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Aktuelle Theorieansätze.
Worüber AnarchistInnen nachdenken, wenn sie denken

Herrschaftsanalyse traditionell und modern ++ Links

Hier beginnt das Kapitel "Anarchie von Theorie bis Praxis: Theorien, Lücken und blinde Flecken" im Buch "Anarchie. ..." (Gliederung)

Wer sich anarchistische Zeitungen, Internetseiten oder Treffen anschaut, stellt etwas Bemerkenswertes fest: AnarchistInnen sind nicht nur herrschafts-, sondern auch theoriefeindlich. Zwar prägen die Schriften alter TheoretikerInnen viele Büchertische und Textsammlungen, aber die meisten Menschen, die anarchistische Camps oder Kongresse besuchen, haben eine andere Beziehung zu "ihren" Altvorderen namens Bakunin, Kropotkin, Rocker oder - ganz praktisch als Quotenerfüllung - Goldmann als die MarxistInnen zu Marx, Engels oder Lenin. Zugegeben: Auch (nervig) viele der AnhängerInnen des Sozialismus oder Kommunismus kleben an den Klassikern und sind desinteressiert oder nicht im Stande, moderne Herrschaftsanalysen in ihre Gedanken und Handlungen einfließen zu lassen. Doch es gibt Strömungen und Diskussionskreise, die marxistische Ideen auf die heutige Zeit anwenden, fortentwickeln und mitunter sogar zu überwinden versuchen. Bei den AnarchistInnen sieht das schlechter aus: Ihnen fehlt es weitgehend an aktueller Theoriearbeit zu Herrschaftsformen, Zwangsmechanismen und Befreiung meist völlig. Die alten Klassiker liegen auf den Büchertischen herum, ihr Verkauf schwankt mit dem "In"-Sein anarchistischer Symbolik. Doch eine Theoriearbeit, die sich auf neue Herrschaftsanalysen bezieht oder zumindest die klassischen TheoretikerInnen weiterentwickelt, fehlt. Mehr noch: Die führenden, sich anarchistischen Zeitungen wie "Direkte Aktion" und "Graswurzelrevolution" reagieren geradezu allergisch auf Texte mit theoretischen Neuerungen und Entwürfen. Sie halten dogmatisch an alten Konzepten fest, bejubeln lieber ihre langes Eigendasein als neue Ideen und glänzen beide mit der Zensur abweichender Positionen - obwohl die in der Regel der Auslöser von Theorie-Weiterentwicklungen wären.

Im Original: Theoriemangel im Anarchismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 127)
Im Umkreis der alternativen Betriebe und Projekte wird eher pragmatisch verfahren. Das Fehlen weitergehender Perspektiven wird oft begleitet von einer Abneigung gegenüber theoretischen Erörterungen. So stößt man häufig dort auf politische Orientierungslosigkeit, wo nicht immer noch die alten marxistisch-staatssozialistischen Konzepte der Gesellschaftsveränderung dominieren.
Die wenigen - bisweilen sehr naiven - Versuche, eine Perspektive zu entwickeln, wie man über eine schrittweise Ausdehnung der Alternativökonomie, über die Herausbildung einer Gegenkultur und über die Ausweitung und Vernetzung von Selbsthilfeaktivitäten »dem System« wirksam Konkurrenz machen könnte, um es schließlich überflüssig werden zu lassen, wurden schon vor einer ernsthaften Diskussion so massiv kritisiert, daß es kaum noch zu den notwendigen Modifikationen und Einschränkungen kommen konnte.‚ Vor allem die mit diesen Vorstellungen verbundenen Perspektiven einer dezentral organisierten Gesellschaft und Ökonomie blieben weitgehend unbeachtet.

Angesagt ist vor allem der Bezug auf die bekannten ökonomischen, sexistischen und rassistischen Unterdrückungsformen sowie die abstrakten Kapitalbesitzverhältnisse. Sie sollen daher zuerst beschrieben werden. Danach folgen die vergessenen Herrschaftsformen. Ihre theoretischen Grundlagen werden hier nur kurz dargestellt, da mit "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" bereits eine Veröffentlichung vorliegt, die Herrschaftsverhältnisse und Perspektiven herrschaftsfreier Zukünfte umfangreich analysiert. Auf die dortigen Texte sei daher verwiesen.

Zu wenig: Das traditionelle Verständnis von Herrschaft

Die Welt wimmelt von Unterschieden zwischen den Menschen. Diese entstammen nicht nur der Individualität und Eigenartigkeit von Menschen, sondern auch aus sozialen Zwängen, systematischer Ungleichheit beim Zugang zu Handlungsmöglichkeiten und Ressourcen, Diskursen und anderen Arten der Beeinflussung, die von privilegierten Gruppen gesteuert werden. Wer mit einem emanzipatorischen Anspruch Politik betreibt, also Herrschaft abbauen und auf eine herrschaftsfreie Utopie hinwirken will, muss diese Vielfalt an Formen der Unterdrückung, Verhaltenssteuerung und Fremdbestimmung aufdecken. Der Einsatz für Verbesserungen verspricht zwar punktuell Erfolg, nie aber sollte vergessen werden, dass es viele Formen der Beherrschung gibt und Befreiung deshalb an vielen Orten nötig und möglich ist.
Der überwiegende Teil anarchistischer Debatte um Theorie und Praxis, so diese überhaupt stattfindet, dreht sich um wenige, schon länger bekannte, d.h. "klassische" Herrschaftsformen.

