auf

Übersichten über diese Seiten: "Alle Themen"-Button links (Seite nach oben scrollen!) ++ Projekte ++ Themen
Übersicht Argumente Strafe Berichte Haftformen Aktionsideen Justizkritik
Bücher, CDs & more

Knäste machen alles nur schlimmer!

Studien zu Wirkung von Strafe ++ Zahlen ++ Zwangsarbeit ++ Politik hinter Gittern? ++ Gewalt ++ Links

JVA Weiterstadt nach RAF-AnschlagAuch "Linke" rufen oft nach mehr Staat, auch wenn ihnen das manchmal nicht bewußt ist. Härtere Strafen für Vergewaltiger oder Nazis, Beschwerden über zu lasches Vorgehen von Bullen gegenüber Nazis usw. Das zeugt nicht nur von einer fehlenden Herrschaftskritik, sondern geht auch von einen weit verbreiteten Mißverständnis aus - nämlich daß Einknasten was hilft. Nirgendswo anders aber gibt es mehr Rassismus, Sexismus, Vergewaltigungen, Gewalt und Unterdrückung wie in Knästen. Gewalt erzeugt Gewaltverhältnisse. Gefängnisstrafen bedeuten nur, daß die draußen nichts mehr sehen von all dem.

Oscar Wilde, 1891, "The soul of man unter socialism", übersetzt: Der Sozialismus und die Seele des Menschen, Diogenes 2003 (S. 30 f.)
Wenn man die Geschichte erforscht, nicht in den gereinigten Ausgaben, die für Volksschüler und Gymnasiasten veranstaltet sind, sondern in den echten Quellen aus der jeweiligen Zeit, dann wird man völlig von Ekel erfüllt, nicht wegen der Taten der Verbrecher, sondern wegen der Strafen, die die Guten auferlegt haben; und eine Gemeinschaft wird unendlich mehr durch das gewohnheitsmäßige Verhängen von Strafen verroht als durch das gelegentliche Vorkommen von Verbrechen. Daraus ergibt sich von selbst, dass je mehr Strafen verhängt werden, um so mehr Verbrechen hervorgerufen werden, (und die meisten Gesetzgebungen unserer Zeit haben dies durchaus anerkannt und es sich zur Aufgabe gemacht, die Strafen, soweit sie es für angängig hielten, einzuschränken).
Je weniger Strafe, um so weniger Verbrechen. Wenn es überhaupt keine Strafe mehr gibt hört das Verbrechen entweder auf, oder, falls es noch vorkommt, wird es als eine sehr bedauerliche Form des Wahnsinns, die durch Pflege und Güte zu heilen ist, von Ärzten behandelt. ... Wenn das Privateigentum abgeschafft ist, wird es keine Notwendigkeit und keinen Bedarf für Verbrechen geben; sie werden verschwinden.

Aus einem Interview mit Christiane Ensslin, Klaus Junschke und Jörg Hauenstein, in: Junge Welt, 9.6.2007 (Beilage)
Mit der Stigmatisierung von Jugendlichen als unverbesserliche Intensivtäter oder gar Monsterkids soll von der Notwendigkeit der Gesellschaftsveränderung abgelenkt werden. Das ist ganz gut gelungen: Über zwei Drittel der Wählerinnen und Wähler aller Parteien sind für die Abschiebung von straffällig gewordenen Migranten, und die Mehrheit ist für ein härteres Durchgreifen gegen die sogenannte Jugendkriminalität. Um dem etwas entgegenhalten zu können, müssen die kriminalisierten Jugendlichen aus ihrer Anonymität geholt werden. Ihre Erzählungen über ihre Entwicklung, über Schule und Freizeit verweisen auf die Herrschafts- und Machtzusammenhänge, um die es hier geht. Verkürzt gesagt: Die Reichen werden reicher und die Armen werden Knackis. ...
: Die Gefängnisse sind kein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern ein Zerrspiegel. Die Ärmsten der Armen sind darin überrepräsentiert, genauso wie die Jugendlichen ohne Schulabschluß und mit extremer Gewalterfahrung in der Kindheit. Soziologisch orientierte Kritiker der Gefängnisse sagten vor 200 Jahren, daß jede Gesellschaft die Kriminalität hat, die sie verdient. Da in unserer Gesellschaft nicht alle gleich reich und mächtig sind, muß man das schärfer fassen: Jede Gesellschaft hat die Kriminalität, die für die jeweilige Regierungsform und Machtstruktur nützlich ist. In der Kriminologie spricht man heute von »Governing through Crime«, Regieren durch Kriminalität. Die allgemeine Unsicherheit durch die zunehmende soziale Polarisierung, durch Deregulierung und Privatisierung wird durch Politik und Medien in Kriminalitätsfurcht verwandelt. Der Wohlfahrtsstaat hat sich in einen strafenden Staat verwandelt. Der Staat läßt Teile der Jugendlichen verwahrlosen und bietet dann seinen Schutz vor ihnen an.

Arthur Waskow, Institute für Policy Studies, 1972
Vergessen wir das Thema Reform; es ist an der Zeit, von der Abschaffung der Haftanstalten und Gefängnisse in der amerikanischen Gesellschaft zu reden. ... Man wird fragen: Abschaffung? Wo wollen Sie mit den Gefangenen hin? Mit den 'Verbrechern'? Was ist die Alternative? Erstens würden wir mit diesem Schritt, selbst wenn wir gar keine Alternative hätten, weniger Verbrechen erzeugen als es die heutigen Ausbildungsanstalten für Kriminalität tun. Zweitens besteht die einzige wirkliche Alternative im Aufbau einer Gesellschaft, die keine Gefängnisse braucht: Einer vernünftigen Umverteilung von Macht und Einkommen, um das Feuer des brennenden Neides zu löschen, das heute in Form von Eigentumsvergehen aufflammt - sowohl in den Einbruchsdelikten der Armen als auch den Betrügereien der Reichen. Und einem vernünftigen Sinn für Gemeinschaft, der diejenigen unterstützen, wieder integrieren und wahrhaft resozialisieren kann, die plötzlich von Wut oder Verzweifelung überwältigt werden, und dem es gelingt, sie nicht als Objekte - 'Verbrecher' - zu sehen, sondern als Menschen, die, wie so gut wie jeder von uns, gesetzwidrige Handlungen begangen haben.

Aus Heribert Prantl: "Reif für das Leben in Freiheit", in: SZ, 15.5.2012
Das Gefängnis ist ein gefährlicher Ort: Der Strafvollzug - so sagen das die Kriminologen - ist der Versuch, an Menschen, die man zu wenig kennt, unter Verhältnissen, die man zu wenig beherrscht, Strafen zu vollstrecken, um deren Wirkung man zu wenig weiß. ...
Die Sühne, die Sicherheit und die Abschreckung erhielten ein noch größeres Gewicht, als es im Gesetz eigentlich vorgesehen war; die Resozialisierung erhielt ein geringeres, als es hätte sein sollen. ...
Der Ziethener Kreis versucht sich an der schwierigsten Aufgabe, die es in der Rechtspolitik gibt: Er will einer skeptischen Bevölkerung erklären, dass mehr Anstrengungen bei der Resozialisierung der wirksamste Schutz seien, um sie "vor zukünftigen Straftaten Entlassener" zu schützen. Diese Erkenntnis zu vermitteln ist auch deswegen nicht einfach, weil Gefängnismauern nicht nur den Ausbruch der Gefangenen, sondern auch Einblick der Öffentlichkeit verhindern."

Der Ziethener Kreis ist eine Runde von Fachleuten aus dem Strafvollzug, hat ein 10-Punkte-Papier verabschiedet.

Aus der Studie von Rainer Danzinger u.a. (1977), "Der Weg ins Gefängnis", Beltz Verlag in Weinheim (S. 60ff)
Aber auch die Vorladung als Zeuge vor Gericht wegen eines Streites zwischen den Eltern, Besuche im Gefängnis oder in einer psychiatrischen Anstalt oder das Gerede der Nachbarn und Mitschüler ü ber derartige Vorfälle können nicht ohne Auswirkung auf das Selbstbild des Heranwachsenden bleiben. Er ist über die Auffälligkeit seiner Familie selbst auffällig geworden, wenn irgendwo etwas verschwindet, der als Sohn eines Vorbestraften als erster verdächtigt werden, als verwahrlostes Mitglied einer zerrütteten Familie wird er geradezu gedrängt, im Sinn einer "self fulfilling profecy" unangepaßte, störende oder kriminelle Handlungen zu setzen.
In den Kapiteln über frühe Verhaltensstörungen und öffentliche Erziehung konnte gezeigt werden, um wie viel häufiger der spätere Häftling Sanktionen von Lehrern, Fürsorgern und Polizeibeamten gesetzt war. Auf Grund von Daten aus dem nur Inhaftierten vorgelegten Fragebogenteils konnten wir feststellen, daß die Strafgefangenen durchschnittlich 2,7 Jahre unter Fürsorgeaufsicht gestellt werden und fast ein halbes Jahr in einem Erziehungsheim verbracht en, Solche Maßnahmen wurden über das Jugendgericht verhängt, entweder, in Folge unzureichender Obsorge oder schädigender Einwirkungen durch die Familie oder in Form einer Verurteilung des Betroffenen wegen einer strafbaren Handlung. Durchschnittlich erhieIten die Häftlinge 1,5 Jugendstrafen, die von 27% in der Jugendabteilung einer Männerstrafanstalt, von 14 % in der Bundeserziehungsanstlt Kaiserebersdorf, von 11 % in anderen Erziehungsheimen und von 4 % in der Jugendstrafanstalt Gerasdorf verbüßt wurden. …
Je häufiger es zu polizeilichen Festnahmen, Gerichtsverfahren, Verurteilungen und Freiheitsstrafen kommt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß damit der immer wieder kriminell etikettierte Unterschichtler unter verschärften Normalitätskriterien den Weg des geringeren Widerstandes in die kriminelle Karriere einschlägt.


