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Sozialforen

Was sind Sozialforen? ++ Beispiele ++ Sozialforum 2005 (Erfurt) ++ Offener Raum in Erfurt

Sozialforen - eigentlich ein offener Raum ...

6. Absatz der WSF-Grundsätze - von den WSF-tragenden NGOs auch nicht mehr beachtet ...
Die Treffen des Weltsozialforums beraten nicht im Namen der Institution Weltsozialforum. Daher ist niemand berechtigt, im Namen eines der Foren zu sprechen oder eine Position als die aller Teilnehmer wiederzugeben. Die Teilnehmer dürfen nicht aufgefordert werden, als Institution Erklärungen oder Aktionsvorschläge anzunehmen, die jeden oder die Mehrheit binden und den Eindruck erwecken können, mit ihnen würde das Forum als Institution etabliert. Es stellt daher keinen Ort der Macht dar, um den die Teilnehmer in den Treffen ringen. Ebenso wenig hat das Forum den Anspruch, die einzige Form der Zusammenarbeit zwischen den teilnehmenden Organisationen und Gruppen zu sein.

Aus dem Text "Das WeltSozialForum als Offener Raum" von Chico Whitaker

Auf der gegenwärtigen Stufe der Entwicklung des Forums ist die Frage, ob das Forum ein „Raum“ oder eine „Bewegung“ ist, eine grundsätzliche Frage und Wahl geworden. Es wäre der beste Weg, um uns selbst Schwierigkeiten zu bereiten, wenn man der Beantwortung dieser Frage dadurch aus dem Weg gehen wollte, dass man sie nicht deutlich formuliert. Die Charta der Prinzipien des Weltsozialforums definiert das Forum nachdrücklich als einen „Raum“. Jedoch denkt und handelt nicht jeder so, als ob es wirklich ein Raum wäre, oder als ob es immer ein Raum bleiben sollte. ...
Um es gleich vorweg zu sagen, Bewegungen und Räume sind völlig verschiedene Dinge. Ohne die Dinge in „manichäischer“ Weise zu sehr schwarz-weiß zu malen: sie sind entweder das eine oder das andere. ...
Für mich gibt es keinen Zweifel, dass es von fundamentaler Bedeutung ist, die Kontinuität des Forums als eines Raumes um jeden Preis zu gewährleisten - und nicht der Versuchung nachzugeben, es jetzt oder später in eine Bewegung zu transformieren. Wenn wir es als einen Raum aufrecht erhalten, wird es die Bildung und Entwicklung von Bewegungen nicht unterbinden oder verhindern - im Gegenteil, es wird diesen Prozess absichern und ermöglichen. Aber wenn wir uns dafür entscheiden, es in eine Bewegung zu transformieren, dann wird es unausweichlich vor der Aufgabe, einen Raum zu bilden, versagen, und alle solchen Räumen innewohnenden Möglichkeiten werden dann verloren sein. ...
Ein Raum hat keine Führer. Er ist nur ein Ort, im Grunde ein horizontaler Ort, genauso wie die Oberfläche der Erde, selbst wenn sie einige Höhen und Tiefen hat. Er ist wie ein Platz ohne Eigentümer. ...
Die Charta der Prinzipien bezieht deutlich Stellung gegen die Übertragung jedweder Art von Richtungsentscheidung oder Führung des Forums: niemand kann im Namen des Weltsozialforums sprechen – denn es macht keinen Sinn im Namen eines Platzes oder seiner Besucher und Nutzer zu sprechen. Jeder, Individuum und Organisation, behält sein Recht, sich selbst zu äußern und sich vor und nach dem Forum gemäß den eigenen Überzeugungen zu verhalten, egal ob er sich Positionen und Angebote, die von anderen Teilnehmern eingebracht werden, zu eigen macht oder nicht, - jedoch aber niemals im Namen des Forums oder aller seiner Beteiligten. ...
Auf diese Weise ist das Weltsozialforum ein Raum, der dafür geschaffen ist, einem gemeinsamen Ziel all jener zu dienen, die zum Forum zusammen kommen. Und dieses Forum funktioniert horizontal wie ein öffentlicher Platz, ohne Führer oder Machtpyramiden. Das Forum arbeitet wie eine „Ideen-Fabrik“ oder wie ein Brutkasten, aus dem neue, auf die Errichtung einer anderen Welt abzielende Initiativen hervorgehen können, die wir als machbar, notwendig und dringend erachten. Wir dürfen die Geburt vieler Bewegungen erwarten, größerer oder kleinerer, mehr oder weniger kämpferischer, jede mit ihren speziellen Zielsetzungen, jede mit einer eigenen Rolle, die sie in dem gleichen Kampf spielen möchte - und der primäre Zweck des Platzes besteht darin, dass sich solche Bewegungen besser entwickeln können. ...
Die Charta der Prinzipien des Forums unterstreicht diese Rolle, indem sie darauf besteht, dass es keine „Abschlusserklärung“ geben soll. Ein Platz verfasst keine „Deklarationen“, aber diejenigen, die sich auf ihm treffen, können dies tun. Die Teilnehmer des Weltsozialforums können wie immer geartete abschließende Erklärungen verfassen, die sie für wünschenswert halten - und diese sind höchst willkommen. Aber sie werden niemals Erklärungen des Forums durch das Forum sein. Als ein Raum, der allen gemeinsam zukommt, „spricht“ es nicht, ...
Doch die Konzeption des Forums als eines Raumes hat noch mehr Vorzüge. Als offener Raum (open space) hat das Forum die Möglichkeit, den Respekt für Vielfalt zu gewährleisten, anders als wenn es eine Bewegung wäre. ...
Ohne „völlig neutral“ zu werden, lässt das Forum jeder TeilnehmerIn die Freiheit, den Bereich und die Ebene zu wählen, in dem sie/er aktiv werden möchte. ... Niemand im Forum hat die Macht oder das Recht, zu sagen, dass eine Aktion oder ein Angebot wichtiger ist als eine andere. Auch sollte niemand die Macht oder das Recht haben, dem eigenen Angebot eine größere Sichtbarkeit zu verschaffen oder diese zu fordern, indem die Betreffenden sich eines Raumes, der allen gehört, für ihre besonderen Ziele „bemächtigen“. ...
Diesen oder jenen Kampf zu privilegieren, in den ersten Reihen der Demonstrationen oder unter den Sprechern der Schlusskundgebung sein zu wollen, widerspricht dem Prinzip der Vielfalt und vermittelt eine Vision eines Forums –als Bewegung anstatt eines Forums –als Raum. Diese Frage muss noch weiter und in größerer Tiefe diskutiert werden. ...
Sie wissen, dass sie weder Anweisungen erhalten noch Befehle zu befolgen haben, und dass sie auch keine Rechenschaft über ihr Tun und Lassen ablegen müssen. Auch müssen sie nicht ihre Loyalität oder Disziplin beweisen, und werden auch nicht ausgeschlossen, wenn sie dies nicht tun, ganz im Gegensatz zu dem, was ihnen widerfahren würde, wenn sie an irgendeinem Treffen einer organisierten Bewegung teilnehmen würden. ...
Auch muss keiner befürchten, dass er sich gegen andere verteidigen muss, die das Forum kontrollieren wollen, oder die dem Forum Richtungen oder Verhaltensregeln darüber auferlegen wollen, wie es sich zusammen zu finden, zu bewerten, zu entscheiden und Aufgaben zu ergreifen hat. Und noch weniger müssen politische Verhaltensauflagen befürchtet werden, wie sie sowohl in Gruppen und „Delegationen“ wie auch in guten und disziplinierten Parteien oder Bewegungen vorkommen. Treffen dieser Art sind möglich, doch niemals für jene, die Aktivisten dieser oder jener Bewegung sind, verpflichtend. ...
Wenn das Forum eine „Bewegung der Bewegungen“ wird, würde keine dieser Bewegungen einzeln in der Lage sein, einen derartigen Raum zu schaffen und erfolgreich alle anderen Bewegungen dazu bringen, ihre Einladung ohne Bedingungen anzunehmen. Das Treffen würde von der Notwendigkeit überschattet werden, mit einer anderen Strukturbildung zu beginnen, die die Intention der Vereinheitlichung hätte, mit all den Regeln - von allen vereinbart - die erforderlich wären, um sie zu realisieren. Und dann, als Ergebnis des Kampfes um Raum und dessen Kontrolle, aber auch um die Definition der Zielsetzungen der neuen Bewegung, würde die Konkurrenz unter den Abteilungen wieder entbrennen. ...
Zentral geplante versus selbstorganisierte Aktivitäten: ... In dem Forum – als Raum werden die selbstorganisierten Aktivitäten in den Köpfen der Ver-anstaltungsorganisatoren Priorität haben, sobald ihnen klar ist, dass das Weltsozialforum als ein Raum besser funktioniert. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass die Veranstaltungen, die von den Organisatoren zentral geplant werden, überbewertet werden und auf Kosten der Treffen und Seminare stattfinden, die von den Teilnehmern selbst geplant werden. Diese selbstorganisierten Aktivitäten, die das Herzstück des „Forums als Raum“ bilden, werden fast mit Nachlässigkeit behandelt. Seit der Zeit, als diese Art der Veranstaltungsorganisation beim Weltsozialforum 2001 in Porto Alegre erfunden worden war, wird auf diese Aktivitäten fast als zweitrangig herabgesehen, als auf weniger bedeutende Aktivitäten mit wenig Prestige, als ob sie eine Last wären, die die Organisatoren gezwungen seien, zu tragen. ...
Selbstorganisierte Veranstaltungen stehen im Einklang mit dem Forum als Raum, nicht jedoch mit dem Forum als Bewegung. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass das Setzen der Priorität auf die selbstorganisierten Aktivitäten viel mehr das Erreichen der Ziele des Weltsozialforums fördert, wie sie in der Charta des Weltsozialforums niedergelegt und am Anfang dieses Artikels angedeutet worden sind: es möglichst vielen Individuen, Organisationen und Bewegungen, die sich dem Neoliberalismus entgegen stellen, ermöglichen, in freier Weise zusammen zu kommen, einander zu zuhören, von den Erfahrungen und Kämpfen anderer zu lernen, und Aktionsvorschläge zu diskutieren; um sich in neuen Netzen und Organisationen miteinander zu verbinden, die darauf abzielen, den Prozess der gegenwärtigen Globalisierung zu überwinden, der von großen internationalen Konzernen und ihren finanziellen Interessen dominiert wird. ...
Mehr als alles andere braucht das Forum Menschen und Institutionen, die willens sind, die Aufgabe der Organisation eines Platzes auszuführen ohne in das einzugreifen, was auf ihm diskutiert wird, und noch weniger in die Freiheit, die allen seinen Teilnehmern garantiert werden sollte. ...
Die Eingeladenen sollten nicht vor der Möglichkeit auf der Hut sein müssen, dass sie von denen, die sie eingeladen haben, benutzt werden, um deren eigene tatsächlichen Ziele durchzuführen - was passiert, wenn politische Parteien sich entschließen, den Prozess „großzügig“ zu unterstützen.

Aus einem Interview mit Chico Whitakter Ferreira in: Global total, Papyrossa Verlag Köln (S: 224f)
Das Erfolgrezept liegt gerade darin, weder Entscheidungen im Namen des Forums noch seiner Unterorganisationen zu treffen, noch in seinem Namen irgendwie Stellung zu nehmen. ...
Ich bleibe dabei, jedes Verfahren, das auf Repräsentanz abzielt, Wahlen, die abgehalten werden, um eine Entscheidung zu treffen und zu legitimieren, wird die Kontinuität des streng horizontalen dialogischen Prozesses gefähren. Wer könnte denn da abstimmen? Viele Teilnehmer des Forums sind ja gar nicht namentlich bekannt. Wahlen sind Bestandteil eines anderen politsichen Mechanismus, wie er die Parteien kennzeichnet, im Forum haben sie keinen Platz.

..., aber eher ein Spielball von NGO-FührerInnen und anderen Vereinnahmungen

Sozialforen sprechen nach außen, haben Zentralen, SprecherInnen usw. ...Fallbeispiele:

Diskussion im Sozialforum Berlin um den offenen Raum

Auszüge aus einem Referat offenen Räumen auf dem Strategiekongress (.rtf)
Von der Idee her ist der Raum horizontal, gleichberechtigt strukturiert. Er ermöglicht das Zusammenkommen, den Austausch und Streit verschiedenster Gruppen und Individuen, ohne das eine die Majorität über die andere in diesem Raum erlangt, da die Idee des Raums nicht einhergeht mit einem notwendigen Konsens über gemeinsam Erklärungen, Aktionen oder Bewegungsbildung. ... Wir brauchen einen offenen Raum, indem debattiert, reflektiert, geträumt wird. Wir wollen einen Raum schaffen für die verschiedensten oppositionellen Menschen (außer den Rechten natürlich), damit die sich mit anderen zusammentun, sich gegenseitig verstärken können, neue Denkansätze entwickeln können und letztlich den Mut gewinnen, politisch zu handeln. Der Raum hat idealtypischerweise eine kooperative Struktur. Jede Hierarchie wird die gleichberechtigte, horizontale Kommunikations- und Handlungsstruktur untergraben - und wir sehen das schon aktuell. Gesellschaftliche Hierarchien, die sich eben auch ins Sozialforum hinein verlängern, verhindern offene Diskussionen um gesellschaftspolitische Analysen, die über die vermeintlich klare Tagespolitik hinausgehen, machtpolitisch geprägtes Verhalten verhindert, dass sich aus dem Sozialforum heraus unterschiedliche Akteure mit verschiedenen Ansatzpunkten entwickeln können und sich ein breiteres - und produktiveres - Bild sozial-politischer Opposition formieren kann. ... Wir müssen den Raum so stark machen, dass er mindestens ein Gegengewicht gegen die formellen und informellen Hierarchien der Bewegung darstellt.

