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Materialversand

Pro autoritäre Strukturen
Die Einführung von Hierarchien in Gruppen, Netzwerken und Bündnissen ist gewollt!

Befürwortung zentraler Strukturen ++ Texte und Infoseiten dazu ++ Umgang damit ++ Repression nach innen ++ Gegenentwürfe ++ Links

Achtung! Die Informationen über moderne Hierarchien sind auf verschiedenen Seiten gestreut. Diese hier informiert darüber, dass Hierarchien nicht nur Zufall oder Unachtsamkeit sind, sondern oft gewollt. Es geht um Macht, Kontrolle und Ausrichtung der Beteiligten auf einheitliche Positionen und Protestziele. Zunehmend die Oberhand gewinnt zudem der Konkurrenzkampf um die ökonomischen Ressourcen des Protestmanagements: Spenden, Mitglieder, Medienanteile.
Folgende zwei Seiten informieren über die bestehenden Hierarchien moderner Protestgruppen:

Offene Befürwortung zentraler bzw. hierarchischer Strukturen

Gruppe aus der G8-Heiligendamm-Vorbereitung will vertikale Strukturen für immer
Im Original: Ausgrenzung praktisch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Vorbereitung des G8-Protestes
Es ist nun einmal eine Tatsache, dass die Linke nur dann erfolgreich diese Gesellschaft bekämpfen kann, wenn sie fähig ist, jede Form der Repression zu verkraften. Es ist dabei egal, ob die Repression zuschlägt, wenn die Linke noch nicht die Herrschenden vertrieben hat, oder aber die alten Herrschenden sich nach der Revolution neu sammeln und von außen die Revolution angreifen. Repression ist beides - und für beides gibt es Beispiele: Die Linke in Deutschland konnte im Nationalsozialismus mit kläglichen Resten nur deshalb überleben, weil eben vertikale Strukturen bestanden, und zwar nicht nur bei der Agitation auf der Straße, sondern selbst in den Konzentrationslagern. Wie stellt ihr euch eigentlich die Selbstbefreiung von Buchenwald vor, mit Hilfe einer VV? Oder aber den Widerstand in Frankreich, Jugoslawien, Griechenland, Albanien und Italien? Wie glaubt ihr, konnte die Rote Armee die faschistische Bestie bis nach Berlin verfolgen? Wir haben schon immer vermutet, dass Antideutsche mit Antifaschismus rein gar nichts zu tun haben, hier zeigt sich eklatant die Distanz zur Geschichte der Linken, die auch unsere ist. Selbstverständlich ist es notwendig, auch nach der Revolution Strukturen zu haben, die die Verteidigung organisieren. Das zeigt der faschistische Überfall auf die Sowjetunion, dies zeigen aber auch die imperialistischen Angriffe auf Kuba und Nicaragua, oder aber die Militärputsche gegen missliebige Regierungen wie von Mossadegh im Iran oder Lumumba im Kongo. Egal was wir wollen, die Repression zwingt uns dazu, vertikale Strukturen zu unterhalten. Und damit diese nicht wieder in einen Personenkult und zur Internierung und Liquidierung linker Kritik und Opposition führen, ist es notwendig, diese Strukturen genau zu diskutieren und gegebenenfalls zu korrigieren. Eine Haltung, die dies schlicht leugnet, wird jedoch verdammt sein, die Geschichte zu wiederholen.
Des weiteren ist die Kritik der Inhalte-AG an unserer Position eine einzige Heuchelei. Wer auf der einen Seite gegen vertikale Strukturen wettert, sollte nicht Sachverhalte verdrehen oder mit Unterstellungen arbeiten, denn beides reproduziert vertikale Strukturen.


AVANTI - Projekt undogmatische Linke in "Kopenhagen 2002" Nr. 2 (S. 1/2)
Das bedeutet für uns, dass wir bei Aktionen und Demonstrationen die Anweisungen der gewählten Demonstrationslettungen befolgen und nach Möglichkeit unterstützen werden. Im Fall von Polizeiübergriffen ist ein gemeinsames, solidarisches Handeln besonders wichtig. Gegengewalt ist dazu häufig gerade nicht geeignet, da sie eine chaotische, für alle Seiten unkontrollierbare Situation schaffen kann. Aus dieser  Überlegung heraus akzeptieren wir die Festlegung der dänischen Bündnisse, die auch Gegengewalt gegen Polizeiübergriffe ablehnt.
Mehr Beispiele
Kopiersklavin

Zum Bild rechts: Total "witziges" Vorwort im Informationsdienst Verkehr von Umkehr e.V. Menschen werden als ZuarbeiterInnen degradiert und konstruiert.

Nur wer Einheitlichkeit bildet, ist für die AAB (Antifa Berlin) ernst zu nehmen
Aus einem Interview mit der Jungen Welt, 1.2.2003
Wenn eine politische Gruppe in einer solche zentrale Frage [gemeint ist der Irak-Krieg] keine Position beziehen will oder kann, ist sie nicht ernstzunehmen.

Ideologie: Die Liebe der Linke zu Autoritäten

Junge Welt, 23.8.2005 (S. 8)

Junge Welt mit Unterzeile: "Hoffnungsträger Lateinamerikas: ..." - 5 Regierungschefs.

Texte zu Grenzen, Ausgrenzungen, Streitkultur, Debatte und Beliebigkeit

Texte zu politischer Organisierung
Es geht viel schlimmer ...
Verhaltens- und sogar Dresscodes - autoritär durchgesetzt

Aushang (mehrfach, aber anonym) auf dem Klimacamp 2016 ++ im Original
Schwarze Widerstandssymbole auf weißen Köpfen?!
Dreadlocks sind genau wie Irokesenschnitte, gedehnte Ohrläppchen und Tätowierungen inzwischen besonders in linken Kreisen weit verbreitet. Zum einen dienen sie als Szene-Code, zum anderen als Zeichen des Widerstandes gegen eine Kultur, in der die meisten der überwiegend weißen, jungen und gebildeten Aktivist*innen ein enorm privilegiertes Leben führen. Den Ursprung dieser Symboliken kennen die wenigsten.
Als Ausdruck tiefer Spiritualität und Abkehr von allem weltlichen (inklusive Kämmen und Bürsten) entstammen Dreadlocks sowohl dem afrikanischen (Rastafari) als auch dem indischen (Sage, Yogi) Raum. Erst zur Zeit der Sklaverei erhielten sie durch die unzähligen gefangenen und versklavten Personen aus Indien und Afrika Einzug in die USA, wo sie später von der Schwarzen Bürgerrechts- und Black Power-Bewegung der 1950er und 1960er Jahre aufgegriffen worden sind. Gemeinsam mit dem Afro-Look wurden sie zum Symbol des Widerstandes gegen Marginalisierung, Imperialismus und weiße Schönheitsnormen.
In diesem Kontext, wirkt es geradezu absurd, dass Weiße sich heutzutage dieser Symboliken bedienen. Doch im Gegensatz zu den vielen Schwarzen Personen, die sich durch diese Aneignung wütend und verletzt fühlen, scheint das den meisten Weißen irgendwie nicht klar zu sein. Dabei gibt es diese Kritik auch im deutschsprachigen Raum.
Wenn PoC in der Öffentlichkeit Saris, Bindis oder Turbane tragen, dann gelten sie als nicht integrationswillig und rückschrittlich. Weiße Personen hingegen werden in ähnlicher Kleidung als weltoffen, exotisch und modisch gelesen. Ob sie die Bedeutung kennen oder nicht spielt in erster Linie keine Rolle, weil sie ein Privileg genießen, welches ihnen auf der Grundlage ihrer Hautfarbe zugestanden wird.
Sich Dreads wachsen oder die Ohrlöcher dehnen zu lassen bedeutet noch lange nicht, weiße Privilegien abzulegen. Weiße können problemlos Dreadlocks tragen, ohne dadurch rassistische Implikationen hervorzurufen. Schwarze nicht. Mit diesem Wissen im Hinterkopf, erscheinen Dreadlocks bei Weißen eher als eine Zurschaustellung von Privilegien, denn als antirassistische Praxis. Weißsein ist in unserer rassistischen und rassifizierten Welt die Norm. Das ist ein Fakt, von dem Weiße profitieren und Schwarze eben nicht. Weiße können es sich aussuchen, für einen gewissen Zeitraum ein bisschen aus der Reihe zu tanzen und vielleicht mal den ein oder anderen skeptischen Blick zu ernten. Für Schwarze ist das Alltag - und zwar ein Leben lang.
Es steht Weißen schlichtweg nicht zu, darüber urteilen, ob bestimmte Praktiken nun rassistisch sind oder nicht. Weiße Privilegien zu reflektieren bedeutet schließlich auch, Deutungshoheit abzugeben und damit aufhören, Schwarze Befindlichkeiten zu relativieren und in Frage zu stellen. Es reicht aus, bei Google die Wörter ,,dreadlocks racism“ oder „dreadlocks cultural appropriation“ einzugeben, um eine Ahnung davon zu bekommen, wieviele Schwarze Menschen sich durch weiße Dreadlocksträger*innen verletzt fühlen. Schwarze Widerstandssymbole haben auf weißen Köpfen nicht zu suchen. Punkt.
Leseempfehlung: Sow, Noah (2009): Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus. München: W. Goldman

