Kritik und Perspektiven antisexistischer Arbeit

Siehe auch: Übersicht über die Debatten
  (Papier Gruppe AC/PC & H.A.R.A.K.I.R.I. GmbH      -      2. Fassung, November 2000)

Vorwort zur 2. Auflage:

Unser Text hat einige Diskussionen ausgelöst – darunter auch Kritiken, Hinweise auf mißverständliche Formulierungen oder Auslassungen. Wir möchten das verändern, was wir als fehlerhaft, ungenau oder unvollständig begreifen. Gegenüber einigen Kritiken bleiben wir bei unseren Positionen.
Eigentlich war geplant, diese Überarbeitung zusammen mit weiteren Texten zu veröffentlichen und auch gemeinsam mit anderen Gruppen zu Diskussionen, Weiterentwicklung und Treffen dazu aufzurufen bzw. einzuladen. Nun aber ist klar, daß es aber noch einige Zeit, möglicherweise Monate dauern könnte, bis die anderen Texte formuliert werden sowie die Debatte beginnen kann und soll. Wir freuen uns weiter auf diese gemeinsame Entwicklung, rufen auch von uns auf weitere Gruppen zur Teilnahme auf – aber wir möchten nicht solange warten. Was wir politisch und persönlich wichtig halten, können und wollen wir nicht um Monate verschieben. Darum veröffentlichen wir jetzt allein diesen Text und freuen uns über Abdruck, Reakionen usw. Dieser Text wird auch auf die Debattenseite der Projektwerkstatt gestellt, wo auch Reaktionen und andere Texte zu finden sind: www.projektwerkstatt.de/debatte.

Einleitung

Mit diesem Text möchten wir in die bestehende Debatte eingreifen.Sie läuft bereits sehr lange, erreicht dabei insgesamt und zunehmendwenig Ergebnisse und tatsächliche Veränderungen von Herrschaftsverhältnissen,verfehlt eher die eigentlichen Ziele oder erreicht das Gegenteil. Längeund Umfang der Debatte hat aber eine große Vielfalt von Positionengeschaffen, die jedoch oft nicht zugelassen und in einem Prozeß weiterentwickelt,sondern meist denunziert werden. Für uns bedeutet diese Vielfalt aber:Unsere Kritik richtet sich immer nur gegen einen Teil des Ganzen. Wir wissen,daß es viele Teile gibt und niemals alle von einem Kritikpunkt betroffensind. Viele Zusammenhänge und Diskussionsprozesse sind unseren Überzeugungensehr nahe, andere sind sehr entfernt – und wir halten sie z.T. fürfalsch. Letztere bilden die Mehrheit oder zumindest die lautstärkstenTeile. Besonders bedauerlich finden wir, daß abweichende Positionenin der Debatte um Sexismus, antipatriarchale Politik usw. fast immer sehrschnell denunziert werden, zudem oft ohne faktische Argumente, sondernallein über den Vorwurf des Sexismus und mit Berufung auf das sichselbst angeeignete Definitionsrecht der denunzierenden Person bzw. Gruppe.
Wir glauben, daß viele der letztlich selbst sexistischen Positioneninnerhalb der Antisexismus-Debatte eine Folge von Enttäuschung, Wut,Erniedrigung usw. sind. Dies ist kein Argument, als antisexistische Kampfparoledaherkommenden Sexismus zu verharmlosen – wohl aber eines, die Menschennicht zu verdammen oder gar auszuschliessen!

Unser Text teilt sich in zwei Teile:

  • Kritik an verschiedenen Aspekten der aktuellen Sexismusdebatte (ohne Gewichtung der Aspekte)
  • Vorschläge für eine Weiterentwicklung von Debatte und Praxis

Vorweg möchten wir darauf hinweisen, daß sich unser Text nur auf die antisexistische Praxis im Verhältnis von Männern und Frauen bezieht – nicht jedoch innerhalb der Geschlechter oder unabhängig von Geschlechtszugehörigkeit zur Diskriminierung von sexuellen Orientierungen, Formen sexueller Praxis usw. Dort gelten andere spezifische Prinzipien der Diskrimierung – gleich bliebe allerdings unser Hinweis auf die Notwendigkeit einer grundsätzlich herrschaftskritischen Theorie und Praxis.
Wichtig für das Gesamtverständnis ist eine Definition des Begriffs Sexismus. Die folgende erhebt keinen Anspruch auf Alleingültigkeit, sondern gilt für diesen Text. Sexismus ist die Diskriminierung eines einzelnen oder mehrerer Menschen aufgrund seines/ihres Geschlechts oder ihrer/seiner sexuellen Orientierung. Er ist damit eine besondere Form des Biologismus, d.h. der Ableitung von Aussagen über den sozialen Status von Menschen und das Sozialgefüge in der Gesellschaft aufgrund biologischer Tatsachen oder Ableitungen.
Eine sexistische Diskriminierung kann in sehr vielen Formen auftreten, von der psychologischen Erniedrigung über Ausgrenzung, Nicht-Gleichstellung bis zur direkten Gewalt. Sexismus basiert auf der Herstellung von Unterschieden zwischen Menschen und stellt immer ein Gewaltverhältnis sowie eine Herabwertung von Menschen dar. Sexismus hat keine bestimmte Richtung; die gesellschaftlichen Verhältnisse und Beeinflussungen führen aber zu quantitativ erheblichen und nicht zufälligen Einseitigkeiten, z.B. der Unterdrückung von Frauen durch Männer, von homosexuell orientierten Menschen durch „Heteros“ usw. Allerdings bedeutet das nicht, daß Sexismus nur existiert, wenn er in der „normalen“ Variante daherkommt.
Trotz der geschlechtsneutralen Definition des Begriffes "Sexismus" soll nicht übersehen werden, daß die Wirkung sexistischer Diskriminierung oder Gewalt in der Regel sehr deutlich unterschiedlich ist in Abhängigkeit davon, ob das "Opfer" eine Frau oder Mann ist. Die gesellschaftlichen Dominanzverhältnisse bewirken hier, daß Personen, die sozial konstruiert herabgewertet sind, auch stärker von Diskriminierung betroffen sind. Diese Grundregel gilt auch für andere Diskriminierungsformen, z.B. zwischen Reichen und Armen, Deutschen und Nichtdeutschen, Vorgesetzten gegenüber Befehlsabhängigen, ArbeitgeberInnen und -nehmerInnen usw.

