auf

Übersichten über diese Seiten: "Alle Themen"-Button links (Seite nach oben scrollen!) ++ Projekte ++ Themen
Reform/Revolution Gewalt Radikal? Globalisierung Antideutsch Wahrheit
Materialversand

Dekonstruktieren statt rekonstruieren!

Definition ++ Debatte über Definition ++ Debatte ++ Marxismus und Wahrheit ++ Wahrheit

Begriffsbestimmungen

Die folgenden Definitionen dienen der Klärung, wie die Begriffe in der Diskussion rund um die Projektwerkstatt und diese Internetseiten (also z.B. im AC/PC-Papier und in anderen Diskussionsbeiträgen auf der Hoppetosse-Mailingliste) benutzt werden.
Ob die hier genutzten Definitionen passend sind bzw. mit schon erfolgten früherer Diskussionen und Veröffentlichungen übereinstimmen, darf angezweifelt werden. Eventuell müssen dann neue Begriffe geschaffen werden. Schließlich: Es kommt auf den Inhalt, das hinter dem Begriff „Dekonstruktion“ stehende Ziel und die hinter „Rekonstruktion“ stehende Kritik an.

Definition „Konstruktion“

Konstruktion bezeichnet das Herstellen entweder ...

Schon die Begriffe, die der Abgrenzung dienen, können konstruierte, d.h. nicht tatsächliche, soziale Kategorisierungen darstellen.

Definition „Dekonstruktion“

Dekonstruktion bezeichnet das Offenlegen der Konstruktion, ihrer dahinterstehenden Denkmuster, –logiken und Formen der Weitergabe, das Eintreten für Selbstbestimmung und der Widerstand gegen alle Formen der Konstruktion und Rekonstruktion.

Definition „Rekonstruktion“

Rekonstruktion bezeichnet die Wiederherstellung, Verstärkung oder Wiederholung von Konstruktionen sowie die kritiklose Benennung konstruierter Zusammenhänge zwischen abgegrenzten Gruppen von Menschen mit behaupteten sozialen Eigenartigkeiten – unabhängig, ob dieses zum Zwecke diskriminierender, schützender oder (pseudo)wissenschaftlicher Argumentationen oder Aktivitäten dient.

Anmerkungen zum Definitionsversuch "Konstruktion/Dekonstruktion/Rekonstruktion"
ich fände das schwierig zu dekonstruieren, ohne dabei wieder neue, andere Konstruktionen zu entwickeln. Selbst wenn ich das versuche, nämlich ohne neue Konstruktionen zu dekonstruieren, begehe ich schon wieder die Sünde der Konstruktion! Denn ich konstruiere dann die Möglichkeit einer Realität jenseits aller Konstruktionen - und eine solche „unkonstruierte“ Realität nenne ich eine Konstruktion der allerhandfestesten Art. Denn will ich ohne neuerliche Konstruktionen dekonstruieren, dann begebe ich mich direkt in den Kreis von Religionskonstrukteuren, denn ich konstruiere einen Gott. Wer anders als ein Gott könnte DIE EINE, unkonstruierte Realität geschaffen haben ???  Stendhal sagte das so: Die einzige Entschuldigung Gottes ist die, daß er nicht existiert. Daher: Immer wenn ich dekonstruiere - und damit ja gleichzeitig wieder neukonstruieren muß -, geschieht dies für mich selbst, subjektiv, immer dann VERANTWORTLICH, wenn meine Konstruktionen und Dekonstruktionen nicht den Anspruch erheben, „wahr“ zu sein. Sie sind Spiel - und wo wäre ein größerer Ernst als im Spiel? Im Spiel der Konstruktionen entscheidet sich die Frage meines Seins. Dumme Spiele - blöd gelaufen! Gar kein Spiel - allzu blöd, denn nix gelaufen!

