auf

Übersichten über diese Seiten: "Alle Themen"-Button links (Seite nach oben scrollen!) ++ Projekte ++ Themen
Perspektiven Upd@te Vorschläge FAQ Dominanzabbau
Debatte um Utopien

Theorie für Anarchie. Ein Update

Herrschaftsanalyse ++ Wissensbasierter Anarchismus ++ Mensch im Mittelpunkt ++ Theorie der Organisierung ++ Strategie ++ Links

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

(Neue) AnarchistInnen braucht das Land!?

Damit sind die kritischen (Ein-)Blicke in das Leben und Wirken von AnarchistInnen in Deutschland notiert. Sie dürften viele Lücken aufweisen, denn neben den Anarcho-SyndikalistInnen mit ihrer durchorganisierten FAU und den über hierarchisch wirkende Zentralen gesteuerten Aktionen und Projekten der sich als anarchistisch und basisdemokratisch verstehenden Gewaltfreien gibt es nur Einzelgruppen und -personen, die weitgehend voneinander isoliert sind. Freie Vereinbarung, Theoriedebatte und Organisierungsfragen spielen bei ihnen schon von daher kaum eine Rolle, weil es kaum etwas zwischen den versprenkelten AkteurInnen gibt. Ihre MitstreiterInnen rekrutieren sich zu großen Teilen aus dem bildungsbürgerlichem Nachwuchs mit starker Neigung zu identitären Codes und Cliquen. Auch das reduziert den Hang, Anarchie strategisch zu denken.
Der Blick auf die anarchistischen Zusammenhänge und die verteilten Einzelpersonen bzw. kleinen Grüppchen, die sich AnarchistInnen nennen im deutschsprachigen Raum, lässt wenig Hoffnung aufkommen, dass aus diesen Quellen Impulse emanzipatorischer Veränderung entspringen können. Anarchistische Zeitungen, Camps usw. sind Tummelplätze für AnhängerInnen von Recht und Justiz, fanatische PlenumsbesucherInnen (am besten zweimal pro Tag), Konsens- und BasisdemokratInnen oder entschiedene VerfechterInnen von Faustrecht, Hausrecht und Kommandostrukturen in Rechtshilfe, Demo- und Aktionsorganisation. Da ist in Theorie und Praxis wenig zu erkennen, was als Drang nach Herrschaftsfreiheit oder emanzipatorischer Politik begriffen werden könnte. Vielmehr reproduziert sich die Herrschaftsförmigkeit der Gesellschaft hier mit anderer Attitüde - bis hin zur Teilnahme am ständigen Wettbewerb um Spenden und Mitglieder, der politischen Protest immer mehr in eine Art Wirtschaftszweig wandelt und alle Fragen um Inhalt oder Organisierungsform dem Primat der Finanzierung von Hauptamtlichen, Selbstdarstellung und Rekrutierung von MitläuferInnen unterordnet.

Die Kritik soll hier nicht noch einmal wiederholt werden, sondern als Konsequenz deutlich gesagt werden: Neue Anarch@s braucht das Land! Es wird nicht reichen mit dem bloßen Austausch von Köpfen, zumal in den organisierten Teilen der Anarchie die vorhandenen Hierarchien, die Orientierung auf Außendarstellung oder Spendensammeln ja keine Organisierungsmängel, sondern bewusste Entscheidungen sind. Eher ungewollt entsteht das Nebeneinander der unorganisierten Teile anarchistischer Kreise.
Anarchie, wenn sie als Begriff für die fantastische Idee der Selbstorganisierung freier und gleicher Menschen steht (und das sollte sie!), ist eine viel zu schöne Sache, um sie in den Niederungen bürgerlicher Hetze, identitär-parolenhafter Systemablehnungs-Lebensphase, basisdemokratischen Rumgewürges oder gar hochkapitalistischer Spendenakquise zu belassen. Gesucht sind nicht nur neue Aktionsformen und Inhalte, sondern - im Vergleich mit dem, was zur Zeit läuft - schlicht eine ganz andere Idee ...

Herrschaftsanalyse modernisieren

Eine grundlegende Schwäche anarchistischer Bewegungen und Debatten ist das fast völlige Fehlen moderner Herrschaftskritiken. Der Begriff "modern" bezieht sich hier darauf, dass neue Debatten, Erkenntnisse und wissenschaftliche Forschung aufgegriffen, ausgewertet und je nachdem integriert, verwendet, kritisiert oder weiterentwickelt werden.
Zur Zeit prägen weitgehend theorielose Zusammenhänge und uralte, eher nostalgisch zu nennende Modelle von Staatsgewalt und Klassengesellschaft die anarchistische Debatte im deutschsprachigen Raum. Was fehlt, sind unter anderem:

Anarchie muss die radikalste, weil konsequent die Stärkung menschlicher Individualität und egalitärer Kooperation fördernde Form emanzipatorischer Umgestaltung sein. Mit der Textsammlung "Freie Menschen in freien Vereinbarung" wurde der Versuch unternommen, hierfür Begründungen und Entwürfe zu formulieren.
Mit solchen Positionen ließe sich die Anarchie als kreative und impulsive Kraft in allen gesellschaftlichen Debatten vorstellen - immer mit dem "Markenzeichen", die Machtfrage zu stellen, d.h. die Dinge aus dem Blickwikel der einzelnen Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse zu betrachten und zu organisieren. Dieser Blickwinkel gilt innerhalb der eigenen Organisierungen, z.B. von politischem Protest, von Projekten und Experimenten, aber auch für alle Debatten und Vorgänge in der gesamten Gesellschaft. Das Prickelnde wäre, sich nicht weiter herauszuhalten oder nur langweilige Labels zu zeigen, sondern mit Nachdruck immer wieder das Emanzipatorische in die Abläufe hineinzutragen und in die Konzepte hineinzudenken - direkt hinein bis in den Alltag der Vielen.

Wissensbasierte Radikalität:
  Materialismus für AnarchistInnen? Ein wissenschaftlicher Anarchismus? Oder was?