Kritik

Die folgenden Kritikpunkte befassen sich mit verschiedenen Aspekten. UnsereAuflistung ist weder gewichtet noch vollständig. Wir haben sie gewählt,um die verschiedenen Aspekte greifbarer und transparenter zu machen. Tatsächlichgibt es eine Menge von Bezügen untereinander.

1.  Die Diskussion orientiert sich an Details und Einzelfällen, eine gesamtgesellschaftliche Sicht fehlt

Wie in anderen politisch-praktischen Diskussionen beziehen sich dieantisexistischen Debatten meist auf Einzelfälle. Sie diskutiertenMechanismen und auch die vorgeschlagenen Maßnahmen orientieren sichnicht an gesellschaftlichen Zielen und Utopien. Daher fehlt ihnen der Maßstab,Theorie und Praxis leben „von der Hand in den Mund“.

2. Die Diskussion zum Verhältnis von Männern und Frauen orientiert sich am biologischen Geschlecht

„Frau“ und „Mann“ werden meist nur in einigen die Sexismusdiskussionbislang wenig prägenden Zusammenhängen und Foren (z.B. „Gender“-Debatte)absolut in Frage gestellt. In der „normalen“ Debatte werden sie sogar rekonstruiert.Alle verbreiteten Formen antisexistischer Praxis basieren auf dem biologischenGeschlecht. Die konkreten Maßnahmen und Forderungen richten sichan Menschen in ihrer Form als „Mann“ oder „Frau“, nicht aber an sozialisierteMenschen, z.B. die Dominanten, die Nicht-Dominanten, die vielen Zwischenformenund anderen Variante, an andere soziale Rollen und Individualitätenusw.

3. Auch die „fortschrittlichen“ Begriffe rekonstruieren das biologische Geschlecht oder reduzieren „Mann“ und „Frau“ auf ihre Sexualität

Viele Veränderungen im Sprachgebrauch, die im Zuge der Sexismusdebattenin breiten Kreisen „linker“ Bewegung durchgesetzt wurden, orientieren sicham biologischen Geschlecht, nicht aber an Dominanzverhältnissen. Dasmacht solche Veränderungen zwar nicht unnütz, denn z.B. die geschlechtsneutraleSprache ist eine Fortentwicklung im Sinne der Gleichberechtigung. Gleichzeitigist aber erkennbar, daß es im Kern der Debatte um die Stärkungvon Frauen geht, womit eine „Schublade Frau“ gebildet wird und diese „Gruppe“ über ihre Biologie definiert ist.
Noch deutlicher wird das an der heutigen Verwendung des Begriffs der „FrauenLesben“, die beispielhaft zeigt, wie biologistisch die Debatte geführtwird: Die sexuelle Orientierung wird zum Mittelpunkt der Begriffsbildung,der Begriff der „Frau“ wird damit reduziert als eine auf Hetero-Sex (alsoauf Männer) orientierte Person.

4. Die inflationierende Benutzung von Begriffen wie Vergewaltigung, Sexismus, aber auch z.B. von Faschismus im Rahmen der Debatte verharmlost das, was tatsächlich hinter den Begriffen steht

Immer unklarer wird der Begriff der Vergewaltigung. Er reicht von dersexuellen Berührung bis zum gewaltsam durchgesetzten Geschlechtsverkehr.Unbestritten handelt es sich bei den meisten beschriebenen Vorgängenum sexuelle Übergriffe und damit ein Verhalten, daß nicht akzeptiertwerden kann. Aber vielfach ist es keine Vergewaltigung. Wenn das gälte,müßte in Zukunft jede und jeder fürchten, der die FreundInz.B. zur Begrüßung ohne Rückfrage umarmt, küßtu.ä., daß zwei Tage später diese Handlung öffentlichals sexueller Übergriff bezeichnet würde.
Ähnlich zu bewerten sind einige andere Vorgänge der vergangenenJahre, die weitgehende Begriffe benutzten, um aus direkter Betroffenheitheraus oder gezielt eine maximale Wirkung zu erzeugen, dabei aber, z.T.sogar  aus taktischen Gründen eine Verharmlosung des Begriffeserzielten. Das gilt für Begriffe wie „potentielle Vergewaltiger“ füralle Männer, „Täterschützer“ auch für die Verteidigerder Täterschützer (und oftmals einige Stufen indirekter) oder„Faschisten im Bett“, die eine Verharmlosung des Faschismus bedeuten.
Wo auf Kriterien verzichtet wird, was eine Vergewaltigung ist, schafftzudem noch eine weitere Schwierigkeit: Dann ist keine Vergewaltigung, wenneine Frau selbige nicht veröffentlicht oder die Veröffentlichungwieder zurückzieht. Und es erfolgen keine Konsequenzen, wenn die Fraukeine Sanktionen (mehr) einfordert. Wo nur das Definitionsrecht der Frauexistiert, ist ein Vergewaltiger dann keiner mehr, wenn die Frau ihre Aussage(warum auch immer) nicht macht oder zurückzieht. Wer aber will das?