Im Original: No-Go-Areas im Linken-Lande ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Der folgende Text war eine Reaktion auf den Sexismusvorwurf, wirft aber eigene Fragen und Provokationen auf, daher steht er als eigener Beitrag plus Stellungnahmen  - wiederum anonymisiert, um nicht dem (weiteren?) Mißbrauch des Sexismusvorwurfes zur Denunziation Vorschub zu leisten. Die Debatte hier ist offen und unterliegt weder Zensur noch Denunziation.
Per Email:
Es gibt Leute, die bezeichen sich als Antikapitalisten und würden niemals ihren verwöhnten Arsch aus ihrer Mietswohnung in eine Wagenburg kriegen.
Es gibt Leute, die bezeichnen sich als Antifaschisten und würden niemals ihren feigen Hintern des Nachts zu einer NPD-Zentrale schleppen, um deren Inneneinrichtung aufzumöbeln.
Es gibt Leute, die bezeichnen sich als Tierrechtler und glauben, dass ihr lactovegetarisches Milch&Eier-Gekrautere irgendeine konsequente Struktur hätte.
Es gibt Leute, die bezeichnen sich als Antisexisten und sind heimlich immer noch stolz auf die Leistungen ihrer zwischen ihren Schenkeln baumelnden Mordwaffe.
Schluss mit diesem Wischiwaschi. Ich will mich ja hier nicht als Szenediktator aufspielen, aber es muss erlaubt sein, einen gehörigen Verlust von Konsequenz im "emanzipatorischen Widerstand"; zu bedauern. Irgendwie scheinen die Leute zu denken, dass es hier nur noch um Events und spannende Revolutionspiele geht, von denen mensch sich zuhause warm und mollig auf der Couch erholen kann. Ja glaubt Ihr denn allen ernstes, dass eine emanzipatorische Gesellschaft mit Couchen zu haben is? Oder mit Tee am Sonntag. Mit Gemütlichkeit? Mit Eiern und Milch? Mit all den bunten Errungenschaften der völlig von pseudorevolutionärer Hühnerkacke durchsetzten Kulturindustrie? Wo ist er denn, der entschlossene Widerstand, der sich durch sowas wie eine klare, selbstverständlich von allen eingehaltene Linie auszeichnet? Es kann doch nicht sein, dass wir stundenlang mit Toleranz-faselnden ReformistInnen in Plena diskutieren müssen, die uns weismachen wollen, dass wir der bürgerlichen Schnauzbartpresse mehr als unseren veganen Dünnschiss aufs Auge drücken sollten. Ich hab die Schnauze voll davon, auf Widerstandscamps mittlerweile eine wahre Invasion systemkonformer Event-Revoluzzer zu dulden, die mir in ihrem Nofx-T-Shirt erzählen wollen, wie geil sie auf dem Bizarre abgekackt sind?
Ich hab's satt, mich mit versoffenen Chaostagepunks rumzuschlagen, die von unserer politischen Motivation gerade soviel wissen, wie zwischen ihre Buttons passt. Was ist eine antihierarchische, emanzipatorische Bewegung wert, wenn sie so offen ist, dass sämtliche systemfreundliche, reformistische, Lifestyle-Linke Positionen in sich aufnimmt und sich dann beschwert, dass sie vor lauter interner Diskussionen zu keinem Ergebnis mehr kommt. Es ist doch ganz einfach: Schotten dicht für alle reformistischen Weicheier, die am Tage der Revolution krampfhaft versuchen würden, das Haus ihrer Familie zu verteidigen und uns dann so einen Blödsinn wie"Ideeller Wert" der Enteignung entgegenjammern.
An dieser Stelle kann ich  nur die Gießener Antisexismus-Gruppe für ihre konsequente Vorgehensweise gegen jeden Sexisten loben, die sich nicht ihre eigene Bewegung von wimmernden Weltverstehern aufweichen lässt.
Bleibt zu sagen, wenn wir den linksradikalen Widerstand retten wollen, sollten folgende Positionen diskutiert werden:
Ausschluß aller
AutofahrerInnen
Basisdemokraten
Chamäleons der Politik
Event-HopperInnen
Lacto-VegetarierInnen
Sexisten
ReformistInnen
"Man muss die Leute verstehen"-SagerInnen
SubjektivistInnen
RelativistInnen
ExistenzialistInnen
KünstlerInnen (save true punk!)
PhilosophInnen
"Ich teile mein Haus nicht mit flohbestückten Kampflesben"-Denker
und all dem anderen menschlichen Gesocks, dass uns erzählen will, wir sollten dieser verachtenswerten Gesellschaft mit irgendetwas anderem als konsequentem, straighten, puren, emanzipatorischen, kämpferischem Hass begegnen!
Feuer und Flamme für diesen Staat und alle außer uns!

Antwort per Email:
sag mal martin, hast du eigentlich 'n schaden? Ich weiß zwar nich, was du unter 'punk' verstehst, aber ich  persönlich versteh darunter nich, ein völlig spartanisches leben zu führen, aus überzeugung auf dem nackten Boden eines Bauwagens sitzend, aus überzeugung halbverhungert und aus überzeugung ohne kontakt zu irgendwem außerhalb. Ich halte gewalt durchaus für ein Mittel, wenn auch das letzte, aber es ist auf jeden Fall KEIN Mittel, stumpf auf alles einzukloppen was einen stört! JA, ich war auf den Chaostagen,habe gesoffen und mich mit Bullen gekloppt, aber ich spreche trotzdem mit gewaltablehnenden Antialkoholikern immer noch wie mit menschen! Und JA ich bin Ovo-lacto-vegetarier, wenn auch von der etwas radikaleren Art, aber ich sehe nicht ein, warum ich keine Freilandeier essen und keine Biomilch trinken soll?! UND: JA ich habe eine Couch, fließend wasser und trinke Tee, wenn ich das möchte, aber ich laufe trotzdem mit 'nem knüppel in der Tasche rum und verkloppe Faschos, wenn es sein muß. Binn ich jetzt ein winselndes weichei? Und ist nicht ein linkes winselndes weichei immer noch besser als ein unpolitisches oder gar rechtes winselndes Weichei?! Meinetwegen leb du dein radikales, spartanisches leben, aber versuch nich mir zu erzählen, wie ich meins zu leben hab! GET UNITED! LINXRADIKALE ALLER LÄNDER UND GRUPPEN VEREINIGT EUCH! VIVA LA REVOLUTION!

Weitere Antwort per Email:
> Es gibt Leute, die bezeichen sich als Antikapitalisten und würden niemals
> ihren verwöhnten Arsch aus ihrer Mietswohnung in eine Wagenburg kriegen.
> Es gibt Leute, die bezeichnen sich als Antifaschisten und würden niemals
> ihren feigen Hintern des Nachts zu einer NPD-Zentrale schleppen, um deren
> Inneneinrichtung aufzumöbeln.
> Es gibt Leute, die bezeichnen sich als Tierrechtler und glauben, dass ihr
> lactovegetarisches Milch&Eier-Gekrautere irgendeine konsequente Struktur
> hätte.
> Es gibt Leute, die bezeichnen sich als Antisexisten und sind heimlich
> immer noch stolz auf die Leistungen ihrer zwischen ihren Schenkeln baumelnden
> Mordwaffe.
> Ich will mich ja hier nicht als  Szenediktator aufspielen, aber es muss erlaubt sein, einen gehörigen Verlust von
> Konsequenz im „emanzipatorischen Widerstand“ zu bedauern.
lieber martin hülsen du kannst bedauern was du willst, aber das bleibt eben auch ohne konsequenz. wie sollen denn deine ausschluss-fantasie umgesetzt werden? wer soll das denn für dich machen?
>glaubt Ihr denn allen ernstes, dass eine emanzipatorische Gesellschaft mit Couchen zu haben is?
>Oder mit Tee am Sonntag. Mit Gemütlichkeit? Mit Eiern und
>Milch? Mit all den bunten Errungenschaften der
>völlig von pseudorevolutionärer Hühnerkacke durchsetzten Kulturindustrie?
ja, das glaube ich, denn wozu soll ich mich emanzipieren, wenn nicht zu einer gesellschaft, in der ich frei, angenehm und nach
meinen vorstellungen leben und spaß haben und mehr als überleben kann
> wo ist er denn, der entschlossene Widerstand, der sich durch sowas wie eine
> klare, selbstverständlich von allen eingehaltene Linie auszeichnet?
ich glaube, der ist mit dem letzten stalinisten gestorben, und dasd ist gut so.
. Was ist eine antihierarchische, emanzipatorische Bewegung
> wert, wenn sie so offen ist, dass sämtliche systemfreundliche, reformistische,
> Lifestyle-Linke Positionen in sich aufnimmt und sich dann beschwert, dass
> sie vor lauter interner Diskussionen zu keinem Ergebnis mehr kommt. Es ist
> doch ganz einfach
nein, ist es nicht. politischer kampf bedeutet nun mal diskussion und auseinandersetzung, auch wenns dir nicht gefällt. ich setz
mich ja auch mit dir auseinander.
> – Schotten dicht für alle reformistischen Weicheier,
> die am Tage der Revolution krampfhaft versuchen würden, das Haus ihrer
> Familie zu verteidigen und uns dann so einen Blödsinn wie „Ideeller
> Wert“ der Enteignung entgegenjammern.
ich würd mich von dir auch nicht enteignen lassen wenn ich ein haus hätte, weil ich glaube, dass du der eraste wärst, der mein
haus zu deinem privateigentum machen würdest, wofür du dann eine erklärung aus deinem antifaschistischem brevier ziehen
würdest.
> Bleibt zu sagen, wenn wir den linksradikalen Widerstand retten wollen,
> sollten folgende Positionen diskutiert werden:
wenn die ganze beweguung deiner meinung nach aus diesen typen besteht, willst du wirklich mit denen diskutieren?
> Auschluß aller
>
> AutofahrerInnen
> Basisdemokraten
> Chamäleons der Politik
> Event-HopperInnen
> Lacto-VegetarierInnen
> Sexisten
> ReformistInnen
> „Man muss die Leute verstehen“-SagerInnen
> SubjektivistInnen
> RelativistInnen
> ExistenzialistInnen
> KünstlerInnen (save true punk!)
> PhilosophInnen
> „Ich teile mein Haus nicht mit flohbestückten
> Kampflesben“-Denker
>
> und all dem anderen menschlichen Gesocks, dass uns erzählen will, wir
> sollten dieser verachtenswerten Gesellschaft mit irgendetwas anderem als
> konsequentem, straighten, puren, emanzipatorischen, kämpferischem Hass begegnen!
immerhin ist selbst das gesocks für dich noch menschlich, das heißt, du bist von den faschos noch einen schritt weit weg.
> Feuer und Flamme für diesen Staat und alle außer uns!
bis zu deinem schlusssatz hab ich noch geschwankt, aber jetzt weiß ich: du bist einfach ein guter satiriker. das hoffe ich für den
ganzen linksradikalen widerstand.
Andere über autoritäre Strukturen

