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Zwangs-Psychiatrie überall
Geschlossene Anstalten, Forensik, Zwangs"therapie"

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Berichte aus den Anstalten

Im Original: Aus dem Inneren ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus: "Menschen, die nichts zählen", in: SZ, 13.7.2013 (S. 5)
"Ich werde hier, falls meine Verwahrung nicht aufgrund der Unverhältnismäßigkeit für erledigt erklärt wird, mit den Füßen voran entlassen." Mit diesem Satz endet ein Brief, den ein Insasse im psychiatrischen Krankenhaus an die Süddeutsche Zeitung geschrieben hat. Der Schreiber dieses Briefs hat Angst davor, dass die "Maßregel der Sicherung und Besserung" erst mit seinem Tode endet. Eine zeitliche Begrenzung für diese vom Gericht angeordnete Maßregel gibt es nämlich nicht. Sie kann ewig dauern - die Ewigkeit wird derzeit nur begrenzt vom Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, der zwar Verfassungsrang hat, aber wenig konkret ist."
Der Schreiber ist einer wie Gustl Mollath, also einer von 6750 Menschen, die per Gerichtsbeschluss in der Psychiatrie untergebracht sind. Diese Zahl stammt aus dem Jahr 2012 und gilt allein für die alten Bundesländer. Eine gesamtdeutsche Zahl gibt es nur für das Jahr 2010. Damals hatte die Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie der Gesundheitsministerkonferenz in einer Studie die Zahlen der Bundesländer zusammengetragen: 7752 Menschen waren 2010 in ganz Deutschland auf Anordnung von Gerichten in psychiatrischen Krankenhäusern untergebracht. ...
Es werden zwar weniger Menschen eingewiesen, sie müssen aber immer länger bleiben, Entlassungen werden seltener. ...
In den psychiatrischen Krankenhäusern werden Menschen untergebracht, die im Zustand der Schuldunfähigkeit oder der verminderten Schuldfähigkeit Straftaten begangen haben. Neben den Abschiebegefängnissen, in denen Flüchtlinge darauf warten, aus dem Land geschafft zu werden, sind das die Orte mit der niedrigsten Rechtsdichte in Deutschland. Sie sind die Dunkelkammern des Rechts. ...
Selbst die kleinen Annehmlichkeiten, die den Haftalltag erträglicher machen sollen, etwas der Einkauf von Tabak, Süßigkeiten, Kosmetika und Zeitschriften aus dem eigenen Geld des Insassen, werden in vielen psychiatrischen Krankenhäusern nicht gewährt. Da freut sich der Insasse in der Psychiatrie, dass er "wenigstens die zeitung lesen" darf, auch wenn sie Löcher hat. Oft nämlich, so klagt jener Schreiber, der fürchtet, dass er einst nur "mit den Füßen voran" entlassen wird, fehlen in der Zeitung ganze Seiten, "oder einzelne Artikel sind rausgeschnitten". Und er fragt, ob die Anstalt sie vielleicht wegen "Gesundheitsschädlichkeit" entfernt hat.

Fixieren (BGH, Beschluss vom 07.08.2013 - XII ZB 559/11)
Die nächtliche Fixierung eines Kindes in einer offenen heilpädagogischen Einrichtung ist keine genehmigungsbedürftige Unterbringungsmaßnahme im Sinne des § 1631b BGB. Die Vorschrift des § 1906 Abs. 4 BGB gilt nur für volljährige Betreute und kann im Kindschaftsrecht nicht analog angewendet werden.

