Direkte Intervention

Siehe auch: Debatten um Dekonstruktion und Sexismus

Pro Definitionsmacht

 

Fallbeispiele

Im August 2007 wurde eine Person mit Namen und Fotos öffentlich als Vergewaltiger vorgestellt und dafür geworben, ihn überall rauszuwerfen. Wie üblich entstand daraus eine Auseinandersetzung um diese Umgangsform. Sprich: Können (aus der Sicht von LeserInnen dieser Veröffentlichung) unbekannte Opfer an ihnen unbekannten Orten verlangen, dass ein diesen unbekannte Täter in einer fest definierten Form zu behandeln ist? Liegt also die Definitionsmacht des Opfers so hoch, dass jedes selbständige Denken davor zurückzustehen hat? Und: Was ist das Opfer? Wenn es (wie üblich) gar nicht selbst auftritt, vermitteln andere den Willen des Opfers. Wer kann aber wie feststellen, ob das dem ursprünglichen Willen noch entspricht? Definieren sich die ÜberbringerInnen des Willens selbst als vertrauenswürdig? Oder benutzen sie sogar selbst die Propagandaidee der Definitionsmacht, um sich unfehlbar zu stellen - z.B. indem sie behaupten, dass ein Inzweifelstellen ihrer Überbringerqualität den Willen des Opfers gefährdet?

Zitate pro Definitionsmacht im Fallbeispiel:
Hallo liebe Unterstützer_innen, auf eure Öffentlichmachung der Vergewaltigung gab es ja bereits einige unsolidarische Reaktionen. Wir wollten euch unsere Solidarität bekunden. Lasst euch nicht beirren: Die Betroffene definiert das ihr Angetane als Vergewaltigung, es bedarf keiner weiteren Erklärungen, Verläufe, Geschichten, Details für die Öffentlichkeit.

Contra Definitionsmacht

Gesammelte Gedankensplitter

  • Wird hier durch die Hintertür eine Kategorie der Objektivität geschaffen? Sprich: Es gibt eine Person, die (kraft ihrem Status als Opfer) definieren kann, was wie gewesen ist?
  • Es gibt Vergewaltigungen und andere Gewaltübergriffe, bei der auch die TäterInnen wissen, dass sie einen Übergriff vornehmen. Ebenso gibt es welche, bei denen dem/r TäterIn das nicht bewusst ist. Und es gibt welche, bei denen allen Beteiligten das zunächst nicht bewusst ist, sondern erst Teilen in der späteren Reflexion deutlich wird, dass es sich um einen Übergriff handelte. Woran aber macht sich dann ein Übergriff fest - definiert er sich ausschließlich durch das Empfinden des Opfers, selbst wenn der Übergriff so verdeckt geschah, dass sogar das Opfer es erst später bemerkte?
  • Aus dieser Überlegung folgt noch etwas Absurderes: Wenn nun das Opfer einen Übergriff als Übergriff darstellt und damit im Sinne der Definitionsmacht eine objektive Wahrheit schafft, die zu gelten hat - was ist, wenn sich das Opfer mit dem/r TäterIn versöhnt und die Aussage zurückzieht? Hat z.B. eine Vergewaltigung nicht mehr stattgefunden, wenn das Opfer (aus welchen Überlegungen auch immer) nach einem Monat den Vorwurf zurücknimmt? Welcher Form von Kommunikation öffnet dann aber die Definitionsmacht gerade Tor und Tür?
  • Wenn allein die Definitionsmacht entscheidet und die Person mit dem Status "Opfer" definiert, wie es war bzw. im Zweifel gar nichts Näheres erzählen muss - fördert das nicht den Missbrauch des Mittels, weil die Person ja weiß, dass allein die Denunziation (die es im Fall des Missbrauchs ja wäre) reicht? Das soll nicht sagen, dass Missbrauch häufig vorkommt. Aber wenn ein Machtmittel Missbrauch fördert (und das tut Herrschaft immer - das ist eine wichtige Grundlage der Herrschaftstheorie, dass die Möglichkeit zur Anwendung selbst die Anwendung fördert), ist es dann sinnvoll, dieses einzuführen?
  • Was passiert eigentlich in Fällen von Missbrauch? Es gibt bereits eine Vielzahl eindeutiger Fälle von Missbrauch. Das darf nicht denen zum Schaden werden, die tatsächlich Opfer von Gewaltübergriffen geworden sind. Wenn aber Definitionsmacht = Definitionsmacht ist, gibt es kein Kriterium der Unterscheidung mehr.
  • Und: Es gibt viele, viele Fälle, in denen Definitionsmacht auch von BefürworterInnen der Definitionsmacht nicht anerkannt wurde - wenn nämlich die "Guten" (also ihre Kumpels, politisch Verbündeten ...) in einem Konflikt mit "Bösen" (andere politische Gruppen, die abgelehnt werden) übergriffig wurden. Dann zählt plötzlich deren Version, dass sie gar nicht gewalttätig waren ... seltsam, seltsam.

Alternativen zu Regeln und Definitionsmacht

Direkte Intervention

Text von der Hoppetosse-Mailingliste:
Ich halte diese direkte Intervention fuer die entscheidende Grundlage des emanzipatorischen Prozesses. Vergleich: Gegen sexistische, rassistische, bevormundende, entmuendigende usw.  Behandlung (Diskriminierung) helfen auch weniger breite Debatten, Zensur, Hausverbote usw. (wie in der Linken, die eben im wesentlichen normalsozialisiert ist und autoritaer denkt und handelt, weit verbreitet), sondern die staendige, direkte Intervention. Die muss je nach Vorgang nicht mal besonders heftig sein, aber wenn sie direkt (also persoenlich und zeitnah) erfolgt, gehe ich davon aus, dass die Personen und Verhaltensweisen, die so angegangen werden, sich veraendern koennen. Und das ist das Ziel, nicht die Pseudo-Reinheit der Szene.

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