Verfassungsschutzbericht NRW 2002 (S. 183)
Da durch den stetigen Rückgang an Aktiven in der Anti-Kernkraft-Bewegung die Masse der Demonstrierenden nicht mehr für sich spricht, sondern zuletzt immer mehr Organisationen dazu über gegangen sind, Sprecher zu etablieren, werden die Strukturen anfällig für Hierarchien und Personenkult - Reizthemen für jene linksextremistisch beeinflussten Kreise, die Herrschaftsstrukturen und Fremdbestimmung entschieden ablehnen.

Umgang mit autoritären Strukturen in linken Zusammenhängen:

Aus einem Mail der Hoppetosse - Mailingliste:
Debatte um Organisationsformen von unten
Die Beliebigkeit hier halte ich für falsch. Ich bin gegen Ausgrenzung, aber für Streit und Diskussion. In "linken" Zusammenhängen gibt es eine satte Mehrheit (zumindest in Deutschland) einer autoritären Linken. Das dabei immer auf Linksruck gedeutet wird, lenkt davon ab, daß das Phänomen eher der Allgemeinzustand ist. Die Forderung nach meinem Rauswurf aus der Liste und der absolute Skandal des Rauswurfs der Projektwerkstatt aus dem Inihaus in Bad Oldesloe (noch dazu im Kungel mit dem Staat/Agenda) sind keine Aktionen von Linksruck, sondern von autoritären linken Gruppen, die oftmals antihierarchische Slogans schwingen. Intransparent, Kungel und Filz, Kader, Mehrheitsabstimmungen oder Vetodiktatur, informelle Zirkel, finanzielle Abhängigkeiten - all das ist Alltag!
Zur Zeit tun wir einfach so, als wäre das alles nicht so schlimm. Nochmal formuliert: Ich bin gegen jegliche Ausgrenzungen, die sich nicht aus politsichen Positionen oder konkret diskriminierenden Verhalten begründet. Aber ich kann nicht einsehen, daß wir einfach so locker hinnehmen, daß weiter die politischen Zusammenhängen in unserem eigenen Umfeld unreflektiert aus autoritären Strukturen bestehen.

Auch die Auseinandersetzung um das Januartreffen hat gar nix bewirkt.

Ich finde es wichtig, daß wir uns offen als Diskussionszusammenhang einer Bewegung von unten begreifen und klar Position dafür beziehen - Kritik ohne Ausgrenzung (statt Ausgrenzung ohne AUseinandersetzung, wie es die autoritäre linke Mehrheit betreibt - gegeneinander und auch gegen Teile von uns, wenn es paßt).

Ich finde nicht, daß Hoppetosse alles und jedes ist. Ich möchte keinen Alleinvertretungsanspruch haben. Aber die autoritäre Scheiße, die in der deutschen Linken abläuft, möchte ich nicht unreflektiert stehen lassen. ICH WILL ETWAS ANDERES ... möchte es entwickeln, möchte mich reiben, reflektieren, eigene Dominanzen benennen, überwinden, kreativen Widerstand aufbauen.

Im Original: Aus der Hoppetosse - Mailingliste ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Zentrale Strukturen gibt es, weil ...
  • jemand oder Leute es so wollen.
  • aus Tradition (weil es mal früher Leute so wollten und alles ein bißchen erstarrt ist bzw. andere Gründe), so schätzte der Mensch Linksruck selbst ein
  • weil Bewegung/Widerstand von unten nicht funktioniert, z.B. aufgrund einer beeindruckend Unfähigkeit zur Selbstorganisierung von Basisgruppen. So schätze ich mal die Projektwerkstatt hier ein, die ja irgendwie auch eine Zentrale für vieles ist - und ohne den energischen Zugriff in Abläufe hinein so manche Aktion, Zeitung, Buch, Broschüre, Internetseite usw. der letzten Zeit nicht funktioniert hätte (diese Beschreibung trifft noch auf viele andere Projekte zu - aber ich wollte mal eine Kritik an mir selbst als Beispiel benennen.
Einige zentrale Strukturen aller drei Typen (gibt es noch mehr?) vertuschen ihre Zentralität ... was es nciht einfacher macht.
Was ich an diesem Gedankengang so spannend finde, ist folgendes: Ich finde, die Debatte um die Skandalösität der Existenz und Wirkungsweise von Zentralen steht zu sehr im Mittelpunkt. Zwar finde ich die Kritik richtig und wichtig (und mische ja kräft mit ;-), aber eine Überwindung zentraler Strukturen führt nicht zu einer Bewegung/Organisierung von unten, denn solange der Punkt 3 fehlt, werden immer irgendwelche Leute aus Idealismus und Willen zur Veränderung Dinge an sich reißen (siehe Genua-Zeitung ... im Zweifel mache ich die halt ziemlich allein - das ist dann zwar immerhin transparent, aber selbst das könnte ich noch ändern, ohne daß jemand sich groß beklagen würde ... leider).
Das Hauptaugenmerk muß daher auf die systematische Organisierung von Basis-Zusammenhängen hin zu einer eigenständigen Handlungsfähigkeit führen. Sie überwindet alle drei Formen der Zentralität. Handlungsfähige Basisgruppen entscheiden selbstverständlich über ihre Aktionen - ob sie selbst was machen, wo sie überregionale Aktionen mittragen, welche Kontakte sie mit anderen Gruppen haben usw.
In zentralen Strukturen haben z.B. die Kontakt miteinander, die den gleichen Namen haben, der gleichen Organisation angehören. Es ist ein bißchen wie eine Familie. Selbstbestimmte Basisstrukturen halten Kontakt, mit wem sie wollen - wo eine Debatte spannend ist, wo es thematisch paßt, wo eine gemeinsame Aktionsidee besteht usw. Das wäre eher eine Wahlverwandtschaft.
Aktuell sind „linke“ Bewegungen eher familiär orientiert. Es wird Zeit für eine Pubertät.

Aus: Michael Wilk, 1999: Macht, Herrschaft, Emanzipation, trotzdem-Verlag (S.130)
PC=Politicalcorrectness-, das richtige politische Verhalten. Begriff aus dem angloamerikanischen Raum, mit in meinen Augen dann zweifelhafter Wirkung, wenn er die Auseinandersetzung über Verhalten, auf die Erfüllung von Verhaltenskodizis reduziert.

Repressionsschutz als Repression

Mit der Behauptung, die Repression durch Polizei und Verfassungsschutz zu verhindern, werden in vielen politischen Zusammenhängen krasse und autoritäre Verhaltensmaßregeln durchgesetzt. Zudem sichern sich die Eliten in den Bewegungen mit Verweis auf Repressionsgefahren oft selbst in ihren dominanten Stellungen ab. Wenn über Polizeikontakte und Sicherheitsüberlegungen nicht mehr offen geredet wird, dann heißt das nicht, dass das nicht stattfindet, sondern die Eliten das unter sich klären und auch die Absprachen mit der Polizei selbst machen. "Anna & Artur halten's Maul" gilt jedenfalls nur für die Menschen, die als Teil der Herde mobilisiert werden. Viele Eliten haben regelmäßige Kontakte, führen Vorgespräche zu Demonstrationen, schwätzen am Rande von Aktionen mit den Polizeioberen usw.

Anti-NATO-Proteste in München
Verbot kreativer Widerstandsstrukturen beim Castor in Lüneburg 2002
Gegen kreative Antirepression

Durch die Kader in Rote Hilfe und ähnlichen Organisationen wird seit Jahre eine gnadenlose Ausgrenzung gegenüber Leuten betrieben, die einen kreativ-offensiven Umgang mit Gerichten, Polizei und anderen Repressionsstrukturen fordern, entwickeln und/oder praktizieren. So sind im Rhein-Main-Gebiet und anderen Hochburgen der dogmatischen Linken immer wieder Veranstaltungen, z.B. die Ton-Bilder-Schau "Fiese Tricks von Polizei und Justiz" verhindert worden - platterweise einfach nur mit Drohungen. Die Herrschenden sehen amüsiert zu, wie interne AufpasserInnen ihnen das Leben leichter machen ...