Der emanzipatorische, in seiner radikalsten Form dann anarchistische Blick ist einer, der auch das Diskursive in eigenen Begriffen und Denkschablonen selbst hinterfragt. Er ist daher grundlegend skeptisch allem und sich selbst gegenüber. Er erkennt keine feststehenden Wahrheiten, glaubt nicht an das Vermögen, objektiv sein zu können, sondern ist hinterfragend und vorwärtsdrängend. Anarchismus ist neugierig, will aufdecken, entlarven und Neues ermöglichen. Wissenschaft ist kein Gegensatz zu anarchistischem Denken, aber sie wird - wie alles andere auch - skeptisch auf ihren Gehalt an Macht, Normen, Diskursen und Kontrollgewalt hin betrachtet. Emanzipation seziert alles Vorhandene und Überlegungen für die Zukunft auf seinen Herrschaftsgehalt hin.
Die heute betriebene Wissenschaft und das an Schulen, in Medien und schlauen Büchern vermittelte Wissen ist überwiegend aufgeladen mit politischen Wertungen, Auslassungen und Falschdarstellungen, die Diskursen folgen. Das ließe sich an beliebigen wissenschaftlichen Positionen zeigen. Es ist den WissenschaftlerInnen und VerkünderInnen von Wissen auch gar nicht vorzuwerfen, dass sie gerichteter Wahrnehmung unterliegen und ihre notwendigerweise persönlich ausfallenden Bewertungen weitergeben. Fatal ist aber, dass sie Objektivität vortäuschen und in einem grausigen Wettstreit mit konkurrierenden Wissensmeinungen stehen, denen sie dann - wie sollte es anders sein - die sich selbst verliehene Wahrheit absprechen.
Ein Blick auf die Motive für dieses Vorgehen führt überwiegend zu noch erschreckenderen Beobachtungen: Fast alle Wissenschaft ist heute gekaufte Wissenschaft. ForscherInnen reden ihren GeldgeberInnen nach dem Mund und präsentieren Ergebnisse schon in vorauseilender Anbiederung an potentielle Finanzierungsquellen, die sie anzapfen müssen, um eigenes wirtschaftliches Überleben oder - häufiger - das ihrer Institute oder Firmen zu sichern.

Aus all dem folgt zwar eine ordentliche Portion Vorsicht gegenüber der real existierenden Wissenschaft, aber keine Ablehnung von Wissenschaftlichkeit. Ganz im Gegenteil: Es ist an der Zeit, dass sich AnarchistInnen mit modernen Herrschaftsanalysen, mit historischer Forschung über Herrschaftsfragen, Psychologie bis Biologie (z.B. des menschlichen Körpers) auseinandersetzen und die Fülle der Erkenntnisse nutzen, um eigene Vorschläge zu entwickeln und voranzutreiben. Herrschaftskritik und Interesse an wissenschaftlicher Erkenntnis sind kein Gegensatz, sondern bedingen einander - auch wenn die gekaufte Wissenschaft der heutigen Zeit eines besonders skeptischen Blickes auf die gefilterten Informationen bedarf, die aus ihr nach draußen sickern.
Das gleiche gilt für technischen Fortschritt, also Erfindungen und neue Entwicklungen. Sich umschauen, einmischen, an Debatten teilnehmen, Neues in die eigenen Überlegungen aufnehmen und schauen, ob es einen emanzipatorischen Gehalt hat oder haben kann - das würde der anarchistischen Debatte ebenso gut tun wie die Einbeziehung moderner Herrschaftsanalysen. Anarchie ist entweder innovativ, vorwärtsdrängend, dabei aber entschlossen abwägend und fordernd hinsichtlich der Herrschaftsförmigkeit aller Innovationen - oder sie bleibt eine Feierabend- oder Lagerfeuerideologie für frustrierte SystemkritikerInnen mit Hang zur Nostalgie.

Für ein rationales Welt- und Menschenbild

Mensch und Umwelt sind weder unergründliche Tiefen noch Schöpfungen externer Weisheiten. Es lässt sich viel über Entstehung und Aufbau des Weltalls, die Geschichte des Planeten "Erde" und des Lebens auf ihm herausfinden. Es gibt keine Notwendigkeit, die wirren Behauptungen, Menschen seien Herdentiere oder rein genetisch gesteuert stehen zu lassen. Sie lassen sich nicht nur philosophisch, sondern auch mit Hintergrundwissen aus der Biologie und der Selbstorganisierung von Leben abwehren.
Eine freie Gesellschaft widerspricht nicht Biologie, Chemie und Physik des Menschen, sondern ist aus vielerlei Perspektive genau die passende Lebensqualität, um Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Entfaltung und weiteren Evolution zu bringen. Es ist nicht nötig, stotternd den BiologistInnen dieser Welt, die erklären wollen, der Mensch sei biologisch vorherbestimmt, entgegenzuhalten, dass der Mensch doch ein soziales Wesen ist und die Biologie deshalb nicht so wichtig. Sondern der Mensch ist ein soziales Wesen. Genau das ist aber auch seine Biologie. Er ist so ausgestattet, dass er zum sozialen Wesen wurde. Platt formuliert: Anarchie passt zur Natur des Menschen - Rechtsstaat, Kapitalismus und vieles andere hingegen sind seine Unterjochung. Sie widersprechen Natur und Evolution.
In der Textsammlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" wurde versucht, aus dem Stand des Wissens über Materie, Entstehung der Erde und des Lebens sowie der speziellen Biologie des Menschen abzuleiten, warum und wie die Selbstentfaltung der Individuen, die freie Kooperation und Selbstorganisierung dem entspricht, was der Mensch als Potential in sich trägt. Durch Regeln, Kontrolle und identitäre Subjekte über die Köpfe der Menschen hinweg werden diese Möglichkeiten beschnitten, zumindest in der Entfaltung gebremst, oft aber auch mitsamt dem Willen, die Potentiale zur Wirkung zu bringen, gänzlich vernichtet.