Im Original: Klassiker: Klare Ablehnung formaler Macht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Michail A. Bakunin: Gott und der Staat. Grafenau: Trotzdem Verlag
Bis jetzt war die ganze Geschichte der Menschheit nur ein beständiges und blutiges Opfern von Millionen armer menschlicher Wesen für irgendeine unerbittliche Abstraktion: Götter, Vaterland, Staatsmacht, nationale Ehre, geschichtliche Rechte, juridische Rechte, politische Freiheit, öffentliches Wohl.

Erich Mühsam (1926): Staatsverneinung. In: FANAL, Jahrgang 1, Nummer 1, Oktober 1926
Es gibt keine andere Unterwerfung von Menschen unter die Macht anderer als ihre Fesselung in wirtschaftliche Hörigkeit. Das politische Zwangsinstrument dieser wirtschaftlichen Fesselung ist der Staat.

Michail A. Bakunin: Gott und der Staat. Grafenau: Trotzdem Verlag
Vorrechte, jede bevorrechtete Stellung haben die Eigentümlichkeit, Geist und Herz der Menschen zu töten. [...] Eine wissenschaftliche Körperschaft, welcher die Regierung der Gesellschaft anvertraut wäre, würde sich bald gar nicht mehr mit der Wissenschaft, sondern mit ganz anderen Dingen beschäftigen; sie würde, wie alle bestehenden Mächte, sich damit befassen, sich ewige Dauer zu verschaffen.

Rudolf Rocker: Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus
Auf diese Weise entwickelte sich der moderne Staat (...). Die neu entstandenen besitzenden Klassen benötigten ein politisches Machtinstrument, um ihre ökonomischen und sozialen Privilegien gegenüber den Massen des Volkes zu behaupten.

Aus: Junge Linke*: Kritik am Anarchismus
Dafür, daß es AnarchistInnen um Herrschaftslosigkeit geht, ist ihre Theorie, was Herrschaft ist, oft erstaunlich schlicht. Herrschaft wird zumeist als reiner Zwangszusammenhang mißverstanden, d.h. die mittels eines Gewaltapparats aufrechterhaltene Diktatur einer Minderheit über die Mehrheit. [...] Die Untertanen tauchen ausschließlich als Opfer staatlicher Gewalt auf.
*Die Junge Linke ist eine marxistische Organisation, die mit diesem Text und thematisch ähnlichen Seminaren den Anarchismus denunzieren wollte. Daher weigerten sie sich auch, anarchistische TheoretikerInnen zu ihren Seminaren einzuladen, um ihre These der Theorielosigkeit, die über weite Strecken zutrifft, widerspruchslos verkünden zu können.
Kategorien, aber keine Einheiten: Klassen, Geschlechter, Rassen

Anarchistische Theorie und Praxis beziehen sich immer wieder auf die klassischen Unterdrückungsformen. Diese fußen auf der Zuweisung vermeintlicher oder bestehender körperlicher oder sozialer Verhältnisse zu eindeutig abgrenzbaren Gruppen. Seit Jahrzehnten Gegenstand politischer Theorie und Kämpfe sind dabei drei Kategorien, die sich allerdings von ihrer Logik her grundsätzlich unterschieden. Rassen sind frei erfunden. Sie basieren auf einem willkürlich gewählten Körpermerkmal (Hautfarbe), ignorieren dabei andere Merkmale und insgesamt die Vielfalt von Merkmalen des Aussehens. Die ist vielmehr so groß, dass ihre Kombination jeden Menschen zu einer völlig einmaligen Erscheinung macht. Es gäbe, wenn Aussehen zu Kategorien führt, also bei 7 Milliarden Menschen genau 7 Milliarden Rassen. Da aber nur die Hautfarbe zählt (und nicht Augenfarbe, Haarwuchs, Armlänge, Bauchumfang, Ohrläppchenform oder was ansonsten noch mit der gleichen wissenschaftlichen Begründetheit - nämlich keiner - hätte ausgewählt werden können), gelang die Konstruktion von Rassen. Allerdings wurde selbst dann noch ausgeblendet, dass überall Übergangsformen möglich sind, d.h. schon bei der Hautfarbe kein Bruchpunkt erkennbar war, der eine Grenzziehung ermöglicht hätte. Es bedurfte daher einer konstruierten Rassentheorie, um - ideologisch unterfüttert - den Glauben in die Köpfe zu trichtern, es gäbe Rassen.