Definitionen und Diskussionen aus der Hoppetosse-Mailingliste

Konstruktionen sind ein Mittel, dass Herrschaft subtil durchsetzen kann.  Diskursiv. Das bedeutet, dass die Menschen, die materiell ein Interesse (oder ein anderes, status oder so, Menschen streben nach mehr las nur nach materiellen Dingen, zum Beispiel nach gesellschaf5tlicher Anerkennung oder Macht ueber andere - das muss nicht mal mit materiellen Vorteilen verbunden sein) an etwas haben, konstruieren eine Sicht der Dinge. Zum Beispiel Gender, also soziales Geschlecht, oder Voelker, Nationen, weiss ich...Gott, Satan, die Tobin Steuer. Wenn Du es schaffst, den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen, fangen auch Menschen, die subjektiv gar nix davon haben, an, der Gueltigkeit deines Konstruktes zu glauben und es evtl. weiterzuspinnen.  Natuerlich gibt es materielle Gruende fuer Rassismus und Sexismus. Aber doch gar nicht fuer jeden einzelnen Sexisten und Rassisten! Der Nazi hat ja nix davon, wenn er Asylheime abfackelt, ausser einem kurzen Hasshypewahn, in dem er sich mental einen runterholt. Auch wenn alle „Auslaender draussen“ sind, aendert sich fuer ihn gar nix, materiell gesehen. In den NBZs gibts auch nicht mehr Arbeitsplaetze oder so.
Es mag immer noch Leute geben, die davon profitieren. Sie bestimmen den Diskurs, die Bildzeitungsleser rennen hinter her, glauben dem herrschenden Diskurs und machen mit, ohne dass sie auch nur im geringsten was davon haben. Und DAS  musst Du mir mal materiell erklaeren! Das ist naemlich die Herrschaft mittels Konstrukten. Du kannst so manipulieren, was die Menschen zu denken haben. Und das ist schon obe-praktisch.  Der Satz „stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ legt genau das offen. Stell Dir vor, wir machen bei Eurem Kram nicht mehr mit. Und dass aber so viele Leute mitmachen, liegt daran, dass ihnen erzaehlt wird, sie haetten was davon, obwohl das nicht so ist, ja ihren Interessen eigentlich sogar diametral entgegensteht (Etwa Krieg)! Damit der Laden laeuft, muessen die Herrschenden den Unterdrueckten erklaeren, sie haetten was davon, mitzumachen, auf jeden Fall ist das die einfachste Art, zu herrschen, weil herrscherIn sich nicht mit brutalen Mittel rumplagen muss. Und das muss konstruiert werden. Alle glaubens und machen mit. Brauch ich ne  Nation fuer meine Interessen, muss ich sie mir konstruieren, am besten mit irgendwas belegen und dafuer sorgen, dass die Existenz vom „Volk“ , also den Beherrschten, nicht mehr hinterfragt wird.
Die Tobin Steuer beispielsweise. Ich weiss nicht, wer da jetzt konkret von profitiert, wenn die durchgesetzt wird. Auf jeden Fall, gibt es ne Menge Leute, die zeigen, dass sie letztlich gar nix bringt. Aber es gibt eine Menge Menschen, die sich dem Kampf fuer die Tobin Tax verschreiben. Dabei geht es gar nicht mehr darum, was sie wirklich kann oder ist (viele haben das immer noch nicht gecheckt, z.B. Linksruck), sondern was die Menschen GLAUBEN, was die EInfuehrung der TT alles bringen wird! Ein Konstrukt.  Nationen. Wo bitte ist die bilogische, materielle Existenzberechtigung dafuer? Was bitte soll das sein, eine Nation? Mag sein, dass es Gruppen gibt, die von der Existenz von Nationen profitieren und deshalb ihre Existenz forcieren und herbeireden. Deswegen existiert aber real noch lange keine Nation wirklich. Natuerlich haben wir Paesse, und Staatsangehoerigkeiten und was weiss ich, aber die „Nation“ ist nichts greifbares. Sie ist ein Konstrukt, da zwar reale Auswirkungen hat (pass, Abschiebung, Regierung was weiss ich), aber eigentlich ist der Begriff Nation ein Schwachsinn. Warum sollte es fuer Menschen einer bestimmten biologischen Auspraegung und evtl. auch Sprache ein angeborenes recht auf einem bestimmten Fleckchen des Plaenten und nirgnds sonst, ausser er/sie qualifiziert sich dafuer besonders, wohnen zu muessen/duerfen, geben? Wo ist da eine rationelle Begruendung bitte? Und warum ist Oessterreich eine eigene „Nation“, wenn sich doch sonst alles aehnelt zur BRD (Sprache, Hautfarbe, „Kultur“). Und was ist ein Volk? Muss ich zu einem Volk gehoeren, auch wenn ich das nicht will? Hat ein Volk Rechte?
All diese Dinge sind Konstrukte. Das heisst nicht, dass nicht ihre Auswirkungen real existent sind und sich in vielfaeltiger Weise niederschlagen. Aber: Sie haben keine rationale Existenzberechtigung und sind anders denkbar, das heisst, die Tatsache, dass gender so reproduziert wird in unseren Koepfen inst aenderbar, wenn ein anderer herrschender Diskurs eintritt. Welcher Diskurs herrscht, ist natuerlich wieder abhaengig von den Grundbedingungen: wer herrscht und wer die Macht hat. Ich kann mir das nicht wegdenken, aber ich kann erkennen, dass mensch diese diskursive Herrschaft und konstruierte Zustaende auch auf der Ebene angreifen kann.  Transgender Leute leben diese Dekonstruktion.
Im Prinzip ist eine Aktion gegen Diskurse eine Art Verwirrung zu stiften und andere Denkmoeglichkeiten aufzuzeigen. Beispielsweise, dass es auch sein koennte, dass alles andersrum ist, oder ganz anders ist.
Das ist zumindest das, was ich meine, und was ich glaube auch in Joerg‘s, Felix‘s und Oliver‘s Argumentation so verstanden zu haben.
Konstruktivismus heisst im Uebrigen nicht, dass dann alles richtig ist und gar nichts mehr erkennbar. Denn alle halten ihre Sicht fuer die plausibelste. Aber das hat Oliver schon mal sehr schon dargestellt, in einer Diskussion mit Klaus, die ich hier jetzt nicht wiederholen moechte.