5. „Frauen sind besser als Männer“ – eine sexistische Position

In der Debatte werden immer wieder bestimmte Verhaltensweisen ausschließlichMännern zugewiesen. Dabei werden „Frau“ und „Mann“ nach ihrer biologischenGeschlechtlichkeit unterschieden, nicht aber nach ihrer Sozialisation („gender“).Das bedeutet eine Rekonstruktion der biologischen Frau. Tatsächlichist unter den realen Verhältnissen die biologische Frau auch immerin der sozialen Rolle „Frau“, da die soziale Konstruktion ab der Geburterfolgt. Dennoch darf eine antisexistische Praxis diesen Zusammenhang nichtweiter rekonstruieren, weil sie ihn schließlich überwinden,d.h. dekonstruieren will.
Beispiele aus den letzten Wochen: Bei einer Auseinandersetzung um dieAusgrenzung einer politischen Gruppe wurde diese als sexistisch beschimpft,weil sie den Slogan „Fuck off ...“ benutzt hatte. In der Debatte wurdezudem behauptet, Frauen würden ein solches Wort nie benutzen. Abgesehendavon, daß diese Aussage schlicht falsch ist, konstruiert sie Frauenals bessere Wesen – und das aufgrund der „biologischen Frau“. Aber genaudas ist Sexismus, nicht die Benutzung des Wortes „Fuck“ (ob „Fuck“ ausanderen Gründen ein Scheißwort ist und in bestimmten Situationauch sexistisch sein kann, sei dahingestellt, es ist aber nicht per sesexistisch).
Bei der Debatte um TäterInnenschutz wird peinlich genau daraufgeachtet, daß genau bei diesem Begriff das „Innen“ nicht benutztwird, also „Täterschutz“ - als wäre es eine unumstößlicheWahrheit, daß Frauen nie TäterInnen seien, sprich sich aus sexuellerErregung oder aus anderen Gründen an Männer „ranmachen“, ohnezu wissen, ob diese „wollen“, oder sogar entgegen deren definitiv geäußertem„Nein“. Wer nur Männer als potentielle Täter sieht, konstruiertdie Frau als besseres Wesen und bezieht sich erneut auf das biologischeWesen „Frau“; nicht die Sozialisation („gender“) ist dann entscheidend,sondern die Biologie.
Unabhängig von allem aber sei die weiterhin vorhandene mangelndeSensibilität und Beachtung der Autonomie der anderen Person klar kritisiert.Dieses unakzeptable Verhalten geht vor allem von Männern aus, diedamit auch immer wieder ihre sozial privilegierte Position ausnutzen. Vonallen Seiten herrscht Mangel an Mut und Deutlichkeit zur Benennung eigenerGrenzen sowie an Bereitschaft zur Klärung von Befindlichkeiten, zumReden über Sexualität, Intimität und persönlicher Integrität.

