Von Abschuss, Bunkern und Schließern

Siehe auch:  Antirepression ++ Anti-Knast-Seite ++ Knastberichte und Soliseite T. Meyer-Falk
Bericht aus dem Knast: 8 Tage U-Haft Stammheim (PDF) ++ 2 Tage in Gießen (2002)

Live-Bericht aus dem Knast (JVA Gießen, 29.8. bis 22.9.1998)

29. August 1998, früher Abend: Ich bereite den Versand der neuen Ausgabe der 'Ö-Punkte' vor, die morgen in Druck geht. Kurze Pause. Ein Polizeiwagen fährt vor - die Beamten haben einen Haftbefehl für 29 Tage Knast dabei. Oben drauf steht die Adresse, unter der ich postalisch auch erreichbar gewesen wäre Doch der Staat hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, mich zum Haftantritt aufzufordern. Jetzt bleiben mir 5 Minuten, einiges Wichtige zusammenzusuchen bzw. das Wesentliche zu regeln. Schnell ein paar Hinweise für den Druck der Zeitung, zwei Leute anrufen - und tschüß.
Auf der Polizeistation bleibt ca. eine Stunde Zeit. Ich habe meinen Terminkalender dabei und kann so genau erkennen, was durch die vier Wochen Eingesperrtsein alles den Bach runtergeht. Und was vielleicht andere auffangen können. Zwei Seiten lang wird der Brief an die WG der Projektwerkstatt, dem Haus, aus dem heraus ich verhaftet wurde Hinterlegt bei der Polizei klappt der Plan, dass er noch am gleichen Tag abgeholt werden kann. Ich werde in die geschlossene Anstalt nach Gießen verbracht und verschwinde dort erstmal für drei Tage ohne jeglichen Außenkontakt. Was geht schief? Was passiert jetzt draußen? Die völlige Handlungsunfähigkeit nervt. Einiges muss ich auf jeden Fall streichen: Der bundesweite Anti-Atom-Aktionstag wird ohne mich laufen, einige kleinere Treffen und Aktionen ebenfalls. Die neuen Ideen für WGs rund um die Projektwerkstatt, die Vernetzung politischer FreiRäume und der Anti-Expo-Arbeit - wird das trotzdem klappen? Ich schreibe am ersten Tag eine Reihe von Briefen in verschiedene Richtungen. Auch wenn es gefährlich ist, Adresssammlung und Terminkalender in den Knast zu schleppen, weil auch die Falschen darin lesen können - ohne diese Daten hätte ich genau nichts retten können.
Die erste Nacht verbringe ich in der Zugangszelle, ein leerer, kahler Raum mit Bett, Stuhl, Tisch, Waschbecken, Klo und Lautsprecher. »Zugang' heißen die neuen Gefangenen und werden von den Beamten auch so bezeichnet. Am Tag drauf werden wieder die Klamotten gewechselt und ich komme auf die Zelle 234 in der Station A2. Ich bin der dritte dort. Da es Sonntagmorgen ist, schlafen die beiden anderen ,noch. Das setzt schnell Aggressionen frei, und zwar gegen mich - als könnte ich etwas dafür, dass ich um diese Uhrzeit in diese Zelle gesperrt wurde. Überhaupt: Wie es zwischen vielen Gefangenen abgeht, spüre ich sehr schnell. Es gibt klare Hierarchien, Machtfaktoren sind körperliche Kraft oder andere Abhängigkeitsstrukturen. Auch wenn es auf der Drei-Mann-Zelle (12qm, worin auch noch Waschbecken und Klo untergebracht sind) gar nichts zu gewinnen, herrscht ständig Aggression. Der stärkste von uns dreien, ein kaum deutschsprechender Aussiedler, setzt seine Position mit Prügel durch. Draußen beim täglich einstündigen Freigang im Hof oder bei anderen Kontakten spüre ich noch mehr Formen der Unterdrückung: Zwischen den Nationalitäten, zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen sowie, ohne dass ich dafür eine richtig überzeugende Erklärung finde, gegenüber Vergewaltigern und 'Kinderfickern', wie die bezeichnet werden, die Kinder missbraucht haben. Einiges passt nicht zusammen, z.B. die Ausgrenzung der Vergewaltiger und die bei fast allen vorhandene Betrachtung der Frau als Sexobjekt. In meiner Zelle, in der kaum Platz zum Stehen ist, liege ich den ganzen Tag auf dem Bett, umgeben von Wänden voller Pornobilder. Blicke in offene Türen der Nachbarzellen bei Essensausgabe oder Freigang zeigen: Es sieht überall so aus. Hauptbeschäftigung überall: Fernsehen. Und Rauchen. Letzteres schafft eine weitere, irre Situation. Die Gier nach Tabak ist eine der wichtigsten Triebfedern, um an Geld zu kommen, Viele arbeiten deshalb im Knast. 9,17 DM lautet der Tages(!)verdienst. Das Geld geht zu einem großen Teil für Zigaretten drauf. Und an diesen verdient dank hoher Tabaksteuer wiederum der Staat. Gefangene arbeiten so fast kostenlos.