Aus dem Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommern 2010 (S. 66)
Die Rostocker Ortsgruppe konzentrierte sich im Jahr 2010 auf die Auseinandersetzungen mit dem Bundesvorstand der „Roten Hilfe e. V.“ um den Umgang mit „kreativer Antirepression“. Seit den Protesten gegen den NATO-Gipfel 2009 hielten die Meinungsverschiedenheiten in der Gruppe „Rote Hilfe e. V.“ an; diese entzünden sich insbesondere an der Frage, ob die Organisation zu Provokationen gegenüber der Polizei und den Ordnungsbehörden aufrufen soll. Im Oktober 2010 gipfelte der Streit während einer Bundesversammlung der „Roten Hilfe e. V.“ in dem Ausschluss eines Rostocker Mitglieds, in dessen Folge weitere Mitglieder die „Rote Hilfe e. V.“ in Rostock verließen und eine neue Gruppe unter dem Namen „Schwarz-Rote Hilfe“ gründeten.

Gegenentwürfe

Aus einem Interview mit Monika Bricke von der Gruppe fels* (in Kleine Anfrage, Sonderausgabe, S. 14)
Die Bewegung in Deutschland ist natürlich immer wieder ein trauriges Kapitel. Selbst wenn es einem nicht unbedingt angenehm ist, muss man sagen, dass Attac schon so etwas wie eine Bewegung und auch ein Sammelpunkt für alle möglichen Leute ist. Um wieder dieses Unbehagen anzusprechen: Leute, die eher diffus merken "irgendetwas stimmt nicht und ich will was machen" - was macht man dann? Man geht zu Attac, weil Attac sichtbar ist, weil sie was machen und das muss dann ja noch nicht mal unbedingt besonders gut sein, aber sie machen halt was. Sie sind ansprechbar, sie wirken offen. Und das genau ist nach meiner Analyse und auch nach der von FelS eines der großen Probleme, warum es in Deutschland nicht zu einer richtig breiten Bewegung kommen kann. Denn gerade die radikale Linke ist so wenig offen und so ängstlich bemüht, bloß nicht mit den "falschen Leuten" Bündnisse einzugehen und vor allem auch so selbstzerfleischend. Die Auseinandersetzungen zwischen Antideutschen und Antiimperialisten oder ähnliche sind so dermaßen intern, die interessieren ja überhaupt niemanden, der auch nur ein bisschen außerhalb steht. Insofern ist es kein Wunder, dass Leute, die jetzt anpolitisiert werden bei Linksruck oder Attac landen, weil die sich auch darum bemühen, Leute für sich zu gewinnen. In der radikalen Linken habe ich immer den Eindruck, es geht darum ein möglichst kleiner Zirkel zu bleiben und möglichst unter sich zu sein und das ist kein Ansatz mit dem man zu einer Bewegung kommt.

*Die Gruppe fels, u.a. organisiert in ACT!, bringt häufig interessante Analysen heraus. In ihrer eigenen Praxis treten allerdings einige sonst kritisierte Punkte selbst auf - vor allem ein Hang zu Labeln und Selbstdarstellung bis zu kollektiv-identitären Strategien incl. Ausgrenzung.

