken Buchläden und Zentren, um dort zu verlangen, Bücher des herrschaftskritischen Autors Jörg Bergstedt aus dem Angebot zu nehmen. Ein anarchistischer Mailorder erhielt am 15.1.2015 die folgende anonyme Mail: "Ich schätze euren Shop sehr und erkenne an dass ihr echt viel Arbeit hier reinsteckt. Ich finde es ebenfalls grundsätzlich sehr gut, dass verschiedene anarchistische Strömungen gleichberechtigt hier nebeneinander stehen. Daher befremdet es mich ungemein, dass man hier so einiges von Jörg Bergstedt erwerben kann. Der hat nicht nur ein total problematisches Verhältnis zum Verfassungsschutz, sondern ist im Umgang mit seinen fellow-anarchists grob unsolidarisch. Trotzdem: Weiter so mit eurem Shop!"
Die Steigerung: Vom Etikettenschwindel zum Machtspiel

Die Gräben zwischen anarchistischem Schein und organisationsegoistischer Realität sind tief. Anarchische Ideen dienen eher als Verschleierung denn als ideelle Grundlage. Das kann sehr weit gehen, wenn z.B. basisdemokratische Abstimmungsmethoden nicht nur als Etikett dienen, sondern sogar als knallhartes Machtmittel. Ein spektakuläres Beispiel lieferte der ständig auch mit anarchistischer Attitüde agierende Bewegungsführer Jochen Stay, als er versuchte, per Veto Workshops zur Aneignung von Aktionsmethoden (z.B. Anketten an Schienen) auf dem Wendlandcamp 2010 zu verhindern. Dahinter stand die entlarvende Hoffnung, dass Menschen bei den geplanten Instantaktionen mitmachen, wenn sie möglichst wenig eigenes Knowhow hatten. Hier wurden Menschen systematisch dumm gehalten, um sie steuern und vereinnahmen zu können. Das ähnelt der Strategie des Kapitalismus, Menschen Wissen, Willen und Möglichkeiten zum selbstbestimmten Leben zu entziehen, um sie für die Teilnahme am Arbeitsmarkt gefügig zu machen.

Neben diesem Extrembeispiel bietet aber auch der Alltagsbetrieb der meisten anarchistischen Netzwerke und Organisationen, die gleichzeitig basisdemokratisch organisiert sind, Anschauung dafür, wie kollektive Gleichschaltung wichtiger genommen wird als Selbstentfaltung der Einzelnen und freie Kooperation. Konsens und Vetorecht bevorteilen einen Mainstream, weil durch sie vor allem kreative Minderheiten und abweichende Ideen ausgeschaltet werden.

Projekte und Keimzellen

Anarchistische Praxis zeigt sich nicht nur in politischer Organisierung und Alltag (falls sie sich zeigt), sondern in Projekten, die - nach ihrer Selbstwahrnehmung und/oder Außendarstellung - als Keimzelle für etwas Neues betrachtet werden. Leider ist aber auch hier das Zeitalter gegenkultureller Versuche - falls es das je in ausgeprägter Form gab - vorbei. Heutige Projekte, z.B. "alternative" Wohnhäuser, werden von Beginn an in einer beeindruckenden Spießigkeit organisiert, sowohl von den Wohnungszuschnitte wie auch von den Finanzierungsmodellen her. Zwar werden dabei durchaus kreative Verwirklichungsstrategien angewendet (wie z.B. die Idee im Mietshäusersyndikat, Häuser als GmbH zu organisieren). Die praktische Ausführung aber lässt im praktischen Leben kaum noch Unterschiede zu beliebigen Wohnkasernen im Kapitalismus erkennen. Das gilt selbst für Bauwagenplätze. Einstmals geradezu als Aushängeschild alternativer Wohnkultur gepriesen oder - je nach Standpunkt - angefeindet, verkommen sie mehr und mehr zu legalisierten Kleingartenkolonien mit Willen zu geordnetem Erwerbs- und Familienleben.

Das große Scheitern alternativer Betriebe ist indes schon Geschichte. Vor allem in den 70er und 80er Jahre suchten Oppositionelle und AussteigerInnen ihr Heil in der Gründung chefloser Betriebe. Kollektive Organisierung oder, von Anfang an seltsam verklärt dargestellt, die Gründung von Genossenschaften sollten den Wandel bringen. Mag damals noch Blauäugigkeit ein wesentlicher Grund gewesen sein, zu übersehen, dass fehlende ChefInnen den Zwang zu Verwertung und Profitabilität nicht außer Kraft setzten, so bleibt heute beim Festhalten an solchen Irrtümern nur das Kopfschütteln übrig. Es ist aber nur in seltenen Ausnahmen nötig. Die meisten der Versuche alternativen Wirtschaftens sind längst gescheitert oder in hochprofitable Akteure im kapitalistischen Konkurrenz gewandelt worden - gerne weiter ohne ChefIn.