Im Gießener Knast sitzen Leute in Untersuchungs-, Straf- und Abschiebehaft bunt gemischt. Am dritten Tag rede ich mit einem Kurden, der noch einen Tag bis zum Abschiebedatum hat und nichts weiß vom Stand seines Widerspruchsverfahrens. Kontakt nach draußen ist nur sehr schwer möglich - und ich weiß auch kaum Rat, da ich selbst mitgefangen bin.
Noch am Montag holt mich der Gefängnispfarrer zu einem Gespräch, ein alter Bekannter, der meinen Namen als »Zugang' gelesen hat. Von ihm erfahre ich einige wichtige Dinge über die 'Innereien' des Knastes. Schließlich hatte ich mir vorgenommen, meinen ersten Knastaufenthalt auszunutzen, um genau zu schauen, wie diese Unterdrückungseinrichtung funktioniert, was sie bewirkt und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielt. Weitere Gespräche mit anderen Insassen. Am Dienstag dann ist der geschlossene Vollzug dann schon zuende. Nach etlichen Gesprächsrunden durch die Verwaltungsetagen des Knastes werde ich am Abend in den offenen Vollzug verlegt. Die Gespräche aber bieten mir Chancen, etliche Fragen zu stellen. Wenig überraschend ist, dass alle Bediensteten im Vollzug die gleiche Meinung wie ich haben, was den Erfolg des Instruments Gefängnis ist: Es bringt nichts, 'Aber es ist ein Wirtschaftsfaktor geworden', führt einer an. Zweimal kann ich am Dienstag sogar eine Debatte über ein anarchistisches Gesellschaftsbild ohne Knast anbringen und spüre, dass auch die Beamten im Knast solche Debatten gerne führen - und sei es nur als Abwechselung im grauen Knastalltag (den sie aber mitverschulden). So kreiere ich den Spruch: 'Die Schließer sitzen lebenslänglich!'. Überraschend ist aber das Eingeständnis eines Beamten ob meiner Frage, wie die Knastleitung mit Rassismus, Sexismus und Gewalt zwischen Gefangenen umgeht. 'Ohne die Unterdrückung zwischen den Gefangenen wäre ein Knast gar nicht zu führen', gibt er offen zu. Das heißt, denke ich mir meinen Teil, dass Solidarität unter den Insassen einiges bewegen könnte Aber nichts ist unwahrscheinlicher als das ..