Im Original: Die Rolle Wissenschaft ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bakunin, Michail: Gott und der Staat (Nachdruck 1995 im Trotzdem Verlag, Internet)
Die allgemeine Idee ist immer eine Abstraktion und schon dadurch in gewissem Grade eine Verneinung des wirklichen Lebens. Ich stellte im Anhang als Eigenschaft des menschlichen Gedankens und folglich auch der Wissenschaft fest, daß sie von den wirklichen Tatsachen nur ihren allgemeinen Sinn, ihre allgemeinen Beziehungen, ihre allgemeinen Gesetze erfassen und benennen kann, mit einem Wort das in ihren beständigen Verwandlungen Bleibende wie ihre materielle, individuelle Seite, die sozusagen von Wirklichkeit und Leben vibriert, aber gerade dadurch flüchtig und unfaßbar ist. Die Wissenschaft versteht den Gedanken der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst, den Gedanken des Lebens, nicht das Leben. Hier liegt ihre Grenze, die einzige für sie wirklich unüberschreitbare Grenze, die eben in der Natur des menschlichen Gedankens selbst, des einzigen Organs der Wissenschaft begründet ist.
Auf diese natürliche Beschaffenheit gründen sich die unbestreitbaren Rechte und die große Aufgabe der Wissenschaft, aber auch ihre tiefe Ohnmacht und selbst ihre schädliche Wirkung, sobald sie durch ihre offiziellen, patentierten Vertreter sich das Recht anmaßt, das Leben zu beherrschen. Die Aufgabe der Wissenschaft ist folgende: Durch Feststellung der allgemeinen Beziehungen der vorübergehenden und wirklichen Dinge, durch Erkennen der der Entwicklung der Erscheinungen der physischen und sozialen Welt eigenen allgemeinen Gesetze stellt sie sozusagen unveränderliche Markzeichen des Vormarsches der Menschheit auf, indem sie den Menschen die allgemeinen Bedingungen zeigt, deren strenge Beobachtung notwendig und deren Unkenntnis oder Vergessen verhängnisvoll sind. Mit einem Wort, die Wissenschaft ist der Kompaß des Lebens, aber sie ist nicht das Leben. Sie ist unabänderlich, unpersönlich, allgemein, abstrakt, gefühllos wie die Gesetze, deren ideale, gedachte, das heißt im Gehirn existierende Wiedergabe sie ist - im Gehirn, um uns zu erinnern, daß die Wissenschaft selbst nur ein materielles Produkt eines materiellen Organs des materiellen Organismus des Menschen, des Gehirns, ist. Das Leben ist ganz flüchtig und vorübergehend, aber auch ganz vibrierend von Wirklichkeit und Individualität, Gefühl, Leiden, Freuden, Streben, Bedürfnissen und Leidenschaften. Das Leben allein schafft freiwillig die Dinge und alle wirklichen Wesen. Die Wissenschaft schafft nichts, sie konstatiert und erkennt nur die Schöpfungen des Lebens. Und jedesmal, wenn die Männer der Wissenschaft, ihre abstrakte Welt verlassend, sich in die lebende Schöpfung in der wirklichen Welt hineinmischen, ist alles, was sie vorschlagen oder schaffen, arm, lächerlich, abstrakt, ohne Blut und Leben, totgeboren, dem von Wagner, dem pedantischen Schüler des unsterblichen Doktor Faust, geschaffenen Homunkulus gleich. Daraus ergibt sich, daß die einzige Aufgabe der Wissenschaft die ist, das Leben zu erhellen, nicht, es zu leiten. ... (S. 81)
In ihrer gegenwärtigen Organisation, als Monopolisten der Wissenschaft, die als solche außerhalb des sozialen Lebens bleiben, bilden die Gelehrten eine abgeschlossene Kaste, die viele Ähnlichkeiten mit der Priesterkaste hat. Die wissenschaftliche Abstraktion ist ihr Gott, die lebenden und wirklichen Individuen sind die Opfer; sie sind die geweihten und patentierten Opferpriester. ... (S. 84)
Die Wissenschaft ist einerseits zur vernünftigen Organisation der Gesellschaft unentbehrlich, andererseits darf sie, da sie unfähig ist, sich für das Wirkliche und Lebendige zu interessieren, sich nicht um die wirkliche oder praktische Organisation der Gesellschaft kümmern.
Dieser Widerspruch kann nur auf eine Art gelöst werden: durch die Auflösung der Wissenschaft als außerhalb des sozialen Lebens aller existierendes Wesen, das als solches von einer Körperschaft patentierter Gelehrter vertreten wird, und durch ihre Verbreitung in den Volksmassen. Die Wissenschaft, die berufen ist, hinfort das kollektive Bewußtsein der Gesellschaft zu vertreten, muß wirklich Eigentum aller werden. (S. 88)
Es gibt kein "Off"

"Ich hab’ mein’ Sach’ auf nichts gestellt", formulierte Max Stirner als Grundnahme seiner Überlegungen für eine menschliche Gesellschaft freier Individuen. Leider wurden seine Texte als Plädoyer für eine Isolierung der Einzelnen voneinander und für den Verzicht auf einen gesellschaftlichen Überbau gewertet. Vielleicht hat Stirner diesen Schwerpunkt auch tatsächlich im Kopf gehabt, doch seine Grundannahme bliebe richtig: Es ist da nichts außer den Menschen selbst, die ihre Belange regeln - für sich und miteinander. Es gibt keine Begründung für irgendeine höhere Ebene, für eine externe Quelle von Regeln, Moral oder Wertungen. Es sind immer die Menschen. Taucht doch eine scheinbare höhere Gewalt auf, so ist auch diese immer eine menschliche Schöpfung:

Jede Verlagerung von Handlungsmacht in eine außerhalb der Menschen liegende Sphäre reduziert die Selbstbestimmung der Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse. Das bereits ist anti-emanzipatorisch, weil es nicht mehr den Menschen und seine soziale Interaktion im Mittelpunkt gesellschaftlicher Gestaltung sieht, sondern von ihm unabhängige, überlagernde bis bestimmende Ebenen legt. Es entsteht eine Art "Off", ein Bereich außerhalb von Gesellschaft, der über die Menschen und ihr Leben bestimmt. Es wird zum Schicksal, fremdbestimmt.
Hinzu kommt, dass dieses "Off", diese Sphäre außerhalb der menschlichen Beeinflussbarkeit, nur über Personen, die Vorgaben aus der vermeintlich externen Quelle in das gesellschaftliche Leben verschieben, wirksam wird. Der Pfarrer auf der Kanzel, die Richterin "im Namen des Volkes" oder die HeilerInnen mit Informationen aus dem Karma behandelter Personen sind immer einzelne Menschen, deren Meinung mehr zählt, weil sie sich auf die externen Sphären beziehen. So schafft jedes "Off" Privilegien und damit Hierarchien.

Anarchie ist die radikalste Form emanzipatorischen Denkens. Es geht nicht um den Ersatz des ewiggestrigen Gottesglaubens durch modernere Wertegebäude, wie es beispielsweise der Humanismus will, sondern um die konsequente Absage an alle externen Quellen höherer Werte und Vorgaben. Anarchie ist immer und vollständig im Hier und Jetzt. Es gibt kein "Off" - sowieso und weil es, mangels tatsächlicher Existenz, nur über seine Sprachrohre in die Gesellschaft tritt.

Alles ist Materie - aber dynamisch

Die Absage an metaphysische Sphären aber reicht nicht. Übrig bleiben darf ja kein auf plumpe und starre materielle Bedingungen reduziertes Bild von Mensch und Natur - etwas solche, in denen alles wie eine Maschine betrachtet und die Gesellschaft zu nichts anderem mehr wird als einer großen Verknüpfung reibungslos funktionierender Systeme. Das ist aber auch nicht nötig, denn solchen Annahmen liegt ein ziemlich veraltetes Verständnis von Materie zugrunde. Die ist nämlich viel weniger starr als manch alte Schrift oder neues Schulbuch uns glauben lassen wollen. Ganz im Gegenteil: Auf der molekularen Ebene, in der DNA-codierten Lebewelt und im kulturellen Gestaltungsbereich menschlicher Gesellschaft findet ständig Entwicklung statt, die sich auch materiell niederschlägt. Mit jeder Weiterentwicklung verändern sich zudem die Möglichkeiten, denn alles Folgende baut auf dem auf, was sich schon getan hat. So ist alles Geschehen in der belebten und unbelebten Natur, ebenso in der Kultur eine Evolution.