Papst Franziskus in einer Rede am 23.10.2014 (Zitat aus der Übersetzung, ca. Mitte)
Die Folter wird nicht mehr nur als Mittel angewandt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wie ein Geständnis oder die Denunziation – Praktiken, die für die Doktrin der nationalen Sicherheit kennzeichnend sind –, sondern sie stellen einen echten zusätzlichen Schmerz dar, der zu den Übeln, die die Inhaftierung mit sich bringt, noch hinzukommt. Auf diese Weise wird nicht nur in geheimen Internierungs- oder modernen Konzentrationslagern gefoltert, sondern auch in Gefängnissen, Jugendstrafanstalten, psychiatrischen Kliniken, Kommissariaten und anderen Strafanstalten.

Internetseite zu Polizeizeugen:
Die Internetseite zur Ungleichbehandlung von Polizei und Nicht-Polizei vor Gericht.

Je höher die Strafe, desto mehr fördert sie Kriminalität

Im Original: Zusammenfassung der Studie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
1. Was will die Rückfallstatistik?
Rückfallverhinderung ist eine der wichtigsten Aufgaben des Strafrechts. In welchem Maße dies gelingt, ist in Deutschland indes weithin unbekannt. Mit der hier vorgelegten Rückfallstatistik wird erstmals für Deutschland die Forderung nach einer alle strafrechtlich Sanktionierten einbeziehenden Rückfallstatistik erfüllt. Dazu werden alle in einem Basisjahr (hier: 1994) strafrechtlich Sanktionierten oder aus der Haft Entlassenen (insg. knapp 1 Mio. Personen) während eines vierjährigen Rückfallzeitraums (hier: bis 1998) weiterverfolgt, um zu erkennen, ob sie wieder straffällig werden. Datenbasis hierfür sind die personenbezogenen Eintragungen im Zentral- und Erziehungsregister, die in der Regel mindestens fünf Jahre erhalten bleiben. Mit diesem Ansatz unterscheidet sich die Rückfallstatistik grundlegend von den herkömmlichen Rechtspflegestatistiken. Können diese nur für das jeweilige Basisjahr die betroffenen Personen erfassen - ohne die geringste Möglichkeit zu erfahren, was aus ihnen später wird, erlaubt es die einzigartige Datenquelle des Bundeszentralregisters (BZR), die justiziell erfassten Personen weiterzuverfolgen. Allerdings kann es nicht darum gehen, die einzelnen Personen in ihrem individuellen Verlauf abzubilden; vielmehr muss die Vielfältigkeit der Daten für die Zwecke einer Statistik zurückgeführt werden auf wenige handhabbare und aussagekräftige Kritierien und Kategorien. Dies bedeutet nicht eine endgültige Festlegung auf ein bestimmtes Auswertungsmuster im Sinne einer Statistik; das Datenmaterial (in Form von Individualdatensätzen) ist grundsätzlich auch für andere Auswertungsmöglichkeiten offen.

2. Aussagemöglichkeiten
Aufgrund der Daten des BZR ist es möglich, umfassend über die Rückfallraten in Abhängigkeit von Sanktion, Delikt, Vorstrafen, Alter und Geschlecht der Sanktionierten zu informieren. Aus den vielfältigen Aussagemöglichkeiten seien hier einige besonders markante Ergebnisse zusammengefasst: Für die meisten strafrechtlich in Erscheinung tretenden Personen bleibt die Straffälligkeit (im Beobachtungszeitraum) ein einmaliges Ereignis. Nur etwa jeder dritte strafrechtlich Sanktionierte bzw. aus der Haft Entlassene wird innerhalb des Rückfallzeitraums von vier Jahren erneut straffällig (siehe Abbildung A1). Sofern eine erneute strafrechtliche Reaktion erfolgt, führt dies überwiegend nicht zu einer vollstreckten Freiheitsentziehung; die meisten Rückfälle werden milder geahndet. Die zu einer freiheitsentziehenden Sanktion Verurteilten weisen ein höheres Rückfallrisiko auf als die mit milderen Sanktionen Belegten. Die Bewährungsstrafen schneiden gegenüber vollzogenen Freiheits- und Jugendstrafen deutlich besser ab. Die Strafgefangenen werden zwar überwiegend erneut straffällig, die Mehrheit kehrt jedoch nach Entlassung nicht wieder in den Strafvollzug zurück.

3. Ertrag
Erstmals wird der Politik repräsentatives Material über die Rückfallwahrscheinlichkeit nach Strafrechtssanktionen an die Hand gegeben. Der rückfallstatistisch ausgewertete Datenbestand des BZR ist geeignet, empirisch begründete Antworten zu geben zu den tatsächlich registrierten Rückfallraten, etwa bei den wegen Gewaltdelikten bestraften Tätern. Fragen der Rechtspolitik z.B. hinsichtlich unterschiedlicher Rückfallraten nach verschiedenen Sanktionen können auf einer abgesicherten Grundlage mit diesem Datensatz beantwortet werden, ohne auf mühsame Einzeluntersuchungen angewiesen zu sein (siehe auch Periodischer Sicherheitsbericht, Kapitel 3.8.3).
Aus wissenschaftlicher Perspektive werden für alle Sanktionierten insgesamt wie auch nach verschiedenen Deliktsgruppen differenzierbar erstmals deskriptive Daten über die Rückfallraten nach Sanktionsart und -höhe, Alter, Geschlecht und strafrechtlicher Vorbelastung geboten. Mit diesen Basisraten wird ein breites Fundament geschaffen, um spezielle, regional und zeitlich begrenzte Rückfallstudien einordnen zu können. Darüber hinaus bietet das Datenmaterial Auswertungsmöglichkeiten z.B. unter einem quasi-experimentellen Ansatz (soweit nach dem Gesetz verschiedene Rechtsfolgen möglich sind) oder hinsichtlich der Analyse von Verlaufsmustern in der Abfolge von Sanktionen.

4. Zur Zukunft der Rückfallstatistik
Aus der Sicht der Bearbeiter ist es unbedingt lohnenswert, das Vorhaben einer Rückfallstatistik weiter zu verfolgen. Für die künftige Gestaltung ist zu überlegen, wie weit die bisher aufgetretenen Beschränkungen aufgrund der Eigenart der Bundeszentralregisterdaten und der Untersuchungsanlage behoben werden können, indem man z.B. zusätzliche Daten, etwa aus dem Strafverfahrensregister, heranzieht. Eine längerfristige Konzeption der Rückfallstatistik als periodische Statistik hätte den Vorzug, dass sich die Datenauslese nicht nur auf ein bestimmtes Bezugsjahr bezieht, sondern der weitere Verlauf im Längsschnitt beobachtet werden kann.

Haft macht alles schlimmer

Aus Kropotkin, Peter (1985): "Gesetz und Autorität", Libertad Verlag in Berlin (S. 23)
Man gehe in die Gefängnisse und studiere, was aus den Menschen gemacht wird, welchen alle Freiheit entzogen, die eingesperrt mit schon Verdorbenen werden, die sich gegenseitig mit allen Lastern anstecken, wie sie heute durch alle Mauern durchsickern; und man erinnere sich nur, daß, je mehr man daran reformiert, sie nur desto verwerflicher werden. Unsere modernen Muster-Strafanstalten sind tausendmal korrumpierender als die mittelalterlichen Turmverließe.

Im Original: Anfrage im Bundestag ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Bundestagsdrucksache 16/7967 vom 1.2.2008 mit Anfrage und Antwort (PDF)
Nach den Ergebnissen der vom Bundesministerium der Justiz in Auftrag gegebenen Untersuchung „Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen“ (...) lag die Rückfallquote nach einer Jugendstrafe ohne Strafaussetzung zur Bewährung bei 77,8 Prozent, nach einer Jugendstrafe mit Strafaussetzung zur Bewährung bei 59,6 Prozent (...).

Aus "Bundesregierung: Wegsperren hilft nicht", in: Junge Welt, 11.8.2008 (S. 5)
In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion mußte die Bundesregierung zugeben, daß das Wegsperren von jugendlichen Straftätern zu besonders hohen Rückfallquoten führt. Nach einer Haftstrafe ohne Bewährung werden demnach 78 Prozent der Verurteilten erneut straffällig. Dagegen werden mit 60 Prozent deutlich weniger Jugendliche rückfällig, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden. Völlig kontraproduktiv erscheint auch der Jugendarrest. Mit diesem Begriff wird eine Inhaftierung für die Dauer von einem Wochenende bis zu vier Wochen bezeichnet. 70 Prozent der damit bestraften Jugendlichen wurden erneut straffällig. Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) erteilte am Wochenende jeder Verschärfung des Jugendstrafrechts eine Absage.

Aus dem Text der Nachrichtenagentur AP auf Yahoo!Nachrichten (10.2.2008)
Kriminelle Jugendliche mit Bewährungsstrafen werden deutlich seltener rückfällig als solche, die tatsächlich hinter Gitter müssen. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP hervor.
Demnach werden von den Jugendlichen, die zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt werden, 77,8 Prozent wieder straffällig. Beim Jugendarrest liegt die Rückfallquote bei 70 Prozent. Die Vergleichszahl für Jugendliche mit Bewährungsstrafen liegt bei 59,6 Prozent.

Aus Thomas Meyer-Falk, "Knast und Resozialisierung" auf Indymedia (Juli 2008)
Wie sehen nun die Rückfallzahlen in Deutschland, unter Berücksichtigung des erwähnten „Resozialisierungsvollzuges“ aus? Zum Stichtag 31.03.2006 (Stat. Bundesamt, Tabelle 4 „Strafvollzug“ der Fachserie 10 Reihe 1 „Ausgewählte Zahlen für die Rechtspflege“) waren 65% der Gefangenen vorbestraft. Von diesen wiederum hatten 64,7% als schwerste Vorstrafe eine Freiheitsstrafe. Wer einmal in Haft sitzt wird also nicht nur mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder dorthin zurück kehren (mancher kennt Falladas Satz „Wer einmal aus dem Blecknapf frisst, das Wiederkommen nicht vergisst“), er /sie hat auch nur geringe Chancen vor Ende seiner Haft auf Bewährung frei zu kommen (nur ca. 30% der Gefangenen kommen vor Vollbüßung der Strafe frei; vgl. Tröndle/Fischer, StGB-Kommentar, 54.A., § 57 Rz. 1).
Scheinbar fördert die Knastzeit weder Angst vor weiter Haft, noch die „Einsicht“, dass die Befolgung von Gesetzen einem „gedeihlichen Zusammenleben“ förderlich sein soll. Was könnte eine Erklärung hierfür sein?