6. Die konkreten Mittel antisexistischer Arbeit sind meist Empowerment und nicht Dominanzabbau

Die meisten der gängigen Mittel zur Stärkung der Situationvon Frauen zielen nicht auf den Abbau von Dominanz, sondern auf ihre Stärkungin den weiter bestehenden Herrschaftsstrukturen. Damit zeigen sie die gleicheLogik wie die Politik des Empowerments, der neoliberalen Gleichberechtigungspolitikeiner globalen Wirtschaft, die Frauen fit (leistungsstark) machen willfür die Anforderungen des Marktes. Vergleichbares gilt für „linke“politische Bewegungen, wenn Voraussetzungen geschaffen werden, um Frauen„fit“ zu machen für die vorhandenen Dominanzstrukturen. Je nach Gradformaler Hierarchie reicht die Spanne konkreter Praxis von der Quotierungbei der Besetzung von Vorstandsämtern über kollektive Jubelorgien,wenn überhaupt mal eine Frau in einem Führungsgremium sitzt (z.B.einige Verbände) bis hin zur quotierten Redeliste. Sie alle förderndie „Frau“ als biologisches Wesen; soziale Kategorien werden nicht geführt.Die dahinterstehende biologistische Logik, Frauen seien per se nicht dominantund Männer per dominant ist aber nicht nur absurd, sondern einfachnur sexistisch. Die Folge ist nicht, daß weniger dominante Menschenoder alle Frauen gefördert werden, sondern gezielt dominante Frauen.Eine Redeliste mit Frauenquotierung führt in der Regel dazu, daßdie wenigen dominanten Frauen sehr viel reden können, weil sie selbstdann, wenn sie sich das 20. Mal melden, noch bevorzugt werden – auch gegenübereinem Mann, der sich nach zwei Stunden das erste Mal meldet. Abweichende,an Dominanzabbau viel eher orientierte Quotierungen (z.B. die Bevorzugungderer, die sich das erste Mal melden) setzen sich in der „Linken“ kaumdurch – ein deutliches Zeichen, daß es nicht um Dominanzabbau, sondernum Empowerment und Machtgewinn für dominante Personen geht - hierfür dominante Frauen.
Es spricht sogar einiges dafür, daß die Herrschaftsverhältnissedurch die Beteiligung von Frauen an Dominanzgremien gestärkt werden,denn im Konkreten werden innerhalb der Führungsgremien meist wenigerdominante Männer gegen die jeweils dominantesten Frauen ausgetauscht– das Gefälle von Dominanz zu Unterwürfigkeit wird dadurch oftgesteigert. Zudem sind quotierte Dominanzgremien akzeptierter und könnendamit ihre Macht direkter ausüben. Das klassische, moderne Herrschaftsprinzip„Integration statt Repression“ wirkt auch in „linker Bewegung“. Dominanzstrukturenabzubauen wird dabei unterlassen, es gibt auch wenig Experimente und Vorschläge,wie das geschehen könnte.

7. Die Reduzierung antisexistischer Praxis auf die Selbsterfahrungsebene wirkt entpolitisierend

Es entspricht zwar der aktuellen Logik „linker“ Debatte auch in anderenThemen, aber das macht es nicht besser: Bei der Formulierung praktischerMöglichkeiten wird als einziger Vorschlag oft formuliert, Männer(natürlich wieder am biologischen Geschlecht definiert) sollten sichmit sich selbst beschäftigen. Oft fehlt sogar jeder Hinweis auf dasWas, Wie und Wozu. Die Beschäftigung mit dem Thema verkommt zum Selbstzweck– auch (besonders auffällig) in Plena oder auf Treffen, wo oftmalsdie Beschäftigung mit dem Thema Sexismus ohne konkrete politischeBezüge eingefordert wird. Damit wird nicht nur der Eindruck erweckt,das Reden könne konkrete Veränderungen ersetzen bzw. die Quantitätdes Geredes könne die schlimme Realität irgendwie verbessern.Nein, es wird immer wieder formuliert, daß ein zu geringer Zeitanteilfür Sexismusdebatte schon ein Zeichen für Sexismus sei. Damitwird Sexismus entpolitisiert und zum Argument für die Durchsetzunggewünschter inhaltlicher Schwerpunkte und Tagesordnungspunkte.
Beispielzitat aus einem Text aus anarchistischen Kreisen mit Titel „Anarchafeminismus“: „... Anarchafeministinnen nennen sich Frauen, diesich als Anarchistinnen bezeichnen aber der Meinung sind, dass sich dieanarchistischen Männer noch einige Gedanken zum Geschlechterverhältnismachen müssen“.
Nebenbei sei angemerkt, daß aufgrund des Einforderns einer ausschließlichnach innen gewandten und nicht mit politischen Positionen und Kategorienverbundenen Diskussion in Selbsterfahrungsgruppen die Gefahr neuer Definitionenvon Wertigkeiten aufgrund des biologischen Geschlechts entstehen. In derPraxis wird oft schon der Vorwurf der Nicht-Beschäftigung mit Sexismuserhoben, sofern ein Mann (natürlich wieder im biologischen Sinne)keiner Männergruppe, Therapiegruppe u.ä. angehört.

8. Eine abgetrennte Sexismusdebatte ist unvereinbar mit Herrschaftskritik

Zur „normalen“ Sexismusdebatte gehört die Position, daßSexismus eine ganz besondere, eigenständige Form der Unterdrückungsei. Daraus wird abgeleitet, daß es lohnenswert sei, Sexismus separatzu diskutieren und möglichst abzuschaffen (durch Empowerment der nachihrer Biologie definierten Frauen, d.h. ihrer Stärkung und z.B. beruflichen,rhetorischen, ämterbezogenen Förderung innerhalb der bestehendenHerrschaftsverhältnisse). Auf diese Art werden andere Unterdrückungsverhältnisseverdrängt. Die Argumentationsweise ist ähnlich der früher(und z.T. heute auch noch) gängigen, erst müsse der Kapitalismusabgeschafft werden, dann regele sich alles weitere von selbst. Jedoch:Herrschaftsverhältnisse sind prägendes Element der gesellschaftlichenSituation von der „großen Politik“ bis in die Kleinstrukturen auch„linker“ Bewegung oder Beziehungen zwischen „linken“ Menschen hinein. Frauensind nicht wichtiger als Kinder, Nicht-Deutsche, sog. „Behinderte“ oderviele andere, die die Herrschaftsstrukturen aufgrund der gesellschaftlichenSetzungen härter treffen als andere. Der Kampf muß überallund immer gegen die Herrschaftsverhältnisse gerichtet sein, die Logikvon Haupt- und Nebenwidersprüchen, Rangfolgen der Wichtigkeit vonUnterdrückungsverhältnissen usw. zeigt dagegen eine Wertigkeits-Rangfolgezwischen Menschen.

