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Dekonstruktieren statt rekonstruieren!

Auf dieser Seite: Definition ++ Debatte über Definition ++ Debatte ++ Marxismus und Wahrheit ++ Wahrheit ++ Links

Begriffsbestimmungen

Die folgenden Definitionen dienen der Klärung, wie die Begriffe in der Diskussion rund um die Projektwerkstatt und diese Internetseiten (also z.B. im AC/PC-Papier und in anderen Diskussionsbeiträgen auf der Hoppetosse-Mailingliste) benutzt werden.
Ob die hier genutzten Definitionen passend sind bzw. mit schon erfolgten früherer Diskussionen und Veröffentlichungen übereinstimmen, darf angezweifelt werden. Eventuell müssen dann neue Begriffe geschaffen werden. Schließlich: Es kommt auf den Inhalt, das hinter dem Begriff „Dekonstruktion“ stehende Ziel und die hinter „Rekonstruktion“ stehende Kritik an.

Definition „Konstruktion“

Konstruktion bezeichnet das Herstellen entweder ...

Schon die Begriffe, die der Abgrenzung dienen, können konstruierte, d.h. nicht tatsächliche, soziale Kategorisierungen darstellen.

Definition „Dekonstruktion“

Dekonstruktion bezeichnet das Offenlegen der Konstruktion, ihrer dahinterstehenden Denkmuster, –logiken und Formen der Weitergabe, das Eintreten für Selbstbestimmung und der Widerstand gegen alle Formen der Konstruktion und Rekonstruktion.

Definition „Rekonstruktion“

Rekonstruktion bezeichnet die Wiederherstellung, Verstärkung oder Wiederholung von Konstruktionen sowie die kritiklose Benennung konstruierter Zusammenhänge zwischen abgegrenzten Gruppen von Menschen mit behaupteten sozialen Eigenartigkeiten – unabhängig, ob dieses zum Zwecke diskriminierender, schützender oder (pseudo)wissenschaftlicher Argumentationen oder Aktivitäten dient.

Anmerkungen zum Definitionsversuch "Konstruktion/Dekonstruktion/Rekonstruktion"
ich fände das schwierig zu dekonstruieren, ohne dabei wieder neue, andere Konstruktionen zu entwickeln. Selbst wenn ich das versuche, nämlich ohne neue Konstruktionen zu dekonstruieren, begehe ich schon wieder die Sünde der Konstruktion! Denn ich konstruiere dann die Möglichkeit einer Realität jenseits aller Konstruktionen - und eine solche „unkonstruierte“ Realität nenne ich eine Konstruktion der allerhandfestesten Art. Denn will ich ohne neuerliche Konstruktionen dekonstruieren, dann begebe ich mich direkt in den Kreis von Religionskonstrukteuren, denn ich konstruiere einen Gott. Wer anders als ein Gott könnte DIE EINE, unkonstruierte Realität geschaffen haben ???  Stendhal sagte das so: Die einzige Entschuldigung Gottes ist die, daß er nicht existiert. Daher: Immer wenn ich dekonstruiere - und damit ja gleichzeitig wieder neukonstruieren muß -, geschieht dies für mich selbst, subjektiv, immer dann VERANTWORTLICH, wenn meine Konstruktionen und Dekonstruktionen nicht den Anspruch erheben, „wahr“ zu sein. Sie sind Spiel - und wo wäre ein größerer Ernst als im Spiel? Im Spiel der Konstruktionen entscheidet sich die Frage meines Seins. Dumme Spiele - blöd gelaufen! Gar kein Spiel - allzu blöd, denn nix gelaufen!

Definitionen und Diskussionen aus der Hoppetosse-Mailingliste

Konstruktionen sind ein Mittel, dass Herrschaft subtil durchsetzen kann.  Diskursiv. Das bedeutet, dass die Menschen, die materiell ein Interesse (oder ein anderes, status oder so, Menschen streben nach mehr las nur nach materiellen Dingen, zum Beispiel nach gesellschaf5tlicher Anerkennung oder Macht ueber andere - das muss nicht mal mit materiellen Vorteilen verbunden sein) an etwas haben, konstruieren eine Sicht der Dinge. Zum Beispiel Gender, also soziales Geschlecht, oder Voelker, Nationen, weiss ich...Gott, Satan, die Tobin Steuer. Wenn Du es schaffst, den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen, fangen auch Menschen, die subjektiv gar nix davon haben, an, der Gueltigkeit deines Konstruktes zu glauben und es evtl. weiterzuspinnen.  Natuerlich gibt es materielle Gruende fuer Rassismus und Sexismus. Aber doch gar nicht fuer jeden einzelnen Sexisten und Rassisten! Der Nazi hat ja nix davon, wenn er Asylheime abfackelt, ausser einem kurzen Hasshypewahn, in dem er sich mental einen runterholt. Auch wenn alle „Auslaender draussen“ sind, aendert sich fuer ihn gar nix, materiell gesehen. In den NBZs gibts auch nicht mehr Arbeitsplaetze oder so.
Es mag immer noch Leute geben, die davon profitieren. Sie bestimmen den Diskurs, die Bildzeitungsleser rennen hinter her, glauben dem herrschenden Diskurs und machen mit, ohne dass sie auch nur im geringsten was davon haben. Und DAS  musst Du mir mal materiell erklaeren! Das ist naemlich die Herrschaft mittels Konstrukten. Du kannst so manipulieren, was die Menschen zu denken haben. Und das ist schon obe-praktisch.  Der Satz „stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ legt genau das offen. Stell Dir vor, wir machen bei Eurem Kram nicht mehr mit. Und dass aber so viele Leute mitmachen, liegt daran, dass ihnen erzaehlt wird, sie haetten was davon, obwohl das nicht so ist, ja ihren Interessen eigentlich sogar diametral entgegensteht (Etwa Krieg)! Damit der Laden laeuft, muessen die Herrschenden den Unterdrueckten erklaeren, sie haetten was davon, mitzumachen, auf jeden Fall ist das die einfachste Art, zu herrschen, weil herrscherIn sich nicht mit brutalen Mittel rumplagen muss. Und das muss konstruiert werden. Alle glaubens und machen mit. Brauch ich ne  Nation fuer meine Interessen, muss ich sie mir konstruieren, am besten mit irgendwas belegen und dafuer sorgen, dass die Existenz vom „Volk“ , also den Beherrschten, nicht mehr hinterfragt wird.
Die Tobin Steuer beispielsweise. Ich weiss nicht, wer da jetzt konkret von profitiert, wenn die durchgesetzt wird. Auf jeden Fall, gibt es ne Menge Leute, die zeigen, dass sie letztlich gar nix bringt. Aber es gibt eine Menge Menschen, die sich dem Kampf fuer die Tobin Tax verschreiben. Dabei geht es gar nicht mehr darum, was sie wirklich kann oder ist (viele haben das immer noch nicht gecheckt, z.B. Linksruck), sondern was die Menschen GLAUBEN, was die EInfuehrung der TT alles bringen wird! Ein Konstrukt.  Nationen. Wo bitte ist die bilogische, materielle Existenzberechtigung dafuer? Was bitte soll das sein, eine Nation? Mag sein, dass es Gruppen gibt, die von der Existenz von Nationen profitieren und deshalb ihre Existenz forcieren und herbeireden. Deswegen existiert aber real noch lange keine Nation wirklich. Natuerlich haben wir Paesse, und Staatsangehoerigkeiten und was weiss ich, aber die „Nation“ ist nichts greifbares. Sie ist ein Konstrukt, da zwar reale Auswirkungen hat (pass, Abschiebung, Regierung was weiss ich), aber eigentlich ist der Begriff Nation ein Schwachsinn. Warum sollte es fuer Menschen einer bestimmten biologischen Auspraegung und evtl. auch Sprache ein angeborenes recht auf einem bestimmten Fleckchen des Plaenten und nirgnds sonst, ausser er/sie qualifiziert sich dafuer besonders, wohnen zu muessen/duerfen, geben? Wo ist da eine rationelle Begruendung bitte? Und warum ist Oessterreich eine eigene „Nation“, wenn sich doch sonst alles aehnelt zur BRD (Sprache, Hautfarbe, „Kultur“). Und was ist ein Volk? Muss ich zu einem Volk gehoeren, auch wenn ich das nicht will? Hat ein Volk Rechte?
All diese Dinge sind Konstrukte. Das heisst nicht, dass nicht ihre Auswirkungen real existent sind und sich in vielfaeltiger Weise niederschlagen. Aber: Sie haben keine rationale Existenzberechtigung und sind anders denkbar, das heisst, die Tatsache, dass gender so reproduziert wird in unseren Koepfen inst aenderbar, wenn ein anderer herrschender Diskurs eintritt. Welcher Diskurs herrscht, ist natuerlich wieder abhaengig von den Grundbedingungen: wer herrscht und wer die Macht hat. Ich kann mir das nicht wegdenken, aber ich kann erkennen, dass mensch diese diskursive Herrschaft und konstruierte Zustaende auch auf der Ebene angreifen kann.  Transgender Leute leben diese Dekonstruktion.
Im Prinzip ist eine Aktion gegen Diskurse eine Art Verwirrung zu stiften und andere Denkmoeglichkeiten aufzuzeigen. Beispielsweise, dass es auch sein koennte, dass alles andersrum ist, oder ganz anders ist.
Das ist zumindest das, was ich meine, und was ich glaube auch in Joerg‘s, Felix‘s und Oliver‘s Argumentation so verstanden zu haben.
Konstruktivismus heisst im Uebrigen nicht, dass dann alles richtig ist und gar nichts mehr erkennbar. Denn alle halten ihre Sicht fuer die plausibelste. Aber das hat Oliver schon mal sehr schon dargestellt, in einer Diskussion mit Klaus, die ich hier jetzt nicht wiederholen moechte.

Im Original: Kritik am Konstruktivismus und Antwort darauf ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
> > Radikal waere, die Welt richtig zu erklaeren.
>
> Auch. Wobei ich „richtig“ in Zweifel ziehe. Das geht von der
> Existenz von Objektivitaet aus. Und die gibt es meines Erachtens
> nicht. Eine solche Position waere meines Erachtens auch
> antiemanzipatorisch, weil sie etwas ueber den Menschen stehendes
> „Richtiges“ schafft - so wie vor allerhand Jahren, dass die Sonne um
> die Erde kreist usw.).
Da scheint der Kern unserer Differenz zu liegen. Wenn es nichts objektives und richtiges gibt - warum diskutieren wir denn dann ueberhaupt? Jeder kann dann gut seine Meinung vertreten, weil es gar kein Kriterium dafuer gibt, wer bei zwei sich ausschließenden Positionen recht hat (die Realitaet richtig beschreibt). Dann kann mans aber auch mit der Politik gleich lassen, denn irgendwie hat ja jeder recht (bzw.: es ist total-egal).  im uebrigen beisst sich diese form idealismus mit emanzipatorisch, denn emanzipatorisch heisst, dass man sich gegen zwangsverhaeltnisse wendet. das setzt aber nunmal voraus, dass man diese als bestehend (und nicht nur bloss gedacht) annimmt. nach deiner position koennte man sich aber diese zwangsverhaeltnisse (richtig bzw. objektiv gibts ja nich) einfach schlicht wegkonstruieren/wegdenken etc...

> Wenn es nichts objektives und richtiges gibt - warum diskutieren
> wir denn dann ueberhaupt?
Ha! Danke fuer die Steilvorlage :-)))
WEIL (nicht obwohl) es nicht „das richtige“ gibt, diskutieren wir, denn:
  • Diskussion dient der Annaeherung an eine gemeinsame Wahrnehmung und der Verabredung gemeinsam Wahrgenommenen (das die miteinander Diskutierenden dann teilen - andere aber schon nicht mehr)
  • Diskussion dient der Entwicklung, Erweiterung und Veraenderung von Standpunkten, Sichtweisen usw.
Gaebe es dagegen „das richtige“, DANN waere Diskussion ueberfluessig, sondern es ginge nur darum, dass die, die „das Richtige“ schon wissen, es den Nichtwissenden vermitteln (so wie Diskussionen, auch und gerade in Kommi-Zusammenhaengen, denn tatsaechlich immer wieder sind ...)