Im Original: Kritik am Konstruktivismus und Antwort darauf ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
> > Radikal waere, die Welt richtig zu erklaeren.
>
> Auch. Wobei ich „richtig“ in Zweifel ziehe. Das geht von der
> Existenz von Objektivitaet aus. Und die gibt es meines Erachtens
> nicht. Eine solche Position waere meines Erachtens auch
> antiemanzipatorisch, weil sie etwas ueber den Menschen stehendes
> „Richtiges“ schafft - so wie vor allerhand Jahren, dass die Sonne um
> die Erde kreist usw.).
Da scheint der Kern unserer Differenz zu liegen. Wenn es nichts objektives und richtiges gibt - warum diskutieren wir denn dann ueberhaupt? Jeder kann dann gut seine Meinung vertreten, weil es gar kein Kriterium dafuer gibt, wer bei zwei sich ausschließenden Positionen recht hat (die Realitaet richtig beschreibt). Dann kann mans aber auch mit der Politik gleich lassen, denn irgendwie hat ja jeder recht (bzw.: es ist total-egal).  im uebrigen beisst sich diese form idealismus mit emanzipatorisch, denn emanzipatorisch heisst, dass man sich gegen zwangsverhaeltnisse wendet. das setzt aber nunmal voraus, dass man diese als bestehend (und nicht nur bloss gedacht) annimmt. nach deiner position koennte man sich aber diese zwangsverhaeltnisse (richtig bzw. objektiv gibts ja nich) einfach schlicht wegkonstruieren/wegdenken etc...

> Wenn es nichts objektives und richtiges gibt - warum diskutieren
> wir denn dann ueberhaupt?
Ha! Danke fuer die Steilvorlage :-)))
WEIL (nicht obwohl) es nicht „das richtige“ gibt, diskutieren wir, denn:
  • Diskussion dient der Annaeherung an eine gemeinsame Wahrnehmung und der Verabredung gemeinsam Wahrgenommenen (das die miteinander Diskutierenden dann teilen - andere aber schon nicht mehr)
  • Diskussion dient der Entwicklung, Erweiterung und Veraenderung von Standpunkten, Sichtweisen usw.
Gaebe es dagegen „das richtige“, DANN waere Diskussion ueberfluessig, sondern es ginge nur darum, dass die, die „das Richtige“ schon wissen, es den Nichtwissenden vermitteln (so wie Diskussionen, auch und gerade in Kommi-Zusammenhaengen, denn tatsaechlich immer wieder sind ...)

> wer bei zwei sich ausschlie-enden Positionen recht hat
Stimmt. Das beendet die Debatte aber nicht, sondern oeffnet sie geradezu. Ansonsten ist Streit um die richtige Lehre (Diskussion entsteht dann ja nur, wenn beide glauben „das Richtige“ zu kennen - die Folge: Zoff statt Debatte).
Kriterien koennen aber trotzdem eingefuehrt werden. Sie sind nur nicht „richtig“ im Sinne von absolut. Sondern die DiskutantInnen einigen sich darauf. Zum Beispiel mein Vorschlag fuer das grundlegendste Kriterium: Ist etwas emanzipatorisch oder nicht?

> dass man sich gegen zwangsverhaeltnisse wendet. das
> setzt aber nunmal voraus, dass man diese als bestehend
Nein. Zwangsverhaeltnisse werden empfunden. Ob sie so, wie sie empfunden werden, wirklich sind (Sender-Empfaenger-Verhaeltnis), ist eine andere Frage, zunaechst fuer einen (am Anfang unflektierten) Widerstand aber gar nicht wichtig.

> nach deiner position koennte man sich aber diese
> zwangsverhaeltnisse (richtig bzw. objektiv gibts ja nich) einfach
> schlicht wegkonstruieren/wegdenken etc...
Dann liest Du meine Positionen aber unvollstaendig. Ich habe immer gesagt, dass Konstruktionen sehr wohl wirkmaechtig sind. Dass der Anschlag auf das WTC ein Anschlag auf die Zivilisation ist, ist ein Konstrukt. Ein sehr wirkungsvolles. Ist nicht einfach wegzukonstruieren.
Dass Attac unser aller Dachverband ist, ist auch konstruiert. Und Millionen von Menschen leben mit dieser Meinung, setzen die wiederum in taten um - und schon ist das Konstrukt auch Realitaet.  Realitaet ist eben auch subjektiv, daher widersprechen sich Konstrukt und Realitaet nicht.
Anmerkungen zum Definitionsversuch "Konstruktion/Dekonstruktion/Rekonstruktion"

ich fände das schwierig zu dekonstruieren, ohne dabei wieder neue, andere Konstruktionen zu entwickeln. Selbst wenn ich das versuche, nämlich ohne neue Konstruktionen zu dekonstruieren, begehe ich schon wieder die Sünde der Konstruktion! Denn ich konstruiere dann die Möglichkeit einer Realität jenseits aller Konstruktionen - und eine solche „unkonstruierte“ Realität nenne ich eine Konstruktion der allerhandfestesten Art. Denn will ich ohne neuerliche Konstruktionen dekonstruieren, dann begebe ich mich direkt in den Kreis von Religionskonstrukteuren, denn ich konstruiere einen Gott. Wer anders als ein Gott könnte DIE EINE, unkonstruierte Realität geschaffen haben ???  Stendhal sagte das so: Die einzige Entschuldigung Gottes ist die, daß er nicht existiert. Daher: Immer wenn ich dekonstruiere - und damit ja gleichzeitig wieder neukonstruieren muß -, geschieht dies für mich selbst, subjektiv, immer dann VERANTWORTLICH, wenn meine Konstruktionen und Dekonstruktionen nicht den Anspruch erheben, „wahr“ zu sein. Sie sind Spiel - und wo wäre ein größerer Ernst als im Spiel? Im Spiel der Konstruktionen entscheidet sich die Frage meines Seins. Dumme Spiele - blöd gelaufen! Gar kein Spiel - allzu blöd, denn nix gelaufen!

