Der folgende Beitrag zu sexistischen Verhaltensweisen in Antifa-Gruppen stammt aus dem AIB (Antifaschistisches Infoblatt) Nr. 40/1997, Seite 38-39.

Wir dokumentieren den folgenden Beitrag von jüngeren Frauen aus Antifa-Zusammenhängen außerhalb der AIB-Redaktion in der Hoffnung, damit eine - immer wieder - notwendige Diskussion über Sexismus und patriarchale Strukturen innerhalb der Antifa-Szene in Gang zu setzen. Reaktionen, weitere Diskussionsbeiträge etc. sind ausdrücklich erwünscht und werden mit Spannung erwartet.

Vom Aussterben des »Homo Gockels« kann noch lange nicht die Rede sein.
Schon gar nicht in der Antifa.

Mini & Daisy über Micky & Donald
- Macker in der Antifa

Wir versuchen jetzt mal, unsere Gedanken aufzuschreiben, zu dein, was uns so zu Antifa-Mackers und szenetypischem Männerverhalten einfällt. Gleich vorab: Wir schreiben so, wie es uns in den Kopf kommt. Das Ganze ist mehr oder weniger ein Produkt unserer Erlebnisse und Erfahrungen, und das, was uns im Alltag so auffällt. Kann sein, daß sich mancher darin wiederfindet,- darin wohl nicht ohne Grund?
Der ideale Antifamacker ist mindestens 1,85m groß, männlich, breites Kreuz und kampfsporterfahren. Klischee? Nicht unbedingt. Bei Aktionen wird meistens nach dein Äußeren und dem Auftreten gegangen. Wer nicht so schnell rennen kann, fällt genauso raus wie Leute, die kleiner/schwächer sind, oder sich nicht so viel zutrauen. Bei Aktionen werden Frauen oft ausgeschlossen, weil sie bestimmte Kriterien nicht erfüllen, die aber von Typen aufgestellt werden. Oder ihnen wird nicht Bescheid gesagt, da sie nicht unbedingt zu den größten Draufgängern gehören oder »nur mitlaufen«. Frauen wird oft nicht zugetraut, daß sie sich wehren können. Das dazu passende Vorurteil: Deshalb müssen sie beschützt werden.
Frauen werden nur akzeptiert, wenn sie ebenso cool sind wie die Typen, genauso draufgängerisch, prollig oder poserig. Das heißt, wenn sie sich unter den Typen behaupten, indem sie selbst das Verhalten der Typen annehmen und sich nach den von ihnen aufgestellten Kriterien benehmen. Es geht nicht um Quoten bei Aktionen, sondern darum, daß auch Frauen zum Kämpfen Lust und vor allem die Wut dazu haben. Aber wenn frau die Vorgehensweisen der Typen kritisiert, wird sie ausgeschlossen. Die Problematik wird auf sie abgewälzt, weil sie ja ein Problern damit hat, wie es läuft, und nicht er. Stattdessen könnte Kritik ja auch mal ernst genommen und reflektiert werden. Oft wird frau dann mit anderen Frauen verglichen. Die kritisieren nicht und sind auch emanzipiert. Es muß also an einer selbst liegen. Und falls sich darin doch mal mit Kritik auseinandergesetzt wird, darin zu dein Zeitpunkt, den die Typen bestimmen.
Wenn Frauen au Aktionen teilnehmen, haben sie oft das Gefühl, als Aushängeschild zu dienen. Was dann zeigen soll, wie korrekt sich die Typen verhalten. Oft werden Frauen dabei in die hinteren Reihen abgeschoben, zum Telefondienst, als Sanis oder zum Fahrräder aufpassen. Wir sagen jetzt nicht, daß das eine unwichtiger ist als das andere. Aber für Typen scheint es das oft zu sein. Bewußt oder unbewußt? Es wird versucht, Frauen von körperlichen Auseinandersetzungen fernzuhalten. Auch bei der Planung von Aktionen haben Frauen kaum ein Wörtchen mitzureden, werden nicht miteinbezogen bzw. haben sich unterzuordnen und anzupassen, wenn sie mitgenommen werden wollen.
Allgemein gilt, wenn frau einen Fehler macht, dann wiegt das schwerer als bei Typen. Frauen müssen sich immer wieder behaupten und mehr schaffen, immer selbstbestimmt und sicher auftreten, um die gleiche Anerkennung zu bekommen wie Typen. Tun sie das nicht, werden sie fallengelassen.
In der Linken gibt es Leistungsdruck genauso wie im Rest der Gesellschaft. Auch innerhalb der Linken wird nur danach bewertet, wie schnell renne ich, wie groß bin ich, wie furchtlos, wieviel Wissen habe ich, und wie verwertbar bin ich. Leistung, Leistung, Leistung. Wenn ich nix zu bieten habe, bin ich unten durch.