Aus "Wer hat Angst vorm Seelenarzt?", in: SZ, 27.3.2014 (S. 18)
Nur extrem wenige psychisch kranke und gefährliche Straftäter sitzen in solchen Maßregelkliniken, die tatsächlich Gefängnissen gleichen. Normalerweise aber entscheiden Patienten selber, ob sie sich in die Klinik begeben wollen. Nur eine Minderheit - circa zehn Prozent - der jährlich circa 1,2 Millionen stationären Patienten in Deutschland werden auf geschlossenen Stationen zeitweise auch zwangsweise untergebracht, meist, weil sie eine Gefahr für sich selbst oder ihre Umgebung darstellen. "Es gibt halt auch einen Notfall in der Psychiatrie", sagte Falkai. Bei schweren Manien, Schizophrenien und Demenzen komme man ohne Zwang manchmal nicht aus. Die offene Behandlungssituation sei eben nicht immer die bessere ...
Völlig falsch sei auch der Verdacht, dass Psychiater seelische Störungen am liebsten mit Medikamenten behandeln. "Das entspricht nicht der Wirklichkeit", versicherte Freisleder. Am Heckscher-Klinikum etwas erhalte selbst im stationären Bereich nur die Hälfte der stationären Patienten Psychopharmaka. ...
Zwar stimme es, dass übermäßiger Stress im Berufsleben schlecht für die Seele sei. Anderer solle man lieber niicht hoffen, dass mit der Verrentung alles besser werde, denn: "Schlechte Arbeit ist besser als gar keine Arbeit", erklärte trocken Albus.
Falkai, Prof. Dr. Peter: Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotheorapie LMU
Freisleder, Prof. Dr. Franz Joseph: Ärztlicher Direktor des kbo-Heckscher-Klinikums in M
Albus, Prof. Dr. Dr. Margot: Ärtzliche Direktorin des kbo-Isar-Amper-Klinikums in M-Ost

Aus "Zu Unrecht in der Psychiatrie ", in: SZ vom 20.8.2014
Jahrelang beschimpft Markus M. die Justiz wüst. Ein Schreiben an einen Staatsanwalt bringt den Betriebswirt schließlich in die Psychiatrie - zu Unrecht, wie das Oberlandesgericht München jetzt entschieden hat. Sein Anwalt ärgert sich: "Die Justiz hat aus dem Fall Gustl Mollath nichts gelernt." ...
Markus M. leidet nach einem psychiatrischen Gutachten an einem "Querulantenwahn" infolge einer paranoide Schizophrenie. Er ist deshalb schuldunfähig. Er selbst glaubt nicht, dass er krank ist. "Aus seiner Sicht sind die anderen krank", sagt sein Anwalt Andreas Schwarzer. Nach den Vorgängen in den vergangenen Monaten steht zumindest fest, dass M. von der Justiz nicht fair behandelt und sogar ohne rechtliche Grundlage eingesperrt wurde. ...
Dass es drei Monate gedauert hat, bis die Justiz zu dieser differenzierten Sichtweise findet, erzürnt Anwalt Schwarzer.
"An den Gerichten herrscht kollektive Feigheit vor der Verantwortung", sagt er. Weil niemand Verantwortung übernehmen wolle, wenn doch etwas passiere, würden solche Fälle über einen Kamm geschert und unangenehme Leute einfach weggesperrt. "Begründet werden solche Entscheidungen nicht", so Schwarzer weiter. "Dabei versucht das Bundesverfassungsgericht bayerischen Richtern schon lange beizubringen, Entscheidungen ordentlich zu begründen. Bislang ohne Erfolg."