9. Definitionsmacht ist herrschaftsfördernd, die absolute Definitionsmacht von Frauen ist sexistisch

Jegliche Form von Definitionsmacht ist Herrschaft. Wo die subjektiveWahrnehmung einzelner Menschen zur objektiven Wahrheit definiert wird,d.h. die individuelle Wahrnehmung ist gleich der von allen zu akzeptierendenWahrheit, geht jeglicher sozialer Prozeß verloren. Die Existenz vonMacht, d.h. der Verfestigung und Verstetigung unterschiedlicher Möglichkeitenvon Menschen, aber ist immer auch die direkte Vorstufe zum Mißbrauchvon Macht. Die Ablehnung von Definitionsmacht sagt allerdings nicht aus,daß ein Schutzbedürfnis der sich als angegriffen fühlendenPerson negiert wird. Opferschutz geht vor Täterschutz – aber grundsätzlichgibt es keine gepachtete Wahrheit!
Zudem bezieht sich die Definitionsmacht der Frau erneut auf die biologische „Frau“, nicht aber auf die soziale Situation, also z.B. das Opfer. Dasbedeutet z.B., daß auch dann, wenn ein Mann von einer Frau gegenseinen Willen sexuell angemacht oder berührt wird (was deutlich seltenerder Fall ist), weiterhin die Frau das Definitionsrecht behält – eineabsurde Situation. Der durchaus verbreitete Sexismus z.B. von Lesben gegenüberHeterofrauen (Aussagen wie „unterentwickelte Sexualität“ u.ä.sind immer wieder anzutreffen) bleibt entsprechend folgenlos. SexistischeAnmachen gegen Männer („alle Männer stinken“, „alle Männersuchen nur nach Löchern, wo sie ihren Schwanz reinstecken können“,„alle Männer wollen immer oben liegen“, „alle Männer sind potentielleVergewaltiger“ usw.) sind sogar „in“. Erfolgt eine Einteilung, wer Rechthat und wer nicht, nach dem biologischen Geschlecht, so ist das sexistisch.
Ergänzung 31.10.2000: Die Logik patriarchaler Verhältnisse,d.h. der verinnerlichten Herrschaftsverhältnisse aufgrund gesellschaftlichvermittelten Selbstwert- und Rollenempfindens (Konstruktion), ist nichtauf das Geschlechterverhältnisse zu beschränken. Es tritt genausozwischen Menschen auf, die andere Ungleichheiten als Dominanzgefälleverinnerlicht haben, z.B. zwischen DirektorIn und HausmeisterIn, LehrerInund SchülerIn usw. Die Männerdominanz wirkt zwar auch hier immerverschärfend, aber eine dem Patriarchat entsprechende Logik einerverstetigten Dominanz findet sich auch bei gleichgeschlechtlichen AkteurInnenmit anderen, gesellschaftlich dauerhaft definierten Wertigkeitsunterschiedenwieder.

10. Die einseitige und alleinige Schuldzuweisung an Männer ist sexistisch und verhindert Veränderungen

Beispiel: In einem aktuellen anarchistischen Flugblatt wird die Aufteilungvon „Politischem (Männer) und Privatem (Frauen)“ beklagt und ursächlichauf Männer zurückgeführt. Zum einen findet sich wieder dieEinteilung in die biologischen Geschlechter, zum zweiten übersiehtdiese Theorie die wahren Ursachen, nämlich die gesellschaftliche Konstruktionvon Identitäten und Rollen, Erwartungshaltungen und persönlichenZielvorgaben. Die Verteilung von Dominanz und Rollen in der Gesellschaftwird gerade nicht von Einzelnen handgreiflich/physisch durchgesetzt (Ausnahmenbestätigen die Regel), sondern ergeben sich wie von selbst als Folgeder Vorgaben, Rahmenbedingungen, einem Gemenge von Belohnung, Drohungenund Androhung von Entzug sowie der kontinuierlichen Identitätsbildungz.B. in den Kategorien Mann/Frau. Auch aus konkreten Erfahrungen herausist uns bekannt, daß immer wieder viele Frauen (aber nicht nur Frauenund auch längst nicht alle, denn es ist keine Folge des biologischenGeschlechts!!!) die Priorität des Privaten einfordern und sich sogardann um das Private kümmern, wenn ausdrücklich eine gleichberechtigteVerteilung oder, je nach konkreter Lage, eine gemeinsame Auseinandersetzungmit politischen Aktivitäten gewünscht ist. Das ist auch nichtüberraschend, sondern die Folge der Konstruktion gesellschaftlicherRollenverteilungen, die „wie von selbst“ ständig und von (fast?) allenreproduziert werden. Mit der Negierung dieser Tatsache entstehen falscheAnalysen und Vorschläge für eine Veränderung der Situation– eben nicht die Dekonstruktion patriarchaler Machtverhältnisse, sonderndas Empowerment der Frauen und die Entstehung des „entgeschlechtlichten“Patriarchats (will heißen: Die patriarchalen Rollenlogiken bleibenin der Gesellschaft vorhanden, wenn auch die offensichtlichen Positionenvermischbar sind, d.h. immer mehr Frauen typische Männerrollen einnehmenund umgekehrt – die Rollen aber bleiben).

