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Gewaltfreiheit:
Strategie, Utopie oder Dogma?

Argumente ++ Blinde Flecke ++ Gut und böse ++ Machtspiele ++ G8 2007 ++ Kritik ++ Links

Verfasst für das Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung).
Überarbeitet für das Buch "Gewalt" (ein Band in der Pocket-Theoriereihe). Weitere Aktualisierungen und Ergänzungen folgen.

Die Argumente pro Gewaltfreiheit - und was davon zu halten ist

Ohne Kenntnis der jeweiligen Situation und Rahmenbedingungen über konkrete Aktionsstrategien zu diskutieren, ist per se absurd. Denn vielen wichtigen Kriterien wie dem der Angemessenheit oder des kreativen Umgangs mit den Gegebenheiten fehlt dann der Maßstab. Auch Reaktionen der von Aktionen Betroffenen wären nicht abschätzbar. Das Ergebnis situationsunabhängig festgelegter Verhaltensweisen wären pauschale, nicht konkret begründete Einschränkungen eigener Handlungsfähigkeit oder dogmatische Kriterien und Grenzen der Tätigkeit. Das gilt immer - nicht nur für die Frage, welche Mittel angewendet werden bzw., weiter verengt, welchen Grad an Gewalt diese erreichen dürfen. Je nach Situation kann sehr viel dafür sprechen, den Angriff auf Personen oder sogar auf Sachen für unangemessen, inhaltsleer, falsche Ziele vermittelnd oder zu gefährlich zu verwerfen. Es kann aber auch etliche Gründe geben, in anderen Situation anders zu entscheiden. Schon von daher kann dieses Büchlein keine Entscheidungshilfe für ein Pro oder Contra von Gewaltfreiheit bzw. Militanz sein. Denn der grundlegende Fehler würde dann nur wiederholt: Wertungen ohne Wissen um die Lage.

Denkbar wäre, alle vielleicht irgendwann mal geltenden Punkte aufzuzählen, die für oder gegen Gewaltanwendung sprechen - je nach Situation. Das aber scheint unmöglich - es sind zu viele. Niemand kennt alle Aspekte, die jemals irgendwo aufgekommen sind und der Wahl von Aktionsmitteln zugrundelagen. Letztlich ist all das auch egal. Denn hier soll es ja um die Frage, ob die Gewaltfrage so bedeutend ist, dass sie zu der oder einer der grundlegenden Fragen gemacht wird, an denen sich die Frage von Aktionsstrategien oder Bündnissen entscheidet. Zunächst sollen die Argumente überprüft werden, die diejenigen vorbringen, die Gewalt immer, überall und unabhängig von den vorgefundenen Bedingungen und sonstigen Handlungsmöglichkeiten ausschließen wollen. Also von denen, die auch dann (wie oft auch immer das vorkommen mag), wenn nicht anderes mehr bliebe als die Wahl zwischen Feigheit (Nichtstun) und Gewalt, die Gewalt ablehnen würden. Die vermeintliche Gewaltfreiheits-Ikone Gandhi, wie bereits erwähnt, hätte an dieser Stelle anders entschieden.

Argument pro Gewaltfreiheit, zum ersten: Der Weg muss dem Ziel entsprechen

„Wir können eine gewaltfreie Welt nicht mit Gewalt erreichen“, wird die Forderung nach gewaltfreier Aktion oft begründet. Gleichbedeutend sind ähnliche Formulierungen wie "Kein Zweck heiligt die Mittel" oder "Wer gegen Gewalt ist, darf sie nicht anwenden".

Im Original: Mittel und Zweck ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Selbstverständnis der sich als basisdemokratisch und anarchistisch bezeichnenden Zeitung 'Graswurzelrevolution'
Um die Ziele der libertären Bewegung gegen Staat und Kapital durchzusetzen und errungene Positionen zu verteidigen, ist natürlich "Macht" erforderlich. Die Formen, in denen diese Macht ausgeübt wird, dürfen keinesfalls diktatorisch sein, sie sollen zu keiner Verfestigung einer neuen Herrschaft führen, sie sollen auf physische Gewalt weitgehend verzichten.

GWR-Chef Bernd Drücke im Vorwort der Graswurzelrevolution Sommer 2007 (S. 2)
Direkte gewaltfreie Aktionen sind die legitimen, aktiven, vielfältigen und effektivsten Formen des Widerstands gegen Ausbeutung, Krieg und Gewalt.

Katja Kipping, stellv. LINKE-Bundesvorsitzende, in: Michael Brief u.a. (2007): "Die Linke", Dietz Verlag in Berlin (S. 98 f.)
Bei Auswertungsrunden im Nachhinein wurde die Gewaltfrage vorrangig aus zwei Gesichtspunkten erörtert: erstens aus einer moralischen Perspektive (Ist Gewalt generell gerechtfertigt?) und zweitens aus einer strategischen Perspektive (Können Ausschreitungen unser Anliegen befördern?). Beide Fragen sind klar zu verneinen. Man muss nicht einmal Pazifistin sein, um die erste Frage zu verneinen. Bei dieser Demonstration kam noch verstärkend hinzu, dass es eine klare Verständigung aller Beteiligten gegeben hatte, dass diese Demonstration gewaltfrei ablaufen solle. ...
Das Verhältnis der LINKEN zur Gewalt sollte kein taktisches, sondern ein prinzipielles und von einer klaren Bejahung der Gewaltfreiheit geprägt sein.

Aus "Gewaltfreie Aktion", in: "Hilfreiches für Aktive" zur Aktion 2008 in Büchel
Die Gewaltfreie Aktion zeigt sich dadurch, dass Druckmittel (Kräfte) eingesetzt werden, ohne physische Gewalt anzuwenden oder anzudrohen. ...Es müssen objektiv nachweisbar Grundrechte der Menschen verletzt sein. ... Grundhaltung ist die absolute Achtung der menschlichen Person. Die angewendeten Methoden müssen mit der Grundhaltung und dem Ziel übereinstimmen. Das bedeutet sowohl den Ausschluss personenverletzender Gewalt als auch den Verzicht, den/die GegnerIn abwertend oder diskriminierend zu behandeln. ...
Außerdem findet sich noch der folgende Satz in dem Kapitel:
Gewaltfreie Aktionen werden nicht FÜR Unterdrückte gemacht, sondern die Betroffenen entwickeln die Aktionsformen und organisieren sie selbst.

Ralf Burnicki, "Die anarchistische Konsensdemokratie", Transkription eines Videos von O. Ressler (aufgenommen in Bielefeld, Deutschland, 29 Min., 2005)
Auch in anarchosyndikalistischen Zusammenhängen wie in gewaltfreien Zusammenhängen gilt der Satz, dass das Ziel der Revolution, nämlich Freiheit und Gleichberechtigung, auch in den Mitteln dieser Revolution sich wieder finden sollen. Diese Mittel können also nicht auf Gewalt beruhen, weil Gewalt kein Ziel in einer anarchistischen Gesellschaft darstellt.

Aus Dreis, Ralf: "Anarchistische Bombenleger?!", in: Graswurzelrevolution März 2011 (S. 17)
Wer die Mittel der Bestie, gegen die er kämpft, übernimmt, wird ein Teil von ihr.


Aus Renate Wanie: "Hier blockiert der Verein für Leibesübungen!" (Werbetext für Gewaltfreiheit bei Nazi-Aufmärschen), in: FriedensForum 1/2015 (S. 9)
Indessen erregen auch militante Demonstrationen gegen Neo-Nazi-Aufmärsche öffentliche Aufmerksamkeit, sie garantieren eine sichere Medienberichterstattung. Doch gewaltsame Aktionsformen sind reaktive Widerstandsformen. Beim Widerstand gegen Neo-Nazis ist die Kernfrage, ob gewaltsamer Widerstand sein Ziel nicht schon dadurch verfehlen muss, dass er mit der Gewaltanwendung ein wesentliches Merkmal des bekämpften Systems aufnimmt? Die Frage ist doch: Wobei eröffnet sich eine Perspektive für politische Veränderung? Wenn es das Ziel ist, den Rechten „eins drauf zu geben", verkommt die Aktion zum reinen Selbstzweck. Dagegen sollten Gewaltfreie Aktionen, so vorbereitet sein. dass direkte Konfrontationen mit gewaltbereiten Skins vermieden werden und dennoch Widerstand sichtbar vermittelt wird.

Positiver Bezug auf die Satyagraha-Normen (werden auf Mahatma Gandhi zurückgeführt) in: FriedensForum, 2/2015 (S. 3)
Wähle Mittel, die dem Ziel entsprechen!

Dieses Argument mit der Zweck-Mittel-Relation (wie auch immer genau formuliert) klingt zunächst plausibel. Bei näherer Betrachtung ist es aber wenig gehaltvoll. Zum einen fehlt eine Begründung der Behauptung, dass Weg und Ziel übereinstimmen müssten. Meist wird sie als sich selbst begründendes Axiom hingestellt, das so glatt rüberkommt, dass es keiner zusätzlichen Begründung bedarf. Doch genau das ist gefährlich. Immer wenn im politischen Raum Selbstverständlichkeiten formuliert werden, die gedanklichen Assoziationen wie "ja klar", "ist doch logisch" oder "weiß doch jede_r" agieren, lohnt sich das Nachdenken. Die Durchsetzung herrschaftsförmiger Politiken arbeitet gern damit. Aus emanzipatorischer Sicht muss aber jede strategische Position hinterfragbar und zu diesem Zweck überhaupt erstmal begründet sein. Sonst wird sie zum reinen Bekenntnis, also einer religiösen Überzeugung ähnlich. Insofern ist "Der Zweck heiligt keine Mittel" nicht per se schon ein Argument.
Zweitens würde die Gleichschaltung zwischen Strategien im Hier und Jetzt mit dem Verhalten in einer zukünftigen Gesellschaft zu einer seltsamen Erstarrung führen. Taktische, kreative und subversive Mittel würden weitgehend wegfallen. Eine herrschaftsfreie Welt wird vor allem eine kommunikative sein - muss dann der heutige Protest auch auf Dialoge begrenzt sein, auch wenn von den Herrschenden niemand zuhört? Ein Blick auf die Praxis der Gewaltfreien zeigt, dass sie (zum Glück) ihr Axiom von Weg und Ziel selbst nicht ernst nehmen. Sie machen häufig Aktionen, die in ihrer Utopie nicht nötig, passend oder möglich wären. Die Grundaussage, Ziel und Mittel müssten immer im Einklang stehen, führt sich nämlich schnell selbst ad absurdum, wenn sie mit anderen Inhalten gefüllt würde: Darf Umweltschutz nur auf umweltgerechte Art und Weise durchgesetzt werden? Dann dürfte es schwierig sein, überhaupt noch zu agieren, denn jeder Verbrauch von Ressourcen ist eine Umweltbeeinträchtigung. Kann eine herrschaftsfreie Welt nur erreicht werden über Strukturen, die herrschaftsfrei sind? Der Wille und Versuch dazu sind durchaus wichtig, aber ihre vorherige und vollständige Erfüllung als Voraussetzung zu nehmen für politische Aktion hieße, nicht mehr agieren zu können. "Der Zweck heiligt keine Mittel" ist folglich unerfüllbar und einfach nur dumm. Die Mittel müssen zum Ziel führen (können), wäre die sinnvolle strategische Vorgabe.
Zum dritten widerspricht eine dogmatische Gewaltfreiheit dem Ruf nach der Angemessenheit von Aktionen. Diese wird, wie gezeigt, auch im Lager der Gewaltfreien erhoben, z.B. - wenn auch mit einem eklatanten Sinn-Widerspruch - im sogenannten Aktionskonsens zu den Protesten gegen "Stuttgart 21". Die Verbindung aber klappt nicht. Entweder ich lege eine Aktionsform dogmatisch fest oder ich entwickele sie aus den Verhältnissen vor Ort, meinen Zielen und Möglichkeiten. Eine Torte im Gesicht als symbolische Aktion kann verhältnismäßig, nicht aber gewaltfrei sein. Sie kann zum Ziel passen oder nicht.

Dabei soll gar nicht widersprochen werden, dass das Ziel sich in den Aktionsformen widerspiegeln muss. Emanzipatorische Positionen zu verwirklichen, ist überall wichtig - in jeder politischen Aktion, in Gruppen und im Alltag. Die Aktion muss diesem Anspruch genügen. Ihre Verwirklichung aber bereits als Voraussetzung einzufordern, macht politisch handlungsunfähig. Letztlich fordern gewaltfreie Gruppen das auch gar nicht. Sie wollen allein, dass die Gewaltfreiheit als Dogma bewertet wird. Alle anderen Ziele sind ihnen auch deutlich mehr egal.

Im Original: Ziel-Mittel-Relationen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Lou Marin, "Wir kämpfen nicht für Demokratie", in: GWR Sommer 2011 (S. 18)
Hier soll daran erinnert werden, dass der Kern sowohl der Gewaltfreiheit als auch des zivilen Ungehorsams eine - auch von Sternstein selbst immer wieder beschworene - sogenannte Ziel-Mittel-Relation ist, die sich umgangssprachlich in den Slogans "Das angestrebte Gesellschaftsziel muss sich in den angewandten Mitteln ausdrücken" oder "Der Weg ist das Ziel" widerspiegelt. ...

So eindeutig das klingen mag - es ist es nicht. Denn der Begriff Ziel-Mittel-Relation hat keine eindeutige Auslegung. Es wäre ebenso denkbar, daraus abzuleiten, dass das Mittel dem Ziel entsprechen muss, also geeignet sein muss, das Ziel zu erreichen. Das wäre dann die Grundlogik emanzipatorischer Widerstandsstrategien, bei der Menschen selbst denken, d.h. eigene Abwägungen vornehmen statt sich einem Dogma zu unterwerfen (so z.B. im Grundkonzept von "Direct Action").

Argumente Nr. 2: Gewaltfreiheit ist die wirksamste Strategie

Mit dieser oder ähnlich formulierten Aussagen wird behauptet, dass politische Wirkung durch Gewaltfreiheit ausgelöst oder verstärkt wird. Als Beispiel wird oft M. Gandhi angeführt, ansonsten ist die Liste der benannten Beispiele eher kurz.

Im Original: Loblieder auf die Gewaltfreiheit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gewaltfreie Aktion ist das „Ei des Kolumbus“
Aus Wolfgang Sternstein (2013): „Atomkraft – nein danke!“ (S. 166)
Letztendlich erwies sich das gewaltfreie und dezentrale Aktionskonzept als das Ei des Kolumbus, denn es verband die machtvolle legale Massendemonstration, wie sie schließlich im Gorleben Treck Gestalt annahm, mit den illegalen Aktionen des zivilen Ungehorsams im Landkreis, die ihren Ausdruck in unzähligen Blockadeaktionen und im Anti Atomdorf der »Republik Freies Wendland« fanden. Die Wiedergeburt des Widerstandes im Jahr 1995 nach einer mehrjährigen Pause konnte an diese Tradition anknüpfen.

Ausschließeritis: Entweder Guevara oder Gandhi – beides geht nicht!
Aus Wolfgang Sternstein (2013): „Atomkraft – nein danke!“ (S. 225f)
Ich meine im Unterschied zu Brand und Ehmke, dass die Kontroverse über Militanz und Gewaltfreiheit keineswegs fruchtlos ist. Im Gegenteil, sie zeigt die Unvereinbarkeit dieser beiden Grundeinstellungen in Theorie und Praxis. Und wenn Ehmke meint, es gebe keinen »Königsweg« zum Ausstieg aus der Atomenergie, so halte ich dagegen: Der Weg der Gewaltfreiheit war der Königsweg, und er hätte schon vielfrüher zum Ziel geführt, hätten die Mitglieder der Bewegung sich auf ihn verständigen können.
Mir scheint Ehmkes Votum ist aus einer panischen Furcht vor einer Spaltung der Bewegung geboren. Gleichwohl provoziert diese Furcht die Spaltung geradezu, denn eine Bewegung kann nicht gleichzeitig heiß und kalt, laut und leise, militant und gewaltfrei sein. Wer beides zu vereinigen sucht wird scheitern. Es ist notwendig, sich auf eine gemeinsame Zielsetzung, Methodenwahl und Strategie zu einigen. Einigt man sich im Konsens auf ein gewaltfreies Konzept so ist selbstverständlich niemand ausgeschlossen, der bereit ist diesen Konsens zu akzeptieren, selbstverständlich auch kein Militanter. …
Zwei strategische Konzepte standen somit von Anfang an unvereinbar einander gegenüber. Daraus folgt, wir müssen uns als Einzelne, als Gruppen und als Bewegung entscheiden, welche dieser Grundsätze und Strategien wir wählen wollen. Der Versuch, alle Formen des Widerstands zu kombinieren, ist zum Scheitern verurteilt. Roland Vogt hat das treffend einmal so ausgedrückt: Es gibt theoretische Additionen, die sich praktisch als Subtraktionen erweisen. So verhält es sich auch in diesem Fall. Die »Addition« der militanten und der gewaltfreien Strategie wirkte sich in der Praxis als »Subtraktion« aus. Statt zu einer Stärkung der Bewegung führte sie zu ihrer Schwächung, statt zu ihrem Aufstieg zu ihrem Niedergang.
Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel versah eine Titelgeschichte über die Demokratiebewegungen in den Ländern des ehemaligen Sowjetimperiums mit der Überschrift: »Die Erben von Gandhi und Guevara. Europas friedliche Revolutionäre« (46, 2005, S. 178 199). Dieser Titel enthüllt schlagartig die ganze Problematik dieser Kombination. Ernesto »Che« Guevara gab seiner bekannten Streitschrift gegen den Imperialismus den Titel »Schafft zwei, drei, viele Vietnam«. Darin ruft er zu einem weltweiten Guerillakrieg gegen die USA und die übrigen imperialistischen Mächte auf. Diese Kombination funktioniert aber nicht. Man ist entweder Erbe Gandhis oder Guevaras!

Alle Lobeshymnen und auch der Bezug auf Gandhi schauen nicht auf die konkreten historischen Umstände und sich nicht automatisch wiederholende Vorgänge (z.B. die Berichterstattung der Massenmedien damals). Tatsächlich spricht wenig dafür, dass ein Einzelereignis bis der Proteste von Gandhi und Umfeld beliebig verallgemeinerbar ist. Gewaltfreie Bewegungen werden heute eher marginalisiert. Das gilt für gewaltfreie Gruppen in Diktaturen oder Bürger_innenkriegsgebieten. Dominant agieren die verschiedenen gewaltorientierten Gruppen (NATO, Regierung, terroristische Gruppen mit oder ohne Anbindung an Regierungen, NATO usw.). Ähnliches gilt auch für den bewaffneten Widerstand international, z.B. der Zapatistas in Chiapas, die gegenüber nichtbewaffneten Aufständen wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielten.
Die politischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre zeigen jedoch auch keine besonders günstigen Resultate für verengt militante Konzepte. Vielmehr ist erkennbar, dass vielfältige Aktionskonzepte die höchste Aufmerksamkeit und Mobilisierungswirkung erreichen, während sie gleichzeitig emanzipatorischen Charakter behalten. Allein die Mobilisierung ist höher, weil sich dann viele Menschen ihren passenden Bezug zur Aktion suchen. Die rein militante, aber inhaltslose Aktion (ob nun Bürger_innenkriege oder der 1. Mai in Berlin) ist genausowenig geeignet, politische Wirkung zu erzeugen und wird eher als Randale dargestellt, ohne politische Ziele transportieren zu können.

Drittes Argument: Mit der Gewaltfreiheit drücken wir unsere demokratische/rechtskonforme Gesinnung aus

Es soll hier nicht spekuliert werden, ob solche Aussagen oftmals auch einen finanztaktischen Hintergrund haben können, um z.B. die Konten des reichen Bildungsbürger_innentums für Spenden oder des Staates für Förderungen zu öffnen. Denn selbst wenn ein solcher Satz ernst gemeint ist, kommen einige Zweifel auf: Lässt sich durch einen Verzicht auf bestimmte Protestformen eine ideelle Position ausdrücken? Was bedeutet es, wenn diese Ideale sich positiv auf das herrschende System (Rechtsstaat und Demokratie) beziehen. Wird damit nicht just das abgedeiert, welches die Missstände produziert, gegen den sich der Protest richtet?
Da dieses Argument nicht so häufig genannt wird wie die vorherigen, seien zunächst einige Zitate als Beleg angebracht.

Im Original: Glaube an Recht und Demokratie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wolfgang Hertle, "Plädoyer für zivilen Ungehorsam ", in: Friedensforum 2/2008 (S. 43)
Gewaltsame Auseinandersetzung von Demonstranten mit der Polizei hat dieselbe fatale Wirkung auf die Öffentlichkeit, ob sie entsteht, weil sich die Gegenseiten magnetisch anziehen oder ob durch gezielte Provokation: durch den spektakulären Schlagabtausch wird die Gewalt zum ausschließlichen Thema und verdeckt das ursächliche Anliegen. Beide Kampfparteien sehen das Unrecht nur auf der jeweiligen Gegenseite und rechtfertigen damit ihre eigenen Handlungen. ... Gewalt macht blind, ihr autoritärer Charakter steht in völligem Gegensatz zum demokratisch-gewaltfreien Ziel der Selbstbestimmung. ...
Wir haben nichts zu verbergen, wollen bewusst weder Konspiration noch Vermummung. Wir stehen zu unseren Aktionen, wir wollen überzeugen und uns notfalls mit unserer ganzen Person gegen die organisierte Gewalt stellen.

Bundjugend-Hessen-Vorständler Adrian im AktivInfo Febr./März 2001
Aus drei Gründen halte ich Aktionen gegen die Castor-Transporte dennoch für nicht in unserem Sinne:
Erstens: Wenn wir unterstellen, die Castor-Transporte seien unsicher - und sie sind es -, müssen wir das Risiko, das mit ihnen verbunden ist, nicht noch dadurch steigern, dass wir Terroristen und Systemfeinden die Möglichkeit geben, unter dem Deckmäntelchen unserer Aktionen diese Gefahr noch zu steigern. Es ist bereits geschehen, dass während Anti-Castor-Aktionen Schienen unterhöhlt wurden und ähnliches. Ich muss schon fragen: Wollen wir wirklich die Gefahr der Kernkraft demonstrieren, indem wir Unfälle provozieren? Das kann nicht sein!
Zweitens: Jeder Widerstand, den Umweltschutz und Terroristen - Systemfeinde, die dies lediglich als Scheinlegitimation nutzen - gegen die Castor Transporte leisten, führt einen Bedarf an staatlichem Aufwand zum Schutze dieser Transporte mit sich. Dies kostet Geld, und zwar das Geld aller Bürger, auch unseres. ...
Drittens: In der Regel laufen Aktionen von Umweltschützern unter dem Begriff Widerstand. Das Grundgesetz - und einzig hierauf kann man sich berufen, will man nicht den Weg der Illegalität beschreiten - spricht jedem Deutschen auch das Recht auf Widerstand zu. Widerstand allerdings lediglich gegen systemwidrige Entscheidungen oder systemfeindliche Personen, und auch das erst dann, wenn die staatlichen Organe zur Abwehr dieser Systemfeinde außerstande sind.

Dieter Rucht im Film "Gipfelstürmer und Straßenkämpfer" (Laika-Verlag, 2011)
Gewalt in unserem demokratischen Rahmen ist kontraproduktiv.
Das Interessante an Dieter Rucht ist noch, dass er ständig als unabhängiger Bewegungsforscher aufgetreten ist, während er tatsächlich einseitige Positionen und auch bestimmte Organisationen vertrat (wie Attac oder die Bewegungsstiftung, in denen er Funktionen innehatte). Damit konnte neben den Organisationen selbst immer noch eine schein-neutrale Person die gleichen Positionen benennen.

Aus Renate Wanie: "Hier blockiert der Verein für Leibesübungen!" (Werbetext für Gewaltfreiheit bei Nazi-Aufmärschen), in: FriedensForum 1/2015 (S. 9)
Demokratie und Menschenrechte garantieren allen Menschen Unversehrtheit.

Eine pauschal legalistische Argumentation ist aus etlichen Gründen abwegig.
Recht und die Rechtsordnung sind keine aus höheren Quellen stammenden und damit übergeordnet gültigen Setzungen. Vielmehr sind sie Ausdruck der politischen Auffassung derer, die sich durchzusetzen vermochten. "Die Rechtsordnung gilt, die sich faktisch Wirksamkeit zu schaffen vermag ... Wer Recht durchzusetzen vermag, beweist damit, daß er Recht zu setzen berufen ist", formulierte es einer der wichtigsten Rechtsphilosophen in Deutschland, Gustav Radbruch. Recht ist also immer das Recht der Stärkeren. Die lebten zudem in der Vergangenheit, denn die meisten Gesetze sind recht alt. Sich auf eine solche Rechtsordnung positiv zu beziehen und eigene Handlungen diesen zu unterwerfen, bedeutet eine bedingungslose Akzeptanz der Gestaltungskraft von Eliten im Kaiserreich, im Nationalsozialismus und in den anderen Phasen deutscher Staatlichkeit. Die Unterwerfung akzeptiert also genau die als Rahmensetzer des eigenen Protestes, gegen die sich (direkt oder indirekt) der Protest eigentlich richtet.
Zudem wäre eine allgemeine Akzeptanz des Rechts so pauschal, dass sie selbst solche Gesetze zur Grundlage erklärt, die heute Nichtdeutsche drangsalieren, Polizeigewalt legitimieren, Frauen unterdrücken usw. Ja noch schlimmer: Selbst solche Gesetze, die im Dritten Reich geschaffen haben, um die Juden aus der Gesellschaft zu drängen, und noch immer gelten, würden dann zum Leitstern politischen Protestes. Wer Recht prinzipiell als Handlungsgrundlage setzt, spricht es heilig.