Psychiatrisieren, um Polizeigewalt zu vertuschen
Aus "Drei Schüsse, ein Leben", in: taz, 6.12.2014
Ein junger Mann wird bei einem Polizeieinsatz fast erschossen. Anschließend versucht die Justiz alles, um ihn in die Psychiatrie einweisen zu lassen ...
Schon während der Operation rätselt der Arzt über den ungewöhnlichen Schusskanal. Wenige Tage nach der OP ruft ein Rechtsmediziner aus Köln an und erkundigt sich nach der Schussverletzung. Heidenhain schildert ihm, wie ein Projektil Organe durchschlug, die in stehender Position teils übereinanderliegen. "Ich habe den Rechtsmediziner gefragt, ob Kugeln um die Ecke fliegen können", sagt er im Restaurant. "Doch der Mann hat mir gar nicht richtig zugehört."
Das Geschoss durchschlug die Leber, Lunge, Zwerchfell, oberen Dickdarm, Pankreaskopf und die Hohlvene. Um diese Körperteile mit einem Schuss zu durchlöchern, müsste Martin P. sehr steil von schräg oben getroffen worden sein, vermutlich in einer stark nach vorne gebeugten Position. So interpretiert der Chirurg die Verletzung. Weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei Aachen waren bereit, sich zu den Ermittlungen zu äußern. Der Rechtsmediziner aus Köln, erzählt Heidenhain, habe nach zehn Minuten gesagt, er wolle sich eventuell noch einmal melden. "Von diesem Herren, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, habe ich bis heute nichts mehr gehört." ...
Kurze Zeit später, am 23. Oktober 2013, meldet sich ein Mitarbeiter einer Psychiatrie aus Köln und fragt, wann Martin P. transportfähig sei für eine Verlegung in die Forensik nach Essen. Heidenhain ist verwundert, denn der Mann bezieht sich auf den Paragrafen 126 a der Strafprozessordnung, den der Chirurg nicht kennt. Auf seine Nachfrage schickt ihm der Mann das Gutachten der Psychiaterin J. Obwohl sie Martin P. zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht befragen konnte, diagnostiziert sie eine psychiatrische Erkrankung und empfiehlt die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt. Selbst beim "wiederholten Lesen konnte und kann ich dieser Logik und Sinnhaftigkeit nicht folgen", schreibt der Mediziner in seinem Protokoll.
Er nimmt Kontakt zur Staatsanwaltschaft auf. Doch auch der Staatsanwalt M. sei "auf keinen meiner Kritikpunkte und meine Fragestellungen eingegangen". Der Mediziner ruft nun den Richter E. des Amtsgerichts an. "Ich versuchte ihm telefonisch zu erläutern, dass keine seiner geschilderten Gründe oder Annahmen sich mit dem deckten, wie ich Herrn P. hier im Krankenhaus nun seit einiger Zeit erlebe. Auch Herr E. gab sich telefonisch sehr zurückhaltend und sagte, dies sei nicht seine Aufgabe, dies mit mir zu diskutieren."
Christoph Heidenhain arbeitet mittlerweile als Chefarzt einer Klinik in Düsseldorf, doch der Fall lässt ihn nicht los. Er zweifelt daran, dass die Behörden aufklären wollen, was am Tatabend geschah. Auch nach über einem Jahr wurde er selbst nicht befragt. Eine Psychiaterin soll den Mediziner bereits als befangen bezeichnet haben.
Was ist das für ein Polizeieinsatz, bei dem es vier Beamten nicht gelingt, einen 26 Jahre alten Mann zu überwältigen? Bei dem ein Polizist seine Dienstwaffe einsetzt und dabei drei Mal in die Mitte des Körpers schießt? ...
Noch am Abend des Einsatzes erstatten die beteiligten Polizisten Strafanzeige wegen versuchten Totschlags. Der Kollege, der die Anzeige aufnimmt, war nach Recherchen der taz selbst am Einsatz beteiligt.
In dieser Strafanzeige gegen P. wird nun explizit eine weitere verletzte Person genannt. Obwohl Martin P. laut Telefonprotokoll bei seinem Notruf nie von einer zweiten Person sprach. Und obwohl die Polizisten im Haus keine weitere Person vorfanden.
Erstaunlich schnell in der Bewertung des Geschehens ist auch Richter E. des Amtsgerichts Aachen. Nur acht Tage später, am 18. September 2013, erlässt er einen Unterbringungsbefehl für die Psychiatrie gegen Martin P. Die Grundlage dafür: Paragraf 126 a der Strafprozessordnung. Demnach kann "das Gericht durch Unterbringungsbefehl die einstweilige Unterbringung in einer dieser Anstalten anordnen, wenn die öffentliche Sicherheit es erfordert."
Martin P., ein gelernter Verfahrensmechaniker für Kunststofftechnik, der bisher weder strafrechtlich noch psychiatrisch auffällig geworden war, liegt da noch auf der Intensivstation der Uniklinik und wird künstlich beatmet.
Eine Grundlage für den Unterbringungsbefehl bildet das Gutachten der Psychiaterin J., die von Staatsanwalt M. dazu beauftragt wurde. Schon eine Woche nach der Tat und ohne je mit dem Verletzten gesprochen zu haben, diagnostiziert sie: Er leide vermutlich an einer Psychose, sei gefährlich für die Öffentlichkeit und müsse deswegen einstweilig in einer Anstalt untergebracht werden.