Nur leicht anders sieht es bei den Geschlechtern aus. Im gesellschaftlichen Alltag und in den, für die Ausbreitung gesellschaftlicher Diskurse wichtigen Schulbüchern und Kinderspielzeugen, ist die Welt einfach: Es gibt Männer und Frauen, also zwei Geschlechter. Näher betrachtet würde diese Zweiteilung zwar schnell ins Wanken geraten, denn in der gesteuerten Wahrnehmung werden die vielen Misch- und Übergangsformen regelmäßig ausgeblendet oder chirurgisch beseitigt, d.h. angepasst. Es sind nicht wenige Kinder, die nach ihrer Geburt zwecks Herstellung eindeutiger primärer Geschlechtsmerkmale erstmal auf dem Operationstisch landen.
Zudem stellt bereits die Fokussierung auf bestimmte, als primär benannte Geschlechtsmerkmale eine gerichtete Wahrnehmung dar. Denkbar wäre, mehr Merkmale aufzunehmen - und tatsächlich: Es gibt Regionen und Kulturen auf der Welt, in denen mehr Geschlechter eingeteilt werden. Außerdem können sich optische Zuordnung und gefühltes Geschlecht unterscheiden - auch hier ist dann rein willkürlich, dass die optische Zuordnung zur formal gültigen wird.

Im Original: Mehr als zwei Geschlechter ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wikipedia zu Intersexualität
Die Idee, dass eine strikte Aufteilung aller Menschen in zwei Geschlechter (z.B. Adam und Eva) den natürlich vorhandenen Gegebenheiten nicht gerecht werde, ist nicht neu. In einigen Kulturen und Religionen werden Intersexuelle (oft zusammen mit Transgender-Personen) als Angehörige eines dritten Geschlechts betrachtet, wie die Two-Spirit vieler nordamerikanischer Indianerstämme, indische Hijras (humsafar: Erklärung der Untergruppen (Englisch)), die Khanith Omans oder thailändischen Katoys.

Obwohl Geschlechter und Rassen ganz erfunden oder mit hohem Grad an Willkürlichkeit zugeordnet sind, bilden sie den Ausgangspunkt sozialer Stigmatisierung und prägen Diskurse über vermeintlich einheitliche Eigenschaften. Die ungefragte Zuordnung und das Überstülpen sozialer Etiketten sind Formen der Herrschaftsausübung. Sie unterwerfen Menschen als ganze Persönlichkeit diesen Schubladen, in dem sie sie einerseits so behandeln und andererseits das Denken über sich selbst so beeinflussen, dass die Menschen regelmäßig tatsächlich zum Produkt ihrer Zurichtung werden, d.h. ihre Rolle annehmen. Dann bestätigen und betätigen sie selbst den Diskurs.

Anders sehen die Verhältnisse bei der dritten großen Kategorie aus, die in den Debatten um Unterdrückungsverhältnisse benannt wird: Den Klassen. Sie beruhen auf dem Verhältnis zum Kapitalbesitz, also des Eigentums an Produktionsmitteln. Wer über dieses verfügt, kann es einsetzen, um für sich ein finanzielles Auskommen zu sichern oder gar Gewinne anzuhäufen. Wer keinen solchen Besitz hat, muss die eigene Arbeitskraft verkaufen, um im Kapitalismus das Überleben zu sichern. So würde sich die Welt in die besitzende und die Arbeiterklasse spalten, welche sich gegenüberstehen und, so wird mitunter behauptet, prinzipiell unterschiedliche Interessen haben. Befreiung sei daher ein Klassenkampf.
Nun weist dieses Einteilen auch hier eine Menge eine Reihe von Fragwürdigkeiten auf. Da ist zum einen das Kriterium des Kapitalbesitzes. Das mag vor 200 Jahren, als FabrikbesitzerInnen ihren ArbeiterInnen gegenüberstanden, noch eine gewisse Berechtigung gehabt haben. Aber heute? Die meisten Firmen sind Kapitalgesellschaften oder Ähnliches, d.h. sie gehören nicht mehr konkreten Personen, sondern zum Teil - welch Ironie - zu guten Teilen denen selbst, die sich von ihnen ausbeuten lassen. Die Topmanager und wenigen -managerinnen, die absurde Gehälter beziehen, weil sie andere Menschen mehr oder weniger erfolgreich ausbeuten, sind selbst auch keine KapitalbesitzerInnen, wohl aber die AntagonistInnen der ArbeiterInnen. Zwischen Chefetage und befehlsempfangenden Ausführenden gibt es jede Menge Übergänge. Eine klare Grenze ist nirgends mehr zu erkennen.
Zudem bilden die Sphären keinerlei Einheitlichkeit. Der Konkurrenzkampf um die Plätze ist oben wie unten gleich. Autoritäre und antiautoritäre Charaktere, Machtmenschen und Softies, Nazis und AnarchistInnen - das alles gibt es auf allen Ebenen. Wenn sich auf den Straßen Dresdens am 13. Februar Nazis und Antifas prügeln, dann sind es beides vor allem Angehörigen der vermeintlichen "ArbeiterInnenklasse". Stellen sich schlecht bezahlte, aber gut ausgerüstete Prügelcops dazwischen und dreschen im Zweifel auf beide anderen Gruppen drein, so gehören auch sie dieser Klasse an.