Es gibt eine ganze Menge Typen in der Szene, die sagen: »Ich bin Antifa. Was geht mich Sexismus an? Das ist überhaupt nicht mein Bereich. Darum sollen sich die Frauen kümmern. Ich habe damit nix zu tun. «
Andere Typen setzen sich in Diskussionen zwar mit Patriarchat und Sexismus auseinander, aber meistens bleibt es verbalradikal und wird nicht umgesetzt. Manche Verhaltensweisen sind zwar als zu ändern im Kopf, aber wenn es dann konkreter wird, fallen sie wieder hinten runter. Wenn zum Beispiel irgendwo ,Streß angesagt ist und da wollen Leute hinfahren, dann ist klar, daß zuerst die Typen ihren Sitzplatz im Auto haben. 0b dann vielleicht noch Frauen mitfahren wollen, ist eher Nebensache bzw. für die ist dann halt einfach kein Platz nicht. Die sind sowieso nicht groß und stark genug für sowas. Da fahren darin schon lieber eingespielte Männercombos hin, als daß auch mal Frauen mitgenommen werden, die ebenso ein Interesse und eine Entschlossenheit für die Aktion haben. Die Typen müssen sich immer als Helden behaupten und vorpreschen, um zu beweisen, daß sie keine Ängste haben. Sie rutschen dann immer in ihre Männerrolle zurück, vor allem, wenn sie unter sich sind. Bei Demos müssen sie Chef spielen. Daß sie manchmal bestimmte Aufgaben übernommen haben, ist nicht mehr so wichtig; Riot wird zum Profilieren genutzt. Nur auf sich selbst wird Rücksicht genommen und dabei werden oft die einfachsten Grundsätze vergessen: Es darf einfach nicht passieren, daß Verletzte zurückbleiben oder daß Leute zurückgelassen werden, die dann in die Hände der Bullen fallen.
Das Auftreten der Typen wirkt meist martialisch - Schultern hoch (um möglichst breit und gefährlich zu wirken) und breitbeinig - vor Kraft strotzend. Frauen sollen zwar militant sein - im gleichen Maß wie die Typen -, aber in einer persönlichen Beziehung sind sie dafür da, den Mann wieder aufzubauen.
Emotionen werden den Kumpels vor der Gruppe nicht gezeigt, denn daß können sie ja in ihren Hetero-Zweier-Beziehungen. Von den Frauen wird immer erwartet, daß sie Verständnis für die Typen aufbringen und sie trösten. Der Typ geht auf Aktion, läßt sich hinterher von der Freundin die Wunden lecken, nutzt sie zum Ausbeulen und Erzählen von tollen Heldenstories. Mit den gemachten Aktionen spielen sie oft auf und versuchen, sich zu profilieren - vor sich, der Gruppe, den Frauen, den Anderen. So toll, so mutig sind unsere Antifamacker. Dabei labern sie oft zu viele Namen aus, wer dabei war usw.
Junge Frau, süße 18 Jahre alt, lange gekämmte Haare, geschminkt, feminin angezogen, Hackenschuhe. Was ist das bloß für eine? So eine kann ja gar nichtpolitisch sein. Die ist vielleicht die Freundin von... Aber nicht mehr als das! Oft werden Frauen danach bewertet, wie sie aussehen. Bei einem bestimmten Erscheinungsbild wird automatisch das Politisch-Sein abgesprochen. Wer hat eigentlich zu entscheiden, wie engagierte, emanzipierte Frauen auszusehen haben‘?
Wenn eine Frau über einen Typen neu in die Szene reinkommt, ist sie automatisch die Freundin von... Als diese wird sie auch immer behandelt - nicht als eigenständige Person, die selber einen Kopf Lind eine eigene politische Meinung hat. Ist frau einmal in das Klischee reingerutscht, ein Anhängsel zu sein, fällt es schwer, da wieder rauszukommen bzw. überhaupt ernstgenommen zu wurden. Als Frau in die Szene aufgenommeu zu werden, dauert oft länger als bei Typen, die nach zwei Monaten dazugehören, schneller integriert/akzeptiert werden. Wenn dann solche Anhängsel eine Frauengruppe bilden, wird sie als Kaffeekränzchen abgetan.