Strafe ist auch Ausdruck des Unwert-Urteils einer Gesellschaft.
Hessischer Justizminister Jürgen Banzer, in: FR, 18.3.2006 (S. 6)

Im Original: Knacken und Brechen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einer Studie zu Einbrechern, ihren Motiven, den sozialen Rahmenbedingung und dem (Un-)Sinn von Knast/Strafe (von Tobias Müller-Monning)
Aus dem Vorwort (S. 5)
Wir erleben zur Zeit einen Anstieg der Haftpopulation im geschlossenen Vollzug. Von Seiten der Öffentlichkeit ist ein Bedürfnis nach mehr Strafe zu verspüren. Die Gefängnisse sind überfüllt, der Einstieg in die Privatisierung von Haftanstalten ist vorgezeichnet. Damit ist der Weg vorgezeichnet für ein Prison as Industrie-System: für ein System, in dem die gesellschaftliche Kontroll- und Sanktionsinstanz Gefängnis als Geschäft betrieben wird.
Strafe in Form der Haft führt nicht unbedingt dazu, dass menschliches Miteinander sicherer wird. Wir wissen letztendlich nicht, was genau Haft bewirkt. Nach dem Stand der Forschung können wir davon ausgehen, dass diese Form des Strafens für die Gesellschaft negative Folgen hat. Haft provoziert weitere Brüche, auch wenn manche sich in die Haft flüchten, weil ihnen die Welt außerhalb der Mauern unwirtlicher erscheint als innerhalb. Möge die Arbeit dazu beitragen, nach Alternativen im Bereich von Strafe und dem Umgang mit Straftätern in unserer Gesellschaft zu suchen. Nach Alternativen, die soziale Arbeit und sozialtherapeutisches Handeln nicht der völligen Ökonomisierung menschlicher Beziehungen überlassen und den Menschen als das begreifen, was er ist: ein soziales Wesen, ein Wesen das trotz seiner Taten seine Würde nicht verlieren darf.


Aus "Um was es geht" (S. 6)
Überführte und inhaftierte Einbrecher gehören zu den Verlierern. Der Inhaftierte ist in einem doppelten Sinne eingebrochen, beim Zweiten Mal durch die dünne Decke des sozialen Netzes hindurch. Viele gelangen überdies in einen nicht mehr von Ihnen selber zu steuernden Ablauf von Einbruch und Haft im Wechsel. Für sie gehören Brechen und Knacken (von Knacki, Inhaftierter) zusammen. Einbruch und Haft werden zu einem Bestandteil der Persönlichkeit, die den weiteren Lebensweg definieren.

Aus "summary"
  • Dem Einbruch geht im übertragenen Sinne ein Einbruch in der Lebenssituation des Täters voraus. Der Einbruch gibt Auskunft über die Persönlichkeit des Einbrechers und seines gesellschaftlichen Umfeldes.
  • Der Einbruch ist tätertypspezifisch und hängt nur mittelbar ab von der Anmutungsqualität der Objekte, in die eingebrochen wurde. Jeder Täter sucht das Objekt nach seiner subjektiven Erfahrung, seiner Sozialisation und seiner aktuellen Lebenssituation aus.
  • Der Zusammenhang von Einbruchsmotivation und Lebenslage liegt im Scheitern von Normalität. Der Einbruch wird gewählt, um dieses Scheitern zu beheben. Als Gründe für den Einbruch können benannt werden:
    • der Erhalt des eigenen Selbstwertes und der eigenen Identität,
    • der Erhalt von Normalität, der Einbruch bekommt den Charakter einer Selbsthilfe.
  • Haft wird von dem Täter als ein extremer Lebenseinbruch erlebt. Sie fördert die Delinquenz. Ihre Wirkung ist konträr zum Vollzugsziel.
  • Die gesellschaftliche Behandlung der Sucht fördert unter der geltenden Gesetzgebung und Rechtslage den Einbruchsdiebstahl.

Aus "Nachwort"
Das gesellschaftliche Konfliktpotential wächst. Ein Rückgang sozialstaatlichen Handelns ist zu beobachten. Das verleitet dazu, die Krise mit ordnungspolitischen Mitteln lösen zu wollen: „Zu den bevorzugten Objekten der Diskriminierungskampagnen zählen neben Flüchtlingen und Migranten jene sozialen Klassen, die aus dem vorherrschenden Produktivitäts- und Leistungsmodell herausfallen.“ (Jahn et al. 2000, S.10). ...
Im Umgang mit den Außenseitern und den Herausgefallenen zeigt sich das Gesicht einer Gesellschaft. Grenzen wir aus, grenzen wir auch immer uns selber aus, sperren wir ein, sperren wir immer auch einen Teil unsere kollektiven Möglichkeiten ein.

Weitere Studien und Texte zur Wirkung von (Haft-)Strafen
Wirkung der Haft auf Jugendliche

Aus Daniela Hosser, "Was bewirkt die Strafhaft im Jugendalter? Empirische Erkenntnisse", in: Susanne Benzler (2008), "Jugendstrafvollzug. Neue Gesetze - Neue Perspektiven?", Rehburg-Loccum
Entwicklungsprozesse im Haftverlauf
Ein zentrales Ergebnis der Studie zur Entwicklung junger Männer im Jugendstrafvollzug ist, dass sich, auf Gruppenebene betrachtet, kriminalitätsrelevante Einstellungen und Verhaltenstendenzen im Haftverlauf nicht bedeutsam verändern. Die mangelnde Akzeptanz gesellschaftlicher Regeln und Gesetze, die hohe Aggressivität, die Ablehnung von Verantwortung für das eigene kriminelle Handeln und eine primär am eigenen kurzfristigen Nutzen orientierte moralische Beurteilung krimineller Handlungen bleibt von Haftbeginn bis zur Entlassung weitgehend unverändert bestehen. Die Jugendstrafe scheint den Entwicklungstand bei Inhaftierung geradezu zu konservieren (Zamble & Porporino, 1988). Dass dieser Entwicklungsstillstand dabei nicht in erster Linie auf eine veränderungsresistente Persönlichkeitsstruktur der jungen Männer zurückzuführen ist, sondern auch durch die Haft selbst mitbedingt wird, ist daran abzulesen, dass nach der Haftentlassung eine signifikant positive Veränderung im Bereich krimineller Einstellungen und Verhaltenstendenzen eintritt. Diese Entwicklungstendenz kehrt sich im Fall einer erneuten Inhaftierung jedoch wieder um und führt zu vergleichbaren, in manchen Bereichen sogar ungünstigeren Merkmalsausprägungen als im Verlauf der ersten Jugendstrafe.
Im Hinblick auf kriminelle Einstellungen und Verhaltenstendenzen, die als Risikofaktoren für die weitere Delinquenzentwicklung gelten müssen, ist also zunächst keine resozialisierende Wirkung des Jugendstrafvollzugs festzustellen. ... (S. 83)
Schlussfolgerungen
Entgegen gesellschaftlichen Erwartungen und Hoffnungen ist die Jugendstrafe selbst für das Gros junger Männer kein Anlass für einen tiefgreifenden Einstellungs- und Verhaltenswandel. Die Erfahrung des Eingesperrtseins allein initiiert keine positiven Entwicklungsprozesse. Haft hat vielmehr negative, dem Erziehungsauftrag entgegen wirkende Folgen, wenn sie den spezifischen Entwicklungsbedürfnissen der Inhaftierten nicht ausreichend Rechnung trägt. Der Jugendstrafvollzug ist daher so zu gestalten, dass er dem vermehrten Autonomiebedürfnis der Jugendlichen, ihrem Bedarf nach sozialen Beziehungen und der Übernahme verschiedener sozialer Rollen und Aufgaben gerecht wird, zumindest aber Entwicklungsrückschritte in diesem Bereich vermeidet. Soll die Bevölkerung nachhaltig vor weiteren Straftaten geschützt werden, führt kein Weg daran vorbei, die individuelle Förderung jedes Gefangenen in den Vordergrund aller Bemühungen des Jugendstrafvollzugs zu stellen. Ein hierzu notwendiges, ausreichendes und hinreichend differenziertes Weiterqualifizierungs-, Betreuungs- und Behandlungsangebot ist im deutschen Jugendstrafvollzug jedoch noch lange nicht Realität. (S. 88)

Daten zu Rückfalltätern

Aus Brauneck, Anne-Eva (1974): "Allgemeine Kriminologie", Rowohlt in Reinbek (S. 93 f.)
In einer Gruppe von Bestraften pflegen Rückfälle um so seltener zu werden, je länger die Bestrafung zurückliegt. Die meisten überhaupt rückfällig Werdenden tun es in den ersten Jahren, ein unverhältnismäßig hoher Prozentsatz im ersten Jahr, davon wieder ein unverhältnismäßig großer Teil in den ersten Monaten usw. nach der Verurteilung bzw. Strafentlassung.
Je rascher jemand bisher nach einer Verurteilung bzw. Strafentlassung rückfällig wurde, um so wahrscheinlicher wird er überhaupt, und bald, wieder rückfällig.
Je jünger jemand bei der ersten Bestrafung war, um so wahrscheinlicher wird er danach noch mehr bestraft werden. ...
Die Einbruchsneigung pflegt mit dem Älterwerden nachzulassen. Die Täter gehen dann u. U. zu einfachen Diebstählen oder sonstigen kleineren Delikten über, darunter zu sog. asozialen Kleindelikten, mit denen sie andere nicht mehr grob schädigen, die ihnen aber helfen, ihren Unterhalt ohne geregelte Arbeit zu bestreiten. ...
Anders als bei den jugendlichen Sexualtätern ist bei den Erwachsenen die Rückfallgefahr häufig groß, z. T. weil sie sich gerade aus dem Nachlassen ihrer Sexualität und ihrer sexuellen Befriedigungsmöglichkeiten ergibt. Sie ist auch durch die Haft nicht zu beheben, sondern eher noch zu verstärken, es sei denn, daß der Täter speziell therapiert wird.