Debatte

Die Debatte lief auf der Mailingliste des Hoppetosse - Netzwerk für kreativen Widerstand.

Eine Geschichte, ueber die ich gerne Positionen hoeren und diskutieren moechte ist die Frage einer rekonstruktiven Argumentationslogik in linken Zusammenhaengen.  Immer wieder wird als Gegenargumentation zu diskriminierenden oder strukturell-unterdrueckenden Verhaeltnissen die Staerkung bestimmter Gruppen gefordert. Nur sehr selten wird aber die Konstruktion dieser Gruppen selbst angegriffen.

Antwort A:
Ich denke, das Problem ist folgendes: Wenn wir etwas als Konstrukt erkennen, existiert es in gewisser WEise trotzdem. Wenn ich erkannt habe, das ein Zusammenhang oder eine Gemeinschaft nur Konstruiert ist, wwerden sie in den Köpfen der meißten Menschen weiterhin existieren. Ich finde die Dekonstruktion wichtig, sehe jedoch, das ich, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen konstruiert und als solche dann diskriminiert und verfolgt werden, das die Dekonstruktion nicht ausreicht. Und zwar deshalb nicht, weil es an vielen Stellen Handlungsbedarf gibt, der so akut ist, das er schneller erfolgen muß als sich Dekonstruktion als gesammtgesellschaftlicher Vorgang möglich erscheint.  Wir müssen dann auch an Freiräumen bzw. Schutzräumen für diejenigen Schaffen, die aufgrund der Konstruktion verfolgt werden. Denn klar ist: Die Verfolgung an sich ist nicht konstruiert.
In der Praxis heißt dies z.B. das ich z.B. auch wenn ich Geschlecht als konstruktion erkenne, sexistische Diskriminierung real ist und es für die OPfer (sprich Frauen) das Recht geben muß, Schutzräume zu schaffen.

Sehr bemerkenswert fand ich in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Antisemitismusdebatte oder den Umgang mit dem Konflikt PalaestinenserInnen und Israelis. Bei letzterem gibt es zwei „linke“ Positionen. Einmal die, dass „die“ PalaestinenserInnen unterdrueckt seien durch „die“ Israelis (manchmal noch verbunden mit Bezeichnungen wie „imperialistischen“ bis gar „zionistischen“).  Zum anderen die, dass „die“ JuedInnen eine immer verfolgte Gruppe sind, daher ein Selbstschutz (Staat, Militaer usw.) verstaendlich und „die“ PalaestinenserInnen den weltweiten Antisemitismus ausleben. So gab es in der letzten konkret eine Thematisierung dazu, in der in einem Interview mit einen Vertreter des israelischen Staates dieser sowie auch die Interviewenden von konkret selbst pauschale Verurteilungen „der“ PalaestinenserInnen machen durfte.  Schon diese ganze Argumentationslogik erschien mir sehr, sehr rekonstruktiv.  Wenn die konkret (und event. andere auch) den Nationalstaat Israel mit „den“ Israelis und dann am besten noch mit „den“ JuedInnen ueberall gleichsetzt, wird eine Konstruktion einer homogenen und abgrenzbaren Menschengruppe (wie die auch immer falsche Konstruktion einer „Rasse“) gemacht, wie es auch von rechts erfolgt. Die Konstruktion des Judentums seitens der konkret ist gleich dem der Rechten. Nur die Konsequenz ist anders.
Hinzu kommt noch: In diesem Konflikt wird der Nationalstaat als legitime Ebene der Autonomiesicherung angesehen. Das habe ich jetzt auch in direkten Gespraechen schon gehoert. Selbst auf Nachfrage wurde mir bestaetigt, dass dazu auch das Bomben von Militaerflugzeugen in Wohngebiete gehoeren koennte. Auf diese Art erfolgt eine Legitimation fuer Staat, Macht und Militaer. Das wird zwar auf den Staat Israel als Ausnahme beschrieben, aber das ist dann auch nur ein analystischer Fehler. Das das israelische Militaer nicht „die“ JuedInnen in Deutschland beschuetzen kann, muss es dann dafuer wohl den deutschen Staat und dessen Polizei geben. Oder? Undsoweiter.
Weiteres Beispiel aus der Antisemitismusdebatte: Angetrieben vom Ziel, gegen Antisemitismus einzutreten, und von der typischen SpalterInnen-Mentalitaet in der Linken werden antikapitalistische Aussagen und Symbole als antisemitisch kritisiert. Sicher - viele Texte und vor allem Transpis, Plakate und Karikaturen sind nur eine verkuerzte Kapitalismuskritik (wie sollte es anders sein ...). Wer aber z.B. in einer Vampirfigur vor allem „die“ JuedInnen entdeckt, ist doch selbst auf dem Trichter, zunaechst faelschlicherweise die Existenz „des“ Judentums anzuerkennen und zudem genauso faelschlicherweise die Verbindung von Kapitalismus und „dem“ Judentum einzugestehen (nur mit der Aussage: „Psst, das duerfen wir nicht sagen“). Tatsaechlich aber gibt es „das“ Judentum nicht und „die“ JuedInnen haben auch nicht als solche irgendwas mit dem Kapitalismus, mit der Wall Street oder was weiss ich zu tun!