Auszug eines Textes zur Streitfrage ("Produktives Missverständnis", .rtf)
... es notwendig sei, den taktischen Trick des WSF zu übernehmen und bewusst den Charakter als Akteur und politisches Subjekt in Berlin zu verweigern. Nur so, dies der Gedankengang, ließe sich überhaupt der gewollte solidarische Streit zwischen politisch sehr heterogenen Gruppen, Menschen und deren Erfahrungen organisieren; nur so ließe sich die Diskussion einigermaßen frei halten von Streitigkeiten die als pavlowscher Reflex Toleranz und Klugheit der Linken offenbar schlagartig ausschalten, sobald Demo-Aufrufe, Abschluss-erklärungen, Solidaritäts-Adressen und Sprecherposten die Illusion von politischem Einfluss beflügeln und mittels halluzinierter (Definitions-)Macht zeitweilig über den Schmerz eigener Bedeutungslosigkeit hinweg zu trösten versprechen.

Besonders perfides Beispiel: Auf der Rückseite der Einladung zum Sozialforum Elbe-Saale-Region wird der Paragraph 6 der WSF-Charta einfach weggelassen.

Überschrift in der Jungen Welt, 20.1.2007 (S. 3) zu einem Interview, wo die Aussage dann gar nicht mehr vorkommt. Der Redakteur Wolfgang Pomrehn selbst ist also Ursprung der Hoffnung einer handelnden Einheit.
Das Weltsozialforum muss ...

Kommentar "Bewegungssimulation" von Donna San Floriante* in: Junge Welt, 22.10.2007 (S. 8)
Hätten/müßten/sollten/könnten: Auf dem zweiten deutschen Sozialforum kamen von Donnerstag bis Sonntag Liebhaber des deutschen Konjunktivs auf ihre Fahrkosten. Nehmen wir die Podiumsdiskussion am Samstag, über »das Spannungsverhältnis von Parteien und Bewegungen«, in einer zu vier Fünfteln leeren Stadthalle. Krista Sager (Grüne) hatte, dem Herrgott sei’s gedankt, kurzfristig abgesagt. Auch so waren die Parteien mit Ottmar Schreiner (SPD) und Katja Kipping (Linke) gut vertreten. Wo war die Bewegung? Peter Wahl von ATTAC? Ich bitte Sie! Der Mann ist bestenfalls noch ein Bewegungsfunktionär zu nennen. Das Recht, für Aktivisten zu sprechen, hat er seit dem G-8-Gipfel nicht mehr.
Die Abwesenheit derer, die in Heiligendamm nicht nur Interviews gegeben, sondern gekämpft und gewonnen haben, erkannte immerhin Peter Grottian als eklatanten Mangel. Der emeritierte Professor war das Nächste zu einem Aktivisten, was das Podium zu bieten hatte. ...
Ver.di habe viel Mobilisierungsmaterial gedruckt, aber eben wenig verteilt, hörte man. Vor der Stadthalle stand ein riesiger Container mit einer ver.di-Ausstellung. Man hatte die schönsten und größten Räume der Stadt Cottbus angemietet und Referenten aus der ganzen Welt eingeflogen. Alles, was Geld und Hauptamtliche erfordert, hat glänzend funktioniert.

*Ex-Chef von Linksruck und auch jetzt weit entfernt von herrschaftskritischen Positionen - so lobte er im weiteren Text die Turbo-Demokratin Daniela Dahn: "Gerne hätte die junge Welt übrigens die exzellente Eröffnungsrede von Daniela Dahn abgedruckt. Sie hat die Dramatik der gesellschaftlichen Situation mit eindringlichen Worten herausgearbeitet – leider aber auch die Rechte für ihre Rede an den Rowohlt-Verlag verkauft."

Der oben benannte Prof. Grottian zog folgende Bilanz (Aus: Junge Welt, 22.10.2007, S. 1)
Eine durchwachsene Bilanz zog im Gespräch mit junge Welt der Berliner Politologie-Professor Peter Grottian: »Es ist nicht gelungen, in irgendeiner Weise die G-8-Proteste in Rostock und Heiligendamm in Beziehung zum Sozialforum zu setzen. Man steht daneben und bekommt kein Spannungsverhältnis zur Bewegung hin.« ...
Das Welttreffen von Porto Alegre, wo die Bewegung der Sozialforen entstand, sei von der Idee geprägt gewesen, derartige Foren auf verschiedenen Ebenen als Raum der Beratung sozialer Bewegungen zu etablieren. Die Europäischen Sozialforen seien dagegen von der Funktionärsebene geprägt. In Deutschland habe diese Bewegung keinen Unterbau. Ihm selbst sei kein einziges lokales Sozialforum in Deutschland bekannt, das wirklich entlang der Prinzipien von Porto Allegre funktioniere, stellte Grottian fest.

Weltsozialforen: Berichte und Kritiken

Positionspapier zum Abschlußbericht des WSF 2002

Aus der Gruppe Landfriedensbruch, 7. März 2002

Zu Porto Alegre II
Der "Aufruf der sozialen Bewegungen" ist eine Instrumentalisierung von Bewegung durch NGOs!
Zur Erklärung zu "Widerstand gegen Neoliberalismus, Militarismus und Krieg: Für Frieden und soziale Gerech-tigkeit!" vom 5.2.2002
Porto Allegre war eines der größten Treffen politischer Gruppen, Organisationen und Basisbewegungen über alle Ländergrenzen hinweg. Schon von daher hat es eine besondere Bedeutung. Leider überschattet diese Äußerlich-keit aber eine innere Struktur, die tatsächlich nicht für einen Selbstorganisierungsprozeß, eine „Bewegung von unten“ spricht. Stattdessen gelingt es – auch wegen der fehlenden strategischen Analyse und Gegenwehr durch selbstorganisierte Gruppen – den dominanten NGOs und Profis in Sachen PR sowie Lobbyarbeit, die gesamte Vielfalt an Bewegung einfach zu instrumentalisieren. Es findet weder eine Entscheidungsprozeß noch eine hierarchische Beeinflussung statt - die modernen NGOs und ihre Öffentlichkeitsprofis behaupten einfach, im Namen und für die Vielfalt der Gruppen zu sprechen. Die Medien, oft genug regierungsnah, durchschauen diese Verein-nahmung nicht oder stützen sie, weil sie selbst diese Kanalisierung von Protest wünschen.
Insofern ist Porto Allegre nur die Wiederholung der Aktionen von Genua, die auch von einer breiten, vielfältigen  Mengen unterschiedlicher Gruppen getragen, aber nur von wenigen Polit- und PR-Profis öffentlich benutzt wur-den, um ihre politischen Positionen durchzubringen. Nicht anders sieht es bei anderen Aktivitäten aus.

Belege der Instrumentalisierung
Zum einen waren in Porto Alegre viele Strukturen sichtbar, die deutlich machten, daß es keinerlei gemeinsame Ebene zwischen NGO-Kadern und Basisbewegungen gibt. So waren VIP-Räume eingerichtet, in denen nur die wichtigen FunktionärInnen sowie SpitzenpolitikerInnen zugelassen wurden. Bei einer Veranstaltung wurden die anwesenden Minister der französischen Regierung (Antreiber der neoliberalen Globalisierung, Kriegsbefürworter usw.) von BasisakteurInnen mit Torten beworfen. Über diese Tatsache fand sich in kaum einer Zeitung ein Bericht - er hätte das Konstrukt einer gleichberechtigten Bewegung, aus deren Mitte die abgegebenen Verlautbarungen der NGO-FunktionärInnen stammen, auch zerstört.
Der Augenzeugenbericht eines Teilnehmers liest sich so: "Es gab bei diesem WSF aber auch Widersprüche, Auseinandersetzungen und Kontroversen und Entwicklungen, die eine Gefahr für die Bewegung darstellen. Ver-gleicht man die "offiziellen Reden", die bei den Konferenzen während des WSF gehalten wurden mit den Debatten, die auf den Fluren und den Diskussionen in Seminaren und auf dem Jugendcamp stattfanden, dann drängt sich der Eindruck auf, dass die Masse der TeilnehmerInnen deutlich weiter links stand und weiter gehende, anti-kapitalistische Positionen vertrat, als die RednerInnen bei den Konferenzen (zu denen ja auch nur die Delegier-ten Zugang hatten und bei denen es keine offenen Diskussionen gab, sondern nur schriftlichen Fragen an das Po-dium gerichtet werden konnten).
Es gab auch eine Auseinandersetzung über die Teilnehmerpolitik des WSF. Einerseits haben zum Beispiel sechs französische Minister, ein Vertreter von Chirac, ParlamentarierInnen, die für den Krieg gestimmt ha-ben, KommunalpolitikerInnen, die Abschiebungen unterstützen teilgenommen."

Interessant ist zudem eine Analyse der Abschlußerklärung von Porto Alegre. Wie es bei den beschriebenen Strukturen nicht anders zu erwarten war, ist sie geprägt von den NGOs, die den Aufruf als weiteren Schritt der Instrumentalisierung des Treffens als breiten Konsens vorstellen.
1. Das Papier zeigt eine dogmatische Gewaltfreiheit, d.h. Gewalt „von oben“ wird nicht unterschieden von indi-vidueller oder sozialer Notwehr. Das delegitimiert jeglichen Widerstand jenseits von Gewaltfreiheit und ist ein typisches Denken wohlsituierter AkteurInnen aus den NGOs des Nordens. Zitat: "Nach den terroristischen Anschlägen, die wir ohne jeden Vorbehalt verurteilen, so wie wir alle Angriffe auf Zivilisten in jedem Teil der Welt verurteilen, ..."
2. Das Papier zeigt den klassischen Antisemitismus vieler globalisierungskritischer Kreise, denen eine Herr-schaftskritik und überhaupt eine politische Analyse abgeht. Hier fällt sie sogar besonders stark aus in Form einer einseitigen Täter-Opfer-Kategorisierung im Palästina-Konflikt. Hinzu kommt eine auffällig unkritische Kon-struktion von Völkern als kollektive Einheiten. Zitat: „Die Destabilisierung des Nahen und  mittleren Ostens hat sich verschärft, sie liefert  den Vorwand für eine verschärfte Unterdrückung  des palästinensischen Volkes. Wir halten es für dringend notwendig, uns zur Solidarität mit dem palästinensischen Volk und seinem Kampf um Selbstbestimmung zu mobilisieren, während es einer brutalen Besatzung durch den Staat Israel ausgesetzt. Diese Frage ist von vitaler Bedeutung für die kollektive Sicherheit aller Völker dieser Region.
3. Während die eigene Globalisierungskritik marktschreierisch vorgetragen wird, zeigt sich bei konkreten Punkten tatsächlich eine eigene neoliberale, d.h. marktorientierte Position. So wird das neoliberale, die Ungleichhei-ten in der Welt forcierende Kyoto-Protokoll befürwortet (verbunden mit einer platten, einseitigen USA-Kritik, die jenseits der notwendigen Kritik an den Herrschaftsstrukturen dort viele andere ungenannt läßt, die ähnliche Politiken verfolgen). Zitat: "Die Regierung der Vereinigten Staaten hat in ihren Bemühungen die Interessen der großen Unternehmen zu schützen, arrogant geweigert, das Abkommen von Kyoto zur globalen Erwärmung ein-zuhalten, ..."
4. Bei den Forderungen zeigt sich noch deutlicher ein völlig unkritisches Verhältnis zur Herrschaftsform Demokratie, die sich von Diktaturen grundlegend nur in der Frage unterscheidet, wie die Personen bestimmt werden, die Macht ausüben - zumal wesentlich gesellschaftliche Herrschaftsmuster (patriarchale oder Nützlich-keitskategorien, Bevormundungen, Justizvollzug usw.) keine grundsätzlichen Unterschiede aufweisen. Nichtde-stotrotz sehen sich die NGOs als Retterinnen dieses Systems. Zitat: "Wir kämpfen: Für das Recht der Völker, die Entscheidungen ihrer Regierungen kennen zu lernen und zu kritisieren, besonders, wenn sie ihre Politik in den internationalen Institutionen betreffen. Die Regierungen sind ihren Völkern gegenüber verantwortlich. Weil wir uns für die Errichtung einer Demokratie mit Wahl- und Beteiligungsrechten auf der ganzen Erde einsetzen, be-stehen wir auf der Notwendigkeit der Demokratisierung von Staaten und Gesellschaften, und des Kampfes gegen Diktaturen."
Auch die weiteren Forderungen lassen keine Kritik an den Verhältnissen erkennen. Besonders auffällig ist der ständige Bezug auf „Völker“, ohne diesen Begriff zu erklären. Im Kontext der Forderungen wird deutlich, daß hier die Nationalregierungen gemeint sind, die somit quasi als natürliche Vertreterinnen "ihrer" Völker legitimiert werden. Zitat: "Wir bekräftigen das Recht aller Völker auf die internationale Vermittlung von Konflikten unter Einschluss unabhängiger Akteure der Zivilgesellschaft. ... Für das Recht aller Völker auf Selbstbestimmung, besonders der indigenen Völker." Nicht fehlen darf natürlich die PR-trächtige Tobin-Tax in der Liste der Forderungen. Zitat: "Gegen Spekulationen: Wir fordern die Einführung spezifischer Steuern wie die Tobin Tax und die Abschaffung der Steuerparadiese."