Zitate zur Normalität des Sinnlosen

Aus "Alles sehen, nichts verhindern", in: taz, 15.10.2008 (S. 16)
Seit den 70er-Jahren feiert das Gefängnis einen gigantischen Siegeszug. Dabei ist längst belegt, dass die reine Inhaftierung vor allem begünstigt, dass der Delinquent weiterhin seinen Lebensunterhalt mit illegalen Mitteln bestreitet.

Im Original: Zum Knast in der BRD ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Der Text stammt aus dem Reader "Der Knast hat keine Fehler, er ist der Fehler" (S. 41 f.)
Mit der im letzten Jahr verabschiedeten Föderalismusreform ist die Zuständigkeit für den Strafvollzug Ländersache geworden. Der Umstand, dass nach fast 140 Jahren die einzelnen (Bundes-)Länder wieder die Zuständigkeit über das Knastsystem erlangen, ist im wesentlichen dem Erfolg der Bestrebungen der rechtskonservativen Landesregierungen Hessens und Hamburgs in den vergangenen acht Jahren geschuldet, die mit Parolen wie „Strafe muss wieder spürbar werden“ und „Wir wollen den sichersten Strafvollzug Deutschlands“ führen über den Bundesrat massiven Druck aufgebaut hatten, um ihnen lästige gesetzliche Mindeststandards aus dem Weg räumen zu können. Im allgemeinen Klima der Sicherheitshysterie rannten sie mit diesen Bestrebungen offene Türen ein. Das bereits von den so genannten Hartz – Reformen bekannte Konzept des „Förderns und Forderns“ hält nun auch im Strafvollzug unter dem euphemistischen Schlagwort „Chancenvollzug“ Einzug: Das mit dem Wohlfahrtsstaat verbundene Konzept der „Resozialisierung“ - gekoppelt an den Knast als Mittel zur Umerziehung und Gefügigmachung von Delinquenten mit dem Ziel einer anschließenden Reintegration in das kapitalistische Verwertungssystem - soll demnach nur noch für einen Teil der Inhaftierten Geltung haben. Vielmehr sehen die meisten neuen Ländergesetze vor, dass inhaftierte Menschen bei Beginn ihrer Knastzeit ab einer bestimmten Mindeststrafe zunächst eine so genannte zentrale Einweisungsabteilung durchlaufen. In dieser werden die Betroffenen nach ihrer „Resozialisierbarkeit“ unterteilt. Menschen mit Migrationshintergrund, Konsument_innen von Drogen und Leute, die wegen so genannter Gewalttaten sitzen, gelten dabei von vornherein als Problemgruppen ohne Resozialisierungspotenzial. Ein Kriterium, dass – über den Einweisungsprozess hinaus auch bei der weiteren Vollzugsplanung entscheidende Bedeutung zukommen wird – ist die Bereitschaft des Gefangenen, „Reue“ zu zeigen, dass heißt, sich innerhalb des Justizsystems zu unterwerfen. Die von der Kommission getroffene Entscheidung wird weit reichende Folgen für die gesamte Knastzeit der Betroffenen haben: Die Einteilung bestimmt über die Sicherheitsstufe der zukünftigen Knastabteilung, über den sog. Vollzugsplan, in dem alle Maßnahmen, denen sich der Gefangene zu unterziehen hat, und vor allem auch über die Zuweisung in den entsprechenden Knast. Die Entfernungen, die Freund_innen und Angehörige der Inhaftierten zurücklegten müssen, vergrößern sich in der Regel erheblich; Kosten- und Zeitaufwand führen dazu, dass die ohnehin spärlich vorhandenen Besuchstermine oftmals nicht mehr wahrgenommen werden können. Wird der Betreffende einer „Problemgruppe“ zugeteilt, stehen zudem die Chancen auf Lockerungen – z.B. begleitete Ausgänge oder Freigang – und Hafturlaub äußerst schlecht. Lockerungen sind jedoch die Voraussetzung dafür, nach 2/3 der Strafzeit eine sog. bedingte Entlassung – dass heißt, Aussetzung der Reststrafdauer auf Bewährung - Beantragen zu können. Die Haftzeiten steigen dadurch erheblich an, was neben der Tendenz, immer härtere Strafen zu Verhängen und einer erheblichen Ausweitung des Straftatenkatalogs ein wesentlicher Grund für die dramatisch angestiegene Zahl der Gefangenen ist: Die Zahl der Gefangenen in der BRD ist seit Mitte der 90er von kapp 60.000 auf nun über 80.000 angestiegen. Für Migrant_innen, die aufgrund des institutionalisierten Rassismus in der BRD weitaus häufiger von Strafverfolgung betroffen sind und die mit in Relation weitaus höheren Strafen zu rechnen haben, bedeutet die Inhaftierung in den allermeisten Fällen eine Doppelbestrafung durch die – meist erst nach Absitzen der Strafdauer – dann zwingend erfolgende Abschiebung mit anschließender Verhängung eines Verbots der erneuten Einreise durch die Ausländerbehörde. Die Chancen, während der Knastzeit als Gefangene/r ohne deutschen Pass Vollzugslockerungen zu erhalten, tendieren zudem gegen Null. Inhaftierte Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis außerhalb der Anstalt erhalten auch im Knast keinen Arbeitsplatz. Da diese jedoch meist ohne finanzielle Unterstützung von Freund_innen und/oder Angehörigen auskommen müssen, bedeutet dies, sich kein Essen zur Ergänzung des unerträglichen Knastfraßes, keine Zigaretten, keine fremdsprachigen Zeitschriften und Bücher. Knast bedeutet für die Mehrheit der Gefangenen ohne deutschen Pass jahrelanges Wegschließen bis zur Abschiebung. Generell existiert eine Tendenz, den Ausschlusspraxis durch Einsperrung noch weiter zu intensivieren: Sah das alte Strafvollzugsgesetz bislang den offenen Vollzug als Regelfall vor – ein Zustand, der nie erreicht wurde – so haben sich die meisten Bundesländer nun entschieden, den geschlossenen Vollzug als Regelfall festzuschreiben. Knastkapazitäten, die bislang für den offenen Vollzug vorgesehen waren, werden zunehmend in Plätze des geschlossen Vollzugs umgewandelt. Das Konzeptentwurf zur künftigen JVA Heidering, in der das Land Berlin in der Nähe Großbeerens in einem gut 100 Millionen Euro teuren Neubau ab 2012 rund 650 Menschen einknasten wird, sieht dieser Logik folgend keine Abteilung des offenen Vollzugs mehr vor. Die Gefangenen werden sich dort – nach Angaben der Justizverwaltung nicht nur aus Kostengründen, sondern auch aus pädagogischen Gründen – auf beschissene Haftbedingungen einstellen müssen: Die Zellengröße soll noch unterhalb des Durchschnitts der bisherigen (alten) Berliner Knästen liegen, und einen Warmwasseranschluss soll es aus Kostengründen in keiner der Zellen geben. In privaten Unternehmerbetrieben auf dem Anstaltsgelände sollen die Eingesperrten möglichst profitabel zur Zwangsarbeit hinter Gittern herangezogen werden. Unter anderem wird diskutiert, zu diesem Zweck möglichst gut ausgebildete Gefangene aus anderen Berliner Knästen abzuziehen und diese den Privaten – mit möglichst geringem Betreuungsaufwand – zur Verfügung zu stellen. Dennoch wird das Land nach derzeitigem Stand mindestens 17 Millionen Euro jährlich an Betriebskosten für diesen Knast ausgeben. Mit der Errichtung der JVA Heidering verfolgen die Herrschenden nicht nur das Ziel, ausreichend Kapazitäten zur Einkerkerung der auch in Berlin stetig steigenden Anzahl der Menschen, die aus dem kapitalistischen Verwertungssystem herausfallen, zu schaffen. Der Knast soll als Modellprojekt auch – dem Vorbild der hessischen, teilprivatisierten JVA Hünfeld folgend – dazu dienen, einen modernen, dem neoliberalen Zeitgeist entsprechenden Strafvollzug zu erproben. Momentan laufen Vorbereitungen für eine Veranstaltungs- und Aktionswoche zum Knastprojekt, die im Herbst stattfinden soll. Achtet auf Ankündigungen, und beteiligt Euch! Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen - für eine Gesellschaft ohne Knäste und Zwangsanstalten! Freiheit für alle Gefangenen!

Knast-Zahlen

Aus einem SWR-Film über Fehlurteile und Knast

Weitere Quelle:

Im Original: Wer sitzt im Knast? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Jessica Williams,"50 Fakten, die die Welt verändern sollten", Goldmann Verlag
Ein in den Vereinigten Staaten geborener Schwarzer männlichen Geschlechts wird mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu drei mindestens einmal im Leben im Gefängnis landen
Amerika mag das Land der Freien sein, aber einer wachsenden Zahl seiner Einwohner ist diese Freiheit bei der einen oder anderen Gelegenheit genommen worden. Im Juni 2002 überschritt die Zahl der Insassen hinter Gittern die Zwei-Millionen-Grenze, damit überholten die Vereinigten Staaten Russland und wurden zur Heimat der größten Gefängnispopulation der Welt. Jeder siebenunddreißigste Amerikaner hat irgendwann einmal eingesessen - 1974 war es einer von dreiundfünfzig. Hält der gegenwärtige Trend an, wird eines von fünfzehn Kindern aus dem Jahrgang 2001 einmal im Leben ins Gefängnis müssen.
Aber betrachtet man die Statistiken etwas genauer, werden einige noch besorgniserregendere Tendenzen erkennbar. Bei Kindern, die im Jahre 2001 geboren wurden, besteht für einen männlichen Weißen eine Wahrscheinlichkeit von eins zu siebzehn, dass er irgendwann einmal einsitzt. Bei Männern spanischer Abkunft beträgt die Wahrscheinlichkeit eins zu sechs, bei Schwarzen eins zu drei. Wenn Sie sich nun überdies vergegenwärtigen, dass 12,9 Prozent der amerikanischen Bevölkerung Schwarze sind, fangen Sie an, das Ausmaß des Problems zu erahnen. Ein Sechstel aller männlichen Afroamerikaner sitzen gegenwärtig ein oder sind ehemalige Gefängnisinsassen, bei den Weißen ist es im Vergleich dazu jeder achtunddreißigste.
Hier liegt eindeutig etwas im Argen. Amerikas Gefängnispopulation hat in den vergangenen dreißig Jahren explosionsartig zugenommen: Im Jahre 1970 gab es in den Gefängnissen der Bundesstaaten und den Bundesgefängnissen zusammen insgesamt 200000 Insassen. Seither haben Strafverfolgungsphilosophien wie »beim dritten Mal für immer« aus dem Jahre 1994 - die eine automatische Freiheitsstrafe zwischen 25 Jahren und lebenslänglich für jeden vorsieht, der sich zum dritten Mal eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht hat - zu einer massiven Zunahme der Insassenzahlen geführt. Unter den einer Gewalttat Angeklagten ist ein erheblicher Prozentsatz schwarz (im Jahre 2001 waren es 42,5 Prozent), so dass dieser Personenkreis von den langen Freiheitsstrafen unverhältnismäßig stark betroffen ist.
Auch der so genannte »Krieg gegen Drogen« hat in überaus wirksamer Weise dazu beigetragen, die Gefängnisse zu füllen. Ein Zusammenschluss von Anwälten, das Senteneing Project, eine Projektgruppe zur Bewertung von Hafturteilen, berichtet, dass 70 Prozent der im Jahre 1998 zu einer Gefängnisstrafe in einem der Bundesstaaten Verurteilten wegen nicht gewalttätiger Vergehen einsaßen. Unter den Insassen der Bundesgefängnisse waren 57 Prozent wegen eines Drogendelikts verurteilt worden.
In diesen Bereichen wird offenbar, wie sehr das Gesetz ethnisch voreingenommen ist. Offizielle Statistiken der amerikanischen Bundesregierung zeigen, dass 13 Prozent der Personen, die sich dazu bekennen, mindestens einmal im ,Monat Drogen zu nehmen, schwarz sind. Dennoch liegt bei den wegen Drogenbesitzes verhafteten Personen der Anteil der Schwarzen bei 35 Prozent; wenn es um Haftstrafen wegen Drogendelikten geht, gar bei 74 Prozent.
In einer ungeheuer einflussreichen Rede vor der Bürgerrechtsbewegung American Civil Liberties Union aus dem Jahre 1999 bezeichnete Ira Glasser die amerikanische Drogenpolitik als »den neuen Jim Crow«. Er bezog sich damit auf ein besonders finsteres Kapitel in der amerikanischen Geschichte, auf jene Zeit, in der in den Südstaaten die Trennung zwischen Schwarzen und Weißen (Segregation) gesetzlich verankert war. »Jim Crow« hieß eine Bühnengestalt Mitte des 19. Jahrhunderts: Weiße Schauspieler schwärzten sich Gesicht und Hände und gaben rassistisches Liedgut und Tänze zum Besten. Der Name wurde zum Synonym für die Diskriminierung der Schwarzen in Alltag und Kultur jener Zeit, und Ende des Jahrhunderts liefen Gesetze, die Schwarze benachteiligten, unter der Bezeichnung Jim-Crow-Gesetze, Glasser vertrat den Standpunkt, dass Amerikas Drogengesetze inzwischen dieselbe Qualität hätten: Sie hätten zu einer »Epidemie des Freiheitsentzugs« geführt, und das Drogenverbot sei zu einem wirksamen Ersatz für das Segregationsgesetz geworden.
Wie man es auch dreht und wendet: Amerikas Drogengesetze richten sich gegen Minderheiten. Bei den Gefängnisurteilen besteht ein riesiges Ungleichgewicht zwischen dem Besitz/Konsum von Crack (einem Kokain-Derivat, das hauptsächlich von schwarzen und spanischstämmigen Amerikanern genommen wird) und dem von weißem Kokain-Pulver (das vorwiegend von Weißen konsumiert wird). Obwohl es Versuche gegeben hat, dies zu ändern, sieht das Gesetz gegenwärtig noch für den Besitz von 500 Gramm Kokain dieselbe obligatorische Haftstrafe von fünf Jahren vor, wie für den Besitz von fünf Gramm Crack.
Ein anderes Beispiel: Fahren unter Alkoholeinfluss ist in Amerika mit 1,8 Millionen Verhaftungen Pro Jahr der häufigste Inhaftierungsgrund. Betrunkene Fahrer kosten jährlich 22000 Menschen das Leben, die Zahl der Todesfälle durch eine Überdosis an Drogen oder durch Krankheiten und Gewalttaten im Zusammenhang mit Drogen beläuft sich hingegen auf 21000 pro Jahr. Trotzdem werden fast alle Fälle von Trunkenheit am Steuer als Kavaliersdelikte abgetan oder durch Strafen wie Führerscheinentzug oder gemeinnützige Tätigkeit geahndet. Die typische Strafe für Drogenbesitz - auch für weiche Drogen wie Marihuana - beträgt bis zu fünf Jahren beim ersten Delikt. Betrunkene Fahrer sind in erster Linie männliche Weiße.
Minderheiten in Amerika werden allgemein häufig Opfer von ethnischer Benachteiligung, in welcher Form auch immer. Auf einem Abschnitt der Autobahn 1-95 durch Maryland zum Beispiel sind, wie in einer Studie gezeigt wurde, 17 Prozent der Fahrer schwarz, aber unter denen, die an die Seite komplimentiert und durchsucht werden, befinden sich 73 Prozent Schwarze. In der Mehrzahl der Wagen, die bei diesen Aktionen durchsucht wurden, fanden sich keine Drogen, und wenn doch, dann ebenso häufig wie in Autos, die von Weißen gefahren wurden.9 In New York City landete in den Jahren 1997 und 1998 weniger als ein Viertel der 45 000 gemeldeten angetrunkenen Fahrer hinter Gittern, zwei Drittel der Inhaftierten gehörten einer Minderheit an. Im September 2003 willigte die Stadt New York in einen Vergleich ein, der einen Prozess um eine Sammelklage wegen ethnischer Voreingenommenheit beenden sollte, in dem der New Yorker Polizei vorgeworfen wurde, bei Polizeikontrollen in unrechtmäßiger Weise rassistisch vorzugehen. Ein Teil des Vergleichs bestand darin, dass sich die New Yorker Polizei verpflichtete fortan all ihren Beamten ZU untersagen, Minderheiten in unbotmäßiger Weise willkürlichen Durchsuchungsaktionen zu unterziehen.
Auch schwarze Frauen landen weitaus leichter im Gefängnis als ihre weißen Geschlechtsgenossinnen. Im Jahre 1980 saßen in Staats- und Bundesgefängnissen 12 300 Frauen ein, im Jahre 2002 waren es 96000. Dreiundvierzig Prozent darunter waren schwarz. Nur 31 Prozent saßen wegen eines Gewaltverbrechens ein.
Diese Masseneinkerkerung von Frauen schlägt bitter auf deren Kinder zurück. Etwa 65 Prozent a Iler inhaftierten
Frauen haben Familie, und sehr häufig wird den Kindern der Besuch bei der Mutter mit der Begründung verweigert, die Mutter »fühle sich nicht wohl«. Viele amerikanische Bundesstaaten haben inzwischen Gesetze, die sie berechtigen, einer Frau in Haft das Elternrecht zu entziehen. Drei Viertel aller einsitzenden Frauen hat regelmäßig Drogen konsumiert, beinahe 40 Prozent mussten monatlich mit weniger als 600 Dollar auskommen, und über die Hälfte von ihnen wurde körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht. Es ist nicht einzusehen, wie einem dieser Probleme durch eine Gefängnisstrafe beizukommen sein sollte.
Für ein Gewaltverbrechen in Amerika einzusitzen, kann unter Umständen zu allem anderen Folgen haben, die noch lange nach dem Abbüßen der Haftstrafe weiterwirken. Sechsundvierzig amerikanische Bundesstaaten verfügen über Gesetze zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, die jedem, der für ein Gewaltverbrechen einsitzt, das Wahlrecht absprechen. In zehn Staaten ist dieser Schritt unwiderruflich.
Kein Wahlrecht mehr zu haben bedeutet, dass rehabilitierten Strafgefangenen, die ihre Zeit abgesessen haben, das Recht genommen wird, an der bürgerlichen Gesellschaft teilzuhaben. Gesetze zur Aberkennung der Bürgerrechte nehmen die Freiheiten wieder, die der Fünfzehnte Zusatz zur amerikanischen Verfassung, mit dem auch schwarzen Amerikanern das Wahlrecht zugestanden wurde, garantiert hat. Zusätzlich verankert wurden die Rechte dieses Zusatzes durch eine gesetzliche Regelung aus dem Jahre 1965, die sämtliche Voraussetzungen aufhob, die willkürlich an das Recht zu wählen geknüpft worden waren: beispielsweise die Forderung, man müsse des Lesens und Schreibens mächtig sein - eigens dazu erdacht, Schwarze an der Wahl zu hindern. Heutzutage dürfen 1,4 Millionen männliche Schwarze (13 Prozent der männlichen schwarzen Bevölkerung Amerikas) ihr Wahlrecht einer Straftat wegen nicht ausüben. In Alabama und Florida sind gar 31 Prozent der männlichen schwarzen Bevölkerung für immer von Wahlen ausgeschlossen. Dazu Ira Grasser: »Was das Wahlrecht von 1965 eingeführt hat, ist durch die Drogengesetzgebung in beträchtlichem Maße zurückgenommen worden. «
Diese eklatante Missverteilung ist in den Vereinigten Staaten sicher am deutlichsten zu beobachten, beginnt aber auch andernorts sichtbar zu werden. In Großbritannien sitzt gegenwärtig ein Prozent aller schwarzen Erwachsenen ein. Zwei Prozent aller Briten sind afrikanischer und karibischer Abstammung, unter den Gefängnisinsassen sind es 16 Prozent. In den Jahren 1998 und 1999 wurden Schwarze sechsmal so häufig angehalten und durchsucht wie Weiße.
Großbritannien verfügt bereits jetzt über höhere Inhaftierungsquoten als jedes andere Land in Europa, und es werden zunehmend Befürchtungen laut, das Vereinigte Königreich könne auf dem Weg sein, eine amerikanische Liebe zu Gefängnissen zu entwickeln.
Das Problem einer solchen ethnisch bedingten Ungleichbehandlung anzugehen ist ungeheuer wichtig, denn man muss bedenken, dass die Zeit im Gefängnis eine Zeit des sozialen und kulturellen Ausgeschlossenseins ist. Diese Isolation zieht Kreise, bringt unter Umständen wiederum ein Umfeld hervor, in dem die Gefahr, dass auch die Kinder der Probanden straffällig werden und ins Strafvollzugssystem geraten, besonders hoch ist. Schätzungen zufolge hat die Hälfte aller ehemaligen Gefängnisinsassen schwer zu kämpfen, um Arbeit zu bekommen. Diejenigen, die eine Stellung finden, verdienen etwa die Hälfte von dem, was andere Personen mit einem ähnlichen Hintergrund verdienen, die nicht eingesessen haben. Die Tatsache, dass der Strafvollzug in unserem Land weder eine umfassende Berufsausbildung noch hinreichende Rehabilitationsmaßnahmen anzubieten imstande ist, macht die Sache nicht eben besser. Wenn ihnen keine andere Möglichkeit offen steht, sich zu ernähren, finden sich ehemalige Straftäter unter Umständen binnen kurzem im selben Umfeld wieder, durch das sie bereits zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.
Politiker und Vollzugsstrategen behaupten oftmals, Gefängnis sei eine wirksame Besserungsmaßnahme. Aber es ist schwer einzusehen, wie jemand das Einsperren von Millionen Menschen als so etwas wie einen Sieg über das Verbrechen sehen kann. Wo die Nachfrage nach Drogen relativ gleich bleibend ist, führt das Einsperren von größeren Menschenmengen wegen Drogendelikten lediglich zur Rekrutierung weiterer williger Handlanger. Wenn so viele Leute einsitzen, eignet sich Einsperren kaum als Abschreckung - ja, manch einer sieht es bereits heute als Gelegenheit, mit seinen Freunden »drinnen« wieder zusammenzukommen. Es gibt Kriminologen, die glauben, dass die Vereinigten Staaten einen kritischen Punkt erreichen könnten, an dem das System zu kippen droht: Wenn sich Jahr für Jahr mehr als ein Prozent einer Bevölkerung im Gefängnis befindet, wird das soziale Netz gelähmt, und es wird unmöglich, Verbrechen zu kontrollieren.
Einen Straftäter im Gefängnis zu unterhalten kostet die Vereinigten Staaten jährlich um die 30000 Dollar. Stellen Sie sich vor, was geschähe, wenn diese Gelder für andere Projekte zur Verfügung stünden: für Programme zur Eindämmung der Straßenkriminalität, für die Entwicklung der Innenstädte, für Programme zur Behandlung von Drogen- und Alkoholabhängigkeit. Wir würden nicht nur dem Steuerzahler Geld sparen, sondern die Kriminalitätsrate womöglich wirklich endlich sinken sehen. Vielleicht könnten wir auch feststellen, dass die Armut abnimmt und dass Kinder, die Minderheiten angehören, auf den Schulen bleiben und einen anderen Weg einschlagen.
Das Thema Politik der Strafverfolgung - insbesondere der Verfolgung von Drogendelikten - ist bereits viel zu sehr mit der Frage von Klasse und Rasse verflochten. Wenn wir das nicht ändern, wird die Art und Weise, wie wir Recht sprechen, weiterhin zu Benachteiligungen führen und mehr Ausgeschlossenheit, mehr Hass provozieren.