> wer bei zwei sich ausschlie-enden Positionen recht hat
Stimmt. Das beendet die Debatte aber nicht, sondern oeffnet sie geradezu. Ansonsten ist Streit um die richtige Lehre (Diskussion entsteht dann ja nur, wenn beide glauben „das Richtige“ zu kennen - die Folge: Zoff statt Debatte).
Kriterien koennen aber trotzdem eingefuehrt werden. Sie sind nur nicht „richtig“ im Sinne von absolut. Sondern die DiskutantInnen einigen sich darauf. Zum Beispiel mein Vorschlag fuer das grundlegendste Kriterium: Ist etwas emanzipatorisch oder nicht?

> dass man sich gegen zwangsverhaeltnisse wendet. das
> setzt aber nunmal voraus, dass man diese als bestehend
Nein. Zwangsverhaeltnisse werden empfunden. Ob sie so, wie sie empfunden werden, wirklich sind (Sender-Empfaenger-Verhaeltnis), ist eine andere Frage, zunaechst fuer einen (am Anfang unflektierten) Widerstand aber gar nicht wichtig.

> nach deiner position koennte man sich aber diese
> zwangsverhaeltnisse (richtig bzw. objektiv gibts ja nich) einfach
> schlicht wegkonstruieren/wegdenken etc...
Dann liest Du meine Positionen aber unvollstaendig. Ich habe immer gesagt, dass Konstruktionen sehr wohl wirkmaechtig sind. Dass der Anschlag auf das WTC ein Anschlag auf die Zivilisation ist, ist ein Konstrukt. Ein sehr wirkungsvolles. Ist nicht einfach wegzukonstruieren.
Dass Attac unser aller Dachverband ist, ist auch konstruiert. Und Millionen von Menschen leben mit dieser Meinung, setzen die wiederum in taten um - und schon ist das Konstrukt auch Realitaet.  Realitaet ist eben auch subjektiv, daher widersprechen sich Konstrukt und Realitaet nicht.
Anmerkungen zum Definitionsversuch "Konstruktion/Dekonstruktion/Rekonstruktion"

ich fände das schwierig zu dekonstruieren, ohne dabei wieder neue, andere Konstruktionen zu entwickeln. Selbst wenn ich das versuche, nämlich ohne neue Konstruktionen zu dekonstruieren, begehe ich schon wieder die Sünde der Konstruktion! Denn ich konstruiere dann die Möglichkeit einer Realität jenseits aller Konstruktionen - und eine solche „unkonstruierte“ Realität nenne ich eine Konstruktion der allerhandfestesten Art. Denn will ich ohne neuerliche Konstruktionen dekonstruieren, dann begebe ich mich direkt in den Kreis von Religionskonstrukteuren, denn ich konstruiere einen Gott. Wer anders als ein Gott könnte DIE EINE, unkonstruierte Realität geschaffen haben ???  Stendhal sagte das so: Die einzige Entschuldigung Gottes ist die, daß er nicht existiert. Daher: Immer wenn ich dekonstruiere - und damit ja gleichzeitig wieder neukonstruieren muß -, geschieht dies für mich selbst, subjektiv, immer dann VERANTWORTLICH, wenn meine Konstruktionen und Dekonstruktionen nicht den Anspruch erheben, „wahr“ zu sein. Sie sind Spiel - und wo wäre ein größerer Ernst als im Spiel? Im Spiel der Konstruktionen entscheidet sich die Frage meines Seins. Dumme Spiele - blöd gelaufen! Gar kein Spiel - allzu blöd, denn nix gelaufen!

Debatte

Die Debatte lief auf der Mailingliste des Hoppetosse - Netzwerk für kreativen Widerstand.

Eine Geschichte, ueber die ich gerne Positionen hoeren und diskutieren moechte ist die Frage einer rekonstruktiven Argumentationslogik in linken Zusammenhaengen.  Immer wieder wird als Gegenargumentation zu diskriminierenden oder strukturell-unterdrueckenden Verhaeltnissen die Staerkung bestimmter Gruppen gefordert. Nur sehr selten wird aber die Konstruktion dieser Gruppen selbst angegriffen.

Antwort A:
Ich denke, das Problem ist folgendes: Wenn wir etwas als Konstrukt erkennen, existiert es in gewisser WEise trotzdem. Wenn ich erkannt habe, das ein Zusammenhang oder eine Gemeinschaft nur Konstruiert ist, wwerden sie in den Köpfen der meißten Menschen weiterhin existieren. Ich finde die Dekonstruktion wichtig, sehe jedoch, das ich, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen konstruiert und als solche dann diskriminiert und verfolgt werden, das die Dekonstruktion nicht ausreicht. Und zwar deshalb nicht, weil es an vielen Stellen Handlungsbedarf gibt, der so akut ist, das er schneller erfolgen muß als sich Dekonstruktion als gesammtgesellschaftlicher Vorgang möglich erscheint.  Wir müssen dann auch an Freiräumen bzw. Schutzräumen für diejenigen Schaffen, die aufgrund der Konstruktion verfolgt werden. Denn klar ist: Die Verfolgung an sich ist nicht konstruiert.
In der Praxis heißt dies z.B. das ich z.B. auch wenn ich Geschlecht als konstruktion erkenne, sexistische Diskriminierung real ist und es für die OPfer (sprich Frauen) das Recht geben muß, Schutzräume zu schaffen.

Sehr bemerkenswert fand ich in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Antisemitismusdebatte oder den Umgang mit dem Konflikt PalaestinenserInnen und Israelis. Bei letzterem gibt es zwei „linke“ Positionen. Einmal die, dass „die“ PalaestinenserInnen unterdrueckt seien durch „die“ Israelis (manchmal noch verbunden mit Bezeichnungen wie „imperialistischen“ bis gar „zionistischen“).  Zum anderen die, dass „die“ JuedInnen eine immer verfolgte Gruppe sind, daher ein Selbstschutz (Staat, Militaer usw.) verstaendlich und „die“ PalaestinenserInnen den weltweiten Antisemitismus ausleben. So gab es in der letzten konkret eine Thematisierung dazu, in der in einem Interview mit einen Vertreter des israelischen Staates dieser sowie auch die Interviewenden von konkret selbst pauschale Verurteilungen „der“ PalaestinenserInnen machen durfte.  Schon diese ganze Argumentationslogik erschien mir sehr, sehr rekonstruktiv.  Wenn die konkret (und event. andere auch) den Nationalstaat Israel mit „den“ Israelis und dann am besten noch mit „den“ JuedInnen ueberall gleichsetzt, wird eine Konstruktion einer homogenen und abgrenzbaren Menschengruppe (wie die auch immer falsche Konstruktion einer „Rasse“) gemacht, wie es auch von rechts erfolgt. Die Konstruktion des Judentums seitens der konkret ist gleich dem der Rechten. Nur die Konsequenz ist anders.
Hinzu kommt noch: In diesem Konflikt wird der Nationalstaat als legitime Ebene der Autonomiesicherung angesehen. Das habe ich jetzt auch in direkten Gespraechen schon gehoert. Selbst auf Nachfrage wurde mir bestaetigt, dass dazu auch das Bomben von Militaerflugzeugen in Wohngebiete gehoeren koennte. Auf diese Art erfolgt eine Legitimation fuer Staat, Macht und Militaer. Das wird zwar auf den Staat Israel als Ausnahme beschrieben, aber das ist dann auch nur ein analystischer Fehler. Das das israelische Militaer nicht „die“ JuedInnen in Deutschland beschuetzen kann, muss es dann dafuer wohl den deutschen Staat und dessen Polizei geben. Oder? Undsoweiter.
Weiteres Beispiel aus der Antisemitismusdebatte: Angetrieben vom Ziel, gegen Antisemitismus einzutreten, und von der typischen SpalterInnen-Mentalitaet in der Linken werden antikapitalistische Aussagen und Symbole als antisemitisch kritisiert. Sicher - viele Texte und vor allem Transpis, Plakate und Karikaturen sind nur eine verkuerzte Kapitalismuskritik (wie sollte es anders sein ...). Wer aber z.B. in einer Vampirfigur vor allem „die“ JuedInnen entdeckt, ist doch selbst auf dem Trichter, zunaechst faelschlicherweise die Existenz „des“ Judentums anzuerkennen und zudem genauso faelschlicherweise die Verbindung von Kapitalismus und „dem“ Judentum einzugestehen (nur mit der Aussage: „Psst, das duerfen wir nicht sagen“). Tatsaechlich aber gibt es „das“ Judentum nicht und „die“ JuedInnen haben auch nicht als solche irgendwas mit dem Kapitalismus, mit der Wall Street oder was weiss ich zu tun!

Antwort von B:
Ich finde, dass du es dir zu einfach machst. Erst Mal legitimiert deine Aussage, dass es sich bei Bildern mit
antisemitischen Stereotypen um verkürzte Kapitalismuskritik handele, die sich nicht vermeiden lasse, genau diese Sterotypen. Natürlich kann mensch in Parolen, Transpis, Plakaten, etc.. allein wegen ihrer Funktion, nur beschränkt inhaltliche Aussagen treffen. Es gibt aber nicht nur verkürzte und deshalb automatisch inhaltlich nicht tragbare.
Diese Zwangsläufigkeit in deiner Argumentation, finde ich falsch. Ich finde es sehr gut und notwendig, sich gedanken zu machen, wie sehr unsere Sprachen von Unterdrückungsverhältnissen durchzogen sind und ich finde, dass es wichtig ist diese Unterdrückung durch eine bewußtgewählte andere Sprachweise (auch Bildersprache) zu demaskieren und aufzubröckeln!
Ausserdem finde ich, dass die Bezeichnung „verkürzte Kapitalismuskritik“ eine Verharmlosung ist. Bei den Bildern mit antisemitischen Konotationen, die ich kenne, lassen sich eben diese Stereotypen nicht wegreden. Dieser Umgang ist auch ein extrem geschichtsloser.
Das beziehe ich auch auf deinen nächsten Satz: „Wer aber z.B. in einer Vampirfigur vor allem „die“ JuedInnen entdeckt, ist doch selbst auf dem Trichter, zunaechst faelschlicherweise die Existenz „des“ Judentums anzuerkennen und zudem genauso faelschlicherweise die Verbindung von Kapitalismus und „dem“ Judentum einzugestehen (nur mit der Aussage: „Psst, das duerfen wir nicht sagen“).“

Die Vampfigur ( ein Bild für ein blutsaugendes, hinterhältiges Wesen) steht in einer antisemitischen Bildersprache, genauso wie das Bezeichnen der JudInnen als Smarotzer, Parasiten,.... Diese Bilder haben eine Geschichte - und zwar eine Geschichte, die über mehrere Jahrhunderte geht. Die kann ich nicht einfach so wegreden oder aus ihrem historischen Kontext reißen!
Sie sind zumal auch in strukturell antisemitischen Kontexten verwendet worden, was ich nicht ignorieren kann. Das käme einer Leugnung gleich. Mit einer „Anerkennung des Judentums“ und einer „Eingestehung der Verbindung  von Kapitalismus mit dem Judentum“ hat eine Erkennung und Bennenung dieser Stereotypen nichts zu tun.
Menschen, die auf diese Bilder hinweisen und sie umgehen wollen,  haben nicht automatisch eine „SpalteInnen-Mentalität“. Ich finde es generell falsch von  „typischer SpalterInnen-Mentalität in der Linken“ zu sprechen, da du so viele unterschiedliche Motivationen und Denkansätze über einen Kamm schärst und eine „Mentalität“ konstruierst.