Antwort von B:
Ich finde, dass du es dir zu einfach machst. Erst Mal legitimiert deine Aussage, dass es sich bei Bildern mit
antisemitischen Stereotypen um verkürzte Kapitalismuskritik handele, die sich nicht vermeiden lasse, genau diese Sterotypen. Natürlich kann mensch in Parolen, Transpis, Plakaten, etc.. allein wegen ihrer Funktion, nur beschränkt inhaltliche Aussagen treffen. Es gibt aber nicht nur verkürzte und deshalb automatisch inhaltlich nicht tragbare.
Diese Zwangsläufigkeit in deiner Argumentation, finde ich falsch. Ich finde es sehr gut und notwendig, sich gedanken zu machen, wie sehr unsere Sprachen von Unterdrückungsverhältnissen durchzogen sind und ich finde, dass es wichtig ist diese Unterdrückung durch eine bewußtgewählte andere Sprachweise (auch Bildersprache) zu demaskieren und aufzubröckeln!
Ausserdem finde ich, dass die Bezeichnung „verkürzte Kapitalismuskritik“ eine Verharmlosung ist. Bei den Bildern mit antisemitischen Konotationen, die ich kenne, lassen sich eben diese Stereotypen nicht wegreden. Dieser Umgang ist auch ein extrem geschichtsloser.
Das beziehe ich auch auf deinen nächsten Satz: „Wer aber z.B. in einer Vampirfigur vor allem „die“ JuedInnen entdeckt, ist doch selbst auf dem Trichter, zunaechst faelschlicherweise die Existenz „des“ Judentums anzuerkennen und zudem genauso faelschlicherweise die Verbindung von Kapitalismus und „dem“ Judentum einzugestehen (nur mit der Aussage: „Psst, das duerfen wir nicht sagen“).“

Die Vampfigur ( ein Bild für ein blutsaugendes, hinterhältiges Wesen) steht in einer antisemitischen Bildersprache, genauso wie das Bezeichnen der JudInnen als Smarotzer, Parasiten,.... Diese Bilder haben eine Geschichte - und zwar eine Geschichte, die über mehrere Jahrhunderte geht. Die kann ich nicht einfach so wegreden oder aus ihrem historischen Kontext reißen!
Sie sind zumal auch in strukturell antisemitischen Kontexten verwendet worden, was ich nicht ignorieren kann. Das käme einer Leugnung gleich. Mit einer „Anerkennung des Judentums“ und einer „Eingestehung der Verbindung  von Kapitalismus mit dem Judentum“ hat eine Erkennung und Bennenung dieser Stereotypen nichts zu tun.
Menschen, die auf diese Bilder hinweisen und sie umgehen wollen,  haben nicht automatisch eine „SpalteInnen-Mentalität“. Ich finde es generell falsch von  „typischer SpalterInnen-Mentalität in der Linken“ zu sprechen, da du so viele unterschiedliche Motivationen und Denkansätze über einen Kamm schärst und eine „Mentalität“ konstruierst.

Antwort A:
Auch wenn es „das Judentum“ nicht gibt, gibt es Bilder, die in nicht geringen Teilen der Bevölkerung mit „dem Judentum“ assoziiert werden. Und ich glaube, das es MErkmale gibt, die historisch immer „den Juden“ zugeschrieben wurden und es ist dann eben auch nicht immer Zufall, wenn genau diese MErkmale in Beschreibungen aufgegriffen werden. Auf jeden Fall werden sie dann von einigen Menschen als jüdisch assoziiert werden, wenn ich den Zusammenhang nicht an gleicher Stelle dekonstruiere.
Auch hier ein Beispiel: die Kritik an Spekulanten. Wenn ein Zusammenhang wie Bsp. ATTAC ein Bild von den bösen Spekulanten und der guten Produktion zeichnet, dann ist das nicht nur analytisch falsch, sondern weckt bei vielen MEnschen die assoziaton des jüdischen Finanzkapitals.
Deshalb ist es zwar nicht falsch, AUCH Spekulation zu kritisieren, ich muß allerdings immer den Zusammenhang bewußt deutlich machen, wenn ich diese Assoziation nicht wecken will.