Folglich gilt zweierlei: Kreative Ideen, Überzeugungen, persönliche Wertungen und alles, was Menschen empfinden und denken, entstehen im materiellen Raum des eigenen Körpers und der ebenso materiellen Umwelt. Es gibt keine Parallelwelten. Alles ist Sache der Menschen selbst. Sie können die materiellen Vorgaben, z.B. als Naturgesetze beschriebene Abläufe, nicht aus den Angeln heben - aber immer selbst bestimmen, wie sie damit umgehen oder diese verändern, umlenken, in der Wirkung hemmen usw.
Andererseits folgt aus dieser Grundannahme kein Determinismus. Geschichte folgt, auch wenn es z.B. BiologistInnen, KreationistInnen oder etliche MarxistInnen anders annehmen, keiner feststehenden Abfolge (Teleologie). Materie ist stattdessen ungeheuer dynamisch und verändert sich zu neuen Stufen, aus denen neue, vorher unbekannte Möglichkeiten entstehen. Es passt daher zur Natur des Menschen, die Gesellschaft als hochkomplexes, dynamisches und vorwärtsdringendes Miteinander vieler Individuen zu sehen. Das folgt aus der Ausstattung des Menschen, der die stoffliche Entwicklung und die Evolution des Lebens in sich trägt, diese aber kraft der ungeheuren Dynamik unzähliger kleinster Bestandteile vor allem in Gehirn und Nervensystem um die neue Qualität kultureller Entwicklung erweitert.

Eine spannende Frage anarchistischer Theorieentwicklung dürfte es sein, die radikale Auffassung von Emanzipation, die Beobachtungen aus der Praxis und das sich ständig erweiternde Wissen aus Natur- und Gesellschaftswissenschaften zusammenzubringen. Anarchistische Theorie muss mindestens so dynamisch sein wie die Welt, das Leben und die Gesellschaft. Das könnte interessante Debatten mit humanistischen Kreisen, gesellschaftlich denkender Wissenschaft und der kreativen, nicht-dogmatischen Ecke des Marxismus ermöglichen. Denn in Anlehnung an viele Ideen von denen ließen sich Teile der hier und vor allem in der Textsammlung "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" entwickelten Theorien als eine Art Materialismus für AnarchistInnen bezeichnen.

Auch die Idee der Emanzipation lässt sich in dieses Gedankengebäude einpassen. Sie bedeutet, den Weg frei zu machen, diese Dynamik zur vollen Entfaltung zu bringen. Es geht nicht darum, die mit einer Tendenz zu Eigenartigkeit und ständiger Weiterentwicklung ausgestatteten Menschen zu zähmen, die Vielfalt und Potentiale in Form und Berechenbarkeit zu zwingen, sondern ihnen im Gegenteil die Chancen zur Entfaltung zu geben. Strukturell konservierende Mechanismen wie Gesetze, die eine - zum Teil lange zurückliegende - Vergangenheit krampfhaft und mittels absurder Apparate wie Polizei und Justiz festzuhalten versuchen, haben mit Anarchie als radikalster Form von Emanzipation ebenso wenig zu tun wie Vetorechte, die Veränderungen schwieriger machen als das Festhalten am Status Quo.

Der Mensch - Völlig losgelöst

Die natürliche Ausstattung des Menschen macht ihn zu einem Wesen, das im Laufe seines Heranwachsens eine hohe Eigenständigkeit erreicht. Die Bauteile des Gehirns sind viele Jahre hochflexibel und um den Geburtstermin herum noch wenig auf irgendeine Form festgelegt. Heranwachsen ist daher ein Prozess des Ausprobierens und eigenen Organisierens. Normen, Traditionen und Gesetze sind künstliche Schranken. Sie sollen das typisch Menschliche, nämlich seine Fähigkeit zur Eigenartigkeit und dynamischen Veränderung (Selbstentfaltung), brechen.
Wenn Anarchie die Abwesenheit von Herrschaft bedeutet, dann heißt das: Von jeder Form der Herrschaft. Es geht als nicht um den Wandel von persönlicher zu (mehr oder weniger) repräsentativer Macht, wie ihn die parlamentarische Demokratie verspricht. Es geht auch nicht um die Frage, wer die Entscheidungen für alle trifft, ob das Volk die Basis als Ganzes oder (wie auch immer) Auserwählte in einem gesellschaftlichen Überbau. Sondern es geht um den Verzicht jeglicher Form von Vorgabe, Gewißheit oder Steuerung außerhalb dessen, was Menschen miteinander vereinbaren - direkt oder in komplexen Kommunikations- und Kooperationsprozessen.

Emanzipation: Der Mensch im Mittelpunkt

Emanzipation heißt, die Geschehnisse, Beziehungen und Verhältnisse aus dem Blickwinkel der einzelnen Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse zu betrachten - und eine Politik zu betreiben, die diesen maximale Freiheiten und Handlungsmöglichkeiten gibt, ohne Privilegien und Benachteiligungen. Alle Menschen sollen wählen aus allen Möglichkeiten, aber sich frei und ihrer Eigenart entsprechend entscheiden, was sie wollen.

Anarchie ist die radikalste Form der Emanzipation

Anarchie will Emanzipation überall. Nichts soll übrig bleiben außer den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen. Das setzt in jedem Fall das Ende aller Herrschaft in allen Formen voraus, d.h. auch die Überwindung von Zurichtungen, Zwängen, Rollen und allen Formen der Fremdsteuerung, das Aus aller nicht gleichberechtigt beeinflussbaren Normen und Diskurse und ein Ende jeder Stellvertretung und Vereinnahmung. Hinzu kommt die Aneignung von und Schaffung gleicher Handlungsmöglichkeiten, denn der Zugriff auf alles Wissen, alle Produktionsmittel und Ressourcen muss für alle Menschen gleich möglich sein. Wer wann was nutzt oder - bei Wissen und kopierbaren Ressourcen - sich aneignet, ist Sache der Einzelnen und ihrer freien Vereinbarungen. Damit die gleichen Handlungsmöglichkeiten auch tatsächlich bestehen, sind Zugangserleichterungen nötig, wenn Menschen aufgrund von Sprache, Handicaps, Alter oder aus anderen Gründen sonst geringere Chancen hätten. Schließlich wäre Anarchie eine Welt, in der viele Welten Platz haben. Insgesamt, in allen großen Subräumen der Gesellschaft und in möglichst vielen weiteren sollte gelten, dass sie alle eine interne Vielfalt ermöglichen, innerhalb derer sich die Menschen wiederum unterschiedlich organisieren können. Eine Anarchie muss immer so beschaffen sein, dass in ihr fünf Gleichgesinnte auf freier Vereinbarung einen König wählen und für sich monarchisch leben dürfen. Darum muss die Anarchie den Gesamtrahmen stellen, denn in der Anarchie ist die Monarchie als Subraum möglich. Umgekehrt nicht.