11. Die Qualität der Diskussion leidet unter Machtkämpfen, Denunzierung und Zensur

Die „mainstream“-Debatte im Sexismus ist ausgrenzend und arrogant.Sie versucht, abweichende Positionen zu verhindern. Als Mittel wird dabeider Sexismusvorwurf selbst angewendet, d.h. nach dieser Logik ist bereitsein Sexist, wer eine definierte Vorgabe, was Sexismus ist und was nichtoder wer wann was definieren kann usw., in Frage stellt. Regelmäßigwerden in „linken“ Zeitungen (z.B. in einigen der letzten Ausgaben derInterim) Texte als sexistisch denunziert, die selbst gar nicht mehr abgedrucktwerden. Eine solche Diskussion spielt sich auf unterstem Niveau ab undhat nichts mit politischer Auseinandersetzung zu tun. Zensur als aktivesund gezieltes Steuerungsmittel in laufenden Debatten ist nie richtig, sondernist stets die Ausübung von Macht. Eine Debatte, in der eine Seite„geschwärzt“ wird, ist inhaltlich nicht vorwärtsbringend. UnsererEinschätzung nach geht es dabei oft auch nicht um die Durchsetzungantisexistischer Politik intern und extern, sondern um Schaffung bzw. Erhaltungeigener Macht oder die gezielte Entmachtung Anderer.

12. Es fehlt eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Theorie und Praxis – antisexistisches Eventhopping

Antisexistische Diskussion und Praxis unterliegt seit Jahren keinerkontinuierlichen Weiterentwicklung mehr. Ganz im Gegenteil sind immer öfterRückschritte zu verzeichnen. So sind Schritte, die vor Jahren ausder Diskussion heraus erfolgt sind, heute wieder vergessen oder nicht mehrselbstverständlich – z.B. Quotierungen (auch dann, wenn wir hier ihreÜberwindung im Sinne einer Weiterentwicklung fordern, kritisierenwir das ersatzlose Zurückfallen hinter dieses Prinzip) oder geschützteFrauenräume auch auf zeitlich begrenzten Treffen (Camps, Aktionen,Kongresse).
Aktuelle Debatten knüpfen immer an konkreten Vorfällen an,bauen nicht aufeinander auf, sondern fangen immer wieder bei „Null“ an,orientieren sich nicht an gesellschaftlichen Analysen und Visionen, sondernstellen letztlich eine Art antisexistischen Eventhopping dar.

13. Nicht der Sexismus wird angegriffen, sondern die (tatsächlichen oder vermeintlichen) Sexisten

Bislang gibt es nur sehr wenige und auch nur Details verbessernde praktischeVeränderungen (wobei die trotzdem wichtig sind). Häufig wirdheute der Sexismus als Unterdrückungsform nicht als solches angegriffen,sondern einzelne Personen. Dies verschleiert, daß die sozial konstruiertenRollenverteilungen und Herrschaftsverhältnisse durchgängig vorhandensind. Diese antisexistische Politik ähnelt z.B. solchen Formen antifaschistischerKämpfe, die nur Einzelne (z.B. Glatzen) als Ziel ihrer Aktion sehen,aber die faschistoide Normalität übersehen, oder z.B. Umweltschutzorganisationen,die glauben, ökologische Ziele über kapitalistische Logiken umzusetzenund daher in Staat oder Konzernen ihre Partner finden.
Hinzu kommt, daß die Denunzierung als Sexist in einigen Fällengezielt eingesetzt wurde und wird, um Personen oder Gruppen zu schädigen/auszugrenzen.Leider werden diese Fälle immer besonders bekannt, was ja auch dasZiel ist, schließlich wirkt eine Ausgrenzung nur, wenn sie bekanntwird. Die Sexismusdebatte wird dadurch immer wieder schwer geschädigt,denn inzwischen fällt es schwer, bei Vorwürfen des „Täterschutzes“,des „sexistischen Verhaltens“ oder gar der „Vergewaltigung“ noch zu unterscheiden,wo tatsächlich sexistische Übergriffe stattfanden oder ob solcheBegriffe eher als denunzierendes Schimpfwort (ähnlich „Arschloch“,aber wegen des Antisexismus-Kodex wirksamer) benutzt wurden.

14. Die Unfehlbarkeit von FrauenLesben-Zusammenhängen trägt reaktionäre Positionen in die „Linke“

Einige (keine Mehrheit) FrauenLesben-Gruppen, -Einrichtungen (z.B.Seminarhäuser), -redaktionen u.ä. bringen über ihren Statusder Unangreifbarkeit und des Selbstdefinitionsrechts reaktionäre,vor allem esoterische, mythische Positionen ein. Zu finden sind sie inzwischenmassenweise in linken Zeitungen, in den Auslagen und Terminprogrammen linkerZentren usw. Eine Kritik an solchen Frauenzusammenhängen ist kaummöglich, weil sie sich selbst als FrauenLesben absondern und Kritikan ihren Positionen mit Hinweis auf eigene Selbstbestimmungsrechte abwehren– aber auch, weil diese Kritik von anderen sofort als „frauenfeindlich“abgewiesen wird.