Für Gewaltfreie macht der Bezug auf Recht und Demokratie eigentlich keinen Sinn. Denn keine auf der Welt gültige Rechtsordnung und kein demokratischer Staat sprechen sich gegen Gewalt aus. Vielmehr teilen sie in legale und nicht legale Gewalt. Wer eine Person umbringt und dabei nicht als Scherge des Staates handelt, wird eingesperrt - nach aktuellem Zeitgeist gleich mehrere Jahrzehnte und oft mit anschließender Sicherungsverwahrung, also praktisch lebenslang. Wer hundert Menschen tötet und das in Uniform vollbringt, erhält Orden. Recht und Gewaltfreiheit haben wenig miteinander zu tun. Sie sind eher das Gegenteil, denn Recht legitimiert Gewalt.

Ähnlich verhält es sich mit der Demokratie. Es sind die demokratischen Staaten, die per wirtschaftlicher Ausbeutung oder schlichtem Bombenwerfen große Teile der Erde unterworfen haben. Fast eine Milliarde hungernde Menschen oder Millionen Hungertoten sind nicht undemokratisch, sondern Wirkung demokratischen Regierungshandeln. Es ist Propaganda, dass Demokratie als Staats- oder Gesellschaftsform etwas mit der Selbstbestimmung der Bevölkerung zu tun hätte. Das ist weder im Begriff noch im Wesen oder in der Praxis der Demokratie so angelegt. Das wird im positiven Bezug politischer Aktionen auf die Demokratie übersehen. Besonders absurd wird es, wenn Anarchist_innen sich auf demokratischen Protestformen festlegen und das auch noch ideologisch begründen (Extra-Seite).

Gegen Gewalt, weil die den guten demokratischen Protest verunglimpft
Aus der Jugendzeitung "Utopia", Ausgabe Nr. 1 / Herbst 2007 (Download über www.jugendzeitung.net)
Die Gewalt wurde von den Organisator/innen sowie von der überwältigenden Mehrheit der Anwesenden abgelehnt. Doch die Gewaltszenen beherrschten die Wahrnehmung in den Medien. Somit wurde der Protest für eine friedlichere, demokratischere, sozialere und ökologischere Welt von einigen wenigen Militanten und den Medien weniger glaubwürdig gemacht. Zudem wurde den Repressionen und Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld ein Rechtfertigungsgrund gegeben.

Dahinter steht eine naive Herrschaftsanalyse. Die Macht werde gut, wenn sie demokratisch ausgeübt wird. Oder eben, blumig mit vereinnahmt, gewaltfrei. Damit wird ausgeblendet, dass in einer herrschaftsförmigen Welt nicht nur die Gewalt monopolisiert ist, sondern auch der Diskurs, was als Gewalt gilt und welche Gewalt legitim ist. Das lässt sich nicht trennen, auch wenn zum naiven Bekenntnis zur Gewaltfreiheit an die gute, weil gewaltfreie Macht gehört: "Kein Gewaltmonopol, sondern gewaltfreie, soziale Machtausübung", phantasierte 1995 der gewaltfreie Jan Stehn in seiner romantischen Anarchiewelt "Eine Struktur für die Freiheit".

Kommen wir zum vierten Argument: Gewalt und Militanz beeinflussen das Image politischer Aktionen

Das ist kaum zu bestreiten. Allerdings gibt es zwei gewichtige Aspekte, die dem Argument seine Relevanz nehmen. Der erste ist, dass Militanz oft das öffentliche Interesse und damit eine Imagebildung überhaupt erst schafft - wenn auch meist negativ. In einigen Fällen aber konnte diese öffentliche Aufmerksamkeit anschließend für eine inhaltliche Debatte genutzt werden. Dass das nicht häufiger geschieht, liegt nicht an der Gewaltanwendung als solcher, sondern an Inhaltslosigkeit und Unorganisiertheit so agierender Gruppen. Die Qualität der Militanz ist das Problem (siehe nächstes Hauptkapitel). Eine weitere Ursache bildet die Tatenlosigkeit Anderer, die öffentliche Debatten in der Folge von Militanz nicht für die Vermittlung von Inhalten nutzen. Nur der Protest, der dem bürgerlichen Mainstream, entspricht, kann auf positives Image hoffen. Doch darf politisches Engagement auf Atom- und Gentechnik oder die blumige Forderung nach mehr Gerechtigkeit beschränkt werden? Für alle anderen Themen gilt zunächst immer nur die Wahl zwischen keiner oder negativer Aufmerksamkeit. Bei näherem Hinsehen trügt dieser Schein aber, denn die negative Reaktion erfolgt aus den Kreisen der Herrschenden. Das ist wenig überraschend - angesichts der aktuellen Politik trifft Widerstand auf die Abwehr der zur Zeit Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Medien. Bis auf einige Heißsporne haben die längst gelernt, dass die wirksamsten Waffen gegen Protest deren Verschweigen und, falls das nicht reicht, ihre Assimilierung (Tot-loben oder -fördern) sind. Dem kann öffentliche Erregung, auch negative, entgegenwirken. Dennoch hetzte z.B. der meist als "Wissenschaftler" auftretende Verbandsfunktionär Dieter Rucht gegen die Globalisierungskämpfe des Jahres 2001, die immerhin den Beginn der massiven Proteste auch in Europa darstellten und Kapitalismuskritik aus der Versenkung holten, alles sei "vom Auftreten gewalttätiger Demonstranten und/oder der Polizeigewalt überschattet" worden. Dem widersprach Markus Wissen, der den Gründungshype z.B. um Attac gerade mit der Militanz von Göteborg und Genua begründete: "Das weniger radikale globalisierungskritische Spektrum wurde nicht zuletzt durch eine praktisch gewordene radikale Kritik in das Wahrnehmungsfeld bürgerlicher Öffentlichkeit gespült."

Der zweite Aspekt lautet, dass das öffentliche Image nicht das entscheidende Ziel politischer Arbeit darstellt. Denn dieses macht sich an Gruppen oder Verbänden fest, nicht an der Aktion selbst. Das Image einer Gleisdemontage verändert sich nämlich nicht durch die Durchführung derselben. Die damit transportierte Forderung z.B. nach Abschaltung der Atomanlagen oder Stopp der Atommülltransporte wird nicht verdeckt. Imageverluste müssen, wenn überhaupt, die beteiligten Personen oder Gruppen in Kauf nehmen. Sie, nicht ihre Forderungen, laufen Gefahr, öffentlich kritisiert und eventuell diskreditiert zu werden. Das kann bedauerlich sein. Es kann aber auch zeigen, dass Nutznießer getroffen wurden - was ja auch der Zweck war. In jedem Fall eröffnet es Korridore für Debatte. Ein positives Image für Gruppen oder Verbände hingegen darf ebenso wenig Selbstzweck von politischer Aktion sein wie Ehre für die Mitwirkenden.
Hinzu kommt, dass schon die Grundannahme, Gewalt/Militanz könnte imageschädigend sein, sehr fragwürdig ist. Wer macht Image? Wenn sich eine Gruppe z.B. durch Mitwirkung bei Anti-Kriegs- oder Anti-Castor-Aktionen bei den Herrschenden (Regierungen, Medien, Konzerne usw.) unbeliebt macht, so wäre das nur dann bedauerlich, wenn die Gruppe es als Ziel hat, dort beliebt zu sein. Das, nicht die militante Aktionsform, wäre dann zu hinterfragen.

Im Original: Gewaltfreiheit und bürgerliches Image ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Dieter Rucht: "Zwischen Strukturlosigkeit und Strategiefähigkeit - Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen", in: E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 2001, S. 358-360), Link ...
... wurden vom Auftreten gewalttätiger Demonstranten und/oder der Polizeigewalt überschattet (Göteborg, Prag und Genua) ... Kommentar: Tatsächlich schufen militante Aktionen eher auch den Aufmerksamkeitskorridor für die Forderungen gewaltfreier Akteurinnen. Attac wurde z.B. gerade deshalb so populär ... so formuliert von Markus Wissen u.a., "Vom Gebrauchswert radikaler Kritik" in: Frank Bsirske u.a., "Perspektiven!", VSA-Verlag Hamburg 2004 (S. 203)

"fang" in Attac! Attac? in Graswurzelrevolution März 2002 (S. 2)
... nach dem militanten Desaster von Genua ...

Graswurzelrevolution-Autor Wolfgang Sternstein in einer Polemik gegen offensive Gerichtsprozesse am 3.5.2011
Was nützt und was schadet dem Widerstand gegen S 21?
Ich war am 3. Mai bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht Stuttgart gegen zwei Aktivisten wegen der Baggerbesetzung am Nordflügel. Bevor diejenigen, die meinen, sie brauchten die Kritik eines „bürgerlichen Schleimers“ nicht zu beachten, möchte ich zu bedenken geben, dass ich 35 Jahre meines Berufslebens mit gewaltfreiem Widerstand gegen Atomanlagen und Atomwaffen zugebracht habe, mehr als ein dutzendmal wegen Aktionen des zivilen Ungehorsams vor Gericht stand, neunmal im Gefängnis war, weil ich die Geldstrafen nicht bezahlte, insgesamt 14 Monate. Ich weiß also, was ich sage, wenn ich feststelle, dass das, was ich als Zuhörer in der Verhandlung erlebte, mit gewaltfreiem Widerstand in der Tradition Thoreaus, Gandhis und Kings rein gar nichts zu tun hat. Ich bezweifle auch, dass Gerichtsverhandlungen wie diese den gewaltfreien Widerstand gegen Stuttgart 21 stärken und darum geht es uns doch hoffentlich.
Ich war vom Verhalten der angeklagten Aktivistin und einiger Zuhörer derart angewidert, dass ich nach einer Stunde den Gerichtssaal verließ. Ich kann deshalb nicht sagen, wie die Verhandlung ausging. Die Aktivistin, eine junge Französin, fiel der Richterin ständig ins Wort und versuchte, die Gerichtsverhandlung in ein Kasperletheater umzufunktionieren. Einige Personen unter den Zuhörern störten die Verhandlung durch Zwischenrufe sowie durch Missfallens- und Beifallsbekundungen.
Unbegreiflich war für mich allerdings auch das Verhalten der Richterin. Sie lehnte die Anträge, zwei Frauen als Rechtsbeistände zuzulassen mit dürftiger Begründung ab. Darauf legten die Angeklagten Beschwerde ein, die ebenfalls abgelehnt wurde, desgleichen ein Antrag der Aktivistin auf Aussetzung des Verfahrens bis zur Entscheidung des Landgerichts über die Beschwerde. Ich bin ziemlich sicher, dass das Landgericht der Beschwerde stattgeben und die Verhandlung wegen Verfahrensmängeln zur Neuverhandlung an das Amtsgericht Stuttgart zurückverweisen wird.
Da die Richterin aber offenbar der Meinung war, sie müsse die Gerichtsverhandlung durchziehen, hätte ich sie gewähren lassen, denn zum gewaltfreien Widerstand gehört der Respekt vor dem politischen Gegner, den Gerichten und der Polizei selbst dann, wenn wir uns weigern, den Anweisungen von Polizeibeamten Folge zu leisten. Auch sollte die Strafe, sofern sie nicht ganz unverhältnismäßig ist, klaglos hingenommen werden. Ungebührliches Betragen, Beleidigungen, Beschimpfungen, ganz zu schweigen von Gewalthandlungen gehören aber mit Sicherheit nicht zum gewaltfreien Widerstand. Sie schwächen unsere Widerstandsbewegung und ich glaube nicht, dass die Angeklagten das wollen.
Aus diesem Grund möchte ich an unseren Aktionskonsens erinnern und einen Abschnitt daraus zitieren: „Bei unseren Aktionen des zivilen Ungehorsams sind wir gewaltfrei und achten auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Unabhängig von Meinung und Funktion respektieren wir unser Gegenüber. Insbesondere ist die Polizei nicht unser Gegner. Bei polizeilichen Maßnahmen werden wir besonnen und ohne Gewalt handeln.“
Es wäre gut, wenn wir uns auch künftig an diesen Aktionskonsens halten würden.

Aus einem offenen Brief von Wolfgang Sternstein ("Friedens- und Konfliktforscher mit dem Schwerpunkt Theorie und Praxis der gewaltfreien Aktion", so im Brief selbst benannt) an den Stuttgart21-Widerstand
... weil die Bereitschaft, die staatlichen Sanktionen (zumindest in letzter Instanz) klaglos hinzunehmen für mich zum ZU dazugehört ...
Ich orientiere mich hier an der Beschreibung des ZU im Internet-Lexikon Wikipedia: "... Demjenigen, der zivilen Ungehorsam übt, geht es damit um die Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten innerhalb der bestehenden Ordnung, nicht um Widerstand, der auf die Ablösung einer bestehenden Herrschaftsstruktur gerichtet ist." ... Diese Beschreibung kann ich mir in vollem Umfang zu Eigen machen abgesehen davon, dass ZU selbstverständlich auch ein geeignetes Mittel darstellt, einen Unrechtsstaat zu überwinden. ...
ZU ist mit hohen Risiken verbunden und sollte daher nur als letztes und äußerstes Mittel des gewaltfreien Widerstands eingesetzt werden. ...
Er sollte gewaltfrei sein im Sinne des Verzichts auf Menschen verletzende oder gar tötende Handlungen. Dazu gehört auch der Verzicht auf psychische Verletzungen in Form von Beschimpfungen, Beleidigungen oder Verunglimpfungen von Gegnern oder Polizisten. Zivile Ungehorsame sollten stets höflich auftreten und gesprächsbereit sein, und zwar gleichermaßen gegenüber Gegnerinnen, Polizisten, Richterinnen und Unbeteiligten.
Wird ZU von Einzelnen und kleinen Gruppen geleistet, so appelliert er an das Gewissen der Urheber des staatlichen Unrechts, ihr Handeln zu überdenken. ...
Zum ZU gehört auch die Bereitschaft, das (letztinstanzliche) Urteil klaglos hinzunehmen. ... Es scheint mir aber falsch, im Fall von Verurteilungen aufgrund einer Gesetzesübertretung von „Kriminalisierung“ zu sprechen. Wer dazu nicht bereit ist, sollte meiner Meinung nach die Finger vom ZU lassen. ...
Zum Ethos des ZU gehört schließlich, dass die Ungehorsamen gerechte Gesetze, die dem Gemeinwohl dienen, freiwillig und ohne den Zwang der Strafandrohung beachten. Der ZU richtet sich folglich nicht gegen den Gesetzesgehorsam an sich, sondern ausschließlich gegen Gesetze oder staatliche Maßnahmen, die nach Ansicht der Ungehorsamen ungerecht sind. ...
Wenn beispielsweise Polizisten mit Sprechchören empfangen werden: „Haut ab, haut ab!“ oder „Große Klappe, nichts dahinter“, oder wenn Polizeidurchsagen mit Lärm übertönt werden, oder wenn Polizistinnen und Polizisten mit hasserfüllten Bemerkungen bedacht werden, so ist das ein eindeutiger Verstoß gegen das Prinzip des ZU. ...
Unser Ziel kann es jedoch nicht sein, unbedingt freigesprochen zu werden. Unser Ziel ist es vielmehr, die Rücknahme des staatlichen Unrechts zu erreichen, und dem dient eine Verurteilung manchmal mehr als ein Freispruch. Wir sollten nie vergessen: gewaltfreie Aktion und ZU entfalten ihre Wirkung in erster Linie dadurch, dass Menschen bereit sind, für ihre Überzeugung Nachteile und Strafen hinzunehmen. ...
Meine Bitte ist jedoch, bei Aktionen, die der Definition des ZU widersprechen, nicht von ZU zu sprechen, sondern andere Worte zu benützen, z.B. Widerstand oder Ungehorsam.

Gesteigert: Militanz macht alles kaputt: Brokdorf war eine Niederlagen – und Schuld waren die Linken!
Aus Wolfgang Sternstein (2013): „Atomkraft – nein danke!“ (S. 128ff)
Die Anti AKW Bewegung hat in Brokdorf eine Niederlage erlitten. Das räumt auch Jens Renner, der wie Wolfgang Ehmke zum Kreis derer gehörte, die im Konflikt zwischen »Gewaltfreien« und »Militanten« zu vermitteln suchten, unumwunden ein (Lieber heute aktiv I, S. 109). Auf den Aufstieg am Oberrhein folgte der Abstieg an der Unterelbe. Warum endete dieser Kampf, der so viel Einsatz und Opfer gekostet hatte, mit einer Niederlage, wenngleich zu bedenken ist, dass eine verlorene »Schlacht« nicht einen verlorenen »Krieg« bedeuten muss. Die Antwort darauf wird, je nach Standpunkt, verschieden ausfallen. Meine Antwort lautet: Den Hauptgrund für das Scheitern des Widerstands sehe ich in der Ausweitung des Ziels und der Methoden des Kampfes durch linksradikale Gruppen. …
Den militanten Linken ging es von Anfang an nicht nur um den Bau und Betrieb eines Atomkraftwerks, sondern um das »System« Bundesrepublik. Für die linksradikalen Gruppen bot die Anti AKW Bewegung eine Chance, die Führungsrolle in den »Volkskämpfen« zu übernehmen. Diese Strategie beruhte, wie sich bereits wenig später zeigte, auf einer totalen Fehleinschätzung der politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik.

Militanz führte zu Niedergang der Bewegung
Aus Wolfgang Sternstein (2013): „Atomkraft – nein danke!“ (S. 190ff)
Es wäre zu einfach, die Ursachen der Krise ausschließlich in der Beteiligung der Militanten am Widerstand zu sehen. Soziale Bewegungen können nicht auf Dauer existieren, sie haben ihre Auf und Abschwünge. Gleichwohl meine ich, dass die Militanten wesentlich zum Niedergang der Bewegung beigetragen haben. Wenn Langer von »einigen politischen Soll Bruchlinien innerhalb der Bewegung« spricht, so muss festgestellt werden, dass es die von ihm unterstellte Einheit der Bewegung nie gegeben hat sie folglich auch nicht zerbrechen konnte. Die bewegungsinternen Konflikte haben den Widerstand vielmehr erheblich geschwächt und ihn die Unterstützung weiter Kreise der Bevölkerung gekostet.
Aufs Ganze gesehen, konnte die Anti WAA Bewegung den Fortschritt der Bauarbeiten nur behindern, nicht aber verhindern. Daran änderten auch die immensen Kosten nichts, die die Polizeieinsätze und zusätzliche Sicherungsmaßnahmen verursachten. Die Wende, die schließlich zur Aufgabe des Projekts führte, wurde in erster Linie von den Betreibern eingeleitet. Sie traten den Rückzug an, als sich herausstellte, dass eine Aufarbeitung der Brennstäbe aus deutschen Atomkraftwerken in der französischen Anlage La Hague und der britischen Anlage Sellafield kostengünstiger und weniger riskant war.
Gleichwohl hat der Widerstand zu dieser Entscheidung wesentlich beigetragen. Henry Langer: Auch wenn der WAA Ausstieg der deutschen Konzerne durch ökonomische Erwägungen beeinflusst war, war der massive WAA Widerstand und die damit verbundene Verschlechterung der industriellen Standortbedingungen für dieses Projekt in Wackersdorf ein weiterer entscheidender Faktor. (Lieber heute aktiv I, S. 187)
Auch juristisch konnte der Protest Erfolge verbuchen. Der bayrische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hob am 2. April 1987 die erste Teilerrichtungsgenehmigung auf. Am 29. Januar 1988 erklärte der VGH dann den ganzen Bebauungsplan für nichtig, nicht zuletzt, weil das Hauptgebäude wesentlich größer ausfallen sollte, als es die bewilligte Planung vorgesehen hatte. Allerdings wurde aufgrund von Einzelgenehmigungen stets weitergebaut.
Als erste stieg die Firma Siemens aus dem Projekt aus, nachdem mehrere Umweltschutzorganisationen zum Boykott von Siemens Produkten aufgerufen hatten. Später folgte Veba (heute E.ON). Trotz der erheblichen Summe, die das Projekt bereits verschlungen hatte, stellte die DWK am 31. Mai 1989 die Bauarbeiten ein. Die Widerstandsbewegung löste sich auf. Heute hat sich das so hart umkämpfte 130 Hektar große Areal in das »Industriegebiet Taxöldener Forst« verwandelt.
Die Konfrontationsstrategie der Militanten führte zwangsläufig zur Eskalation des Konflikts. Auf beiden Seiten der Frontlinie entstanden Feindbilder, die dem Hass neue Nahrung gaben. Der Hass auf den Feind machte blind für den eigenen Anteil an der Eskalation. Er wird verschwiegen, verharmlost und verleugnet. Ich habe nie verstanden, welchen Sinn es machen soll, den Staat auf seinem ureigensten Terrain, der Gewaltandrohung und -anwendung, besiegen zu wollen. Wenn die Militanten mit Steinen, Feuerwerkskörpern, Brandflaschen und Zwillen angreifen, antwortet die Polizei mit Pfefferspray, Wasserwerfern, Schlagstock, CN Gas, und Gummigeschossen. Wenn sie mit Schusswaffen und Bomben angreifen, antwortet sie mit Maschinenpistolen und gepanzerten Fahrzeugen. Auf diesem Gebiet haben die Widerständler von vornherein keine Chance.
Ich kenne den Einwand, den Militanten gehe es um eine den Verhältnissen in der Bundesrepublik angepasste Guerillastrategie. Die Staatsgewalt soll so lange gereizt werden, bis sie blindwütig um sich schlägt und dabei vornehmlich die Falschen trifft. Auf diese Weise, so die Theorie, isoliert sich der Staat in der Bevölkerung und treibt dem Widerstand neue Kämpfer und Unterstützer zu. Das mag in anderen Ländern funktionieren, nicht aber in der Bundesrepublik. Und selbst wenn es »funktioniert«, fragt es sich, was am Ende dabei herauskommt. Herrschen in China von heute, in Vietnam, Kambodscha, Kuba, Angola oder Simbabwe wirklich die Verhältnisse, die wir uns wünschen? Sind die Millionen Todesopfer, die der Guerillakrieg in diesen Ländern forderte, nicht umsonst gestorben?
Ich will damit nicht behaupten, der Gewaltverzicht gegenüber Menschen sei eine Garantie dafür, dass der Gegner ebenfalls auf Gewalt verzichtet. Auf lange Sicht aber übt der erklärte Gewaltverzicht, wenn er durchgehalten wird, einen mäßigenden Einfluss auf den Gegner aus. Das hat die Erfahrung immer wieder gezeigt. Insbesondere in Demokratien ist der Staat genötigt, Rücksicht auf die öffentliche Meinung zu nehmen. Am Oberrhein und in Gorleben hat sich gezeigt, dass diese Strategie nicht nur moralisch besser, sondern auch erfolgreicher ist.
In der Literatur, die mit den Militanten sympathisiert, wird ihre Rolle im Widerstand regelmäßig überbewertet. Der Gegner wird in den düstersten Farben geschildert, die eigene Seite erscheint in hellem Licht. Von verletzten Polizisten ist, wenn überhaupt, nur selten die Rede. Vor allem wird der politische Schaden, den Sabotageakte anrichteten, überhaupt nicht gesehen. In den Jahren 1980 bis 1990 fanden im gesamten Bundesgebiet zahlreiche Sabotageakte statt: Hochspannungsmasten wurden umgesägt, Brandanschläge auf Polizeifahrzeuge und Baufahrzeuge beteiligter Firmen begangen und Anschläge auf Bahnlinien durch auf Oberleitungen geworfene Hakenkrallen verübt. Sie haben dem Widerstand in den Medien und in der Bevölkerung massiv geschadet.

Rezension von Hanna Poddig zu Wolfgang Sternsteins Buch "Atomkraft - nein danke!"
Wolfgang Sternstein hat ein Buch über die Anti-Atom-Bewegung geschrieben. Ich möchte ehrlich vorausschicken, dass ich schon vor Lektüre dieses Buches deutliche inhaltliche Differenzen zu Sternstein hatte. Nach der Lektüre von „Atomkraft- Nein Danke- Der lange Weg zum Ausstieg“ sehe ich mich darin bestätigt, habe jedoch zusätzlich noch das Gefühl, schlicht nicht verstanden zu haben für wen dieses Buch eigentlich sein soll.
Abgesehen von einem Farbfoto neueren Datums auf dem Cover sprechen die ausgewählten Fotos schon eine deutliche Sprache: Von rund 30 Bildern stammt über die Hälfte aus den 70ern, etwa 10 aus den achtzigern und gerade einmal zwei sind von 1997, etwas neueres findet sich nicht. In der Beschreibung heißt es, es handle sich um eine Analyse der Bürgerbewegung von Wyhl bis Gorleben. Während sehr umfangreich auf die Geschehnisse in Wyhl und Brokdorf eingegangen wird, werden die letzten eineinhalb Jahrzehnte der Bewegung jedoch reduziert auf wenige Zeilen. Passender wäre gewesen, dem Buch den Untertitel „Momentaufnahmen und subjektives Allerlei von Wyhl bis zur Bohrlochbesetzung Gorleben“ zu geben.
Brennelementefabrik und Urananreicherungsanlage werden in Halbsätzen genannt, der Widerstand dagegen findet keinerlei Erwähnung. Und den Grünen solle gedankt werden für ihre parlamentarische Unterstützung der Bewegung. heißt es noch in dem 2013 erschienenen Werk. Ich bin sehr froh, dass die Anti-Atom-Bewegung entgegen parteigrüner Empfehlung trotz aller Regierungsversprechen weiterhin gegen Castortransporte auf die Straße gegangen ist und ich glaube dass die parlamentarische Tätigkeit der Grünen in den meisten Fällen doch mehr Steine in den Weg gelegt hat, als das sie der Bewegung geholfen hätte.
Womit sich das Buch primär beschäftigt ist, unentwegt zu betonen, dass die Art von Gewaltfreiheit und gewaltfreiem Widerstand wie Sternstein selbst sie anwendet die einzig richtige Art und Weise ist zu protestieren und dass Sabotage und Militanz der Inbegriff des Scheiterns seien. Um diese Behauptung zu belegen werden immer wieder Listen mit Gründen angeführt, was die Stärken und Schwächen des Widerstands an den jeweiligen Schauplätzen ausgemacht habe. Gebetsmühlenartig wird wiederholt, dass die Erfolge den gewaltfreien zuzuschreiben seien und die Misserfolge den militant-autonomen. Sternstein bemüht sich mit diesem Buch redlich um den Titel des dogmatischsten Gewaltfreien hierzulande.

