Umgang mit Repression

Siehe auch: Repressionstext der Gruppe Landfriedensbruch
Siehe auch: Anti-Knast-Seite +++ Antirepression

Aus dem Protokoll des Treffens "Organisierung von unten"

Angst vor Repression
Die Angst vor den Klauen des repressiven Staates scheint ein Hauptgrund für den Nicht-Aktivismus einer Bewegung zu sein. Viele andere Dinge mögen überwindbar sein, zu manchem würde mensch sich noch aufraffen, die Angst vor den polizeilichen Konsequenzen jedoch bleibt. Sie kann scheinbar nicht überwunden werden. Repressionsgefahren sind auch bei jedem Vorschlag der erste Einwand. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn mensch sich betrachtet, wie momentan mit diesem Thema umgegangen wird. Eigentlich wird fast nur „von oben“ und komplett antiemanzipatorisch damit umgegangen. Die derzeitige Antirepressionsarbeit ist hauptsächlich eine Repressionsangst-Macherei.

Lösung von Oben:
  • Weit verbreitet ist ein gewisser Hang zur Konspirativität, die meist weit übertrieben wird. Anonymisierung und Verfolgungswahn haben einen unverhältnismäßigen Einfluss auf die Aktivität einer Gruppe. Dabei ist eine Atmosphäre von Anonymität auch für Spitzel am leichtesten, denn sie müssen nichts von sich selbst preisgeben, niemensch interessiert sich für ihre auswendiggelernten Lebensläufe. Paranoide Verhaltensweisen machen sich auch leichter verdächtig als offenes und freches Verhalten, bei dem der Eindruck entsteht, alles sein völlig normal.
  • Vor lauter Konspirativität und Angst wird zur Verschwiegenheit verpflichtet und sämtliches Verhalten im Umgang mit Repressionsbehörden verregelt („Anna und Arthur halten’s Maul“). Die meisten dieser Regeln sind zwar sinnvoll und wichtig, sollten einen anderen Umgang aber nicht verbieten.
  • Bestimmte Einrichtungen propagieren einen Alleinvertretungsanspruch wenn es um Repressionsschutz geht (Ermittlungsausschüsse, Rote Hilfe z.B.). Sie machen die Individuen durch scheinbare Kompetenz und offenen Monopolismus von sich abhängig. Sie allein haben die guten Anwälte, die richtigen Tipps und die Möglichkeiten, den Individuen zu helfen, so suggerieren sie. Dadurch werden diese Menschen in eine Abhängigkeit von ihnen unbekannten Personen gebracht. Diese Einrichtung vermitteln einen Eindruck nach dem Motto „Ohne uns bist Du nichts. Wir allein können Dir helfen. Wir holen Dich raus“. Der/die Aktivistin wird als hilfloses Opfer dargestellt, eine Rolle, die seiner/ihrer Situation wahrlich nicht entspricht.
  • Um diese Monopolstellung zu behaupten, wird den AktivistInnen sehr viel Angst gemacht. Diverse Rechtstipps handeln vor allem vor all den schreckliche Dingen, die passieren können, nicht von den Möglichkeiten des Individuums. Es soll lediglich die entsprechende Einrichtung kontaktieren, andere Möglichkeiten seien ihm/ihr sowieso nicht gegeben. So werden die AkteurInnen unerfahren gehalten. Anstatt sie zu trainieren und zu ermutigen, werden sie in eine unpassende Opferrolle gedrängt, aus der es nur einen Ausweg geben soll: sich an die RetterInnen wenden, die mensch nicht einmal kennt.