Im Original: Rosa Luxemburg ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie (1903)
Es gehört zu den stehenden altehrwürdigen Wahrheiten, daß die sozialdemokratische Bewegung der zurückgebliebenen Länder von der älteren Bewegung der vorgeschritteneren Länder lernen müsse. Wir wagen, diesem Satze den entgegengesetzten hinzuzufügen: Die älteren und voranschreitenden sozialdemokratischen Parteien können und sollen ebensogut aus der näheren Bekanntschaft mit ihren jüngeren Bruderparteien lernen. Ebenso wie für den marxistischen Ökonomen - im Unterschied von dem bürgerlichen Klassiker und erst recht von dem Vulgärökonomen - alle der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vorangegangenen ökonomischen Stadien nicht einfach bloße Formen der „Unentwickeltheit“ im Hinblick auf die Krone der Schöpfung - den Kapitalismus - sind, sondern historisch gleichberechtigte verschiedene Typen der Wirtschaft, ebenso sind für den marxistischen Politiker die verschieden entwickelten sozialistischen Bewegungen bestimmte historische Individuen für sich. Und je mehr wir dieselben Grundzüge der Sozialdemokratie in der ganzen Mannigfaltigkeit ihres verschiedenen sozialen Milieus kennenlernen, um so mehr kommt uns das Wesentliche, das Grundlegende, das Prinzipielle der sozialdemokratischen Bewegung zum Bewußtsein, um so mehr tritt die durch jeden Lokalismus bedingte Borniertheit des Gesichtskreises zurück. Nicht umsonst vibriert in dem revolutionären Marxismus die internationale Note so stark, nicht umsonst klingt der opportunistische Gedankengang stets in eine nationale Absonderung aus. Der nachfolgende Artikel, der für die „Iskra“, das russische sozialdemokratische Parteiorgan, auf dessen Aufforderung geschrieben ist, dürfte auch für das deutsche Publikum von einigem Interesse sein.
I
Der russischen Sozialdemokratie ist eine eigenartige, in der Geschichte des Sozialismus beispiellose Aufgabe zuteil geworden: eine sozialdemokratische, auf proletarischen Klassenkampf zugeschnittene Taktik in einem absolutistischen Staate zu schaffen. Der übliche Vergleich der gegenwärtigen Verhältnisse in Rußland mit den deutschen zur Zeit des Sozialistengesetzes ist insofern hinfällig, als er die russischen Verhältnisse vom polizeilichen und nicht vom politischen Standpunkt ins Auge faßt. Die der Massenbewegung durch den Mangel an demokratischen Freiheiten in den Weg gelegten Hindernisse sind verhältnismäßig von untergeordneter Bedeutung: Die Massenbewegung hat es auch in Rußland verstanden, die Schranken der absolutistischen „Verfassung“ niederzurennen, und sich eine wenn auch verkrüppelte eigene „Verfassung“ der „Straßenunruhen“ geschaffen. Sie wird es auch fernerhin bis zu ihrem endgültigen Siege über den Absolutismus verstehen. Was die Hauptschwierigkeit des sozialdemokratischen Kampfes in Rußland bildet, ist die Verschleierung der bürgerlichen Klassenherrschaft durch die Gewaltherrschaft des Absolutismus, die der eigentlichen sozialistischen Klassenkampflehre notgedrungen einen abstrakten propagandistischen und der unmittelbaren politischen Agitation einen hauptsächlich revolutionär-demokratischen Charakter verleiht. Das Sozialistengesetz versuchte bloß, die Arbeiterklasse außerhalb der Verfassung zu stellen - mitten in einer hochentwickelten bürgerlichen Gesellschaft mit gänzlich bloßgelegten und im Parlamentarismus entfalteten Klassengegensätzen; darin bestand gerade der Wahnsinn, die Absurdität der Bismarckschen Unternehmung. In Rußland soll das umgekehrte Experiment vollzogen, eine Sozialdemokratie ohne die unmittelbare politische Herrschaft der Bourgeoisie geschaffen werden.
Dies hat nicht nur die Frage der Verpflanzung der sozialistischen Lehre auf den russischen Boden, nicht nur die Frage der Agitation, sondern auch die der Organisation ganz eigenartig gestaltet. In der sozialdemokratischen Bewegung ist auch die Organisation, im Unterschied von den früheren, utopistischen Versuchen des Sozialismus, nicht ein künstliches Produkt der Propaganda, sondern ein historisches Produkt des Klassenkampfes, in das die Sozialdemokratie nur das politische Bewußtsein hineinträgt. Unter normalen Bedingungen, das heißt dort, wo die entfaltete politische Klassenherrschaft der Bourgeoisie der sozialdemokratischen Bewegung vorausgeht, wird die erste politische Zusammenschweißung der Arbeiter in hohem Maße schon durch die Bourgeoisie besorgt. »Auf dieser Stufe«, sagt das Kommunistische Manifest, ist »massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter ... noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung der Bourgeoisie.« (1) In Rußland ist der Sozialdemokratie die Aufgabe zugefallen, einen Abschnitt des historischen Prozesses durch bewußtes Eingreifen zu ersetzen und das Proletariat direkt aus der politischen Atomisierung, die die Grundlage des absoluten Regimes bildet, zur höchsten Form der Organisation - als zielbewußt kämpfende Klasse zu führen. Die Organisationsfrage ist somit für die russische Sozialdemokratie besonders schwierig, nicht bloß, weil sie sie ohne alle formalen Handhaben der bürgerlichen Demokratie, sondern vor allem, weil sie sie gewissermaßen wie der liebe Herrgott »aus nichts«, in der leeren Luft, ohne das politische Rohmaterial, das sonst von der bürgerlichen Gesellschaft vorbereitet wird, erschaffen soll.
Das Problem, an dem die russische Sozialdemokratie seit einigen Jahren arbeitet, ist eben der Übergang vom Typus der zersplitterten, ganz unabhängigen Zirkel- und Lokalorganisation, die der vorbereitenden, vorwiegend propagandistischen Phase der Bewegung entsprach, zur Organisation, wie sie für eine einheitliche politische Aktion der Masse im ganzen Staate erforderlich ist. Da aber der hervorstechendste Zug der unleidlich gewordenen und politisch überholten alten Organisationsformen die Zersplitterung und die völlige Autonomie, die Selbstherrlichkeit der Lokalorganisationen war, so wurde naturgemäß die Losung der neuen Phase, des vorbereiteten großen Organisationswerkes: Zentralismus. Die Betonung des zentralistischen Gedankens war das Leitmotiv der „lskra“ in ihrer dreijährigen glänzenden Kampagne zur Vorbereitung des letzten, tatsächlich konstituierenden Parteitags (2), derselbe Gedanke beherrschte die ganze junge Garde der Sozialdemokratie in Rußland. Bald sollte sich jedoch auf dem Parteitag und noch mehr nach dem Parteitag zeigen, daß der Zentralismus ein Schlagwort ist, das den historischen Inhalt, die Eigentümlichkeiten des sozialdemokratischen Organisationstypus nicht entfernt erschöpft, es hat sich wieder einmal herausgestellt, daß die marxistische Auffassung des Sozialismus sich auf keinem Gebiet, auch nicht auf dem der Organisationsfragen, in starren Formeln fixieren läßt.
Das uns vorliegende Buch des Genossen Lenin, einer der hervorragenden Leiter und Streiter der „Iskra“ in ihrer vorbereitenden Kampagne vor dem russischen Parteitag (B), ist die systematische Darstellung der Ansichten der ultrazentralistischen Richtung der russischen Partei. Die Auffassung, die hier in eindringlicher und erschöpfender Weise ihren Ausdruck gefunden hat, ist die eines rücksichtslosen Zentralismus, dessen Lebensprinzip einerseits die scharfe Heraushebung und Absonderung der organisierten Trupps der ausgesprochenen und tätigen Revolutionäre von dem sie umgebenden, wenn auch unorganisierten, aber revolutionär-aktiven Milieu, andererseits die straffe Disziplin und die direkte, entscheidende und bestimmende Einmischung der Zentralbehörde in alle Lebensäußerungen der Lokalorganisationen der Partei (3). Es genügt, zu bemerken, daß zum Beispiel das Zentralkomitee nach dieser Auffassung die Befugnis hat, alle Teilkomitees der Partei zu organisieren, also auch die persönliche Zusammensetzung jeder einzelnen russischen Lokalorganisation von Genf und Lüttich bis Tomsk und Irkutsk zu bestimmen, ihr ein selbstgefertigtes Lokalstatut zu geben, sie durch einen Machtspruch ganz aufzulösen und von neuem zu erschaffen und schließlich auf diese Weise indirekt auch die Zusammensetzung der höchsten Parteiinstanz, des Parteitags, zu beeinflussen. Danach erscheint das Zentralkomitee als der eigentliche aktive Kern der Partei (4), alle übrigen Organisationen lediglich als seine ausführenden Werkzeuge.
Lenin erblickt gerade in der Vereinigung eines so straffen Zentralismus in der Organisation mit der sozialdemokratischen Massenbewegung ein spezifisch revolutionär-marxistisches Prinzip und weiß eine Menge Tatsachen für seine Auffassung ins Feld zu führen. Doch untersuchen wir die Sache etwas näher.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Sozialdemokratie im allgemeinen ein starker zentralistischer Zug innewohnt. Erwachsen aus dem wirtschaftlichen Boden des seinen Tendenzen nach zentralistischen Kapitalismus und angewiesen in ihrem Kampfe auf den politischen Rahmen des zentralisierten bürgerlichen Großstaats, ist die Sozialdemokratie von Hause aus eine ausgesprochene Gegnerin jedes Partikularismus und nationalen Föderalismus. Berufen dazu, allen partiellen und Gruppeninteressen des Proletariats gegenüber im Rahmen eines gegebenen Staates die Gesamtinteressen des Proletariats als Klasse zu vertreten, hat sie überall die natürliche Bestrebung, alle nationalen, religiösen, beruflichen Gruppen der Arbeiterklasse zur einheitlichen Gesamtpartei zusammenzuschweißen, wovon sie nur in exklusiven, abnormen Verhältnissen, wie zum Beispiel in Österreich, notgedrungen eine Ausnahme zugunsten des föderalistischen Prinzips macht.