Antwort A:
Auch wenn es „das Judentum“ nicht gibt, gibt es Bilder, die in nicht geringen Teilen der Bevölkerung mit „dem Judentum“ assoziiert werden. Und ich glaube, das es MErkmale gibt, die historisch immer „den Juden“ zugeschrieben wurden und es ist dann eben auch nicht immer Zufall, wenn genau diese MErkmale in Beschreibungen aufgegriffen werden. Auf jeden Fall werden sie dann von einigen Menschen als jüdisch assoziiert werden, wenn ich den Zusammenhang nicht an gleicher Stelle dekonstruiere.
Auch hier ein Beispiel: die Kritik an Spekulanten. Wenn ein Zusammenhang wie Bsp. ATTAC ein Bild von den bösen Spekulanten und der guten Produktion zeichnet, dann ist das nicht nur analytisch falsch, sondern weckt bei vielen MEnschen die assoziaton des jüdischen Finanzkapitals.
Deshalb ist es zwar nicht falsch, AUCH Spekulation zu kritisieren, ich muß allerdings immer den Zusammenhang bewußt deutlich machen, wenn ich diese Assoziation nicht wecken will.

All diese Argumentationen erscheinen mir rekonstruktiv. Sie rekonstruieren die Pauschalisierungen, die Schubladen und die Pseudolegitimierungen von Macht als Selbstschutz gegenueber „den“ Boesen.
Ich habe Beispiele aus dem Bereich Antisemitismus gewaehlt. Es waere nicht schwer, in anderen Bereichen ebensolche zu finden (z.B. im Bereich Sexismus, siehe Papier von AC/PC unter www.projektwerkstatt.de/debatte).
Muss es nicht immer und ueberall das Ziel emanzipatorischer Politik sein, alle Konstruktionen zu zerlegen und fuer eine Gesellschaft der freien Selbstbestimmung zu kaempfen?
Antwort A:
Ja, aber mit der Erkenntnis, das die Diskriminierung nicht mehr konstruiert ist
Und muessen wir nicht eine „Praxis der Dekonstruktion“ immer und ueberall auch erst noch entwickeln?

Antwort A:
Ja, AUCH

Antwort C:
Die „linken“ Positionen im Israel/Palästina-Konflikt, die ich ähnlich benennen würde wie ...(schwarzer Text), sind auch meiner Ansicht nach unbefriedigend. Bei beiden fehlt nämlich der Gedanke, daß es sich bei „den PalästinenserInnen“ und „den Israelis/JüdInnen“ u.v.m. um Konstruktionen handelt und daß diese in einer emanzipatorischen Perspektive - langfristig gesehen - dekonstruiert werden müssen. Dieser Gedanke darf aber nicht fehlen.  Ich komme nochmal auf eine Stelle bei Flo zurück, um zu verdeutlichen, was ich meine. Er schreibt:
„In der Praxis heißt dies z.B., daß ich z.B. auch wenn ich Geschlecht als Konstruktion erkenne, sexistische Diskriminierung real ist und es für die Opfer (sprich Frauen) das Recht geben muß, Schutzräume zu schaffen.“

Antwort von A zu C:
Wie schon oben gesagt: Das ist eine richtige Strategie der „Sofortmassnahme“ - notwendig in allen Unterdrueckungsverhaeltnissen, verwirklicht viel zu schwach und auch nur in wenigen Unterdrueckungsverhaeltnissen (wie waere es z.B. in Schulen mit erwachsenenfreien Raeumen, um mal ein viel krasseres, wenig beachtetes Unterdrueckungsverhaeltnis zu benennen).  Jedoch: Auf den Staat Israel uebertragen waere es so, als wenn zum Schutz von Frauen in Deutschland in 2000km Entfernung ein Frauenstaat geschaffen wird (noch dazu in hierarchischer Struktur, der durchaus auch nichterwuenschte Frauen inhaftiert usw.). Jedem Menschen faellt doch die Bloedsinnigkeit solcher Argumentation sofort auf. Ein solcher Staat waere auch nicht weniger legitim als andere (insofern kann angesichts der realen Unterdrueckungsverhaeltnisse durchaus richtig sein zu fordern: Alle Staaten weg, Israel als letztes, um antisemitsiche „Eroberungen“ anderer Staaten zu verhindern), aber eben auch nicht dadurch legitimiert, dass anders wo Frauen unterdrueckt werden.
Der Widerstand gegen Unterdrueckungsverhaeltnisse mit den verschiedenen Schritten (Sofortmassnahmen - Widerstand gegen die Unterdrueckungsverhaeltnisse - Dekonstruktion von sozial kategorisierten Menschen - Gesellschaft freier Menschen in freien Vereinbarungen) ist immer und ueberall noetig - er kann nciht an einen Staat uebertragen werden. Und er legitimiert auch niemals die Unterdrueckungsmaschinerie Staat.

(Forts. und Bezug: grüner Text oben) Stimmt genau. Schutzraum gegen Diskriminierung - langfristige Perspektive ist aber doch, durch die Dekonstruktion von Geschlechterrollen die Diskriminierung zu beenden und die Schutzräume überflüssig zu machen. Und das sollte bei einer emanzipatorischen Position mitthematisiert werden.  Zurück zum Israel/Palästina-Konflikt. Hier fehlt eine vergleichbare langfristige emanzipatorische Überlegung, zumindest hat sie nie eine Rolle gespielt und sie tut´s auch jetzt nicht.
Ich weigere mich aber, mich bei der Suche nach einer linken Perspektive ausschließlich in den Kategorien Volk, Staat und Nation zu bewegen, auch wenn diese definitiv nicht „immer ins Pogrom“ führen, wie es eine „linke“ Parole besagt. Aber genau das müßte ich tun, wenn ich mich einer der beiden „linken“ Positionen anschließen würde.
Ich denke, um eine linke Perspektive in diesem Konflikt zu finden und eine entsprechende Position einzunehmen, müßten neben eigenen Vorstellungen [freie Menschen - freie Vereinbarungen(?)] vor allem die Ansätze der israelischen und palästinensischen (radikalen) Linken (soweit vorhanden) stärker berücksichtigt werden, also zunächst nicht „die PalästinenserInnen“ und „die Israelis“ als homogene Gruppen mit jeweils einem (Volks?)Willen angenommen werden. (Letzteres sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein - wird trotzdem übergangen.)
Der nächste Schritt wäre, Brauchbares abzuchecken und danach Kompromisse einzugehen, vielleicht die Forderung nach Waffenstillstand und Friedensverhandlungen zwischen den VertreterInnen möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen auf beiden Seiten zu unterstützen. Auch über die Forderung nach der Gründung oder „besseren“ Ausgestaltung (Gesetze) eines/mehrerer Staaten ließe sich diskutieren, wenn das in Betracht kommt und wenn klar ist, daß weitergehende Ziele verfolgt werden. Das wären zwar keine linksRADIKALEN Forderungen, sie wären aber zumindest vereinbar mit einer emanzipatorischen Position, die Volk, Staat, Nation, Militär etc. in Frage stellt und diese nicht als Grundlage einer linken Perspektive annehmen.
2) Warum trete ich für Rehzi, den Konstruktivismus, den Individualismus und das Zwischenmenschliche und Spaßige an, in und um den linken Widerstand ein?
Aus folgenden Gründen:
a) Ohne die Bedeutung und Stringenz des historischen Materialismus und des „Seins“ zu schmälern, bin ich nach wie vor der Meinung, dass die Entscheidungen, Mehrheiten und Motivationen, die eben jenes „Sein“ auf eine „bombenfeste“ Basis stellen, im „Bewußtsein“ entstehen. Bewußtsein entsteht durch Erfahrungen. Erfahrungen sind immer subjektiv. 6 Milliarden Bewußtseine erschaffen Wirklichkeit - oder besser gesagt - eine Minderheit kann ihre Wirklichkeit erfolgreich in die Mehrheit der Bewußtseine pflanzen.  Die „pastorale Macht“, die bis zum 16.Jh. die Kirche und die Religion allein hatte, flimmert uns nun durch MTV, American Dream, deutsche Tugend und Franz Beckenbauers Nationalelf in die Hirnrinde (ups, Polemik, sorry)...  Milliarden und Abermilliarden werden dazu investiert, unsere Bewußtseine auf Linie zu trimmen. Diese Linie ist eine Wirklichkeit, nicht DIE Wirklichkeit.  Das ist „unsere“ auch nicht (ob nun anarchistisch, sozialistisch, kommunistisch) und das ist irrelevant. Die „objektive Wahrheit“ - die es erkenntnistheoretisch nicht geben kann - hat eh keine Bedeutung für weltpolitische Entscheidungen, sondern nur die dominierende Wirklichkeitsvariante. Die ist je nach Ort, Zeit und Epoche verschieden.  DIESE Meinung ist auch wieder nur eine Annahme und Konstruktion, an die ich glaube, weil sie für mein Bewußtsein die plausibelste ist. Konstruktivismus ist selbstreferentiell und somit beruhend auf einem logischen Paradoxon.  Genauso wie der katgeorische Imperativ oder unsere implizite Forderung „Emanzipiert Euch!“ ein logisches Paradoxon ist. Ich kann Paradoxien gut ertragen, andere eben nicht.
b) Individualismus endet bei mir nicht innerhalb der Linken. Will sagen - es gibt Geschäftsmenschen, Jurastudenten, Kiffer, Slacker, Erfolgsfreaks, Politische, Unpolitische, Radikale oder ReformistInnen, die ich liebe und gern habe und die meine Freunde sind. Es gibt Charaktereigenschaften, die mir 1000mal wichtiger sind als eine politisch korrekte Linie und es gibt bei mir ein grundsätzliches Einlassen auf jede Meinung und jede Wirklichkeit jedes Individuums, dass mir mit Respekt und Fairness begegnet.
c) Ich halte es für völlig legitim, dass Menschen nicht schuldgebeugt und gramvoll Ihr kurzes Leben durchleiden, sondern irgendwie Ihr Glück finden und positive Gefühle fühlen wollen. Wenn das schon konterrevolutionär ist oder gar „repressive Toleranz“ meinerseits, hat das nichts mit meinen Vorstellungen von einem freien Leben zu tun.
d) Ich bin davon überzeugt, dass wir mindestens 80% der Bewußtseine vom „unserer“ Wirklichkeit überzeugt haben müssten, damit so etwas wie eine Revolution auch nur denkbar wird. Andernfalls stürzen wir als Minderheit mit Waffengewalt ein System, dass die Mehrheit noch will. Und was machen wir dann mit den BürgerInnen, die Ihr bequemes Leben und Ihren Burger King wieder haben wollen? Auf Linie bringen?

Deshalb MUSS da draußen Überzeugungsarbeit geschehen und nicht internes Theoriegewichse und Eiertanz unter Insidern.
Diese Überzeugungsarbeit muss meines Erachtens folgende Elemente haben:

Marxismus und Wahrheit

Aus Lotter, K./Meiners, R./Treptow, E. (2006): "Das Marx-Engels-Lexikon", Papyrossa Verlag Köln zum Stichwort "Wahrheit" (S. 365 ff.)

Zusammenfassung der Autoren:
Wahrheit besteht in der Übereinstimmung der Dinge und ihrer Gedankenabbilder (1). Die Frage der Wahrheit ist keine Frage der sprachlichen Präzision (2). Wahrheit ist nicht die Akkumulation abgeschlossener Erkenntnisse, sondern liegt im Prozeß der Erkenntnis und trägt selbst Prozeßcharakter (3). Darin liegt auch ihre historische Bestimmtheit, ihre historische Beschränktheit und Relativität begründet (4). Das Kriterium der Wahrheit ist die gesellschaftliche --> Praxis (5).