Lösung von Unten:
  • Emanzipatorische Antirepressionsarbeit sieht anders aus. Sie hat die Stärkung des/der Agierenden zum Ziel. Um eigenständig zu sein, braucht das Individuum vor Allem Wissen und Erfahrung. Die Aneignung kreativer Methoden im Umgang mit dem „bösen Staat“  durch Trainings und Seminare ist deshalb Grundvoraussetzung. Egal welches Gesicht uns der Staat gerade zeigt, wir üben unser Verhalten gegenüber Prügelbullen und Verhörbullen, Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaft, Gericht und Knast.
  • „Entdecke die Möglichkeiten“ ist unser Motto, wenn wir von Repression bedroht werden. Wir sind handlungsfähig als Betroffene und als Nicht-betroffene. Wir sind nicht Opfer, wir sind TäterInnen. Unser Widerstand geht nicht nur weiter, sondern durch eine Verhaftung geht unsere Aktion erst richtig los. Deshalb eignen alle sich Methoden an, wie sie als Nicht-Betroffene die Repressionsorgane stören, manipulieren, angreifen oder subversiv behandeln können, während derdiedas TäterIn/Opfer im Einklang mit den Aktionen der anderen sein/ihr eigenes Spielchen spielt. Auch Repression wird von Menschen ausgeführt; die sind wie andere LohnarbeiterInnen auch: faul, genervt, gelangweilt, manchmal fühlen sie sich überlegen, manchmal haben sie keinen Bock. Damit können wir spielen, so wie sie mit uns spielen.
  • Entgegen der landläufigen Meinung, ist der beste Schutz vor Spitzelei absolute Offenheit und Transparenz. Sie zwingt die Spitzel, sehr gut zu sein, ihre Lebensläufe gut zu können und sich sehr gut anzupassen. Es verunsichert sie. Freches Reden über Aktionsideen macht es den Spitzeln schwer, zu differenzieren, was Ernst und was Spass ist, was nur laut gedacht und was geplant ist. Wir sollten uns dessen bewusst sein: Die sind auch nur Menschen. Und um ihre eigenen Arbeitsplätze zu rechtfertigen, müssen sie sich den Schwachsinn, den sie in ihren Berichten schreiben, auch glauben. Jedenfalls hat die Erfahrung gezeigt, das Frechheit und Offenheit erfolgreich sein können. Vor allem, was am wichtigsten ist, erweitern sie die Handlungsfähigkeit. Konspirativität kann angebracht sein, aber nur gezielt und bewusst.
  • Auf jeden Fall ist ein neuer, politischer, emanzipatorischer Umgang mit Repression unbedingt nötig. Materialien wie Bücher und Broschüren müssen erstellt werden, Seminare und Trainings abgehalten werden. Sie wollen uns Angst machen, lasst uns sie das Fürchten lehren!
Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir halten die Arbeit von Rote Hilfe und EA für wichtig und größtenteils richtig. Sie ist uns nur zu einseitig und wir haben die genannte Kritik daran. Diese verstehen wir solidarisch. Wir wollen nicht ausgrenzen, hetzen oder diffamieren, sondern anregen und verbessern.