Ein bekanntes Beispiel für die Frage, ob Militanz andere Protestformen beeinträchtigt, bot die große G8-Auftaktdemo am 2. Juni 2007 in Rostock. Machte hier das - fraglos ziemlich strategielose und blinde - Steinewerfen eine ansonsten tolle Demo kaputt? „Am 2. Juni abends hätten wir Protestierer die Fernsehschirme der Welt für uns gehabt. Statt aber über Schuldenerlass, eine gerechtere Nord/Süd-Politik bei Handel, Finanzen, Umwelt oder Ressourcennutzung zu informieren, haben die Medien Bilder von der Gewalt in Rostock um die Welt geschickt.“ So steht es im Entschuldungs-Kurier Extra 1/2007. Doch stimmt das? Ein Blick acht Jahre zurück zeigt anderes. Damals war der G8-Gipfel auch in Deutschland, ausgerichtet in Köln. Keine Randale, aber auch - typisch für deutsche soziale Bewegung - keine kreativen Aktionen. Latschen, wichtigen Leuten zuhören entsprechend organisations-quotierter Redelisten, Werbeschilder für eigene Verbände hochhalten. Resonanz: Null. Die Randale am 2.6.2007 war inhaltsleer und langweilig. Der Rest der Demo auch. Ohne die Randale wäre auch kein Inhalt in die Medien gekommen. Weil sie auf allen Seiten ebenso fehlte wie interessante Aktionen!

Etwas anderes ist noch wichtig: Alles beeinflusst sich. Das Argument zieht deshalb grundsätzlich nicht. Nicht allzu selten ist es sogar genau umgekehrt: Die zähe Debatte um Gewaltfreiheit, verbunden mit einem Hegemonieanspruch der Gewaltfreien, bremst Kreativität und Handlungsfähigkeit aus. So gab es in der Vorphase der Zuspitzung um den Konflikt von "Stuttgart 21" an vielen Orten Debatten, wie sich Militanz verhindern ließe. Statt Aktionsmethoden zu entwickeln, die Vielfalt erlauben würden (Vorbild: Streckenkonzept beim Castor), ging die Angst um. Der Anspruch der Gewaltfreien, ihre Position zur Dominanten zu machen, lastete permanent wie Blei auf der Bewegung. Ohne die Entschlossenheit vieler Demonstrant_innen hier herabwürdigen zu wollen: Ein Feuerwerk an Unberechenbarkeit und Kreativität war der Protest nicht.

Und zum Fünften: Wie es hineinruft, so schallt es heraus

Bleibt noch ein weiteres, häufig vorgebrachtes Argument: Gewalt erzeuge Gegengewalt. Auch das ist in vielen Fällen zutreffend. Aber ist es deshalb ein Argument? Nein, sondern in voller Pauschalität ist es sogar reaktionär. Was denken Kleinbäuer_innen, die von bewaffneten Milizen von ihrem Land vertrieben wurden, solch eine Parole? Oder Betroffene rassistischer oder sexistischer Gewalt? Sollen sie, um Schlimmeres zu verhüten, passiv oder nur mit gewaltfreiem Protest die Übergriffe erleiden?
Das wird (hoffentlich) niemand verlangen. In der dogmatischen Gewaltfreiheit steckt diese Forderung aber drin.

Armin Torbecke, früher Aktivist in Jugendumweltbewegung, später im esoterischen Lebensgarten Steyerberg, in: GrünDerZeit Februar 2002 (S.14)
Um zu erreichen, dass die eigenen Interessen erfüllt werden, ist es nicht sehr hilfreich, anderen Vorwürfe zu machen. Meist erreicht man damit das genaue Gegenteil, nämlich Ablehnung und Widerstand, statt Entgegenkommen und bereitwilliger Unterstützung. ... Auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren, führt nur zu noch mehr Gewalt! Das lehren die Menschheitsgeschichte und die Weisen aus allen Kulturen. Und das ist nicht der Weg der Mediation. Mediation ist meines Erachtens die tiefste Form von Demokratie und die radikalste Anarchie.

Selbst in einer differenzierten Form hat das Argument keine pauschale Kraft. Vielmehr muss je nach Situation und Zielrichtung abgewogen werden, was wann passend ist. Schließlich wäre nicht einmal die Position, auf keinen Fall die Gewalt der anderen Seite zu provozieren, ideologisch begründbar. Es wird meist sinnvoll sein, aber es kann auch andere Situationen geben. Gewalt, gerade wenn sie von den Herrschenden ausgeht, hat nämlich etwas Demaskierendes, welches in besonderen Situationen erwünscht sein kann. Ein_e Richter_in, der/die um sich schlägt, wäre schließlich eine bemerkenswerte Ausdrucksform "sitzungspolizeilicher" Alleinherrschaft, die er/sie im Gerichtssaal beansprucht.
Eine Steigerung ist, wenn Gewaltfreie fordern, politische Gegner_innen nicht zu provozieren und ihre Schwächen nicht auszunutzen. Das bedeutet eine erhebliche Einschränkung der Handlungsfähigkeit. Wer gegen Mächtige gewinnen will, muss gerade ihre Schwachpunkte kennen - und nutzen! Wer darauf verzichtet, kämpft nicht mehr um die Sache, sondern verfolgt die Ideologie in Reinform.

Positiver Bezug auf die Satyagraha-Normen (werden auf Mahatma Gandhi zurückgeführt) in: FriedensForum, 2/2015 (S. 3)
Nutze die Schwäche des Gegners nicht aus! Provoziere den Gegner nicht!

Es gilt also das Gleiche wie auch bei allen anderen Punkten: Die pauschale Ablehnung von Gewalt ist ein Bekenntnis und hat wenig emanzipatorischen Gehalt, weil sie den Menschen Handlungsmöglichkeiten und eigenständige Entscheidung nimmt. Es geht immer um Abwägung - und die verträgt keine Vorab-Festlegungen. Abwägung folgt aus der Analyse der Situation, den angestrebten Zielen und den Bedürfnissen der handelnden Person. Nicht mehr und nicht weniger. Denn das ist sehr anspruchsvoll - deutlich anspruchsvoller als eine pauschale Schema-F-Festlegung.

Offene Fragen und blinde Flecken der dogmatischen Gewaltfreiheit

Mit fast allen Menschen, die strikte Gewaltfreiheit bei politischen Aktionen für richtig halten oder der Parole anhängen, dass eine gewaltfreie Gesellschaft nur unter Gewaltverzicht entstehen kann, lässt sich dasselbe Gespräch führen: "Was haben Sie gegen Beate Klarsfeld und Georg Elser?" Wahrscheinliche Reaktion: Schweigen. Je nach Mut vergeht mehr oder weniger Zeit bis zur zweiten Antwort: "Kenne ich nicht." Nun zeigt das schon ein Desaster an, nämlich dass die Entscheidung für eine dogmatische Gewaltfreiheit offensichtlich ohne eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgte. Kennen Gewaltfreie nur die militanten Aktionen der Bildzeitungs-Schlagzeilen? Aber lassen wir etwaige Unhöflichkeiten mal beiseite und berichten freundlich, um wenn es sich handelt.

Im Original: Beate Klarsfeld und Georg Elser ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wikipedia zu Beate Klarsfeld
1960 ging Beate Künzel für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach Paris. Dort wurde sie mit den Folgen des Holocaust konfrontiert. Nach wechselnden Anstellungen wurde sie Sekretärin beim Deutsch-Französischen Jugendwerk, dort aber entlassen, weil sie Artikel gegen den Politiker Kurt Georg Kiesinger veröffentlichte.
1963 heiratete sie Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz der Judenverfolgung zum Opfer gefallen war. Zwei Kinder sind aus der Ehe hervorgegangen: Arno-David (* 1965) und Lida (* 1973).
Um auf die Vergangenheit des damaligen Bundeskanzlers Kiesinger als NSDAP-Mitglied (PG 2633930) hinzuweisen, initiierte Beate Klarsfeld verschiedene öffentliche Aktionen. So rief sie ihm 1968 im Bonner Bundestag „Nazi, tritt zurück!“ zu und wurde abgeführt, aber alsbald freigelassen. Während des CDU-Parteitags in Berlin am 7. November 1968 bestieg sie das Podium, ohrfeigte Kiesinger und rief: „Nazi, Nazi!“ Sie wurde daraufhin noch an demselben Tag in einem beschleunigten Verfahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ihre Gefängnisstrafe wurde 1969 zu vier Monaten auf Bewährung umgewandelt. Ihr Anwalt war Horst Mahler.
1969 trat sie im Wahlkreis Waldshut zum Bundestagswahlkampf als Direktkandidatin der Partei Aktion Demokratischer Fortschritt gegen den Direktkandidaten der CDU, Bundeskanzler Kiesinger an.
1971 versuchte sie gemeinsam mit ihrem Mann, den für die Deportation von 76.000 Menschen aus Frankreich verantwortlichen Kurt Lischka aus Deutschland zu entführen und der Justiz in Paris auszuliefern, da eine frühere Verurteilung Lischkas weitere juristische Schritte blockierte. Beate Klarsfeld wurde dafür 1974 zu zwei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, die Strafe aber nach internationalen Interventionen und Protesten zur Bewährung ausgesetzt. Der Kriegsverbrecher Lischka dagegen blieb zunächst auf freiem Fuß, erst 1980 wurde er verurteilt.
In den 1970er Jahren wies Beate Klarsfeld wiederholt auf die Verstrickung des FDP-Politikers Ernst Achenbach in die Deportationen jüdischer Opfer aus Frankreich hin. 1976 gelang es ihr, seine politische Tätigkeit u. a. als Lobbyist von NS-Tätern kurz vor seiner geplanten Entsendung als bundesdeutscher Vertreter bei der Europäischen Gemeinschaft nach Brüssel zu stoppen.
1984 und 1985 bereiste sie die Militärdiktaturen Chile und Paraguay, um auf die Suche nach den dort vermuteten NS-Kriegsverbrecher Walter Rauff und Josef Mengele aufmerksam zu machen.
1986 hielt sich Beate Klarsfeld einen Monat lang im libanesischen West-Beirut auf und bot an, im Austausch für israelische Geiseln in Haft zu gehen.
Am 4. Juli 1987 wurde der auf ihre Initiative gefasste Klaus Barbie verurteilt. Diesen Erfolg bewertete Klarsfeld als das „wichtigste Ergebnis“ ihrer Aktionen. Bereits 1972 hatte sie seinen Aufenthaltsort in Bolivien aufgedeckt. Ihrem Engagement ist auch die Gründung der Gedenkstätte Maison d'Izieu (Kinder von Izieu) zu verdanken, in der an die Opfer der von Barbie begangenen Verbrechen erinnert wird.
1991 kämpfte sie um die Auslieferung des in Syrien lebenden Eichmann-Stellvertreters Alois Brunner, dem die Ermordung von 130.000 Juden in deutschen Konzentrationslagern angelastet wird. Im Jahr 2001 wurde Brunner durch die Bemühungen der Klarsfelds von einem französischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.
Beate und Serge Klarsfeld gaben ein Gedenkbuch heraus, in dem die Namen von über 80.000 Opfern der Judenverfolgung in Frankreich während der Zeit des Nationalsozialismus verzeichnet sind. Sie bemühten sich erfolgreich um Fotos von über 11.400 in den Jahren 1942-44 deportierten jüdischen Kindern. Die französische Bahn SNCF begrüßte das Projekt und zeigte drei Jahre lang auf 18 Bahnhöfen eine Wanderausstellung (Enfants juifs déportés de France). Die Deutsche Bahn (DB), Rechtsnachfolgerin der Deutschen Reichsbahn, lehnte eine entsprechende Ausstellung in den DB-Bahnhöfen „aus Sicherheitsgründen“ ab und verwies sie ins DB-Museum nach Nürnberg. Der damalige DB-Chef Hartmut Mehdorn argumentierte, das Thema sei „viel zu ernst, als dass man sich brötchenkauend“ auf Bahnhöfen mit ihm beschäftigen dürfe. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee machte sich für die Position der Klarsfelds stark. Ende 2006 verständigten sich Tiefensee und Mehdorn darauf, eine neue, DB-eigene Ausstellung über die Rolle der Reichsbahn im Zweiten Weltkrieg zu unterstützen.
Im Rahmen der von der Deutschen Bahn konzipierten Wanderausstellung „Sonderzüge in den Tod“ ist ein Teil der Dokumente seit dem 23. Januar 2008 auch auf zahlreichen deutschen Bahnhöfen gezeigt worden. Seit ihrer Eröffnung haben diese Ausstellung über 150.000 Menschen gesehen. Die Jagd auf Klaus Barbie wurde 2008 in dem Film „La Traque“ („Die Hetzjagd“) verfilmt.
Im Jahr 2009 wurde Beate Klarsfeld von der Bundestagsfraktion Die Linke für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Das von Bundesaußenminister Guido Westerwelle geleitete Auswärtige Amt, das für die Verleihung an im Ausland lebende deutsche Staatsangehörige zuständig ist, lehnte dies ab. In der Amtszeit von Joschka Fischer als Außenminister (1998 bis 2005) war die Verleihung schon einmal abgelehnt worden.

Wikipedia zu Georg Elser
Johann Georg Elser (* 4. Januar 1903 in Hermaringen, Württemberg; † 9. April 1945 im KZ Dachau) war ein deutscher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er verübte am 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller ein Bombenattentat auf Adolf Hitler und weitere Mitglieder der NS-Führung, für das er kurz vor Kriegsende auf Hitlers Befehl hin ermordet wurde. ...
Elser war früh entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Er verweigerte nach 1933 den Hitlergruß und beachtete Hitlers Auftritte und zahlreiche Reden über den Volksempfänger nicht. In der frühen Phase war der Hauptgrund seiner Abneigung, wie er in einem späteren Gestapo-Verhör angab, die Verschlechterung der Lebensbedingungen nach 1933: „So z. B. habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. […] Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennigen bezahlt. […] Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder.“
Etwa ab 1937 prägte ein anderes Motiv seine Abneigung. Elser erkannte die Kriegsvorbereitungen und das Nachgeben der Westmächte bezüglich territorialer Forderungen des Deutschen Reichs: „Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen ‚die kein fremdes Land einbeziehen wollen‘ und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“

Gestapo-Protokoll vom November 1939
Nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 war Elser endgültig davon überzeugt, dass Hitler auf einen neuen Krieg zusteuerte und nur noch sein Tod größeres Unheil von Deutschland abwenden könne.

Bürgerbräukeller nach dem Anschlag
Nun begann er, einen Bombenanschlag zu planen. Da Hitler bekanntlich abends vor jedem Jahrestag seines gescheiterten Putschversuchs vom 9. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller eine Rede hielt, beschloss Elser, in die Säule direkt hinter dem Rednerpult eine Zeitbombe einzubauen. Er heuerte zunächst als Arbeiter in einem Steinbruch an, um sich auf diese Weise Sprengstoff zu besorgen. Im Sommer 1939 zog er nach München und mietete dort eine kleine Werkstatt. Den Nachbarn gegenüber gab er sich als Erfinder aus und konnte so unauffällig einen Zeitzünder konstruieren.
Ab Ende August 1939 suchte Elser den Bürgerbräukeller jeden Abend auf, nahm dort zunächst eine einfache Arbeitermahlzeit für 60 Pfennig zu sich und wartete eine günstige Gelegenheit ab, um sich unbemerkt in der Besenkammer zu verstecken. Dort verharrte er noch mehrere Stunden, bis das Gasthaus abgeschlossen wurde. Insgesamt 30 Nächte lang höhlte er dann in mühevoller, riskanter Kleinarbeit eine Säule aus, um die Bombe mit Zeitzünder darin zu deponieren. Die anfallenden Späne versteckte er in einem zusammengerollten Teppich.
Am 8. November 1939 explodierte die Bombe exakt zu der von Elser vorgesehenen Zeit um 21:20 Uhr. Das Attentat misslang jedoch, da Hitler wegen schlechten Wetters nicht mit dem Flugzeug, sondern mit der Reichsbahn zurück nach Berlin fahren musste. Er redete deshalb viel kürzer als sonst und verließ den Saal 13 Minuten vor der Explosion des Sprengsatzes. Dieser verwüstete den Saal, tötete acht und verletzte 63 Besucher, davon 16 schwer. Unter den Toten waren sieben Mitglieder der NSDAP.

Ab diesem Punkt ist nicht mehr ganz einheitlich, wie die Reaktionen im Gespräch ausfallen. Was so gut wie nie vorkommt ist, dass jemand die Aktionen für falsch erklärt. Aber sie stellen beide Gewalt gegen Menschen dar. Vielfach folgt wieder Schweigen - und dann eine Reaktion ähnlich wie bei Menschen, deren religiöses Bekenntnis in Frage gestellt wird. Argumente fehlen. Das von den Fakten (Beispielen) irritierte Innere wird zur Ordnung gerufen. Das geht zum Beispiel mit dem Satz: "Naja, das ist ja was Anderes" oder "Das sind aber jetzt Ausnahmen" oder "Extremsituationen". So formuliert, schwingt bereits eine Anerkennung mit, dass es ganz dogmatisch wohl nicht sinnvoll ist. Beeindruckender ist schon eine andere, ziemlich häufige Antwort: "Naja, eine Ohrfeige ist ja noch keine Gewalt!" Wer das hört, reibt sich vielleicht ungläubig die Augen. Bitte was? Der ohnehin vorhandenen Inhaltsleere des Gewaltfreiheitsbegriffs wird innerhalb von Sekunden, durch eine einzige harmlose Frage, vollends der Boden heraushauen. Eben noch gegen jede Gewalt sind plötzlich tätliche Angriffe auf Menschen keine Gewalt mehr. Dieses völlig absurde Ausweichmanöver dient weiterhin dazu, das Dogma zu bestätigen, für das es keine Bestätigung gibt. Im Grunde genommen folgt das Gespräch dem Schema, welches die Satire auf alle Dogmen ist:

§ 1: Gewaltfreiheit ist immer richtig
§ 2: Ist Gewaltfreiheit mal nicht passend, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Dabei hätte die Intervention gegen Gewalt ja noch etwas, wenn sie zum analytischen Ringen um sinnvolle, wirksame und angemessene Aktionsformen beitragen könnte. Das aber tut sie regelmäßig nicht. Stattdessen wird sie dogmatisch geführt, d.h. es geht um Grenzziehung und Bekenntnis: Dafür oder dagegen, ohne Wissen um die Situation, ohne Graustufen und vor allem ohne Begründung.

Ist Gewalt gleich Gewalt?

Ein politisch inakzeptabler Fehler vieler gewaltfreier Gruppen ist ihre völlige Undifferenziertheit gegenüber verschiedenen Ausgangspunkten von Gewalt. Hier führt die Fixierung auf diesen für sie wichtigsten Punkt zu einer Betriebsblindheit. Sie liegt ähnlich bei vielen anderen Zusammenhängen vor, wenn z.B. Ökos, Eine-Welt-Gruppen, Fraueninitiativen u.a. alles nur an ihrem Thema festmachen und dabei andere politische Ziele ausblenden. Von Seiten gewaltfreier Gruppen ist die Losung oft: Gewaltfrei = gut, militant = schlecht (bei vielen Militanten ist es umgekehrt, was genauso plump ist). Die Ziele, die mit gewaltfreier oder militanter Aktion verfolgt werden, geraten in den Hintergrund.
Zudem wird nicht zwischen struktureller Gewalt bzw. Gewalt „von oben“ und der Gewalt, die befreiende Ziele hat und sich gegen strukturelle Gewalt richtet (soziale Notwehr), unterschieden. Die Positionen mitteleuropäischer gewaltfreier Ideologien wären z.B. in Diktaturen oder im Fall von Krieg oder ähnlich krasser, direkter Unterdrückung völlig abwegig. Schon im Kleinen haben sie keinen Bestand, wenn es z.B. um das Abwehren sexistischer oder rassistischer Gewalt geht. Viele gewaltfreie Gruppen verteufeln Gewalt als solches. Damit machen sie sich zu ideologischen Hilfstruppen des Staates, der nicht um die Legitimation seiner Gewalt kämpfen muss - er hat das Gewaltmonopol. Wenn Gewalt in jeder Form gleich bewertet wird, gibt es auch keine Grundlage mehr zwischen Angriff und Verteidigung, Aggression und Notwehr, Übergriff und Selbstverteidigung, Unterdrückung und Aufstand.

Im Original: Gewalt = Gewalt ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Rundbrief der Kurve Wustrow, eingegangen 4.10.2001
Die Terroranschläge auf das World Trade Center und andere Einrichtungen in den USA haben vielen Menschen auf schreckliche Weise bewußt gemacht, dass Gewalt keine Antwort auf Gewalt und Ungerechtigkeit sein darf.

Aus: Pressemitteilung von Greenpeace am 10.4.2001
Greenpeace weist die heutige Darstellung ..., wonach Greenpeace-Aktivisten in Göttingen einen ICE-Zug an der Ausfahrt gehindert hätten, entschieden zurück. ... Zu dieser Aktion hatte offenbar ein "Anti-Atom-Plenum" in Göttingen aufgerufen. Möglicherweise haben die Demonstranten behauptet, sie seien Greenpeace-Aktivisten oder Sympathisanten. Greenpeace hat mit diesen Demonstranten nichts zu tun. Greenpeace protestiert nur gezielt gewaltfrei gegen Atommüll-Transporte. Aktionen dieser Art, die gezielt Behinderungen im Personen-Verkehr verursachen, sind sinnlos und schaden den friedlichen Protesten ... Der Bundesgrenzschutz hatte heute nachmittag in Hannover mitgeteilt, dass sich rund 30 Greenpeace-Aktivisten an einen haltenden ICE gelehnt und den Zug rund 10 Minuten lang an der Ausfahrt gehindert hätten.

Das lässt sich steigern: Plötzlich unterscheiden einige Gewaltfreie doch - nämlich in der Frage von Legalität oder Akzeptanz der herrschenden Ordnung geht. Gewalt, die den Herrschenden dient, hat mitunter mehr Legitimität als die, die sich im Protest zeigt. Wer so tickt, könnte sogar - als Gewaltfreier! - eine Waffe zum schützenswerten Gut erklären.

Bitte nichts kaputtmachen, auch Kriegsgerät nicht ... ein schießwütiger Befehlsempfänger ist auch ein Mensch ...
Aus der Einleitung zum Schwerpunkt "Gewaltfreie Kommunikation" von Heinz Weinhausen, in: Contraste Nov. 2008 (S. 1)
Gewaltfreie Kommunikation steht in der politischen Tradition der Gewaltfreiheit im Sinne von Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Diese Tradition meint mehr, als keine Gewalt gegen Menschen anzuwenden, und seien es auch Besatzungssoldaten. Diese meint auch mehr, als keine Gewalt gegen Sachen anzuwenden, und seien es auch Polizeiautos, mit denen der Weg des Castors nach Gorleben gesichert wird. Gewaltfreiheit geht vielmehr im Kern davon aus, dass der Mensch in der Uniform beispielweise in Offizier, auch ein Mensch ohne Uniform ist, dass er ansprechbar ist, dass er bereit ist, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen.

Aus dem Flyer "Sie sind nicht unser Gegner", verteilt und gerichtet "An die Menschen bei Militär, Poilizei und Wachschutz bei einer Aktion gegen das Gefechtsübungszentrum (GÜZ) in 2014

Wir werden keinen Menschen bedrohen oder verletzen. Wir zeigen Gesicht und begegnen allen Menschen mit Aufrichtigkeit, Respekt und Gesprächsbereitschaft. SoldatInnen, Wachdienst und Polizei sind als Menschen nicht unsere Gegner_innen, auch wenn wir ihr Handeln und ihre Rolle kritisieren. Durch unser Verhalten werden wir dies zum Ausdruck bringen.
Wir werden gewaltfrei und entschlossen das Gelände des GÜZ belegen. ...
Wir werden exekutiven Maßnahmen durch Polizei, Bundeswehr oder Wachschutz ausschließlich gewaltfrei begegnen.
Wir werden auf AktivistInnen einwirken, die sich in unserer gewaltfreien Aktion unangemessen verhalten - sei es aus Übermüdung, Ungeduld/Voreiligkeit oder momentaner Überforderung.
... darauf können Sie sich verlassen!

Liegt diese seltsame, herrschaftsstützende Akzeptanz der Ordnungsgewalt daran, dass politischer Protest und selbst große Teile anarchistischer Bewegung im deutschsprachigen Raum zutiefst bürgerlich sind und den Staat im Normalfall als Garanten ihrer Privilegien wahrnehmen? Dann wäre weniger überraschend, dass das Schwert des Staates mehr Rechtfertigung erfährt als das Aufbegehren der Unterprivilegierten.

Im Original: Staat und Gewalt ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Erich Fried
Die Gewalt herrscht dort, wo der Staat sagt:
Um die Gewalt zu bekämpfen darf es keine
Gewalt mehr geben außer meiner Gewalt.


Georg Orwell, zitiert nach „Freitag Nr. 41“, 5.10.2001
Leute, die durch Geld und Kanonen geschützt sind, hassen die Gewalt zu Recht und wollen nicht einsehen, dass sie Bestandteil der modernen Gesellschaft ist und ihre eigenen zarten Gefühle und edlen Ansichten nur das Ergebnis sind von Ungerechtigkeit, gestützt durch Macht.