Der offene Vollzug bietet zunächst ebenfalls viel Langeweile Es dauert 9 Tage, bis ich erstmals tatsächlich rauskann. Immerhin ist eine Telefonzelle im Haus. Alle Türen im Haus sind offen. Ich könnte alle anderen Gefangenen dort besuchen - aber die sind nicht da, sondern arbeiten außerhalb, haben dann einige Freistunden und kommen nur zum Schlafen ins Haus. Nur sechs Leute sind in der gleichen Lage wie ich (Anfangsphase im offenen Vollzug ohne Ausgangsrecht) oder haben gerade als Strafe Ausgangsverbot erhalten - wegen Schlägereien, Alkoholkonsum oder Kiffen. Meine endlich aus der Gefangenenbibliothek ausgeliehenen Bücher muss ich bei der Verlegung in den offenen Vollzug wieder abgeben, so dass die Langeweile noch mehr nagt. Ich nutze die Zeit für intensive Gespräche über Haftbedingungen, Herrschaftsstrukturen und Erfahrungen. Fast alle im offenen Vollzug haben mehrjährige 'Knastkarrieren' hinter sich, kennen verschiedene Knäste, die Beamten dort und viele andere Gefangene, von Dealern oder Mörder bis zu Terroristen. Sie berichten über den Vollzugsalltag, aber auch den Umgang der Knasties miteinander: Unsolidarisch und voller knallharter, geschäftsorientierter Hierarchien. Tabak, Kaffee, aber vor allem Drogen sind heiß begehrte Ware. Geld ist im Knast genauso verboten wie Rauschgift. Aber beides gibt es nicht nur in Massen, sondern die Gefängnisse sind stationsweise in Einflußsphären eingeteilt. Wer diese ungeschriebenen Gesetze nicht anerkennt, findet sich oft zusammengeschlagen oder gar mit Schraubenzieher oder Scheren durchlöchert in der Ecke der Gemeinschaftsdusche oder anderen Räumen. Die meisten Gefangenen bilden Banden, nach Nationalitäten oder anderen Kriterien. So sind sie etwas sicherer - Abschreckungsprinzip.
Zum Knastalltag gehört das Verhandeln mit der Knastleitung. Zuckerbrot und Peitsche wirken auch hier. Im offenen Vollzug überwiegt das 'Zuckerbrot'. Sonderausgang für einen Vortrag, vorzeitige Entlassung aus wichtigem Grund, besondere Rationen fleischloser Kost - der Knastalltag ist ein Training, selbst aus schlechter Lage noch etwas rauszuholen. Dafür müssen die Gefangenen aber selbst auch zurückstecken. Ich musste meine Arbeitsverweigerung aufgeben (mit 'für dieses System arbeite ich nicht' hatte ich angefangen), sonst hätte ich vier Monate vom Bett die Wand angucken können. Die Arbeit selbst ist dümmlich und langweilig. Im Innendienst/Außenkolonne gehe ich mit vier bis sechs anderen rund um Knast und Gerichtsgebäude auf die Jagd nach krumm gewachsenen Grashalmen oder allzu forschen bzw. sich gar selbst ansiedelnden Büschen und Bäumen. Schon aus Umweltschutzgründen eine Zumutung, schlimmer aber wirkt auf mich noch der Umgangston. Zwei Mitgefangene wachen über den Arbeitstrupp. In Baustellenmanier kommandieren und pöbeln sie herum. Revolution dagegen ist schwierig. Ich werde wieder weggesperrt und die haben Ruhe vor mir - schwieriges Handeln in den Krallen des Staates. Also Reden mit den Leuten selbst. Das klappt teilweise Einen Tag rastet der 'Vorarbeiter'-Gefangene aus, brüllt rum und meldet meinen 'Widerstand' bei der Knastleitung. Debatten dort folgen, mit mir und ohne mich. Am Ende: Die Außenkolonne soll teammäßiger organisiert werden. Reformismus im Kast? Irre, aber die folgenden Tage laufen tatsächlich besser. Auch im Knast ist Politik möglich.