Ausschnitte aus Mails der Hoppetosse-Mailingliste

(> = ztitierte Mail, auf die der Text eine Antwort ist)
> Was ich meint war: Wenn ich weiss, was in Menschen vorgeht, die mit Lust auf
> mich einpruegeln, kann ich, ohne die geschichte des Menschen zu kennen,
> durch eine bewusste Reaktion der Gewalt einhalt gebieten. beispiel: Wenn ich
> von mehreren Bullen ueberfallsmaessig verpruegelt werde, und ich sehe ihre
> hassverzerrten gesichter, hiesse das, ich koennte ihr Verhalten
> beeinflussen, indem ich lauter schreie, gar nicht schreie, etwas rufe, wie:
> „ich bin nicht dein Opfer“, oder „Du bist hier der Hilflose“ oder sowas in
> der Art? Kann mensch sowas ueberhaupt ableiten?
Ich bin skeptisch, ob du in einer solchen Situation noch Chancen hast, die Bullen zu beeinflussen. Es ist ja alles andere als eine therapeutische Situation, wo sie offen für neue Erkenntnisse sein könnten. Es ist fraglich ob sie überhaupt hinhören, was du sagst oder schreist.
Dennoch ist die Message „ich bin nicht (dein) Opfer“ im Prinzip richtig.  Bloß sind da nicht die Worte entscheidend, sondern die Haltung mit der du das auf nonverbalem Wege rüberbringst.  Dazu ist wichtig, dass du dir das selbst erstmal gründlich klarmachst, dass du nicht hilfloses Opfer bist und ein entsprechendes Selbstbewußtsein entwickelst.  Die Botschaft geht vorwiegend von unterbewußt zu unterbewußt, auch der Hass auf die Hilflosen ist ja meistens nicht bewußt.  Und sie sollte möglichst schon ankommen, bevor die Bullen losprügeln, denn sie zu stoppen, wenn sie erstmal voll drin sind in ihrem Rausch, ist sehr viel schwerer, als wenn sie kurz davor sind oder gerade anfangen.
Es gibt viel Ähnlichkeit zwischen meinen Erfahrungen mit Bullen und denen mit Hunden.  Ist auch kein Wunder, da sie im allgemeinen ähnlich autoritär erzogen werden.  Früher hatte ich vor beiden ziemliche Angst.  Da ich viel mit dem Fahrrad durch die Dörfer hier fuhr/fahre war das schon ein Problem, wenn Hunde hinter mir herjagten.  Durch näheren Umgang mit Hunden verminderte sich die Angst, und je weniger Angst ich hatte, umso schüchterner wurden die Hunde.  Dabei hat es mir sehr geholfen, dass ich mir aggressive Notwehrphantasien gegen die Hunde erlaubte.  Wenn jetzt Hunde hinter mir herjagen, fahr ich nicht mehr schneller, sondern eher langsamer, notfalls halte ich an und geh oder fahr auf sie zu.  Meistens verziehn sie sich dann.  Wenn sie weiter kläffen, schrei ich sie auch mal kurz an.  Das erweckt wohl Assoziationen an ihr Herrchen, dem sie ja auch gehorchen müssen.  Es kann also zum Schutz gegenüber autoritär Erzogenen ganz nützlich sein, selbst mal Autorität zu spielen.
Auf jeden Fall ist es ein fataler Fehler, sich zu ducken und Angst und Hilflosigkeit zu zeigen.  Die Menschen, die sich dadurch besänftigen lassen, sind selten und bei den Bullen noch seltener.  Andererseits kann es in Situationen, wo mensch ihnen ausgeliefert ist, auch falsch sein, „Ihr könnt mir garnichts“ zu signalisieren und sie damit zu reizen, zu beweisen, dass sie dich doch fertigmachen können.  Am besten wärs wohl, sich so zu verhalten, dass ihnen das Quälen möglichst wenig Reiz verschafft, also langweilig wird.
Doch wenn möglich sollten wir unsere psychologischen Erkenntnisse schon anwenden, bevor es zu solchen real doch ziemlich hilflosen Situationen kommt. Die schlimmsten Prügeleien geschehen dann, wenn Panik ist und alle weglaufen. Das wird oft so interpretiert, dass die Panik entsteht, weil die Bullen prügeln.  Panik entsteht jedoch in bedrohlichen Situationen erst durch das Gefühl des Fehlens von Solidarität, des Allein-gelassen-werdens, der Vereinzelung.  „Rette sich, wer kann“.  Der Egoismus jedes Einzelnen wird legitimiert durch den Egoismus aller anderen, an gemeinsame Bewältigung der Bedrohung wird fast garnicht mehr gedacht. (Die Parallelen zum allgemeinen Wirtschaftsverhalten im neoliberalen Zeitalter sind deutlich, wir könnten es als permanente Panik deuten.)
Bei einer Panik sind die, die zurückbleiben, wirklich hilflos und ängstlich sind sowieso fast alle. Also eine Situation, wo sich der Hass gegen die Hilflosen „so richtig“ austoben kann. Dazu kommt, dass kaum einer das Geschehen beobachtet, weil alle wegrennen und soviel gleichzeitig passiert. Außerdem können die Bullen das Wegrennen als Erfolg und Bestätigung ihrer Gewalttätigkeit interpretieren.