Ein Blick in die Geschichte ist bei allem auch erhellend. Denn vor einigen Jahrzehnten galt bei den dogmatisch Gewaltfreien auch die Beschädigung von Sachen als Gewalt - und war verpönt (siehe Flyer bei einer Castoraktion rechts). Dass solches heute nur noch wenige so sehen, liegt sich an einer theoretischen Weiterentwicklung - mit Theorie haben es die Gewaltfreien in der Regel nicht so. Gewaltfreiheit ist eine Dogma, keine Theorie. Sondern es liegt daran, dass viele Sachbeschädigungen (Castorgleise, Genversuchsfelder, Militärmaterial) ein recht gutes öffentliches Image haben. Was medial gut läuft, ist für die Apparate der Gewaltfreien aber begehrenswert. So wurde die Sachbeschädigung in die Reihe gewaltfreier Aktionsformen aufgenommen. Und wer Tortenwürfe oder die Ohrfeige von Beate Klarsfeld anspricht, wird erfahren, dass es auch damit sehr schnell so läuft ...

PR ist alles: Gewalt ist nur Gewalt, wenn die Aktion negative Schlagzeilen macht

Irritierend ist eine seltsame Unschärfe in der Definition von Gewalt, abhängig vom Erfolg einer Aktion. Was in die eigene Selbstdarstellung passt, wird als gewaltfrei vereinnahmt. Was schief geht oder schlecht ankommt, gilt schnell als gewalttätig. Offenbar geht es mehr um plumpe Werbung, Mitglieder- und Spendensammeln als um eine analytische Position.

Auszug aus "Die Revolte hat den Diktator vertrieben", in: GWR, 2/2011 (S. 1)
Am 14.01.2011 ist der u.a. von den EU-Staaten gepäppelte tunesische Diktator Ben Ali nach 23jähriger Alleinherrschaft durch eine überwiegend gewaltfreie Massenbewegung von Frauen und Männern aus dem Land getrieben worden.

Ein absurdes Beispiel lieferte der September 2009: In einer Phase mit mehreren Prozessen und Verurteilungen gegen Feldbefreier_innen auf Genmais-Feldern (Aktion von Gendreck-weg 2008 bei Kitzingen) wurde das zuständige Amtsgericht mit Parolen besprüht. Vorher waren bei mehreren Prozessen krasse Rechtsbrüche von Seiten des Richters erfolgt, z.B. die härtere Bestrafung wegen fehlender Unterwürfigkeit im Prozess oder sogar die Aussperrung zweier Angeklagter von deren eigenem Prozess. Bemerkenswert war schon, dass etliche der Rechtsstaatstreuen unter den Feldbefreier_innen den so Ausgegrenzten kaum bis keine Solidarität entgegenbrachten. Das ähnelt der klassisch bürgerlichen Meinung: Wer angreift, muss sich nicht wundern ...
Unbekannte besprühten dann die Gerichtswand. Was von solchen Aktionen zu halten ist, ist eine Frage. Hier interessiert die Gewaltfrage. Das Unglaubliche geschah: Diese Farbveränderung einer Wand titulierten einige Feldbefreier_innen nun als Gewalt, die das Image der gewaltfreien Feldbefreier_innen kaputt mache. Moment mal ... Pflanzen ausreißen ist gewaltfrei, gewaltsame Rauswürfe sind egal, aber das Übermalen einer toten Mauer Gewalt?

Gewalt und Berechenbarkeit

Der Verzicht auf Gewalt ist ein Verzicht auf eine bestimmte Form der Gegenwehr. Ihn dogmatisch zu verkünden, macht berechenbarer und vermittelt den Inhaber_innen des Gewaltmonopols, Gewalt ausüben zu können, ohne Auflehnung in Form von Gegengewalt befürchten zu müssen. Das erleichtert Unterdrückungsstrategien, weil bestimmte Szenarios von Vornherein ausscheiden. Das spitzt sich zu, wenn die Gewaltfreiheits-Ideologie bis in die verbale Ebene hinein reicht, d.h. Gewaltverzicht bereits auf der verbalen Ebene gilt.

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Aus Johann Bauer, "Von der Konfrontation zurück zum Bitten?", in: GWR Januar 2010 (S. 20 f.)
Was "Gewaltlosigkeit" oder "Gewaltfreiheit" jeweils bedeuten, ist eine Frage der sozialen Praxis, des Handelns sozialer Bewegungen und Einzelner. In der langen Geschichte des Ungehorsams waren der sprachliche Ausdruck und die tatsächlichen Handlungsdimensionen des Widerstehens vielen Veränderungen unterworfen, ...
Dabei wurden oft bestimmte Probleme der Praxis begrifflich zu "lösen" versucht, etwa indem erwünschte Aspekte besonders ausgezeichnet ("GewaltFREIHEIT" oder jüngst "Gütekraft"), weniger erwünschte begrifflich ausgegrenzt wurden ("bloß" passiver Widerstand).
Allerdings sind dies oft Konstruktionen im Nachhinein oder des Wünschbaren, während gleichzeitig reale soziale Bewegungen ein ganz anderes Bild bieten - ...
Da das Bitten in der Strategie der "Gewaltfreien Kommunikation" einen hohen Stellenwert hat, will ich meine Einwände auch an dieser Stelle konzentrieren.
Für Max Weber ließ sich Herrschaft noch so definieren, dass der Begriff die Chance (!) bedeutet "für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden." Zu seiner Zeit war also die Befehlsform typisch, nicht nur beim Militär, ebenso in der industriellen Bürokratie, auch in der Familie. Befehl und Gehorsam waren Grundformen sozialer Beziehungen. Inzwischen könnte für "Befehl" auch "Bitte" eingesetzt werden. Die öffentliche wie private Bürokratie drückt ihre Anordnungen als Bitte aus. Sogar in der Armee, wo selbstverständlich noch befohlen wird, haben sich die Umgangsformen gemildert; in vielen anderen Bereichen ist der Befehl geradezu verpönt - weil er auch Widersetzlichkeit provoziert (man mag darin einen zivilisatorischen Fortschritt sehen, den Abbau fragloser Autorität, es ist aber auch eine Verschleierung von Herrschaft).
Die Bitten werden aber durchaus so verstanden wie sie auch gemeint sind und wirken mit der gleichen mechanischen Sicherheit des alten Befehls. "Würden Sie das bitte hier wegräumen" richtet sich an diejenigen, deren Aufgabe das ist, es wird auch nicht einmal eine Antwort erwartet, aber die sprachliche Form ist - eben eine Bitte. ...
"Die Wechselwirkung zwischen einer Führungskraft, die gemeinsame Entscheidungen herbeiführt, die dem Leben dienen, und einem Mitarbeiter, der diese Autorität respektiert und ihr aus freien Stücken folgt, kann tatsächlich ein Gespräch auf Augenhöhe ermöglichen.
Dabei sind es weniger die Handlungsanweisungen selbst, die Probleme schaffen oder verstärken, sondern die Art und Weise, wie diese Anweisungen ausgesprochen werden. ..." ...
Die GFK sucht Lösungen, die allen gerecht werden. Das kann nur bedeuten: Den Rahmen anerkennen, die Grundstrukturen nicht in Frage stellen, in diesem Rahmen Kompromisse und Verständnis füreinander fördern.

Bestandteil des Konzeptes gewaltfreier Aktion: Polizei vorher alles sagen!
Aus Wolfgang Sternstein (2013): „Atomkraft – nein danke!“ (S. 166)
- Bekanntmachen des Widerstandskonzepts in der Öffentlichkeit und gegenüber den Behörden und der Polizei, um Missverständnisse zu vermeiden und Misstrauen abzubauen,

Denken ausschalten?
Aus Marshall B. Rosenberg (9. Auflage 2007): "Konflikte lösen durch Gewalfreie Kommunikation", Herder in Freiburg (S. 44)
Wenn ich merke, dass sich mein Verstand einschaltet, dann sage ich freundlich zu mir: "Geh zurück" ... So ist das mit der Empathie. ... Wir denken nicht darüber nach, wie wir das finden, was der andere sagt.

Das kann bizarre Formen annehmen: Ein Projekt zur gewaltfreien Kommunikation im Gefängnis wird vom Verein Achtsamkeit und Verständigung mit der Kommune Niederkaufungen vorangetrieben. Strukturelle Herrschafts- und Gewaltverhältnisse werden ausgeblendet. Es geht immer nur um den Menschen, die Kommunikation zwischen den Menschen. Gefangene und Vollzugs-Abteilungsleiter_in zu Freund_innen. Das Gefälle zwischen ihnen findet sich in den Texten gar nicht mehr (Quellen unter www.gewaltfrei-niederkaufungen.de). In Feedbacks schildern so "behandelte" Gefangene: "so hab ich vorher noch nie über mich nachgedacht" und "ich konnte meinen Vollzugs-Abteilungsleiter das erste Mal als Mensch sehen. Das Gespräch lief ganz anders und es gab Ergebnisse, die nicht im Traum erwarte habe." Das Gefängnisregime wirds freuen (und die gewaltfreien Kommunikationskünstler_innen bezahlen).

Aus der Selbstdarstellung der Veranstalter_innen:
Wir sehen eine Strafanstalt als ein System, in der alles aufeinander einwirkt. Wir möchten mehr und mehr dazu beitragen, dass dort, wo Menschen zusammen wirken, zufriedenstellende Verbindungen zu sich und untereinander entstehen. ...
Wir werden die Justizministerien aller Länder sowie alle Justizvollzugsanstalten in Niedersachen und Hessen über diese Veranstaltung informieren. Damit wollen wir unsere Arbeit den entscheidungsbefugten Organen bekannt machen und Kontakte knüpfen.
Verfälschte Leitfiguren: Gandhi, Jesus & Co.

Gewaltfreie beziehen sich vielfach auf Vorbilder und Vordenker. Ganz vorn als Leuchttürme: Gandhi und Jesus. Wehren können die sich nicht. Vielleicht würden sie das aber gerne. Denn ihre Worte und Taten zeigen, dass Gewaltfreiheit für sie kein Dogma war, sondern in der konkreten Situation das passende Mittel - wenn sie es wählten. Jesus, zumindest als Figur der Bibel, wusste da schon zu unterscheiden und griff, wenn es nötig war, auch zur blanken Gewalt. Und Gandhi wusste immer, dass Gewaltfreiheit Grenzen hatte und er auch Mut zur Gewalt haben müsste, wenn andere Mittel versagen würden.

Im Original: Gandhi und Jesus zur Gewalt ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Zitate von Mahatma Gandhi
Satz 15 der Satyagraha-Normen
Wähle Gewalt vor Feigheit !
Du sollst immer bestrebt sein, Ahimsa zu folgen in der Bedeutung 1 – 14, aber in einer Lage, wo du es nicht fertig bringst, ist ein gewaltsames Verhalten mit einem von Ahimsa erfüllten Sinn einem nichtgewaltsamen, aber aus Feigheit entstandenen Verhalten vorzuziehen.


"Gandhi heute – aktuell oder unzeitgemäß?" in: HFSK-Standpunkte 4/2006
Bei einer Wahl nur zwischen Feigheit und Gewalt riet Gandhi zur Gewalt.

"Gandhi und der Kampf gegen den Imperialismus" auf: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/004677.html
Für Gandhi bedeutete Konflikt eine Herausforderung: sich kennenlernen, Gemeinsamkeiten finden, füreinander Bedeutung haben. Lasst uns darüber reden! Ihm war die Gewalt lieber als die Feigheit, der Konflikt, die Disharmonie lieber als gar keine Beziehung zueinander.

"Der Mythos Gandhi", auf: www.sozialismus.net/zeitung/mr15/ghandi.html
Als Hindu lehnte Gandhi Gewalt sogar gegen Tiere ab und war darum Vegetarier. Gewaltlosigkeit war für ihn dennoch nur Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck. "Wenn nur die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt besteht, dann bin ich für Gewalt".

"Für Pazifisten", Lit-Verlag (S. 42)
Ich glaube, dass ich da, wo es nur die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt gibt, zur Gewalt raten würde.

Noch schlimmer: War Gandhi ein Unterstützer militärischer Gewalt?
Aus "Der Weg in die Freiheit", in: Junge Welt, 3.1.2015 (S. 12f.)
Scheinheiliger Patron der Gewaltlosigkeit: Mahatma Gandhi strebte während des Ersten Weltkriegs eine Beteiligung der indischen Befreiungsbewegung im englischen Heer an, um die Autonomie seines Landes zu erlangen.

Zitate von und Aussagen über Mahatma Gandhi in: Domenico Losurdo (2015), „Gewaltlosigkeit“, Argument Verlag in Hamburg (S. 33-47, kursiv: dort zitierte Originalaussagen von Gandhi mit Quellenangabe)
Als die tüchtigen japanischen Helden Russland gezwungen hatten, ins Gras des Schlachtfeldes zu beißen, ging die Sonne im Osten auf Sie leuchtet nunmehr über allen Nationen Asiens. Nie, nie mehr werden die Völker des Ostens die Beleidigungen durch die arroganten Weißen unbeantwortet lassen (CW, 8; 405). …
Konzentrieren wir uns jetzt auf die Konflikte, mit denen sich Gandhi unmittelbarer messen musste. Es handelt sich um drei Kriege (die zwei Weltkriege inbegriffen) und einen bewaffneten Aufstand. Der erste Krieg fand in Südafrika statt, wo von 1899 bis 1902 die Soldaten des Britischen Empires mit den holländischen Siedlern, den Buren, zusammenstießen. Selbst wenn sie sich auf die Rettung und den Transport der verletzten englischen Soldaten beschränkten, beteiligten sich Gandhi und die von ihm beeinflussten Inder am Krieg. Diese Beteiligung geschah freiwillig, und sie erhielten dafür auch militärische Auszeichnungen. Wurde in diesem Fall das Prinzip der Gewaltlosigkeit respektiert? Später wird der indische Führer in seiner Autobiographie schreiben:
Wer sich freiwillig in den Dienst einer Bande von Räubern stellt, indem er als deren Fahrer fungiert oder Schmiere steht, während sie am Werk sind, oder sie pflegt, wenn sie verwundet sind, ist ebenso der Räuberei schuldig wie die Räuber selbst. Gleichermaßen können jene, die sich darauf beschränken, die Verwundeten in einer Schlacht zu pflegen, von der Kriegsschuld nicht freigesprochen werden (A, 352/296). …
Nachdem Gandhi sich im Burenkrieg an die Seite des Britischen Empires gestellt hatte, unterstützte er wenige Jahre später die Buren und das Britische Empire, die im Begriff waren, in Natal den Aufstand eines vom Kolonialismus grausam unterdrückten Volkes, der Zulus, niederzuschlagen. »Äußerst brutal und unmenschlich« war die Antwort der Machthaber: »Die Zulus werden mit Maschinengewehrfeuer niedergemäht, ausgepeitscht und erhängt, bzw. verwundet und man lässt sie [ohne Hilfeleistung] sterben«. Für Verbreitung des Terrors sorgt auch das »öffentliche Erhängen« (Herman 2008, 137; Chadha 1997, 111). Gandhi selbst berichtet, dass auch die »Verdächtigen« betroffen sind: »Der General hatte sie zur Auspeitschung verurteilt, die schwere Wunden verursacht hatte. Da diese nicht gepflegt wurden, eiterten sie« (A, 325/267). Und dennoch kommen dem indischen Führer keine Zweifel. Folgendermaßen beschreibt er seine Position:
Ich hegte keinen Groll gegen die Zulus, denn sie hatten keinem Inder etwas zuleide getan. Ich hegte Zweifel an dem »Aufstand« selber. Doch ich glaubte damals, das britische Empire bestehe zum Besten der Welt. Ein eingeborener Sinn für Loyalität hinderte mich sogar, dem Empire Schlechtes zu wünschen. Ob es mit dem »Aufstand« seine Richtigkeit hatte oder nicht, war daher nicht geeignet, meine Entscheidung zu beeinflussen (A, 323f/265f).
In der Tat vermögen nicht einmal traumatische Erlebnisse Gandhis oben genannte Entscheidung zu revidieren: »Als wir den Schauplatz des >Aufstands< erreichten, sah ich, dass es da nichts gab, was die Bezeichnung >Aufstand< rechtfertigen konnte. Es gab keinen sichtbaren Widerstand« (A, 324/266). Es handelte sich in Wahrheit um »eine Strafexpedition« bzw. um »einen eigenartigen kleinen Krieg gegen eine wehrlose Bevölkerung« (Chadha 1997, 117). Wie zu Zeiten des Burenkrieges hielt Gandhi es für eine Desertion von seinen bürgerlichen und moralischen Pflichten, sich abseits zu halten: »Ich hatte das Gefühl [ ... ] der Regierung von Natal meine Dienste anbieten zu müssen« (A, 244/180). Das völlig in das Kolonialheer eingegliederte »indische Ambulanzkorps« griff ein: »Der Chief Medical Officer [ernannte] mich zeitweilig zum Feldwebel, drei von mir ausgewählte Männer zu Sergeanten und einen zum Korporal. Auch erhielten wir unsere Uniformen von der Regierung« (A, 324f./265f.). Zwar pflegte das Korps unter den gegebenen Umständen am Ende vor allem die Zulus. Man darf aber nicht aus dem Blick verlieren, dass Gandhi bei dieser Gelegenheit an einen direkten kriegerischen Einsatz dachte: Wir werden sehen, wie Gandhi seine Landsleute auffordert, sich als Freiwillige zu melden, und er wird (vergebens) versuchen, die Militärbehörde zu überzeugen, die indischen Freiwilligen zu bewaffnen.
Hieraus lässt sich eine Schlussfolgerung ziehen. Während der junge Gandhi den Krieg Japans gegen Russland als Wiedererwachen der Kolonialvölker mit einem positiven Werturteil deutet, verdrängt er seine antikolonialistischen Sympathien, wenn das Britische Empire ins Spiel kommt. Fest steht, dass in beiden Fällen keine Verurteilung der Gewalt schlechthin vorliegt. Was sich durch die Haltung bestätigt, die er im Ersten Weltkrieg einnahm. …
In jedem Fall, schreibt Gandhi kurz und bündig in einem Brief vom 6. Juli 1918, kann »unter außergewöhnlichen Umständen der Krieg ein notwendiges Übel (necessary evil) sein, so wie es der Körper ist« (CW, 17; 124). …
Wenn wir unsere Stellung durch die Hilfe und Mitwirkung der Briten verbessern wollten, war es unsere Pflicht, ihre Hilfe dadurch zu gewinnen, dass wir ihnen in der Stunde der Not beistanden [ ... ]. Die mir opponierenden Freunde hatten das Gefühl, die Stunde sei gekommen, eine kühne Erklärung der indischen Forderungen abzugeben und die Stellung der Inder zu verbessern.
Meiner Meinung nach sollte Englands Not nicht als unsere Gelegenheit ausgenutzt werden, und es wäre besser und weitsichtiger, nicht unsere Forderungen zu betonen, solange der Krieg andauert. Ich blieb daher bei meinem Rat und forderte jene, die dazu bereit waren, auf, sich als Freiwillige anwerben zu lassen. Die Aufforderung fand ein gutes Echo, wobei praktisch alle Provinzen und alle Religionsgemeinschaften unter den Freiwilligen vertreten waren (A, 349f/293f). …

Gandhi blieb nicht lange in London. Doch seine Rückkehr nach Indien bedeutete keineswegs, dass die Unterstützung der Kriegs-anstrengungen der imperialen Regierung endete oder nachließ. Im Gegenteil. Er verpflichtete sich, 500000 Männer für das britische Heer zu rekrutieren, und er tat dies mit einem solchen Eifer, dass er dem persönlichen Sekretär des Vizekönigs schrieb: »Ich habe den Eindruck, dass ich Euch mit Männern überschwemmen könnte, wenn ich Euer Hauptrekrutierer würde« (CW, 17; 12). Und sowohl an seine Landsleute als auch an den Vizekönig gewandt, bestand er sogar obsessiv auf der Opferbereitschaft, die ein ganzes Volk beweisen müsse: Es gehe darum, »willige und unzweideutige Hilfe dem Empire [zu] leisten«; Indien müsse dazu bereit sein, »alle körperlich dazu fähigen Söhne dem Empire in seiner kritischen Stunde als Opfer«, »alle tauglichen Söhne als Opfer für das Empire in diesem seinem kritischen Augenblick« anzubieten; »Wir [müssen] dem Empire jeden verfügbaren Mann zu seiner Verteidigung geben« (A, 424f./375f.; CW, 17; 8). Mit eiserner (kriegerischer) Konsequenz hoffte Gandhi, dass sich auch seine Söhne meldeten und am Krieg teilnahmen (Herman 2008, 236). …
Für die indische Gemeinschaft sollte es eine leichte Aufgabe sein, aufs Schlachtfeld zu eilen, denn wir sind, ob Muslime oder Hindus, Männer mit einem tiefen Glauben an Gott. Wir haben ein tieferes Pflichtbewusstsein [als die Atheisten], und deshalb sollte es für uns leichter sein, uns als Freiwillige zu melden. Wir werden nicht von Angst überwältigt, wenn Hunderttausende den Hunger oder Pesttod erleiden. [ ... ] Warum sollten wir den Tod fürchten, der uns möglicherweise auf dem Schlachtfeld ereilen kann? (CW, 5; 273). …
Ähnlich verhält sich Gandhi, wenn er seine Landsleute auffordert, an der bewaffneten Expedition gegen ein Volk, die Zulus, teilzunehmen, für das er Sympathie hegt. Es gehe nicht darum zu ergründen, ob die Expedition »gerechtfertigt ist oder nicht«, die Inder müssten vielmehr ihre kriegerische »Tapferkeit« und ihren »Willen und ihre Fähigkeit, zu kämpfen« und »jede Arbeit mit dem Gewehr« zu verrichten, unter Beweis stellen (CW, 5; 179,192,202, 211). …
Die Glorifizierung der Männlichkeit des Kriegers erschallt anlässlich des Ersten Weltkriegs lauter denn je. Gandhi bekräftigt seine Verachtung für die, die Zweifel hegen, ob eine Bewegung, die sich zur Gewaltlosigkeit bekennt, an einem Massaker teilnehmen kann: Man dürfe sich nicht mit den »gänzlich Unmännlichen« (utterly unmanly) gemein machen. Bevor man eventuell darauf verzichte, müsse man »die höchste Fähigkeit zuzuschlagen« erreichen. Oder noch derber ausgedrückt: »Man kann einen Mann, der nicht in der Lage ist zu töten, nicht die Ahisma [die Gewaltlosigkeit] lehren« (CW, 17; 159 u. 88). Wenn wir an dem gigantischen Konflikt teilnehmen, fährt Gandhi fort, »helfen wir dem Empire«, und gleichzeitig »lernen wir, Indien zu verteidigen und in einem gewissen Maß unsere verlorene Männlichkeit« (manhood) wiederzugewinnen (CW, 17; 85f.). Seinen Anhängern, die sich weiterhin vom Pazifismus leiten lassen und ihn, Gandhi, der Inkonsequenz bezichtigen, antwortet er, indem er ihnen ihre »Feigheit« vorwirft: Man dürfe Satyagraha nicht mit dem »einfachen passiven Widerstand« derer verwechseln, die »zu schwach [sind], um die Methoden der Gewalt anzuwenden« (CW, 17; 88 u. 122).
Man müsse vielmehr ein für alle Mal den »Vorwurf der Verweichlichung« abschütteln. Und dieses Resultat sei nur zu erreichen, wenn der Opfergeist nicht nur die unmittelbar Kämpfenden, sondern die ganze Gemeinschaft inspiriert: »Für mutige Männer sollte es kein Grund zum Leiden, sondern zur Freude (pleasure) sein, ihre Kinder im Krieg zu opfern«. An diese Anschauung sollten sich auch die Frauen halten und gegenüber ihren Söhnen folgendermaßen auftreten: »Wenn sie auf dem Schlachtfeld fallen, werden sie sich selbst, ihr Dorf und ihr Land unsterblich machen« und andere junge Männer anregen, ihrem Beispiel zu folgen (CW, 17; 86f.). …
Diese Einstellung wird im Ersten Weltkrieg bekräftigt: »Es kann keine Freundschaft zwischen dem Mutigen und dem Verweichlichten geben. Wir werden als ein Volk der Ängstlichen betrachtet. Wenn wir uns von diesem Verdacht befreien wollen, müssen wir lernen, die Waffen zu gebrauchen« (CW, 17; 83). …
Gandhi ... Er gibt zu, dass er unter der »Manie der Einberufung« leide, doch er lässt keineswegs davon ab: »Ich mache nichts anderes, ich denke an nichts anderes, ich spreche von nichts anderem, und deshalb halte ich mich für keine politische Aufgabe geeignet außer der Rekrutierung« (CW, 17; 190).

Aus Marshall B. Rosenberg (9. Auflage 2007): "Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation", Herder in Freiburg (S. 60f.)
Sollte ich jemals nur zwei Alternativen sehen: Passivität oder Gewalt, dann würde ich Gewalt wählen. ...
Gandhi sah es ungern, wenn man ihm nachsagte, er predige die absolute Gewaltfreiheit.


Jesus mit der Peitsche
Aus dem Evangelium nach Johannes 2,13-16 in der Einheitsübersetzung:
13 Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf.
14 Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.
15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um.
16 Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!