Das Ganze ist aber ohnehin löcherig: Mit den drei Kategorien, die mit dramatischen Unterdrückungserscheinungen verbunden sind, ist es nämlich nicht getan. "Triple oppression", also die dreifache Unterdrückung, die sich auf die genannten drei Kategorien bezieht, ist immer noch zu wenig. Menschen werden nach Alter (stigmatisiert als "minderjährig" oder "alt"), körperlichem Zustand ("krank", "verrückt", "dick" usw.), aus der Norm fallenden sozialen Verhaltensweisen ("kriminell", auch hier "verrückt" usw.) oder anderen Merkmalen in Schubladen gesteckt und aufgrund dieser stigmatisiert. Für etliche dieser Unterdrückungsformen sind noch nicht einmal Fremdwörter oder Fachbegriffe geläufig - untrügliches Kennzeichen, dass sie noch nicht einmal im Bewusstsein angekommen sind.

Mensch kommt mit den groben, bis zur Verfälschung und Willkürlichkeit gehenden Einteilungen also nicht weiter, wenn die deutlich komplexeren gesellschaftlichen Verhältnisse erfasst, analysiert und verändert werden sollen. Das bedeutet nicht, dass es überflüssig ist, Rassismus, Sexismus und Klassenunterschiede überhaupt noch zu denken. Denn die gesellschaftliche Realität wird nicht nur von denen geprägt, die sie verändern wollen. Klassen, Rassen und Geschlechter werden gemacht. Die Befreiung der Menschen geht mit der Auflösung dieser - und weiterer - Kategorien einher. Solange sie oder ihre Voraussetzungen aber hergestellt, d.h. konstruiert werden, gehört die Zertrümmerung der Verhältnisse und Beziehungen, die die Kategorien herstellen, Menschen zuordnen und dann aufgrund der Kategorien in Rollen stopfen oder mit unterschiedlichen Möglichkeiten versehen, zur Praxis der Befreiung dazu. Daher sind Antisexismus, Antirassismus und Antikapitalismus längst keine Geschichte, sondern weiterhin bitter nötig. Aber eben nicht nur sie.

Ökonomische Gewalt: Profit, Wert und Eigentum

Der unterschiedliche Zugang zu Produktionsmittel mag - zumindest heute - nicht mehr zu Abgrenzung von Klassen taugen. Er ist aber dennoch real und Teil von ökonomischen Verhältnissen, die systematisch ungleiche Möglichkeiten und damit Privilegien sowie Diskriminierung schaffen. Diese Formen ökonomischer Unterdrückung werden auch von ihren Mechanismen her bereits länger diskutiert, so dass sie an dieser Stelle zu den "klassischen" Formen der Beherrschung gerechnet werden.
Dabei kann zwischen Zwängen, die das gesamte Geschehen und damit alle Beteiligten betreffen, und solchen, die nur bestimmte, nicht-privilegierte AkteurInnen im wirtschaftlichen Raum treffen, unterschieden werden. Ein alle im Zwangsgriff haltender Einfluss ist der nach ständiger Wiederverwertung drängende Wert aller Sachen. Im Kapitalismus ist der Sinn alles Wissens, aller Produktionsmittel und Produkte sowie der des universellen Tauschmittels Geld, wieder der Verwertung zugeführt zu werden in der Hoffnung, dass sich der Wert dadurch ständig erhöht. Geld soll zu mehr Geld gemacht werden, Produktionsmittel müssen Produkte erzeugen, die sich zu - in Geld messbarem - Wert machen lassen. Und all das immer fort.
Diese ständige Wertlogik kann auch als Profitorientierung oder -zwang beschrieben werden: Kapitalistische Wirtschaft bedeutet nicht Bedürfnisbefriedigung, sondern schafft eine endlose Spirale der ständigen Erzeugung neuer Werte durch alten Wert. Ständig müssen neue Profitquellen erzeugt, weitere Lebensbereiche der Profitlogik unterworfen (aktuell: Patente auf Leben, Zertifikate für Luftnutzung, Weltraumreisen und Protestagenturen) und der Umsatz erhöht werden. Innerhalb dieser ewigen Zwangsmaschine zur Verwertung aller Dinge und der menschlichen Denk- und Arbeitskraft bestehen massive Unterschiede zwischen den Beteiligten aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihrer Abschlüsse, ihres Besitzes, ihrer Zuordnung zu Kategorien wie Geschlecht oder Rasse, ihrem Alter und vielem mehr. Der Zwang zu Verwertung und folglich zu Profit trifft zwar alle, aber in unterschiedlicher Weise. So schaffen die ökonomischen Verhältnisse Hierarchien und damit Unterdrückung. Sie schaffen Privilegien und damit als Kehrseite auch Diskriminierung. Sie schaffen Eigentum und damit einerseits Reichtum, andererseits Elend und verschiedene Abhängigkeiten.

