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Leitfaden zum praktischen Vorgehen

Praktische Tipps zur Vorgehensweise

Streuobstwiesen, Bäche, Hecken, Waldränder, Brachflächen, Tümpel, Feldholzinseln und viele mehr sind in Gefahr. Überall hat die Ausräumung der Feldflur für immer größere und intensiver bewirtschaftete Äcker zugeschlagen, sind neue Wohn- und Gewerbegebiete entstanden oder ganze Landschaften den Großprojekten Straße, Schnellbahn, Flughafen, Kanalbau oder Golfplatz zum Opfer gefallen. Statistiken zeigen einen Verlust an Kleinbiotopen von bis zu 80 Prozent. Kein Wunder, daß die Arten sterben! Zum Schutz der Lebensräume aber kann viel gemacht werden. Wer als Gruppe oder EinzelneR am eigenen Ort aktiv wird, hat ein großes Aufgabenfeld. Was wie am besten angepackt werden kann, soll im folgenden gezeigt werden.

Aktive aktiv in Aktion

Erste Überlegungen

Biotopschutz darf nicht willkürlich geschehen. Hier geben Behörden und leider auch die meisten Naturschutzgruppen ein schlechtes Beispiel. Sie lassen sich auf Restflächen abdrängen und "basteln" dort ihr Lieblingsbiotop. So wird auf einem Magerrasen eine Feldholzinsel, oder aus einer Feuchtwiese ein Tümpel. Gewonnen ist damit nichts! Biotopschutz muß ein ganz konkretes und in sich schlüssiges Ziel haben. Dabei darf der Blick nicht auf Einzelflächen beschränkt bleiben, denn in der Natur ist alles miteinander verbunden. Tiere wandern im Verlauf des Tages, des Jahres oder ihres Lebens von einem Biotop zum anderen. Ein einzelner kann sie nicht schützen.
Sinnvoll ist Biotopschutz dann, wenn ein zusammenhängendes Ziel verfolgt wird. Jeder Einzelschritt dorthin ist dann zwar auch eine in sich abgeschlossene Aktion, aber sie führt weiter zu dem großen Ziel. Ein paar Beispiele für solche Aktionen sollen das erläutern:

Gute Planung ist wichtig

Nur sehr selten werdet Ihr es mit Flächen zu tun haben, die völlig ruiniert sind, dh kaum Leben aufweisen. Doch selbst dort müßt Ihr noch auf Dinge wie den Wasserhaushalt oder den Nährstoffgehalt des Bodens Rücksicht nehmen. In den meisten Fällen werdet Ihr bestehende Lebensräume in Eure Arbeit mit einbeziehen. Dann ist wichtig, genau in Erfahrung zu bringen, welche Biotope in welchem Zustand vorhanden sind. Natur ist nicht willkürlich. Die Vernetzung der Lebensräume folgt bestimmten Gesetzmäßigkeiten, ebenso die Verteilung der Lebensräume in der Landschaft. Es kann nicht jeder Lebensraum überall geschaffen werden. Ist er nicht standortgerecht, so wird sich das typische Leben nicht an ihm finden, denn er wird in keinem passenden Wechselspiel mit der Umgebung stehen. Folienteiche sind dafür ein klassisches Beispiel. Wo genügend Feuchtigkeit im Boden ist und daher ein Tümpel hinpassen könnte, wird keine Folie gebraucht. Wer also mit Folie arbeitet, schafft einen Tümpel, wo keiner hingehört. Oder er bastelt an Symptomen, indem er nicht gegen eine Entwässerung kämpft, sondern auf einer kleinen Fläche eine Wiedervernässung mit technischen Mitteln versucht. Der Folienteich aber wird nur häufigen, dh anpassungsfähigen Arten helfen. Seine Einbindung in die Umgebung endet an der Foliengrenze.