Mit diesen Positionen und Strategien sind die FunktionärInnen der großen NGOs (allen voran Attac), von Parteien und anderen, die dort mitmischen, in keiner Weise RepräsentantInnen einer breiten Bewegung – er-stens können sie das ohnehin nicht sein, den StellvertreterInnentum bedeutet immer Herrschaft und Instru-mentalisierung. Und zweitens ist solche staats- und marktkonformen Positionen nur die Meinung eines ex-tremen Flügels der gesamten Vielfalt an Gruppen, nämlich des Flügels, der Herrschaftsstrukturen und Marktlogiken als Retter betrachtet. Ein Großteil aktiver Gruppen sieht diese aber als Quelle dessen, was sie ablehnen. Nur sind erstere diejenigen, die im Pakt mit Staat und Medien ihre Stimme dominant zur Geltung bringen können (Instrumentalisierung der Basis), während zweitere schon traditionell an diesem Punkt fast immer versagen – ihre Aktionen auch zu vermitteln, Positionen und Visionen hör- und sichtbar zu machen.

Aus Berichten:

Von Sascha Stanicic, SAV-Bundessprecher und Teilnehmer beim WSFEs gab bei diesem WSF aber auch Widersprüche, Auseinandersetzungen und Kontroversen und Entwicklungen, die eine Gefahr für die Bewegung darstellen. Vergleicht man die „offiziellen Reden“, die bei den Konferenzen während des WSF gehalten wurden mit den Debatten, die auf den Fluren und den Diskussionen in Seminaren und auf dem Jugendcamp stattfanden, dann drängt sich der Eindruck auf, dass die Masse der TeilnehmerInnen deutlich weiter links stand und weiter gehende, antikapitalistische Positionen vertrat, als die RednerInnen bei den Konferenzen (zu denen ja auch nur die Delegierten Zugang hatten und bei denen es keine offenen Diskussionen gab, sondern nur schriftlichen Fragen an das Podium gerichtet werden konnten).
Es gab auch eine Auseinandersetzung über die Teilnehmerpolitik des WSF. Einerseits haben zum Beispiel sechs französische Minister, ein Vertreter von Chirac, ParlamentarierInnen, die für den Krieg gestimmt haben, KommunalpolitikerInnen, die Abschiebungen unterstützen teilgenommen. Aus diesem „Spektrum“ wurde von Seiten des Organisationskomitees des WSF nur zwei Menschen geraten, auf die Teilnahme zu verzichten: dem belgischen Premierminister und einem Vertreter der Weltbank. Andererseits wurde Fidel Castro, Hugo Chavéz, baskischen Befreiungsorganisationen und der kolumbianischen Guerilla FARC die Teilnahme verweigert. Begründung: Staatsmänner und bewaffnete Organisationen können nicht teilnehmen. Doch mit Mitgliedern der französischen Regierung war offensichtlich eine bewaffnete Organisation anwesend, nämlich der französische Staat.
Diese Teilnehmerpolitik halten wir für falsch, da sie eine Abgrenzung nach links darstellt, während betont wird, dass der Dialog mit den Institutionen des Kapitalismus geführt werden soll. Sie drückt aus, dass die führenden Kräfte des WSF keine Politik betrieben, die über die Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft hinausgeht, sondern einen rein reformistischen Ansatz vertreten.

Aus Elmar Altvater, "Steinerne Gäste" in: Freitag, 4.2.2005 (S. 6)
... Manifest, dessen Urheber für sich beanspruchen, sie hätten damit den "Konsens von Porto Alegre" formuliert, darunter Ignacio Ramonet von der Zeitung Le Monde Diplomatique, der "Begründer" des Weltsozialforums, Samit Amin aus Dakar oder Walden Bello vom Focus on the Global South in Bangkok. Diese Honoratioren haben mit anderen einen Katalog von Forderungenv eröffentlich, von denen sie meinen, darin widerspiegele sich der Konsens der 120.000: Sie verlangen eine Tobin-Steuer, das Ende aller Steueroasen, Schuldenstreichungen für die Ärmsten, eine solidarische Vermögenssteuer weltweit, den garantierten Zugang zu sauberem Trinkwasser für jeden. Leider wird mit diesem Konsens die Philosophie der horizontalen Vernetzung des WSF missachtet, auch wenn allen Posiitonen der Prominenten zuzustimmen ist. Vielleicht haben die Großen des Forums ihren Konsens lanciert, weil im Juli Gespräche mit den Repäsentanten des Weltzsozialforums von Davos in Paris stattfindens ollen. Präsident Lula, der zuerst in Porto Alegre ist, um von dort nach Davos zu fliegen, rät dem WSF - und erntet dafür Pfiffe-, mit den Reiche und Mächtigen der Welt zu reden, wenn es seine Ziele durchsetzen wolle.

Somos todos delegados (Wir sind alle Abgeordnete)
von Claudio Jampaglia, ATTAC Italien, 1.Februar 2002 (Quelle, Übersetzerin: Marie-Dominique VERNHES)
Somos todos delegados, so beginnt am ersten Tag des Forums der Parlamentarier der Protest der italienischen und argentinischen Delegationen, die sich der brasilianische Delegation anschließen. Sie haben ein wenig verhandelt, um in den Saal zu gelangen, ohne sich gegen den Ordnungsdienst und die Empfangsorganisatoren durchsetzen zu müssen, und alle für die Abgeordneten reservierten Plätze besetzt. Eine symbolische Aktion mit einem brisanten Inhalt.
Viele der Vertreter der politischen Parteien möchten eine neue Unschuld bekommen und meinen, jetzt in Porto Alegre diese vor den Augen der Presse und der anderen Medien beweisen zu können. Es war also notwendig, zumindest für einen Moment öffentlich den Bruch zu zeigen.
Mindestens 300 Aktivisten sind also ohne Einladung auf der Konferenz der Parlamentarier aufgetreten; sie haben während einer halben Stunde gesungen und die Gründe für ihren Protest dargelegt.
Es gibt zwei Hauptgründe, die seit langem ständig wiederholt und ebenfalls ständig ignoriert werden. In den Augen der anwesenden Bewegungen gibt es nur zwei unverzichtbare Kriterien für die Teilnahme an der Bewegung der Bewegungen: Ablehnung des Liberalismus und des Krieges. Am Forum der Parlamentarier dürften nur diejenigen teilnehmen, die diesen Kriterien entsprechen. Unter den anwesenden Abgeordneten haben jedoch einige in Europa für den Krieg, in Südamerika für die FTAA votiert; die FTAA ist das Freihandelsabkommen für die amerikanischen Länder, das ein gutes Beispiel für ein politisches Abdriften zum Liberalismus darstellt. In ihrem jeweiligen Land sind sie zu allen Konsensbeschlüssen, allen Privatisierungen bereit und für die Bombardierung Afghanistans. In Porto Alegre treten sie als Demokraten auf, sind für Offenheit und gegen die Schrecken und das Elend. Dass sie ihr Fähnchen nach dem Wind hängen ist eine Sache. Sie vertreten aber außerdem die Meinung, dass die Verwirklichung einer partizipativen Demokratie und einer Bürgerregierung einzig und allein von der Ausbildung von Fachleuten, Beamten und lokalen Verwaltern abhängt und sie ereifern sich vor den Mikrofonen. Schauen wir uns nur die Pressekonferenzen der französischen Minister und der Vertreter von europäischen politischen Parteien in Porto Alegre an: Hier treten sie für Menschlichkeit ein, dort tun sie nichts betreffend die provisorischen Einwandererzentren.
Frische Luft brachten die Parolen der Aktivisten: "Ja zum Forum, nein zum Krieg!". Nicht zufälligerweise waren bei dieser Aktion vor allem Mitglieder der italienischen und argentinischen Delegationen vertreten, betrachtet man ihre politische Geschichte und die jetzigen Massenbewegungen in ihrem jeweiligen Land. 
Es wurden drei Reden gehalten, die die Aktivisten immer wieder mit Liedern und Parolen unterbrochen haben, in denen sie ihren Durst nach einer wirklichen Demokratie zum Ausdruck brachten und die Abgeordneten zur Solidarität aufforderten. 
Die erste Rede hielt Patricia Walsh, Abgeordnete aus Izquierda Unida in Argentinien, Tochter des von den Militärs getöteten Journalisten Rodolfo Walsh. "Wir sind hier, um für eine gerechtere Welt zu kämpfen, für den weltweiten Frieden, und daher können wir es nicht hinnehmen, dass hier Abgeordnete anwesend sind, die für den Krieg sind. Wir wollen auch an die Toten erinnern, insbesondere an die gestorbenen Demonstranten. Ich erwähne zuerst Carlo Guiliani, der in Genua getötet wurde." Sie zählt dann die 27 Menschen auf, die während der Auseinandersetzungen in Argentinien im Dezember vorigen Jahres getötet worden sind. Alle singen: „Argentina la lucha no termina“ (Argentinien, der Kampf geht weiter).
Danach erklärt Blanca Algratani von der argentinischen Bewegung mit einer ruhigen und klaren Stimme, dass der FTAA zuzustimmen jetzt noch schlimmer als in der Vergangenheit ist. Sie sagt, dass es ein Verbrechen sei und zählt die vielfältigen und dramatischen Folgen auf. 
Die letzte Rede hält Marco Bersani von ATTAC Italien. Er begründet den Protest: "Wir meinen, dass die Anwesenheit vieler Parlamentarier als Erfolg der Bewegung zu bewerten ist. Sie beweist die Fähigkeit, auf allen Ebenen Probleme ansprechen und Gespräche führen zu können. Wir können jedoch es nicht hinnehmen, dass diejenigen, die für den Krieg und für die FTAA gestimmt haben, auf dem Sozialforum versuchen sich wieder beliebt zu machen." Danach haben sich die Delegationen in einem Demonstrationszug in die Universität zurückgezogen. Dort haben alle an Konferenzen und Seminaren teilgenommen, als ob nichts stattgefunden hätte. Und doch wurde ein der wichtigsten Prinzipien unserer Bewegung in Erinnerung gerufen: „Sich unsere Welt wieder aneignen!“

Abschlussbericht vom Social Forum und Ausblick

Von Maurice fuer LPA - Corriere da la A

8. November
Die TeilnehmerInnenzahlen erreichten die Hoehe von 40.000 Leuten. Die VeranstalterInnen hatten mit 35.000 gerechnet. Als Folge des Andrangs wurde zeitweise das Forte, wo die Konferenz und ein Teil der vielen Workshops stattfanden, geschlossen.
Die Beteiligung an den Gegenaktivitaeten war hingegen sehr mager und verteilte sich auf die A-Szene rund um das Buero der MAF (Movimento Anarchico Fiorentino) im Zentrum, das unabhaengige Mediencenter rund um  Indymedia und den Aufenthaltsort der Disobdiences (Bewegung, die sich  groesstenteils aus ehemaligen „Tute Bianche“ zusammensetzt und den aktiven  zivilen Ungehorsam lebt).
Aus dem alternativen Mediencenter heraus kam es zu einer Spontandemo von ca. 100 Leuten am fruehen Nachmittag, deren erklaertes Ziel es war, ohne Eintrittskarte in das Forte zu kommen und linksradikale Inhalte zu propagieren. Das Vorhaben scheiterte und blieb auch augenscheinlich der einzige Versuch die TeilnehmerInnen des ESF zu erreichen.  Ein paar andere AktivistInnen versuchten in einem Supermarkt eine symbolische Umverteilungsaktion durchzufuehren. Die Folge waren zwei Festnahmen wegen Diebstahls und eine somit ebenfalls misslungene Aktion.  Aus dem alternativen Mediencenter lief waehrend der Proteste ein Piraten-TV-Sender, der mehr oder weniger die ganze Zeit Bilder von den Protesten in Genua sendete und somit dem Klischee der linksradikalen Szene alle Ehre machte. Ebenfalls auf Sendung ging ein alternativer Radiosender  und berichtete ueber die kaum stattfindenen Gegenaktivitaeten.  Abends fand in ausgelassener Stimmung eine Party in den Raeumen des Mediencenters statt.
Spannend fuer die linksradikale Bewegung duerfte die Diskussion ueber die Beteiligung und Rolle der NGOs im Rahmen des neuen Herrschaftskonzeptes „Global Governance“ sein, ueber das sich die NGOs in diesem Rahmen - allen voran ATTAC - Gedanken gemacht haben. Hier waere eine fundierte Herrschaftskritik von anarchistischer und linksradikaler Seite, die bisher zumal in der deutschen Linken noch viel zu wenig laeuft, und  eine dementsprechende Gegenaktivitaet noetig.