(1) Für den Methaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. [ ... ] Für die Dialektik dagegen, die die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen, ebensoviel Bestätigungen ihrer eignen Verfahrensweise. [ ... ] Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit, sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen. (Anti-Dühring, 1876/78, MEW 20, 20 ff.)

(2) Handelt es sich nun aber darum, die Wahrheit solcher Worte zu beweisen, so kann wohl schwerlich der Beweis bis auf den Wortlaut gemeint sein, denn in dieser Rücksicht würde jedes Resümee unwahr sein, und es wäre überhaupt unmöglich, den Sinn einer Rede wiederzugeben, ohne die Rede selbst zu wiederholen. Wurde also z.B. behauptet: »Man hielt den Notschrei der Winzer fürfreches Gekreisch«, so wird billigerweise nur verlangt werden können, daß eine ungefähr richtige Gleichunggezogen sei, d.h., daß ein Gegenstand nachgewiesen werde, der die resümierende Bezeichnung »freches Gekreisch« einigermaßen aufwiegt und zu einer nicht unpassenden Bezeichnung macht. Ist diese Probe geliefert, so kann es sich nicht mehr um die Wahrheit, sondern nur mehr um die sprachliche Präzision handeln [ ... ] (Rechtfertigung des ++ Korrespondenten von der Mosel, 1843, MEW 1, 172)

(3) Die Wahrheit, die es in der Philosophie zu erkennen galt, war bei Hegel nicht mehr eine Sammlung fertiger dogmatischer Sätze, die, einmal gefunden, nur auswendig gelernt sein wollen; die Wahrheit lag nun in dem Prozeß des Erkennens selbst, in der langen geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft, die von niedern zu immer höhern Stufen der Erkenntnis aufsteigt, ohne aberjemals durch Ausfindung einer sogenannten absoluten Wahrheit zu dem Punkt zu gelangen, wo sie nicht mehr weiter kann, wo ihr nichts mehr übrigbleibt, als die Hände in den Schoß zu legen und die gewonnene absolute Wahrheit anzustaunen. Und wie auf dem Gebiet der philosophischen, so auf dem jeder andern Erkenntnis und auf dem des praktischen Handelns. (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888, MEW 21,267; vgl. MEW 1, 7)

(4) Der große Grundgedanke, daß die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen, in der bei aller scheinbaren Zufälligkeit und trotz aller momentanen Rückläufigkeit schließlich eine fortschreitende Entwicklung sich durchsetzt - dieser große Grundgedanke ist, namentlich seit Hegel, so sehr in das gewöhnliche Bewußtsein übergegangen, daß er in dieser Allgemeinheit wohl kaum noch Widerspruch findet. [ ... ] Geht man aber bei der Untersuchung stets von diesem Gesichtspunkt aus, so hört die Forderung endgültiger Lösungen und ewiger Wahrheiten ein für allemal auf; man ist sich der notwendigen Beschränktheit aller gewonnenen Erkenntnis stets bewußt, ihrer Bedingtheit durch die Umstände, unter denen sie gewonnen wurde; aber man läßt sich auch nicht mehr imponieren durch die der noch stets landläufigen alten Metaphysik unüberwindlichen Gegensätze von Wahr und Falsch, Gut und Schlecht, Identisch und Verschieden, Notwendig und Zufällig; man weiß, daß diese Gegensätze nur relative Gültigkeit haben, daß dasjetzt für wahr Erkannte seine verborgene, später hervortretende falsche Seite ebensogut hat wie das jetzt als falsch Erkannte seine wahre Seite, kraft deren es früher für wahr gelten konnte; daß das behauptete Notwendige sich aus lauter Zufälligkeiten zusammensetzt und das angeblich Zufällige die Form ist, hinter der die Notwendigkeit sich birgt - und so weiter. (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888, MEW 21,293 f)

(5) Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens - das von der Praxis isoliert ist - ist eine rein scholastische Frage. (Thesen über Feuerbach, 1845, MEW 3,5; vgl. MEW 19,530; MEW 21,276)

Wahrheit oder Subjektivität

Michael Foucoult, 1977: Dispositive der Macht, Merve Verlag Berlin
Nicht die Veränderung des "Bewußtseins" der Menschen oder dessen, was in ihrem Kopf steckt, ist das Problem, sondern die Veränderung des politischen, ökonomischen und institutionellen Systems der Produktion von Wahrheit. Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selbst ist Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher und kultureller Hegenomie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist.

In Gesellschaften wie der unsrigen kann die "politische Ökonomie" der Wahrheit durch fünf historisch bedeutsame Merkmale charakterisiert werden:

(siehe oben, S. 51/52)

Im Original: Wahrnehmung: Abbildung oder Konstruktion ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Autor: Gerhard Roth. Beitrag aus dem Buch von Ralf Schnell (2005): Wahrnehmung, Kognition, Ästhetik im transcript-Verlag Bielefeld. Der Text ist eine überarbeitete Fassung eines Kapitels aus Roth, Gerhard: Aus Sicht des Gehirns, Frankfurt a.M. 2003
Wie hängen die Inhalte unserer Wahrnehmungen mit den tatsächlichen Geschehnissen in der Welt zusammen? Welchen Wahrheits- und Realitätsgehalt haben also unsere Wahrnehmungen? Über diese erkenntnistheoretische Fragen wird nachgedacht, seit es Philosophie gibt. Die Antworten sind - wie könnte es anders sein - sehr verschieden. Die einen Erkenntnistheoretiker nennt man Realisten, weil sie davon ausgehen, dass die Inhalte unserer Wahrnehmung die Welt mehr oder weniger den "realen" Tatsachen entsprechend wiedergeben. Andere nennt man Idealisten, weil für sie die Wahrnehmungsinhalte im Wesentlichen "ideale" Erfindungen unseres Geistes sind und keinen ursächlichen Bezug zur Realität haben. Die Wahrheitsfrage stellt sich für einen Idealisten demnach überhaupt nicht.
Es gibt natürlich alle erdenklichen Zwischenstufen, die man kritischen Realismus, hypothetischen Realismus, radikalen oder realistischen Konstruktivismus nennt, je nachdem wie sehr deren Vertreter an Wahrnehmungsinhalte als "objektive Tatsachen" glauben, bei der unsere Geistestätigkeit nur eine geringe Rolle spielt, oder wie sehr sie davon überzeugt sind, dass unsere Vorerfahrungen, Vorstellungen und Erwartungen und Gedanken einen erheblichen Einfluss auf unsere Wahrnehmungen haben. Schließlich gibt es noch die Skeptiker, die meinen, die Frage, wie Welt und Wahrnehmung zusammenhängen, sei unsinnig, denn die darauf gegebenen Antworten könnten gar nicht objektiv überprüft werden.
Nehmen wir unsere Alltagserfahrung, dann sind solche gedanklichen Bemühungen um den Realitätsgehalt unserer Wahrnehmungen nicht sofort einsichtig. Die Dinge und Geschehnisse meiner Welt liegen ja unmittelbar vor mir, ich sehe, höre, rieche, schmecke und ertaste sie; sie werden von mir so wahrgenommen, wie sie sind. Die Kaffeetasse mit dem Zwiebelmuster vor mir ist eine Kaffeetasse mit Zwiebelmuster, was soll sie sonst sein?