Gescheitert sind auch die wenigen großen Versuche, praktische Anarchie als gegengesellschaftliche Entwürfe zu entwickeln. Viel Stoff für eine Analyse von Versuch und Scheitern bietet das "Projekt A", in dessen Rahmen - nach einem schnell aufgegebenen ersten Versuch in Alsfeld (Vogelsberg) - in Neustadt (Weinstraße) mehrere Kombinationen zwischen Betrieben und gemeinnützigen Projekten entstanden, die eng vernetzt Stück für Stück die Stadt verändern sollten. Viele der einzelnen Projekte existieren auch heute noch, bilden aber keinen festen Zusammenschluss mehr und sind nicht mehr als Versuch einer weitergehenden gesellschaftlichen Umwerfung zu verstehen. Die Abnutzung früherer Ideale, interne Zerwürfnisse und Entfremdungen sowie die Spaltung dann an einem Punkt, der im bildlichen Sinne ein Fass zum Überlaufen brachte, beförderten das Projekt ins Reich der Geschichte.
Ein weiterer Versuch, noch zu Lebzeiten der Neustädter Utopie, wurde in Verden aus der sogenannten "Großraumkommune" heraus gestartet. Das war ein Zusammenhang von über einhundert nach anarchistischen und alternativen Lebensideen strebenden Personen der unabhängigen Jugendumweltbewegung Anfang der 90er-Jahre. Doch das Verdener Projekt wandelte sich nach kurzer Anfangsphase zu einem modernen, ökokapitalistischen Zentrum und wurde schließlich zur Keimzelle der modernen Bewegungsagenturen und ersten Bundesgeschäftsstelle von Attac.
Noch größer waren die Ideen und Entwürfe von P.M., Autor des Buches bolo'bolo, der im experimentellen Schreibstil eine Welt ohne zentrale Leitung und Steuerung entwarf - einer der wenigen konsequenten Versuche anarchistischer Zukunftsromantik, auch wenn sich um seine konkreten Vorhersagen und Vorschläge leidenschaftlich streiten lässt. Aber er verzichtete auf die sonst üblichen Gutmenschen-Räte und PräsidentInnen, wegen derer großen Weisheit in anderen libertären Romanen alles besser wird. P.M. formulierte in seinen Büchern immer den Anspruch, dass auch mal umgesetzt werden müsste, was an Ideen in seinen Büchern steht - und sei es nur als Versuch.
Weniger extrem, aber von der Richtung her ähnlich entwickelten sich einige (Öko-)Kommunen, von denen viele mit anarchistischer Attitüde gestartet waren, zu Schöner-Wohnen-Projekten oder ökologischen Gewerbehöfen mit marktwirtschaftlicher Orientierung.

Interessanter sind da schon solche Versuche alternativer Ökonomie, die die zentralen Wirkungsmechanismen kapitalistischer Wirtschaft in Frage stellen oder überwinden wollen. Dazu gehört die "Community supported agriculture". Das sind landwirtschaftliche Höfe, die nicht für den Markt, sondern für konkrete Bedürfnisse produzieren. Offene Werkstätten, in denen Menschen selbst produktiv sein können. Freie Software und freies Wissen, die niemanden mehr gehören, aber von allen weiterentwickelt und -verwendet werden können.

Wir sind gut, weil alt - Anarchie als Selbstzweck

Wer Büchertische oder Zeitschriften von AnarchistInnen wälzt, wird feststellen, dass dort eine erstaunliche Zuneigung zu alten Geschichten und Männern herrscht (ausnahmsweise auch mal für alte Frauen). Aus deren Theorien und Leben wird erzählt - seitenlang in Direkte Aktion und Graswurzelrevolution, Veröffentlichungen der anarchistischen Verlage und auf Veranstaltungen. Die Debatte über aktuelle Modelle und Möglichkeiten herrschaftsfreier Gegenwart und Zukunft, z.B. um freies Wissen, Umsonstökonomie oder Direct Action überlassen Anarch@s fast vollständig anderen Diskussionskreisen. Höchstens einzelne Anarch@s, zudem meist aus dem selbstorganisiert-unabhängigen, aber zersplitterten Spektrum, sind dort zu finden. Die große Mehrheit ist theorie-abstinent oder lauscht andächtig den lehrerhaften Erzählungen namhafter AnarchistInnen wie etwa Lou Marin oder Bernd Drücke, die aus der Vergangenheit plaudern - und gerne, wie Lou Marin, in der Graswurzelrevolution sogar Texte zu modernen Herrschaftsanalysen per Veto verhindern.

Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (mehr Auszüge)
Kein Gedanke wird dadurch richtiger, daß schon ein andrer ihn früher geäußert hat. ... (S. 4)

Aus Schwerdtfeger, Johannes: "Anarchismus und Pädagogik", in: Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 67)
Seit der Zerschlagung der letzten politisch bedeutsamen und revolutionär aktiven anarchistischen Bewegung im Spanischen Bürgerkrieg hat sich das Interesse am Anarchismus weitgehend reduziert auf die literarische Beschäftigung mit Ideen des Anarchismus und den Personen, die diese Ideen öffentlich vertreten haben und revolutionär zu realisieren versuchten.

Aber die Denke ist tatsächlich so: Alt = gut. Wenn die selbsternannt "quicklebendige" Graswurzelrevolution (siehe Abb. aus Heft 2/2006, S. 4) über die Entwicklung des libertären Zeitungsgeschehens im deutschsprachigen Raum berichtet, werden nicht nur neuere Zeitungsprojekte gern vergessen werden, sondern lange Existenz (ob jetzt "quicklebendig" oder dahinsiechend) als Oualitätskriterium gewertet. Warum das eines sein soll, also Überdauern per se gut ist, hat die GWR bislang nicht zu erklären gewusst. Dabei spräche aus der Idee von Selbstorganisierung, evolutionärer Entwicklung und Selbstentfaltung eher einiges dafür, dass Weiterentwicklung und nicht Kontinuität für emanzipatorische Qualität steht. Projekte, die nach der idealistischen Anfangsphase zum Selbstzweck werden (ähnlich den NGOs), verarmen hingegen eher qualitativ. Die GWR mit ihrem Hang zur Nostalgie, immer gleiche Themen und Zensur abweichender Position ist da ja selbst ein deutlicher Beleg für diese These.

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Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 23 ff.)
Nun gibt es allerdings ein paar ganz offensichtliche Gründe, warum viele von uns sich nicht gerne als Anarchisten bezeichnen, selbst wenn uns das Wort fasziniert. Wie Bob Black feststellt: »Wer sich als Anarchistin oder Anarchisten bezeichnet, zieht damit unweigerlich ein ganzes Bündel von Assoziationen auf sich, eine wilde Mischung, unter der kaum zwei Menschen - das gilt auch für zwei Anarchisten - dasselbe verstehen werden. (Die vorhersehbarste Assoziation ist zugleich die ungenaueste: die Assoziation mit dem Bombenwerfer. Tatsächlich haben Anarchisten Sprengsätze geworfen, und manche tun es immer noch>
Für viele rufen die Worte Anarchie und Anarchismus immer noch automatisch negative Vorstellungen von Chaos, sinnloser Gewalt und Zerstörung hervor, weil libertäre Ideen in den kommerziellen Massenmedien ganz ausdrücklich seit dem »Anarchistischen Schrecken« (anarchistische Bombenattentate in Frankreich und den USA im frühen 20. Jahrhundert) dämonisiert werden. ...
Die verbreitetste Form des Widerstands gegen die Bezeichnung als Anarchist ist jedoch die Abneigung, die viele Anarchistinnen und Anarchisten gegen jedwede Etikettierung hegen. Nicht wenige unter ihnen identifizieren sich mit diversen politischen und kulturellen Strömungen und halten die Umschreibung ihrer Überzeugungen durch irgendeinen Ismus für eine unnötige Einschränkung, die ihnen zudem die Unterstellung einträgt, auf ein paar unumstößliche Dogmen festgelegt zu sein. In den Worten von Not4Prophet: »Ich persönlich stehe nicht auf irgendwelche Titel, Zuordnungen oder Schubladen. Die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens habe ich damit verbracht, solche Einschränkungen hinter mir zu lassen. Ich denke, eigentlich sind wir immer besser dran, wenn wir uns kein Label aufkleben und uns auch von niemandem sonst eins aufdrängen lassen. Anarchie oder Anarchismus ist etwas, das wir wirklich anstreben, was wir leben und wofür wir kämpfen, und deshalb ist es auch ohne Belang, als was wir uns bezeichnen (oder nicht bezeichnen), wenn wir mitten drin sind und es tun.«

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