Bericht eines Psychotherapeuten aus eigener Erfahrung
Der psychologische Psychotherapeut Alfred Schaar berichtet über Menschenrechtsverletzungen im Umfeld der Psychiatrie, die er in seiner 40-Jährigen Berufserfahrung selbst miterlebt hat. In der Tatsache, dass in psychiatrischen Einrichtungen oftmals Medikamente verabreicht werden, um die Insassen gefügig zu machen und ihren Willen zu brechen, sieht er ein Verbrechen.

Pseudo-Medizin und Pseudo-Wissenschaft

Aus Richard Häussler, "Erfundene Umwelt" (2004, ökom in München, S. 43)
Gesund in kranken Institutionen
1973 veröffentlichte der amerikanische Psychologieprofessor David L. Rosenhan in der Zeitschrift „Science“ den Bericht über ein außergewöhnliches Experiment, das weit über die Fachwelt hinaus Aufsehen erregte. Das Design des Experiments war folgendes: Fünf Männer und drei Frauen verschafften sich dadurch den Status von Psychiatriepatienten, dass sie den Ärzten erklärten, sie würden Stimmen hören, die die Worte „leer“, „hohl“ und „dumpf“ sagten. Es waren gesunde Leute, die dieses Symptom lediglich beim Aufnahmegespräch vorspiegelten, danach nicht mehr. Die Pseudopatienten gaben falsche Namen und teilweise andere Berufe an, aus Furcht, dass sie eine psychiatrische Diagnose später behindern könnte. Ansonsten verhielten sie sich so normal, wie sie es gewohnt waren und wie es ihnen möglich war. Die Pflegeberichte registrierten sie denn auch als „freundlich“ und „kooperativ“.
Trotzdem wurden sie nicht als Pseudopatienten entlarvt und es wurde auch nicht die Feststellung getroffen, dass man die berichteten Symptome in der Klinik nicht verifizieren könne. Die Mitglieder an diesem Experiment blieben zwischen 7 und 52 Tagen hospitalisiert (Durchschnitt: 19 Tage). Alle wurden entlassen mit der Diagnose „abklingende Schizophrenie". Dies ist auch deswegen so erstaunlich, weil ein großer Teil der Mitpatienten in der Aufnahmestation den Verdacht äußerte, dass es sich bei den Teilnehmern des Experiments um keine echten Patienten handeln könne. Das Personal hingegen hatte diesen Verdacht nie. Im Gegenteil: Dass sich die Scheinpatienten ausführlich Notizen machten, wurde als pathologische Verhaltensmanifestation definiert. Nachfragen nach dem Sinn und Inhalt der Notizen gab es nie.
Ärztliche Mitglieder eines Forschungs- und Lehrhospitals, das mit dieser Möglichkeit des Irrtums konfrontiert wurde, behaupteten, dass dies bei ihnen nicht vorkommen könne. Anlass genug für Rosenhan, die Gegenprobe zu machen. Er kündigte an, innerhalb der nächsten drei Monate kämen ein oder mehrere Pseudopatienten, um in diesem Hospital das gleiche Spiel zu spielen. Tatsächlich kam aber keiner aus Rosenhans Gruppe. Das Ergebnis: 41 von 193 Patienten sollten nach Ansicht von mindestens einem Mitglied des Pflegepersonals trotzdem Pseudopatienten gewesen sein. 23 Patienten wurden als Pseudopatienten von mindestens einem Psychiater eingeschätzt, immerhin noch 19 von einem Psychiater sowie einem anderen Mitglied des Personals.
Rosenhan erklärte sich die Ergebnisse seiner Untersuchung so: „Sobald der Scheinpatient einmal als schizophren klassifiziert wurde, kann er nichts tun, um dieses Stigma wieder los zu werden. Es färbt die Auffassung anderer von ihm und sein eigenes Verhalten tief greifend. In einem recht eigentlichen Sinne ist damit also eine Wirklichkeit erschaffen. Von einem gewissen Standpunkt aus sind diese Befunde kaum überraschend, denn es ist seit langem bekannt, dass Dinge ihre Bedeutung durch den Zusammenhang erhalten, in dem sie vorkommen.“