Trotzdem brachte der Verlag der Graswurzelrevolution ein wohlwollendes Buch über den "Christlichen Anarchismus" heraus. Dort werden christliche Urgemeinden in die Nähe der Anarchie gerückt, Jesus mutiert zum "Vorbild für radikale politische Aktion" und "wahren Begründer der Anarchie". Auch das Gewaltfreiheitsklischee wird bedient: "Jesus strebte eine völlige Umwälzung der herrschenden Verhältnisse und eine egalitäre Gesellschaftsordnung an und versuchte, dies ausschließlich mit dem Mittel radikaler und konsequenter Gewaltfreiheit zu erreichen." (Quelle: Auszüge in "Junge Welt" am 7.9.2013)

Damit nicht genug. Gandhi trat als Provokateur gegen politischen Protest auf - also doppelt als Diener bewaffneter Mächtiger.

Im Original: Gewaltfreiheit, Abgrenzung und Hegemonie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gandhi als Feind von Protestbewegungen, in: Domenico Losurdo (2015), „Gewaltlosigkeit“, Argument Verlag in Hamburg (S. 59, kursiv: dort zitierte Originalaussagen von Gandhi mit Quellenangabe)
Tolstoi führte uns mit seiner leidenschaftlichen Polemik gegen den Militarismus und den Kolonialismus in die Nähe der sozialistischen Bewegung marxistischer Ausrichtung. Doch in welchem Verhältnis stand Gandhi zu dieser Bewegung? Während innerhalb der von ihm angeführten Unabhängigkeitsfront die vom Marxismus ausgeübte Anziehungskraft wuchs, verspürte Gandhi in seinen letzten Lebensjahren das Bedürfnis, eine deutliche Demarkationslinie zu ziehen: »Die sozialistische Auffassung des Westens entstand in einem übelriechenden Milieu der Gewalt. Ich glaube, dass der gewaltsame Zugang des Proletariats zur Macht dazu bestimmt ist, am Ende zu scheitern. Was mit der Gewalt erreicht wird, ist dazu bestimmt, vor einer noch größeren Gewalt unterzugehen« (LG, 5; 225). Ist hiermit jedoch das zentrale Element des Unterschieds zwischen Gandhi und der sozialistischen Bewegung korrekt erkannt? Angesichts der wiederholten, mit verschiedenen Mitteln durchgeführten Teilnahme des indischen Führers an zeitweilig extrem blutigen bewaffneten Konflikten und vor allem mit Blick auf seine Rolle als »Hauptrekrutierer« im Dienste des britischen Heeres im Ersten Weltkrieg wird es problematisch, diese Frage mit ja zu antworten. In Gandhis Augen griff nicht nur der marxistische Sozialismus, sondern bekanntlich auch die chartistische Bewegung zur Gewalt (vgl. oben, Kap. 2, §6). Nicht einmal die Suffragetten konnten sich vor dem Urteil retten, gewalttätig zu sein (CW, 11; 97). Diese Anklage lässt sich nur belächeln, wenn sie im Ersten Weltkrieg noch bekräftigt wird (CW, 16; 10), als der Ankläger selbst damit beschäftigt war, eine weit ausgedehntere Gewalt in Gang zu setzen und zu unterstützen. Sogar ein Streik, der von Arbeitern ausgerufen wurde, die keinen direkten Tarifkonflikt mit ihrem Arbeitgeber hatten, sondern nur anderen Arbeitern, die einen »Hungerlohn« erhielten, ihre Solidarität ausdrücken wollten, ist für Gandhi »eine Art Gewalt« (CW, 37; 38f.).
Ist die Gewaltfrage wichtiger als andere?

Doch selbst wenn, was mit obigen Ausführungen widerlegt werden sollte, die Gewaltfrage eine besonders große Bedeutung hätte, wäre noch ein weiterer Punkt zu untersuchen - nämlich der, ob sie denn wichtiger ist als alle oder zumindest die meisten anderen Fragen. Solche anderen Punkte innerhalb von Aktionsstrategien könnten sein:

Die Motivation des Staates, die Gewaltfrage zur zentralen Frage zu machen, ist einfach zu erklären. Er will seinen eigenen Vorteil (Gewaltmonopol) aufrechterhalten, auch die Spaltung politischer Bewegungen ist in seinem Interesse. Was aber treibt gewaltfreie Gruppen an, den Begriff der Gewaltfreiheit im Titel zu führen und zur Hauptsache zu erklären? Was legitimiert sie, daraus den Anspruch ziehen, alle Anderen auf ihr Hauptthema einzuschwören? Viele bringen diese Position mit dogmatischem Anspruch in Bündnisaktionen ein - ein klarer Fall von Hegemonialstreben.
Letztlich bieten gewaltfreie Gruppen damit aber die gesteigerte Variante dessen, was die meisten anderen politischen Gruppen auch tun: Sie konzentrieren sich im Kern auf eine, nämlich ihre eigene Fragestellung. Das wäre zwar schade bis politisch dumm, aber akzeptabel, wenn daraus kein Machtanspruch erwächst. Auch Öko-, Frauen-, Eine-Welt-Gruppen oder Gewerkschaften fordern in Bündnissen manchmal, dass ihr Thema für alle das Wichtigste sein soll. Vielleicht hätten ihre Positionen sogar mehr Berechtigung als die Gewaltfrage, z.B. die feministische Kritik an den patriarchalen Strukturen in politischen Zusammenhängen oder die Forderung nach umweltgerechter Durchführung von Aktionen. Doch wenn jede Gruppe ihr Hauptanliegen zum Knackpunkt über Sein und Nichtsein von Kooperationen machen würde, wären Bündnis-Aktionen nicht mehr möglich.

Gut und Böse: Identitätsstiftende Kraft der Gewaltfreiheit

Wie schlecht auch immer Gewaltfreiheit begründet wird, die Verbindung des Heilsversprechens (politischer Erfolg durch Gewaltfreiheit) mit der der als Verteufelung aufgezogenen Kritik der Gewalt reicht, um dem Dogma eine identitätsstiftende Kraft zu verleihen. Gelübde in Form von Selbstverpflichtungserklärungen und einprägsame Botschaften gehören zum Kanon der Selbstvergewisserung. Wie bei anderen Identitäten auch, geschieht dieses zusammen mit der stabilen Bildung von Innen und Außen, also der Abgrenzung vom Andersartigen. Es klingt wie Hasspredigten gegen das Böse.

Im Original: Gewaltfreiheit, Abgrenzung und Hegemonie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Erklärung der War Resisters‘ International, in: Graswurzelrevolution Oktober 2001 (S. 17)
Wir sind uns bewusst, dass unsere Gewaltfreiheit beinhalten muss, sich der Gewalt von Polizei und Staaten zu stellen, Gewalt gewaltfrei zu widerstehen, und Gewalt durch eine kleine Minderheit von BewegungsaktivistInnen zu verhindern.

Aus der Presseinfo "Atom-Ausstieg - nur mit der ödp!" vom 22.3.2001
"Wir demonstrieren gegen eine unverantwortbare Risikotechnologie, für die Bewahrung der Schöpfung", erläutert Prof. Dr. Klaus Buchner die Beweggründe seiner Partei. Dabei distanziert sich die ödp von jeglicher Gewalt gegen Personen und Sachen und verurteilt die jüngsten Vorfälle.

Schweizer Bundesamt für Polizei im Juli 2001 in der Studie "Gewaltpotenzial in der Antiglobalisierungsbewegung"
Den Anliegen und der Dialogbereitschaft der erklärt gewaltlosen Akteure innerhalb der Antiglobalisierungsbewegung muss mehr Beachtung geschenkt werden. Sie sollten in ihrer Abgrenzung gegen die gewaltbereiten Gruppen aktiver unterstützt werden.

Aus: Pressemitteilung von Greenpeace am 2.4.2001
Die friedlichen Anti-Castor-Demonstranten im Wendland - und das waren 95 Prozent - haben mit der kleinen, gewaltbereiten Minderheit von Protestierenden nichts zu tun.

Horst-Eberhard Richter in der Werbezeitung von attac, Beilage zur Jungen Welt 5.10.2001
Die gewaltträchtigen Begleiterscheinungen bei ihren Auftritten in Seattle, Göteborg und Genua haben davon abgelenkt, dass die schnell wachsende Kerngruppe der Kritiker, in der Organisation Attac vernetzt, sich im allgemeinen Unbehagen über eine internationale Unordnung vereint hat, die ...

Aus "Trau keiner über dreißig!", Graswurzelrevolution Sommer 2002, S. 2
Seit Anbeginn schreibt die "Graswurzelrevolution" gegen das Klischee des "bombenwerfenden Anarchisten" an und versucht, dagegen das Konzept der gewaltfreien Revolution, der gewaltfreien Aktion und des zivilen Ungehorsams zu verbreiten, das sich ebenfalls in der Tradition der anarchistischen Bewegung findet.

Wuppertaler Rundschau / Mittwoch, 28. August 2002
Demo gegen Gelöbnis
... Mit einer - betont friedlich ausgerichteten - Gegendemonstration wird dann das „Wuppertaler Bündnis gegen Krieg“ präsent sein. Das „Bündnis“, das mit zwischen 500 und 1.000 Gelöbnis-Gegnern rechnet, hat sich „nach sehr sachlichen und sehr kooperativen Gesprächen“ mit der Polizei darauf geeinigt, sich in unmittelbarer Sicht- und Hörweite im Bereich von Auer Schulstrasse und Friedrich-Ebert-Strasse zu platzieren. Die Initiatoren des „Wuppertaler Bündnisses gegen Krieg“ legen Wert darauf, den feierlichen Rahmen der Gelöbnisveranstaltung nicht durch Trillerpfeifen oder Wurfgeschosse stören zu wollen. Allerdings wolle man sehr deutlich sichtbar gegen die Unsinnigkeit einer solchen Bundeswehr-Aktion protestieren. Falls „Autonome“ oder andere Gruppen den Boden des friedlichen Protestes verlassen wollten, werde man „sehr massiv versuchen, auf diese Demonstranten einzuwirken“.


Aus "Kopenhagen 2002" Nr. 2 (S. 1)
Das dritte, breiteste Bündnis in Dänemark wird von "Stop Unionen", der Initiative für ein anderes Europa und weiteren Gruppen - vor allem professionellen NGOs - gemeinsam gebildet. Es nennt sich "NGO-Forum - Stop Volden" (NGO-Forum - Stoppt die Gewalt) und hat nahezu ausschließlich den friedlichen Verlauf der Proteste und Demonstrationen zum Ziel. Dies geht so weit, dass für die zentrale Demonstration dieses Bündnisses, das sogenannte "Volkstreffen" am Samstag (14.12) ab 12.20 Uhr, keinerlei inhaltliche Festlegungen außer der Parole "Stoppt die Gewalt" getroffen wurden.

Antideutsche gegen Militanz (Quelle)
Dabei verdiente die absurde Idee, mitten in völlig bewegungsflautigen Zeiten militant und im größeren Maßstab staatliche und "kapitalistische" Einrichtungen anzugreifen, durchaus scharfen Widerspruch.

Über Peter Wahl im Film "Gipfelstürmer und Straßenkämpfer" (Laika-Verlag, 2011)
Er dringt deshalb stets auf strikt gewaltfreie Aktionsformen. Wenn einzelne Gruppen Gewaltaktionen nicht ausschließen wollen, erzwingt er eine offizielle Distanzierung. ... "Wir wollen das nicht ... man muss sich dagegen schützen ... Spinner, die so etwas machen"

Vereinnahmen aller als "Wir", Ausgrenzung und unbedingte Friedenspflicht
Anzeige des AK Vorratsdatenspeicherung zur Demo "Freiheit statt Angst" in Berlin am 11.10.2008, in: Junge Welt, 10.10.2008 (S. 4)
Jeder von uns fordert mit seinem Erscheinen auf der Demo den Erhalt demokratischer Grundrechte ein, die er oder sie in konkreter Gefahr sieht. Da die Freiheit des Einzelnen die Freiheit der gesamten Gesellschaft definiert, muss der politische Dialog und die Zusammenkunft auf einer Demonstration friedlich verlaufen. Wir, die beteiligten Organisationen und einzelnen Unterstützerinnen der Demonstration "Freiheit statt Angst" stehen für den konstruktiven politischen Dialog. Jede Form von Gewalt erzeugt Angst, Angst verhindert Freiheit ... Um unser politische Ansinnen möglichst nachhaltig zu vermitteln, wünschen wir uns die unbedingte Einhaltung der Friedenspflicht aller beteiligten Institutionen, Organisationen und Personen.

Aus Mathias Edler (2001): Demonstranten als "Staatsfeinde" - "Staat" als Feindbild?", Alte Jeetzel-Buchhandlung (S. 119). Edler war bei Erscheinen des Buches Sprecher der BI Lüchow-Dannenberg
Die im Vorfeld schon ausgiebig praktizierte Betonung des eigentlich selbstverständlichen "gewaltfreien" Aktionsverhaltens hat diese trennende Wahrnehmung zur Folge. Indem die Aktivisten von "x-tausendmal-quer" die Anlaufstelle für die meisten Gorleben-Demonstranten, den symbolträchtigen Ort vor dem Dannenberger Verladekran für sich reklamieren und damit zur "gewaltfreien Zone" erklären, werden die anderen Aktionsorte an der Strecke automatisch zu "Gewaltzonen" abgestempelt. Die Ursache liegt in dem Versuch, das den Atomkraftgegnern zugedachte Feindbild nicht als solches ad absurdum zu führen, wie dies die Bauern mit der Kampagne "Wir sind die Chaoten!" getan haben, sondern beweisen zu wollen, dass die Teilnehmer der Aktion diesem Feindbild nicht entsprechen. Dabei wird das Feindbild aber grundsätzlich angenommen, man reagiert hier nur mit dem Reflex "Ja, aber wir sind anders!". Dadurch begünstigt "x-tausendmal-quer" unbeabsichtigt die von Politiker-, Polizei- und Medienseite vorgenommene Spaltung in "gute" und "böse" Demonstranten, in "gewaltfreie Bürgerinitiativler" und "militante Autonome". Der in den Medien und den Parlamenten erreichte politische Raum wird hier auf Kosten anderer Atomkraftgegner erreicht, die nicht automatisch weniger "gewaltfrei" sein müssen als die "x-tausender".

Aus einem Interview mit dem geschäftsführenden Vorstand der Bewegungsstiftung, Matthias Fiedler, in: Die Stiftung 2/2014 (S. 46)
Nur wer Gewalt ausübt oder die Würde anderer Menschen verletzt, fliegt für mich aus diesem Diskurs.
Wie eine Religion: Gewaltfreiheit als Gesamtideologie

Mit ihrem umfassenden Anspruch trägt die Ideologie der Gewaltfreiheit religiöse Züge. Sie walzt mit getrübtem Blick über Widersprüche und offene Fragen hinweg. Sie denunziert Andersdenkende und hält den eigenen Anspruch für höherwertiger als abweichende Vorlieben, Konzepte und Strategien.

Im Original: Gewaltfreiheit und Bekenntnis ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Beispiele für Plädoyers pro Gewaltfreiheit
Aus dem Buch von Gernot Jochheim, 1984: Die gewaltfreie Aktion. Rasch & Röhring, Hamburg.
Zur Definition von Gewaltfreiheit und gewaltfreier Aktion:
Die Träger von gewaltfreien Aktionen halten Personen nicht fest und verletzen niemanden, zerstören in der Regel keine Sachen, die nicht ihr Eigentum sind ... (S. 23)
Ist doch das Wesensmerkmal der gewaltfreien Konfliktaustragung allein vom Begriff her der Verzicht auf Gewaltanwendung. ... Wo immer Menschen auf der Welt bewußt und aktiv auf gewaltfreiem Weg gesellschaftliche und politische Veränderungen erkämpfen wollen oder gewaltfreien Widerstand leisten, tun (oder taten) sie dies auf der Grundlage eines Gewaltfreiheitsverständnisses, dessen Grundsätze nicht voneinander abweichen. (S. 288f.)

Zu Sabotage und Gewalt gegen Sachen:
Was bringt ein Sabotageanschlag, selbst wenn er erfolgreich ist und großen Schaden anrichtet? Im Grunde nichts, jedenfalls nichts Gutes. ... Der Terror liegt, darüber sind sich viele Saboteure nicht im klaren, in der Konsequenz der Sabotage. Gegenwärtig verwenden die Saboteure noch große Sorgfalt darauf zu verhindern, dass bei ihren Aktionen Menschen zu Schaden kommen, doch läßt sich das auf die Dauer kaum durchhalten. ... Was macht ein Sabotagetrupp, der glaubt, einen Spitzel in seinen Reihen enttarnt zu haben? Und was geschieht, wenn sich, nachdem er "unschädlich" (wie es so schön heißt) gemacht wurde, nachträglich herausstellt, dass er unschuldig war? Was geschieht, wenn ein Sabotagetrupp bei der Aktion erwischt wird? Das sind keine Ausgeburten eines kranken Gehirns, das hat sich vielmehr immer wieder ereignet. Den meisten Menschen fehlt es offensichtlich entweder an Phantasie oder an Erfahrung und Kenntnissen, um sich die Konsequenzen ihres Handelns vorzustellen. ... Sabotage kann langfristig nur konspirativ gemacht werden. Konspiration aber bedingt eine möglichst vollständige Abkapselung von der Umwelt. Saboteure und Terroristen nehmen ihre Umwelt nur noch verzerrt und selektiv wahr. ... Der politische Effekt der Sabotage ist mithin eine Verhärtung der Fronten, eine Polarisierung zwischen der großen Masse der Befürworter der Atomenergie und einer radikalen Minderheit von Gegnern. (S. 113 f)
Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution. (S. 121)

Gegen jede Gewalt, Gewalt = Gewalt:
Gemeinsam haben diese Initiativen an vielen Punkten den Kampf gegen alle Arten von Gewalt mit gewaltfreien Mitteln. (S. 123)
Scheinbar gegen Normierung:
Wenn einzelne, Gruppen oder Organisationen beziehungsweise Institutionen versuchen, andere Mitglieder der Gesellschaft zur Einhaltung bestimmter Normen oder Verhaltensweisen zu bewegen, so bezeichnet man in der Soziologie die entsprechenden Maßnahmen als "Sanktionen". (S. 279)
Gewaltfreiheit immer erfolgreich:
Herrschende können - ohne ihre Position zu gefährden - gegen gewaltfreie Akteure im Hinblick auf die Öffentlichkeit, vielleicht sogar "Weltöffentlichkeit", nicht in dem Maße staatliche Gewalt einsetzen, wie dies gegen Gewalttäter möglich ist. ... Jede Gewaltanwendung durch die Opponenten bietet den Herrschenden ein Alibi bei der Praktizierung von Unterdrückungsmaßnahmen und vermindert die Sympathie der Öffentlichkeit. (S. 287)
Zu dieser Haltung gehört als Wesensmerkmal die Bereitschaft, lieber Leiden auf sich zu nehmen, als Gewalt anzuwenden. ... In keinem Fall - und mag er von der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit seines Anliegens noch so überzeugt sein - fügt der Gewaltfreie jenen, die der Verwirklichung seines Ziels entgegenstehen, Schaden zu. (S. 25)

Aus Günther Gugel: "Wir werden nicht weichen". Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996, S. 12-22, Gesamttext hier ...
Als Fernziel wird deshalb auch eine sozial gerechte, demokratisch organisierte (Welt-)Gesellschaft gesehen, die es bereits heute anzustreben und wo immer möglich in Teilen zu realisieren gilt. ...
Grundlegend ist die Erkenntnis, dass in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft mit Gewalt oder mit der Androhung von Gewalt keine Konflikte wirklich gelöst werden können, keine Ungerechtigkeiten beseitigt und keine Unterdrückung aufgehoben werden können. ...
Hinzu kommt, dass heute der Staat nicht mehr Garant der sittlichen Normen ist und sich politische und gesellschaftliche Entscheidungen häufig an partikularen Gruppeninteressen orientieren.
Die Kritik an der Wachstums- und Wohlstandsorientierung ist heute zwar vorhanden, doch fehlen bislang gangbare Vorstellungen einer zukunftsfähigen, ökologisch vertretbaren Lebensweise.
Gewaltfreies Handeln versteht sich - gerade auch in einer solchen gesellschaftlichen Situation - als ein Handeln, dass an klaren sittlichen Werten orientiert ist und Beteiligungsformen für alle Bürger eröffnet.
Die wesentlichen Kennzeichen der Gewaltfreien Aktion sind:
  • der bewußte Verzicht auf den Einsatz von Gewalt gegen Personen oder Sachen;
  • die enge Verknüpfung von Ziel (dem Abbau von Gewalt) und Mittel (dem Einsatz gewaltfreier Mittel); ...
  • die zuverlässige Mitteilung an den Gegner, dass ausschließlich gewaltfreie Mittel angewendet werden;
  • der Verzicht auf Geheimhaltung. Also die öffentliche Ankündigung der geplanten Aktion.
  • die eigene Bereitschaft "zum Leiden", d.h. Sanktionsmaßnahmen hinzunehmen; ...
Martin Luther King (1964): "Freiheit", Kassel (S. 174)
Für die Legitimation des zivilen Ungehorsams spielt die Berufung auf ein höheres, vorstaatliches Recht, eine wichtige Rolle. ...
"... Ein gerechtes Gesetz ist ein von Menschen gemachtes Gesetz, das mit dem Gesetz der Moral oder dem Gesetz Gottes übereinstimmt. Ein ungerechtes Gesetz dagegen ist ein Gesetz, das mit dem Gesetz der Moral nicht harmoniert. ..."


Wolfgang Sternstein: "Von Wyhl nach Brokdorf", o.O., o.J. (S. 15)
Gewaltfreiheit ist etwas anderes als Verzicht auf physische Gewaltanwendung. Ich kann einem Menschen mit haßerfülltem Herzen begegenen, ohne ihm ein Haar zu krümmen, aber gerade dann tue ich ihm Gewalt an! Mit dem Begriff Gewaltfreiheit wird mancher Etikettenschwindel betreiben. Wer auf physische Gewaltanwendung gegenüber Menschen verzichtet, handelt noch lange nicht gewaltfrei. Das entscheidende Motiv der gewaltfreien Aktion ist die Nächstenliebe oder Feindesliebe. Ohne Feindesliebe kann es überhaupt keine gewaltfreie Aktion geben, die diesen Namen verdient.

Auszug aus den Satyagraha-Normen (zusammengefasst von Johan Galtung und Ame Næss, offenbar fälschlicherweise M. Gandhi zugeschrieben)
1. Befolge Ahisma im Gedanken und Sinn!
Du sollst deine gewaltlosen Handlungen aus einer gewaltlosen Gesinnung entspringen lassen. Deshalb versuche, so zu leben, dass du lernst, keinen Hass gegen jemanden zu empfinden, sondern deinen Nächsten wie dich selbst zu lieben. ...
4. Dehne nicht das Ziel des Kampfes aus!
Du sollst nicht die Zielsetzung der einzelnen Satyagraha-Aktion ausdehnen, unabhängig davon, wie der Kampf und die äußeren Verhältnisse sich entwickeln. ...
7. Du sollst nicht töten!
Du sollst vermeiden, körperliche Gewalt gegen irgendein lebendes Wesen zu üben oder dies zu beabsichtigen, wenn es nicht zum Besten des Wesens dient, wenn es undenkbar ist, dass sich das lebende Wesen über seine Lage klar ist, und wenn es in einem gewaltlosen Sinne geschieht.
8. Zwinge den Gegner nicht – wandle seinen Sinn!
Du sollst in einer Konfliktsituation so handeln, dass du den Gegner nicht in eine Lage bringst, wo dein persönliches Furchtmotiv seinen Handlungen zu Grunde liegen wird, sondern versuche, auf ihn so einzuwirken, dass ein Verhalten der Satyagraha-Gruppe für ihn ein annehmbares Verhalten werden kann. ...
8b. Nütze nicht die Schwächen des Gegners aus!
Du sollst aus schwierigen Lagen des Gegners keine Vorteile ziehen, wenn die Lagen Ursachen haben, die außerhalb des Konfliktes liegen. Lasse den Gegner fühlen, dass der Druck, dem er sich ausgesetzt hat, nur eine Folge des Unrechts ist, das es deiner Gruppe antut.
8c. Provoziere den Gegner nicht!
Du sollst Handlungen vermeiden, die dadurch eine Ausdehnung des ursprünglichen Konfliktstoffes zur Folge haben, dass der Gegner in Situationen gebracht wird, in denen er voraussichtlich besonders herabwürdigende Handlungen begehen wird. Sondern du sollst so handeln, dass die Situation, in die du den Gegner bringst, direkte Folge der ursprünglichen Konfliktlage und der Ahimsa-Norm ist. ...
10. Sei opferbereit!
Du sollst bereit sein, alle deine physischen und geistigen Kräfte einzusetzen im Kampf für die eine Sache, an die du glaubst, und um deinen Mitmenschen dienen zu können, wenn nötig mit deinem eigenen Leben als Einsatz. Du sollst es aber um der Sache und deiner Mitmenschen selbst Willen tun, nicht um des Opfers Willen. ...
11b. Verbirg deine Pläne nicht!
Du sollst ehrlich und offen handeln und deine Pläne dem Gegner darlegen, so dass er zu jeder Zeit wissen kann, was du zu tun beabsichtigst, und sich danach richten kann. ...
13. Mache keine Sabotage!
Du sollst dem Eigentum anderer keinen direkten, aktiven Schaden zufügen mit der Absicht, dem Gegner Schwierigkeiten zu bereiten oder auf ihn Druck auszuüben, sondern nur einen passiven Schaden, der eine Folge davon ist, dass du ihm eventuell Zusammenarbeit verweigerst.
14. Sei, wo immer möglich, loyal!
Du sollst ein loyaler, gesetzestreuer und pflichtbewusster Bürger der Gesellschaft sein, von der du Mitglied bist, solange sie von dir nicht verlangt, dass du gegen dein Gewissen handelst, und der Widerstand soll erst bei einem ernsten Konflikt geleistet werden, auch dann, wenn er zu einem Kampf gegen die Mehrheit führen sollte. ...