9. November
Die Grossdemonstration zum Abschluss des Social Forums war eine grosse Bestaetigung fuer das ESF. Nach Polizeiangaben nahmen 500.000, nach Pressemeldungen 750.000 und nach VeranstalterInnenangaben ueber eine Million Menschen an der Anti-Kriegsdemo teil. Die Strecke der Demo fuehrte aus der  Innenstadt heraus zum Campo di Marti, einem Sportstadium in einem  Randbezirk von Florenz. Die Polizei zeigte bei der Demonstration kaum  Praesenz - weder an den Seiten noch in den Seitenstrassen sah mensch  Polizeikraefte, die allerdings im Hintergund unsichtbar in Bereitschaft  standen. Auch die Geschaefte schienen nicht von der Medienhetze in Angst  versetzt zu sein - nur ein paar Banken und McDonald-Filialen hatten sich  unnoetigerweise verbarrikadiert. Waehrend des ganzen Demonstrationszuges  kam es zu nicht einer nennswerten Sachbeschaedigung, nicht eine Scheibe  ging zu Bruch.
Der heraufbeschworene Schwarze Block existierte auf der Demo nicht. Am Rande bemerkt: auch der anarchistische Block war kaum wahrzunehmen. Gerade mal 40-50 Leute reihten sich in den „Block“ von FAI (Federazione Anarchica  Italiana) und USI (Unione Sindicale d Italia - Anarch@syndikalistInnen)  ein. Das lag weniger an der fehlenden libertaeren Praesenz als daran, dass  die Leute nicht zueinander fanden und vereinzelt in der Riesenmenge  mitschwammen.
Die Demonstration selbst war ein Fahnenmeer aus roten und Regenbogenfahnen der Friedensbewegung. Stark praesent war auch die Solidaritaetsbewegung fuer Palaestina. Die Darstellung des Konfliktes zwischen dem Staat Israel und den PalaestinenserInnen verlief allerdings erschreckend unreflektiert  und war mit antisemitischen Stereotypen durchsetzt.  Von PassantInnen und AnwohnerInnen wurde die Demo freudig begruesst - es  wurde Wein an DemonstrantInnen verteilt, gewunken oder bei Liedern wie  „Bella Ciao“ mitgesungen. Zum Abschluss der Demonstration gab es vor dem  Stadium ein grosses Konzert.
Ebenfalls ein Konzert hatte die MAF in der Innenstadt mit einem italienischen Liedermacher - A. Lega - organisiert, der anarchistische Chansons zum besten gab. Als Kontrastprogramm spielte eine HC-Punkband.

10. November
Der grosse Abreisetag wurde von linksradikaler Seite noch einmal zur Reflektion genutzt. Im alternativen Mediencenter kam es zu einer Diskussion, warum die Taktik von Gegenveranstaltungen nicht aufging und inwieweit es  sinnvoller gewesen waere sich beim Forum einzubringen. Die Meinungen, der  etwa 50 Anwesenden blieben gespalten. Einig war mensch nur, dass  Selbstverwaltung staerker propagandiert werden muss.

Nachbetrachtung
Das Social Forum zeigte an Hand der grossen Beteiligung von Jugendlichen, dass es offenbar ein reges Interesse fuer eine Politik jenseits der  bestehenden Parteienstrukturen gibt. Das Aufzeigen von moeglichen  Alternativen ueberliess die linksradikale und anarchistische Bewegung  jedoch leider trotzkistischen Sekten, reformistischen Gruppen und  buergerlichen Oekos. Auf dem ganzen Social Forum gab es nur einen  einzelnen anarchistischen Buechertisch, der von mehreren anarchistischen  Individuen betrieben wurde. Es fehlte eine fundierte linksradikale Kritik  an diesem Forum und eine Alternative fuer die TeilnehmerInnen. Fuer das  naechste Social Forum waere es sicherlich sinnvoll, staerker eine  Gegenstruktur mit linksradikalen Inhalten aufzubauen, die ueber eine  blosse Antihaltung hinausgeht.
Auffaellig auf dem Social Forum war, dass zwar teilweise sehr verbalradikal gegen die Folgen des Kapitalismus polemisiert wurde, aber dieser Protest auch hinter den Mauern des Forte blieb. Die No-Sweat-Kamapgne ist ein  Beispiel dafuer. Sie wendet sich gegen die Ausbeutung in der  Bekleidungsindustrie und ruft zu direkten Aktionen auf, waehrend  gleichzeitig vor dem Forte riesengrosse Werbung fuer den Benneton-Konzern  unbehelligt hing, einer Firma, die sowohl ihre Produkte unter anderem  durch Kinderarbeit herstellen laesst, als auch in Spekulationsgeschaefte  in Argentinien verwickelt ist.
Ebenfalls problematisch war die starke Praesenz von Parteien und RegierungsvertrterInnen auf diesem Forum, das urspruenglich ein Forum der NGOs sein sollte und wollte.
Was ausser ein bisschen Medienecho vom Social Forum uebrig bleiben wird, ist fuer mich persoenlich sehr fraglich. Eine Veraenderung der herrschenden Politik ist es auf jeden Fall nicht.

Bericht vom Weltsozialforum, Porto Alegre, Brasilien

von HARTMUT REGITZ der für die AKTION 3.WELT Saar teilnahm.

1. UEBERBLICK
Das 3. Weltsozialforum (WSF) ist nun schon eine Zeitlang vorueber, und nach der Lektuere der deutschsprachigen Presse-Artikel  will ich hier versuchen, neben einigen bisher kaum erwaehnten Bereichen auch umstrittene inhaltliche und organisatorische Fragen aufzugreifen.
Auf dem WSF wurde die neueste Datensammlung von “Social Watch” als CD verteilt, laut der im Jahr 2001 eine Summe von netto 150 Mrd. US-$ aus den Entwicklungslaendern an die Industrienationen floss (Schuldzinsen, Handel, Investitionen, Profit, “Entwicklungshilfe” usw. miteinander verrechnet). Ein Kriterium fuer die Beurteilung des WSF koennte sein, inwiefern es dazu beigetragen hat, Tatsachen wie diese allgemein bewusst zu machen oder gar zu aendern.
Auf dem ersten WSF wurden vor allem die weltweiten Auswirkungen der neoliberalen Offensive zusammengetragen, auf dem zweiten wurden auch Gegenkonzepte diskutiert, die Kommunikationsmoeglichkeiten verbessert und ueber verbindlichere Strukturen beraten. Ziel des dritten Forums, das vom 23.-27.01.2003 im suedbrasilianischen Porto Alegre stattfand, sollte die Konkretisierung von Alternativen zum Neoliberalismus und die Verstaendigung ueber Aktionen und Kampagnen sein. Es kamen ueber 20.000 Delegierte aus rund 5000 Gruppen, NGOs, Gewerkschaften, Netzwerken u.a. Bewegungen, insgesamt sollen rund 100.000 Menschen teilgenommen haben. Mit diesem quantitativen Wachstum stiess das WSF auch an seine finanziellen, organisatorischen und raeumlichen Grenzen. In den Vorjahren hatten die Diskussionen im wesentlichen an der katholischen Universitaet PUC stattgefunden – nun wurden die Grossveranstaltungen in die Kongresshalle “Gigantinho” ausgelagert, und insgesamt waren die Aktivitaeten des 3. WSF auf rund 10 verschiedene Oertlichkeiten verteilt, die z.T. kilometerweit auseinander lagen.
Inhaltlich war das WSF zum einen nach Themenachsen strukturiert, die taeglich als Plena und Konferenzen von 8.30-12.00 und von 14.00-17.00 Uhr stattfanden: 1. Demokratische und nachhaltige Entwicklung; 2. Menschenrechte, das Recht auf Unterschiedlichkeit und Gleichheit; 3. Medien, Kultur und Alternativen zu Kommerzialisierung und Homogenisierung; 4. Macht, Zivilgesellschaft und Demokratie; 5. Demokratische Weltordnung, Frieden. Zum andern wurden rund 1300 von Delegierten selbstorganisierte  Workshops und 114 Seminare angeboten, die meisten als dreitaegiges kontinuierliches Angebot (24.-26.). Viele dieser kleinen Veranstaltungen fielen allerdings auch aus, z.T. wegen mangelnden Interesses, z.T. wegen ueberraschender Veraenderungen des Terminplans (z.B. der kurzfristig angesetzten Rede von Lula).  Daneben gab es noch 4 "Runde Tische der Kontroversen” und “Zeitzeugen”, die ueber ihren Lebensweg berichteten (z.B. die Landesbischoefin der Ev. Kirche Hannovers, oder die brasilianische Umweltministerin). Gewuerzt wurde dies durch ein umfangreiches Kulturprogramm mit Live-Musik, Filmen, Foto-Ausstellungen, Strassentheater, Lesungen...

2. “DIALOG” UND ILLUSIONEN
Fuer die deutschsprachigen Teilnehmer war zu Beginn und zum Abschluss des WSF jeweils ein Treffen im Goethe-Institut angesetzt, zu dem rund 130 Delegierte erschienen. Das Spektrum reichte vom CDU-Mitglied Peter Hesse, der fuer “Congo” warb (Conference of NGOs in consultative Status with the ECOSOC of the UN), ueber die Anthroposophen vom “Netzwerk fuer soziale Dreigliederung” Stuttgart bis zu PDS-, DKP- und Euromarsch-Vertretern. Relativ stark vertreten waren oesterreichische Gewerkschafter und die GEW. Ver.di-Vorsitzender Bsirske hatte seine Teilnahme angekuendigt, doch wie schon beim Europaeischen Sozialforum in Florenz war er schliesslich doch “verhindert”. Die meisten Anwesenden hatten ihre Reise bezahlt bekommen. Juergen Reichel vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), der im hoechsten Gremium des WSF, dem ueber hundertkoepfigen “Internationalen Rat” sitzt, berichtete ueber dessen Kontroversen: die asiatischen und afrikanischen Delegierten fuehlten sich unterrepresaentiert und plaedierten fuer Indien als naechsten WSF-Treff; die zahlenmaessig dominierenden lateinamerikanischen Delegierten dagegen plaedierten fuer Porto Alegre als staendigen WSF-Austragungsort. Neben dem wirtschaftlichen Faktor (-zig Millionen US-$ Umsatz) duerften dafuer vor allem politische Gruende massgeblich sein. Wie Lula’s Rede in Davos gezeigt hat, nutzt er das WSF, um Brasilien’s internationale Bedeutung zu staerken.
In der Auswertung des WSF beim Abschlusstreffen der deutschsprachigen Delegierten wurde die Selbstgefaelligkeit vieler NGO-Aktivisten deutlich, die begeistert ueber die “Buntheit”, die vielen Teilnehmer, ihre neugeknuepften Kontakte waren; der Vertreter von “Brot fuer die Welt” forderte sogar, sich angesichts solch positiver Folgen der Globalisierung nicht mehr als “Globalisierungskritiker” zu bezeichnen, andere begruessten den “Dialog” mit dem WWF in Davos.
Diesen hatte Lula schon Tage vor dem WSF angekuendigt, und war anfangs auch dafuer kritisiert worden. Doch seine Rede Freitagabends wurde von ca. 70.000 Zuhoerern dann begeistert gefeiert, und in der WSF-Tageszeitung “Terraviva” wurde ebenfalls kraeftig fuer seine Mittlerrolle geworben. Dominierten dort anfangs noch die Aktivisten, so oeffnete die “Terraviva” zunehmend ihre Spalten fuer sozialdemokratische und sogar neoliberale Politiker: der ehemalige portugiesische Praesident Mario Soares plaedierte fuer eine europaeische Armee, gegen die Dominanz der USA fuer eine engere Kooperation zwischen EU und Mercosur (Arg., Bras., Ur. und Par.) und fuer die Erweiterung des UN-Sicherheitsrats um Japan, Deutschland, Brasilien, Indien, “and maybe South Africa”. Weltbank-Praesident Wolfensohn betonte unter der Ueberschrift “Eine bessere Welt ist moeglich” den wachsenden Konsens zwischen Eliten und “Zivilgesellschaft” ueber “ein weltweites System, das auf Gleichheit, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit basiert”. Wolfensohn: “Wenn wir unser gemeinsames Ziel erreichen wollen, die Armut zu reduzieren, benoetigen wir eine mittlere weltweite Wachstumsrate von fast 3,5 % pro Jahr bzw. ein BIP von 140 Billionen US-$ bis 2050”. In seinem Artikel weist er der Zivilgesellschaft die Rolle des Lueckenbuessers fuer  den Schutz der Umwelt und die bessere Ausfuehrung der Weltbank-Projekte zu.
Der Gruender und Praesident des WWF, Klaus Schwab, behauptet in derselben Ausgabe, mit “corporate governance” und dem “Global Greenhouse Gas Register” habe das WWF schon seine soziale Verantwortung bewiesen. WWF-Direktor Ogrizek behauptet, die Globalisierung wuerde den Armen durch die  Zerstoerung von Handelsbarrieren der reichen Laender helfen (alle Zitate aus “Terraviva” v. 27.1.2003).
Letzteres war auch eine Hauptforderung von Lula in Davos. Unter den Tisch faellt bei dieser Forderung, dass zunaechst einmal nur die Grossgrundbesitzer und Kapitaleliten in den postkolonialen Laendern von einer Marktoeffnung der reichen Laender profitieren werden. Voellig offen ist, ob es dann zu einem “trickle down”-Effekt auch fuer die arbeitenden Menschen in den armen Laendern kommt, ob sich auch ihre Lage verbessert. Jedenfalls scheint sich in diesem Punkt eine Einigung abzuzeichnen, auch weil die Industriestaaten die Subventionierung ihrer Landwirtschaft nicht mehr finanzieren koennen (fuer jede Kuh wird in der EU taeglich eine Subvention von 2,2 Euro gezahlt, das ist mehr, als die Haelfte der Menschen verdient).