Aus einem SPIEGEL-Gespräch am 19.03.2016 mit dem Gefängnisdirektor Thomas Galli, in: Spiegel Nr. 12/2016 (S. 46)
Von etwa 44 000 Gefangenen bundesweit sitzen allein 4000 Ersatzfreiheitsstrafen ab, weil sie Geldstrafen nicht bezahlen können. Da geht es um Schwarzfahren, Fahren ohne Führerschein, kleinere Körperverletzungen oder Diebstähle. Das trifft nur Arme. Wer bis dahin noch nicht im völligen sozialen Abseits lebt, kommt im Gefängnis in entsprechende Kreise. Wer vorher keinen Kontakt mit Drogen hatte, wird ihn dort haben. Der Schaden, den wir damit anrichten, kostet den Steuerzahler pro Inhaftierten 40 000 Euro jährlich. Jetzt rechnen Sie mal!

Aus Ilija Trojanow, "Der überflüssige Mensch" (S. 39)
1980 waren 139 von 100000 US-Amerikanern inhaftiert, 2010 war diese Zahl auf atemberaubende 750 angestiegen. 25 Prozent aller Häftlinge weltweit sitzen zwischen Seattle und Miami ein: insgesamt 2,3 Millionen.

Statistik aus 2009 (gefunden hier - keine Quellenangabe)
72 043 Menschen sitzen in deutschen Gefängnissen

Aus "Was über Leben und Tod entscheidet", in: Süddeutsche Zeitung, 7.7.2008
Tatsächlich werden überproportional viele Afroamerikaner zum Tode verurteilt: Sie machen zwar nur zwölf bis dreizehn Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung aus, aber mehr als 40 Prozent der Häftlinge in den Todeszellen.
Bekannt ist auch, dass schwarze Angeklagte, die einen Weißen umgebracht haben, häufiger zum Tode verurteilt werden als Weiße, denen der Prozess nach einem Mord an einem Afroamerikaner gemacht wurde. Und auch Arbeiter landen mit erheblich höherer Wahrscheinlichkeit im Todestrakt als Angestellte. ...
Auf den ersten Blick scheint die Auswahl der Häftlinge, die tatsächlich sterben müssen, willkürlich, sagen Stamos Karamouzis von der Regis University in Denver und Dee Wood Harper von der Loyola University in New Orleans. Aber ist sie das wirklich? Um dies zu überprüfen, haben die Wissenschaftler eine Software auf der Grundlage eines neuronalen Netzes entwickelt. ...
Inzwischen konnten die Wissenschaftler auch zwei Parameter identifizieren, die den größten Einfluss auf die Entscheidung über Leben und Tod nach dem Urteil haben: Eine wichtige Rolle spielt demnach das Geschlecht. Verurteilte Frauen werden in den USA erheblich seltener hingerichtet als Männer. Der zweite Faktor ist die Bildung beziehungsweise die Zahl der Jahre, in denen die Häftlinge die Schule besucht hatten.

Jeder dritte Inhaftierte der Strafanstalt Plötzensee sitzt dort wegen "Schwarzfahrens"!!!
Aus "Ohne Ticket in den Knast", in: Junge Welt, 21.4.2009 (S. 3)
Laut einer Anfrage der FDP-Fraktion an den Senat gingen im vergangenen Jahr bei der Staatsanwaltschaft 16302 Anzeigen wegen »Leistungserschleichung« bei der BVG ein. Hinzu kommen rund 7300 Anzeigen, die von der S-Bahn gemeldet wurden. Die Gerichte verhängten nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen rund 3000 Mal eine Geldstrafe sowie in 320 Vorgängen eine Freiheitsstrafe. Pro Jahr bedeutet die Unterbringung der Betroffenen eine Belastung für den Landeshaushalt von offiziell 4,5 Millionen Euro. Tatsächlich ist die Zahl der Häftlinge, die als Schwarzfahrer einsitzen, jedoch wesentlich höher. Wer nämlich aufgrund weiterer Delikte eine Haftstrafe antreten muß, wird in der Schwarzfahrer-Datei nicht erfaßt.

Aus "Kein Knast für Schwarzfahrer", in: Junge Welt, 22.9.2012 (S. 4)
Knast für »Schwarzfahrer« ist keine Seltenheit. In den vergangenen Jahren stellten allein in der Hauptstadt die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die S-Bahn GmbH rund 18000 Strafanträge. Nach Paragraph 265a des Strafgesetzbuches saßen nach Auskunft der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz 2011 insgesamt 1269 Menschen aufgrund einer »Beförderungserschleichung« eine Ersatzfreiheitsstrafe ab. Derzeit befinden sich an der Spree aus diesem Grund rund 1000 Menschen hinter schwedischen Gardinen.

Zwangsarbeit

Rechts: Anzeige in der Braunschweiger Zeitung

Irrtum: In Deutschland gibt es keine Zwangsarbeit.

Richtig ist: Strafgefangene dürfen in Deutschland zur Zwangsarbeit herangezogen werden.

Bei dem Wort »Zwangsarbeit« denkt man an Häftlinge in gestreifter Sträflingskleidung, die mit Fußketten gefesselt in einem Steinbruch bei sengender Hitze Schwerstarbeit leisten müssen. Man denkt also an Zustände, wie sie in der zivilisierten Welt zum Glück seit langem nicht mehr vorkommen – jedenfalls nicht in den östlich des Nordatlantik gelegenen Kulturnationen.
Der Glaube in Deutschland gehe es keine Zwangsarbeit mehr, ist jedoch ein Irrglaube. Natürlich sind die oben geschilderten Zustände hierzulande längst düstere Vergangenheit. Dennoch gibt es auch in Deutschland Zwangsarbeit. Gemeint sind nicht etwa die Ein-Euro-Jobber, die sich jetzt möglicherweise angesprochen und in ihrer Haltung bestätigt fühlen, sie würden zu »Fronarbeit verdonnert«. Angesichts drohender Arbeitslosengeldkürzungen veranlasst Hartz IV zwar viele zur Aufnahme gemeinnütziger Arbeiten im Rahmen von Ein-Euro-Jobs. Von Zwangsarbeit zu sprechen, geht in diesem Zusammenhang jedoch sicherlich entschieden zu weit.
In deutschen Gefängnissen dagegen gibt es sehr wohl Zwangsarbeit. Das Grundgesetz sieht ausdrücklich vor, dass die - ansonsten verbotene - Zwangsarbeit bei gerichtlich angeordneter Freiheitsentziehung ausnahmsweise zulässig ist. Strafgefangene müssen zwar nicht mehr in den Steinbruch, sie können jedoch auch heute noch zum sprichwörtlichen Tütenkleben in der Gefängniswerkstatt zwangsverpflichtet werden. Ausnahmen gelten nur für Gefangene über 65 Jahre und gegebenenfalls für werdende und stillende Mütter. Alle anderen müssen jede Arbeit annehmen, zu der sie aufgrund ihres körperlichen Zustandes in der Lage sind. Die Justizvollzugsanstalten hören den Begriff »Zwangsarbeit« in diesem Zusammenhang natürlich nicht gern. Sie sprechen lieber von »arbeitstherapeutischen Maßnahmen«, mit denen der Gefangene resozialisiert werden soll. So segensreich diese Maßnahmen tatsächlich auch sein mögen, in wortwörtlicher Anlehnung an die Formulierung im Grundgesetz ist es dennoch gerechtfertigt, sie als Zwangsarbeit zu bezeichnen.