Den Standort beachten

Biotopschutz muß den Standort beachten. Dort, wo Feuchtigkeit herrscht oder von Natur aus herrschen müßte, muß sie auch wieder zur Geltung kommen, und zwar in der naturnahesten Form wie möglich. Dauerfeuchte Mulden, Kleingewässer, Überschwemmungszonen sowie ein Bach in vielfältiger Form kann dann dazugehören. Feuchtgeprägte Bereiche entstehen in Tälern, Mulden, in und rund um Hochmoore sowie oftmals auch an der Unterkante von Hängen, wo dann Quellen austreten. Ebenso kann es trockengeprägte Bereiche geben, zB auf Hügeln bzw an schroffen Hängen, besonders an der Hangoberkante.
Bevor Ihr zur Tat schreitet, solltet Ihr Euch klar werden, welcher Standort vorliegt. Alle Planungen müssen dann dem entsprechen. Ist der natürliche Standort durch den Menschen verfälscht, so sollte es Ziel sein, wieder den alten herzustellen. Die beiden häufigsten Veränderungen der Vergangenheit sind die Entwässerung von Feuchtgebieten und die Nährstoffanreicherung in trocken-mageren Zonen. Während beim ersteren die Zerstörung von Dränungen und die Renaturierung von Bächen mit Höherlegung des Bachbettes zum Erfolg führt, müssen im zweiten Fall wieder die standortgemäßen Bewirtschaftungsformen der Landwirtschaft (extensive Magerwiesen, zB mit Obstbäumen, oder in Ausnahmefällen auch krautreiche, nur gering gedüngte Äcker) eingeführt werden. Durch mehrmaliges Mähen der vorher gedüngten Wiesen ohne weitere Nährstoffzufuhr kann auch wieder eine gewisse Ausmagerung erreicht werden, da mit dem Schnittgut Nährstoffe abtransportiert werden.
Übrigens: Bei der Einschätzung, welche Standortbedingungen von Natur aus vorherrschen würden, können Euch Bodenkarten und auch Reliefkarten (danach lassen sich Talräume und Höhenzüge markieren) helfen. Denkbar ist auch der Blick auf historische Karten oder Gespräche mit alten Menschen, die die Verhältnisse vor den brutalen Flurbereinigungen kennen.

Vorhandene Strukturen kartieren

Selbst wenn Ihr nur auf einer begrenzten Fläche startet, solltet Ihr schon mal in die Umgegung gucken. Nur damit könnt Ihr die Vernetzung in der Natur erfassen und "Euren" Lebensraum passend einbinden. Im Verlauf der Aktionen hin zu einem Gesamtziel kommt Ihr ohnehin nicht mehr darum herum: Eine Biotopkartierung ist fällig.
Im Prinzip gibt es zwei Stufen der Kartierung, die aber auch zusammen durchgeführt werden. Zum einen werden die Strukturen als solches erfaßt. Ergebnis ist eine große Karte, auf der alle Feldraine, Äcker, Hecken, Tümpel usw eingetragen sind. Mit Symbolen oder Farben können einige Zusatzinformationen vermerkt sein, zB die Pflugrichtung bei Äckern, Mähwiese oder Viehweide bei Grünland, Ausbauzustand bei Bächen sowie Müllablagerungen usw. Eine solche Kartierung reicht, um Verbundwirkungen in der Natur zu erkennen und auch neue Vernetzungswege zu entwickeln bzw ungünstige Nachbarschaftswirkungen intensiver Nutzflächen zu empfindlichen Biotopen zu verhindern.
Zum anderen ist für ein detailliertes Schutzprogramm aber auch eine genaue Kartierung unerläßlich. Dabei geht es darum, für den Lebensraum bzw bei wechselndem Zustand im Verlauf von Hecken, Bächen, Waldrändern usw auch für jeden einzelnen Abschnitt alle wichtigen Details zu erfassen. Da nun nicht alle den gleichen Blick haben, würden bei einer Gruppenarbeit ganz unterschiedliche Ergebnisse herauskommen, die nicht vergleichbar wären. Daher könnt Ihr Euch mit Kartierungsbögen oder Checklisten helfen. In diese Listen wird zum jeweiligen Abarbeiten oder sogar zum Ankreuzen eingetragen, auf was zu achten ist. Bei einer Hecken zB auf deren Breite, die Breite der Krautsäume, die Höhe, die Gebüscharten, ob Kopf- oder Obstbäume vorkommen usw. Bei Tümpeln werdet Ihr eher auf die Zonen unterschiedlicher Wassertiefe, auf das Vorhandensein von Röhricht oder Ufergehölz, auf Überdüngung, Müllablagerungen usw achten, und bei anderen Biotopen auf entsprechend andere Gesichtspunkte. Ihr könnt die Bögen selbst entwerfen oder schon vorhandene nutzen. Die gibt es zum einen vielleicht bei Eurer Naturschutzbehörde oder dem jeweiligen Naturschutz-Landesamt, zum anderen in verschiedenen Büchern, vor allem dem "Handbuch Angewandter Biotopschutz" (1992, Autor: Jörg Bergstedt, Ecomed-Verlag, leider vergriffen). Steht in der Bibliothek der Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen.