Die 15. Norm lautet:
15. Wähle Gewalt vor Feigheit!
Du sollst immer bestrebt sein, Ahisma zu folgen in der Bedeutung 1–14, aber in einer Lage, wo du es nicht fertig bringst, ist ein gewaltsames Verhalten mit einem von Ahisma erfüllten Sinn einem nicht gewaltsamen, aber aus Feigheit entstandenen Verhalten vorzuziehen.

Rettungsmanöver dazu in: Reiner Steinweg/Ulrike Laubenthal (2011): "Gewaltfreie Aktion" (S. 184 - von den Herausgeber_innen in einen fremden Text eingefügt!)
Zu 15 (Ergänzung der Hrsg.): Diese Norm scheint eine Hintertür für die Rechtfertigung von Gewaltanwendung in besonderen Bedrohungssituationen zu öffnen. Galtung und Niess führen in den vier Seiten, die der Präzisierung dieser Norm vorangehen,' folgende Gandhi-Zitate an:
»Ich habe oft bemerkt, dass Menschen, die schwach sind, sich hinter der Lehre [gemeint dürfte die hinduistische Lehre von Ahimsä, dem Nicht­Verletzen sein], hinter der Kongress-Partei oder meinen Ratschlägen versteckt haben, wenn sie einfach aus Feigheit nicht imstande waren, ihre eigene Ehre oder die Menschen, für die sie Verantwortung hatten, zu verteidigen. Ich erinnere mich an die Ereignisse, die in der Nähe von Bettiah stattfanden, als die Nicht-Zusammenarbeit auf ihrem Höhepunkt war. Einige Dorfbewohner wurden ausgeplündert. Sie flüchteten und hinterließen dabei ihre Frauen, Kinder und ihr Eigentum den Plünderern. Damit waren die Frauen und Kinder der Gnade und Ungnade der Plünderer überlassen. Als ich den Männern ihre Feigheit vorwarf, haben sie sich schamlos auf meine Gewaltfreiheit berufen.
Ich habe ihr Verhalten öffentlich verurteilt und gesagt, dass meine Gewaltfreiheit auch Platz hat für Gewalt, die von Menschen ausgeübt wird, die sich die Gewaltfreiheit zu eigen gemacht haben, aber Verantwortung hatten für die Ehre ihrer Frauen und ihrer Kinder. Gewaltfreiheit ist kein Versteck für Feigheit, sie ist aber die erste Tugend der Tapferen.«
»Ich glaube, dass ich, wo es nur die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt gibt, Gewalt empfehlen werde. Als mein ältester Sohn mich fragte, was er hätte tun sollen, wäre er damals dabei gewesen, als ich 1908 überfallen und fast tödlich verletzt wurde - ob er hätte weglaufen und zusehen sollen, dass ich umgebracht wurde oder seine physische Kraft einsetzen -, habe ich zu ihm gesagt, dass es seine Pflicht gewesen wäre, mich zu verteidigen, auch mit Gewalt.«
Für Gandhi war Widerstand gegen Unrecht das zentrale Motiv. Es veranlasste ihn stets auch zu Sympathie für diejenigen, die den Widerstand mit gewaltsa­men Mitteln leisteten, statt sich aus Feigheit dem Unrecht zu unterwerfen, ob­wohl er selbst immer den gewaltlosen Widerstand bevorzugte und niemals zu den Waffen gegriffen oder gerufen hat. Er sagt im ersten der beiden Beispiele auch nicht, die Männer hätten die Plünderer erschlagen sollen, sondern: Sie hätten nicht weglaufen dürfen. Vielleicht hätten sie eine Chance gehabt, sie zur Besinnung zu bringen, wenn sie ihr Gewissen angesprochen hätten. Im zweiten Beispiel hätte Gandhi sich Schutz von seinem Sohn gewünscht, wäre er damals schon erwachsen und zugegen gewesen. Hier wird die Situation nicht genau beschrieben. Gandhi scheint in diesem Beispiel nicht wichtig gewesen zu sein, ob bei einer abwägenden Beurteilung des gegebenen Kräfteverhältnisses von Angreifer und Verteidiger der letztere eine Chance gehabt hätte. Es kam ihm offensichtlich mehr auf die innere Haltung als auf den Erfolg an. Diese aber hätte auch oder erst recht - im Sinne der »ersten Tugend der Tapferen« - auf gewaltfreie Weise zum Ausdruck gebracht werden können.
Galtung und Næss vermuten, dass die Norm N 1, flir Gandhi aus folgendem Grund so wichtig war:
»Der Zweck, den Gandhi mit der ganzen Satyagraha-Kampagne verfolgte, war sowohl, die Inder zusammenzuschweißen und ihre Moral zu erhöhen, als auch gegen die englische Regierung zu kämpfen. So wie Satyagraha formuliert wurde [ ... ] gab es viele, die ihre Direktiven ausführen konnten ganz einfach, weil sie nicht wagten, anderes zu tun. Terrorismus gegen die Engländer hätte die strengsten Strafen zur Folge gehabt mit Gefahr für ihr eigenes Leben, und totale Passivität hätte einen starken sozialen Druck seitens ihrer Landsleute aufkommen lassen; Gewaltlosigkeit war ein be­quemes Mittelding. Einer solchen Art von Gewaltlosigkeit wollte Gandhi mit dieser Norm beikommen. Er hätte N, mit einer Reihe von Spezifika­tionen versehen können, aber indem er die Norm N 15 aufstellte, machte er deutlich, dass er ein gewaltloses Verhalten, das von Feigheit motiviert ist, so niedrig beurteilt, dass er ihm sogar die Gewalt vorzieht.«
Galtung und Naess fügen hinzu:
»Wir können vielleicht annehmen, dass Gandhi die folgende ethische Ab­stufung von Widerstandsformen im Kopf hatte: 1. Non-violence of the strong; 2. Non-violence of the weak; 3. Gewalt mit einem Bewusstsein, das von Ahimsä geprägt ist; 4. Non-violence of the coward; 5. Gewalt kombiniert mit Rache.« (ebenda 204, englisch im Orignial)
Diese Rangliste macht deutlich, dass N 15 keineswegs eine Relativierung oder Aufhebung der Norm (Grundhaltung) N, und der sie ausfächemden Umschreibungen N 1-14 darstellt.

Renate Wanie: "Neun Thesen für die Weiterarbeit nach Straßburg", in: Friedensforum 3/09, zitiert im Buch "Gewaltfreie Aktion"
Renate Wanie ist seit 1987 hauptamtliche Mitarbeiterin der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden. Sie bietet u.a. Workshops zum gewalffreien deeskalierenden Eingreifen in gewaltvollen Situationen an. Schwerpunkte sind Trainings in Zivilcourage und Gewaltfreier Aktion, Konsensentscheidungsfindung, Macht »von unten« sowie Fortbildungen in gewaltfreier Konfliktaustragung. Seit 2004 ist sie als Delegierte und zeitweise als Sprecherin in der bundesweiten »Kooperation für den Frieden« aktiv. Ihre Thesen sind eine Reaktion auf die miterlebten Proteste gegen den 60. NATO-Gipfel im April 2009 in Straßburg, die z.T. in unkalkulierbare und gewaltvolle Angriffe eskalierten.
1. Die Zeit der Formelkompromisse ist nach Straßburg vorbei. Die Friedensbewegung ist gewaltfrei oder sie ist nicht. Ziviler Ungehorsam ist eine gewaltfreie Strategie und kein Slogan, hinter dem sich Randaliererlnnen verbergen können.
2. Randale ist keine Politik, Randale ist Randale. Gesellschaftliche Veränderungen in Richtung Emanzipation und Freiheit werden in hochentwickelten Gesellschaften nicht über Gewalteskalationen herbeigeführt.
3. Gewaltfreiheit greift den staatlichen Gegner nicht dort an, wo er am stärksten ist: beim Monopol der Gewalt. Sondern dort, wo er am schwächsten ist: bei der Legitimation seiner kriegerischen Aktivitäten.
4. Gewaltrituale wie in Straßburg seitens der Polizei und seitens der RandaliererInnen sind Ausdruck eines männlich-chauvinistischen Handelns. Die Friedens- und Antikriegsbewegung muss diese patriarchal-militaristischen Handlungen überwinden und offen kritisieren.
5. Die Kritik an Randaliererlnnen aus Demonstrationen heraus spaltet die Friedensbewegung nicht. Steine werfen spaltet die Friedens- und Antikriegsbewegung. Wer Gewalt zulässt, zerstört die Glaubwürdigkeit der Bewegung und erleichtert Provokateurlnnen der Polizei, ihr friedloses Handwerk zu betreiben.
6. Die Friedensbewegung wird nicht erfolgreich durch Gewalt, sondern durch kreative und beharrliche Kritik an Gewalt und Gewaltorganisationen wie der NATO.
7. Heiligendamm hat neue gewaltfreie Aktionsformen auf der grünen Wiese hervorgebracht. Nach Straßburg ist über neue kreative gewaltfreie Aktionsformen innerhalb von Städten nachzudenken, die auch über Blockaden hinausgehen.
8. Gewaltfreie Aktionen wie auch Großdemonstrationen brauchen Vorbereitung. Dort, wo gewaltfreie Aktionen vorbereitet wurden, wie z.B. für »Heiligendamm« oder im Bündnis NATO-ZU für Straßburg, haben sie funktioniert und zu Teilerfolgen beigetragen. Wir brauchen mehr und verbindlichere Vorbereitungen.
9. Mobilisierungen für große internationale Events zeigen ihren Erfolg immer auch darin, Menschen für den Montag danach zu gewinnen. Die Qualität von großen Events bemisst sich darin, wie viel mehr Menschen in den nächsten Monaten aktiv werden. Hier war Straßburg ein Rückschlag.
Leidensbereitschaft

Zur bekenntnishaften Gewaltbereitschaft gehört die Hingabe an das Gute, also eine Leidensbereitschaft in Folge der eigenen Überzeugung. Damit werden Bilder an die großen Vorbilder wie Jesus und Gandhi verbunden - unter pragmatischer Umdichtung derer tatsächlichen Positionen.
Umgesetzt wird diese verbalradikale Leidensbereitschaft jedoch nur selten. Viele Anhänger_innen der Gewaltfreiheit sind gut situierte Bürgerliche, die - ob nun mit gewaltfrei-anarchischen Hobbyideologien oder brav-rechtstaatlich - niemals ihren hohen Lebensstandard riskieren würden. Gewaltfreiheit hat bei vielen (wenn auch nicht allen) viel mit Selbstbelügung zu tun. Sie verdeckt eine Feigheit, die Handlungsbremsen als ideologisches Konzept verkauft. Bewegungsführer_innen und - immer häufiger - hauptamtliche Apparate, die ihnen die Ideologie eintrichtern, gewinnen Anhänger_innen und Geldgeber_innen. Auch darin ähnelt das Konzept einer Religion.

Aus Sternstein, Wolfgang: "Die gewaltfreie Revolte gegen 'Stuttgart 21'", in: GWR Dez. 2010 (S. 7)
Ziviler Ungehorsam in diesem Sinne sollte "zivil", also offen, dialogbereit und gewaltfrei sein. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die für die Gesetzesübertretung oder die Gehorsamsverweigerung verhängte Sanktion klaglos hinzunehmen. ...
Selbst wenn Staat und Wirtschaft ein Projekt mit aller Macht durchsetzen wollen, werden sie am gewaltfreien Widerstand der betroffenen Bevölkerung scheitern, vorausgesetzt - und diese Bedingung ist entscheidend - sie ist bereit, den Preis zu bezahlen, den gewaltfreier Widerstand kostet.

Zum dritten Teiltext "Pro Gewalt" im Kapitel über Gewalt und Gewaltfreiheit als Fetisch

Der Machtanspruch gewaltfreier Dogmatik

Es ist das Kennzeichen sowohl vieler gewaltfreier wie auch vieler militanter Akteur_innen, die Frage der Gewalt nicht nur für sich selbst bzw. in jeder konkreten Situation zu klären, sondern diese zu einem Scheidepunkt zu erklären, an dem Ab- und Ausgrenzungslinien verlaufen. Das erzeugt dann Rivalitäten. Wer einem Dogma aufsitzt, kann Vielfalt von Handlungsformen nicht weiter dulden, sondern muss um die Hegemonie der eigenen Überzeugung kämpfen. Dogmatische Gewaltfreiheit ist das Gegenteil einer Aktion, in der viele Aktionen Platz haben.

In der Praxis finden diese Hegemonialkämpfe auch statt - sowohl zwischen Gewaltfreien und Militanten wie auch innerhalb der Strömungen, z.B. zwischen hierarchischen und mehr horizontal organisierten Teilen oder zwischen staatsnahen und antistaatlichen Gruppen. Allerdings kommt es nur selten zu tatsächlichen Brüchen, da keine der vielen Gruppen allein in der Lage ist, die anderen auszustechen und zu verdrängen. So sind neben den Hegemonialkämpfen auch Kompromisse und vereinzelt sogar richtig schlaue Aktionskonzepte zu finden, die Unterschiedlichkeit doch ermöglichen. Das bekanntest Beispiel ist das Streckenkonzept beim Castor-Widerstand, wo Schienen- und Straßenstrecke auf die unterschiedlichen Gruppen aufgeteilt werden, die dann dort voneinander ungestört ihre Aktionen durchführen können. Im Kampf um Medienanteile und Spendeneingänge sind die Rivalitäten aber dennoch oft sichtbar.

Beispiel G8-Gipfel von Rostock (2007)
Im Original: Jochen Stays Fazit zu G8 2007 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Von Jochen Stay in: Jungle World, 13.6.2007 (S. 19):
Die Faust öffnen! Die Militanten verdienen keine Solidarität. Ein Plädoyer für den gewaltfreien Widerstand.
Massenmilitanz ist zu dynamisch, als dass sie kontrollierbar wäre. Das gilt genauso für Aktionen Einzelner, siehe den Mord an zwei Polizisten an der Startbahn West 1987. Leider sind diese Desaster anscheinend schon zu lange her, um heute noch eine Rolle zu spielen.
In der in den Anti-G8-Camps geführten Debatte um die Gewaltfrage kamen viele der Anhänger von Militanz mit Argumenten, die stark an diejenigen erinnern, mit denen früher für die Prügelstrafe in der Kindererziehung geworben wurde. Wer sich aber die bessere Welt mit der Verbreitung von Angst und Schrecken schaffen will, der muss wahrscheinlich lange auf sie warten. Revolutionen werden meist dadurch gewonnen, dass die Regierungstruppen zur Opposition überlaufen, weil sie deren Argumente nachvollziehen können, und nicht, weil sie Angst vor ihr haben. ...
Der Autor ist aktiv bei X-tausendmal quer, - der Gruppe, die das Fünf-Finger-System in die Kampagne »Block G8« eingebracht hat.


Beifall für diesen Text: In der Graswurzelrevolution Sommer 2007 zitiert der Redaktionschef Drücke aus dem Text von Jochen Stay und fügt hinzu: "Schön formuliert, Jochen!"

Aus einer Zusammenfassung zum Anti-Gewalt-Hype nach dem 2.6.2007 auf Indymedia
»Wir wollen euch nicht mehr sehen!«, erklärte Attac-Sprecher Peter Wahl am Sonntag im Fernsehsender nt-v in Richtung Autonome. Bei dem »schwarzen Block« handele es sich »um eine Gruppe von Personen, die mit der Absicht, Krawall zu machen, angereist ist.« Monty Schädel, Anmelder der Rostock-Demonstration und Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft verglich am Sonntag abend in einem ZDF-Interview die Ereignisse vom Vortag mit den Pogromen 1992 in Rostock-Lichtenhagen vor einem Flüchtlingsheim. Werner Rätz, der zum linken Flügel im Attac-Koordinierungskreis zählt und Mitglied in der Interventionistischen Linke/IL ist, komplettierte die Kronzeugenliste. Er entschuldigte sich »bei den Rostocker Bürgern für die Eskalation…(und) präzisierte (dabei), wie seine Organisation in den kommenden Tagen mit mutmaßlichen Militanten umzugehen gedenke: ›Wenn einer ankommt, mit Kapuze und Palästinensertuch vor dem Gesicht, dann sagen wir dem, er ist unerwünscht.‹ Nachdem auch der linke Flügel innerhalb Attac wegknickte, meldete sich Peter Wahl mit einer allerletzten Attacke zu Wort: »Wir werden in Zukunft nur noch Demonstrationen mit der klaren Ansage machen, dass alle, die sich nicht klipp und klar von Gewalt distanzieren, nicht zu uns gehören. Wir müssen gegenüber Gewalttätern eine ähnlich harte Haltung einnehmen wie gegenüber Neonazis: Wir wollen euch nicht bei uns.«
Beispiel: Auseinandersetzungen um die NATO-Proteste in Straßbourg
Im Original: Hetze gegen Militanz in Straßbourg ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Alle Gewalt ist "kontraproduktiv" - immer, überall, in jedem Kontext!
Aus Andreas Speck: "Nach Straßbourg. Zum Umgang mit Gewalt in den eigenen Reihen", in: GWR Mai 2009 (S. 11 f.)
Als Graswurzelrevolutionärinnen, als gewaltfreie Anarchistinnen müssen wir uns jedoch auch mit Gewalt aus den Reihen sozialer Bewegungen auseinandersetzen, denn diese Gewalt ist aus unserer Revolutionsperspektive kontraproduktiv. ... die "Toleranz der Aktionsformen" hat ihre Grenzen, und die sind nicht erst da erreicht, wo Menschenleben bedroht werden, sondern da, wo durch die Militanz einiger die gesamte Bewegung in eine aus meiner Sicht falsche militante Auseinandersetzung gedrängt wird. ...
Auch wenn ich schon jetzt den Spaltungsvorwurf höre, so gibt es für mich klare Bedingungen für eine zukünftige Zusammenarbeit. Und dem Spaltungsvorwurf entgegne ich, dass hier faktisch der spaltet, der Menschen und Gruppen durch die Nichtbeachtung ihrer Aktionsformen und -grenzen aus der Bewegung drängt.


Aus Ulrike Laubenthal/Hans-Peter Richter, "Gedanken zur spektenübergreifenden Zusammenarbeit", in: GWR Mai 2009 (S. 12 f.)
Wir können als Aktivistinnen unseren eigenen Handlungsspielraum erweitern, wenn wir uns auf eine Strategie der aktiven Gewaltfreiheit festlegen. Wenn von vornherein klar ist, dass wir unsererseits unter keinen Umständen Gewalt anwenden werden, dann weiß die Gegenseite, dass sie einen hohen Preis zahlen muss, wenn sie uns mit Gewalt angreift. ...
Gewalt ist eine soziale Verhaltensweise, die subjektiv aus der Sicht des Täters in aller Regel sinnvoll und gerechtfertigt erscheint. Objektiv gesehen ist sie aber unserer Meinung nach immer schädlich. Sie mag einen kurzfristigen Erfolg bringen, ein Vordringen ermöglichen, ein Gefühl des Triumphs geben - langfristig schadet sie der Bewegung. Deshalb ist unsere Antwort auf die Frage nach Kriterien für militante Aktionen relativ einfach: Wenn "Militanz" bedeutet, dass man Menschen angreift, direkt oder indem man ihr Eigentum zerstört, dann halten wir alle militanten Aktionen für falsch. Gewalt schadet uns, egal von wem sie ausgeht. ...
Wir haben hier die strategischen und taktischen Gründe dargelegt, warum Gewaltfreiheit für eine soziale Bewegung sinnvoller ist als Gewalt. Darüber hinaus haben wir ethische Gründe, uns grundsätzlich gegen Gewalt zu entscheiden.

"Darüber diskutieren wir gerne" endete der oben zitierte Text. Das Angebot wurde angenommen und eine Entgegnung an die GWR übersandt. Aber dann stellte sich - erwartungsgemäß - heraus, dass alles nur ein rhetorischer Trick war. Eine Gegenposition wurde nicht abgedruckt. Die GWR ist und bleibt ein einseitig-ideologisches und damit zensiertes Blatt - sie will über Fragen wie Gewaltfreiheit und (Basis-)Demokratiebejahung nicht diskutieren lassen. Gehirnwäsche aus selbsternannt anarchistischer Feder.

G8-Gipfel 2007 Heiligendamm: Dogma und Kontrolle

Bei der Debatte um Gewalt - auch das trägt quasi-religiöse Züge - scheint es immer gleich um das Ganze zu gehen. Wer hier eine andere Meinung vertritt, spaltet, ist ein "Spatzenhirn" (Kommentar in der FR), hilft der anderen Seite usw. Innen und außen werden konstruiert, die Schafherden gesammelt hinter das Einhauchen der kollektiven Idee von Gewaltfreiheit oder Militanz - je nach Couleur.
Im Vorfeld der G8-Proteste hatten sich die Eliten der verschiedenen Strömungen gegenseitige Akzeptanz und Unterstützung beim gemeinsamen Ziel der Dominanz in der Mobilisierung geschworen. Dieser Schwur zur gemeinsamen Herrschaftsausübung hielt auch über alle Unwägbarkeiten hinweg - außer, wenn das Thema auf die Gewaltfrage kann. Es war ein Leichtes für Medien, Politgrößen usw., durch eine einzelne kleine Frage immer wieder alle Gemeinsamkeit über den Haufen zu werden. Teilweise fielen diese Versuche richtig krampfhaft aus. Als Beispiel mag hier die Frankfurter Rundschau dienen, sie schon seit langem diesen Glaubenskrieg in soziale Bewegungen trägt und eines der Kampfblätter in Sachen der Spaltung in guten und schlechten Protest darstellt. Auslöser einer beeindruckenden Reihe täglicher (!) Hetzkommentare, verbunden immer mit der Empfehlung, zu spalten, auszugrenzen, Teile des Protestes zu entfernen, war eine absurde Razzia von Polizeitruppen gegen verschiedene linke Zentren und Privatwohnungen am 9.5.2007.

Im Original: Im Vorfeld des G8-Gipfels 2007 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
10.5.2007: Aus einem Kommentar von Stephan Hebel in der Frankfurter Rundschau, 10.5.2007 (S. 3)
Spatzenhirne, das wird niemand bestreiten, sind ja neben den vielen Besorgten, Gewaltfreien und Vernünftigen auch unter Globalisierungskritikern zu finden: Farbbeutel-Revolutionäre und Zündler, die sich über Strafverfolgung nicht wundern sollten. ... Aber eines sollten sie* auf keinen Fall tun: sich zu falscher Solidarität mit Gewalttätern provozieren lassen. Dann nämlich hätte sich die Unterstellung, die Grenzen zur Gewalt seien fließend, im Nachhinein bewahrheitet. Stephan Hebel
*gemeint: sog. friedliche Demonstrant_innen

11.5.2007: Aus einem Kommentar von Richard Meng in der Frankfurter Rundschau, 11.5.2007 (S. 3)
Nach den Razzien bei Globalisierungskritikern war an dieser Stelle von "Zündlern" die Rede. Gemeint waren Leute, die durch gewaltsame Aktionen den Unbelehrbaren auf der anderen, der staatlichen Seite die Vorwände für eine Kriminalisierung des gesamten Protests gegen den G8-Gipfel liefern. ... Auch wer nicht alle Parolen der Protestierenden unterschreiben kann, sollte spätestens jetzt auf großen Zulauf friedlicher Demonstranten hoffen. Sie haben ein neues Ziel gewonnen: zu zeigen, dass ein Repräsentant des Staates, der in den Kampf-Kategorien der 68er Jahre denkt, sie von ihrem Recht nicht abhalten kann. Und dass er sie nicht provozieren kann, mit Gewalt zu reagieren.

12.5.2007: Aus einem Kommentar von Richard Meng in der Frankfurter Rundschau, 13.5.2007 (S. 3)
Diese Spirale von Aktion und Reaktion war leider absehbar. Zuerst die groß angelegten Polizeirazzien, danach die demonstrativen Straßenproteste, in Hamburg mit Regelüberschreitung. So, wie eine Überreaktion auf die andere folgt, schwindet schon vier Wochen vor dem G 8-Gipfel in Heiligendamm die Hoffnung, dass in der wichtigen Diskussion über die Folgen der Globalisierung Argumente im Zentrum stehen. ... Weil es in der autonomen Szene einen ohnehin begonnenen Prozess der Aufspaltung verstärken kann, bei dem am Ende tatsächlich wenige besonders Verbohrte meinen, aus dem Staatshandeln ergebe sich die Legitimation für "Widerstand" per Gewalt. Wo sind die Besonnenen geblieben? Wo Leute, die darauf pochen, daran erinnern, dass Protest immer umso friedlicher ablief, je größer die Beteiligung war? Sie dürfen sich die Globalisierungsdebatte gerade jetzt nicht aus der Hand nehmen lassen.

12.5.2007: Aus einem Leserbrief und erneute Polemik in der Antwort von Stephan Hebel darauf, 13.5.2007 (S. 7)
War die FR nicht mal eine links-liberale Tageszeitung bzw. besser, nahm dieses für sich in Anspruch? Dieser Kommentar von Stephan Hebel zeigt, wie weit sich die FR bereits davon entfernt. Kritikerinnen der G8 als "Spatzenhirne" zu bezeichnen und gleich ganz martialisch von abgefeuerten Kanonen zu sprechen, zeugt von Missachtung des Rechts auf Meinungsäußerung, Kritik und zivilen Ungehorsam. Aber genau dies ist nötig, wenn die menschen- und naturverachtende Politik der G8 geändert werden soll - und das wiederum ist dringender denn je. Man kann nur alle denkenden Menschen in diesem Land auffordern: Jetzt erst recht, auf nach Heiligendamm ab dem 2. Juni - vielleicht reihen sich ja auch ein paar FR-Redakteurinnen in die Protestierenden ein?
Gregor Kaiser, Bonn


Antwort: Sehr geehrter Herr Kaiser,
ich bitte Sie: Das zugegeben polemische Wort "Spatzenhirne" bezog sich ausschließlich auf diejenigen, die dem maßlos übertriebenen Vorgehen des Staatsapparates auch noch Vorwände liefern (was dieses staatliche Vorgehen keineswegs rechtfertigt, aber doch bitte erwähnt werden darf). ... Ich habe mir zudem erlaubt, die globalisierungskritische Bewegung vor "falscher Solidarität" mit denen zu warnen, die durch Gewalt der Repression in die Hände spielen (siehe oben). Das haben auch viele aus der Bewegung getan, zum Beispiel Tobias Pflüger. Ist der auch auf der falschen Seite? Stephan Hebel, FR-Textchef

Dann kam die Demonstration vom 2.6.2006 mit den Krawallen in Rostock - und die Gelegenheit wurde beim Schopfe ergriffen, kräftig weiter zu hetzen.