Verschlafen oder vergessen: Moderne Herrschaftsanalyse

Die bisher genannten Herrschaftsverhältnisse sind in politischen Protestbewegungen weitgehend bekannt, wenn auch bei weitem nicht überall das Wissen in eine angemessene Praxis mündet. Wer eineN AnarchistIn befragt, welche Herrschaft bekämpft werden soll, so ist bei den meisten wahrscheinlich, dass - neben mehr oder weniger differenziertem Hass auf "die da oben" - die Unterdrückung von AusländerInnen, Frauen und Nicht-Heterosexuellen sowie Nicht-KapitalbesitzerInnen benannt würde. Schwieriger wird es, die verschiedenen Formen in Zusammenhang zu bringen. Meist stehen sie so lose nebeneinander, wie auch die Teilbereichsbewegungen nur seltenmiteinander zu tun haben oder sich gegenseitig missionieren, dass ihr jeweils behandeltes Thema doch das wichtigste und deshalb auch von anderen zu verfolgen sei. Wirre Erwartungen wie die, dass mit Überwindung des Kapitalismus die Befreiung von Frauen, Nichtdeutschen usw. automatisch einhergehen würde, wechseln mit Weltuntergangspsychologie, die Umweltzerstörung hätte so dramatische Folgen, dass jetzt wichtig sei, dass erstmal alle dieses Problem bekämpften, bevor es wieder in die Teilbereichskämpfe zurückginge. Das legitimiert - nicht zu selten - rückwärtsgewandte, anti-emanzipatorische Strategien, wenn z.B. die Frauen am Herd gegen Müllberge aktiviert oder die EinwohnerInnen des am dünnsten besiedelsten Kontinents (Afrika) zu Sündenböcken einer vermeintlichen Bevölkerungsexplosion gemacht werden.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 47 f., mehr Auszüge)
In den Beziehungen zwischen den Geschlechtern wie auch in denen der Männer untereinander gab es also keinen plötzlichen Sprung von dem sexuellen Egalitarismus früher schriftlosen Gesellschaften zu einer männlichen "Priorität“. Wie Biehl bereits deutlich machte, ist es ziemlich unmöglich, die Herrschaft des Mannes über die Frau von der Herrschaft des Mannes über andere Männer zu trennen. Diese beiden Momente standen immer in dialektischer Interaktion miteinander; das Prinzip von Befehl und Gehorsam durchdrang allmählich die gesamte Gesellschaft und führte sogar bei den Frauen zu - wenn auch weniger stabilen - Hierarchien. Am unteren Ende einer jeden sozialen Leiter standen immer die Außenseiter - ob Mann oder Frau - und die Menge der Kriegsgefangenen, die sich im Zuge der ökonomischen Veränderungen zu einem beträchtlichen Sklavenheer auswuchsen.

Zwar tauchte in den 90er Jahren eine neue Begrifflichkeit auf, die vermeintlich das Zusammenhängende von Beherrschung in seinen verschiedenen Facetten bezeichnen sollte. Doch diese "Unity of Oppression", stark gemacht vor allem aus der aufkommenden Tierrechtsszene, die den drei vorhandenen eine vierte Kategorie, die der Unterdrückung nicht-menschlicher Tiere, hinzufügen wollte, war wieder nichts anderes als die Aneinanderreihung von Unterdrückungsverhältnissen unter weitgehendem Verzicht auf eine Analyse, was denn da eigentlich abgeht bei der Schaffung von Kategorien, bei der Durchsetzung und Sicherung von Privilegien und der Erzeugung von Abhängigkeiten.
Das wäre eigentlich Sache von AnarchistInnen gewesen. Schließlich müsste, wer eine herrschaftsfreie Gesellschaft will, doch besonders motiviert sein, genauer zu erfassen, was denn diese Herrschaftsformen ausmacht, wie sie wirken, entstehen und ob sie überwunden werden könnten - und wie. Doch weit gefehlt. Neuere Theoriebücher sind auf anarchistischen Büchertischen höchst selten, die wenigen anarchistischen Zeitungen beschränken sich, wenn sie überhaupt theoretische Texte bieten, auf die klassischen Kategorien der Unterdrückten und in anarchistischen Gruppen ersetzt oft die Parole das Nachdenken. Ein dringend erforderliches Update anarchistischer Debatte und Praxis beginnt daher mit der Auseinandersetzung über die Komplexität, Ursachen und Wirkungsmechanismen von Herrschaft - ohne beim jetzigen Stand stehenzubleiben. Es wäre ein wichtiger Beitrag eines lebendigen Anarchismus, aus einer radikalen, herrschaftsfeindlichen Perspektive heraus die Debatte mitzuführen, voranzutreiben und immer wieder darauf zu bestehen, sich nicht mit Teillösungen für Teilprobleme zufrieden zu geben. Sie können als Schritt in die richtige Richtung sinnvoll sein, ohne das größere Ganze aus dem Auge zu verlieren. Wird aber eine Verbesserung im Detail zur Legitimation oder Stärkung der allgemeinen Herrschaftsverhältnisse, so bedarf es einer klaren Kritik. AnarchistInnen sind nicht die Einzigen, die das aus ihrer Sichtweise heraus so vollziehen können. Aber es wäre typisch für sie. Ihr weitgehendes Fehlen ist daher eine Schwächung emanzipatorischer Positionen.

Im Folgenden sollen nun weitere Herrschaftsformen beschrieben werden, die bisher oft vergessen wurden, deren Überwindung aber notwendig ist auf dem Weg der Emanzipation.