In dieser Beziehung war und ist es auch für die Sozialdemokratie Rußlands keine Frage, daß sie nicht ein föderatives Konglomerat einer Unzahl nationaler und provinzieller Sonderorganisationen, sondern eine einheitliche, kompakte Arbeiterpartei des russischen Reiches bilden müsse. Eine davon ganz verschiedene Frage ist jedoch die nach dem größeren oder geringeren Grade der Zentralisation und nach deren näherer Beschaffenheit innerhalb einer geeinigten und einheitlichen Sozialdemokratie Rußlands (5).
Vom Standpunkt der formalen Aufgaben der Sozialdemokratie als einer Kampfpartei erscheint der Zentralismus in ihrer Organisation von vornherein als eine Bedingung, von deren Erfüllung die Kampffähigkeit und die Tatkraft der Partei in direktem Verhältnis abhängen. Allein viel wichtiger als die Gesichtspunkte der formalen Erfordernisse jeder Kampforganisation sind hier die spezifischen historischen Bedingungen des proletarischen Kampfes.
Die sozialdemokratische Bewegung ist die erste in der Geschichte der Klassengesellschaften, die in allen ihren Momenten, im ganzen Verlauf auf die Organisation und die selbständige direkte Aktion der Masse berechnet ist.
In dieser Beziehung schafft die Sozialdemokratie einen ganz anderen Organisationstypus als die früheren sozialistischen Bewegungen, zum Beispiel die des jakobinisch-blanquistischen Typus.
Lenin scheint dies zu unterschätzen, wenn er in seinem Buche (S. 140) meint, der revolutionäre Sozialdemokrat sei doch nichts anderes als »der mit der Organisation des klassenbewußten Proletariats unzertrennlich verbundene Jakobiner« (6). In der Organisation und dem Klassenbewußtsein des Proletariats im Gegensatz zur Verschwörung einer kleinen Minderheit erblickt Lenin die erschöpfenden Unterschiedsmomente zwischen der Sozialdemokratie und dem Blanquismus. Er vergißt, daß damit auch eine völlige Umwertung der Organisationsbegriffe, ein ganz neuer Inhalt für den Begriff des Zentralismus, eine ganz neue Auffassung von dem wechselseitigen Verhältnis der Organisation und des Kampfes gegeben ist.
Der Blanquismus war weder auf die unmittelbare Klassenaktion der Arbeitermasse berechnet, noch brauchte er deshalb auch eine Massenorganisation. Im Gegenteil, da die breite Volksmasse erst im Moment der Revolution auf dem Kampfplatz erscheinen sollte, die vorläufige Aktion aber in der Vorbereitung eines revolutionären Handstreichs durch eine kleine Minderheit bestand, so war die scharfe Abgrenzung der mit dieser bestimmten Aktion betrauten Personen von der Volksmasse zum Gelingen ihrer Aufgabe direkt erforderlich. Sie war aber auch möglich und ausführbar, weil zwischen der konspiratorischen Tätigkeit einer blanquistischen Organisation und dem alltäglichen Leben der Volksmasse gar kein innerer Zusammenhang bestand.
Zugleich waren auch die Taktik und die näheren Aufgaben der Tätigkeit, da diese ohne Zusammenhang mit dem Boden des elementaren Klassenkampfes, aus freien Stücken, die aus dem Handgelenk improvisiert wurden, im voraus bis ins Detail ausgearbeitet, als bestimmter Plan fixiert und vorgeschrieben. Deshalb verwandelten sich die tätigen Mitglieder der Organisation naturgemäß in reine Ausführungsorgane eines außerhalb ihres eigenen Tätigkeitsfeldes im voraus bestimmten Willens, in Werkzeuge eines Zentralkomitees. Damit war auch das zweite Moment des verschwörerischen Zentralismus gegeben: die absolute, blinde Unterordnung der Einzelorgane der Partei unter ihre Zentralbehörde und die Erweiterung der entscheidenden Machtbefugnisse dieser letzteren bis an die äußerste Peripherie der Parteiorganisation.
Grundverschieden sind die Bedingungen der sozialdemokratischen Aktion. Diese wächst historisch aus dem elementaren Klassenkampf heraus. Sie bewegt sich dabei in dem dialektischen Widerspruch, daß hier die proletarische Armee sich erst im Kampfe selbst rekrutiert und erst im Kampfe auch über die Aufgaben des Kampfes klar wird. Organisation, Aufklärung und Kampf sind hier nicht getrennte, mechanisch und auch zeitlich gesonderte Momente, wie bei einer blanquistischen Bewegung, sondern sie sind nur verschiedene Seiten desselben Prozesses. Einerseits gibt es - abgesehen von allgemeinen Grundsätzen des Kampfes - keine fertige, im voraus festgesetzte detaillierte Kampftaktik, in die die sozialdemokratische Mitgliedschaft von einem Zentralkomitee eingedrillt werden könnte. Andererseits bedingt der die Organisation schaffende Prozeß des Kampfes ein beständiges Fluktuieren der Einflußsphäre der Sozialdemokratie.
Daraus ergibt sich schon, daß die sozialdemokratische Zentralisation nicht auf blindem Gehorsam, nicht auf der mechanischen Unterordnung der Parteikämpfer unter ihre Zentralgewalt basieren kann und daß andererseits zwischen dem bereits in feste Parteikader organisierten Kern des klassenbewußten Proletariats und der vom Klassenkampf bereits ergriffenen, im Prozeß der Klassenaufklärung befindlichen umliegenden Schicht nie eine absolute Scheidewand aufgerichtet werden kann. Die Aufrichtung der Zentralisation in der Sozialdemokratie auf diesen zwei Grundsätzen - auf der blinden Unterordnung aller Parteiorganisationen mit ihrer Tätigkeit bis ins kleinste Detail unter eine Zentralgewalt, die allein für alle denkt, schafft und entscheidet, sowie auf der schroffen Abgrenzung des organisierten Kernes der Partei von dem ihn umgebenden revolutionären Milieu, wie sie von Lenin verfochten wird - erscheint uns deshalb als eine mechanische Übertragung der Organisationsprinzipien der blanquistischen Bewegung von Verschwörerzirkeln auf die sozialdemokratische Bewegung der Arbeitermassen. Und Lenin hat seinen Standpunkt vielleicht scharfsinniger gekennzeichnet, als es irgendeiner seiner Opponenten tun könnte, indem er seinen „revolutionären Sozialdemokraten“ als den „mit der Organisation der klassenbewußten Arbeiter verbundenen Jakobiner“ definierte. Tatsächlich ist die Sozialdemokratie aber nicht mit der Organisation der Arbeiterklasse verbunden, sondern sie ist die eigene Bewegung der Arbeiterklasse. Der sozialdemokratische Zentralismus muß also von wesentlich anderer Beschaffenheit sein als der blanquistische. Er kann nichts anderes als die gebieterische Zusammenfassung des Willens der aufgeklärten und kämpfenden Vorhut der Arbeiterschaft ihren einzelnen Gruppen und Individuen gegenüber sein, es ist dies sozusagen ein „Selbstzentralismus“ der führenden Schicht des Proletariats, ihre Majoritätsherrschaft innerhalb ihrer eigenen Parteiorganisation.
Schon aus der Untersuchung dieses eigentlichen Inhalts des sozialdemokratischen Zentralismus wird klar, daß für einen solchen heutzutage in Rußland die erforderlichen Bedingungen noch nicht in vollem Maße gegeben sein können. Es sind dies nämlich: das Vorhandensein einer beträchtlichen Schicht im politischen Kampfe bereits geschulter Proletarier und die Möglichkeit, ihrer Dispositionsfähigkeit durch direkte Ausübung des Einflusses (auf öffentlichen Parteitagen, in der Parteipresse usw.) Ausdruck zu geben.
Letztere Bedingung kann offenbar erst mit der politischen Freiheit in Rußland geschaffen werden, die erstere aber - die Heranbildung einer klassenbewußten, urteilsfähigen Vorhut des Proletariats - ist eben erst im Werden begriffen und muß als der leitende Zweck der nächsten agitatorischen wie auch organisatorischen Arbeit betrachtet werden.
Um so überraschender wirkt die umgekehrte Zuversicht Lenins, der zufolge alle Vorbedingungen zur Durchführung einer großen und äußerst zentralisierten Arbeiterpartei in Rußland bereits vorhanden sind (7). Und es verrät wiederum eine viel zu mechanische Auffassung von der sozialdemokratischen Organisation, wenn er optimistisch ausruft, daß jetzt schon »nicht dem Proletariat, sondern manchen Akademikern in der russischen Sozialdemokratie die Selbsterziehung im Sinne der Organisation und der Disziplin not tue« (S. 145) (8), wenn er die erzieherische Bedeutung der Fabrik für das Proletariat rühmt, die es von Hause aus für »Disziplin und Organisation« reif mache (S. 147) (9). Die »Disziplin«, die Lenin meint, wird dem Proletariat keineswegs bloß durch die Fabrik, sondern auch durch die Kaserne, auch durch den modernen Bürokratismus, kurz, durch den Gesamtmechanismus des zentralisierten bürgerlichen Staates eingeprägt. Doch ist es nichts als eine mißbräuchliche Anwendung des Schlagwortes, wenn man gleichmäßig als »Disziplin« zwei so entgegengesetzte Begriffe bezeichnet, wie die Willen- und Gedankenlosigkeit einer vielbeinigen und vielarmigen Fleischmasse, die nach dem Taktstock mechanische Bewegungen ausführt, und die freiwillige Koordinierung von bewußten politischen Handlungen einer gesellschaftlichen Schicht; wie den Kadavergehorsam einer beherrschten Klasse und die organisierte Rebellion einer um die Befreiung ringenden Klasse. Nicht durch die Anknüpfung an die ihm durch den kapitalistischen Staat eingeprägte Disziplin - mit der bloßen Übertragung des Taktstocks aus der Hand der Bourgeoisie in die eines sozialdemokratischen Zentralkomitees -, sondern durch die Durchbrechung, Entwurzelung dieses sklavischen Disziplingeistes kann der Proletarier erst für die neue Disziplin - die freiwillige Selbstdisziplin der Sozialdemokratie - erzogen werden.
Es erhellt weiter aus derselben Reflexion, daß der Zentralismus im sozialdemokratischen Sinne überhaupt nicht ein absoluter Begriff ist, der sich auf jeder Stufenleiter der Arbeiterbewegung in gleichem Maße durchführen läßt, sondern daß er vielmehr als Tendenz aufgefaßt werden muß, deren Verwirklichung gleichmäßig mit der Aufklärung und der politischen Schulung der Arbeitermasse im Prozeß ihres Kampfes fortschreitet.