Im Original: Nach der Demo vom 2.6.2006 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Leitartikel-Kommentar "Wider den Sog der Gewalt" von Steffen Hebestreit, in: FR, 6.6.2007 (S. 9)
... auch in Reihen der G8-Gegner wird kontrovers über den weiteren Umgang mit dem Schwarzen Block diskutiert.
Der Ausgang dieser Kontroverse wird entscheiden, ob die berechtigten Anliegen der Globalisierungskritiker dauerhaft Gehör finden werden. Oder ob im Steinehagel gewaltbereiter Chaoten - und es sind Chaoten, die Pflastersteine, Flaschen und mit Rasierklingen präpariertes Obst auf Polizisten schleudern - ob in dem Geschosshagel diese neue politische Bewegung untergeht.
Im Zentrum steht die Frage: Gehört der Schwarze Block zur Protestbewegung? Erfreulicherweise erklären die Veranstalter klar, dass gewalttätige Autonome einfach nicht mehr in ihrem Namen mitmarschieren sollen. Mehr als fraglich ist aber, ob sich diese Position durchsetzt. ...
Nach den Vorfällen von Rostock muss jedem klar sein: Den testosterongesättigten Gewalttouristen des Schwarzen Blocks geht es nicht um Politik, es geht ihnen um Randale, um einen Kick, bestenfalls um ein "Gemeinschaftserlebnis". Die Anliegen der globalisierungskritischen Bewegung bieten ihnen einen Deckmantel, in dessen Schutz sie - vermummt und bewaffnet - die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht führen. Das als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu akzeptieren, wäre ein fataler Irrtum der G8-Gegner.


Aus einem Interview mit Tim Laumeyer, Sprecher der Interventionistischen Linken, in: Junge Welt, 5.6.2007 (S. 2)
Es ist uns offenbar nicht gelungen, unsere Botschaft, dass ein friedlicher Protest die größte Wirkung erzielt, allen Beteiligten zu vermitteln. ...
Bilder wie die aus Rostock werden sich nicht wiederholen, von gezielter Militanz wollen alle Beteiligten bei den geplanten Massenblockaden Abstand nehmen.


Pressemitteilung der Heinrich-Böll-Stiftung am 6.6.2007
Nach den Krawallen vom vergangenen Samstag im Vorfeld des G8-Gipfels erklären Barbara Unmüßig und Ralf Fücks für den Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung heute zum Auftakt des G8-Alternativgipfels in Rostock:
"Die gewaltsamen Ausschreitungen bei der Großdemonstration am vergangenen Samstag sind absolut inakzeptabel und widersprechen dem Geist des breiten Bündnisses, das auf dem heute beginnenden Alternativgipfel in Rostock eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen des G8-Gipfels sucht. Der legitime Protest gegen die Politik der mächtigen Staaten kann sich nicht von einer rücksichtslosen Minderheit in Geiselhaft nehmen lassen. Die gewaltsamen Aktionen schaden den Anliegen derjenigen, die nach Rostock gekommen sind, um ihren Forderungen nach einer gerechteren Welt und einer zukunftsfähigen Politik Nachdruck zu verleihen. Wir fordern das Aktionsbündnis auf, einen klaren Trennungsstrich gegenüber denjenigen zu ziehen, denen es um die Inszenierung von Randale statt um die inhaltliche Auseinandersetzung geht."

Der G8-Landwirtschafts-Aktionstag nur 24 Stunden später wurde als Vielfalt direkter Aktionen, Genfeldzerstörungen usw. angekündigt. Tatsächlich war aber eher ein schwächlicher Herdenauftrieb zu sehen, in dem viele Menschen zur ausdruckslosen Masse in einer vorgefertigten Aktion wurden. Genau das aber wurde dann noch abgefeiert als Erfolg. Der folgende Text stand in der WoZ und wurde als "guter Text" auf der G8-Landwirtschafts-Mailingliste verschickt am 12.6.2007:

Am Nachmittag des Aktionstages steht deshalb eine «Rallye» nach Gross Lüsewitz auf dem Programm. Mit Velos, Rollerskates und Autos legen die Protestierenden die dreizehn Kilometer ins Dorf zurück. Stationen auf dem Weg informieren über industrielle Tierhaltung, die Risiken von Gentechmais oder die Arbeitsbedingungen beim Billiggross-verteiler Lidl. Die Polizei sperrt die Hauptstrasse, aber Nebenstrassen führen dennoch zum Ziel - dem Gentechkartoffelfeld. Es ist umstellt: alle fünf Meter ein Polizeiauto, dazwischen Beamte mit Hunden.
Im Dorf sieht es ähnlich aus: Wie Terroristinnen nimmt die Polizei die Teilnehmerinnen des Protestfestes am Ziel in Empfang. Wie überall in den letzten Tagen ist auch hier eine Gruppe Clowns aufgetaucht. Sie umtanzen die Polizistinnen, imitieren sie, putzen ihnen mit Staubwedeln die Köpfe und kommentieren lautstark die Durchsuchungsaktion: «Sprengstoff! Aaah! Ver-boo-ten!» Gut tausend Leute nehmen am bestens bewachten Protestfest teil. Auch einige Dörflerinnen sind gekommen. Manche beteiligen sich an den Diskussionen, andere schauen skeptisch. Schon optisch sind sie leicht von den bunten Gestalten zu unterscheiden. Vor den Ess- und Infoständen spielen Gruppen Theater. Ein Imker aus Brandenburg erzählt, wie Gentechmaispollen seinen Honig unverkäuflich gemacht haben. Er ruft zu einer «freiwilligen
Feldbefreiung» im Juli im Oderbruch auf: In aller Öffentlichkeit soll, anschliessend an einen Gottesdienst, ein Gentechmaisfeld zerstört werden. Ein Rechtshilfefonds ist bereits eingerichtet. «Solche Aktionen sind vor allem wichtig als öffentliches Symbol, auch wenn die Zerstörung der Pflanzen nicht gelingt», sagt Arne Bilau. Die kleine Gruppe, die als Abschluss des Festes noch zum Kartoffelfeld zieht, ist sehr symbolisch - und wird natürlich trotzdem sofort eingekesselt und in Polizeigewahrsam gehalten, bis der Zug zurück nach Rostock einfährt.

Die hohe Medienpräsenz und der Wechsel zwischen militanten und gewaltlosen Abläufen der Aktionen entfachte ein Trommelfeuer teilweise fanatischer Kommentierungen und Bewertungen von Aktionen durch Bewegungseliten und einige anonyme Schreiberlinge. Hauptthema: Die Gewaltfrage. Dabei hatte es eigentlich an Inhalten nicht gefehlt - und auch die Grundposition, den G8-Chef_innen ganz das Recht abzusprechen, Entscheidungen mit weltweiten Auswirkungen zu treffen, ist in der Tradition des Widerstandes längst verankert gewesen. Doch an kaum einer Stelle der Proteste von Rostock war inhaltlicher Tiefgang zu erkennen. Sie beschränkten sich auf das ritualisierte Abhaken von Thementagen vor dem eigentlichen Geschehen und versandeten dann schnell in der Orientierung auf Rumlatschen in großen Gruppen, während die immer gleichen Eliten von Bewegung in den Fernsehstudios durchsagten, worum es es eigentlich ging. Das unterschied sich dann kaum von Bono oder deutschen Schnulzenbands auf den Bühnen: Appelle an die Mächtigen, „Act now“ in Farbe, tränenreiche Romantik für noch mehr Demokratie. Was hätten die Eliten ohne die Randale eigentlich noch zu erzählen gehabt? Doch beim Thema Gewalt wurde nur noch deutlicher: Protest in Deutschland ist wie die freie Marktwirtschaft - hochkonkurrent, im ständigen Kampf um Werbeminuten für den eigenen Verband oder die eigene identitäre Gruppe, ringend um Marktanteile bei Spenden und Mitgliedschaften. Da fällt kaum noch jemandem auf, dass weder Randale noch gewaltfreie Aktionen kreative Aktionsideen oder emanzipatorische Inhalte aufweisen. Würde dieser Blickwinkel gestärkt, könnte die soziale Bewegung in Deutschland eher insgesamt auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. Gewaltfrei oder militant - wichtig ist der Mitgliedsstand? An einzelnen Beispielen und Texten soll das deutlicher werden.

Fazit aus den informellen Eliten gewaltfreier Zusammenhänge

"Massenmilitanz ist zu dynamisch, als dass sie kontrollierbar wäre"
Ein Blick auf die Gewaltfreien-Ecke zeigt unter anderem Jochen Stay. Er gehört zu den Prominenten der politischen Gruppen, die mit dem Label 'Gewaltfrei' hausieren. Das als Hauptwiderspruch benutzte Label teilt in Gut und Böse, Innen und Außen, d.h. es ist ein markantes Beispiel für identitäre Gruppen- und Einheitsbildung - wie üblich verbunden mit dem Anspruch Weniger, für die nicht mehr gefragten Menschen in der geformten Einheit sprechen zu können. Jochen Stay ist einer dieser Weniger, andere wie die Zeitschrift "Graswurzelrevolution" und andere Koryphäen der Bewegung auch. Er ist aber auch einer derjenigen, die ihre eigene Identität als die herrschende Identität durchsetzen wollen - gegen die explizit nicht Gewaltfreien, aber auch gegen alle die, die offensiv äußern, sich dem identitären Rumgepose der Bewegungs-Obermacker nicht unterwerfen, sondern ihren eigenen Kopf benutzen und je nach Situation zwischen vielen Möglichkeiten der Aktionsformen entscheiden zu wollen.
Jochen Stay ist unbarmherzig: "Die Militanten verdienen keine Solidarität" - also egal ob gezielte Militanz oder das elendige Steinewerfen in die eigenen Reihen. Alle sollen dran glauben müssen und nach der Stay-Regel des Dazugehörens von jetzt nicht mehr dazugehören. Militante raus! "Wir" (in diesem Stil spricht Stay dann auch gleich mal für alle anderen mit) wollen die nämlich nicht.
Wenn Jochen Stay an Militanz denkt, führt er immer wieder die Beispiele auf, die in der Tat die Haare zu Berge stehen lassen: Steinwürfe aus der siebten Reihe, viele Platzwunden am Hinterkopf (so in Rostock nach dem 2.6.2007). Schon diese Kritik ist verkürzt, aber Stay denkt eben nicht politisch, sondern identitär. Die splitternden Glasfronten der immer wieder gleichen Feindbilder Banken und McDonalds müssten Kritik nach sich ziehen, die bei vielen Militanten genauso wie bei den Gewaltfreien offensichtlichen internen Gleichschaltungstendenzen und Dresscodes. Das alles ist wenig emanzipatorisch - und tatsächlich lassen sich unter den militanten Aktionen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zumindest in Deutschland kaum aufklärerische, befreiende, eben emanzipatorische Orientierungen erkennen. Nur: Eine Kritik an der aktuell bestehenden Militanz in deutschen politischen Zusammenhängen ist zu unterscheiden an dem, was denkbar wäre an kreativer, inhaltsreicher Militanz. Das gilt für die Gewaltfreien ja ebenso: Die Langeweile, normierten Aktionen und verkürzten Inhalte der aktuell dominierenden Gewaltfreien in deutschen Landen taugen für eine Kritik an Stay, GWR & Co., aber nicht für eine grundsätzliche. Denn auch gewaltfreie Aktionen können kreativ, selbstbestimmt und inhaltsreich sind. Sind sie nur leider selten. Stattdessen dominieren peinlich genormte Aktionen wie die mit der amerikanischen Armee abgesprochene Blockade eines Eingangstors nahe Frankfurt, dass die US-Luftwaffe ohnehin gerade nicht brauchte. Oder Blockaden an den telegensten Plätzen der Castorroute, die mit dem eigenen Veto gegen den Wunsch aller anderen Gruppen durchgesetzt werden.
Das aber juckt Jochen Stay nicht. Er posiert wie ein PR-Manager mit den Ausnahmen, z.B. der gelungenen 5-Finger-Strategie auf dem Weg zum Zaun in Heiligendamm. In der Tat: Das war ein eher vielfältiges Konzept - und während der Aktion fehlten auch die Obermacker_innen an den Megaphonen. So konnte sich alles interessant entwickeln. Kaum am Zaun angekommen, fanden sich die Herden wieder zusammen und machten das, was deutsche soziale Bewegung - egal ob gewaltfrei oder militant - am besten kann: Langeweile. Das Rumsitzen vor dem Zaun war nicht durch die Polizei erzwungen, analysiert Stay scharfsinnig. Recht hat er, aber schlußfolgert: "Diesen Ablauf hat nicht die Polizei bestimmt, sondern wir selbst, und das macht uns stark." Das 'Wir' sind wieder einmal er und seine Mit-Eliten der Bewegung, denn selbstverständlich ist nirgends irgendwie von allen entschieden worden, am Zaun tatenlos zu bleiben. Warum es stark machen soll, sich selbst zu disziplinieren, bleibt auch unklar. So bleibt der Marsch zum Zaun das einzige positive Beispiel. Dass es die Gewaltfreiheit gewesen sein soll, die den Erfolg bahnte - oder nicht vielleicht eher die kreative Vielfalt und das Abhandenkommen der ständigen Steuerung durch Führungspersonen, dass untersucht Stay lieber nicht. Je platter, desto besser für die Werbung, die schließlich auch signalisiert: Wir sind eine identitäre Gruppe. Darum brauchen wir Werbung für uns. 'Kommt zu uns!' (und nicht zu anderen) ersetzt politische Positionen, offene Debatte und einen Widerstand, der fragend voran geht ...

Im Original: Jochen Stays Fazit zu G8 2007 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Jochen Stay in: Jungle World, 13.6.2007 (S. 19):
Die Faust öffnen! Die Militanten verdienen keine Solidarität. Ein Plädoyer für den gewaltfreien Widerstand.
Ist es politisch zielführend, aus einer Bündnisdemonstration heraus Verkehrspolizisten anzugreifen, ein Mittelklasse-Auto abzufackeln, sich dann hinter Familien mit Kindern zu verstecken und aus der 23. Reihe Flaschen und Gehwegplatten so zu werfen, dass mehr Demonstranten durch »friendly fire« verletzt werden als gut gepolsterte Beamte? Michael Kronawitter von der Antifaschistischen Linken Berlin konnte sich in der Jungen Welt vom 4. Juni darüber freuen, »Berliner Polizisten auch mal rennen zu sehen«, auch weil angeblich »in den letzten Jahren die Polizei den Ablauf von Protesten bestimmt« habe. Aber was ist daran politisch? Was ist daran solidarisch? Und wieso meinen Leute, die sich auf einer Demonstration so verhalten, hinterher müssten alle mit ihnen solidarisch sein?
Ich gebe zu: Mich macht das auch deshalb so ärgerlich, weil mir diese Erfahrungen nicht neu sind. Ich fand es schon in Wackersdorf unerträglich, dass mir, während ich am Zaun sägte, von hinten mit der Zwille Stahlkugeln um die Ohren geschossen und Leute neben mir von Mollis getroffen wurden. Und das Lachen mancher über die ach so militanten Oberpfälzer Bauern blieb dann doch im Halse stecken, als man erfuhr, dass die auch ganz selbstverständlich zu Hause ihre Frauen schlugen.
Massenmilitanz ist zu dynamisch, als dass sie kontrollierbar wäre. Das gilt genauso für Aktionen Einzelner, siehe den Mord an zwei Polizisten an der Startbahn West 1987. Leider sind diese Desaster anscheinend schon zu lange her, um heute noch eine Rolle zu spielen.
In der in den Anti-G8-Camps geführten Debatte um die Gewaltfrage kamen viele der Anhänger von Militanz mit Argumenten, die stark an diejenigen erinnern, mit denen früher für die Prügelstrafe in der Kindererziehung geworben wurde. Wer sich aber die bessere Welt mit der Verbreitung von Angst und Schrecken schaffen will, der muss wahrscheinlich lange auf sie warten. Revolutionen werden meist dadurch gewonnen, dass die Regierungstruppen zur Opposition überlaufen, weil sie deren Argumente nachvollziehen können, und nicht, weil sie Angst vor ihr haben.
Glücklicherweise wurde die Diskussion nach dem Rostocker 2. Juni auf überzeugende Weise mit den Blockadeaktionen am 6. Juni abgeschlossen. Kronawitter hatte noch kurz davor spekuliert: »Militanz heißt, nicht noch die andere Wange hinzuhalten, sondern auch mal zurückzuschlagen. Das wird in den kommenden Tagen sicher passieren.« Da hat er sich gründlich getäuscht.
Gelernt haben also viele was in den Tagen rund um Heiligendamm, einerseits über die politisch vernichtende Wirkung von Massenmilitanz - hatten wir doch vor der Rostocker Demonstration die Auseinandersetzung um den Gipfel quasi schon gewonnen. Und andererseits über die politisch erfolgreiche Wirkung offensiver gewaltfreier Aktion - hatten wir die Sache nach der Demonstration doch quasi schon verloren. Eine Rostocker Zeitung schrieb: „6000 gelangten am Mittwoch nahezu ungehindert am Kontrollpunkt Galopprennbahn an den Zaun. Ein Durchbruch bis in den Tagungsort wäre kein Problem gewesen. Es ist vor allem den Demonstranten zu verdanken, dass es keinen Angriff gab, der vermutlich in einer Katastrophe geendet hätte.“ Diesen Ablauf hat nicht die Polizei bestimmt, sondern wir selbst, und das macht uns stark.
Viele haben beim Training der Kampagne *“Block G8“ in den vergangenen Monaten gelernt, wie ein entspannterer Umgang mit der Polizei nicht weniger, sondern mehr Erfolg ermöglicht. Die Gipfel-Blockaden und die zum dort Ankommen angewandte flexible „Fünf-Finger-Methode“, mit der man Polizeiketten auseinanderzieht, haben es gezeigt.
Gewaltfreies Handeln wird häufig falsch verstanden als passives Stillhalten. Das Gegenteil ist der Fall: Gewaltfreies Handeln ist ein aktives Prinzip, das ermutigt und befähigt, Unrecht und Gewalt gezielt entgegenzutreten. Gewaltfreie Aktion kann also durchaus als Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol verstanden werden. Viele gewaltfreie Aktivistinnen und Aktivisten gestehen dem Staat nämlich gerade nicht zu, Gewalt auszuüben. Sie sehen aber auch nicht ein, nur weil der Staat Gewalt anwendet, dies auch machen zu müssen, sondern suchen intelligentere Wege - die dann manchmal bis nach Heiligendamm führen.
Der Autor ist aktiv bei X-tausendmal quer, - der Gruppe, die das Fünf-Finger-System in die Kampagne »Block G8« eingebracht hat.


Beifall für diesen Text: In der Graswurzelrevolution Sommer 2007 zitiert der Redaktionschef Drücke aus dem Text von Jochen Stay und fügt hinzu: "Schön formuliert, Jochen!"
Gewaltfreie Super-Blockade?

Am Blockadetag gelangten Tausende von Aktivist_innen an den Zaun. Das war verboten, aber ein kluges Aktionskonzept sorgte für den Teilerfolg. Sofort buchten die Gewaltfreien-Führer_innen das als ihren Sieg ab. Doch ist es das? Nein. Das Schlaue am 5-Finger-Prinzip ist nicht die Gewaltfreiheit, sondern das Fehlen eines Zentrums. Die einzelnen Stränge sind selbstorganisiert, die Obermacker_innen von Polizei und Bewegung verlieren die Kontrolle. Die Aktivist_innen aber vermissen die sonst in politischer Bewegung übliche Fremdbestimmung nicht, sondern agieren und entscheiden selbst.
Am Zaun angekommen, war es damit zuende. Es formten sich wieder einheitliche Massen, die immer gleichen Bewegungsführer_innen mit ihren Megafonen tauchten auf. Die Kreativität war weg. Nichts ging mehr. Noch mehr: Das Durchfließen von Polizeiketten und Sicherungen hat schon Gandhi praktiziert. Blieb die Polizeikette stehen, ist er weitergegangen, prallte auf die Sichernden und provozierte deutlich sichtbar eine körperliche Auseinandersetzung. Auch das Fingerprinzip arbeitet damit. Bei der Gendreck-weg-Feldbefreiung 2006 in Badingen prallten 150 Menschen auf eine teilgeschlossene Polizeikette. Der Aufprall Mensch gegen Mensch war einkalkuliert. Einige wurden festgehalten, andere gelangten aufs Feld. Auch hier: Nicht die Gewaltfreiheit, sondern Selbstbestimmung und Kreativität waren die Gründe für den relativen Erfolg!
Noch mehr: Es ist zwar nicht bewiesen, aber auch nicht geklärt ... erst wenige Tage vor dem Marsch an den Zaun hatte das Bundesverfassungsgericht die Aktion möglich gemacht - durch das Verbot der Demo! Erstens könnte es also eine Taktik der Polizei gewesen sein, eine Kampfstätte außerhalb des Zaunes zu schaffen zwecks Selbstbefriedigung und -befriedung der Aktivist_innen. Zum zweiten bekam die Randale vom 2. Juni einen späten Sinn (den die platten Steinewerfer_innen aber nicht kalkuliert hatten): Ohne die Steine kein Demoverbot (das BVerfG hat explizit das als Grund benannt und die vorherigen verworfen!) und folglich ohne die Steine auch kein Erfolg des 5-Finger-Prinzips. So kompliziert ist die Realität - im Gegensatz zu den einfachen PR-Statements der Bewegungsführer_innen.

Inhalte? Einheit?

Die Organisator_innen beschworen Einheit und Geschlossenheit. Streit gab es nur um die Frage der Gewalt - vorher, während und nach den Protesten. Warum diese Prioritätensetzung? Was ist mit Inhalten? Radikale Positionen wurden kaum sichtbar. Stattdessen dominierten Slogans, die seltsam anmuten. Greenpeace war überall, auch z.B. auf der eher von selbsternannten linksradikalen Gruppen organisierten Rostockkonferenz wenige Wochen vorher, mit dem Leitspruch „G8 - act now!“ vertreten. War aber nicht ursprünglich mal als Problem begriffen, dass die G8-Länder handelten? Ähnlich wie im Castorwiderstand wurden Politik und Polizeieinsätze als undemokratisch bezeichnet. Welch ein Demokratiebegriff liegt diesem romantischen Staatsverständnis eigentlich zugrunde? Aber nein - das interessiert niemanden. Die Gewaltfrage dominierte. Schlechte Inhalte sind dann okay, Hauptsache gewaltfrei/militant.

Im Original: Mehr Zitate gegen Militanz bei G8 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Contra-Militanz-Position von Stefan Reinecke* in der taz, 5.6.2007
Der Krawall in Rostock hat drastisch vor Augen geführt, dass die Zusammenarbeit mit Militanten ein Irrtum der Anti-G-8-Bewegung war. Dort haben sich rabiate Jungmänner egozentrisch und gewalttätig aufgeführt - also ungefähr so wie George W. Bush auf internationaler Bühne. Es geht ihnen nicht um Politik, sondern um narzisstische Kicks. Wie man die Macht der Hedgefonds bricht oder globale Unrechtigkeiten abschafft, ist ihnen egal. Sie wollen sich, auf Kosten anderer, Adrenalinschübe verschaffen. ...
Keine Zusammenarbeit mehr mit Autonomen. Und zwar nicht bloß, weil Randale dem Image der Bewegung schadet. Sondern weil Chaoten und Bewegung wenig gemein haben. "Die Bewegung", so ein Linksradikaler kürzlich in der taz, "ist wie ein Orchester", die Militanz darin eine Stimme. Ganz falsch. Die Anti-G-8-Bewegung und die Militanten spielen völlig verschiedene Melodien.

*Journalist beim tagesspiegel, früher bei der taz und Freitag

Spaltungsgerede
Auszug mit Zitaten in: Junge Welt, 11.6.2007 (S. 13)
Die Abgrenzungsarien von Brangsch und Brie sind ebenso schrill wie aggressiv. »Das Prinzip eines ›überwältigenden Konsenses‹ muss durchgesetzt werden. Grenzen sind zu ziehen, oder gemeinsames Handeln ist nicht länger möglich. (...) Offensichtlich ist Zeit für einen Bruch. Let’s make it real.« Das klingt wie Peter Wahl vom ATTAC-Koordinierungsrat, der die Leser des Tagesspiegel wissen ließ, »dass alle, die sich nicht klipp und klar von Gewalt distanzieren, nicht zu uns gehören. Wir müssen gegenüber Gewalttätern eine ähnlich harte Haltung einnehmen wie gegenüber Neonazis: Wir wollen euch nicht bei uns.« Bodo Ramelow: Kirchentage als besserer Widerstand
Aus "G-8-Richter angezeigt", in: Junge Welt, 11.6.2007 (S. 1)
Fraktionskollege Bodo Ramelow kämpft derweil an der entgegengesetzten Front. Der Vizevorsitzende der Linkspartei.PDS erkor am Sonntag – frei nach Spiegel online: »Rostock-Gewalt=Köln« - den evangelischen Kirchentag zum großen Vorbild für globalisierungskritische Kundgebungen, ja Demonstrationen überhaupt. Ramelow ging auf Distanz zu allen Kritikern des massiven Polizeieinsatzes in Heiligendamm. Protest soll besser fernab vom eigentlichen Geschehen stattfinden und bitte auch der Bundeskanzlerin genehm sein, bleibt als Schlußfolgerung aus seiner Erklärung »Ein anderer Protest ist möglich«.