> Dazu kommt: eine Zustimmung zu den meisten seiner Konzepte hat eine direkte
> Auswrikung auf das eigene Verhalten gegenueber anderen Menschen.
> Zum Beispiel ist mir jetzt voellig klar, dass ich Gewalt als Aktionsform
> ablehne, fuer mich, und sie an anderen kritisiere. Weil es voellig klar ist,
> auf was fuer eine logik mensch sich da einlaesst und was fuer eine
> patriachale, destruktive Schwachsinnslogik das ist. andererseits kann ich
> die Wut der Menschen sehen und verstehen, und kann ihre Steinewerferei
> empathisch nachvollziehen, aber rational und emotional ist es daneben.
Ich habs auch schon erlebt, wo ich Steinewerferei als schützend empfand, besonders nachdem ich kurz vorher auf einer völlig gewaltfreien Demo zusammengeprügelt wurde. Doch im allgemeinen hab ich wenig Sympathie für diese „schwarze Block“ Kultur der Auseinandersetzung mit der Polizei.  Nicht nur wegen der Gewalt, sondern auch wegen mangelnder Solidarität.  Denn irgendwie gehört es zusammen, der Hass und die Angst, das Vorpreschen und das Wegrennen. Besonders beliebt sind da ja die Typen, die aus den hinteren Reihen Steine werfen, um schnell wieder weg zu sein, und dann die eigenen Leute treffen, die vorne stehen. Und die Vermummungen behindern nicht nur Identifikation und Festnahmen, sondern auch die Vertrauensbildung zwischen den Demonstranten.
Eine ganz andere Art der Auseinandersetzung mit der Polizei hat sich zB hier im Wendland im Widerstand gegen die Atomanlagen entwickelt.  Nicht dass hier bessere solidarischere Menschen wären. Doch die Ausgangslage war günstiger, und wenn solidarisches Verhalten erstmal da ist, entsteht auch das Bewußtsein seiner Wichtigkeit.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist das Selbstbewußtsein.  Der Widerstand im Wendland ist zu einem großen Teil bürgerlich-bäuerlich und die stärkste Motivation ist die Verteidigung ihres Lebensraums und ihrer Lebensweise gegen die Atomindustrie.  Als angesehene Mitglieder der Gesellschaft haben sie viel mehr das Gefühl im Recht zu sein, als zb Studenten und Arbeitslose in den städtischen Bewegungen, die den Kapitalismus abschaffen wollen.  Also gehen sie auch ganz anders auf die Bullen zu, meist mit Verbalattacken, gewaltfrei aber offensiv. Die Grundsituation ist ein sich Auge in Auge gegenüber Stehen, ein handgreiflich Werden der Bullen wird nicht hingenommmen, es gibt dann ein solidarisches Geschimpfe und Gerangel, bis sich die Situation wieder beruhigt hat.
Solidarität und Angstfreiheit bedingen sich gegenseitig. Wenn ich mir der Unterstützung der anderen sicher sein kann, verliert sich meine Angst. Und wenn ich keine Angst hab, fällt es mir leichter mich solidarisch zu verhalten.

Liebe Hoppetossitas,

nach dem OvU Wochenende stellt sich mal wieder die Frage, was das ganze an Theorie&Debatte eigentlich soll...
Ich denke, die Anti-Castor-Camps bieten eigentlich ne gute Möglichkeit die Theorie mit mehr Menschen zu diskutieren, z.B. kreativer Umgang mit Repression. Was weis ich, aber ein Workshop aufm Camp & ne konkrete Planung kann durchaus was nettes sein, und auch auf den Auftaktdemos & erst recht bei und um die Blokaden könnten „kreativer Widerstand“ und „horizontale Organisierung“ mal zeigen was sie so bringen.
Und was ist mit euch und euren Basis-Zusammenhängen?
Konkrete Vorschläge und Scherze (alles Strafrechtlich relevante ist natürlich auf jeden Fall ein Scherz ;) ):
Anti-Repressionsarbeit kann z.B. sein auf den Demos die Bullen-Filmaufnahmen zu behindern, z.B. durch Einsatz von Wasserpistolen (Inhalt muss nicht nur Wasser sein, sondern z.B. Wasser). Oder während die einen auf den Schienen sind blokieren die anderen die Anfahrenden Wannen, oder den Abtransport (z.B. die „Räumung“ kesseln). Den Staat schon im Vorfeld auf Trab halten, nicht auch lokal sind Aktionen möglich, nicht nur Schienen lassen sich besetzen, sondern Innenstädte, Bahnhöfe, Konsumtempel, Kreuzungen, Autobahnen, Züge, Flugzeuge... was ist mit Mehl und Zucker?
Wie könnten Anti-Blocks auf den Demos aussehen, braucht ja nicht nur Unorganisiertes beiwerk der Bloks von Hirarchis zu sein, sondern kann ja auch seine eigene chaotisch-organisierte Dynamik entfalten: Radical Cheerleading, Musik, Wasserpistolen, Strassen- & Gleisverschönerung...
Mensch kann ja auch mal was anderes werfen als Pflastersteine und Mollis, z.B. Luftballons, Wasserbomben, Papierflieger, Plüschtiere...

Aber gibt ja noch vieles mehr, wie z.B. von unten organisierte Pressearbeit (nicht nur auf Indymedia schreiben, sondern auch die bürgerliche Presse anquatschen), AKs und Workshops auf den Camps selbst organisieren (z.B. Thema Selbstorganisation)...
Seid kreativ! Bildet taliBANDEN! ;)
Ich hoffe, ich erkenne euch auf den Demos an euren Aktionen & eurem Outfit (nein, schwarz habe ich nicht gemeint, aber so ein „schwarzer Block“ wäre doch hinzubekommen). & ich hoffe dass diese mail mal ein paar Aktionen inspirieren mag.

Links zu Auseinandersetzungen über kreativ-feindliche VS-Kontakte

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