15. Die Debatte um Sexismus verhindert unmittelbare Intervention

Sexismusdebatten erkennen meisten Herrschaftsstrukturen und Stellvertretungslogikenan, d.h. die Einzelnen sind nicht mehr verantwortlich für sich unddas Geschehen. Statt unmittelbarer Intervention und direkter Reaktion aufalle Formen von Unterdrückung werden Sexismusdebatten in Plena oderandere Entscheidungsstrukturen hineingetragen. Das stärkt die Machtstrukturenund verhindert das kontinuierliche antisexistische Verhalten der Einzelnen.
Nötig bleibt die Debatte und Entscheidung in den jeweiligen Gruppen-bzw. Entscheidungsstrukturen, wo eine direkte Intervention nicht (mehr)möglich ist. Hierfür fehlen aber fast über klärendeVerfahrensabsprachen. Es gibt keine kontinuierliche Entwicklung von Umgangsformen.

16. Die Gewichtung auf einen oberflächlichen Verhaltenskodex verhindert grundlegende Verbesserungen

Neben dem Vorwurf sexistischer Übergriffe bis zur Vergewaltigungsteht die Kritik an falschen Verhaltensweisen z.B. im Sprachgebrauch imMittelpunkt. Die männliche Sprachform (ohne „Innen“) bis hin zu lauten,gestikreichen Redebeiträgen werden dabei angegriffen. In einigen Fällenwird dabei eine Gleichheit angestrebt, die der Entfaltung der Persönlichkeitenentgegensteht. Gleichzeitig werden grundlegende Veränderungen verhindertoder verzögert, weil das Hauptaugenmerk auf die Einhaltung des Verhaltenskodexgerichtet ist. Das ermöglicht wiederum Männern mit guter Rhetorikund Erfahrung, durch perfekte Übung im antisexistischen Vokabularnach neuen Mustern alte Dominanzen zu schaffen. Der Blick auf diskriminierungsfreieSprache und Gestik ist wichtig, wirkt aber unserer Einschätzung nachkontraproduktiv, wenn er zum Hauptkriterium wird oder die Vielfalt vonPersönlichkeiten einschränkt über das Ziel der Sexismusbekämpfunghinaus.

Konsequenzen

Wir behaupten, daß die derzeit vorherrschende, „normale“ Sexismusdebatte,die in der Unterdrückung von Frauen als biologisch definierten Wesen,nicht aber in den Unterdrückungsverhältnissen insgesamt (unterdenen Frauen tendenziell deutlich mehr stehen als Männer, was nichtbestritten werden soll!) den Schwerpunkt setzt, nicht nur eine antisexistischePraxis verhindert, sondern den Sexismus und die Konstruktion von „Frau“und „Mann“ fördert! Daraus möchten wir Vorschläge ableiten.
Die folgenden Absätze ersetzen keine intensive Debatte. Zudemist politische Veränderung immer ein Prozeß, der nie zuendegeht, aber der ein klares Ziel haben muß und bei dem jeder Schrittdes Abbaus von Herrschaftsverhältnissen das Engagement wert ist.

1. Entwicklung gesellschaftlicher Ziele und Visionen

Um überhaupt eine kontinuierliche und sich fortentwickelnde Debattezu ermöglichen, bedarf es der Benennung gesellschaftlicher Ziele undVisionen. Die konkreten Diskussionen bis hin zu Vorwürfen müssensich an diesen Positionen messen. Gleiches gilt für alle vorgeschlagenenSanktionen, Veränderungen, Strategien und Maßnahmen – seiensie im Einzelfall oder im allgemeinen, z.B. bei der Organisation von Treffen,beim Ablauf von Diskussionen usw.

2. Antisexistische Arbeit als emanzipatorische Politik

Alle Formen der Diskriminierungen, von der direkten Gewaltanwendung über Unterdrückung und Ausbeutung bis zu den vielen kleinen,alltäglichen Formen der Unterschiedlichkeit zwischen Menschen, ihrenMöglichkeiten, Zugängen zu gesellschaftlichen Prozessen usw.sind die Folge der gesellschaftlichen Machtverhältnisse und der Konstruktionvon Rollen, Erwartungshaltungen und Identitäten. EmanzipatorischePolitik muß die Dekonstruktion aller zum Ziel haben – auch deshalb,weil sich viele in ihrer Wirkung verknüpfen, unterstützen usw.Die Aussonderung bestimmter Hauptwidersprüche (sei es „nur“ Kapitalismusoder Sexismus oder sei es eine Dreierauswahl wie „triple oppression“) istpolitisch nicht gerechtfertigt und lenkt auch von den Problemen ab, dennkein Herrschaftsverhältnis kann separat gelöst werden – es kannüberhaupt nicht gelöst werden, solange die Herrschaftsverhältnissebestehen bleiben.