Zahlen

Aus Frank Häßler/Wolfram Kinze/Norbert Nedopil (2011): „Praxishandbuch Forensischer Psychiatrie des Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalters“ (S. 587)
Skeptisch ist die Entwicklung zu sehen, dass in den alten Bundesländern am 1. Januar 1987 3.746 Personen in einem psychiatrischen Krankenkaus und in der Entziehungsanstalt aufgrund strafrichterlicher Anordnung untergebracht waren und am 31. März 2009 schon 9.251 Personen ...

Aus "Höhere Hürden auf dem Weg in die Psychiatrie", in: Münchener Merkur, 12.6.2014 (S. 2)
..., dass die Zahl der forensisch Unergebrachten stetig gestiegen sei. In 16 Jahren habe sie sich bundesweit sogar verdoppelt: Während 1996 noch 3216 Personen in der geschlossenen Psychiatrie saßen, waren es 2013 bereit 6652 (die Zahl bezieht sich aus statistischen Gründen auf die alten Bundesländer).

Aus: Rüdiger Müller-Isberner/Sabine Eucker, „Praxishandbuch Maßregelvollzug“ (Hrsg., 2012, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft in Berlin)
In Hessen, wo Daten kontinuierlich erhoben wurden, ergibt sich folgendes Bild (Müller-Isberner et al., 2006): Während die Bevölkerung von 1990 bis 2006 um 7 % zunahm, verdoppelte sich die Anzahl der Einweisungen gern. § 63 StGB. … Die mittlere Stichtagsverweildauer ist in den letzten 20 Jahren angestiegen (1986: 4,4 J.; 2006: 4,8 J.). Dies lässt sich nicht mit den seit 1998 verschärften Entlassungskriterien erklären. Die Zahl der Ent-lassungen hat nach der Gesetzesreform nämlich nicht abgenommen. Die Gesamtbehandlungsdauer bedingt Ent-lassener hat sich nach der Gesetzesreform um ein Jahr verkürzt (1990-1993: 4,5 J.; 1994-1997: 4,7 J.; 1998-2001: 3,7 J.; 2002-2005: 3,8 J.). Gleichzeitig sind der Anteil von Unterbringungen, die über 10 Jahre andauern und der Anteil von Untergebrachten, die älter als 60 Jahre sind, angestiegen. Immer mehr Patienten werden immer schneller entlassen, während gleichzeitig ein immer höherer Anteil als dauerhaft gefährlich identifiziert wird und in der Unterbringung verbleibt (Müller-Isberner et al., 2006).
Die Einweisungszahlen bei den normalbegabten Persönlichkeitsgestörten sind unverändert geblieben. Die Ent-lassungszahlen aber haben sich halbiert.
Der Anteil von Patienten fremdkultureller Herkunft hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verzehnfacht. Der Ausländeranteil in der hessischen Bevölkerung ist im gleichen Zeitraum von 9,5 % auf 12,2 % angestiegen. Die Zunahme von Patienten mit fremdkultureller Herkunft trägt trotz 5-7 Abschiebungen pro Jahr also ganz wesentlich zur Belegungszunahme mit bei. Bemerkenswert ist, dass diese Patientengruppe, die gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung im psychiatrischen Maßregelvollzug noch vor 20 Jahren um den Faktor 3,7 unter-repräsentiert war, nunmehr um den Faktor 2,3 überrepräsentiert ist. Mittlerweile hat jeder dritte, als Behandlungs-fall aufgenommene Patient einen frerndkulturellen Hintergrund.
(S. 85f, Autor_innen: Müller-Isberner/Eucker)