Anarchie ist aber nicht die einzige Form der Emanzipation

Es wäre nun aber schädlich, wenn aus dem Willen zur Radikalität ein Alleinvertretungsanspruch oder per se ein konkurrierendes Verhältnis zu anderen politischen Richtungen erwachsen würde. Die stete Analyse und Demaskierung von Herrschaftsverhältnissen ist ein notwendiges Merkmal der Anarchie, aber es gibt andere Richtungen, die in Teilbereichen nach emanzipatorischen Ideen streben oder Vorschläge für einzelne Verbesserungen machen. Das widerspricht der anarchistischen Idee nicht, wenn diese auch immer darüber hinausstrebt und sinnvollerweise das auch benennt, um Akzeptanz für die weitere Entwicklung zu schaffen.
Kollektive Identitäten, Stellvertretung und Vereinnahmung sind Formen hierarchischer Organisierung und müssen daher auf Widerspruch von AnarchistInnen treffen. Der Verzicht auf sie kann horizontale Kooperation zudem vereinfachen, da sie einem Kontakt sonst im Wege steht und die Zeit gespart werden kann, die das Ringen um optimale Präsenz der eigenen Label in der Öffentlichkeit regelmäßig vergeudet.

Freie Kooperation zwischen Menschen, aber auch zwischen frei gewählten Gruppen ist projekt- und themenbezogen. Sie können auch eingegangen werden, wenn in anderen Themenfeldern keine Übereinstimmung besteht. Wie die Binnenstrukturen einer Welt, in der viele Welten Platz haben, ist auch die Frage von Bündnissen und Kooperationen ein wilder Dschungel des Eingehens und Beendens von Kontakten und Zusammenarbeit.

Aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München
Der humanistische Sozialismus ist ein System, in dem der Mensch das Kapital und nicht das Kapital den Menschen beherrscht; in dem der Mensch seine Lebensumstände und nicht die Lebensumstände den Menschen beherrschen; in dem die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft planen, was sie produzieren wollen, anstatt daß die Produktion sich nach den Gesetzen der unpersönlichen Mächte des Marktes und des Kapitals mit dem ihnen eigenen Bedürfnis nach maximalem Profit richten. ... (S. 89)
Sozialismus muß radikal sein. Radikalsein heißt an die Wurzel gehen; und die Wurzel ist der Mensch. Heute sitzen die Dinge im Sattel und reiten den Menschen. Der Sozialismus möchte den Menschen, den ganzen, schöpferischen, wirklichen Menschen wieder in den Sattel heben. (S. 103)

Das neue Subjekt: Alle, aber unterschiedlich

Wo keine Hierarchien, keine kollektiven Identitäten, keine privilegierte Steuerungsmacht über Normen und Diskurse bestehen, bestehen neben den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen keine weiteren Subjekte. Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland. Das Volk regiert auch nicht mehr und niemand bildet irgendwo das Sprachrohr höherer Moral, des Guten oder Schönen. Es waren schon immer die Menschen, die Geschichte schrieben, aber bislang hatten sie sehr unterschiedlichen Einfluss auf die Abläufe. Das wäre in der Anarchie anders. Dort sind zeitweise Machtverhältnisse, Privilegien oder ungleiche Verteilung von Produktionsmitteln auch allgegenwärtig, weil nur selten oder nie genug für alle Bedürfnisse zur gleichen Zeit vorhanden ist. Daher muss eine Anarchie kommunikativ sein, um eine Verteilung im Einverständnis aller jeweils Beteiligten sicherstellen zu können. Wichtig ist, dass sich die frei vereinbarten Verteilungen auf Zeit nicht zu Privilegien verfestigen. Denn diese sind ein sich selbst stabilisierendes Vorrecht, weil jemand, der Privilegien hat, diese nutzen kann, um weitere durchzusetzen.

Es ist Prinzip der Emanzipation, alle gesellschaftlichen Vorgänge aus dem Blickwinkel der Einzelnen und ihrer freien Zusammenschlüsse zu betrachten und zu deren Gunsten zu organisieren. Anarchie als radikalste Form der Emanzipation anerkennt keine Subjekte neben den Menschen. Auch die freien Zusammenschlüsse sind keine eigenständig handelnden Subjekte, sondern Kooperationen der Handelnden. Es gibt kein "Volk", keine Firma oder Verein als Selbstzweck. Das gilt für die Organisierung im Alltag, für Produktion und auch für politische Aktion.

Es ist eine spannende Aufgabe an eine moderne, anarchistische Theorien, Zukunftsentwürfe und dorthin führende Strategien zu entwerfen, die ohne kollektive Subjekte auskommen, aber den Menschen trotzdem - oder gerade deshalb - als soziales Wesen sehen, das seine Handlungsmöglichkeiten aus der Autonomie und der Kooperation schöpft.

Der Verzicht auf privilegierte Macht und der Umgang mit der bestehenden Macht

Ein weiteres Feld anarchistischer Strategieentwicklung ist die Formulierung von Mitteln und Wegen gesellschaftlicher Intervention. Hier tun sich Abgründe weitreichender Fragen auf, die mit Sicherheit nie vollständig beantwortet werden können ohne das Experiment einer Umsetzung, die aber der Überlegung bedürfen, um Ziele formulieren, Teilschritte und Handlungsmethoden entwerfen zu können.
Ein schwieriges Feld ist der Umgang mit der Macht. Kann Befreiung "von oben" kommen? Oder stimmt, was die dogmatisch Gewaltfreien für ihr Hauptthema behaupten: Dass das Gute nicht durch das Schlechte zu erreichen ist? Gibt es nicht weitere Varianten? Ist es überhaupt sinnvoll, allgemeingültige Festlegungen treffen zu wollen? Denn schließlich wäre das ja etwas, was über die Handlungsautonomie der Einzelnen und ihrer freien Zusammenschlüsse gehängt wird - also nicht mehr emanzipatorisch wäre. Bedeutet Anarchie als radikalste Form emanzipatorischen Denken nicht den konsequenten Verzicht auf alle Dogmen und Vorfestlegungen? Dann wäre alles der bewussten Abwägung der Menschen überlassen - aber, wie in der Anarchie ja erwünscht und dann hoffentlich auch üblich, in ständiger Kommunikation und so auch Reflexion.