3. STARS UND STREIFEN
Einigendes Band zwischen den Attacies, Christen, “Petisten” (Anhaenger des 1979 von Lula u.a. gegruendeten befreiungstheologisch inspirierten PT), Sozialdemokraten, Peronisten, Kommunisten, Anarchisten, zwischen Landarbeitern, Lehrerinnen, Studentinnen und Politkern ist die Kritik an der Dominanz der USA.
So geniesst der venezolanische Praesident Hugo Chavez in Brasilien grosse Sympathien, obwohl er am Flughafen nur von einem Sekretaer des neugewaehlten konservativen Gouverneurs von Rio Grande do Sul empfangen wurde. Auf seiner 1stuendigen Pressekonferenz liess er in der Tradition autoritaerer Populisten nur 6 Fragen zu und glaenzte ansonsten durch Monologe.
Gehaltvoller war die Reflexion des uruguaischen Schriftstellers Eduardo Galeano, der vor ueber 20 Jahren mit seinem Bestseller “Die offenen Adern Lateinamerikas” erklaert hat, warum Suedamerika gerade wegen seines Reichtums so arm ist – und daran hat sich trotz der protestierenden Millionen noch nichts geaendert. Galeano, der Befreiungstheologe Leonardo Boff und Jean Ziegler boten ihren 20.000 Zuhoererinnen im “Gigantinho” einen der emotional-intellektuellen Hoehepunkte des Forums. Noam Chomsky und Arundhati Roy brachten nichts wesentlich Neues in die Friedensdiskussion ein, begeisterten aber dennoch (oder gerade deswegen?).
Friedensforscher Johan Galtung forderte einen Boykott der USA und erntete dafuer rauschenden Applaus. In der unuebersichtlichen Vielfalt der Veranstaltungen dienten die “Stars” der Bewegung offensichtlich vielen als Orientierungspunkt und zur Selbstbestaetigung. Durch die raeumliche Zersplitterung des WSF und das alphabetisch, aber nicht thematisch gegliederte ueber 70seitige Workshop-Programm, das erst am Abend des 24. verteilt wurde, kostete es  viele Stunden, bis wir uns orientiert hatten. Das chaotische und spontane Umherstreifen vieler Teilnehmer fuehrte aber auch zu schoenen Begegnungen, die vielleicht mehr zum interkulturellen Dialog beigetragen haben als viele Fensterreden mehr oder weniger Prominenter.
Auf jeden Fall negativ ist die bisherige Intransparenz sowohl der Entscheidungsstrukturen des WSF als auch der grundsaetzlichen inhaltlichen und strategischen Diskussionen. Wer waehlt die Mitglieder des “Internationalen Rats”? Wie kann verhindert werden, dass wichtige Diskussionen nur in einem kleinen Kreis stattfinden, waehrend die Intelligenz tausender Zuhoererinnen durch Fensterreden “bedeutender Maenner” beleidigt wird? Wie kann die Autonomie des WSF gegenueber Vereinnahmungsversuchen politischer Parteien und anderer Interessengruppen bewahrt werden?
Wie kann der Dialog ueber Alternativen zu Neoliberalismus und Kapitalismus, der inhaltlich konkrete Streit, der praktische Erfahrungsaustausch intensiviert werden? Wie koennen gemeinsame kleine und grosse Aktionen geplant werden?  Ein Treffen, das 3,5 Millionen US-$ kostet, bei dem 650 ehrenamtliche Helferinnen ihre Zeit und Nerven opfern, zu dem Tausende aus 150 Laendern anreisen, muesste mehr leisten als nur die Bestaetigung alter Anti-US-Reflexe.
Eine Moeglichkeit zur effektiveren Vernetzung waere, dass die Delegierten, die Workshops anbieten, ihr Thema schon 3 Monate vor Beginn des naechsten WSF dem Org.komitee mitteilen. Dieses muesste die inhaltlich  benachbarten Gruppen miteinander in Kontakt bringen, sodass diese sich verstaendigen koennten, zum selben Thema nur einen Workshop anzubieten. Dies koennte die Zahl der Workshops verringern und ihre Teilnehmerzahl gleichzeitig erhoehen, die Vernetzung schon im Vorfeld verbessern sowie die Diskussion  strukturieren helfen.
Umstritten ist die Bedeutung einer Abschlusserklaerung. Beim 3. WSF lag ein Vorschlag vor, der aber schliesslich aus ebenfalls intransparenten Gruenden nicht verabschiedet wurde. Viele Organisationen scheuen die Verbindlichkeit einer gemeinsamen “Plattform”, befuerchten Fraktionierung, Grabenkaempfe und vorschnelle Vereinheitlichung.
Hat es sich gelohnt? Es kommt auf die Erwartungen an. Zunaechst war ich enttaeuscht ueber die Kompromissbereitschaft und Naivitaet gegenueber den neoliberalen Ideologen. Ueber die z.T. geglueckten Vereinnahmungsversuche durch PT und Sozialdemokratie. Ueber die Anti-US-Reflexe, die gegenueber den eigenen nationalen Kapitaleliten blind machen. Ueber die unreflektierte Verwendung des Begriffes “Volk”, ohne zu hinterfragen, welche Eliten z.B. von der “Solidaritaet mit dem palaestinensischen Volk” profitieren. Ueber die NGO-Vertreter, die vor lauter Organisationsinteresse den Zweck ihres Vereins vergessen haben. Darueber, dass oekonomische Tendenzen und Reform-Alternativen, z.B. die Tobin-Steuer, nur oberflaechlich diskutiert wurden. Und ueber die Intransparenz und Unuebersichtlichkeit des WSF.
Doch dem steht gegenueber, dass hier immer noch ein Raum besteht fuer die Thematisierung internationaler oekonomischer Verflechtungen. Fuer die Bildung von Gegenmacht. Fuer die Diskussion auch antikapitalistischer Perspektiven. Nach dem Ende des WSF trafen sich ca. 500 Sozialistinnen und Sozialisten zu einem mehrtaegigen Seminar mit teilweise spannenden Analysen zu den Institutionen, die den neoliberalen Ausverkauf organisieren, zur Situation in Lateinamerika und Brasilien etc. Und nicht zuletzt begegneten sich Menschen, die sich ohne das WSF nie kennengelernt haetten.
Hartmut, La Plata/Argentinien

2005

Aus Bartholl, Timo, "Offene Geografien, offene Räume" (Diplomarbeit, S. 109, PDF-Download)

OSTERWEIL (2005: 248) zieht ein sehr kritisches Fazit zum WSF 2003: „Großartig! es war eine wunderbare Erfahrung. Das offizielle Ereignis selbst war ein ziemliches Desaster, aber die Menschen, die es zusammenbrachte, die Zusammenkünfte und Begegnungen, die es möglich machte – zuweilen sogar unabsichtlich: All das überwand die Beschränkungen des offiziellen Forums.“ ...

Schöne Worte, raue Wirklichkeit
Wenn ich mich lesend und schreibend (also fern ab von Menschen und Prozessen) mit Entwicklung und Potenzial der Sozialforenbewegung auseinandersetze, neige ich dazu, unkritisch zu werden, weil mir das Anliegen des WSF sehr wichtig ist. Gerade im gesamtpolitischen Zusammenhang ist es eine der wenigen großen Initiativen, mit denen der propagierten Alternativlosigkeit zur neoliberalen Entwicklung* etwas entgegen gesetzt wird. In der Wirklichkeit der Sozialforenprozesse sind aber viele Praktiken zu beobachten, die wenig mit den propagierten Ansprüchen und Zielen zu tun haben.
Es finden sich Viele, die anders als der viel beachtete Ansatz HOLLOWAYs, „die Welt [zu] verändern, ohne die Macht zu übernehmen“, eben gerade danach streben: Macht. Macht und (mediale) Aufmerksamkeit. Und da das WSF mittlerweile sehr groß und bedeutend geworden ist, gibt es davon eine Menge zu erobern beim WSF-Prozess. Wider proklamierten Selbstanspruchs der Horizontalität werden sehr rasch informelle Hierarchien geschaffen, wenn es um politischen Einfluss und die Verteilung von Geldern geht. Meine Erfahrungen mit dem Forenprozess bisher haben genau aus diesem Grund oft zu Enttäuschungen geführt. Ich war oft überrascht, wie miteinander umgegangen wird, wie Verhandlungen ablaufen und wie Konflikte gelöst oder eben übergangen werden. Die Kämpfe zwischen Interessengruppen scheinen dabei keinen Deut fairer als in anderen politischen Umfeldern, es herrscht ein sehr rauer Umgang.
Am Ende steht doch immer wieder das „Was“ im Vordergrund, das „Wie“ hinten an. Der Zweck, so die Meinung der „Durchdrücker“ und „Zur-Sache-Kommer“, heilige eben doch die Mittel. Während ich also Ideen und Ansätzen des Sozialforenprozesses viel abgewinnen kann, konnte ich in der Umsetzung weniger gefallen an Vielem finden. Diese Skepsis entwickelte sich erst, als ich zunehmend einen Blick „hinter die Kulissen“ warf. Als unvoreingenommener Teilnehmer des WSFs 2003 war ich in erster Linie einfach nur begeistert. Nicht nur, aber auch aufgrund dieser Probleme, die ich mit diesem mittlerweile zum politischen Monstrum angewachsenen WSF-Prozess habe, galt mein Interesse von Beginn an in erster Linie kleineren Prozessen, die parallel zu den Foren stattfinden. In Porto Alegre und Mumbai waren diese Camps, in Europa offene (Aktions-)Räume wesentlich kleineren Ausmaßes. Dadurch entstand mein großes Interesse am Acampamento Intercontinental da Juventude .

*Das Propagieren, es gäbe keine Alternativen zur praktizierten Politik, wird oft auf die Politik Margret Thatchers der 80er Jahre in England zurück geführt und mit dem Kürzel TINA („There is no alternative“ gekennzeichnet. Die Instrumentalisierung des Begriffes der Globalisierung als ein Phänomen unter dem alle leiden müssten, was aber niemand ändern könne, wird in den letzten Jahren immer häufiger zur Legitimation von „TINA-Politik“ verwendet.

WSF 2006

Bericht von Ulrich Brand in Freitag, 5/2006 (S. 1, gescannt und als Text eingelesen)

Einer von euch
HUGO CHAVEZ AUF DEM WELTSOZIALFORUM

Gewinnen unter den Globalisierungskritikern am Staat orientierte linke Bewegungen die Oberhand?
Wer sich von den widersprüchlichen Prozessen der »Bolivarianischen Revolution« ein Bild machen wollte, für den war Caracas zweifellos ein Gewinn. Viele der mit dem Weltsozialforum (WSF) sympathisierenden Bewegungen sind anti-staatlich und pro-chavistisch. Zugleich gibt es eine linke Opposition gegen den Gastgeber dieses Forums, den venezolanischen Präsidenten Chávez, auch wenn sich die Spannungen zwischen globalisierungskritischen Bewegungen einerseits und progressiven Regierungen andererseits - so zumindest der Eindruck in Caracas - zu vermindern scheinen.
Das gilt vorzugsweise für Lateinamerika. Auf dem Subkontinent entsteht ein »anti-neoliberales Projekt«, das sich nicht zuletzt an den Links- oder Mitte-Links-Regierungen zu orientieren sucht, wie sie derzeit außer in Venezuela auch in Uruguay, Brasilien oder Bolivien existieren. Nationale Souveränität, Emphase gegenüber dem Heimatland und Anti-Imperialismus rangieren dabei auf der Werteskala weit oben, ergänzt um das noch vage Projekt einer lateinamerikanischen Integration.
Deutlich wurde ein möglicher Paradigmenwechsel des WSF bei der Schlussveranstaltung in Caracas - einem Treffen zwischen 80 geladenen Gästen und dem venezolanischen Staatschef in einem Militärzentrum, das live vom neuen Sender Telesur, eine Art Gegenprojekt zu CNN,* übertragen wurde. Bei kurzen Statements waren »Bitten an den lieben Herrn Präsidenten« zu hören. Hugo Chávez solle etwa die anstehenden WTO-Verhandlungen blockieren, um dadurch die Ergebnisse der Ministerkonferenz von Hongkong festzuzurren, forderte mit dem philippinischen Soziologen Walden Bello einer der profiliertesten Globalisierungskritiker. Danach sprach Chávez zwei Stunden »als einer von euch« und blieb dabei doch der Präsident. Er warb mit besonderem Nachdruck für eine dem Volk dienende Armee Venezuelas oder die von ihm so vehement betriebene Süd-Süd-Kooperation - ein Auftritt von einiger Symbolik: Der aus Sicht vieler Globalisierungskritiker derzeit progressivste Staatschef der Welt dozierte vor den sozialen Bewegungen und umarmte sie gründlich.
Sollte es so etwas wie eine »strategische Allianz« des Weltsozialforums mit den progressiven Regierungen geben? Das sehen viele Akteure aus Brasilien, Uruguay, Argentinien oder auch Kolumbien ganz anders. Wie überhaupt viele davor warnen, das WSF als „Machtfaktor“ zu behandeln. Die politische Umarmung, wie sie der Bewegung in Caracas zuteil wurde, könnte allem schon deshalb von Nachteil sein, weil sie der bisherigen Praxis widerspricht, vollkommen autonom über Strategien und Erfahrungen zu reflektieren. Sie ist zudem für viele Teilnehmer nicht nachvollziehbar, die in ihren Ländern mit einer Realität konfrontiert sind, in der sich jeder kooperative Umgang mit einem repressiven Staat verbietet. Wie überhaupt zu fragen wäre, ob eine Orientierung am »Partner Staat« nicht all Jene Kämpfe abwertet, die um eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse geführt werden.
Kein Zufall, dass es derzeit zwischen den Veranstaltern des Weltsozialforums heftige Kontroversen um das künftige Selbstverständnis der Bewegung gibt. Die einen wollen den politischen Player, der sich mit klaren Positionen etabliert und als Weltsozialforum die Intervention nicht scheut, was beim Eintreten gegen die Militarisierung der internationalen Beziehungen, gegen die WTO oder fortschreitende Privatisierungen von Vorteil sein mag. Andere sehen die Gefahr, bei vielen Sachverhalten das bislang geltende Konsensprinzip verlassen zu müssen und dadurch auf mittlere Sicht an Attraktivität zu verlieren. Warum, fragen sie, sollte sich die starke indigene Bewegung Boliviens durch den Chefredakteur von Le Monde Diplomatique ihren Kurs vorgeben lassen.