Rechts: Abbildung aus"Maßregelvollzug" - Behandlung psychisch kranker Rechtsbrecher in Hessen (hrsg. vom Landeswohlfahrtsverband Hessen, Träger der Vitos-Klinik)

Immer mehr, immer länger, immer nicht-deutscher

Rüdiger Müller-Isberner, Chef der Vitos-Kliniken in Hessen, hat in einem Vortrag am 23.10.2007 folgende Feststellungen getroffen:

Die Bilder rechts sind Folien aus dem Vortrag von Müller-Isberner, in denen die vorgetragenen Daten zu sehen sind.

Überbelegung

Aus"Maßregelvollzug" - Behandlung psychisch kranker Rechtsbrecher in Hessen (hrsg. vom Landeswohlfahrtsverband Hessen, Träger der Vitos-Klinik, S. 13)
Derzeit werden in der Klinik für forensischer Psychiatrie in Haina und deren Außenstellen 390 Personen auf 317 vorgesehenen Plötzen behandelt.

Im O-Ton: Die Sprache der Täter_innen

Aus der Beschreibung zur Veranstaltung am 29.11.2014 "Qualitätssicherung in der Forensischen Psychiatrie" mit Rüdiger Müller-Isberner und Beate Eusterschulte
Die Organisation und Durchführung des Maßregelvollzuges ist – mit starken regionalen Unterschieden - einer Vielzahl von Kontrollen und Vorgaben teils großer Eingriffstiefe und Regelungsdichte und umfangreichen Berichtspflichten ausgesetzt. Der Umfang von Kontrolle und Steuerung durch übergeordnete Administrationen ist teils ganz erheblich. Im krassen Gegensatz dazu interessiert sich kaum jemand für die Kernfrage, ob ein forensisches Versorgungssystem mit den ihm zur Verfügung gestellten Ressourcen eine effiziente und effektive Kriminaltherapie betreibt. Angesichts der enormen Kosten, die der Maßregelvollzug verursacht, ist dies erstaunlich.