Freilich kann das ungenügende Vorhandensein der wichtigsten Voraussetzungen für die Verwirklichung in vollem Maße des Zentralismus in der russischen Bewegung heutzutage in höchstem Maße störend wirken. Doch ist es unseres Erachtens verkehrt, zu denken, daß sich die noch unausführbare Majoritätsherrschaft der aufgeklärten Arbeiterschaft innerhalb ihrer Parteiorganisation „vorläufig“ durch eine „übertragene“ Alleinherrschaft der Zentralgewalt der Partei ersetzen lasse und daß die fehlende öffentliche Kontrolle der Arbeitermassen über das Tun und Lassen der Parteiorgane ebensogut durch die umgekehrte Kontrolle der Tätigkeit der revolutionären Arbeiterschaft durch ein Zentralkomitee ersetzt wäre.
Die eigene Geschichte der russischen Bewegung gibt viele Belege für den problematischen Wert des Zentralismus in diesem letzteren Sinne. Die allmächtige Zentralgewalt mit ihren fast unbeschränkten Befugnissen der Einmischung und der Kontrolle nach Lenins Ideal wäre offenbar ein Unding, wenn sie ihre Macht lediglich auf die rein technische Seite der sozialdemokratischen Tätigkeit, auf die Regelung der äußeren Mittel und Notbehelfe der Agitation - etwa die Zufuhr der Parteiliteratur und zweckmäßige Verteilung der agitatorischen und finanziellen Kräfte - beschränken sollte. Sie hätte nur dann einen begreiflichen politischen Zweck, wenn sie ihre Macht auf die Schaffung einer einheitlichen Kampftaktik, auf die Auslösung einer großen politischen Aktion in Rußland verwenden würde. Was sehen wir aber in den bisherigen Wandlungen der russischen Bewegung? Ihre wichtigsten und fruchtbarsten taktischen Wendungen des letzten Jahrzehntes sind nicht etwa von bestimmten Leitern der Bewegung, geschweige von leitenden Organisationen „erfunden“ worden, sondern sie waren jedesmal das spontane Produkt der entfesselten Bewegung selbst.  So die erste Etappe der eigentlichen proletarischen Bewegung in Rußland, die mit dem elementaren Ausbruch des Petersburger Riesenstreiks im Jahre 1896 (10) einsetzte und die zuerst die ökonomische Massenaktion des russischen Proletariats inauguriert hatte. Desgleichen war die zweite Phase - die der politischen Straßendemonstrationen - ganz spontan durch die Petersburger Studentenunruhen im März 1901 (11) eröffnet. Der weitere bedeutende Wendepunkt der Taktik, der ihr neue Horizonte zeigte, war der „von selbst“ ausgebrochene Massenstreik in Rostow am Don (12) mit seiner ad hoc improvisierten Straßenagitation, den Volksversammlungen unter freiem Himmel, den öffentlichen Ansprachen, woran der kühnste Stürmer unter den Sozialdemokraten noch wenige Jahre zuvor als an eine Phantasterei nicht zu denken gewagt hätte. In allen diesen Fällen war im Anfang »die Tat«. Die Initiative und die bewußte Leitung der sozialdemokratischen Organisationen spielten eine äußerst geringe Rolle. Es lag dies jedoch nicht sowohl an der mangelhaften Vorbereitung dieser speziellen Organisationen für ihre Rolle - wenn dieses Moment in beträchtlichem Maße auch mitgewirkt haben mag - und erst recht nicht am Fehlen dazumal in der russischen Sozialdemokratie einer allmächtigen Zentralgewalt nach dem bei Lenin entwickelten Plane. Umgekehrt, eine solche hätte höchstwahrscheinlich nur dahin gewirkt, die Unschlüssigkeit der Einzelkomitees der Partei noch größer zu machen und eine Entzweiung zwischen der stürmenden Masse und der zaudernden Sozialdemokratie hervorzubringen. Dieselbe Erscheinung: die geringe Rolle der bewußten Initiative der Parteileitungen bei der Gestaltung der Taktik, läßt sich vielmehr auch in Deutschland und überall beobachten. Die Kampftaktik der Sozialdemokratie wird in ihren Hauptzügen überhaupt nicht »erfunden«, sondern sie ist das Ergebnis einer fortlaufenden Reihe großer schöpferischer Akte des experimentierenden, oft elementaren Klassenkampfes. Auch hier geht das Unbewußte vor dem Bewußten, die Logik des objektiven historischen Prozesses vor der subjektiven Logik seiner Träger. Die Rolle der sozialdemokratischen Leitung ist dabei wesentlich konservativen Charakters, indem sie erfahrungsgemäß dazu führt, das jedesmalige neugewonnene Terrain des Kampfes bis in die äußersten Konsequenzen auszuarbeiten und es bald in ein Bollwerk gegen eine weitere Neuerung größeren Stiles umzukehren. Die gegenwärtige Taktik der deutschen Sozialdemokratie wird zum Beispiel allgemein wegen ihrer merkwürdigen Vielgestaltigkeit, Biegsamkeit und zugleich Sicherheit bewundert. Das bedeutet aber nur, daß unsere Partei sich in ihrem Tageskampf wunderbar an den gegenwärtigen parlamentarischen Boden bis ins kleinste Detail angepaßt hat, daß sie das gesamte vom Parlamentarismus gebotene Kampfesterrain auszubeuten und den Grundsätzen entsprechend zu beherrschen versteht. Zugleich aber verdeckt bereits diese spezifische Gestaltung der Taktik so sehr die weiteren Horizonte, daß in hohem Maße die Neigung zur Verewigung und zur Betrachtung der parlamentarischen Taktik als der Taktik des sozialdemokratischen Kampfes schlechthin hervortritt. Bezeichnend für diese Stimmung ist zum Beispiel die Vergeblichkeit, mit der Parvus sich seit Jahren Mühe gibt, die Debatte über eine eventuelle Neugestaltung der Taktik für den Fall der Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes in der Parteipresse in Fluß zu bringen, trotzdem eine solche Eventualität von den Führern der Partei durchaus mit bitterem Ernste ins Auge gefaßt wird. Diese Trägheit findet aber zum großen Teile ihre Erklärung darin, daß sich auch schwer in der leeren Luft der abstrakten Spekulation die Konturen und greifbaren Formen einer noch nicht existierenden, also imaginären politischen Situation darstellen lassen. Wichtig ist auch für die Sozialdemokratie jedesmal nicht das Vorausahnen und Vorauskonstruieren eines fertigen Rezeptes für die künftige Taktik, sondern die lebendige Erhaltung in der Partei der richtigen historischen Wertschätzung für die jeweilig herrschenden Kampfformen, das lebendige Gefühl für die Relativität der gegebenen Phase des Kampfes und für die notwendige Steigerung der revolutionären Momente vom Standpunkt des Endziels des proletarischen Klassenkampfes.
Es hieße aber den aus ihrem Wesen notwendigerweise entspringenden Konservatismus jeder Parteileitung gerade künstlich in gefährlichstem Maße potenzieren, wenn man sie mit so absoluten Machtbefugnissen negativen Charakters ausstatten wollte, wie es Lenin tut. Wird die sozialdemokratische Taktik nicht von einem Zentralkomitee, sondern von der Gesamtpartei, noch richtiger, von der Gesamtbewegung geschaffen, so ist für einzelne Organisationen der Partei offenbar diejenige Ellenbogenfreiheit nötig, die allein die völlige Ausnutzung aller von der jeweiligen Situation gebotenen Mittel zur Potenzierung des Kampfes sowie die Entfaltung der revolutionären Initiative ermöglicht. Der von Lenin befürwortete Ultrazentralismus scheint uns aber in seinem ganzen Wesen nicht vom positiven schöpferischen, sondern vom sterilen Nachtwächtergeist getragen zu sein. Sein Gedankengang ist hauptsächlich auf die Kontrolle der Parteitätigkeit und nicht auf ihre Befruchtung, auf die Einengung und nicht auf die Entfaltung, auf die Schurigelung und nicht auf die Zusammenziehung der Bewegung zugeschnitten.
Doppelt gewagt scheint ein solches Experiment gerade im gegebenen Moment für die russische Sozialdemokratie zu sein. Sie steht am Vorabend großer revolutionärer Kämpfe um die Niederwerfung des Absolutismus, vor oder vielmehr in einer Periode intensivster, schöpferischer Aktivität auf dem Gebiet der Taktik und - was in revolutionären Epochen selbstverständlich ist - fieberhafter sprungweiser Erweiterungen und Verschiebungen ihrer Einflußsphäre. In solchen Zeiten gerade der Initiative des Parteigeistes Fußangeln anlegen und ihre ruckweise Expansionsfähigkeit mit Stacheldrahtzaun eindämmen zu wollen hieße die Sozialdemokratie von vornherein für die großen Aufgaben des Moments in hohem Maße ungeeignet machen.
Aus den angeführten allgemeinen Erwägungen über den eigentümlichen Inhalt des sozialdemokratischen Zentralismus läßt sich freilich noch nicht die konkrete Fassung der Paragraphen des Organisationsstatuts für die russische Partei ableiten. Diese Fassung hängt naturgemäß in letzter Instanz von den konkreten Umständen ab, unter denen sich die Tätigkeit in der gegebenen Periode vollzieht, und kann - da es sich in Rußland doch um den ersten Versuch einer großen proletarischen Parteiorganisation handelt - kaum im voraus auf Unfehlbarkeit Anspruch erheben, muß vielmehr auf jeden Fall erst die Feuerprobe des praktischen Lebens bestehen. Was sich aber aus der allgemeinen Auffassung des sozialdemokratischen Organisationstypus ableiten läßt, das sind die großen Grundzüge, das ist der Geist der Organisation, und dieser bedingt, namentlich in den Anfängen der Massenbewegung, hauptsächlich den koordinierenden, zusammenfassenden und nicht den reglementierenden und exklusiven Charakter des sozialdemokratischen Zentralismus. Hat aber dieser Geist der politischen Bewegungsfreiheit, gepaart mit scharfem Blicke für die prinzipielle Festigkeit der Bewegung und für ihre Einheitlichkeit, in den Reihen der Partei Platz gegriffen, dann werden die Schroffheiten eines jeden, auch eines ungeschickt gefaßten Organisationsstatuts sehr bald durch die Praxis selbst eine wirksame Korrektur erfahren. Es ist nicht der Wortlaut des Statuts, sondern der von den tätigen Kämpfern in diesen Wortlaut hineingelegte Sinn und Geist, der über den Wert einer Organisationsform entscheidet.