Das würde auch für den Umgang mit der Macht gelten. Eine pauschale Ablehnung, Macht zu erobern oder umzufunktionieren, würde den Menschen bevormunden. Es gäbe plötzlich einen höheren Wert als die freie Entscheidung der Einzelnen und die Vereinbarung der Mehreren. Außerdem fehlt - ähnlich wie beim dogmatischen Verzicht auf Gewalt - ein plausibler Grund für diese Selbstbeschränkung und für das dahinterstehenden, mangelnde Vertrauen in die Entscheidungsfähigkeit der Menschen. Ein Dogma würde Tausende noch unbekannter Fälle in unterschiedlichen Rahmenbedingungen pauschal über einen Kamm scheren - ein deutlicher Verlust von Handlungsfreiheit.

Insofern bleibt als emanzipatorische Perspektive nur die Offenheit bei maximaler Aneignung von Handlungskompetenz und Förderung von Kommunikation, um die typische Fehlerquote von Ad-hoc-Reaktionen zu verringern. Macht und Gegenmacht werden eine Nachdenkfeld dieser Art sein: Sind alle Befreiungen ohne eine macht- und mitunter auch gewaltförmige Zurückweisung der Obrigkeit möglich?
Zudem können Teilschritte sinnvoll erscheinen, vor allem wenn sie die Handlungsmöglichkeiten für dann folgende Schritte erweitern. Die Debatte um Reform und Revolution gewinnt eine völlig neue Dimension, wenn es nicht mehr auf die Quantität von Veränderung, sondern auf deren emanzipatorische Qualität ankommt. Dann würden die meisten, heute als Reformen vorgebrachten Vorschläge politischer Veränderung immer noch "durchfallen" - aber nicht weil sie nur Teilschritte sind, sondern weil sie Macht nicht abbauen, sondern oftmals sogar Kontrolle und staatliche Macht einfrodern oder sogar erweitern.

Im Original: Die Klaviatur der Macht spielen? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Macht und Gegenmacht
Aus: Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 15)
Beschränkt sich der Faktor eigener Macht in den meisten Fällen auf die Rolle sogenannter "Gegenmacht", so erscheint die Problematik noch überschaubar. Sie erreicht jedoch eine andere Dimension, wenn sich die Rolle des gesellschaftlichen Agierens vom Revoltieren weg - hin zur Neugestaltung gesellschaftlicher Realität wandelt. Die Schwierigkeiten im Umgang mit Macht traten in der anarchistischen Geschichte deshalb immer dann am deutlichsten zu Tage, wenn es gelungen war, libertäre Philosophie aus den Diskussions- und Widerstandszirkeln in breitere soziale Zusammenhänge wirken zu lassen, sprich wirkliche gesellschaftliche Relevanz zu ereichen.

Nischen, Freiräume, Konkurrenzen in den Eliten nutzen
Aus: Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 21)
Auch in einem System moderner Staatlichkeit, das durch Einbindung und soziale Sicherungssysteme weitreichende Identifizierungsebenen schafft, die Formen staatlicher Herrschaft als positiv und den Menschen zugewandt erscheinen läßt, gibt es Brüche des Funktionierens. Sei es die Durchsetzung von Großprojekten (AKW's, Flughäfen etc.), sei es Entgarantierung und das Ausdünnen sozialer Sicherungs­systeme zugunsten der Profite, oder auch offen rassistische Ausgrenzung von anderen Menschen, all dies (und vieles mehr) ist geeignet Aufmerksamkeit gegenüber staatlichem Agieren zu wecken. Diese Situationen, in denen Staat durchaus erkennbar autoritär und unmenschlich erscheint, sind geeignet Widerstand hervorzurufen. Der, soll er nicht auf der Ebene reinen Unmuts verharren, eine eigene Potenz, bis hin zur Gegenmacht entwickeln muß.

Anarchie ist die anspruchsvollste aller gesellschaftslichen Theorien, weil sie keine festen Regeln und Schemata kennt. Ihr Anspruch ist, die Unterschiedlichkeit der Menschen zur vollen Blüte zu bringen, weil genau diese dann gar nicht mehr kontrollier- und berechenbare Menge an Kreativität, individuellen Handlungsimpulsen und die folglich auch sehr vielfältige Form von Kommunikation und Kooperation die besten Voraussetzungen für Fortschritt im Sinne der Selbstentfaltung und besserer Lebensmöglichkeiten bringt.

Strategie für die Anarchie

Zur Theorie muss eine Strategie kommen. Dieser - durch seine militärische Verwendung gerechtfertigt anrüchige Begriff - soll hier die Verknüpfung von Theorie und Praxis bezeichnen: Wie kann der Weg zum Ziel aussehen? Wie entwickeln sich überhaupt Zielaussagen aus den Grundannahmen über den Menschen, die Welt und die Verfasstheit der Gesellschaft mit all ihren Herrschaftsformen? Welche vielen kleinen oder auch großen Schritte verändern die Welt? Und wie wirken Erfahrungen aus der Praxis sowie neue Erkenntnisse aus gesellschaftlicher Analyse und Wissenschaft selbst wieder zurück auf die Theorie, die schließlich nicht starr sein darf, sondern mit allem anderen immer wieder vorangetrieben werden sollte?

Stowasser, Horst (2007): "Anarchie!", Nautilus in Hamburg (S. 493)
Für überzeugte Libertäre bedeutet dies, sofern sie in solchen Prozessen überhaupt noch eine Rolle spielen wollen, zweierlei: Sie dürfen erstens nicht nur auf das Endziel starren, sondern müssen die Krisen der heutigen Herrschaftsform als Strukturprobleme einer verfehlten Verwaltungsphilosophie verstehen. Zweitens dürfen sie nicht auf die automatische Erfüllung solcher Entwicklungsstränge hoffen; sie müssen etwas dafür tun. Das heißt, nach Wegen, Ansätzen und Chancen zu suchen, sich mit besseren Strukturen dort einzubringen, wo die schlechteren Strukturen versagen. Ein Aufspüren von Krisen also, das jedoch nur dann Sinn macht, wenn die Libertären außer Kritik auch Alternativen im Gepäck haben.
Mit einem Wort: Die Libertären müssten lernen, strategisch zu denken.

So unterschiedlich Auffassungen und AkteurInnen sind, so wenig kann es eine einheitliche Strategie geben. Das ist auch nicht nötig, wenn zur Strategie eine intensive Diskussions- und auch Streitkultur gehört. Denn eine solche kann als wichtige Produktivkraft wirken, d.h. sie treibt Theorie- und Strategieentwicklung ebenso voran wie sie neue Ideen und Ansätze für praktische Umsetzungen liefert.