Aus "Psychiatrie in Westfalen", herausgegeben vom LWL-Psychiatrieverbund Westfalen (2010)
Dabei dominierten jahrhundertelang Unterbringungsformen, die aus heutiger Sicht mehr an Gefängnisse erinnern als an Krankenzimmer. ... (S. 7)
Gleichzeitig verhinderten die Kommunen frühzeitige Entlassungen, um die Patienten nicht auf eigene Kosten weiter ambulant versorgen zu müssen. Die Anstaltsärzte kritisierten das Verhalten der Gemeinden bei der Entlassung von Patienten, weil dadurch die angestrebte Verkürzung des stationären Aufenthaltes verhindert wurde. ... (S. 45)
Viele, die an Zwangssterilisationen und "Euthanasie"-Morden beteiligt waren, blieben im Amt und wurden in den folgenden Jahren sogar befördert. Die Tabuisierung der jüngsten Vergangenheit und der in der Nachkriegsgesellschaft verbreitete Wunsch nach einem Schlussstrich ermöglichte auch im Bereich der Anstaltspsychiatrie skandalöse personelle Kontinuitäten. ... Zahlreiche nationalsozialistische Psychiatrieopfer mussten in den Nachkriegsjahren Unverständnis und erneute Diskriminierung ertragen. ... (S. 63)
Es ist sicherlich ein historische Verdienst des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, nicht von Trägeregoismen geleitet zu sein. Im Gegenteil war es in den 1980er und 1990er Jahren so, dass die LWL-Einrichtungen bewusst den Kurs der Verkleinerung, der Reduktion psychiatrischer Betten wählten, um den Aufbau psychiatrischer Abteilungen an Krankenhäusern in fremder Trägerschaft zu fördern. ... Eindrucksvoll spiegelt sich in den Zahlen ein dramatischer Rückgang. Die Kliniken hatten früher ohne großes eigenes Zutun "sichere Zuweisungen" aus einer großen Versorgungsregion. Heutzutage müssen sie gute diagnostische und therapeutische Angebote machen, um zuweisende Ärzte, Patienten und Angehörige von der Qualität ihrer medizinischen Leistung zu überzeugen. ... (S. 83)
Bundesweit ist die Zahl der psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern von Anfang der 1990er Jahre von 21 bis auf heutzutage 180 sprunghaft angestiegen. Diese Akzeptanz psychisch Kranker hatte und hat durchaus auch handfeste ökonomische Hintergründe. im Jargon mancher Geschäftsführer von Allgemeinkrankenhäusern gelten psychisch Kranke als "Milchkühe". Bei vergleichsweise hohen Plegesätzen wird oft ein relativ geringer Aufwand für psychisch Kranke betrieben. Dadurch subventionieren psychisch Kranke mit ihren Pflegesätzen die relativ teuren operativen Disziplinen ... (S. 85)
(Zu einem Fallbeispiel:) Heute ist als Folge der "Normalisierung" und als Resultat des Postulats, dass auch Psychiatrie kein "rechtsfreier Raum" sein soll, dieser Mann ein gefährlicher Brandstifter und seine Unterbringung auf Jahre in einer hoch gesicherten Forenikklinik fest unausweislich. Dort verbleibt er, bis eine Vielzahl von internen und externen Prüfgremien und vor allen Dingen die Justiz feststellen, dass nunmehr so gut wie kein Gefährdungsrisiko mehr von ihm ausgeht. Wer will das aber im skizzierten Fall je sagen können? ... (S. 94)
Unterbringung in einer sogenannten Maßregel der Besserung und Sicherung, so lautet der juristische Begriff für die strafgerichtlich verfügte Behandlung von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen und Suchtleiden (auf der Grundlage der Paragraphen 63 und 64 des Strafgesetzbuches), erfordern heute unter dem juristischen, politischen und gesellschaftlichen Druck ein immer höheres Maß von Sicherung ... Die Gefahr besteht zweifelsohne, dass in der Forensik eine neue Form von Verwahrpsychiatrie entsteht. (S. 94)

Öffentliche Meinung: Verschweigen und Verharmlosen

Im Original: Staatsanwaltschaften als Bürgervertretung? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Cornelia Schaumburg (2010), "Maßregelvollzug"
Staatsanwaltschaft ... Wie der Name schon sagt, vertritt sie den Staat, also indirekt die Bürgerinnen und Bürger in ihrem Bedürfnis nach Gerechtigkeit und dem Wunsch, dass straftäter die Konsequenzen ihrer Taten zu trafen haben. Diesem Auftrag kommt die Staatsanwaltschaft nach, in dem sie, wenn der Verdacht einer Straftat besteht, die Ermittlungen leitet.
Regierungen
Verharmlosende Presse

Der HR machte inmitten der Auseinandersetzungen um die illegale Zwangspsychiatrisierung von Dennis Stephan eine Werbesendung für Psychiatrien ( 13.2.2014 auf HR1). Dort gab es nur Lob. Der HR selbst kommentiert die Psychiatrien in unjournalistischer Euphorie und Einseitigkeit als "Super-Arbeit". Zu Wort kamen passend nur Befürworter_innen. Im Beitrag wurde die Behauptung, dass alles freiwillig sei und die Behandlungsprogramme sehr spezifisch. Die Zwangspsychiatrie werde ganz verschwiegen (O-Ton des Gefälligkeitsjournalismusses).

Geld

369 Euro bekommen forensische Psychiatrien pro Inhaftiertem im Land Hessen. Die leitenden Ärzt_innen der Kliniken sich oft die Gutachter_innen in den Prozessen, d.h. praktisch entscheiden sie selbst darüber, ob ein Bett in ihrer Klinik leer bleibt oder sie die 369 Euro pro Tag kassieren.

Links

Berichte und Dokumentationen
Aktionen, Protest, Widerstand