Oft werden Grenzen überschritten, und ein Nein ist für Typen schwer zu akzeptieren - vor allem, wenn sie es nicht nachvollziehen können. Manche Typen wünschen sich deshalb einen »Regelkatalog«, damit sie wissen, wie sie sich zu verhalten haben, um korrekt Lind nicht kritisierbar zu sein. Auf Druck von Frauen - damit sich die Typen auch mal mit sich selbst auseinandersetzen - werden darin von Zeit zu Zeit Männergruppen gebildet. Doch am Verhalten der Typen ändert sich nichts. Zum Teil scheinen solche Gruppen zu Witzerzählrunden zu verkommen. Die meisten Männergruppen gehen dann irgendwann ein oder zerstreiten sich. Männergruppen gehören wahrscheinlich auch Zu dem Bild eines vorbildlichen Antifatypen, so daß auch einige nur des Anstands wegen hingehen und eigentlich selber gar nicht wissen, was sie dort wollen. Manchmal laufen solche Gruppen parallel zu Frauengruppen, doch scheint kein gutes Verhältnis vorhanden zu sein. Die Typen haben Schiß, von den Frauen an den Pranger gestellt zu werden Lind geben sich also ganz große Mühe, nicht aufzufallen. Als wenn Frauengruppen nix Besseres zu tun hätten, als sich die ganze Zeit mit den Typen zu beschäftigten.
In Diskussionen kommen Frauen oft nicht zu Wort. Sie kommen nicht dazu, ihre Standpunkte zu erklären bzw. zu vertreten. Gesagtes wird oft ignoriert, übergangen oder abgestritten. Welche Aspekte wichtig sind Lind welche nicht, entscheiden Typen (»Das gehört jetzt nicht zum Thema!“). Um überhaupt
wahrgenommen zu werden, muß frau oft schreiben/lauter sein als die anderen (Ellenbogentaktik). Es bestehen ziemlich feste Männerklüngel, die auch die »Rangordnung« festsetzen. Einer weiter oben scheint wichtiger und glaubwürdiger zu sein - dessen Meinung wird dann schon fast unantastbar - als jemand weiter unten in dieser Hierarchie. Das hat natürlich auch wieder was mit Leistung zu tun. Wenn frau in Diskussionen etwas verlauten läßt, was der »Typenriege« noch nicht bekannt war, muß sie das wieder Lind wieder nachweisen und mit Fakten belegen. So wird es ihr auch schwieriger gemacht, sich zu äußern, denn wenn sie beim folgenden »Kreuzverhör« nicht alle Fragen zur Zufriedenheit der Typen beantworten kann, gilt gleich das ganze Gesagte als unglaubwürdig. Wenn frau sich mal aufregt, wird sie als hysterische Zicke abgetan und überlegen belächelt. Typen scheinen keinen blassen Schimmer vom normalen Alltag einer Frau zu haben. Wenn frau schon den ganzen Tag von irgendwelchen doofenTypen auf der Straße etc. angewichst wurde und dann hinterher noch von den eigenen Leuten angemacht wird, kann es schon leicht passieren, daß frau mal explodiert und die Gefühle überkochen. Weinen ist darin der Beweis dafür, daß Frauen eben doch nicht so stark sind und beschützt werden müssen. Typen sind ja die coolen Checker, die dürfen ihre Gefühle nicht zeigen. Außerdem ist es sowieso nicht angesagt bei Typen, Emotionen zu zeigen, Ängste zuzugeben. Viele sind verklemmt und unfähig über Gefühle zu reden oder diese zu zeigen.
Für Typen ist es sehr schwierig, sich mit dem eigenen Sexismus auseinanderzusetzen und auch mal Selbstkritik zu üben. Es fällt wesentlich leichter, das Verhalten anderer Typen abzuurteilen/zu kritisieren, als sich selbst zu hinterfragen. Es ist relativ leicht, zu sagen: Der hat das und das gemacht, der ist Scheiße, der kriegt auf‘s Maul.
Wenn zum Beispiel auf Parties sich irgendwelche Machos daneben benehmen, das heißt Frauen angrabschen/anbaggern etc. und die Typen sie dann rausschmeißen, ist das für sie oft eine Bestätigung, wie pc/korrekt sie selber doch sind. Dann fühlen sie sich als die großen, gerechten Aritisexisten und haben ihre »Beschützerrolle« mal wieder prima erfüllt. Dabei ist es doch psychologisch wirksamer, wenn frau dem Typ zeigt, wo der Ausgang ist und daß sie sich sowas nicht bieten läßt. Außerdem - wenn sowieso schon genügend Frauen da sind, um das Arschloch rauszuschmeißen, können sich die Typen ruhig mal zurückhalten und müssen sich nicht unbedingt noch in die erste Reihe drängeln.
Zum Schluß: Wenn wir in dem Artikel von »Typen« und »Frauen« reden, ist das natürlich nicht allgemeingültig für alle, sondern für Teile der Szene. Wir haben auch sicher nicht alles angesprochen, was es zu kritisieren gibt. Das Ganze soll ja auch eher eine Anregung dazu sein, sich selbst mal an die eigene Nase zu fassen.
PS: An die Frauen, die den Artikel lesen! Macht ruhig öfter mal das Maul auf, wenn Fluch was nicht paßt! Und laßt Euch von den Typen nicht verarschen!
Mini und Daisy

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