Hinweis: Hier fehlt noch die Anmerkung, dass der Sender unter Aufsicht der venezolanischen Regierung steht.

Aus Andreas Behn/Harald Neuber, "Die neue Internationale" in: Junge Welt, 30.1.2006 (S. 1)
Auch Chávez machte aus seiner Kritik am Weltsozialforum keinen Hehl. Es sei höchste Zeit, politische Positionen zu formulieren und Verantwortung zu übernehmen, mahnte er in seiner Rede.

Einheit, Einheit, Einheit?

Aufruf für ein neues historisches Subjekt
Auszüge, dokumentiert in Junge Welt, 23.3.2006 (S. 10)
Der Aufruf von Bamako versteht sich als ein Beitrag zum Entstehen eines neuen historischen Subjekts ... antiimperialistische Front ...
Um vom kollektiven Bewußtsein zur Herausbildung von kollektiven Akteuren (von den Volksmassen getragen, vielfältig ausgerichtet, multipolar) überzugehen, war es immer notwendig, genaue Themen festzulegen, um von ihnen ausgehend konkrete Strategien und Vorschläge zu formulieren. ...
Für den Aufbau einer vereinten Bewegung der Werktätigen ...

Europäische Sozialforen

2002 in Florenz

Peter Wahl, Attac-Koordinierungskreis (Quelle)
Vielmehr haben die deutschen Globalisierungskritiker die Verantwortung, die soziale Bewegung des größten Landes in der EU angemessen in die internationale Bewegung zu integrieren. ...
Mit platten Parolen vom Schlage "One Solution - Revolution" kommt man nicht weiter. Im Gegenteil, das führt geradewegs ins Sektierertum. Hier lohnt sich noch einmal ein Blick auf die K-Gruppen-Erfahrung der 68-Bewegung.

Aus einem Bericht der Gruppe fels* (in: Kleine Anfrage, Sonderausgabe, S. 9)
Die "Arroganz der Mächtigen" war innerhalb des ESF durchaus spürbar: Wer bekam wo Räume, welche Veranstaltungen wurden bevorzugt behandelt und beworben, wer konnte wo sprechen - über diese technischen, nur halb sichtbaren Strukturen formiert sich die Macht innerhalb der Bewegung und ist niemandem zur Rechenschaft verpflichtet.

Aus einem Interview mit Monika Bricke von der Gruppe fels* (in Kleine Anfrage, Sonderausgabe, S. 12)
Nur ein Beispiel: Im Vorfeld wurde gesagt, es müssen mindestens zwei, drei Leute aus Deutschland zum letzten großen internationalen Vorbereitungstreffen fliegen. Zwei Leute waren schon festgelegt worden, die das auch von ihren Organisationen bezahlt bekommen haben und dann hieß es, man müsse auch noch jemandem aus dem antirassistischen Spektrum, unabhängig und nicht in einer Partei organisiert dort hinbringen. Der Vorschlag kam, dass das finanziert werden würde, dann ist das Ganze sang- und klaglos untergegangen und diese dritte Person ist nicht mitgeflogen. Das war der Punkt, wo ich aus der deutschen Vorbereitung ausgestiegen bin. Ich hatte keine Lust darauf, dafür benutzt zu werden, dass das alles angeblich doch ganz offen, pluralitisch und links aussieht, aber im Endeffekt die, die die Fäden ziehen, genau das machen, was sie wollen udn sich dabei auch nicht wirklich behelligen lassen und im Zweifelsfall halt alles andere unter den Tisch fallen lassen.

*Die Gruppe fels, u.a. organisiert in ACT!, bringt häufig interessante Analysen heraus. In ihrer eigenen Praxis treten allerdings einige sonst kritisierte Punkte selbst auf - vor allem ein Hang zu Labeln und Selbstdarstellung bis zu kollektiv-identitären Strategien incl. Ausgrenzung.

Europäisches Sozialforum 2003 in Paris

Aus "Ein paar weitere Eindrücke vom ESF"
Nach und nach wird hier übrigens klar, in welchem Maße sich Parteien und Politiker bemühen, das ESF zu vereinnahmen. Meldungen wie "Premierminister Jean-Pierre Raffarin sprach sich gegen eine "Verteufelung der Globalisierung" aus, betonte aber auch die Notwendigkeit, diese menschlicher zu gestalten. Die französische Regierung hat eine halbe Million Euro zum Etat des Forums von drei Millionen Euro beigesteuert." füllen die Medien, während wirklich Interessantes kaum erwähnt wird.

Aus "ESF in Paris: Eindrücke vom Donnerstag"
Der Plan von Regierung und den reformistischen, hierarchischen französischen ESF-Vorbereitern scheint aufzugehen: Im Stadtzentrum von Paris ist nichts vom ESF zu spüren, die Medien berichten meist erst im Lokalteil - und das sehr selektiv. Einzig die Aktionen von den Ungehorsamen und den Basisgruppen werden in der Stadt für ein wenig Aufruhr sorgen. Die Basis scheint sich -im Gegensatz zur Mainstream-Presse- wenig um die ESF-Eliten zu kümmern und die verschiedenen Foren (ESF, libertäres Sozialforum, GLAD (Globalisation des luttes et des actions de désobéissance - das sind die Ungehorsamen), Metallo-Medialab) verschmilzen langsam miteinander ...
Ein Bekannter von mir war im Seminar "For alternative economic policies in Europe", welches von Attac-Frankreich (dem konservativsten Ableger des Attac-Netzwerkes, welches auch für "Rechtsliberale" offen sein will) organisiert wurde. Als deutscher Vertreter saß J.Huffschmid auf dem Podium. Die Veranstalter dieses Seminars brachten nichts wirklich Neues und wagten keinerleit Kritik an der derzeitgen Wirtschaftsform. Als Ausweg aus der "Krise" wrde der Wachstum beschworen. Die Berücksichtigung ökologischer Aspekte oder ein Blick auf die Ursachen für soziale Ungerechtigkeit wurde genausowenig gewagt, wie die Fähigkeit zur Hinterfragung des Wachstumsfanatismus fehlte ("Club of Rome" schien denen völlig unbekannt zu sein). So wurde also die Frage untersucht, wie denn der Wachstum noch mehr gesteigert werden könne: mehr investieren? mehr Schulden? oder mehr Staat? Als Keynesianer entschieden sich die Herren natürlich für Letzteres.

Aus "Fotos von der Großdemonstration zum ESF-Abschluss - Teil 1"
Die Route hielt sich vom Stadtzentrum fern, da es zwischen Regierung und den reformistischen Kreisen der ESF-Vorbereitung einen Deal gab, das ESF nicht im Stadtzentrum sichtbar werden zu lassen.

Aus "Eine andere Bewegung, ein anderes Europa"
Zu dieser Unzulänglichkeit kam eine rigide Organisation (Die Verwendung von privaten Sicherheitsunternehmen, die gelegentlich auch Gewalt angewendet haben, und der Zwang, dass in den Sälen jeder auf einem Stuhl zu sitzen habe, und wenn es keine Stühle in ausreichender Menge gab niemand mehr rein dürfte), welche die Teilnehmer sehr irritiert hat (besonders die Italiener).

Aus "Soziale Bewegungen Europas treffen sich in Paris"
Viel kritisiert wurde im Vorfeld die teilweise intransparente und hierarchische Struktur der französischen ESF-Vorbereitung. Größere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wurden gegenüber radikaleren und Basis-Gruppen bevorzugt. Die französischen sozialen Bewegungen sind im Gegensatz zu Italien stark von reformistischen und relativ staatstragenden Organisationen dominiert. Aus diesem Grunde haben sich libertäre und weitere Gruppen und Netzwerke dazu entschlossen, ein selbstorganisiertes libertäres Sozialforum in Paris (Saint Ouen) durchzuführen, welches als Zusatz und nicht als Parallelveranstaltung zum ESF verstanden wird. Ein Disobedience Space ( Intergalactique GLAD ) beschäftigt sich mit der Globalisiserung der sozialen Kämpfe und der Aktionen des Ungehorsams.

Aus "Europäisches Sozialforum in Paris"
Viel kritisiert wurde im Vorfeld die teilweise hierarchische Struktur der französischen ESF-Vorbereitung. In Paris wurde oft versucht, dem Massenansturm mit einer riesigen Bürokratie zu begegnen, bei der die Datenbank der ESF-Webseite nicht mithalten konnte. Eine Anmeldung für Einzelpersonen war dadurch lange nicht möglich, das Programm ist erst seit kurzem im Netz (und auch nicht leicht zu finden). Beispielsweise wurden aus den etwa 700 angemeldeten Seminaren jeweils ungefähr drei von vier zusammengelegt zu 250 Seminaren. Hier waren größere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Vorteil, und kritische Initiativen mußten sich manchmal dagegen wehren, mit Schmusekurs-NGOs zusammengelegt zu werden.
Entstanden ist die Weltsozialforumsbewegung aus den Aktionen gegen das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Im brasilianischen Porto Alegre wurde 2001 eine Art Gegengipfel zum Treffen der Staats- und Kozernchefs organisiert. Problematisch ist, das damit eine Art Jet-Set der "globalisierungskritischen Bewegung" entsteht, denn nur wenige AktivistInnen aus Basisbewegungen haben Zugang zu Finanzmitteln für interkontinentale Flüge. Besonders ökologisch sind solche andauernden Massenveranstaltungen dadurch auch nicht.
In Paris wird wie in Florenz eine hochtrabenden "Versammlung der sozialen Bewegungen" abgehalten, die kaum etwas mit den zapatistischen Ideen von Nicht- Repräsentanz zu tun hat, die am Anfang der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung und der globalen Aktionstage in Genf, London, Seattle, Prag, Genua, Buenos Aires, Quito, Cancun und anderswo standen.


Attac-Gründer und Le monde diplomatique-Chefredakteur Bernard Cassen, zitiert in der Süddeutschen Zeitung, 8.10.2003
"Wir wollen, dass unsere Ideen Gemeingut auch in den rechten Parteien werden."
"Wir sind eine große Familie", sagt er. "Und das Sozialforum wird unser großes Familientreffen."

Protokoll des deutschen Vorbereitungstreffen zum ESF vom 3.8.2002
Alle TeilnehmerInnen und Organisationen, die Stimmrecht haben wollen, müssen die "Prinzipien von Porto Alegre" akzeptieren.

Protokoll des deutschen Vorbereitungstreffen zum ESF vom 14.9.2003
Es zeichnet sich ab, dass die Soziale Bewegung in Deutschland den Anschluss an internationale Diskussionen verliert - ein Deutsches Sozialforum könnte hier die Rolle einnehmen, diese Beteiligung an diesen Diskussionen kontinuierlich zu gewährleisten. ... Die Vernetzung von "Oben" kann die Organisation "Unten" (Regionen) unterstützen.

Aus der Frankfurter Rundschau, 17.11.2003 (S. 11)
Wohlfühlbecken der Gleichgesinnten
Auf dem Pariser Sozialforum verhandelt die Attac-Bewegung Abnutzungserscheinungen, die aus ihrem Erfolg resultieren
... Die Altermondialisten sind zum großen Meltingpot geworden, zum warmen Wohlfühlbecken der Gleichgesinnten, deren Treffen wie dieses zweite Europäische Sozialforum zu politischen Wellnesswochenenden geraten, bei denen jeder auf seine Kosten kommt: Alt-Trotzkisten und Antieuropäer, Kriegsgegner, Yogafreunde und Biobauern. Über 300 Plenarsitzungen, Seminare und Workshops standen auf dem Programm; doch kontroverse Diskussionen waren Mangelware. Auf den Podien wie im Publikum. Die Moderatoren bezeichneten die Redner regelmäßig als "ami" und in der Regel wurde beklatscht, was der Freund zu sagen hatte.

ESF 2004 in London

ESF ist Treffen aller und begeistert alle (dabei hatte es nach Paris 2003 deutliche Kritik gegeben)
Aus dem Text "Im Oktober nach London - 2005 nach Erfurt" von Attac-KoKreis-Mitglied Hugo Braun, in: Elbe-Saale-Zeitung, Beilage der Jungen Welt
Florenz 2002 und Paris 2003 waren die begeisternden Höhepunkte der globalisierungskritischen Bewegung. ... In diesem Jahr wird sich die globalisierungskritische Bewegung unseres Kontinents in London zu ihrem dritten Europäischen Sozialforum zusammen finden.