Diskursive Herrschaft

Nicht der Polizeiknüppel, auch nicht eine Dienstanweisung des Arbeitsgebers, sondern schlicht gar kein formaler Zwang bringt uns dazu, in bestimmten vorgegebenen Bahnen und Normen zu denken. Dass wir Menschen in zwei Geschlechter einteilen, uns für Deutsche oder wahlweise einer anderen Nationalität zugehörig halten (und Andere nicht!), zwischen krank und gesund unterscheiden, Strafen und Knäste für notwendig erachten oder im dunklen Wald mehr Angst vor Kriminalität haben als in der Diskothek, basiert weder auf Erfahrungen noch auf überprüfbaren Zahlen - erst recht aber nicht auf einem direktem Zwang, das zu denken. Wir tun das quasi freiwillig in dem Sinne, dass wir keine direkten Nachteile erfahren würden, wenn wir es anders denken. Es könnte sogar von Vorteil sind, z.B. würde es die Gefahr krimineller Übergriffe verringern, sich mehr im Wald und weniger in Diskotheken (oder Familien, kirchlichen Heimen usw.) aufzuhalten.
Doch es kommt einem fremd vor, im Denken abzuweichen von dem, was scheinbar wahr ist, weil es alle denken und für wahr halten. Dabei sind fast alle Überzeugungen, Wertungen und Deutungen künstlich erzeugt. Sie entstammen meist nicht den Köpfen einzelner Autoritäten, sondern sind ein ständiger Fluss von Informationen und der mit ihnen verbundenen ideologischen Deutung. Solche Diskurse sind mächtige, kollektiv getragene Gedankensysteme. Sie beruhen nicht auf unveränderbaren Gesetzmäßigkeiten, sondern folgen Zeitgeist und der Steuerung durch privilegierte Kreise. Medien, Bildung und Politik sind drei Beispiele solcher Zentren, in denen wesentlich geprägt wird, was dann das allgemeine Denken ausmacht.

Im Original: Gegen Abstraktionen und Kategorien ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bakunin, Michail: Gott und der Staat (Nachdruck 1995 im Trotzdem Verlag, Internet)
Die menschliche Individualität, ebenso die der unbeweglichsten Dinge, ist für die Wissenschaft gleichfalls unfaßbar und sozusagen nicht existierend. Deshalb müssen auch die lebenden Individualitäten sich gegen sie verwahren und schützen, um von ihr nicht wie das Kaninchen zum Nutzen irgendeiner Abstraktion geopfert zu werden; wie sie sich gleichzeitig gegen die Theologie, gegen die Politik und gegen die Rechtswissenschaft verwahren müssen, die alle gleichfalls an jenem abstrahierenden Charakter der Wissenschaft teilhaben und das unheilvolle Streben besitzen, die Individuen dem Vorteil derselben Abstraktion zu opfern, die nur mit verschiedenen Namen belegt wird; die Theologie nennt sie die göttliche Wahrheit, die Politik das allgemeine Wohl, die Rechtswissenschaft die Gerechtigkeit. ... (S. 82 f.)
In ihrer gegenwärtigen Organisation, als Monopolisten der Wissenschaft, die als solche außerhalb des sozialen Lebens bleiben, bilden die Gelehrten eine abgeschlossene Kaste, die viele Ähnlichkeiten mit der Priesterkaste hat. Die wissenschaftliche Abstraktion ist ihr Gott, die lebenden und wirklichen Individuen sind die Opfer; sie sind die geweihten und patentierten Opferpriester. ...
Die Wissenschaft kann ebensowenig die Individualität eines Menschen wie die eines Kaninchens erfassen. Das heißt, sie steht beiden gleich uninteressiert gegenüber. Nicht, daß ihr das Prinzip der Individualität unbekannt wäre. Sie erfaßt es vollständig als Prinzip, aber nicht als Tatsache. Sie weiß sehr gut, daß alle Tierarten, die Gattung Mensch inbegriffen, nur wirklich existieren als unbestimmte Zahl von Individuen, die geboren werden und sterben und neuen, ebenso vorübergehenden Individuen Platz machen. ... (S. 84)
Die Wissenschaft weiß das alles, aber sie geht nicht weiter und kann nicht weiter gehen. Da die Abstraktion ihre wahre Natur bildet, kann sie wohl das Prinzip der wirklichen und lebenden Individualität erfassen, aber sie kann nichts mit den wirklichen und lebenden Individuen zu tun haben. Sie beschäftigt sich mit den Individuen im allgemeinen, aber nicht mit Peter und mit Jakob, nicht mit diesem oder jenem Individuum, die für sie nicht existieren, nicht existieren können. Ihre Individuen sind, nochmals bemerkt, nur Abstraktionen. ... (S. 85)
Der ungeheure Vorzug der positiven Wissenschaft vor der Theologie, Metaphysik, Politik und dem juristischen Recht besteht darin, daß sie statt der von diesen Lehren verkündeten lügenhaften und unheilvollen Abstraktionen wahre Abstraktionen aufstellt, welche die allgemeine Natur oder die Logik der Tatsachen selbst, ihre allgemeinen Beziehungen und die allgemeinen Gesetze ihrer Entwicklung ausdrücken. (S. 87)

Eng verbunden damit sind das Ringen um Wahrheit und Definitionsmacht. Denn die Fähigkeit, Wahrheit definieren zu können, verhilft zu bemerkenswerter Macht via Beeinflussung der Menschen, die von der Wucht der Wahrheit erdrückt werden. Sie wagen ihre abweichende Auffassung nicht mehr zu formulieren oder verdrängen sie, die ja, wenn der Wahrheit entgegenstehend, als falsch gebrandmarkt ist.