3. Direkte Intervention statt Verregelung und Stellvertretung

Ein Abbau von Herrschaft muß mindestens aus der Entwicklung vonPositionen, Visionen, Theorien, in der Analyse usw. (Theorie) sowie ausder direkten, unmittelbaren oder symbolischen Aktion (Praxis) bestehen.Verregelungen, Stellvertretungsdebatten über Ausgrenzungen oder Regelnz.B. in Plena sind demgegenüber weder emanzipatorische Theorie nochPraxis. Gerungen werden muß darum, daß Herrschaftsverhältnisseund –ausübung immer und überall klar zurückgewiesen bis,wenn nötig, angegriffen wird. Das Schweigen der vielen zu den Tausendensexistischer, rassistischer Übergriffe, dem „linken Normalzustand“der Kinderunterdrückung usw. ist der Skandal, nicht die zu geringeHäufigkeit abschreckender Plena-Debattiererei. Statt starrer, sichselbsterhaltener Regeln sind direkte Intervention, Reflexion, Lernen undSich-Verändern im Prozeß, ein kontinuierlicher Prozeßder Weiterentwicklung von Theorie und Praxis sowie die gleichberechtigteZuständigkeit aller für alles die Basis des Abbau von Diskriminierungen.

4. Dekonstruktion statt Empowerment

Es geht nicht darum, Frauen (nach dem biologischen Geschlecht definiert)an den Machtstrukturen zu beteiligen, sondern die Strukturen zu beseitigen.Dazu werden die jeweils aufgrund der bestehenden Bedingungen dominantenMenschen (bei den Geschlechterunterschieden also z.Zt. die Männer)auf ihre Privilegien verzichten müssen. Ihre Beteiligung als Reflexionüber ihre Rolle und den Abbau ihrer Macht ist einzufordern. Wer sichweigert, muß aktiv entmachtet werden. Ziel ist die Nicht-Existenzvon Macht und Diskriminierung, der Weg dahin jedes Stück von Machtabbau– nicht jedoch das Auswechseln von Mächtigen.

5. Kontinuierlicher Prozeß statt Arroganz

Die oft formulierte Position, es müßte endlich mal soweitkommen, daß alle etwas kapiert haben und danach handeln, verkenntvöllig, daß die gesellschaftliche Konstruktion von Identitätenund Machtverhältnissen bestehen bleibt. Sie schafft immer wieder neuUngleichheiten, soziale Akzeptanz von Wertigkeiten usw. Zudem kommen immerneue Menschen in politische Bewegungen (oder wie „holen sie woanders ab“),denen eine Diskussion über die Konstruktionen in der Gesellschaftfehlt. Es ist daher falsch, jemals die Debatte um Herrschaftsverhältnissefür beendet zu erklären und einzufordern, ab jetzt müßtenes alle endlich kapiert haben. Ganz im Gegenteil: Spätestens jedeAusübung von Herrschaft (und daran mangelt es leider nicht) mußGrund sein, neu zu begründen, warum wir diese nicht wollen. Gleichzeitigmüssen wir anerkennen, daß Menschen lernen und sich verändernkönnen - und daß sie es müssen. Kontinuierlich, alle ...einschließlich von uns selbst.

6. Entwicklung einer Praxis der Veränderung von Bewußtsein und Selbstbewußtsein

Antisexistische Praxis umfaßt den Abbau von Herrschaftsverhältnissenund Diskriminierung – immer zusammen! Das muß Anspruch einer emanzipatorischenPraxis sein: So wie auch antifaschistische Kämpfe, soziale Ziele oderUmweltschutz nicht ohne einen emanzipatorischen, d.h. auf das Ende allerHerrschaftsverhältnisse abzielenden Anspruch sinnvoll sind, ist esauch in der antisexistischen Theorie und Praxis. Dennoch bleibt eine spezifischeAufgabe, das Bewußtsein und Selbstbewußtsein von Frauen undMännern zu verändern, um die von Geburt an gnadenlos verlaufendensozialen Rollenzuweisungen und Konstruktionen in vielfach weiterer Formbis hin zu den typischen Selbstwerteinschätzungen nach Geschlechtszugehörigkeitzu überwinden. Frauen, gerade auch schon als Mädchen, müssendabei gezielt gefördert werden – eine Praxis dazu innerhalb politischerBewegung bedarf noch der Entwicklung.

7. Es gibt keinen Grund, innezuhalten – auch nicht diese Kritik an der Qualität der Sexismusdebatte

Denkbar ist, daß diesem Papier Sexismus vorgeworfen wird – eineder Möglichkeiten, eine Auseinandersetzung zu verhindern und das Empowermentvon Frauen, eventuell auch ganz individuell die eigene Machtkiste oderAbrechnung mit einer ungeliebten Person weiterzubetreiben. Noch schlimmerwäre, wenn diese Kritik den augenblicklich Dominanzen (also vor allemMännern) als Grundlage böte, erstmal innezuhalten mit der Debatteund Praxis antisexistischer Politik. Dieses Papier kritisiert die Formder heute gängigen Sexismusdebatte – wir wollen nicht weniger, sondernmehr und schneller antisexistische Intervention und Veränderung! Undwir fordern alle sofort zu mehr eigener Sensibilität, Reflexion, derInfragestellung eigener Gewohnheiten und Privilegien auf.

Kontakt:
Die Gruppe „AC/PC & H.A.R.A.K.I.R.I GmbH“ ist schriftlich über folgende Adresse zu erreichen: Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen. Der Text kann auch als Mail bezogen werden über saasen@projektwerkstatt.de. Auf der Internetseite www.projektwerkstatt.de/debatte findet sich dieser Text ebenfalls – plus einigen Statements und weiterer Texte.

Zum Verlauf der weiteren Debatte

Diskussionsbeiträge dazu

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