Jubelartikel in der Jungen Welt, 18.10.2004 (S. 1):

Aus dem Zusammenfassenden Rückblick
Berichten zu folge wurden an der Abschlusskundgebung auf verlangen der ESF-OrganisatorInnen weiter AktivistInnen der Autonomous spaces durch die Polizei verhaftet. Dies weil sie versuchten auf die Bühne zu kommen um eine Rede zu halten. Insgesamt seien neun Personen verhaftet worden, alle jedoch wieder freigelassen worden. Die Reden an der Abschlusskundgebung waren äusserst schlecht und populistisch. Ein englischer Genosse sagte zu mir, es komme ihm vor wie eine Predigt eines Pfarrers der in der Kirche vor gläubigen spricht. Es waren populistische unreflektierte Reden von Parteimitgliedern die am Schluss doch nur eines im Kopf haben, Mittglieder, Parteibüchlein- BesitzerInnen und WählerInnenstimmen. Während die Reden auf der Bühne gehalten wurden, zeigte die Regie auf den beiden Grossleinwänden Videobilder des Kriegs. Absoluter Tiefpunkt der Demo waren aber die Plakate der MAB (Muslim Assosation of Britain) auf denen war im Vordergrund zu lesen Israel Terrorist und im Hintergrund waren zwei Hakenkreuze und ein Davidstern nebeneinander dargestellt.

Einen ganz eigenen Blick auf das ESF hatte ATTAC-Ratsmitglied Peter Strotmann. Er fand das ESF toll und gab ihm einfach ein Motto, ohne dass auf dem ESF ein solches tatsächlich bestanden hätte. Aber das ist mensch von Attac und anderen VereinnahmungsexpertInnen gewöhnt - die definieren immer von außen, warum andere etwas tun ...
Aus einem Interview in der Jungen Welt, 20.10.2004
Es war eine großartige, mobilisierende Veranstaltung, die unter dem großen Thema »Wie kann man die Besatzer im Irak zum Rückzug zwingen?« stand. Denn eine »andere Welt ist möglich«, aber nicht unter der Bedingungen der Besatzung durch andere Länder.
Nicht Frieden ist wichtig, sondern dass die USA den Krieg verlieren (das kann ja noch einen langen Krieg bedeuten ...). Auf einem ESF, dass in einem der Kriegsländer stattfindet, vor allem über die USA zu reden, spricht auch für sich (ohne die kriegslüsterne Politik der USA irgendwie verharmlosen zu wollen). Aus dem Interview:
Daher war man sich in London in vielen Versammlungen weitgehend einig, daß es wichtig ist, daß die USA den Krieg verlieren. ... Aber es stimmt, dieses Sozialforum war sehr von der Frage dominiert, wie man den US-Imperialismus stoppen kann.

Aus einer Kritik am ESF in London von Dieter Dehm (PDS!) in Junge Welt, 21.20.2004
Gewohnt intransparent und undemokratisch ging das Europäische Sozialforum in London über die Bühne. ... Schon zu Beginn sickerte durch, daß für den 19./20. März nächsten Jahres ein europaweites Aktionswochende geplant sei und daß das nächste ESF in 2006 in Athen stattfinden würde. Wer das wie und wo entschieden hatte, blieb im Halbdunkel. Echt gewählt und abgestimmt wurde nirgends. ... Beim Stichwort »Berlin« hatten sich PDS- und Wahlalternative-Leute in den Haaren. Zwar waren sich alle im Raum Versammelten einig, daß das, was kürzlich Harald Wolf zu den »Ein-Euro-Jobs« abgelassen hatte, unsäglich gewesen wäre. Trotzdem mußten diese Parteienvertreter vor den vorwiegend jungen Leuten ihr Show-Giften veranstalten, um einen gespenstischen Vorgeschmack auf den Bundestagswahlkampf 2006 zu geben. ... Wie von Zauberhand war dann Sonntag früh die zentrale ESF-Resolution fertig ausgehandelt, ohne daß darüber tatsächlich abgestimmt worden wäre. ... hinter den Kulissen bildeten Euro-ATTAC, Trotzkisten, IG Metall, ver.di (inklusive des anwesendem Bsirske) mit Rifondazione ein derart fragiles Bündniskonstrukt, daß Basis-Widerworte bestenfalls Ventilfunktion hatten.

Ein weiterer persönlicher Bericht zu einem Vortrag über das ESF (von einer Mailingliste)
... letzten Samstag war ich auf einer Konferenz des Bielefelder Sozialforums. Dort hatte eine Argentinerin vom ESF berichtet, die dort anwesend war. Ich bin ja heilfroh, dass ich nicht auch dort war.
Das ESF war laut ihren Aussagen wiederum von oben nach unten organisiert. Das ESF in London war viel zu kommerzialisiert und gewerbliche Unternehmen haben die Organisation des ESF an sich gerissen und letztendlich bestimmt, wer an dem ESF teilnimmt und mitwirkt und wie das ESF durchgeführt wird. Resolutionen durften nicht beschlossen werden. Dann soll der Wachschutz überrepäsentiert gewesen sein. Ebenso gab es, wie in Paris auch, eine äußerst mangelhafte Orientierung bei/zu den unterschiedlichen Veranstaltungsorten. Die Veröffentlichung des ESF (Plakatisierung) in London hätte vollkommen gefehlt.
Die Abschlusserklärung, die Judith Dellheim - nichts gegen sie persönlich! über die DSF-Liste herumgemailt hat, ist ja sowas von verlogen, dass ich am liebsten wieder aus dem ganzen Prozess aussteigen würde! Ja, merken wir es eigentlich noch???!!! Das Kapital bestimmt letztendlich doch wieder, wo soziale Bewegungen hin zu laufen und zu funktionieren haben. So ist das ESF garantiert keine Alternative zur neoliberalen Politik und zur Globalisierung, sondern unterstützt diese gerade noch. Nein Danke!
Auf der Instanz der Initiative für ein Deutsches Sozialforum ist für mich eindeutig Schluss. Ich lasse mir so eine Fremdbestimmung "von oben" nicht gefallen.

Linksruck-Chefin, ESF- und Attac-Aktivistin Christine Buchholz will die Fehler aus London jetzt auch in Deutschland machen
Aus einem Interview in der Jungen Welt, 29.10.2004 (S. 2)
Das ESF war ein Erfolg. ...
In Deutschland nimmt die Vorbereitung für das Sozialforum in Erfurt langsam Form an, das für Juli nächsten Jahres geplant ist. Ob das ein Erfolg wird oder nicht, wird vor allem davon abhängen, ob es gelingt, genauso viele verschiedene Kräfte zusammenzubringen wie auf dem ESF in London. Und da müssen wir noch viel tun. ... so können wir London nach Erfurt bringen.

Antwort einer ehemaligen Aktiven der Vorbereitung eines Sozialforums in Deutschland
An alle die Menschen geblieben sind, (und noch nicht zu Funktionärsrobotern und Systemstützern geworden sind)
Dieser undemokratische, kommerzialisierte, intransparente, freiheitsfeindliche, intolerante, unlegitimierte, manipulative Geist von London soll zum Maßstab für Erfurt gemacht werden? z.B. die Tumulte bei der Irak Veranstaltung und der Ruf nach Polizei durch die Veranstalter bei der ESF Veranstaltung zu Rassismus und Faschismus, samt Verhaftungen)
Den Knick in der Linse haben nicht nur die Medien, zu denen Christine Buchholz aus der Redaktion von Linksruck auch gehört, sondern auch die Veranstalter des ESF London.
Welch eine vorgetäuschte heile Welt und welche Verniedlichung der real existierenden gewaltigen Probleme und Spannungen!
Arbeitsmethode: ignorieren und aussitzen. hat hier jemand bei Helmut Kohl gelernt?
Hier soll eine Mythenbildung auf den Weg gebracht werden, wo es nichts zu feiern gibt und wo keinerlei Mythos angebracht ist, sondern nur Selbstkritik
Das ist doch eine Schande ! Jetzt fehlt nur noch eine Lobeshymne von Hugo Braun auf das ESF, ........ Fällt der Christine Buchholz immer noch nichts besseres ein ?
Mir jedenfalls ist schon längst etwas besseres eingefallen: Nieder mit den unlegitimierten hierarchischen Strukturen und ihrem Konformismus fordernden hierarchischen Denken !
Statt dessen:
Freie Räume für Freies Denken ... (wer wissen will wie es weiter geht kann dies von mir erfahren)
und:
Ein neues Modell des ESF und ein neues Model von Staat und Gesellschaft, die die bisherigen Modelle auf den Müllhaufen der Geschichte befördern. ...
Zu C.: Bei so viel Eigenlob fällt der Knick in der Demokratielinse kaum mehr auf. (sollte die Kritik Christines an den Medien als Selbstkritik und als Kritik an dem Journalisten Hugo Braun gemeint sein, ziehe ich diesen Absatz zurück)

Ein Bericht aus einer pseudopolitischen Parallelwelt aus Pappschildern und unerhörten Eintrittsgeldern.
Von [`solid]36 – socialist youth kreuzberg (Quelle: Indymedia)
Das diesjährige Europäische Sozialforum das vom 14-17.Oktober 2004 in London stattfand, bestätigte alle Befürchtungen die Kritiker nach dem Ende des letzten ESF in Paris an die Wand malten. Das ESF ist zu einer aufgeblasenen Messe für linken Merchandise und praktische Wegwerfideologien von der Stange wie sie z.b. die Socialist Workers Party, die spezifisch trotzkisitische Version der Verblödetheit aber auch PDS und andere Vereine feilbieten. Nachdem Nichtverdienen 30 Pfund eintritt blechen dürfen sie unter den scharfen Augen von zig Aufpassern, Securitys und freiwilligen Blockwärten durch die ewigen Hallen des pompösen Alexandra Palace oder andere Veranstaltungsorte schlendern und langweiligen schlechtbesuchten Podiumsdiskussionen zuhören auf denen irgendwelche selbsternannten Promis der Antiglobalisierungsbewegung oder aber Aktivisten verschiedener Polit-Sekten sich gegenseitig anblöken. Doch nicht mal die verbissene Feindseligkeit innerlinke Konflikte will aufkommen um dem ganzen Trauerspiel wenigstens einen Unterhaltungswert zuzuführen. An unzähligen Ständen kann Che in allen Varationen und Perversionen erstanden werden, und alles was der veritable Metropolenlinke so brauch um sich seiner revolutionären Identität zu versichern. Nebenbei finden sich auch solch antagonistische Attraktionen wie die „1ste Versammlung der europäischen Besitzlosen“, an der jeder – der vorher 30 Pfund gelöhnt hat teilnehmen kann. Sicher irgendwo im Gewimmel wird auch was spannendes, interesantes, vorwärtsweisendes Gewesen sein, wo lebendig Diskutiert wurde. Für den überwiegend Grossteil des Happenings galt das Allerdings nicht. Spontanes Aufeinandertreffen, übersprudelnende wilde Kommukation, andere Leute Treffen und Ideen austauschen, wovon die Antiglobalisierungshippies von ATTAC sonst immer Reden war fehlanzeige. Vereinzelt und verlassen scheuchten sich die Individuen durch das Programm wie durch einen Stundenplan, immer auf der Hut den unsäglich pentranten Zeitverkäufern irgendeine K-Gruppe zu entkommen. Das die Veranstalter obendrein sich nicht Lumpen liessen und bei jeden kleinen Anflug von Chaos oder Bewegung die Polizei auf die aufmüpfigen ESFler losschicke, wie bei der Eröffnungsverantaltung taugt angesichts dessen nur noch als Randnotiz. Das ahnend hatten sich die radikale Linke autonom im Beyond ESF und anderen autonomen Spaces zusammgefunden, Doch auch dort pläpperten die Diskussion, so weit wir das mitbekommen haben eher vor sich hin, wenn es auch – was kein geringer Vorrang ist – einige Konfrontative Aktionen, kostenlose Vokü und Unterbringung gab. Ein kleiner Sonnenschein auf dem ESF selbst war die Erstürmung einer Diskussionsrunde mit dem Londoner Bürgermeister und Labour-Mitglied Ken Livingston durch radikale Linke. Die zum Teil vermummten Aktivisten der Wombles, Indymedia und andere anarchistisch Orientierter Gruppen besetzten das Podium, verjagten den Bürgermeisten und begannen eine Open-Mic-Diskusion. Eine der wenigen male das wirklich Stimmung aufkamm und ein kleiner Hauch von soziale Bewegung durchs ESF ging. Am Sonntag beteiligte wir uns als [`solid]36 – zusammen mit anderen Solid`s am inernationalen Antikapitalistischen Block, der vorwiegend von der Gruppe Avanti organisiert wurde. Mit starken, lauten und vor allem kämpferischen Frontblock – vielen Vermummten, einem groovigen Sound-System und einem Pink-Silver Block wurde die Demo ebenfalls eine der wenigen Lichtblicke auf dem ESF (trotz des Wetters). Die Cops filmten zwar pausenlos vornehmlich unseren Block, taten auch so als ob sie reingehen würden. Hielten sich dann aber doch zurück. Für das nächste Jahr in Athen bleibt nur zu Hoffen das die kommerzalisierung und vor allem bürokratisierung des ESF zurückgeschlagen werden kann – Die griechischen Anarcho`s sind bekanntlich nicht grade ohne …

 

Berichte, Kommentare usw.

 

Beispiele für offene bzw. vielfältige Strukturen in politischer Bewegung

Aus einem Papier von Angelo Lucifero in der LAG Antifa in Thüringen (Quelle ...)
2. Bündnisarbeit schließt Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit ein.

3. Bündnisarbeit setzt die Bereitschaft voraus, unterschiedliche politische Kulturen zu respektieren und trotzdem um den richtigeren Weg zu „streiten“.

Die realen Strukturen ...

Protokoll des deutschen Vorbereitungstreffen zum ESF vom 3.8.2002
Alle TeilnehmerInnen und Organisationen, die Stimmrecht haben wollen, müssen die "Prinzipien von Porto Alegre" akzeptieren.