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Aus Bakunin, Michail: Gott und der Staat (Nachdruck 1995 im Trotzdem Verlag, Internet)
Die wahre Geschichtswissenschaft zum Beispiel ist noch nicht, und man beginnt heutzutage kaum, sich von ihren unendlich verwickelten Bedingungen eine Vorstellung zu machen. Aber nehmen wir an, diese Wissenschaft bestehe: Was wird sie uns geben können? Sie wird das treue, wohldurchdachte Bild der natürlichen Entwicklung der allgemeinen, materiellen und ideellen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen, religiösen, philosophischen, ästhetischen und wissenschaftlichen Verhältnisse der Gesellschaften geben, welche eine Geschichte gehabt haben. (S. 87)
Kollektive Identitäten und Vereinnahmung

Ganz ohne direkten Zwang, wohl aber über massive Beeinflussung und Diskursbildung werden kollektive Identitäten geschaffen. Diese funktionieren über den Mechanismus von Ein- und Ausschluss, Dabei- und Draußensein, Dazugehören und nicht, Innen und Außen. Nur selten sind sie mit Formalien verbunden, wie der Nationalität oder einer Vereinsmitgliedschaft. Wichtiger als Formales ist die Produktion des Wir-Gefühls und die Konstruktion von Merkmalen, welche angeblich für die eigene Gruppe oder "die Anderen" typisch sein sollen. Kollektive Identität entsteht über das Gefühl des Wahrheitsgehaltes solcher Deutungen, die sich aber tatsächlich nur durch gerichtete Wahrnehmung verstetigen. Wer von der Richtigkeit z.B. einer typischen Verhaltensweise einer abgegrenzten Gruppe ausgeht, wird diese mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihr auch immer wieder entdecken.

Jeder Mensch lebt in verschiedenen kollektiven Identitäten. Es ist möglich, diese zu demaskieren und für sich selbst aus dem Denken zu streichen, dennoch bleibt die Wirkung auf das Außen und die Vereinnahmung. So kann, wer deutsch spricht und so aussieht, wie Bio-Deutsche* (bei aller Unterschiedlichkeit) durchschnittlich so aussehen, nicht verhindern, von anderen als Deutscher wahrgenommen zu werden. Ebenso wenig ist zu verhindern, dass privilegierte Andere im Namen aller Deutschen, also auch von einem selbst, irgendwelche Erklärungen abgeben.
Möglich ist zwar, sich bewusst als "multikulturelles" Wesen zu begreifen, d.h. verschiedenen Identitäten zugehörig bzw. im Laufe der Zeit, oft schon des Tagesverlaufs wechselnd. Gänzlich beenden lassen sich die Mechanismen der Zuordnung zu Gruppenidentitäten und die Vereinnahmung durch irgendwelche SprecherInnen der kollektiven Identität aber nicht allein durch eigenes Erkennen des Problems. Die Zerschlagung kollektiver Identitäten ist eine anstrengende Sache, denn sie werden durch diskursiv erzeugte Wahrheiten und formalisierte Privilegien gespeist.

Funktions- und Deutungseliten

Im Fokus vieler Herrschaftskritiken stehen formale Machtinstanzen, oft grob als "Staat" oder "Kapital" zusammengefasst. Eine genauere Beschreibung, wie die funktionieren, worauf ihre Macht beruht und wie sie wirkt, folgt seltener. So fehlen meist Analysen, wer in dieser Gesellschaft wie Einfluss ausübt und über Privilegien verfügt. Diese auf formale Posten oder Besitz an Produktionsmitteln zu beschränken, ist nämlich höchst unvollständig. Tatsächlich gibt es unzählige Stellschrauben, an denen gesellschaftliche Verhältnisse verändert werden können. Wer formale Gewalt hat, kann deshalb noch lange nicht am besten Diskurse beeinflussen. Das können Medien und Bildungseinrichtungen am besten, deren führende Figuren folglich eine prägende Rolle im Konzert der Mächtigen einnehmen. Andere verfügen über bessere Beziehungen, vernetzen verschiedene Sphären oder setzen mit populistischen Zuspitzungen auf die Macht der Demagogie.
In einer Gesellschaft der Deutungen und Funktionen bilden solche Menschen die Elite. Das schafft eine offene Sphäre der Privilegierten, zu denen natürlich weiterhin die Besitzenden oder - heute ja häufiger - VerwalterInnen und EntscheiderInnen über Produktionsmittel sowie die InhaberInnen formaler Macht in Regierungen, Behörden und Gerichten gehören.

Alters- und Bildungspyramiden

Dass die drei Hauptkategorien, gegen deren Diskriminierungswirkung sich "linker" Protest hauptsächlich richtet (Klasse, Geschlecht, Rasse), nicht alle Unterdrückungsformen widerspiegeln, wurde bereits erwähnt. Tatsächlich stehen in dieser Gesellschaft viele Pyramiden nebeneinander und überlagern sich. Menschen werden nach vermeintlichen Merkmalen sortiert und gestuft. Das gilt für Alter, Abschlüsse, Titel und zertifizierter Bildungsgrad, Sprache und Rhetorik, Kleidung und viele soziale Codes.