Auswerten und planen

Ist die Kartierung abgeschlossen, malt Ihr als erstes eine große Bestandkarte. Alle Strukturen (naturnahe Biotope bis zu gleichen Wildwuchsflächen und genutze Flächen) werden eingetragen. Mit ihr entwickelt Ihr in folgenden Schritten Eure Verbesserungsvorschläge:

Zudem geht Ihr die detaillierten Kartierungsbögen durch und schreibt alle dort erfaßten Mängel auf. Dazu plant Ihr dann Gegenmaßnahmen. So entsteht eine lange Liste kleinerer Vorschläge, die die umfangreicheren Planungen aus den obigen Punkten ergänzen. Beides zusammen ergibt dann den Gesamtvorschlag. Daran könnt Ihr nun in der direkten Umsetzung draußen (Pflanzen, Buddeln, Aufräumen usw) sowie durch Forderungen und Überzeugung (bei PolitikerInnen, Land- und ForstwirtInnen) arbeiten.

Hilfen für die Arbeit

Ihr seid nicht allein. Das ist wichtig, denn die Zahl der Gegner des Naturschutzes ist auch hoch. Nicht immer werdet Ihr ehrlichen Menschen begegnen, aber das darf Euren Versuch nicht beenden, immer mehr Menschen für Eure Idee zu gewinnen. Dabei spielen Euer Auftreten, die Öffentlichkeitsarbeit für Eure Ideen und auch Euer Mut, viele Kontakte zu knüpfen, eine wichtige Rolle.

Einstiegsprojekt

Während Ihr noch plant und kartiert, solltet Ihr schon eine erste Aktion starten. Meist gibt es in der Gemarkung einige einfache Arbeitsmöglichkeiten, unter anderem auf staatlichen Flächen oder auf Restflächen, die niemand mehr bearbeiten will. Eine solche Einstiegsaktion könnt Ihr dann für vieles nutzen. Zum einen gewinnt Ihr MitarbeiterInnen, denn praktische Arbeit zieht in der Regel mehr Menschen als die blanke Theorie. Zum anderen läßt sich mit der ersten Aktion eine gute Pressewirkung erreichen. Zudem könnt Ihr im Rahmen der ersten Pressearbeit Euer Gesamtziel darstellen. Schließlich werdet Ihr Kontakte knüpfen, die Ihr später bei der Gesamtumsetzung dringend braucht. Ihr werdet bemerken, daß viele unterschiedliche Menschen mitreden können und wollen: Jäger, Förster, Politiker, Landwirte, landwirtschaftliche Berater, Umweltbeauftragter der Gemeinde, Untere Naturschutzbehörde beim Landkreis, andere Naturschützer, Imker und viele mehr. Meist findet Ihr eine bunte Mischung von Menschen, die Eure Ideen ablehnen, und solchen, die Euch unterstützen. Sucht den engen Kontakt zu den UnterstützerInnen. Spart nicht mit gerechtfertigter Kritik an denen, die gegen Euch arbeiten. Aber laßt denen immer die Chance, ihre Meinung zu ändern oder fordert sie dazu sogar auf!
Euer Einstiegsprojekt solltet Ihr für möglichst viele Kontakte nutzen, nicht nur die gerade notwendigen. Das kann Euch dann für viele andere Schritte helfen.

Geld

Die Jugendaktionsmappe Umwelt und die Aktionsmappe Umwelt enthalten auch einen Finanzleitfaden. Wer die Mappe nicht vollständig besitzt, sollte sie bestellen. Für Naturschutzmaßnahmen gibt es in der Regel spezielle Töpfe, manchmal mehrere. Die erste Anlaufstelle ist die Gemeinde. Sie kann Gelder für alle Naturschutzmaßnahmen per Beschluß bereitstellen, manchmal gibt es sogar schon Töpfe, zB für Obstbaumpflanzungen, Heckenanlage usw.
Beim Kreis ist die Untere Naturschutzbehörde die Anlaufstelle für Nachfragen. Ohnehin solltet Ihr mit ihr Eure Aktivitäten abstimmen. (Ohne Euch abhalten zu lassen, wenn Ihr auch dort Bürokraten begegnet!) Gelder werden zudem oft von Landschaftspflegevereinen, landwirtschaftlichen Ämtern oder dem Land vergeben. Umhören ist also wichtig, die Untere Naturschutzbehörde oder kompetente NaturschützerInnen können Euch weiterhelfen.
Wichtig ist aber auch, daß viele Aktionen gar kein Geld kosten müssen. Eine Hecke läßt sich gut durch Aufschichten von Altholz (Äste, Zweige, Wurzelstubben usw) anlegen ohne Pflanzung. Tümpel sind viel vegetationsschonender per Hand anzulegen. Ein Bach sucht sich selbst wieder einen naturnahen Lauf, wenn er rechts und links Platz dazu hat und durch kleine Einstiche (zB mit Spaten oder Baggerschaufel) das feste Ufer zerstört wird. Geräte lassen sich von Landwirten, von der Gemeinde oder der Försterei ausleihen und evtl helfen die auch selbst.

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Veröffentlichungen zu praktischen Vorgehensweisen im Biotopschutz