Strategisches Denken ist intensives Nutzen der eigenen Erkenntnismöglichkeiten. Wie ist die Lage? Wo stecken und verstecken sich Herrschaftsformen und Machtgefälle, wo ungleiche Möglichkeiten? Was sind die Ziele? Wie können wir uns diesen Annähern, gibt es große Schritte, Experimente, direkte Interventionschancen? Der Kopf darf ruhig ordentlich brodeln ob der vielen Abwägungen, genauem Hinsehens, Hinterfragens und kreativen Entwerfens, die ein strategisches Vorgehen erfordern. Strategiefindung ist Sache jeder/s Einzelnen, aber genauso in den Runden mehrerer Menschen nicht nur möglich, sondern sinnvoll. Die Qualität steigt hier mit der Streit- und Diskussionskultur, d.h. Gruppen dürfen keine Runden der Selbstbestätigung, sondern der kritischen Auseinandersetzung sein. Wenn mehr zusammenkommen, muss es ein Mehr an Skepsis, Hinterfragen, aber auch an Kreativität geben. Dazu können vorhandene Methoden zur Förderung von kreativer Debatte und Hierarchieabbau genutzt bzw. neue erfunden werden.

Kann es anarchistische Programmatik geben?

Überall in politischen Kreisen werden Forderungskataloge, Parteiprogramme und Ähnliches entworfen. Zwar weicht die Realpolitik fast immer erheblich von diesen programmatischen Selbstfestlegungen ab, und der Verrat ist eher Alltag in Parteien, NGOs, Kirchen oder Interessenverbänden. Aber dennoch scheinen diese Programme einen Beitrag zu einer kollektiven Identität zu haben. Bemerkenswerter als das Programm selbst sind dabei oft die Prozesse, in denen diese formuliert werden. Mitunter entstehen in solchen Phasen sogar interessante Debatten, die zu mehr führen als einen Neuaufguss des Vorherigen, also alten Wein in neuen Schläuchen.

Kann es auch eine anarchistische Programmatik geben? Lohnt der Streit um Zukunftsentwürfe und konkrete Forderungen? Ja und Nein. Ja, weil es immer sinnvoll ist, um Positionen und Ideen zu streiten. Dafür braucht es ein innovatives Debattenklima und eine anregende Streitkultur. Anarchistische Theorie ist überwiegend deutlich veraltet und braucht die Auffrischung. Herrschaftsfreiheit und Emanzipation sind schließlich keine Rückbesinnung auf frühere Phasen der Geschichte, die zurückgewonnen werden sollen - so wie es manch bürgerliche Oppositionelle mit ihren Forderungen nach Reregulierung der Weltwirtschaft versuchen (nebenbei gesagt: Eine wenig durchdachte Position auf einer bemerkenswert schlecht analysierten politischen Lage einschließlich der Epochen, in die das Rad der Geschichte zurückgedreht werden soll).
Anarchie ist ein Modell der Zukunft. Das funktioniert nicht als nostalgische Rückschau auf 100 Jahre alte Bücher und irgendwelche kurzen Kampfphasen unter anarchistischer Flagge. Darum braucht es die offensive Debatte, das Ringen um Entwürfe - utopische und viele kleine für die heutige Situation.

Gleichzeitig aber muss der Idee einer anarchistisches Programmatik ein klares Nein entgegengestellt werden. Anarchie ist die Abwesenheit von Sicherheiten, denn diese sind immer nur sozial konstruierte Scheinklarheiten, die Menschen für konkrete Arten des Lebens bereit und breitklopfen sollen. Anarchie ist dynamisch und immer eine Welt, in der viele Welten Platz haben. Das gilt bereits für die Debatte und das Entwerfen von Zukünften und Vorschlägen. Es wird dieser viele geben - und das wäre kein Nach-, sondern ein Vorteil, wenn es gelingt, eine vorwärtstreibende Debatten- und Streitkultur zu entwickeln. Noch besser wäre es, wenn anarchistische Debatten in andere gesellschaftliche Auseinandersetzungen und auch in wissenschaftliche Kreise hineinstrahlen könnten, damit neues Wissen einbezogen werden kann in die Überlegungen, wie Befreiung und Selbstorganisierung vorangebracht werden können.

Im Original: Anarchistische Programmatik? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Errico Malatesta: Ein anarchistisches Programm. In: Gesammelte Schriften Band 1, Karin Kramer Verlag, Berlin, 1977
1. Abschaffung des Privateigentums an Boden, an Rohstoffen und Werkzeugen, damit niemand mehr die Mittel habe, von der Ausbeutung fremder Arbeitskraft zu leben und jeder, da er der Mittel zur Produktion und zum Leben sicher ist, wahrhaft unabhängig sei und in der Lage, sich freiwillig mit anderen um eines gemeinsamen Zieles wegen zu vereinigen, und zwar entsprechend seinen ganz persönlichen Sympathien.
2. Abschaffung von Herrschaft und jeder Gewalt, die Gesetze macht und sie den anderen aufzwingt: daher Abschaffung der Monarchien, Republiken, Parlamente, Armeen, Polizeikräfte, Magistraturen und jeder Art von Institutionen, die mit repressiver Gewalt ausgestattet ist.
3. Organisation des sozialen Lebens durch freie Assoziation und Förderationen von Produzenten und Konsumenten, die gemäß den Wünschen ihrer Mitglieder geschaffen und verändert werden, durch Wissenschaft und Erfahrung geleitet werden und frei sind von jeder Art Zwang, der nicht natürlichen Bedürfnissen entspringt, denen sich jeder freiwillig unterwirft, weil ihn ein Gefühl unabdingbar Notwendigkeit überzeugt hat.
4. Die Mittel zum Leben, zur Entfaltung aller Fähigkeiten und zum Wohlsein werden Kindern und all denjenigen, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen, garantiert.
5. Krieg den Religionen und allen anderen Lügen, selbst denen, die sich den Mantel der Wissenschaftlichkeit umwerfen. Fortgeschrittene wissenschaftliche Bildung für alle.
6. Krieg den Rivalitäten und den nationalen Vorurteilen. Abschaffung der Grenzen; Brüderlichkeit zwischen allen Völkern.
7. Regeneration der Familie, wie sie sich aus der Praxis der Liebe ergeben wird, die von jedem gesetzlichen Zwang, jeder ökonomischen Unterdrückung, jedem religiösen Vorurteil befreit ist.
Anarchie als kultureller Impuls