Bei Interesse siehe hierzu:

Quelle: Höcker, Ralf (2004), "Lexikon der Rechtsirrtümer", Ullstein Buchverlage in Berlin

Mehr zur Ökonomie von Gefängnissen

Laden für Produkte "made im Knast"
Am 22. Februar eröffnete in Berlins Mitte in der Rosa-Luxemburg-Strasse 25 ein Laden des Modelabels „Haeftling“. In diesem können unter Zwangsarbeit in Knästen hergestellte Produkte erworben werden. Die Produktauswahl reicht von Bekleidung jeglicher Art, zu blau-weiß karierter Bettwäsche, Metalltellern und Wolldecken bis Bio-Kaffee aus dem Knast in Hünfeld und Schnäpsen aus der JVA Heilbronn. Momentan werden die Produkte in fünf deutschen Knästen und einem in Großbritannien hergestellt. Mehr ...


Aus der IHK Zeitung für Gießen/Friedberg 2/2008 (S. 6)

Hetzen, Hetzen, Hetzen ... in der Bild am 4. Dezember 2009, "Post von Wagner"
"Ihr beiden Ausbrecher, ich bin froh, dass Ihr düsteren Gestalten wieder drin seid. Auf einem Weihnachtsmarkt wart Ihr. Mir kommen die Tränen. Das ist fast wie ein"Sat.1-Film". Der Mörder und der Weihnachtsmann. Der Höhepunkt des Stücks wäre die rührende Szene, wo ein Ehepaar die hungernden Ausbrecher bekocht, man müsste nur die Pistole wegschneiden. Ausbrechen hat immer etwas Heldisches, weil Freiheit im Spiel ist. Der größte Ausbrecherheld im Roman und im Film ist der Graf von Monte Christo. Aber er war unschuldig verurteilt. Unsere Ausbrecher sind schmutzige Verbrecher, sie haben keinen Atemzug der Freiheit verdient. Keinen Christkindlmarkt. keine blitzenden Kinderaugen, keinen Himmel mit Sternen. Ich bin froh, dass Ihr wieder hinter Mauern seid, weg von uns. Ihr habt bei uns nichts verloren. Euer Leben als Mörder, Vergewaltiger interessiert mich nicht. Ich will von Euch nichts wissen. Ich halte mir die Ohren zu. Ich will von Eurem Leben nichts wissen. Euer Ort ist das Gefängnis. Weg von uns. Es gibt keinen Weihnachtsmann
mit einem Mörder. Herzlichst, Ihr Franz Josef Wagner"

Engagement hinter Gittern? Perspektiven linker & antifaschistischer Politik hinter Gittern

Die Frage, die uns an dieser Stelle beschäftigen soll lautet, ob es heute für Gefangene - speziell in der BRD - die Möglichkeit gibt, sich innerhalb des Gefängnissystems zu politisieren und antifaschistisch tätig zu sein oder tätig zu werden?
Von Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bis in die 80er hinein gab es in vielen Gefängnissen in Westdeutschland, sowie in der „Wendezeit“ auch in den Haftanstalten in Ostdeutschland (exemplarisch seien die JVA Brandenburg und die JVA Bautzen erwähnt) Aktionen von Gefangenen, die einerseits auf die desolaten Zustände hinter den Gittern und Mauern aufmerksam machten, aber zugleich auch linke Gesellschaftskritik übten.  Dabei konnten sie sich der Solidarität von GenossInnen außerhalb der Anstalten sicher sein, welche ein - wenn auch oft nur begrenztes - Maß an Öffentlichkeit schufen.
Obwohl seit Ende der 90er Jahre die Anzahl der Inhaftierten von ca. 52 000 (31.12.89) auf über 81 000 anwuchs, die Zahl der tatsächlichen Haftplätze jedoch von ca. 59 000 (31.12.89) auf nunmehr circa 75 000, hat die hierdurch bedingte chronische Überbelegung nicht etwa einen Motor dafür geliefert, dass die gefangenen Menschen ihre Situation reflektierten und in den gesamtgesellschaftlichen Kontext einordnen würden, um entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen und dann aktiv zu werden.
Das heisst, der Ist-Zustand ist ein relativ trauriger. Die prinzipielle Bereitschaft zu handeln, sich seines Wertes als Subjekt bewusst zu werden, der Wille den Objektstatus des/der „zu-resozialisierenden-Gefangenen“ abzuschütteln und Ich-Autonomie zu erkämpfen (alles Ziele und Wege, die auch linker und antifaschistischer Politik immanent sind), scheint gebrochen. Was vielleicht auch daran mit liegen mag, dass wir hinter den Mauern ein großes Desinteresse zu spüren vermeinen seitens der GenossInnen draußen (beispielhaft sei auf die Kampagne auch der Roten Hilfe: „Freiheit-jetzt“ für die RAF-Gefangenen verwiesen. Es gibt tatsächlich sogar GenossInnen, die überrascht und erstaunt sind, wenn sie hören, dass immer noch Gefangene der RAF interniert sind). Und ohne eine gut funktionierende Öffentlichkeitsarbeit wäre jedes Handeln relativ wirkungs- und erfolglos.
Dabei gibt es durchaus Perspektiven und Möglichkeiten, würde diese nur effektiv genutzt. Vorbei sind die Zeiten, in denen die taz oder RH-Zeitung gar nicht oder nur um kritische Artikel gekürzt (Zensurmaßnahmen der Anstalten) hinter die Mauern gelangte. D. h. es besteht heute durchaus die Chance, auch systemkritische Literatur zu beziehen und sich entsprechend aus- und fortzubilden. Solche Materialien an interessierte Mitgefangene weiterzugeben ist ebenfalls möglich (sofern mensch nicht gerade in Isolationshaft sitzt).
Freilich ist stets mit Sanktionen seitens der Anstalt oder des Justizministeriums zu rechnen; zumal das Spitzelsystem sehr ausgeprägt ist.  Bestehen keine enge und gut funktionierende Verbindungen zu GenossInnen „draußen“, drohen regimekritische Inhaftierte durch das justizielle Räderwerk zerbrochen zu werden.
Der Autor kann an seinem eigenen Vollzugsalltag bemerken, wie die Justiz „arbeitet“. Ein Mittel ist die strenge Postzensur; in vorliegendem Fall wurde dieser Artikel von einer in die Anstalt „abgeordneten“ Richterin inhaltlich geprüft, bevor er die Anstalt verließ; hätte ihr etwas - zu sehr - missfallen, wäre der Artikel eingezogen worden. Post von/an GenossInnen in der Schweiz, in Frankreich wurde teilweise erst nach Intervention des Oberlandesgerichts „freigegeben“. Durch diese Zensur hat die Justiz eine recht gute Kontrolle über die InsassInnen und kann steuernd eingreifen (George Orwell lässt grüßen).
Dann gibt es die Strategie, InsassInnen zu diskreditieren, indem ihnen ein „Querulantenwahn“ angedichtet wird; im Fall des Autors dieses Artikels war mit diesem Vorwurf erst Schluss, als ein renommierter Psychiater einer Universität bestätigte, dass KEIN „Wahn“ vorliege. Nun kam das Argument, dass wer „in vorwerfbarer und gemeiner Weise den Staat und seine Repräsentanten in Politik und Justiz“ bekämpfe, sein Recht verlöre, Gerichte anzurufen und um Rechtsschutz nachzusuchen. Mit Hilfe eines Anwalts wurde gegen diese Strategie das Verfassungsgericht angerufen.
Diese Beispiele sollen illustrieren, dass Gefangene aufgrund der totalen Institution, in der jede Lebensäußerung beobachtet, notiert, gespeichert wird, ohne Solidarität von außen auf verlorenem Posten stehen.
Die multiethnische und multikulturelle Zusammensetzung der Gefangenen, um auf einen letzten Aspekt kurz einzugehen, bietet eine große Chance, auch die antifaschistische Arbeit hinter Gittern zu globalisieren. Dies erfordert von allen Beteiligten die Bereitschaft, interkulturelle Konflikte hintenan zu stellen (besser wäre es, sie zu lösen, was aber in einem begrenzten Umfeld wie in einer JVA nicht möglich sein dürfte), um gemeinsam und vereint für die Ziele, die uns verbinden, zu kämpfen.
Es ist eine Frage der inneren Bereitschaft und des Willens, auch persönliche vollzugliche Nachteile in Kauf zu nehmen - aber ebenso der praktizierten Solidarität von „draußen“!
Thomas Meyer-Falk (JVA Bruchsal)

Knast und Gewalt

Ausschnitte aus der Presseinformation des Justizministeriums NRW zu einer Studie über Knast und Gewalt
Gewalt im Strafvollzug ist orts- und zeitunabhängig. Hafträume sind nur in etwa 1/3 aller Fälle Tatort. Gänge, Flure und der Freistundenhof in jeweils 15 bis 20 Prozent der Fälle. Weitere Tatorte sind Duschen und auch Werkbetriebe. ...Allein die strikte Einzelunterbringung löst das Problem nicht, da ein nicht unerheblicher Teil der wegen Gewalttätigkeit inhaftierten Gefangenen wegen Suizidgefahr in Gemeinschaft untergebracht werden muss.

