Kritische Polizisten (mund)tot

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Der Krieg gegen die kritischen PolizistInnen ...

Die "Kritischen Polizisten" gibt es schon länger ... eine kritische Stimme innerhalb der Polizei. Von außen ist schwer zu beurteilen, was alles geschah - aber wichtige Personen der kritischen Polizisten wurden auf unterschiedliche Art mundtot gemacht. Ein Text aus der Frankfurter Rundschau dazu (11.8.2005, S. 8):

Tod einer Polizistin

Die Aussagen im Fall der Kommissarin Bianca Müller gleichen einer Chronik der Irreführungen

VON THOMAS MOSER

Der Fall schien klar, als die Berliner Polizeibeamtin Bianca Müller am 28. April tot zu Hause gefunden wurde - Tod durch Tablettenvergiftung. Selbstmord. Traurig zwar und für manche Kollegen auch erschütternd, das Muster aber bekannt: Wieder einmal hatte sich jemand in seinem Lebenskampf verrannt und fand keinen Ausweg mehr. Doch inzwischen, drei Monate später, gibt der Fall viele Rätsel auf. Und das liegt auch am ehemaligen Dienstherrn der Beamtin, der Berliner Polizei und deren Umgang mit dem Todesfall.

Bianca Müller arbeitete 30 Jahre lang bei der Berliner Polizei. Die Kriminalhauptkommissarin fiel auf, auch weil sie sich gegen Missstände bei der Polizei einsetzte: Mobbing von Kollegen, Übergriffe auf Bürger oder latenten Rassismus. Sie war Polizistin und Polizeikritikerin zugleich, und als solche eine der Sprecherinnen der Kritischen Polizisten gewesen. Diese unabhängige, bundesweite Vereinigung von Polizeibeamten hatte sich Mitte der 80er Jahre gebildet und trat für Transparenz und eine Demokratisierung der Polizei ein. Die kritischen Polizisten galten als Nestbeschmutzer und waren durchaus Schikanen ausgesetzt. Sie wurden mit Disziplinar- oder sogar Strafverfahren überzogen. Auch Bianca Müller. Einmal erntete sie nicht weniger als 25 Verfahren innerhalb eines Jahres, beispielsweise wegen Sachbeschädigung, weil ihr Pistolenholster durchgescheuert war.

Bundesweit bekannt wurde Bianca Müller aber auch wegen ihrer schwierigen Lebensgeschichte. Darüber berichtete sie wiederholt in Talksendungen. Sie erzählte, dass sie als Intersexuelle, also mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen, geboren worden war. Fast 40 Jahre lang lebte sie als Junge beziehungsweise Mann, ehe sie sich zu einer Geschlechtsanpassung als Frau durchrang. An ihrem Arbeitsplatz wurde das nicht gerade mit großem Verständnis quittiert. Sie wurde - wie sie immer wieder berichtete - lächerlich gemacht, gedemütigt, musste die Dienststelle wechseln. Die Obduktion nach ihrem Tod ergab nun, dass Bianca Müller ursprünglich nicht zweigeschlechtlich war, sondern ein Mann. Sie hatte nur männliche Organe und keine weiblichen. Weshalb sie das verleugnete, lässt sich nur vermuten. Ihre Lebensgeschichte macht das nicht leichter.

"Kriminalhauptkommissarin Bianca Müller nahm sich das Leben", teilte die Berliner Polizei der Presse Ende April in einer Meldung mit, einen halben Tag nachdem die Beamtin von Vorgesetzten tot in ihrer Wohnung gefunden worden war. Sie war mehrere Tage nicht zum Dienst erschienen. Und dann erwähnte die Pressemeldung der Polizei zwei Mal einen Abschiedsbrief, den Müller hinterlegt habe und in dem sie Mobbing-Vorwürfe gegen Kollegen und Polizeiführung erhebe. Weil die Leiche in den ersten Tagen noch obduziert wurde und die genaue Todesursache nicht feststand, galt dieser angebliche Abschiedsbrief als entscheidendes Indiz für die Selbsttötung der Beamtin. Er wurde so auch von allen Medien, soweit sie über den Fall berichteten, erwähnt.