All diese Argumentationen erscheinen mir rekonstruktiv. Sie rekonstruieren die Pauschalisierungen, die Schubladen und die Pseudolegitimierungen von Macht als Selbstschutz gegenueber „den“ Boesen.
Ich habe Beispiele aus dem Bereich Antisemitismus gewaehlt. Es waere nicht schwer, in anderen Bereichen ebensolche zu finden (z.B. im Bereich Sexismus, siehe Papier von AC/PC unter www.projektwerkstatt.de/debatte).
Muss es nicht immer und ueberall das Ziel emanzipatorischer Politik sein, alle Konstruktionen zu zerlegen und fuer eine Gesellschaft der freien Selbstbestimmung zu kaempfen?
Antwort A:
Ja, aber mit der Erkenntnis, das die Diskriminierung nicht mehr konstruiert ist
Und muessen wir nicht eine „Praxis der Dekonstruktion“ immer und ueberall auch erst noch entwickeln?

Antwort A:
Ja, AUCH

Antwort C:
Die „linken“ Positionen im Israel/Palästina-Konflikt, die ich ähnlich benennen würde wie ...(schwarzer Text), sind auch meiner Ansicht nach unbefriedigend. Bei beiden fehlt nämlich der Gedanke, daß es sich bei „den PalästinenserInnen“ und „den Israelis/JüdInnen“ u.v.m. um Konstruktionen handelt und daß diese in einer emanzipatorischen Perspektive - langfristig gesehen - dekonstruiert werden müssen. Dieser Gedanke darf aber nicht fehlen.  Ich komme nochmal auf eine Stelle bei Flo zurück, um zu verdeutlichen, was ich meine. Er schreibt:
„In der Praxis heißt dies z.B., daß ich z.B. auch wenn ich Geschlecht als Konstruktion erkenne, sexistische Diskriminierung real ist und es für die Opfer (sprich Frauen) das Recht geben muß, Schutzräume zu schaffen.“

Antwort von A zu C:
Wie schon oben gesagt: Das ist eine richtige Strategie der „Sofortmassnahme“ - notwendig in allen Unterdrueckungsverhaeltnissen, verwirklicht viel zu schwach und auch nur in wenigen Unterdrueckungsverhaeltnissen (wie waere es z.B. in Schulen mit erwachsenenfreien Raeumen, um mal ein viel krasseres, wenig beachtetes Unterdrueckungsverhaeltnis zu benennen).  Jedoch: Auf den Staat Israel uebertragen waere es so, als wenn zum Schutz von Frauen in Deutschland in 2000km Entfernung ein Frauenstaat geschaffen wird (noch dazu in hierarchischer Struktur, der durchaus auch nichterwuenschte Frauen inhaftiert usw.). Jedem Menschen faellt doch die Bloedsinnigkeit solcher Argumentation sofort auf. Ein solcher Staat waere auch nicht weniger legitim als andere (insofern kann angesichts der realen Unterdrueckungsverhaeltnisse durchaus richtig sein zu fordern: Alle Staaten weg, Israel als letztes, um antisemitsiche „Eroberungen“ anderer Staaten zu verhindern), aber eben auch nicht dadurch legitimiert, dass anders wo Frauen unterdrueckt werden.
Der Widerstand gegen Unterdrueckungsverhaeltnisse mit den verschiedenen Schritten (Sofortmassnahmen - Widerstand gegen die Unterdrueckungsverhaeltnisse - Dekonstruktion von sozial kategorisierten Menschen - Gesellschaft freier Menschen in freien Vereinbarungen) ist immer und ueberall noetig - er kann nciht an einen Staat uebertragen werden. Und er legitimiert auch niemals die Unterdrueckungsmaschinerie Staat.