Farbwahrnehmung - ein komplizierter Vorgang
Mit dem interessanten und komplizierten Problem der Farben haben sich Wahrnehmungsforscher und Erkenntnistheoretiker seit langem beschäftigt. Bei Tageslicht sieht unsere Welt bunt aus, während diese Farbenpracht umso mehr verschwindet, je dunkler es wird. Über diese Tatsache denken wir normalerweise nicht nach, obwohl wir nicht selten mit der Schwierigkeit konfrontiert werden, bei Dunkelheit Farben zu erkennen. Niemand wird aber annehmen, dass bei Dunkelheit die Dinge tatsächlich ihre Farben verlieren, vielmehr gehen wir davon aus, dass der Verlust der Farbigkeit der Welt bei Dunkelheit mit Eigenschaften unseres Sehapparats zusammenhängt.
Die Erklärung hierfür besteht darin, dass es in der Netzhaut unseres Auges zwei unterschiedliche Typen von lichtempfindlichen Sinneszellen (Photorezeptoren) gibt, nämlich Zapfen, die farbempfindlich sind, und Stäbchen, die nur Graustufen vermitteln. Die Zapfen arbeiten nur bei Tageslicht und Dämmerlicht etwa bis zu einer Helligkeit einer Vollmondnacht, während die Stäbchen bei Tageslicht ebenso wie bei Dämmerlicht aktiv sind bis hinunter zu einer Helligkeit, die weit unter der einer sternklaren Nacht liegt. Allerdings müssen sie dabei lange Gelegenheit gehabt haben, sich an die Dunkelheit anzupassen.
Das sichtbare Licht umfasst elektromagnetische Wellen mit Wellenlängen zwischen rund 400 und 700 Nanometern (d.h. Millionstel eines Millimeters). Licht nahe der unteren Grenze nennt man entsprechend „kurzwelliges Licht", und Licht nahe der oberen Grenze „langwelliges Licht". Ersteres erscheint uns blauviolett, letzteres rot. An das kurzwellige Licht schließt sich das ultraviolette Licht an, das für unser menschliches Auge unsichtbar ist, von dem wir aber einen Sonnenbrand kriegen, und an das langwellige Licht die infrarote Strahlung, die wir als Wärme empfinden. Unsere Netzhaut besitzt drei Zapfentypen, nämlich einen für kurzwelliges Licht, einen für mittlere Wellenlängen und einen für langwelliges Licht. Allerdings liegt der Empfindlichkeitsbereich der beiden letzteren Rezeptoren beim Menschen sehr eng beieinander.
Man könnte nun meinen, Farbensehen beruhe darauf, dass bei blauem Licht der erste Zapfentypen erregt wird, bei grünem Licht der zweite und bei rotem Licht der dritte. Man spricht schließlich von Blau-, Grün- und Rotrezeptoren. Dass die Sache nicht so einfach ist, kann man daran sehen, dass man mit einem einzigen Zapfentyp von Photorezeptoren gar keine Farben wahrnehmen kann. Hätten wir nur den kurzwelligen Zapfentyp, so würden wir die Welt nicht etwa ganz blau, sondern "unbunt" bzw. grau in grau sehen, so als ob wir nur Stäbchen hätten. Es müssen mindestens zwei Zapfentypen vorhanden sein, denn es kommt beim Wahrnehmen einer bestimmten Farbe nicht bloß auf die absolute Erregung der Rezeptoren an, sondern auf das jeweilige Verhältnis der Erregung verschiedener Zapfentypen an. Das menschliche Auge verfügt, wie gesagt, über drei Zapfentypen. Diese überlappen in ihrem Empfindlichkeitsbereich beträchtlich. Licht einer bestimmten Wellenlänge erregt entsprechend meist alle drei Zapfentypen, wenngleich einen Typ mehr als die anderen, und es ist das entstehende Mischungsverhältnis der Erregungen von mindestens zwei Zapfentypen, das die wahrgenommene Farbe festlegt, und nicht die absolute Erregung eines Zapfentyps.
Die Sache ist aber noch komplizierter. Unsere Welt sieht für uns vom Tagesanbruch bis zur Dämmerung hinsichtlich der Farbe der Gegenstände relativ gleich aus: Bilder, Äpfel und Autos ändern sich nicht merklich in ihrer Farbe. Eigentlich sollten sie das aber, denn wenn wir physikalische Messungen des Tageslichts machen, so stellen wir fest, dass sich der Anteil lang-, mittel- und kurzwelligen Lichtes, seine spektrale Zusammensetzung, im Tagesverlauf stark ändert. Morgens und abends dominiert in aller Regel das langwellige Licht, weil der mittel- und kurzwellige Anteil des Lichtes der tiefstehenden Sonne durch die Luftschichten stärker gestreut wird als mittags. Deshalb müssten auch die Farben der Gegenstände, die das Sonnenlicht reflektieren, sich im Tagesverlauf stark ändern, was sie aber nicht tun.
Wie dieses Phänomen der Farbkonstanz zustande kommt, ist nicht ganz geklärt. Ein plausibler Erklärungsversuch geht davon aus, dass wir beim Sehen zum einen direkt das Sonnenlicht in seiner aktuellen spektralen Zusammensetzung wahrnehmen, die sich im Laufe des Tages ändert, und zum anderen das von Oberflächen reflektierte Licht, bei dem einen Teil der Wellenlängen in Abhängigkeit von der physikalisch-chemischen Beschaffenheit der Oberfläche verschluckt wird. Dieses reflektierte Licht verändert sich natürlich in dem Maße, in dem sich das Tageslichtspektrum ändert, das auf die Oberfläche fällt. Diese Veränderung kann nun unser Farbwahrnehmungssystem "herausrechnen", da es das jeweilige Spektrum des Sonnenlichts kennt. So scheinen die Oberflächen von Objekten immer dasselbe Wellenlängenspektrum zu reflektieren und farblich gleich zu bleiben, was sie überhaupt nicht sind. Der Vorgang ähnelt dem, was die Arbeitsmarktstatistiker eine "Saisonbereinigung" der Arbeitslosenzahlen nennen, denn hier werden die jahreszeitlich bedingten Schwankungen der Arbeitslosenzahl ebenfalls herausgerechnet.
Es gibt also gar keinen direkten Zusammenhang zwischen der Wellenlänge des Lichtes, das von Gegenständen reflektiert wird und auf unsere Netzhaut fällt, und einer bestimmten Farbempfindung. Dennoch sind die Beziehung zwischen Welt und Wahrnehmung keineswegs zufällig, sondern zumindest bei einfacheren Sinneswahrnehmungen gesetzmäßig, wenngleich kompliziert. Schwierig wird die Sache aber dadurch, dass wir gelegentlich Farben auch dann wahrnehmen, wenn es sie physikalisch gar nicht geben dürfte. Wenn wir etwa eine Fläche mit einer bestimmten intensiven Farbe, z.B. blau, für ca. 1 Minute anstarren und dann unseren Blick auf eine weiße Fläche lenken, so sehen wir für einige Zeit dort die Umrisse der Fläche abgebildet, das so genannte Nachbild, das allerdings in der "Gegenfarbe" erscheint, in unserem Beispiel gelb. Bei einem grünen Gegenstand erscheint entsprechend ein rotes Nachbild, bei einer roten Fläche ein grünes Nachbild und bei einer gelben Fläche ein blaues Nachbild. Ist die Fläche dunkel, so erscheint auf einem dunklen Hintergrund ein helles Nachbild, und umgekehrt.
Dieses erstaunliche Phänomen hängt mit der Tatsache zusammen, dass bei unserer Farbwahrnehmung zwei Prinzipien miteinander verbunden sind, nämlich zum einen die Existenz von drei Zapfentypen für die geschilderten drei Wellenlängenbereiche, und zum anderen das Gegenfarbenprinzip, das darauf beruht, dass sich jeweils zwei Farbwahrnehmungsbereiche, nämlich gelb und blau sowie grün und rot, und darüber hinaus die beiden Graustufen hell und dunkel, gegenseitig "bekämpfen", sich antagonistisch zueinander verhalten. Entsprechend spricht man auch vom Farbantagonismus.
Eine mögliche Erklärung für das Gegenfarbenprinzip lautet, dass das für blau zuständige Wahrnehmungssystem durch das längere Starren auf eine blaue Fläche "ermüdet" und dass beim anschließenden Schauen auf eine weiße Fläche das für die Gegenfarbe, nämlich gelb, zuständige System, das beim Anblick von blau unterdrückt war, eine Zeitlang die Oberhand gewinnt. Übrigens kann man im Bereich der Bewegungswahrnehmung etwas ganz Ähnliches beobachten. Starren wir einige Zeit lang ein Muster an, das sich immer in eine Richtung bewegt (z.B. ein Band mit Querstreifen), und schauen wir dann auf eine weiße Fläche, dann scheint sich dort etwas Streifenartiges in Gegenrichtung zu bewegen. Auch dies wird mit der Ermüdung von "antagonistischen" Wahrnehmungsprinzipien, hier flir die Bewegungsrichtung, erklärt.
Unser visuelles System konstruiert in beiden Fällen etwas, das gar nicht vorhanden ist. Deshalb können Farb- und Bewegungswahrnehmung wie viele andere Wahrnehmungsinhalte keine Abbilder realer Gegebenheiten sein. Immerhin - so wird der erkenntnistheoretische Realist sagen - gibt es gesetzmäßige Beziehungen zwischen dem externen Phänomen Licht und seinen Wellenlängen und der subjektiven Wahrnehmung, auch wenn diese kompliziert sind. Aufgrund dieser gesetzmäßigen Beziehungen ist es uns möglich, den Effekt der Gegenfarb- und Gegenbewegungstäuschung vorherzusagen. Die Gegenfarben und Gegenbewegungen gibt es ja nur, weil zuvor das Auge mit einer bestimmten Farbe oder Bewegung gereizt wurde. Gäbe es keine externe Welt mit bestimmten Eigenschaften - so sagt uns der Realist -, dann könnte es auch keine solchen Täuschungen geben. Dasselbe gilt natürlich auch für die vielen optischen Täuschen, z.B. die Pfeiltäuschung (Müller-Lyer-Täuschung genannt) oder die Schienentäuschung (Ponzo-Täuschung genannt). Interessanterweise verschwindet der Täuschungseffekt hier nicht, auch wenn wir den visuellen Eindruck als Täuschung erkannt haben. Wir können die Täuschungsfigur sogar selbst malen und unterliegen ihr. Bei der Pfeiltäuschung sind die parallelen Linien objektiv gleichlang, aber irgendetwas in unseren Sinnesorganen oder unserem Gehirn behauptet, sie seien dies nicht, und da nützt auch alle Einsprache unseres Verstandes nichts.

Wahrnehmung als aktiver Prozess
Man könnte viele weitere Beispiele nennen, aus denen klar wird, dass Wahrnehmung ein aktiver Prozess ist und keine bloße Widerspiegelung der Dinge. Das dürfte auch der Realist zugeben, wenn er ein kritischer und kein naiver Realist ist, denn es geht den Tieren und uns Menschen bei der Wahrnehmung ja nicht darum, die Welt so zu erfassen, wie sie tatsächlich ist. Das wäre erstens völlig unmöglich, denn nur ein kleiner Teil dessen, was in der Welt passiert, kann überhaupt unsere Sinnesorgane erregen, und zweitens wäre es auch völlig unnütz, denn nur weniges in der Welt ist für uns von Bedeutung. Die Sinnesorgane beschränken unsere Wahrnehmung schon durch ihre Bau- und Funktionsweise auf einen sehr kleinen Ausschnitt des Gesamtgeschehens in der Welt. Dieser ist allerdings meist derjenige, der von besonderer Bedeutung für unser Überleben ist und gleichzeitig der Bereich, in dem die Sinnesorgane am besten arbeiten. Das sollte uns nicht überraschen, denn die Strukturen der Welt, der Arbeitsbereich der Sinnesorgane und der Bereich der für unser Überleben wichtigen Dinge haben sich im Laufe der Evolution einander angepasst - zumindest so gut, wie es eben ging. Hierauf hat die so genannte Evolutionäre Erkenntnistheorie immer völlig zu Recht hingewiesen.
Dies erklärt, warum Lebewesen in unterschiedlichen Umwelten zum Teil ganz unterschiedliche Sinnesorgane oder zumindest Sinnesorgane mit ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen entwickelt haben. Man denke nur an die Ultraschallortung der Fledermäuse und Delfine, die Infrarotortung der Grubenottern, Wärmerezeptoren bei Brandkäfern, den Geruchssinn der Hunde, den Magnetsinn der Vögel und so weiter. Auch nach Anschauung eines kritischen Realisten arbeiten die Wahrnehmungssysteme eindeutig selektiv, d.h. die unwichtigen Dinge werden weggefiltert und die wichtigen verstärkt, aber es bleibt ein "realistischer" Kernbestand in unserer Wahrnehmung, ohne den die sensorischen Anpassungsleistungen gar nicht erklärlich wären.
Wahrnehmung beruht also nicht auf einer einfachen Abbildung der Welt, einer bloßen Kopie, aber doch auf einer systematischen, wenngleich ausschnitthaften, hervorgehobenen und abgeschwächten Repräsentation der Welt im Gehirn, die mit der spezifischen Überlebenssituation des Organismus eng zusammenhängt. Wie könnte der Organismus auch überleben, wenn er nicht das Wesentliche seiner Umwelt erfasste?
Es ist nicht verwunderlich, dass unter Philosophien ebenso wie unter Wissenschaftlern der kritische Realismus der am weitesten verbreitete erkenntnistheoretische Standpunkt ist. Allerdings stellt die Aussage des kritischen Realisten, der Organismus erfasse in seiner Wahrnehmung vornehmlich dasjenige, was für sein Überleben notwendig ist, einen logischen Zirkelschluss dar. Wir stellen fest, dass die heute lebenden Organismen im Großen und Ganzen gut überleben. Daraus schließen wir, dass ihre Wahrnehmung dasjenige erfasst, was diesem Überleben dient. Dies drehen wir nun um und konstatieren, dass der Organismus nur deshalb gut überlebt, weil sein Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparat das für das Überleben Wesentliche erfasst. Dies ist die Grundbehauptung der bereits genannten Evolutionären Erkenntnistheorie, die eine kritisch-realistische Erkenntnistheorie ist.
Diesen Zirkelschluss könnten wir am saubersten auflösen, wenn wir in der Lage wären, die Objekte und Ereignisse der Welt - bildlich gesprochen - in der einen Hand zu halten und unsere Wahrnehmungsleistungen in der anderen und beide dann zu vergleichen. Dann würden wir sehen, in welcher Beziehung sie zueinander stehen, d.h. ob unsere Wahrnehmung tatsächlich die Welt im Wesentlichen richtig wiedergibt (wenngleich ausschnittweise und über- bzw. unterbetont), oder ob es gar keine direkte Beziehung zwischen ihnen gibt, wie die erkenntnistheoretischen Idealisten behaupten. Letzteres würde allerdings die Rolle, welche die Wahrnehmung bei der Sicherstellung des Überlebens spielt, ziemlich rätselhaft erscheinen lassen.
Ein solcher direkter Vergleich ist aber nicht möglich, denn er verlangte die paradoxe Fähigkeit, die Welt unabhängig von unserer Wahrnehmung wahrzunehmen. Unsere Wahrnehmungswelt ist die einzige sinnliche Welt, die wir haben; die von unserer Wahrnehmung vermutete unabhängige Welt ist nicht "dahinter", sie existiert erlebnismäßig überhaupt nicht, auch wenn wir mit gutem Grund annehmen, dass sie irgendwie vorhanden ist. Dies nennt man den erkenntnistheoretischen Zirkel; er verhindert, dass wir die Beziehung zwischen Welt und Wahrnehmung in ihrer tatsächlichen Beschaffenheit, ihrem Wahrheitsgehalt, überhaupt feststellen können. Ein solcher Zirkel entsteht immer dann, wenn Leistungen, die jemand vollbringt, nicht von irgendeinem Außenstehenden beurteilt werden, sondern von demjenigen, der sie vollbringt. Dies ist der Fall, wenn man den Schüler seine eigenen Schulleistungen beurteilen oder einen Beamten selbst darüber entscheiden ließe, ob er aufgrund seiner Leistungen befördert werden soll. Wir tun gut daran, so etwas zu unterbinden, denn eine solche Eigenbeurteilung geht immer schief. Das aber ist genau das Dilemma der Erkenntnistheorie: Mithilfe unserer Wahrnehmung und unseres Denkens sollen wir den Wahrheits- und Realitätsgehalt unserer Wahrnehmung und unseres Denkens überprüfen.
Es gibt jedoch einen gewissen Ausweg aus diesem Dilemma, besser gesagt einen Umweg, den wir bereits zu Beginn beschritten haben, nämlich im Zusammenhang mit der Farbwahrnehmung. Wir können uns nämlich mithilfe sinnesphysiologischer Methoden in begrenztem Umfang von den Fesseln unserer unmittelbaren Wahrnehmung und deren Täuschbarkeit befreien, indem wir feststellen, dass die von uns wahrgenommenen Farben gar nicht in der physikalischen Welt existieren, sondern dass es Unterschiede im Wellenlängenspektrum des sichtbaren Lichtes sind, die auf komplizierte Weise in unserem Gehirn unsere Farbwahrnehmungen bedingen. In ähnlicher Weise können wir feststellen, dass es objektiv keine Töne und Geräusche gibt, sondern unterschiedliche Schwingungen von Luftmolekülen, die wir als Schalldruckwellen bezeichnen und die auf ebenso komplizierte Weise Töne, Geräusche, Melodien und Worte in unserem Gehirn entstehen lassen.
Natürlich ist uns dabei klar, dass die Forschungsresultate der Sinnesphysiologie, so beeindruckend und exakt sie sein mögen, nicht die objektive Wahrheit darstellen, denn die Messungen, die wir als Sinnesphysiologen machen, finden wiederum in unserer Wahrnehmungswelt und damit unter ihren Bedingungen statt. Wir können diesen Bedingungen nicht gänzlich entfliehen, denn schließlich müssen wir Zeiger ablesen, Zahlenkolonnen durchgehen und Grafiken interpretieren, und all dies geschieht in unserer Sinneswelt. Was wir aber tun können, ist nichts anderes als eine zweite Wahrnehmungswelt zu schaffen, die genauer und standardisierter ist als die erste und zumindest anders aufgebaut, und die wir "naturwissenschaftlich" nennen. Diese beruht auf Messmethoden und Methoden der Hypothesen- und Theoriebildung und ihrer Überprüfung.
Wir sind entsprechend in der Lage, diese beiden Welten, die der unmittelbaren Wahrnehmungsinhalte und die der mithilfe naturwissenschaftlicher Messungen erfassten Ereignisse, miteinander zu vergleichen und festzustellen, inwieweit sie zusammenhängen. Wir wissen bereits, dass dieser Zusammenhang meist lose und manchmal gar nicht direkt vorhanden ist, wenn es nämlich physikalische oder chemische Ereignisse gibt, auf die unsere Instrumente reagieren, unsere Sinnesorgane aber nicht, oder wenn unsere Sinnesorgane und die nachgeschalteten Systeme im Gehirn Wahrnehmungen hervorbringen, denen gar keine physikalischen oder chemischen Reize entsprechen, wie dies bei den Farb- und Bewegungsnachbildern der Fall ist.