Einen Abschiedsbrief von Bianca Müller gibt es allerdings nicht. Wie die Polizei darauf kam und was tatsächlich gefunden wurde, verbirgt sich bis heute hinter einem Nebelschleier. Nachfragen zu dem angeblichen Abschiedsbrief bei Polizeiverantwortlichen ergaben immer neue Ungereimtheiten und immer neue Darstellungen, die sich im Laufe der Wochen zu einer befremdlichen Chronik von Irreführungen summierten.

Zunächst hieß es, der Abschiedsbrief sei 21 Seiten lang und per Zeitschaltuhr nach dem Tod von Müller als Email an verschiedene Personen verschickt worden. Doch als niemand zu finden war, der einen Abschiedsbrief erhalten hatte, präsentierte der Chefpsychologe beim Polizeipräsidenten, Karl Mollenhauer, Version zwei: Danach handelte es sich bei dem Abschiedsbrief um den Aufsatz der Frankfurter Psychologin Andrea Auth über Müller. Dieser habe neben der Toten auf dem Nachttisch gelegen. Ein Text, der das schwierige Leben der Frau und ihren Kampf in und mit der Polizei beschreibt, der aber bereits vier Jahre alt ist und auch veröffentlicht wurde. Mollenhauer räumt zwar ein, dass das "sicher kein Abschiedsbrief im klassischen Sinne" sei, man könne ihn aber als solchen interpretieren.

Doch dann verlor auch diese zweite Version ihre Gültigkeit, denn nach Auskunft der Staatsanwaltschaft zum Ende des Ermittlungsverfahrens Anfang Juli fand sich auf dem Nachttisch der Toten weder ein Abschiedsbrief noch ein anderer Text. Stattdessen - Version drei - haben die Ermittler im Computer der Toten alle möglichen Ausführungen gefunden, die sie als Abschiedsbrief werten. Aber, so Staatsanwalt Michael Grunwald, einen "ausdrücklichen Abschiedsbrief in dem Sinne" gebe es nicht.

Schließlich tauchte eine weitere Version auf, die insgesamt vierte. Danach lag im Flur der Wohnung ein Kuvert, in dem sich der genannte Aufsatz der Frankfurter Psychologin Auth befand sowie dienstliche Anmerkungen zur Berliner Feuerwehr, bei der Bianca Müller hin und wieder Dienst tat. Das Kuvert war an den Chef der Berliner Feuerwehr, Landesbranddirektor Albrecht Broemme, adressiert. Broemme kann in dem Material ebenfalls "keinen Abschiedsbrief" erkennen. Bemerkenswert ist: Diese Version soll in den Ermittlungsakten stehen.

Die Ermittlungsbehörden sind seit Wochen nicht in der Lage, die Widersprüche um den behaupteten Abschiedsbrief zu klären. Die Polizei hat bislang auch ihre irreführende Pressemitteilung nicht klargestellt. Warum legt sie so viel Wert auf einen angeblichen Abschiedsbrief. Und warum soll trotz monatelanger Untersuchungen der Todeszeitpunkt "nicht auf den Tag genau feststellbar" sein. Die Ermittler können lediglich sagen, dass der Tod "ein paar Tage vorher" eingetreten ist. Dagegen erklären andere Kriminalisten, dass auch nach einer Liegezeit von ein paar Tagen die Todeszeit sehr wohl auf den Tag genau bestimmt werden könne. Warum sich ihre Beamtin umgebracht hatte, das wusste die Berliner Polizei all dieser amtlichen Unklarheiten zum Trotz aber sofort: Müller habe die Nichterfüllung ihrer beruflichen Karrierewünsche nicht verkraftet und auf Mobbing zurückgeführt, heißt es in der Pressemeldung, und: ihr sei es immer schwerer gefallen, ihre Gefühlswelt von der Realität zu trennen.

Diese Erklärung sei wie ein Fußtritt hinterher, meinte dazu ein ehemaliger Kollege von Müller. Und Andrea Auth, die Frankfurter Psychologin, die die Tote gut kannte, sagt: So wie die Polizei jetzt im Tod mit Bianca Müller umgeht, so ging sie auch im Leben mit ihr um.

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