(Forts. und Bezug: grüner Text oben) Stimmt genau. Schutzraum gegen Diskriminierung - langfristige Perspektive ist aber doch, durch die Dekonstruktion von Geschlechterrollen die Diskriminierung zu beenden und die Schutzräume überflüssig zu machen. Und das sollte bei einer emanzipatorischen Position mitthematisiert werden.  Zurück zum Israel/Palästina-Konflikt. Hier fehlt eine vergleichbare langfristige emanzipatorische Überlegung, zumindest hat sie nie eine Rolle gespielt und sie tut´s auch jetzt nicht.
Ich weigere mich aber, mich bei der Suche nach einer linken Perspektive ausschließlich in den Kategorien Volk, Staat und Nation zu bewegen, auch wenn diese definitiv nicht „immer ins Pogrom“ führen, wie es eine „linke“ Parole besagt. Aber genau das müßte ich tun, wenn ich mich einer der beiden „linken“ Positionen anschließen würde.
Ich denke, um eine linke Perspektive in diesem Konflikt zu finden und eine entsprechende Position einzunehmen, müßten neben eigenen Vorstellungen [freie Menschen - freie Vereinbarungen(?)] vor allem die Ansätze der israelischen und palästinensischen (radikalen) Linken (soweit vorhanden) stärker berücksichtigt werden, also zunächst nicht „die PalästinenserInnen“ und „die Israelis“ als homogene Gruppen mit jeweils einem (Volks?)Willen angenommen werden. (Letzteres sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein - wird trotzdem übergangen.)
Der nächste Schritt wäre, Brauchbares abzuchecken und danach Kompromisse einzugehen, vielleicht die Forderung nach Waffenstillstand und Friedensverhandlungen zwischen den VertreterInnen möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen auf beiden Seiten zu unterstützen. Auch über die Forderung nach der Gründung oder „besseren“ Ausgestaltung (Gesetze) eines/mehrerer Staaten ließe sich diskutieren, wenn das in Betracht kommt und wenn klar ist, daß weitergehende Ziele verfolgt werden. Das wären zwar keine linksRADIKALEN Forderungen, sie wären aber zumindest vereinbar mit einer emanzipatorischen Position, die Volk, Staat, Nation, Militär etc. in Frage stellt und diese nicht als Grundlage einer linken Perspektive annehmen.
2) Warum trete ich für Rehzi, den Konstruktivismus, den Individualismus und das Zwischenmenschliche und Spaßige an, in und um den linken Widerstand ein?
Aus folgenden Gründen:
a) Ohne die Bedeutung und Stringenz des historischen Materialismus und des „Seins“ zu schmälern, bin ich nach wie vor der Meinung, dass die Entscheidungen, Mehrheiten und Motivationen, die eben jenes „Sein“ auf eine „bombenfeste“ Basis stellen, im „Bewußtsein“ entstehen. Bewußtsein entsteht durch Erfahrungen. Erfahrungen sind immer subjektiv. 6 Milliarden Bewußtseine erschaffen Wirklichkeit - oder besser gesagt - eine Minderheit kann ihre Wirklichkeit erfolgreich in die Mehrheit der Bewußtseine pflanzen.  Die „pastorale Macht“, die bis zum 16.Jh. die Kirche und die Religion allein hatte, flimmert uns nun durch MTV, American Dream, deutsche Tugend und Franz Beckenbauers Nationalelf in die Hirnrinde (ups, Polemik, sorry)...  Milliarden und Abermilliarden werden dazu investiert, unsere Bewußtseine auf Linie zu trimmen. Diese Linie ist eine Wirklichkeit, nicht DIE Wirklichkeit.  Das ist „unsere“ auch nicht (ob nun anarchistisch, sozialistisch, kommunistisch) und das ist irrelevant. Die „objektive Wahrheit“ - die es erkenntnistheoretisch nicht geben kann - hat eh keine Bedeutung für weltpolitische Entscheidungen, sondern nur die dominierende Wirklichkeitsvariante. Die ist je nach Ort, Zeit und Epoche verschieden.  DIESE Meinung ist auch wieder nur eine Annahme und Konstruktion, an die ich glaube, weil sie für mein Bewußtsein die plausibelste ist. Konstruktivismus ist selbstreferentiell und somit beruhend auf einem logischen Paradoxon.  Genauso wie der katgeorische Imperativ oder unsere implizite Forderung „Emanzipiert Euch!“ ein logisches Paradoxon ist. Ich kann Paradoxien gut ertragen, andere eben nicht.
b) Individualismus endet bei mir nicht innerhalb der Linken. Will sagen - es gibt Geschäftsmenschen, Jurastudenten, Kiffer, Slacker, Erfolgsfreaks, Politische, Unpolitische, Radikale oder ReformistInnen, die ich liebe und gern habe und die meine Freunde sind. Es gibt Charaktereigenschaften, die mir 1000mal wichtiger sind als eine politisch korrekte Linie und es gibt bei mir ein grundsätzliches Einlassen auf jede Meinung und jede Wirklichkeit jedes Individuums, dass mir mit Respekt und Fairness begegnet.
c) Ich halte es für völlig legitim, dass Menschen nicht schuldgebeugt und gramvoll Ihr kurzes Leben durchleiden, sondern irgendwie Ihr Glück finden und positive Gefühle fühlen wollen. Wenn das schon konterrevolutionär ist oder gar „repressive Toleranz“ meinerseits, hat das nichts mit meinen Vorstellungen von einem freien Leben zu tun.
d) Ich bin davon überzeugt, dass wir mindestens 80% der Bewußtseine vom „unserer“ Wirklichkeit überzeugt haben müssten, damit so etwas wie eine Revolution auch nur denkbar wird. Andernfalls stürzen wir als Minderheit mit Waffengewalt ein System, dass die Mehrheit noch will. Und was machen wir dann mit den BürgerInnen, die Ihr bequemes Leben und Ihren Burger King wieder haben wollen? Auf Linie bringen?

Deshalb MUSS da draußen Überzeugungsarbeit geschehen und nicht internes Theoriegewichse und Eiertanz unter Insidern.
Diese Überzeugungsarbeit muss meines Erachtens folgende Elemente haben:

Marxismus und Wahrheit

Aus Lotter, K./Meiners, R./Treptow, E. (2006): "Das Marx-Engels-Lexikon", Papyrossa Verlag Köln zum Stichwort "Wahrheit" (S. 365 ff.)

Zusammenfassung der Autoren:
Wahrheit besteht in der Übereinstimmung der Dinge und ihrer Gedankenabbilder (1). Die Frage der Wahrheit ist keine Frage der sprachlichen Präzision (2). Wahrheit ist nicht die Akkumulation abgeschlossener Erkenntnisse, sondern liegt im Prozeß der Erkenntnis und trägt selbst Prozeßcharakter (3). Darin liegt auch ihre historische Bestimmtheit, ihre historische Beschränktheit und Relativität begründet (4). Das Kriterium der Wahrheit ist die gesellschaftliche --> Praxis (5).