Wie verlässlich arbeiten unsere Sinnessysteme?
Mithilfe geeigneter Verfahren können wir die Eigenschaften des Wahrnehmungsapparates genauer studieren, der zwischen der (als existent angenommenen) Welt und unseren Wahrnehmungen liegt. Nach herkömmlicher Anschauung wird dieser Wahrnehmungsapparat von physikalischen und chemischen Ereignissen der Welt erregt, und diese Erregungen rufen dann unsere Wahrnehmungserlebnisse hervor. Sollte die Anschauung des kritischen Realisten zutreffen, dass unsere Wahrnehmungen deshalb überlebensfördernd sind, weil sie die Ereignisse der Welt - zumindest die überlebensrelevanten - mehr oder weniger zutreffend wiedergeben, so müsste dies in einer mehr oder weniger verlässlichen Arbeit des Wahrnehmungsapparates erkennbar sein, ohne dass wir von einem strikten Abbildcharakter der Wahrnehmung ausgehen müssen.
Unsere Sinnessysteme sind eine Art Berichterstatter über die Welt. Wie verlässlich arbeiten aber unsere Sinnessysteme? Nehmen wir hierzu als Beispiel das visuelle System, das am besten von allen Sinnessystemen untersucht ist. Um seine Verlässlichkeit zu beurteilen, müssen wir uns vergegenwärtigen, aus welchen Merkmalen unsere visuellen Wahrnehmungen überhaupt bestehen. Die grundlegendste Eigenschaft ist natürlich, dass es sich um einen Seheindruck handelt und nicht um Hören, Tasten, Riechen und Schmecken. Dies nennt man die spezifische Sinnesmodalität. Innerhalb dieser Sinnesmodalität des Sehens gibt es nun Helligkeiten, Farben und Bewegungen bzw. Bewegungsrichtungen, die man primäre visuelle Qualitäten nennen kann. Darüber hinaus gibt es sekundäre Qualitäten, die sich aus den primären Qualitäten durch Kombination und Vergleich zusammensetzen wie Helligkeits- und Farbkontraste, Bewegungsmuster und Bewegungsgeschwindigkeiten und deren Abänderungen sowie den Ort dieser Ereignisse. Hieraus wiederum ergeben sich tertiäre Qualitäten wie Konturen, Gestalten und räumliche Tiefe sowie komplexe dreidimensionale Anordnungen von ruhenden und bewegten farbigen oder unbunten Gestalten, also ganze Szenen. Diese Szenen sind dann die eigentlichen Inhalte unserer visuellen Wahrnehmung.
Sollte der kritische Realist recht haben, so müsste es für all diese Inhalte hinreichend verlässliche Entsprechungen zwischen drei Instanzen und nicht nur zwei geben, nämlich der Welt, so wie wir sie mit unseren Messinstrumenten erfassen, dem visuellen Wahrnehmungssystem und unseren subjektiven Seheindrücken, denn diese Seheindrücke entstehen ja nicht direkt aus den Einwirkungen der Welt auf die Sinnesorgane, sondern aus den Erregungszuständen der Sinnessysteme, die ihre Botschaften über die sensorischen Nerven ins Gehirn senden.
Am ehesten stellen wir eine systematische Entsprechung auf der Ebene der primären visuellen Qualitäten fest. Studieren wir die Aktivität der Photorezeptoren in unserer Netzhaut und der nachgeschalteten visuellen Neurone, so stellen wir fest, dass zumindest einige von ihnen relativ verlässlich auf Veränderungen der physikalischen Helligkeit reagieren, zumindest in einem weiten Bereich, der von einer sternklaren Nacht bis zur Mittagssonne im Sommer reicht. Die Erregung durch eine selbststrahlende oder reflektierende Lichtquelle nimmt in einer annähernden logarithmischen Funktion in dem Maße zu, wie die Zahl der von den Photorezeptoren pro Zeiteinheit aufgenommenen Lichtquanten zunimmt. Dies empfinden wir dann als Zunahme der Helligkeit, und zwar so, dass im Bereich geringer Lichtverhältnisse Unterschiede stärker wahrgenommen werden als im Bereich grellen Lichts. Diese Tatsache ist im so genannten Weber-Fechner-Gesetz ausgedrückt.
Unter natürlichen Bedingungen ist allerdings die Helligkeitswahrnehmung komplizierter und hängt nicht von der absoluten, sondern von der relativen Intensität des Lichtes ab, das von Oberflächen reflektiert wird. Um dies zu überprüfen, nehmen wir ein helles und ein dunkles Stück Karton in die Hand und messen in heller Sonne die Intensität des reflektierten Lichtes. Bei unseren Messungen stellen wir natürlich fest, dass der helle Karton sehr viel mehr Licht reflektiert als der dunkle. Wenn wir nun die Messung in der Dämmerung wiederholen, dann messen wir, dass der helle Karton nach wie vor eindeutig heller aussieht als der dunkle, aber jetzt viel weniger Licht reflektiert als der dunkle Karton im Tageslicht. Wenn die subjektive Helligkeit eindeutig von der absoluten Menge reflektierten Lichtes abhinge, dann müsste die Fläche jetzt dunkel aussehen, was sie aber nicht tut. Das helle bzw. dunkle Aussehen kann also gar nicht direkt mit der absoluten Menge des reflektierten Lichtes zusammenhängen.
Des Rätsels Lösung besteht darin, dass bei Dämmerung der dunkle Karton noch viel weniger Licht abstrahlt als der helle. Das Verhältnis der Menge des von einer Oberfläche reflektierten Lichtes unterschiedlicher Oberflächen bewirkt also, ob sie hell oder dunkel erscheinen, und zwar jeweils "korrigiert" in Bezug auf die Umgebungshelligkeit. Es erscheinen diejenigen Oberflächen am hellsten, die bei einer gegebenen Gesamthelligkeit das meiste Licht reflektieren, und diejenigen am dunkelsten, die dies am wenigsten tun.
Über den Zusammenhang zwischen der zweiten Grundqualität des Lichtes, seiner Wellenlänge, und der Farbwahrnehmung haben wir bereits viel gehört. Wenn wir in einem visuellen Experiment die spektrale Zusammensetzung eines Lichtreizes von kurzwellig nach langwellig ändem, dann erleben wir einen Übergang von Blauviolett über Grün, Gelb und Orange nach Rot. Wir müssen aber auch berücksichtigen, dass wir jede Farbwahrnehmung durch eine fast beliebige Farbaddition und -subtraktion hervorrufen können. Dabei gibt es - wie jeder Farbenpraktiker weiß - zu Hauf unvorhersehbare Effekte. Wir können also von einer subjektiven Farbwahrnehmung nicht verlässlich auf das Wellenlängenspektrum schließen, das von der Oberfläche eines Gegenstandes reflektiert wird.
Mit der Wahrnehmung der primären Qualitäten Lichtintensität und Wellenlänge, denen subjektiv Helligkeit und Farbe entsprechen, hat es sich aber auch schon, denn nur auf die Intensität (bzw. deren Änderung) und die Wellenlänge des Lichtes können die einzelnen Photorezeptoren unserer Netzhaut reagieren. Bei der dritten primären visuellen Qualität, der Bewegung, kommen wir bereits in Schwierigkeiten, denn ein einzelner Photorezeptor kann gar keine Bewegung wahrnehmen (genauso wenig wie ein einziger Photorezeptortyp Farbe wahrnehmen kann), das können nur mehrere Photorezeptoren, nämlich mindestens zwei, die auf eine bestimmte Weise mit einer nachgeschalteten Nervenzelle verbunden sind. Diese Verschaltung, "Bewegungsdetektor" genannt, sorgt dafür, dass die nachgeschaltete Nervenzelle (vornehmlich eine Retinaganglienzelle) dann erregt wird, wenn die ihr vorgeschalteten Photorezeptoren nacheinander durch Lichtpunkte gereizt werden. Verbindet man eine kleine Fläche von Photorezeptoren mit einer Retinaganglienzelle und verschaltet sie in besonderer Weise, dann kann man neben der Bewegung als solcher auch die Geschwindigkeit und die Richtung bzw. die Bahn "errechnen". Wir sehen also, dass so einfache visuelle Merkmale wie Bewegung, Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit gar nicht primär gegeben sind, sondern von Netzwerken "errechnet" bzw. konstruiert werden. Es handelt sich allerdings um ziemlich einfache Konstruktionen.
Kontraste zwischen unterschiedlichen Helligkeiten und Farben sind eine wichtige Grundlage der Objektwahrnehmung: Wo es keine Kontraste gibt, nehmen wir auch keine Gegenstände und Gestalten wahr. Die neuronalen Verschaltungen, die der Helligkeits- und Farbkontrastwahrnehmung zugrunde liegen, sind ebenfalls nicht besonders kompliziert; sie benötigen die bereits genannten "antagonistisch" arbeitenden Nervenzellen in unserer Netzhaut und im nachgeschalteten visuellen System des Gehirns. Kontraste allein ergeben aber noch keine Gestalten bzw. Objekte, sondern erst dann, wenn sie sich in einer ganz bestimmten Weise zusammenfügen, zum Beispiel wenn Linien oder Farben eine Fläche begrenzen. Dies geschieht in unserem Sehsystem meist völlig automatisiert, ja geradezu zwanghaft, gelegentlich sehen wir Kontraste auch dort, wo sie physikalisch gar nicht vorhanden sind, wie dies bei der bekannten Kanizsa-Täuschung mit ihren Scheinumrissen der Fall ist. Die Netzwerke, die mit Gestaltwahrnehmung befasst sind, konstruieren sie automatisch hinzu. Sehr schön sehen wir dies, wenn wir in die Wolken schauen und überall Gestalten und Gesichter entdecken.
Am deutlichsten sehen wir Objekte, wenn sich Konturen vor einem ruhenden Hintergrund bewegen. Ruhende Objekte haben die Tendenz, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen und unsichtbar zu sein (dies ist der Grund dafür, dass sich Tiere und Menschen, die nicht gesehen werden wollen, ganz ruhig verhalten). Bewegung vor einem Hintergrund lässt eine Gestalt geradezu hervorspringen. So starren die von mir ausführlich untersuchten Salamander oft lange eine Grille an, an die sie sich auf Schnappdistanz angenähert haben und die so "schlau" ist, sich nicht mehr zu bewegen. Sie schnappen aber blitzschnell zu, sobald sich die Grille wieder regt (oder auch nur ihre Fühler sich bewegen).
Objekterkennung über Bewegung geschieht im Sehsystem meist völlig automatisiert, aber dies ist beim Salamander wie bei uns bereits eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Hierbei müssen nicht nur bestimmte Ansammlungen von Bildpunkten als Gestalt interpretiert werden, was meist Erfahrung voraussetzt, sondern bei Bewegungen verformt sich diese Gestalt häufig stark, besonders wenn es sich um belebte Objekte wie eine Grille oder eine Person handelt. Wenn mein Salamander die von ihm verfolgte Grille einmal von der Seite, dann wieder von vom oder von hinten sieht, einmal auf die laufenden Beine, ein andermal auf die sich bewegenden langen Fühler schaut, dann muss sein visuelles System ziemlich komplizierte Transformationsberechnungen anstellen, um die Identität des Objekts festzustellen. Dasselbe geschieht bei uns, wenn wir eine bestimmte Person durch ein Dickicht oder in einer Menschenmenge verfolgen. Ist es noch dieselbe Person, die da wieder auftaucht, oder eine andere?
Ein anderer grundlegender visueller Wahrnehmungsinhalt, nämlich räumliche Tiefe, beruht ebenfalls auf komplizierten Berechungen unseres visuellen Systems mithilfe ganz unterschiedlicher Hilfsmittel (retinale Disparität, Bewegungsparallaxe, Linsenakkomodation, Texturgradienten und Helligkeit), ohne dass wir hiervon irgendetwas merken, und ebenso wenig merken wir etwas von dem großen Aufwand, den unser Gehirn treiben muss, um eine stabile visuelle Umwelt zu konstruieren. Wir merken deshalb nichts davon, weil die daran beteiligten visuellen Netzwerke - nach allem, was wir wissen - dies aufgrund von Schaltungen leisten, die entweder genetisch determiniert sind oder sich in einem sehr frühen Entwicklungsstadium verfestigen. Dennoch handelt es sich um Konstrukte, die keinerlei Abbilder der Welt sind.
Dies heißt, dass Bewegungen, Farben, Formen und der uns umgebende Raum nicht direkt von den Bewegungen, Wellenlängenunterschieden, Kontrasten und räumlichen Anordnungen in der Welt abgeleitet, sondern das Produkt von Berechnungen in neuronalen Netzwerken sind.
Da uns diese Wahrnehmungen verlässlich gegeben sind, halten wir sie fälschlich für Zustände der bewusstseinsunabhängigen Welt. Auch unsere sinnesphysiologischen und physikalischen Messungen sagen uns letztlich nicht, welche objektiven Vorgänge unseren Wahrnehmungen zugrunde liegen, sie zeigen uns nur, dass zwischen dem gemessenen physikalischen (oder chemischen) Reiz und unseren Wahrnehmungsinhalten keine irgendwie geartete Ähnlichkeit herrscht. Wenn man den Physiker fragt, was Bewegung, Raum, Zeit oder Ursache wirklich ist, dann wird er - sofern er philosophisch vorgebildet ist - dies als keine sinnvolle Frage ansehen, sondern auf Gleichungen deuten, die helfen, Phänomene in systematischer und logisch konsistenter Weise zu interpretieren.