Konsens als Machtwort, Autonome als Feinde der Demonstration - pro Spaltung
Aus dem Standpunktepapier "In der Sacke - oder: Mittel beherrschen Ziele" von Lutz Brangsch und Michael Brie (Rosa-Luxemburg-Stiftung), dokumentiert in: Junge Welt, 6.7.2007 (S. 3)
Die Toleranz wurde zu einem Nebeneinander, das dazu ausgenutzt wurde, Strategien durchzusetzen, die durch keinen Konsens gedeckt waren. ... Der schwarze Block hat in Rostock vor allem ein Anliegen erfolgreich bekämpft – den legitimen und wirkungsvollen Demonstrationszug der Gewaltlosen. Die falsche Toleranz im Vorfeld und die fehlende offensive Vorbereitung auf diese Gewalt durch die Organisatoren der Demonstration hat diesen Sieg der Unvernunft und Inhumanität möglich gemacht. (...) Offensichtlich ist Zeit für einen Bruch. Let’s make it real.
Aus dem dazugehörigen Artikel "Raus aus der Sackgasse", in: Junge Welt, 6.7.2007 (S. 3)
Als Gegner jeder Militanz traten Michael Brie vom Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Sven Giegold vom globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC hervor. Aus dem Rundbrief "Entschuldungs-Kurier EXTRA 1/2007 zum G8-Protest:
Leider bestimmten andere Bilder die Berichterstattung ... Diese Gewalttätigkeiten haben uns zutiefst erschüttert und wir haben uns sofort von jeglicher Gewalt klar und deutlich distanziert. Es ist für uns besonders niederschmetternd, das eine handvoll Gewalttäter das Bild dieser friedlichen Demo so zerstörten.
Aus der Erklärung des Lenkungskreises der Erlassjahrkampagne (abgedruckt auf Seite 2):
Am 2. Juni abends hätten wir Protestierer die Fernsehschirme der Welt für uns gehabt. Statt aber über Schuldenerlass, eine gerechtere Nord/Süd-POlitik bei Hasndel, Finanzen, Umwelt oder Ressourcennutzung zu informieren, haben die Medien Bilder von der Gewalt in Rostock um die Welt geschickt. Gewalttätige Demonstranten haben ein Auto in der Rostocker Innenstadt verbrannt, Schaufenster eingeworfen, Polizisten mit Steinen und Schlagstöcken angegriffen. Diese Demonstranten kümmert der Schaden, den sie den Anliegen der Entschuldung der Entwicklungsländer, einem gerechteren Welthandel, einer Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und einer solidarischen Globalisierung beigefügt haben. Die Medien haben fast ausschließlich über diese Gewalt berichtet.
Der Lenkungskreis von erlassjahr.de möchte seinen Mitträgern gegenüber seine Enttäuschung über diesen gedankenlosen und unpolitischen Aktionen der Gewalttäter zum Ausdruck bringen und sich eindeutig davon distanzieren.


Jimi Merk (Informationsstelle Peru) in: iz3w Juli 2007 (S. 4)
Die anschließende Randale hat mich wütend gemacht. Dabei ist mir letztlich egal, ob eine Provokation der Polizei oder ein Pflasterstein der Auslöser war. Die Polizei hat zum Beispiel mit den Kampfuniformen während der Demo und mit dem lärmenden Hubschrauber über der Kundgebung die Spannungen eskalieren lassen. Dies rechtfertigt allerdings in keinem Fall die Aktionen der so genannten Autonomen, die mit ihren Stein- und Flaschenwürfen Leben und Gesundheit von Polizistinnen und Demonstratinnen gefährdet, die Demonstration als Tribüne für ihren Auftritt und an der Randale unbeteiligte Demonstrantinnen als Schutzschild vor den Angriffen der Polizei missbraucht haben. Gehören diese Leute zu uns? Der (politische) Kampf gegen unser Wirtschaftssystem hat für mich nicht mit einem (militärischen) Krieg gegen die Polizei zu tun!

Angela Klein in der SoZ 7/2007 (S. 9)
Der Schutz der Massenaktion vor ihrer Denaturierung und Instrumentalisierung für fremde Zwecke muss gewährleistet sein - und zwar von den Akteuren selbst.

Auch Linksradikale auf Anschlusssuche an den Anti-Gewalt-Diskurs?
Aus einem Streitgespräch mit Olaf Bernau, dokumentiert in der taz, 19.6.2007
Wenn man nur den Samstag nimmt, würde ich sagen: Der Anfang wurde in der Tat von Seiten der Demonstrantinnen gesetzt.

Aus Strutynski, Peter: "Gewaltverhältnisse. Rostock, Heiligendamm und die Folgen"
Wo Steine fliegen, hört jegliche Diskussion auf. ...
Eine einseitige Schuldzuweisung für die eingetretene Situation in Rostock an die Adresse des nur im äußeren Erscheinungsbild einheitlich wirkenden, in Wirklichkeit aber sehr heterogenen „schwarzen Blocks“ halte ich aus diesen Gründen für verkürzt. Völlig verfehlt war auch die an den Tenor der ersten Medienberichte sich anschließende Erklärung aus der Demonstrationsleitung, wonach die Polizei an der Entstehung der Gewaltsituation keine Schuld trage. Vielmehr hätte sie sich an die vereinbarte Deeskalationsstrategie gehalten. Dem steht doch eine Reihe von Fragen gegenüber, die im weiteren Verlauf der Untersuchungen zu überprüfen wären. In welche Gruppen des schwarzen Blocks waren verdeckt arbeitende Polizisten eingeschleust worden? Immerhin ist mindestens ein Polizeispitzel von Demonstranten enttarnt worden. Unvorstellbar, dass dies der einzige gewesen sein soll. Welche Strategie verfolgten die eingeschleusten Polizisten in Zivil? Lautete ihr Auftrag tatsächlich nur „Informationsbeschaffung“ oder hatten sie auch freie Hand, zur Gewalt aufzustacheln? Liegen der Polizei Erkenntnisse vor, ob sich im schwarzen Block auch eingeschleuste rechtsradikale Gruppen befanden? Wie konnte es passieren, dass ein Polizeiauto auf dem Kundgebungsplatz „zurück gelassen“ wurde? Manche Beobachter sahen in dem tätlichen Angriff auf dieses Auto den entscheidenden Auslöser für das Eingreifen der Polizei. Der ehemalige Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber äußerte sich hierzu in einem Interview: „Das empfanden einige Teilnehmer offensichtlich als Herausforderung. Das Fahrzeug wurde attackiert, ein Gruppe von Polizeibeamten versuchte einzugreifen, und danach überstürzten sich die Ereignisse.“ Wozu kreiste ein Polizeihubschrauber immer wieder für längere Zeit direkt über dem Kundgebungsplatz und erzwang auf diese Weise die wiederholte Unterbrechung der Kundgebung? Warum war das vereinzelte Abschießen von Feuerwerkskörpern - bei der Auftaktkundgebung am Bahnhof gleichsam als Beigabe zum karnevalistischen Charakter des Aufzugs noch geduldet – am Rande der Schlusskundgebung Anlass für polizeiliche Übergriffe?
Um nicht missverstanden zu werden: Hier soll nun keineswegs der Versuch gemacht werden, den Spieß einfach umzudrehen und die Randalierer aus dem schwarzen Block zu entschuldigen. Mir geht es vielmehr darum, auf die strukturelle Ähnlichkeit des Verhaltens gewaltbereiter „Protestierer“ und gewaltbereiter „Ordnungskräfte“ hinzuweisen. Zwischen ihnen besteht ein psychisch-mentaler symbiotischer Zusammenhang, der sich – beinahe gesetzmäßig – in einer Spirale der Gewalt entlädt, wenn die äußeren Rahmenbedingungen es zulassen. Und diese Rahmenbedingungen wurden im Vorfeld von Rostock geschaffen. Unnötig zu sagen, wessen politische Geschäfte hierbei erledigt werden.
Unnötig auch zu sagen, dass eine an politischer Aufklärung interessierte globalisierungskritische und Friedensbewegung jegliche Gewalt bei Demonstrationen strikt ablehnen muss.

Aus einer lesenswerten Zusammenfassung zum Anti-Gewalt-Hype nach dem 2.6.2007 auf Indymedia
Die Reaktion des Rostock-Bündnisses
Selbstverständlich sind die Möglichkeiten eines Bündnisses beschränkt, auf diesen Krieg der Bilder adäquat Einfluss zu nehmen. Dass die Wirklichkeit in der Hand der Beteiligten liegt, deren Ausdeutung und Nachbelichtung jedoch in der Hand des embedded Journalismus, sollte jedoch den Erfahrenen innerhalb des Bündnisses nicht entgangen sein. Anstatt die Pressekonferenz noch am selben Abend abzuhalten, verschob man sie auf den folgenden Tag. Zeit genug, um Kron-Zeugen aus den Reihen des Bündnisses zu suchen, die die Version eines marodierenden Schwarzen Blockes stützten.
»Wir wollen euch nicht mehr sehen!«, erklärte Attac-Sprecher Peter Wahl am Sonntag im Fernsehsender nt-v in Richtung Autonome. Bei dem »schwarzen Block« handele es sich »um eine Gruppe von Personen, die mit der Absicht, Krawall zu machen, angereist ist.«
Monty Schädel, Anmelder der Rostock-Demonstration und Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft verglich am Sonntag abend in einem ZDF-Interview die Ereignisse vom Vortag mit den Pogromen 1992 in Rostock-Lichtenhagen vor einem Flüchtlingsheim.
Werner Rätz, der zum linken Flügel im Attac-Koordinierungskreis zählt und Mitglied in der Interventionistischen Linke/IL ist, komplettierte die Kronzeugenliste. Er entschuldigte sich »bei den Rostocker Bürgern für die Eskalation…(und) präzisierte (dabei), wie seine Organisation in den kommenden Tagen mit mutmaßlichen Militanten umzugehen gedenke: ›Wenn einer ankommt, mit Kapuze und Palästinensertuch vor dem Gesicht, dann sagen wir dem, er ist unerwünscht.‹ Nachdem auch der linke Flügel innerhalb Attac wegknickte, meldete sich Peter Wahl mit einer allerletzten Attacke zu Wort: »Wir werden in Zukunft nur noch Demonstrationen mit der klaren Ansage machen, dass alle, die sich nicht klipp und klar von Gewalt distanzieren, nicht zu uns gehören. Wir müssen gegenüber Gewalttätern eine ähnlich harte Haltung einnehmen wie gegenüber Neonazis: Wir wollen euch nicht bei uns.«
Mit dieser Gleichsetzung brachte sich der Attac-Sprecher auf die Höhe rechter Totalitarismus-Theorien und machte sich zum Bündnispartner jener, die sich in Heiligendamm zum G-8-Gipfel trafen.

Aus Jürgen Elsässer, "Provokateure raus!" in: Junge Welt, 16.6.2007 (S. 11)
Glaubwürdig kann die Linke diesen Widerstandsparagraphen jedoch nur für sich reklamieren, wenn sie sich als Verteidigerin und nicht als Feindin der Verfassung präsentiert. Das schließt die darin festgeschriebene Garantie des Privateigentums ein - allerdings auch dessen soziale Bindung und die Möglichkeit für Enteignungen, mit anderen Worten: das venezolanische Übergangsmodell zum Sozialismus. Für dieses Programm sind nicht nur Christdemokraten wie Heiner Geißler und Norbert Blüm zu begeistern, sondern auch Polizisten und Soldaten ...
Neben der Hetze: Die Wir-sind-völlig-nett-Selbstdarstellung

Mehr noch als die identitätsstiftende Abgrenzung von militanten und selbstorganisierten Gruppen deutet das penetrante Gerede von der eigenen Nettigkeit darauf hin, worum es den Strateg_innen der Gewaltfreiheit auch geht: Akzeptanz beim Gegner und beim gut betuchten, für die Spendeneingänge so wichtigen Bildungsbürger_innentum. Das nämlich, mangels brauchbarer Herrschaftsanalyse fast überall in gutmütiger, aber intensiver Befürwortung rechtstaatlicher Ordnung geübt, hat von dem Glauben in die Wirksamkeit netter Händchen-Halt-Aktionen auch etwas: Den Glauben, gegen das Schlechte in der Welt etwas auszurichten. Wenn dann noch Campact, .ausgestrahlt usw. verkünden, dass wegen ihnen die und die Erfolge erzielt wurden - perfekt! Diese Selbstbelügung ist ihren Preis in Form einer satten Spende an die Verkäufer_innen guten Gefühls wert.
Eine Ähnlichkeit mit der Aufmüpfigkeit von Vorbildern wie Gandhi, Luther King oder Jesus hat all das allerdings dann auch im gewaltfreien Sinne nicht mehr.

Im Original: Gerade von der eigenen Harmlosigkeit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Einleitungstext zu einer Bilderreihe vom G8-Protest ... dann folgt vor allem Langeweile, zwar bunt gekleidet, aber ohne kreative Aktion
Seit den militanten Auseinandersetzungen auf der Großdemonstration am 2. Juni in Rostock sieht die gesamte Weltpresse den Geist von Genua heraufziehen und widmet sich mit aller Leidenschaft ausschließlich den Autonomen. Erfreulicherweise können wir, als autonomes, linksradikales Fotoarchiv, uns somit ganz darauf konzentrieren, auf die anderen Gesichter des G8-Widerstandes hinzuweisen - sozusagen um Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Nun denn:, das Schwadronieren über den "Holiganismus" der Autonomen überlassen wir einstweilen der taz. In dieser Bildgalerie über den 2.-4. Juni in Rostock seht ihr erste Eindrücke eines kreativen, militanten, internationalen und bunten Widerstandes gegen den G8-Gipfel.


Aus "Bunte Bilder statt Schwarzer Block", in: FR, 6.6.2007 (S. 5)
Bunte Plansche-Bilder, hilflose Versuche, die Aufnahmen von Randale und Gewalt zu verdrängen.
"Wir müssen zu unserem Konzept zurückfinden, das wir seit 2005 vorbereitet haben", sagt Monty Schädel von der Deutschen Friedensgesellschaft. Die Vielfalt einer Protestbewegung müsse gezeigt werden, die nicht auf Eskalation mit der Polizei aus sei. In den Camps sehen das längst nicht alle so. Dort mischen sich militante Autonome, Christen, Friedensaktivisten, Umweltschützer. "Friedlich, anders kann es gar nicht gehen", sagt eine junge Frau aus Köln im Camp Reddelich.

Rameleien
Bodo Ramelow, PDS-Führungskader und zuständig für die autoritäre innere Organisation, verglich Kirchentag und G8-Protest, zitiert in: Junge Welt, 11.6.2007 (S. 8)
Über sein Büro ließ er ausrichten: »Für mich war der Kirchentag aber auch schärfer«. Bitte was?! »Er war schärfer in der Kritik an der unakzeptablen Zurückhaltung der G8 bezüglich Klimaschutz und Armutsbekämpfung und zwar in doppelter Hinsicht.« Doppeltgemoppelt zeigt Ramelow allen G-8-Gipfelgegnern den Weg zum Gipfelkreuz. »Einerseits war auf dem Kirchentag scharf getrennt zwischen eindeutig friedlichen und mit Gewalt unklar umgehenden Demonstranten, denn es gab einfach niemand, der Gewalt als Mittel des Protests toleriert oder gar gerechtfertigt hätte«. Nur Gott allein schenkt fröhlich ein. Dann freuen sich auch die Wachtmeister: »Andererseits konnte man auf dem Kirchentag auch ›die andere Seite‹ schärfer sehen, denn die Polizei fand nicht nur mit dicken Helmen und in Hubschraubern statt, sondern die Beamten waren als ganz normale Menschen zu erkennen und jederzeit freundlicher Ansprechpartner«.
Dasselbe nochmal: NATO-Gipfelproteste 2009 in Straßbourg

Die Strategien wiederholen sich von Event zu Event: Gewaltfreie inszenieren sich als Bewegungen, die mensch einfach liebhaben muss und sich - um ein angestaubtes, bürgerliches Bild zu verwenden - zum Schwiegersohn wünscht. Militante und auch bereits selbstorganisiert-unberechenbare Gruppen werden diffamiert.

Im Original: Hetze gegen Militanz in Straßbourg ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Alle Gewalt ist "kontraproduktiv" - immer, überall, in jedem Kontext!
Aus Andreas Speck: "Nach Straßbourg. Zum Umgang mit Gewalt in den eigenen Reihen", in: GWR Mai 2009 (S. 11 f.)
Als Graswurzelrevolutionärinnen, als gewaltfreie Anarchistinnen müssen wir uns jedoch auch mit Gewalt aus den Reihen sozialer Bewegungen auseinandersetzen, denn diese Gewalt ist aus unserer Revolutionsperspektive kontraproduktiv. ...
Auch wenn "wir ... weit davon entfernt [sind], aus der Gewaltfreiheit wieder ein Dogma zu machen" (Clara Wichmann), so kann es doch auch nicht darum gehen, Differenzen in der linken und revolutionären Bewegung zuzukleistern und durch Aussparung der Gewaltdiskussion letztendlich einem "Alles ist möglich" das Wort zu reden. Auch die "Toleranz der Aktionsformen" hat ihre Grenzen, und die sind nicht erst da erreicht, wo Menschenleben bedroht werden, sondern da, wo durch die Militanz einiger die gesamte Bewegung in eine aus meiner Sicht falsche militante Auseinandersetzung gedrängt wird. ...
Auch wenn ich schon jetzt den Spaltungsvorwurf höre, so gibt es für mich klare Bedingungen für eine zukünftige Zusammenarbeit. Und dem Spaltungsvorwurf entgegne ich, dass hier faktisch der spaltet, der Menschen und Gruppen durch die Nichtbeachtung ihrer Aktionsformen und -grenzen aus der Bewegung drängt. ...
Folgende Bedingungen kann ich mir für eine zukünftige Zusammenarbeit vorstellen: ... klare Absprachen zu einem eventuellen gemeinsamen Camp und zum Umgang mit Eskalationen und der Polizei, sowie die Bereitschaft, diese Absprachen auch gegenüber nicht an den Absprachen beteiligten Gruppen und Personen mit durchzusetzen; klare Absprachen, Demonstrationen nicht für eine Auseinandersetzung mit der Polizei zu nutzen.


Absurd: Eine Seite vorher versuchen die "Gewaltfreien", französische Proteste für ihre Ideologie einzugemeinden - und beschreiben dabei sogar das Einsperren von Menschen als positive Aktion (vergleiche die dogmatische Position im Hegemoniekampf nach Innen und die PR-orientierte Vereinnahmung von Aktionen nach außen!), in: GWR Mai 2009 (S. 10)
Der Blockierte ist zum Verbleib am Ort gezwungen, manchmal bis die Polizei räumt. Trotzdem wird die Person weder körperlich bedroht noch verletzt.

Aus Ulrike Laubenthal/Hans-Peter Richter, "Gedanken zur spektenübergreifenden Zusammenarbeit", in: GWR Mai 2009 (S. 12 f.)
Und deshalb brauchte die Regierung dringend Gewalt von Seiten der Demonstrantinnen. Nehmen wir mal an, es hätte an diesem Tag keinerlei Gewalt von Seiten der Demonstrantinnen gegeben. Keine Rauchsäulen über Hotels, keine zerstörten Bushäuschen, keine erbosten Anwohnerinnen, nicht mal Vermummte. Nehmen wir an, die Polizei hätte ihr Tränengas und ihre Blendgranaten von Anfang bis Ende ausschließlich gegen Leute eingesetzt, die in keinerlei Weise auf diese Eskalation eingestiegen wären. Der politische Preis wäre vermutlich inakzeptabel hoch gewesen. Wir werden nie herausfinden, welche der Gewalttaten von agents provocateurs und welche von "echten" Demonstrantinnen begangen wurden. Sicher ist: Sie haben alle der Gegenseite gedient.
Das heißt andererseits: Wir können als Aktivistinnen unseren eigenen Handlungsspielraum erweitern, wenn wir uns auf eine Strategie der aktiven Gewaltfreiheit festlegen. Wenn von vornherein klar ist, dass wir unsererseits unter keinen Umständen Gewalt anwenden werden, dann weiß die Gegenseite, dass sie einen hohen Preis zahlen muss, wenn sie uns mit Gewalt angreift. ...
Ein Glück für die Polizei, dass es ausreichend Bilder von gewalttätigen Demonstrantinnen gab - sonst wäre sie womöglich in Erklärungsnot geraten, warum sie friedliche Leute angreift. ...
Gewalt ist eine soziale Verhaltensweise, die subjektiv aus der Sicht des Täters in aller Regel sinnvoll und gerechtfertigt erscheint. Objektiv gesehen ist sie aber unserer Meinung nach immer schädlich. Sie mag einen kurzfristigen Erfolg bringen, ein Vordringen ermöglichen, ein Gefühl des Triumphs geben - langfristig schadet sie der Bewegung. Deshalb ist unsere Antwort auf die Frage nach Kriterien für militante Aktionen relativ einfach: Wenn "Militanz" bedeutet, dass man Menschen angreift, direkt oder indem man ihr Eigentum zerstört, dann halten wir alle militanten Aktionen für falsch. Gewalt schadet uns, egal von wem sie ausgeht. ...
Wir haben hier die strategischen und taktischen Gründe dargelegt, warum Gewaltfreiheit für eine soziale Bewegung sinnvoller ist als Gewalt. Darüber hinaus haben wir ethische Gründe, uns grundsätzlich gegen Gewalt zu entscheiden. Darüber diskutieren wir gerne.
Das Angebot zur Diskussion wurde übrigens angenommen. Aber dann stellte sich - erwartungsgemäß - heraus, dass das mal wieder nur ein rhetorischer Trick war. Eine Gegenposition wurde nicht abgedruckt. Die GWR ist ein einseitig-ideologisches und damit zensiertes Blatt - sie will über Fragen wie Gewaltfreiheit und (Basis-)Demokratiebejahung nicht diskutieren lassen. Das ist Gehirnwäsche - aus selbsternannt anarchistischer Feder.

Kritik an dogmatischer Gewaltfreiheit

An der dogmatischen Gewaltfreiheit gibt es viel Kritik, die folgenden Texte sind nur eine kleine Auswahl.

Im Original: Gerade von der eigenen Harmlosigkeit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Werner Pirker, Der gewalttätige Pazifismus, in Junge Welt am 30.11.2001
Der gewalttätige Pazifismus
... Das Dogma der absoluten Gewaltfreiheit kann deshalb auch nie zur politischen Praxis werden. Gandhis "gewaltfrei" errungener Sieg war kein Sieg des Pazifismus, sondern einer richtigen Taktik, angewandt zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort. ...
In der taz hat im Verlaufe des Krieges, zumindest was den neuen Pazifismusdiskurs betrifft, eine Globalisierungslinke die Meinungsführerschaft übernommen, die wie Sibylle Tönnies, in der vollen Durchsetzung des imperialistischen Monopols die glückliche Vollendung der Menschheitsgeschichte erblickt. ... erhofft sich die gute Frau Gerechtigkeit allein über die Herstellung eines Weltgewaltmonopols, einer Weltpolizei. Die Weltpolizei als Freund und Helfer aller Weltbürger, im Gemeinbesitz aller friedlichen Nationen, dazu da, den sozialisierten Teil der Welt zu schützen nd den anderen in Erziehungsheimen und Arbeitslagern unterzubringen. ... Der Polizeistaat als internationale Einrichtung - eine linksliberale Verheißung. Damit konnte wirklich keiner rechnen, dass liberale Linke in der Tradition des 68er-Antiautoritarismus einmal alle Befreiungshoffnungen auf die Polizei setzen würden. Frau Tönnies stellt die polizeistaatliche Umgestaltung der Welt auch noch so dar, als wäre dies der letzte Schritt, den die Menschheit zu ihrer völligen Emanzipation noch zu gehen habe. "Die Menschheit ist reif, ein globales Gewaltmonopol aufzubauen." ...
Die Errichtung eines westlichen Gewaltmonopols über die Welt, was sonst ist das Weltgewaltmonopol, bedeutet die Verhängung des permanenten Kriegszustandes. Eine schöne Weltzivilgesellschaft, die uns von einer postmarxistischen Linken da verheißen wird.

Aus Anonym: "Einige Notizen zu aufständischem Anarchismus"
Es mag unter Umständen individuelle Gründe geben, die Erreichung der eigenen Ziele mit gewalttätigen Mitteln anzuzweifeln. Aber wenn Gewaltlosigkeit auf die Ebene eines gewaltlosen Prinzips gehoben wird und wenn die Realität gespalten wird in "gut" und "böse", dann verlieren die Argumente an Wert und alles schlittert in Bahnen der Unterwürfigkeit und des Gehorsams. Die Offiziellen der Anti-Globalisierungs-Bewegung haben durch ihre Distanzierung und den Denunzierungen von anderen einen Punkt speziell klar gemacht: dass sie ihre Prinzipien - zu denen sie sich verpflichtet fühlen - als einen Anspruch zur Macht über die Bewegung als Ganzen sehen.

Doch so viel anders ist die Gegenseite gar nicht. Auch hier regiert ein Fetisch, nur lautet er diesmal Militanz - ersetzt aber oft ebenso Inhalt und Vielfalt.

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Letzte grundlegende Überarbeitung: Januar 2014 ++ Letzte Detailänderung: Di., 27.12.2016