Der Wille zu Selbstorganisierung und Verlassen vorgegebener Bahnen und Rollen ist mehr als eine akademische Übung - und erst recht mehr als eine identitäre Kein-Bock-Negation, die ein paar Monate, seltener Jahre hält, um dann der schleichenden Akzeptanz des offensichtlich Unabwendbaren zu weichen.
Anarchie verspricht eine Welt ohne oder - das wird sich dann erst noch herausstellen, wie weit etwas gehen kann - mit deutlich reduzierten Zwängen, Rollenerwartungen, Zurichtungen und Hierarchien. Der Mensch in seiner Eigenartigkeit rückt in den Mittelpunkt des Geschehens. Das aber wird nur funktionieren, wenn die Menschen die Lücke auch füllen, d.h. die Dominanz der Fremdbestimmung muss einer erwachenden Selbstbestimmung weichen. Sie bedeutet Willensstärke, Aneignung von Fähigkeiten, aktive Kommunikation, Anbahnung von Kooperation und Teilnahme an Debatte bzw. Streit. Zu der heutigen Welt und den Zurichtungen, die Menschen im Laufe ihrer sogenannten Erziehung kassieren, steht das in krassem Gegensatz. Diesen Gegensatz auszuleben, neue Vorschläge in die Gesellschaft zu tragen, sich an dieser zu reiben, Experimente zu starten und den eigenen Willen zu stärken, das Handeln in die Hand zu nehmen, bedeutet bereits heute einen kulturellen Wandel im Kopf: Weg von der Instantgesellschaft, weg von den vorgegebenen und vorgetrampelten Pfaden des Lebens hinein in eine aktive Rolle. Heutige anarchistische und alternative Projekte, selbstverwaltete Zentren und offene Räume zeigen, wie wichtig diese Selbstveränderung, diese Stärkung des eigenen Willens ist. Denn dort, wo im emanzipatorischen Experiment Hierarchien und Zwänge verschwinden, baut sich zur Zeit regelmäßig eine apathische Stimmung auf. Deutlich ist zu spüren, dass der Wille, das Leben und die freien Zusammenschlüsse selbst zu gestalten, fehlt. Gleichgültigkeit und die Flucht in fremde Orientierungen - von Cliquen über Verbandsidentitäten bis zum Internet mit seiner Fremdsteuerung über die angebotenen Links - sind an der Tagesordnung. Prickelndes, sich selbst entfaltendes Leben sieht anders aus. Das gilt auch für politische Bewegung, wo vorgefertigte Aktionsangebote die Protestlandschaft beherrschen - von Instant-Protestschreiben über durchgeplante Massenaktionen bis zur Reduzierung auf Spenden und Mitgliedschaft. Damit mögen politische Gruppen im Detail etwas erreichen. Insgesamt aber stärken sie das, was die heutige Gesellschaft ausmacht: Fremdbestimmung und Fremdorientierung.
Für eine emanzipatorische Veränderung aber bedarf es der Befreiung, nicht zusätzlicher eingefahrener Gleise. Das ist auch ein Appell an alle, die sich schon als AnarchistInnen fühlen oder definieren. Eine Stärkung des Individuellen ist Sache der einzelnen AkteurInnen selbst. Es gilt, sich selbst zu ermächtigen, das eigene Leben und die Kooperation mit anderen zur eigenen Sache zu machen. Sich von Bewegungsagenturen oder Organisationen steuern zu lassen, ist ebenso wenig emanzipatorisch oder anarchistisch wie das Hineintauchen in die Geborgenheit von Cliquen mit Revolutionssymbolik oder in die fremdgesteuerten Welten des Internets. Wer die ständige Bevormundung von außen ablehnt, muss Willensstärke entwickeln und Knowhow tanken. Sonst erscheint die Rückkehr in die vorgegebenen Gleise herrschaftsförmiger Welten irgendwann als erstrebenswert.

Für mehr Strategie und mehr StrategInnen in anarchistischer Theorie und Praxis

Das dünne theoretische Niveau der meisten anarchistischen Strömungen und Organisationen, gesteigert noch durch die ver(w)irrende Flucht auf das sicher scheinende demokratische Terrain, die schwache praktische Umsetzung von Ideen und fast überall fehlenden Strategien, wie Theorie und Praxis verbunden und entwickelt werden können, rückt das, was für Außenstehende als Anarchie sichtbar wird, oft in die Nähe durchgeknallter, spätpubertierender oder träumender Haufen. Bedauerlicherweise lässt sich dieser Eindruck unter anderem deshalb nicht abwenden, weil er vielfach schlicht zutrifft. Das ist nicht nur ein Problem, sondern schafft auch weitere. So wird der Anarchismus als Nische wahrgenommen. Seine AnhängerInnen verziehen sich in identitäre Cliquen und neigen auch bei großen Politaktionen zur Bildung einheitlicher Blöcke. Zudem schreckt der Mangel an Theorie und Strategie viele Menschen ab. Wer sich trotz des schlechten Niveaus anarchistischer Organisierung Knowhow zur Selbstorganisierung im Alltag oder zur durchdachten Durchführung von Aktionen aneignet, gelangt schnell zu der Erkenntnis, dieses in der Ablehnungsfront jeglicher Fremdbeherrschung, leider aber auch jeglicher Selbstorganisierung nicht sinnvoll anwenden zu können. Der Wille zur konsequenten Umsetzung anarchistischer Ideen ist fast nirgendwo vorhanden. Anarchie ist Verbalradikalismus plus Gefahr vermittelnder Attitüde und - blindes Huhn find' auch mal ein Korn - direkter Aktion als Ausnahmeabenteuer im sonst eher tristen Leben.
Diese Lage führt zum Exodus vieler Menschen, die sich Knowhow aneignen und strategischen Anspruch auf ihre Selbstorganisierung und Aktionen haben. Sie stehen vor der Wahl, nur noch allein oder in kleinen Kreisen zu agieren, das politische Leben zu beenden, im Sumpf des anarchistischen Vegetierens zu versinken oder die eigenen Inhalte zu verraten, um in alternativ wirkenden Firmen, Bewegungsagenturen, politischen Parteien oder NGOs wenigstens die erfolgreiche Umsetzung der dann leider inhaltlich nicht mehr überzeugenden Vorhaben zu erleben. So verliert der Anarchismus permanent die Köpfe, die für eine wirksame gesellschaftliche Einmischung so wichtig sind. Denen, die nur auf Wohlfühlatmosphäre in anarchistischen Cliquen und Bezugsgruppen oder auf anarchistische Label stehen, mag das nicht stören - sie würden sich vielleicht sogar aufgeschreckt fühlen aus ihren freundlichen Nestern, die als Nische in der bösen Wirklichkeit ein bisschen Wärme versprühen und einem selbst den Hauch des besseren Lebens verpassen. Wenn Anarchie aber Wirklichkeit werden soll, wird dieses Aufschrecken wohl nötig sein.

Zum nächsten Text über konkrete Vorschläge und neue Ansätze, dem zweiten Text im Kapitel über Perspektiven der Anarchie

Die Seiten zur Anarchie auf www.projektwerkstatt.de

Weitere Links