Die Unspezifität neuronaler Aktivität und der Ortscode
Die Sinnesmodalität, also der erlebte Unterschied zwischen Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken, ist sicher das wichtigste Merkmal der Sinnesreize. Wie kommt die Reizmodalität zustande? Eigentlich sollte dies kein großes Problem sein, denn alles, was vom Auge über den Sehnerven ins Gehirn gelangt, ist Sehen, und entsprechendes sollte für das Ohr und Hören, die Haut und Tasten, die Riechschleimhaut und Riechen, die Zunge und Schmecken gelten. An einfachsten wäre es für das Gehirn, wenn die verschiedenen Sinnesmodalitäten sich durch ganz unterschiedliche Erregungszustände etwa nach Art eines Farbcodes zu erkennen gäben.
So etwas ist lange Zeit tatsächlich angenommen worden, aber diese Annahme ist falsch. Registrieren wir beim Sehen die neuronale Aktivität in der visuellen Rinde und vergleichen sie mit derjenigen in der Hörrinde beim Hören und tun entsprechendes beim Tasten, Riechen und Schmecken, dann können wir in der neuronalen Aktivität keinerlei Unterschiede feststellen. Die Aktionspotentiale und die graduierten Potentiale der aktivierten Nervenzellen sind dieselben in den verschiedenen Sinnessystemen, und dasselbe gilt für die neurochemischen Vorgänge an den Synapsen. Es gibt überhaupt keine neuronale Aktivität, die von ihrer Beschaffenheit für Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken spezifisch wäre, für die einzelnen Farben, für Melodien, Druck und Schmerz, und dasselbe gilt auch für solche neuronalen Aktivitäten, die mit Denken, Vorstellen und Erinnern zu tun haben.
Dies ist die "Unspezifität" oder "Neutralität" neuronaler Erregungen gegenüber ihren Inhalten. Sie hat ihren Entdeckern im 19. Jahrhundert großes Kopfzerbrechen bereitet, aber der größte unter ihnen, der Physiker und Physiologe Hermann von Helmholtz, fand die Lösung des Rätsels. Sie lautet, dass Modalitäten und Qualitäten von Sinnesreizen durch den Ort der Verarbeitung im Gehirn festgelegt werden und nicht durch die Beschaffenheit der damit verbundenen neuronalen Aktivität. Dies kann man dadurch beweisen, dass man mit derselben (unschädlichen und schmerzfreien) elektrischen Erregung mithilfe einer Reizelektrode im visuellen Cortex visuelle Halluzinationen, im auditorischen Cortex auditorische und im somatosensorischen Cortex somatosensorische Empfindungen hervorruft - meist allerdings nur ziemlich einfache. Dieses Prinzip gilt übrigens auch für subcorticale Zentren: Elektrische Stimulation von Teilen des Hypothalamus ruft Wut hervor, Erregung von Teilen der Amygdala Furcht, von Teilen des mesolimbischen Systems Lustgefühle usw. Der Ort der Erregung legt den Inhalt fest, und zwar unabhängig davon, woher die Erregung stammt.
Die Gültigkeit dieses Ortsprinzips oder Ortscodes wird dadurch gewährleistet, dass das Gehirn sich in seinem Wachstum in einer ganz bestimmten Weise verknüpft, die - von Fehlentwicklungen abgesehen -dafür sorgt, dass die von der Netzhaut stammende Erregung über den Thalamus zum Hinterhauptslappen (Okzipitalcortex) gelangt, die vom Innenohr stammende Erregung über das Mittelhirndach und den Thalamus zum Schläfenlappen (Temporalcortex) und die von der Haut und den Muskeln stammende Erregung wiederum über den Thalamus zum vorderen Scheitellappen (Parietalcortex). Verändert man in einem sehr frühen Entwicklungsstadium diese Verbindungsbahnen und lässt die Erregungen vom Auge im Temporalcortex und die vom Ohr im Okzipitalcortex enden (solche Experimente lassen sich nur bei ganz bestimmten Versuchstieren machen), dann sieht das Tier mit dem für das Hören vorgesehenen Cortex und umgekehrt (zumindest verhält es sich so, als ob es etwas sähe bzw. hörte). Etwas Ähnliches findet im Übrigen bei Personen statt, die sehr früh erblindet sind. Hier dehnt sich der somatosensorische Cortex des Scheitellappens in den Bereich des "nutzlos" gewordenen visuellen Cortex des Hinterhauptslappens hinein aus, und es kommt zu einer Uminterpretation der corticalen Aktivität. Insgesamt zeigen uns diese Befunde, dass im Gehirn der Kontext, in dem eine Erregung stattfindet, wichtig für ihre Bedeutung ist.
Eine Konstruktionsebene ganz neuer Art betreten wir, wenn wir die große Erfahrungsabhängigkeit unserer Wahrnehmung berücksichtigen. Dass unsere Wahrnehmungsleistungen zum Teil in dramatischer Weise von unserer Erfahrung abhängen, merken wir, wenn wir uns in neue Umgebungen begeben und dann längere Zeit benötigen, um uns wahrnehmungsmäßig darin zurechtzufinden. Anfangs sind wir wie blind und haben Mühe, all die Dinge und ihre spezifischen Anordnungen zu erkennen. Später, wenn wir mit dieser Umgebung vertraut sind, sehen wir mit einem Blick, dass alles an seinem Platz ist. Untersuchen wir diesen Vorgang genauer, so erkennen wir, dass wir vertraute Umgebungen wie unser Arbeits- oder Wohnzimmer gar nicht mehr Punkt für Punkt wahrnehmen, sondern dass unserem visuellen System wenige Anhaltspunkte genügen, um ein vollständiges Bild der Umgebung zu konstruieren, und zwar aus dem Gedächtnis heraus. Wir merken davon meist nichts, und dies hat die zuweilen verhängnisvolle Konsequenz, dass wir Abweichungen vorn Gewohnten völlig übersehen.
Viele erfahrungs- und gedächtnisgeleiteten Prozesse finden allerdings in früher Jugend statt, zum Teil unmittelbar nach der Geburt. Unser Gehirn lernt dabei, wie die visuelle Welt aufgebaut ist, d.h. wie Objekte sich hinsichtlich ihrer Helligkeit, Farbe, Form und Bewegung unterscheiden, dass sie nicht wirklich verschwinden, wenn sie nicht mehr sichtbar sind, dass sie dieselben bleiben, auch wenn sie sich ändern usw. Das Gehirn lernt Gesichter und die Körper und ihre Bewegungen unterscheiden und so fort. Dieses Lernen geschieht auf eine sehr schnelle und exemplarische Weise, weil hierfür jeweils spezifische, genetisch vorgegebene Netzwerke existieren, die nur darauf warten, "informiert" zu werden. Sie verfestigen sich mehr und mehr und können später nur mit großem Aufwand verändert werden, so dass ihre Leistungen wie angeboren aussehen. Wachsen Tiere und Menschen jedoch in Umgebungen auf, in denen bestimmte Mindestinformationen über Farben, Gestalten und Bewegungen nicht vorhanden sind, dann zeigen sich schwere Defizite der Wahrnehmung, denn es fehlte den Sinnessystemen das nötige Reizangebot zur richtigen Entwicklung.