Aus der Debatte um den Foltertod im Siegburger Knast

November 2006 starb ein Häftling in seiner überbelegten Zelle - gefoltert von den (auch nur wegen Mini-Delikten eingesperrten) Mithäftlingen. Plötzlich ging eine Debatte über den Knastalltag los. Jetzt wurde - zwecks höherer Auflagen der Medien - über unhaltbare Zustände diskutiert, während kurz davor noch - zwecks höherer Auflagen der Medien - eher vom Hotelbetrieb "Knast" phantasiert wurde. Diskursfabrikation halt ...

Aus "Etwas läuft grundsätzlich schief", in: FR, 21.11.2006 (S. 10)
Vergewaltigungen, schwerste Schlägereien, Abzockerei, dies alles gehört zum Haftalltag. ...
Kopfschüttelnd bekommt er mit, wie sich seit dem Mord in der Justizvollzugsanstalt Siegburg plötzlich alle Welt dafür interessiert, wie es hinter Gittern zugeht. Dabei warnen Leute wie er schon seit langem davor, dass "der Alltag im Knast immer rauer wird. Die Jugendlichen bleiben sich mehr und mehr selbst überlassen." So seien weder ausreichend Arbeitsplätze für sie vorhanden noch ausreichend schulische Angebote, kritisiert Jünschke. "Gefängnisbedienstete beklagen, dass die Zahl der Eltern sinkt, die ihre inhaftierten Kinder überhaupt noch besuchen." Und der hinreichend bekannte Personalnotstand ist für Jünschke nur die eine Seite der Medaille: "Worüber nicht geredet wird, ist die Qualität des Personals." ...
Es gibt aber so gut wie keine jungenorientierte Pädagogik hinter Gefängnismauern, die sich mit den Männlichkeitsentwürfen und den Männlichkeitsbildern dieser Jugendlichen befasst", sagt Jünschke. Stattdessen werden die Jugendlichen, wie in Siegburg, in Haftanstalten verwahrt, die noch im Kaiserreich erbaut wurden. 1886 war Siegburg als königlich preußische Strafanstalt errichtet worden. Derzeit sind dort 649 Haftplätze vorgesehen, die allerdings mit 715 Häftlingen überbelegt sind. ...
Aber auch andere Vorwürfe werden seither laut. So von dem ehemaligen Siegburger Gefängnispfarrer Rudolf Hebeler, der kritisiert, dass die Jugendlichen an Wochenenden "in ihren Subkulturen allein gelassen" würden. Es reiche nicht, sie "wie Zootiere zu verwahren". ...
Rassismus und Sexismus, das erlebt Jünschke tagtäglich, nimmt in den Haftanstalten zu. Die Schwelle zur Gewalt sinkt. Unter anderem deshalb, wie er meint, weil hier immer mehr junge Leute untergebracht werden, die nur auf Grund einer verfehlten Drogenpolitik in Haft und nicht in Behandlung sind. ...
Der hatte kürzlich in einer Erhebung nachgewiesen, dass nur jeder vierte der in seinem Baden-Württembergischen Gefängnis einsitzenden Jugendlichen ein Tötungsdelikt, eine schwere Körperverletzung oder eine Straftat begangen hatte, bei der ein Schaden von über 2500 Euro angerichtet wurde. ...
Und in Siegburg wird den Insassen am Wochenende morgens mit dem Frühstück das Abendessen in Plastiktüten gleich mitgereicht. Danach ist Zapfenstreich. Für 18 lange, lange Stunden. "Da sitzen die dann, nicht mal jeder hat einen Fernsehapparat oder ein Radio", weiß Jünschke. "Wir kacken ab", beschreiben die Jugendlichen diesen Zustand. Was dazu führt, dass Jünschke, wenn er denn den persönlichen Zugang zu einem Jugendlichen findet, "nicht mehr mit Gefährlichkeit im Knast konfrontiert ist, sondern mit Elend hinter Gittern".

Knast schafft neue Gewalt

Aus der Süddeutschen Zeitung, 15.12.2006
Wer im Gefängnis Schwäche zeigt, wird Opfer und ist den Ritualen der Verrohung ausgeliefert. ...
Von Angst redet hier keiner. Denn Angst haben heißt Fisch sein. So nennen sie im Knast die Opfer, die abgezogen werden, die jeden Einkauf abgeben müssen, die mit Zahnbürsten fremde Zellen putzen, die Zigaretten für alle drehen, die Goldkettchen und Nike-Schuhe nicht behalten dürfen, die geschlagen werden und gezwungen, in ihren Körpern Drogen reinzuschmuggeln, wenn sie Urlaub hatten. Die tanzen müssen, mit einer Klobürste im Hintern.

Selbstmord und Tötung im Knast

Aus "Suizide sind nicht überraschend", Interview mit Torsten Verrel* in: FR, 9.6.2008 (S. 6)
Dass sich Menschen in der Haft umbringen, ist allerdings wenig überraschend. Viele Häftlinge, gerade die jüngeren, erleben zunächst einmal den Haftschock. Sie sind zum ersten Mal in ihrem Leben ihrer Freiheit beraubt, sie sind konfrontiert mit dem brutalen Milieu im Gefängnis, ihre Beziehungen in ihrer alten Welt zerbrechen. Das provoziert natürlich Depressionen und das Gefühl der Ausweglosigkeit. ...
Der Suizid ist einfach ein Begleitrisiko des Freiheitsentzugs, niemand kann sich darüber wundern. ...

Frage: Widerspricht nicht ein menschlicherer Entzug einer wirksamen Bestrafung?
Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die Wahrheit ist: Je lockerer die Haftbedingungen sind, um so weniger kriminell kommen die Menschen aus dem Gefängnis wieder heraus. Die Menschen dürfen nicht in dieser absolut künstlichen Welt abgeschottet werden. Sie müssen Freigang haben, mehr Besuche empfangen können. Wenn sich der Häftling von der Gesellschaft entfremdet, wird er leichter wieder straffällig und eben auch depressiv. ...
Frage: Passiert bei einem Ausgang der Häftlinge etwas, sorgt das für Schlagzeilen. Wie wollen Sie mit den Ängsten der Bevölkerung umgehen?
Die Angst ist unbegründet. Ein absolut geschlossener Vollzug ist langfristig viel gefährlicher. Irgendwann werden auch diese Häftlinge wieder entlassen und sind auf diese Freiheit völlig unvorbereitet.
*Verrel ist Direktor am kriminologischen Seminar an der Universität Bonn

Trotzdem: PolitikerInnen hetzen gegen Gefangene

Grüner MdL (Hessen) und Oberbürgermeisterkandidat in Kassel, Andreas Jürgens, in einem Grußwort an Strafvollzugsbedienstete des BSBD
Ihre Tätigkeit vor allem im allgemeinen Vollzugsdienst ist nicht nur eine verantwortungsvolle, sondern auch eine schwere Aufgabe. Der ständige Umgang mit Menschen, denen wir alle lieber aus dem Wege gehen würden, das ständige wechselseitige Misstrauen und die hohe Anspannung bei ständiger Aufmerksamkeit gegenüber den Tricks der Gefangenen, stellt außerordentlich hohe Anforderungen.
Im Unterausschuss Justizvollzug erreichen uns täglich Petitionen von Gefangenen, in denen Bedienstete mit unsäglichen Vorwürfen überzogen werden, die sich meist als haltlos herausstellen.
Ich möchte allen denjenigen danken, die tagtäglich ihre Tätigkeit im Strafvollzug vorbildlich erfüllen. Sie leisten damit einen hervorragenden Beitrag für die Allgemeinheit, den Rechtsstaat und damit für die Demokratie. ...
Mit der Eröffnung der „Königlich Preußischen Strafanstalt Cassel-Wehlheiden“ 1882 begann in Kassel zwar nicht die Geschichte des Strafvollzugs, aber eines modernen Strafvollzugs nach damaligen Maßstäben. Seitdem ist die heutige JVA Kassel I nicht nur die größte, sondern auch eine der konzeptionell modernsten Vollzugsanstalten in Hessen.
Sie gehört zu Kassel wie der Herkules oder die Karlsaue.

Links

Hintergründe zu Knast und Justiz
Stanford-Prison-Experiment

In einem Versuch wurde Knast "nachgespielt" - und es entwickelten sich bemerkenswerte Brutalitäten. Das Experiment, von WissenschaftlerInnen (nach dem Namen des Leiters auch Zimbardo-Experiment genannt) musste nach wenigen Tagen zum Schutz der die Inhaftierten spielenden Personen abgebrochen werden. Der Film "Das Experiment" beruht auf diesen Erfahrungen (wenn er am Ende auch Hollywoodmäßig alles übertreibt und damit unglaubwürdig macht - denn der Rest beruht auf diesen tatsächlichen Abläufen).

Knast und Wirtschaft
Alternativen zu Strafen
Berichte im Internet
Bücher aus www.aktionsversand.tk

Strafanstalt ... der Blick hinter die MauernEin Buch über den Knast. Bilder aus Zellen, Gängen und Büros. Einblicke mit Texten eines Tagebuches aus dem Gefängnis. Umrahmt mit Texten zum Thema "Knast und Strafe". Ein eindrucksvolles Buch - parteiisch für eine Welt ohne Strafe.

Gefangen ... Richtwert 3 Euro

Kritik von Gefängnissen und Alternativen zur Strafe. Über die fatale Wirkung von Strafe, vor allem von Haftstrafen. Alternativen. Quadratisch 15x15cm, 64 S. Ab 3 St.: 2,50 Euro, ab 10 St.: 2 Euro.

Rezension

Hubertus Becker: Ritual Knast
(2008, Forum Verlag in Leipzig, 200 S., 13,80 Euro)
Erschütternde Binnensicht aus dem Knast. Minutiös beschreibt der Autor seine 20 Jahre eigener Hafterfahrung und analysiert Sinn und Unsinn der Haftstrafe. Zweifel bleiben nicht: Die riesigen Apparate des Vollzugs verschlingen Menschen und Ressourcen einer Gesellschaft, die sich durch die Aufrechterhaltung von Gefängnissen viele Probleme selbst schafft oder verschärft. Dieses "Schwarzbuch der Wirklichkeiten", wie es auf der Rückseite zutreffend heißt, könnte gerade verwöhnten BildungsbürgerInnen einige Flausen im Glauben an den Sinn der Justiz und ihres Tuns vertreiben.