Protokoll des deutschen Vorbereitungstreffen zum ESF vom 14.9.2003
Es zeichnet sich ab, dass die Soziale Bewegung in Deutschland den Anschluss an internationale Diskussionen verliert - ein Deutsches Sozialforum könnte hier die Rolle einnehmen, diese Beteiligung an diesen Diskussionen kontinuierlich zu gewährleisten. ... Die Vernetzung von "Oben" kann die Organisation "Unten" (Regionen) unterstützen.

Machtkämpfe und Vereinnahmungen

Streit zwischen verschiedenen Gruppen, die dominieren und vereinnahmen wollen
Aus "Weitergehende Perspektiven" in Junge Welt am 28.8.2004 (S. 7)
Sowohl im Sozialforum als auch in der "Wahlalternative" haben sich rivalisierende Fraktionen gebildet, die sich gegenseitig die Legitimation absprechen.

BUKO- und medico-international-Funktionär Thomas Seibert auf dem Vorbereitungstreffen zum Sozialforum in Deutschland am 17.7.2004 in Frankfurt
Der BUKO ist der Dachverband aller undogmatischen linksradikalen Gruppen in Deutschland.

Die autonome Berliner Zeitung "Interim" zensierte den Aufruf zu einem offenen Raum auf dem Sozialforum 2005 in Erfurt einfach weg ... so stützen sich die Eliten linksradikaler und angepaßter Teile von Bewegung gegenseitig ... Auszug unten aus der Interim vom 9.12.04 im Vorwort (S. 2)

Auch die meisten anderen sog. linken Medien wie Graswurzelrevolution, a&k, Freitag, Junge Welt usw. zensierten die Aufrufe zu einem "Sozialforum von unten" bzw. "Offenen Raum" auf dem Sozialforum und machten ausnahmslos für das offizielle Forum Propaganda.

Statt einen offenen Raum für die Menschen zu schaffen: NGOs wollen Sozialforum für ihre Zwecke nutzen ...
Aus "Soziale Verteidigung", Rundbrief des Bund für Soziale Verteidigung Nr. 4/04 (S. 2, Autor: BSV-Vorsitzender Bernhard Nolz)
Der BSV hat sich entschieden, sich am Sozialforum in Erfurt zu beteiligen und es mit zu gestalten. Unter dem Motto "BSV für Gewaltfreiheit" wollen wir unsere Projekte vorstellen. Dafür suchen wir BSV-Mitglieder oder uns wohl Gesonnene, die Zeit und Lust haben, an einer Art BSV-Show für Gewaltfreiheit teil zu nehmen. ... klar ist uns geworden, dass der BSV seinen Einfluss im Deutschen Sozialforum geltend machen sollte. ... Ich fände es spannend, mit euch zusammen einen Vorschlag zu erarbeiten, wie sich der BSV auf dem 1. Deutschen Sozialforum in Erfurt präsentieren kann.

Das Sozialforum 2005 (Erfurt)

Beschreibung des Projektes in einer Sonderbeilage bei taz, ND und Junge Welt am 9.7.2005

Editorial: Sozialforum Erfurt: Vor neuen Gemeinsamkeiten
Drei linke Tageszeitungen gestalten gemeinsam ein journalistisches Schwerpunktthema zum Sozialforum 2005 in Erfurt. So wie diese ganze Bewegung einzigartig ist, erscheint auch dieses Projekt von jW, ND und taz als Ausdruck einer neuen Gemeinsamkeit. Ähnliches hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Im Gegenteil. Zumindest im vergangenen Jahrhundert zeichnete sich die deutsche Linke eher durch unversöhnlichen Streit als durch gemeinsames Handeln aus. In unserer neuen Zeitrechnung seit Seattle und Genua hat sich da etwas verändert. In Porto Alegre und Mumbai, in Florenz, Paris und London trafen sich Menschen und Gruppen zum Gespräch, die bis dahin kaum voneinander wussten, geschweige denn miteinander geredet hatten. So wird es auch in Erfurt sein. Die Überzeugung, dass eine andere Welt möglich ist, führt bei einigem Nachdenken zu der Erkenntnis, dass sie nur durch gemeinsames Handeln zu schaffen ist. Der gemeinsame Auftritt dieser drei Zeitungen zur Förderung eines ersten Sozialforums in Deutschland macht sie von journalistischen Beobachtern zu einem Teil der Bewegung. Das ist neu und ein gutes Beispiel für andere.
HUGO BRAUN, Mitglied im Koordinierungskreis von Attac

INHALT DER BEILAGE 1. KOMMENTARE

Bewegung und Politik: An einem Wendepunkt
Kommentar von Arnold Schölzel, jW
jW-Chefredakteur winkt mit seinem typischen Zaunpfahl, nämlich Sozialforum pro Linkspartei - Auszug:
Die sozialen Bewegungender lezten Jahre, die 100 000 Protestierenden am 1. November 2003 in Berlin, die Motnagsdemonstraitonen, die Aktionen gegen "Hartz IV" und die Kundgebungen in Berlin am 2. und 3. Oktober 2004 haben die Welle der Zustimmung für die neue Partei vorbereitet ...

Bewegung und Strategie: Spannende Frage des Partners
Kommentar von Jürgen Reents, ND
Bringt ebenfalls die Linkspartei ins Spiel ... Auszug:
Die spannende, wenn auch alte Frage ist, ob die Sozialforumsbewegung einen politischen Partner finden kann, der ihr gegenüber unter Zurückstellung organisatorischer Egoismen zu glaubwürdigerem Respekt fähig ist. Schaut man auf die Sozialforumsthemen, wird sich eine solche Debatte vorrangig mit der Linkspartei auseinanderzusetzen haben. Am Sozialforum läge es, sich nicht selbst Fesseln aufzuerlegen und aus falsch verstandener Prinzipientreue eine Kooperation zu verweigern.

2. BERICHTE UND DOKUMENTATIONEN

3. ORGANISATORISCHES

Gegenüber der vorliegenen Beilage gibt es Abweichungen, die zunächst unklar sind. So gibt es in der Jungen Welt ein Interview mit Ulrich Franz vom Sozialforum in Wuppertal, in dem dieser deutliche Kritik äußert (S. 7)
In Erfurt werden die großen Organisationen dominieren, ist im Augenblick mein Eindruck.

Idee „Offener Raum“ auf dem Sozialforum 2005

Der offene Raum soll ein bunter Ort von Räumen und Drumherum mit vielfältigen Aktivitäten und Handlungsmöglichkeiten sein. Grundidee ist, dass hier nicht etwas Fertiges und Vorgeplantes den BesucherInnen des Sozialforums und Interessierten aus der Stadt und Umgebung vorgesetzt wird, sondern Möglichkeiten zum eigenen Aktivwerden gegeben werden. Die Aktivitäten, Workshops, Kulturereignisse und schlicht das ganze „Programm“ dieses Ortes entsteht aus den vorher angemeldeten oder vor Ort spontan organisierten Beiträgen der Menschen auf dem Sozialforum und in der Stadt selbst. Dafür soll der „Offene Raum“ selbstorganisiert und selbstverwaltet ohne zentrale Struktur sein, d.h. alle Teile und Beteiligten stehen „auf gleicher Ebene“ (Horizontalität des Raumes). Gemeinsame Strukturen wie Informationswände, Treffpunkte oder die offenen Plattformen dienen der Vorbereitung von Kooperation, der Organisierung von Transparenz, sind aber niemals selbst Subjekt des Handelns, d.h. sie fällen keine Entscheidungen über andere, handeln nicht als Kollektiv im Namen aller oder andere und agieren nicht durch VertreterInnen, sondern immer die Menschen selbst. Zudem: Der horizontal-herrschaftsfreie Raum ist offen und kontrollfrei. Auseinandersetzungen und Streit sollen offensiv gefördert, allerdings niemals durch eine zentrale Entscheidung von oben „gelöst“ werden. Direkte Intervention, also das Einmischen der Menschen ins Geschehen, als Alternative zu Regeln und Sanktionen sollen beworben und trainiert werden - auch als Utopie für einen Alltag danach!

Was kann im „Offenen Raum zu Widerstand und Utopien“ alles entstehen?
Die folgende Übersicht ist nicht Endgültiges, aber ein allgemeiner Überblick, aus welchen Teilen ein „Offener Raum“ auf dem Sozialforum bestehen kann:

Offene Plattformen aller Art
Das sind Räume, in denen Menschen eine Einrichtung finden, mit der sie selbst nach eigenen Ideen aktiv werden können. Beispiele sind:

Open-Space-Zonen und Lernort von unten
Freie Räume mit passender Ausstattung für Treffen, Workshops, Seminare, Vorträge, Streitgespräche, Diskussionen usw. Das ganze ist als Open-Space eingerichtet mit Wandzeitungen zum Geschehen, Gruppenräumen und einem zentralen Infopunkt. Wer etwas machen will, belegt für einen konkreten Zeitraum einen Raum. Alle Veranstaltungen sind offen und offen anzukündigen. Auf den Wandzeitungen können Ideen für Aktivitäten, angekündigte und laufende Aktivitäten (mit Kontakt, Ort und Zeit) und gelaufene Aktivitäten (möglichst mit Kurzprotokoll und Kontakt) angekündigt werden.
Besondere Ideen sind bisher:

Alternativen probieren
Teil des „offenen Raumes“ soll das Ausprobieren von Alternativen sein für eine andere Welt und einen anderen Alltag. Bislang in der Diskussion sind:

Projekte
Einige konkrete Projekte können im und um den offenen Raum agieren. Es gibt schon einige Rückmeldungen mit konkreten Ideen, z.B.

Kultur
Neben offenen Plattformen auch für Kunst (Musik, Malen ...) gibt es die Idee einer offenen Kleinkunstbühne, z.B. in einer Aula oder (dort wollen Menschen anfragen) in anderen Räumen, wo (so die Idee) rund um die Uhr ähnlich des 72h-Lernorts immer ein Programm läuft, nur hier mit Musik, Theater, Jonglage und mehr. Das soll aus dem Engagement der BesucherInnen des Sozialforums entstehen, wobei Voranmeldungen von Bands, Theatergruppen, KinomacherInnen usw. möglich sind.

Drumherum
Ausstellungen und mehr drumherum sind wünschenswert. Angekündigt sind u.a.: Direct-Action-Parcour, Gender-Ausstellung, Ausstellung zu Knast und Strafe.

Wikis für Infos und zum Ideen-Sammeln

Wikis sind Internetseiten, auf denen mensch nicht nur lesen, sondern sie selbst auch verändern, z.B. ergänzen kann. Auf den Wikis zum Sozialforum von unten können sich also alle Menschen nicht nur informieren, sondern selbst auch Ideen hinzutragen - das ist ein Teil des Versuch, auch die Vorbereitungsarbeit horizontal zu organisieren! Die Wikis wurden in den letzten Wochen der Vorbereitungsphase von der Vorbereitungsgruppe nicht mehr genutzt, sondern eine eigene, nicht einmal allen in der Vorbereitungsgruppe zugängliche Internetseite eingerichtet. Entsprechend sind die Wikis inaktuell oder gar leer.
Die vorhandenen Wikis (Internetseite, die von jedermensch ergänzt werden können):

Allgemeines, Idee des offenen Raumes usw.:

Konkrete Projekte und Aktivitäten

Weitere Internetseiten zum Sozialforum von unten und offenen Räumen

Rückblicke auf das Sozialforum in Erfurt

Auf einer Extra-Seite wird gesammelt, was an Reflexionen und Hintergrundinformationen zum Verlauf des Sozialforums 2005 zu finden ist - auch mit klaren kritischen Positionen zum sog. "Offenen Raum" und eventuellen hierarchischen, intransparenten Strukturen oder unpolitischen Orientierungen. Eine Sammlung von Auswertungstexten der am sog. "Offenen Raum" beteiligten Menschen hier ... , die ehemalige Internetseite zum offenen Raumgibts nicht mehr. Auswertungsbericht des Offenen Raumes (Berichte, Fotos ...) hier als PDF.

Weiter so ... neue Konferenz

Auf der Versammlung sozialer Bewegungen, dem Trick, dass das Sozialforum doch Beschlüsse fassen kann, wurde für November 2005 eine Aktions- und Strategiekonferenz beschlossen. Informationen dazu:

Aus Angela Kleins Kommentar zur Bundestagswahl in der SoZ Nov. 2005 (S. 3)
Was heute zudem fehlt, ist ein strategisches Zentrum für außerparlamentarische Opposition, eine Struktur, die zugleicht Kontinuität in der Arbeit soziale Verankerung, Offenheit und Bündnisfähigkeit aufweist. ... Auf der Aktionskonferenz in Frankfurt wird es darauf ankommen, in dieser Richtung weiter zu gehen.

Immer wieder dieselbe Leier: Alle sitzen an einem Tisch ... doch wer ist "alle"?
Aus Wolfgang Pomrehn, "Ende der Resignation" in: Junge Welt, 1.11.2005 (S. 3)
Am Ende, so die Planung, soll man sich auf ein paar wenige zentrale Protestveranstaltungen einigen. ... In der Mainmetropole werden endlich alle Akteure an einem Tisch sitzen.

Links

Machtkämpfe und Vereinnahmungen
Instrumentalisierung in politischer Bewegung
Organisierung von unten

 

Etliche Texte und Zitate sind mit, andere ohne Namen - das liegt zum einen daran, wie wir die Texte bekommen haben, zum anderen können die, deren Texte hier abgedruckt sind, auch selbst bestimmen ... Mail mit Begründung genügt und der Name wird, wenn das Argument überzeugt, gestrichen bzw. hinzugefügt.