(1) Für den Methaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. [ ... ] Für die Dialektik dagegen, die die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen, ebensoviel Bestätigungen ihrer eignen Verfahrensweise. [ ... ] Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit, sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen. (Anti-Dühring, 1876/78, MEW 20, 20 ff.)

(2) Handelt es sich nun aber darum, die Wahrheit solcher Worte zu beweisen, so kann wohl schwerlich der Beweis bis auf den Wortlaut gemeint sein, denn in dieser Rücksicht würde jedes Resümee unwahr sein, und es wäre überhaupt unmöglich, den Sinn einer Rede wiederzugeben, ohne die Rede selbst zu wiederholen. Wurde also z.B. behauptet: »Man hielt den Notschrei der Winzer fürfreches Gekreisch«, so wird billigerweise nur verlangt werden können, daß eine ungefähr richtige Gleichunggezogen sei, d.h., daß ein Gegenstand nachgewiesen werde, der die resümierende Bezeichnung »freches Gekreisch« einigermaßen aufwiegt und zu einer nicht unpassenden Bezeichnung macht. Ist diese Probe geliefert, so kann es sich nicht mehr um die Wahrheit, sondern nur mehr um die sprachliche Präzision handeln [ ... ] (Rechtfertigung des ++ Korrespondenten von der Mosel, 1843, MEW 1, 172)

(3) Die Wahrheit, die es in der Philosophie zu erkennen galt, war bei Hegel nicht mehr eine Sammlung fertiger dogmatischer Sätze, die, einmal gefunden, nur auswendig gelernt sein wollen; die Wahrheit lag nun in dem Prozeß des Erkennens selbst, in der langen geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft, die von niedern zu immer höhern Stufen der Erkenntnis aufsteigt, ohne aberjemals durch Ausfindung einer sogenannten absoluten Wahrheit zu dem Punkt zu gelangen, wo sie nicht mehr weiter kann, wo ihr nichts mehr übrigbleibt, als die Hände in den Schoß zu legen und die gewonnene absolute Wahrheit anzustaunen. Und wie auf dem Gebiet der philosophischen, so auf dem jeder andern Erkenntnis und auf dem des praktischen Handelns. (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888, MEW 21,267; vgl. MEW 1, 7)

(4) Der große Grundgedanke, daß die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen, in der bei aller scheinbaren Zufälligkeit und trotz aller momentanen Rückläufigkeit schließlich eine fortschreitende Entwicklung sich durchsetzt - dieser große Grundgedanke ist, namentlich seit Hegel, so sehr in das gewöhnliche Bewußtsein übergegangen, daß er in dieser Allgemeinheit wohl kaum noch Widerspruch findet. [ ... ] Geht man aber bei der Untersuchung stets von diesem Gesichtspunkt aus, so hört die Forderung endgültiger Lösungen und ewiger Wahrheiten ein für allemal auf; man ist sich der notwendigen Beschränktheit aller gewonnenen Erkenntnis stets bewußt, ihrer Bedingtheit durch die Umstände, unter denen sie gewonnen wurde; aber man läßt sich auch nicht mehr imponieren durch die der noch stets landläufigen alten Metaphysik unüberwindlichen Gegensätze von Wahr und Falsch, Gut und Schlecht, Identisch und Verschieden, Notwendig und Zufällig; man weiß, daß diese Gegensätze nur relative Gültigkeit haben, daß dasjetzt für wahr Erkannte seine verborgene, später hervortretende falsche Seite ebensogut hat wie das jetzt als falsch Erkannte seine wahre Seite, kraft deren es früher für wahr gelten konnte; daß das behauptete Notwendige sich aus lauter Zufälligkeiten zusammensetzt und das angeblich Zufällige die Form ist, hinter der die Notwendigkeit sich birgt - und so weiter. (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888, MEW 21,293 f)

(5) Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens - das von der Praxis isoliert ist - ist eine rein scholastische Frage. (Thesen über Feuerbach, 1845, MEW 3,5; vgl. MEW 19,530; MEW 21,276)

Wahrheit oder Subjektivität

Michael Foucoult, 1977: Dispositive der Macht, Merve Verlag Berlin
Nicht die Veränderung des "Bewußtseins" der Menschen oder dessen, was in ihrem Kopf steckt, ist das Problem, sondern die Veränderung des politischen, ökonomischen und institutionellen Systems der Produktion von Wahrheit. Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selbst ist Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher und kultureller Hegenomie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist.

In Gesellschaften wie der unsrigen kann die "politische Ökonomie" der Wahrheit durch fünf historisch bedeutsame Merkmale charakterisiert werden:

(siehe oben, S. 51/52)

Etliche Texte und Zitate sind mit, andere ohne Namen - das liegt zum einen daran, wie wir die Texte bekommen haben, zum anderen können die, deren Texte hier abgedruckt sind, auch selbst bestimmen ... Mail genügt und der Name wird gestrichen bzw. hinzugefügt.