Metropole und Peripherie

Schließlich sei als Beispiel noch das Gefälle zwischen den Zentren von Verwaltung, Kapital und Kultur zu den dünner besiedelten Außenräumen benannt. Letztere dienen der materiellen Reproduktion der Metropolen. Hier werden Rohstoffe gewonnen, gleichzeitig müssen sie das Ausgeschiedene der Metropolen aufnehmen. Dieses Prinzip verändert sich auch nicht, wenn innerhalb von Metropolen Teilzonen ausgegliedert und zu Peripherien erklärt werden, z.B. Ghettos oder Gefängnisse. Ebenso wenig ändert sich das Prinzip, wenn sich in globalen Peripherien, z.B. armen Ländern, einzelne Metropolen bilden. All das führt nur zu einer komplexeren Überlagerung und Ineinander-Verschachtelung, löst aber das Verhältnis von Metropole und Peripherie nicht auf. Dieses stellt im Großen etwas Ähnliches dar wie die Rollenverteilung in der patriarchalen Kleinfamilie, wo die Frau das reproduktive Hinterland des fremdbestimmt Arbeitenden war (der absurderweise "Ernährer" genannt wurde, obwohl diese Tätigkeit ihm nun gerade nicht zufiel).

Texte zur modernen Herrschaftsanalyse

Das Menschenbild im Anarchismus

Ein blinder Fleck vieler Theorien oder Debatten im Anarchismus ist die Frage nach dem Menschen selbst. Dass sie nicht wirklich klar beantwortet wird, liegt auch daran, dass sich viele scheuen, den Menschen in irgendeiner Weise zu definieren. Dafür gibt es gute Gründe, denn in der Vergangenheit führte der Versuch immer wieder zu autoritären Sichtweisen, wie Menschen zu behandeln, sprich zu erziehen, zu lenken und zu bestrafen seien. Tatsächlich sind aber sowohl Ausstattung wie auch Sozialisation eines jeden Menschen so komplex und vielfältig, dass es unmöglich ist, "den" Menschen zu beschreiben und typisieren zu wollen.
Doch ergibt sich daraus notwendig, gar nicht dazu zu sagen? Wie lässt sich dann mit Menschen umgehen, die fragen:

Antworten auf diese und ähnliche Fragen sind schon deshalb wichtig, weil sie vielen Menschen im Kopf herumspuken und für herrschaftsförmige Gesellschaftsformen beanwortet werden - zwar als Propaganda für diese. Denn vielen Menschen sind schlechte Antworten und unangenehme Optionen lieber als offene Situationen. Wer Letztere will, kann auch nicht einfach schweigen, sondern braucht Gründe dafür, dass das Nicht-Verregelte der bessere Weg ist. Demokratien werben damit, dass Menschen kontrolliert werden müssen und demokratische Legitimation absichert, dass Kontrolle auch Qualität schafft. Das ist zwar in sich widersprüchlich, muss aber eben erklärt werden, damit das auch sichtwar wird.

Außerdem ist die Frage nach dem Menschenbild ohnehin Teil anarchistischer Debatte, wenn auch oft unterschwellig. Denn entsprechend der Unterschiedlichkeit oder Unklarheit bei dieser Frage entwickelten sich verschiedenen Richtungen des Anarchismus, vor allem die beiden scheinbaren Gegensätze des Sozial- und des Individualanarchismus.

Auszug aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 11)
Sehr unterschiedliches Gewicht hat die Rolle des Individuums. Das hängt natürlich damit zusammen, wie das Wesen der Individualität des Menschen theoretisch gefaßt wird. Das reicht von der radikalen Sicht des Individuums als Einzelnem bei Stirner - ein Wesen, von dem es schwerfällt, es überhaupt als "politikfähig" zu begreifen - über die Varianten des individualistischen Anarchismus, bei dem die Individuen den Staat durch freiwillige Zusammenschlüsse ad absurdum führen, bis zu - implizit oder explizit dargelegten - Vorstellungen einer revolutionären Individualität, die im Grunde in Kollektiven aufgeht. Gerade die anarchistische Pädagogik setzt sich immer wieder und an zentraler Stelle mit diesem Spannungsverhältnis auseinander.

Künstlicher Gegensatz Eigennutz - Gemeinnutz auch in anarchistischer Literatur
Aus Fuchs, Christian (2001): „Soziale Selbstorganisation im informationsgesellschaftlichen Kapitalismus“, Selbstverlag (S. 207)
Der Anarchismus geht davon aus, daß diese Normen und Werte darin bestehen, daß die Menschen in einer anarchistischen Gesellschaft verantwortungsvoll, solidarisch und altruistisch handeln und daß sie die Eigennutzenmaximierung zu Gunsten der Berücksichtigung allgemeiner Interessen aufgeben. Durch eine Sozialisierung in einem gesellschaftlichen System, das auf Werten wie Kooperation, Solidarität und Altruismus an Stelle von Konkurrenz, Eigennutzenmaximierung und Egoismus basiert, sei dies sehr wohl möglich.

Zum nächsten Text über Anarchie und Moral, dem zweiten im Kapitel "Theorien, Lücken und blinde Flecken"

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