Neurobiologischer und radikaler Konstruktivismus
Wir können deshalb sagen, dass bei komplexen Wahrnehmungen unser Gedächtnis das wichtigste Wahrnehmungsorgan ist. Aufbauend auf genetisch vorgegebenen oder früh verfestigten primären Interpretationshilfen wie den oben genannten ist jeder Wahrnehmungsprozess eine Hypothesenbildung über Gestalten, Zusammenhänge und Bedeutungen der Welt. Anders ausgedrückt: Die Art und Weise, wie im Prozess der Wahrnehmung unsere Umgebung in bedeutungsvolle Gestalten und Geschehnisse gegliedert wird, ist eine Folge von Versuch und Irrtumsbeseitigung, von Konstruktions- und Interpretationsversuchen, von Bestätigung und Korrektur.
Diese Auffassung entspricht derjenigen des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus. Dieser betont, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen den Vorgängen in der Welt und den Inhalten unserer Wahrnehmung gibt. Die Vorgänge in der Welt bilden sich nicht direkt im Gehirn ab, sondern bewirken Erregungen in den Sinnesorganen, die zur Grundlage von Konstruktionsprozessen unterschiedlicher Komplexität und Beeinflussung durch Lernprozesse werden, an deren Ende oft, aber keineswegs zwangsläufig, unsere bewussten Wahrnehmungsinhalte stehen. Aus den Wahrnehmungsinhalten selbst lässt sich umgekehrt nicht die Beschaffenheit der bewusstseinsunabhängigen Welt erschließen, weil das, was "von draußen" kommt, sich von dem, was das konstruktive Gehirn "hinzu tut", nicht verlässlich unterschieden werden kann - beides ist ja nur innerhalb des Gehirns vorhanden! Diese Anschauung wird durch die sinnes- und neurophysiologische Forschung voll bestätigt und ist praktisch neurobiologisches Gemeingut geworden.
Von diesem neurobiologisch-psychologisch inspirierten Konstruktivismus muss man den so genannten radikalen Konstruktivismus unterscheiden. Dieser radikale Konstruktivismus erweckt den Eindruck, als gebe es im Gehirn eine Instanz, die sich bewusst Modelle über die "Welt da draußen" macht, sie ausprobiert und sich gleichzeitig fragt, ob es diese Welt überhaupt gibt. Manche radikalen Konstruktivisten halten selbst diese Frage für sinnlos, weil sie objektiv nicht zu beantworten sei. Jede Aussage über die Existenz einer bewusstseinsunabhängigen Welt sei eine Aussage in der Bewusstseinswelt. Dieser Standpunkt wird in einem Zitat des Hauptvertreters des radikalen Konstruktivismus, Ernst von Glasersfeld, deutlich, das lautet: "Der radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrung konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben" (von Glasersfeld, 1996).
Anders ausgedrückt: Was für einen Beobachter wie die Wahrnehmung externer Geschehnisse aussieht, ist in Wirklichkeit ein Prozess der intemen Hypothesenbildung über die möglichen Bedeutungen der intern erfahrenen Veränderungen. Das System versucht dabei, bestimmte interne Mängel-, Bedürfnis- oder Ungleichgewichtszustände auszugleichen. Die Umwelt existiert aber für das System nicht real, sondern ebenfalls nur als Konstrukt Richtig an diesem Standpunkt ist, dass das Nervensystem bzw. Gehirn keine Information im Sinne von Bedeutung und Wissen aufnehmen kann. Bedeutung entsteht, indem Umweltreize Erregungen in den Sinnesorganen hervorrufen, die mithilfe unterschiedlichster Mechanismen und auf den unterschiedlichsten Ebenen des Nervensystems und Gehirns miteinander verglichen und verrechnet und zunehmend mit Gedächtnisinhalten versetzt werden. Dennoch ist es falsch, diesen Konstruktionsprozess als eine Art bewussten Hypothesenbildung zu sehen, wie er in der Wissenschaft abläuft, wo man Daten hin und her wälzt, bis sie sich möglichst widerspruchsfrei und mit dem höchsten Erklärungsgrad zusammenfügen. Wir müssen über unsere Wahrnehmungskonstrukte nicht nachdenken, und sie unterliegen auch nicht unserem Willen. So etwas würde uns zu Konstrukten verleiten, die gegebenenfalls „lebensgefährlich" wären. Vielmehr läuft unsere Wahrnehmung, auch die erfahrungsgeleitete, hochautomatisiert ab.
Wenn unsere Wahrnehmungen also Konstrukte sind (wenngleich keine bewusst-willkürlichen) und keine Abbilder, wieso sind sie trotzdem in aller Regel verlässlich? Dies können wir am ehesten verstehen, wenn wir uns klarmachen, dass nicht unsere Wahrnehmungen "richtig" sein müssen, sondern unsere Verhaltensweisen. Man kann zeigen, dass zwischen den Gegebenheiten in der Umwelt und den Verhaltensweisen eine Passung vorhanden sein muss in dem Sinne, dass das Leben und Überleben in unserer natürlichen und sozialen Umwelt nach externen Kriterien der physischen Fortdauer und internen Kriterien des biologischen und psychischen Wohlbefindens sichert. Ein Salamander muss nicht die Welt korrekt erkennen, um eine Fliege zu fangen, und wir müssen den physikalischen Raum nicht so abbilden, wie er tatsächlich ist, um uns in ihm zurechtzufinden. Es genügen - aus der Sicht des Beobachters - Annäherungsmodelle, die, wenn es darauf ankommt, verfeinert werden, so dass eine präzisere Verhaltenssteuerung möglich ist.
All dies ist in unseren Sinnessystemen und in unserem Gehirn vor vielen Millionen von Jahren geschehen, und deshalb sind diese Konstrukte so verlässlich. Andere Konstrukte erhalten ihre Verlässlichkeit über die sich verfestigenden Lernprozesse während der Frühstadien unserer Entwicklung, die zudem von stammesgeschichtlich bewährten Regeln geleitet werden. Anderes schließlich unterliegt dem Spiel der aktuellen Hypothesenbildung und Konstruktion, wenn wir mit neuen Gesichtern, Szenen, Sätzen und Sachverhalten konfrontiert werden und deren Bedeutung erfassen müssen. Aber auch dies geschieht in aller Regel unbewusst und automatisiert und immer unter Zuhilfenahme bewährten Gedächtnis-Materials. Das macht diese Konstrukte ebenfalls vergleichsweise verlässlich. Wir haben also in der Wahrnehmung einen Stufenbau von Konstruktionsebenen vorliegen, die teilweise erfahrungsbedingt sind, aber meistenteils nicht von unserem Bewusstsein und unserem Willen abhängen und deshalb so verlässlich arbeiten. Sie müssen deshalb nicht im metaphysischen Sinne "wahr" sein.
Interessant ist es zu fragen, ob und inwieweit der hier vorgetragene neurobiologische Konstruktivismus sich von einem kritischen Realismus oder gar einem hypothetischen Realismus, wie ihn Gerhard Vollmer vertritt, sich überhaupt unterscheidet. In vielen Grundaussagen, insbesondere dem Hinweis auf die evolutionäre Bedingtheit unseres "Erkenntnisapparats", auf die "Passung" zwischen diesem Apparat und den speziellen Lebensbedingungen und der hohen Plausibilität der Annahme der Existenz einer bewusstseinsunabhängigen Welt gibt es keine oder nur geringe Unterschiede. Die wirklich gravierenden Unterschiede liegen nicht im ontologischen, sondern im erkenntnistheoretischen Status der "realen", bewusstseinsunabhängigen Außenwelt. Beide Positionen, der neurobiologische Konstruktivismus und der kritische bzw. hypothetische Realismus gehen von der Existenz einer bewusstseinsunabhängigen Welt aus. Der kritische bzw. hypothetische Realismus glaubt bei aller Anerkennung des hypothetischen Charakters dieser Annahme von der Korrektiv-Funktion der Realität aus, insbesondere wenn - wie Vollmer betont - Hypothesen scheitern. Idealismus oder Konstruktivismus könnten - so Vollmer - zwar das Bestätigen von Hypothesen, nicht aber ihr Scheitern erklären, und dieses Scheitern sei ebenso wichtig für den Erkenntnisfortschritt wie das Bestätigen. Während letzteres zweifellos richtig ist, trifft ersteres nicht zu. Um das Scheitern einer Hypothese festzustellen, benötigt man -zumindest in der modernen Forschung - ebenso umfangreiche methodische und begriffliche Vorannahmen wie für ihre Bestätigung. Viele Hypothesen der neuzeitlichen Wissenschaft sind nur scheinbar gescheitert und haben sich - meist nach einigen Modifikationen oder Verbesserungen in den Prüfverfahren - als richtig erwiesen. In der berühmten Konkurrenz des ptolemäischen und des kopernikanischen Bildes unseres Sonnensystems war hinsichtlich der Exaktheit der Vorhersage der Planetenstellungen das komplizierte ptolemäische mit seinen Zykeln und Epizykeln dem kopernikanischen weit überlegen und hätte demnach jede empirische Überprüfung gewonnen. Die ursprüngliche Theorie von John Eccles, dass die Nervensynapse ausschließlich elektrischer Natur ist, wurde nicht durch direkte Experimente entschieden, sondem durch eine umfassende Gewichtung und Interpretation einer Vielzahl widerstreitender experimenteller Befunde. Übrigens hat der Philosoph Karl Popper (der "Erfinder" des Falsifikationismus) bei der "Konversion" von Eccies zur chemischen Natur der Synapse eine große Rolle gespielt. Ironischerweise hatte Eccles doch zum Teil recht, denn heute weiß man, dass es überall im Gehirn neben den chemischen Synapsen auch elektrische gibt - vielleicht sogar viel mehr als die ersteren.
Mögen wir also noch so fest an die Existenz einer bewussteinsunabhängigen Welt glauben - und dieser Glaube ist für einen Biologen wohl unabdingbar -, so hilft dies uns bei der Frage nach der Verlässlichkeit unserer Sinnesempfindungen und Wahrnehmungen nicht weiter. Was bleibt, ist der systematische Vergleich von Wahrnehmungen untereinander und die Prüfung unserer Aussagen auf Widersprüchlichkeit. Eine bewusstseinsunabhängige Welt wäre eben nicht bewusstseinsunabhängig, wenn sie - und sei es auch nur partiell - erkennbar wäre. Dies verbietet uns selbstverständlich nicht, dass wir uns möglichst vernünftige und plausible Annahmen über den Aufbau und die Gesetze dieser Welt machen.

Weiterführende Literatur
  • Dudel, J./Menzel, R./Schmidt, R.F. (Hrsg.): Neurowissenschaften. Vom Molekül zur Kognition, Berlin/Heidelberg/New York 2001.
  • Kandel, E. R./Schwartz, J. H.Jessell, T. M.: Neurowissenschqften, Heidelberg 1996.
  • Kutschera, F. von: Grundfragen der Erkenntnistheorie, Berlin 1982.
  • Roth, G.: Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2000.
  • Roth, G.: Fühlen, Denken, Handeln, Frankfurt a.M. 2003.
  • Vollmer, G.: Evolutionäre Erkenntnistheorie, Stuttgart 1975.

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