Eine Woche später gibt es dann eine von mir angezettelte Anti-Knast-Veranstaltung im Infoladen in Gießen. Diesmal sind die Beamten unschlüssiger, einige locker, einige doch etwas nervös. Schließlich untersagen sie mir jede Werbung im Knast, akzeptieren es aber. Immerhin: Ein zweiter Gefangener kommt mit, ca. 30 Leute besuchen die Veranstaltung. Was daraus entsteht, ist offen. Um 21 Uhr ist der Abend für uns zwei Gefangene gelaufen - Ende des Ausgangs für Knackies im offenen Vollzug. Gebracht hat es aber zweierlei. Zum einen sind allerhand Wissenslücken geschlossen, neue Ideen und Diskussionen eröffnet (z.B.: Kann es eine Gesellschaft ohne Knast geben?). Zum zweiten komme ich mit meinem » Kollegen' in den Folgetagen intensiver ins Gespräch. Er ist alter Hausbesetzer in Gießen und der Hamburger Hafenstraße, bevor er eine 'kriminelle Karriere' begann. Wir tauschen alte Erinnerungen aus und planen für die Zukunft. Da er gut und kreativ zeichnen kann, entwickeln wir Ideen für Ausstellungen, ein kleines Atelier in unserem politischen Zentrum und die gemeinsame Arbeit an eigenen Medien. Am Freitag, wenn ich schon den Knast verlassen haben werde, verabreden wir uns zur Volxküche im Infoladen. Doch daraus sollte nichts werden
Die letzten Tage bringen ein deutlich verschärftes Bild vom Knast. Sichtbar wird auch, wie sich unterschiedliche Menschen auf den Alltag der Gefangenen auswirken. Der Chef ist wieder da, sein Stellvertreter, zugleich auch Sozialarbeiter, hatte in den vergangenen Tagen viel Einfühlungsvermögen für die Inhaftierten gezeigt - soweit das unter diesen Rahrnenbedingungen geht. Auch einige andere verlassen den "Dienst nach Vorschrift' und gestehen den Gefangenen immer wieder kleine Freiheiten zu, die eigentlich verboten sind, angefangen vom Teekochen nach der Bettruhezeit (Beamtin: 'Aber machen Sie bitte das Licht nicht an, sonst sieht es der Chef') bis zu Abmahnungen und Gesprächen statt Bestrafung bei den vielen kleinen Missetaten, sei es eine Beleidigung gegenüber einem engstirnigen Beamten oder der Verstoß gegen das absolut geltende Alkohol- und Drogenverbot. Wieder andere Beamte sind stur und legen die Paragraphen exakt aus -eine Minute zu spät, Anschiss fällig, Und so weiter. Am vorletzten Tag meiner Haft bekommen zwei Mitgefangen den „Abschuss", d.h. sie kommen vom offenen in den geschlossenen Vollzug. Und einen Tag später, kurz vor meiner Entlassung gegen 12 Uhr, erfahre ich, dass es auch meinen Kollegen erwischt hat. Gerade kann ich ihn noch kurz sehen und verabreden, dass wir in Kontakt bleiben. Heroinspuren im Urin haben sie bei ihm gefunden - Abschuss! Jetzt, wo ich dieses in Freiheit schreibe (soweit in diesem Land Freiheit halt herrscht), sitzt er im geschlossenen Vollzug. Strafe statt Hilfe für einen Heroinspritzer. Armes Deutschland! Da finde ich es wenigstens ein bißchen gerecht, dass auch ich mit dem Chef aneinander geriet. Er wollte meinen Entlassungszeitpunkt in Frage stellen, den sein Stellvertreter festgelegt hatte. Da kamen sich sogar die Beamten untereinander in Wut. Und von mir musste er sich das Wort 'Penner' gefallen lassen, was er mir bis zur letzten Sechs Stunden nach der Entlassung: Ich denke an meinen Kollegen, mit dem ich einige Zukunftsträume gesponnen habe, die jetzt erstmal zerbrochen sind. Vielleicht wäre es eine doppelte Freundschaft geworden - politisch und menschlich. Aber eigentlich ist das auch ungerecht an die anderen 160 Knackies im geschlossenen Vollzug Gießens und die Tausende deutschlandweit bzw. Hunderttausende weltweit denke ich nur deshalb nicht, weil ich sie nicht kenne. Nun habe ich einige Tage zu ihnen gehört - und auch gespürt, wie du weg bist aus dem Leben. Schnell vergessen aus den Köpfen derer, die eben noch deine engsten PartnerInnen waren. Diese 'Entsozialisierung' ist das Schlimmste am Knast. Irgendwas Gutes hat er gar nicht.

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