II
Wir haben bis jetzt die Frage des Zentralismus vom Standpunkt der allgemeinen Grundlagen der Sozialdemokratie sowie zum Teil der heutigen Verhältnisse in Rußland betrachtet. Aber der Nachtwächtergeist des von Lenin und seinen Freunden befürworteten Ultrazentralismus ist bei ihm nicht etwa ein zufälliges Produkt von Irrtümern, sondern er steht im Zusammenhang mit einer bis ins kleinste Detail der Organisationsfragen durchgeführten Gegnerschaft zum - Opportunismus.
»Es handelt sich darum«, meint Lenin (S.52), »vermittels der Paragraphen des Organisationsstatuts eine mehr oder minder scharfe Waffe gegen den Opportunismus zu schmieden. Je tiefer die Quellen des Opportunismus liegen, um so schärfer muß diese Waffe sein.« (13)
Lenin erblickt auch in der absoluten Gewalt des Zentralkomitees und in der strengen statutarischen Umzäunung der Partei eben den wirksamen Damm gegen die opportunistische Strömung, als deren spezifische Merkmale er die angeborene Vorliebe des Akademikers für Autonomismus, für Desorganisation und seinen Abscheu vor strenger Parteidisziplin, vor jedem »Bürokratismus« im Parteileben bezeichnet. Nur der sozialistische »Literat«, kraft der ihm angeborenen Zerfahrenheit und des Individualismus, kann sich nach Lenins Meinung gegen so unbeschränkte Machtbefugnisse des Zentralkomitees sträuben, ein echter Proletarier dagegen müsse sogar infolge seines revolutionären Klasseninstinktes ein gewisses Wonnegefühl bei all der Straffheit, Strammheit und Schneidigkeit seiner obersten Parteibehörde empfinden, er unterziehe sich all den derben Operationen der »Parteidisziplin« mit freudig geschlossenen Augen. »Der Bürokratismus entgegen dem Demokratismus«, sagt Lenin, »das ist eben das Organisationsprinzip der revolutionären Sozialdemokratie entgegen dem Organisationsprinzip der Opportunisten.« (S. 151) (14) Er beruft sich mit Nachdruck darauf, daß derselbe Gegensatz der zentralistischen und autonomistischen Auffassung in der Sozialdemokratie aller Länder bemerkbar wird, wo sich die revolutionäre und reformistische oder revisionistische Richtung entgegenstehen. Speziell exemplifiziert er mit den jüngsten Vorgängen in der deutschen Partei und mit der Diskussion, die sich um die Frage der Autonomie des Wahlkreises entsponnen hatte. Schon aus diesem Grunde dürfte eine Nachprüfung der Leninschen Parallelen nicht ohne Interesse und ohne Nutzen sein.
Vor allem muß bemerkt werden, daß in der starken Herausstreichung der angeborenen Fähigkeiten der Proletarier zur sozialdemokratischen Organisation und in der Verdächtigung der »akademischen« Elemente der sozialdemokratischen Bewegung an sich noch nichts »Marxistisch-Revolutionäres« liegt, vielmehr darin ebensoleicht die Verwandtschaft mit opportunistischen Ansichten nachgewiesen werden kann. Der Antagonismus zwischen dem rein proletarischen Element und der nichtproletarischen sozialistischen Intelligenz - das ist ja der gemeinsame ideologische Schild, unter dem sich der französische halbanarchistische Nurgewerkschaftler mit seinem alten Rufe: Méfiez-vous de politiciens!, das Mißtrauen des englischen Trade-Unionismus gegen die sozialistischen „Phantasten“ und endlich - wenn wir richtig orientiert sind - auch der reine „Ökonomismus“ der ehemaligen Petersburger „Rabotschaja Mysl“ (Arbeitergedanke) mit ihrer Übertragung der trade-unionistischen Borniertheit nach dem absolutistischen Rußland die Hand reichen.
Allerdings läßt sich in der bisherigen Praxis der westeuropäischen Sozialdemokratie ein unleugbarer Zusammenhang zwischen Opportunismus und akademischem Element sowie andererseits zwischen Opportunismus und Dezentralisationstendenzen in den Organisationsfragen bemerken. Löst man aber diese Erscheinungen, die auf einem konkreten historischen Boden entstanden sind, von diesem Zusammenhang los, um sie zu abstrakten Schablonen von allgemeiner und absoluter Gültigkeit zu stempeln, so ist ein solches Verfahren die größte Sünde wider den »Heiligen Geist« des Marxismus, nämlich gegen seine historisch-dialektische Denkmethode.
Abstrakt genommen, läßt sich nur so viel feststellen, daß der »Akademiker«, als ein seiner Herkunft nach dem Proletariat fremdes, von der Bourgeoisie abstammendes Element, nicht im Einklang mit dem eigenen Klassenempfinden, sondern nur durch dessen Überwindung, auf dem Wege der Ideologie zum Sozialismus gelangen kann und deshalb eher zu opportunistischen Seitensprüngen prädisponiert ist als der aufgeklärte Proletarier, dem - wofern er den lebendigen Zusammenhang mit seinem sozialen Mutterboden, mit der proletarischen Masse, nicht verloren hat - sein unmittelbarer Klasseninstinkt einen sicheren revolutionären Halt gibt. In welcher konkreten Form jedoch diese Veranlagung des Akademikers zum Opportunismus erscheint, welche handgreifliche Gestalt namentlich von Organisationstendenzen sie annimmt, das hängt jedesmal von dem konkreten sozialen Milieu der Gesellschaft ab, um die es sich handelt.
Die Erscheinungen im Leben der deutschen wie der französischen und der italienischen Sozialdemokratie, auf die sich Lenin beruft, sind aus einer ganz bestimmten sozialen Basis emporgewachsen, nämlich aus der des bürgerlichen Parlamentarismus. Wie dieser überhaupt der spezifische Nährboden der gegenwärtigen opportunistischen Strömung in der sozialistischen Bewegung Westeuropas ist, so sind auch die besonderen Tendenzen des Opportunismus zur Desorganisation aus ihm entsprossen.
Der Parlamentarismus unterstützt nicht nur all die bekannten Illusionen des jetzigen Opportunismus, wie wir sie in Frankreich, Italien und Deutschland kennengelernt haben: die Überschätzung der Reformarbeit, des Zusammenwirkens der Klassen und Parteien, der friedlichen Entwicklung usw., er bildet zugleich den Boden, auf dem sich diese Illusionen praktisch betätigen können, indem er die Akademiker auch in der Sozialdemokratie als Parlamentarier von der proletarischen Masse absondert, gewissermaßen über sie emporhebt. Endlich gestaltet derselbe Parlamentarismus mit dem Wachstum der Arbeiterbewegung diese letztere zum Sprungbrett politischen Emporkommens, weshalb er sie leicht zum Unterschlupf für ehrgeizige und schiffbrüchige bürgerliche Existenzen macht.
Aus all diesen Momenten ergibt sich auch die bestimmte Neigung des opportunistischen Akademikers der westeuropäischen Sozialdemokratie zur Desorganisation und zur Disziplinlosigkeit. Die zweite bestimmte Voraussetzung der gegenwärtigen opportunistischen Strömung ist nämlich das Vorhandensein einer bereits hohen Entwicklungsstufe der sozialdemokratischen Bewegung, also auch einer einflußreichen sozialdemokratischen Parteiorganisation. Die letztere erscheint nun als derjenige Schutzwall der revolutionären Klassenbewegung gegen bürgerlich-parlamentarische Tendenzen, den es zu zerbröckeln, auseinanderzutragen gilt, um den kompakten aktiven Kern des Proletariats wieder in der amorphen Wählermasse aufzulösen. So entstehen die historisch wohlbegründeten und bestimmten politischen Zwecken vortrefflich angepaßten „autonomistischen“ und dezentralistischen Tendenzen des modernen Opportunismus, die somit nicht aus der angeborenen Liederlichkeit und Waschlappigkeit des „Intellektuellen“, wie Lenin annimmt, sondern aus den Bedürfnissen des bürgerlichen Parlamentariers, nicht aus der Psychologie des Akademikers, sondern aus der Politik des Opportunisten zu erklären sind.
All diese Verhältnisse sehen aber in dem absolutistischen Rußland bedeutend anders aus, wo der Opportunismus in der Arbeiterbewegung überhaupt nicht ein Produkt des starken Wachstums der Sozialdemokratie, der Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft, wie im Westen, sondern, umgekehrt, ihrer politischen Zurückgebliebenheit ist.
Die russische Intelligenz, aus der sich der sozialistische Akademiker rekrutiert, hat begreiflicherweise einen viel unbestimmteren Klassencharakter, ist viel mehr deklassiert im genauen Sinne des Wortes als die westeuropäische Intelligenz. Daraus ergibt sich zwar - im Verein mit der Jugendlichkeit der proletarischen Bewegung in Rußland - im allgemeinen ein viel weiterer Spielraum für theoretische Haltlosigkeit und opportunistisches Herumvagieren, das sich bald in einer gänzlichen Negierung der politischen Seite der Arbeiterbewegung, bald in dem entgegengesetzten Glauben an den alleinseligmachenden Terror verläuft, um schließlich auf den Morasten des Liberalismus politisch oder des kantischen Idealismus »philosophisch« auszuruhen.
Allein für die spezifische aktive Tendenz zur Desorganisation fehlt dem russischen sozialdemokratischen Akademiker unseres Erachtens nicht nur der positive Anhaltspunkt im bürgerlichen Parlamentarismus, sondern auch das entsprechende sozialpsychische Milieu. Der moderne westeuropäische Literat, der sich dem Kultus seines angeblichen »Ich« widmet und diese »Herrenmenschenmoral« auch in die sozialistische Kampf- und Gedankenwelt verschleppt, ist der Typus nicht der bürgerlichen Intelligenz überhaupt, sondern einer bestimmten Phase ihrer Existenz, nämlich er ist das Produkt einer dekadenten, verfaulten, im schlimmen Zirkel ihrer Klassenherrschaft bereits festgerannten Bourgeoisie. Die utopischen und opportunistischen Schrullen des russischen sozialistischen Akademikers neigen hingegen in erklärlicher Weise eher dazu, die umgekehrte theoretische Gestalt der Selbstentäußerung, der Selbstgeißelung anzunehmen. War doch das einstige »Ins-Volk-Gehen«, das heißt der obligatorische Mummenschanz des Akademikers als Bauer, bei den alten »Volkstümlern« gerade eine verzweifelte Erfindung desselben Akademikers, ebenso wie neuerdings der grobe Kultus der »schwieligen  Faust« bei den Anhängern des reinen »Ökonomismus«.
Sucht man die Frage der Organisationsformen nicht auf dem Wege der mechanischen Übertragung starrer Schablonen aus Westeuropa nach Rußland zu lösen, sondern durch die Untersuchung der gegebenen konkreten Verhältnisse in Rußland selbst, so gelangt man zu einem ganz anderen Resultat. Dem Opportunismus zuschreiben, wie Lenin dies tut, daß er überhaupt für irgendeine bestimmte Form der Organisation - sagen wir für Dezentralisation - schwärmt, heißt jedenfalls seine innere Natur verkennen. Opportunistisch wie er ist, hat der Opportunismus auch in Organisationsfragen zum einzigen Prinzip die Prinzipienlosigkeit. Seine Mittel wählt er immer nach den Umständen, insofern sie seinen Zwecken entsprechen. Formulieren wir aber den Opportunismus, wie Lenin, als die Bestrebung, die selbständige revolutionäre Klassenbewegung des Proletariats lahmzulegen, um sie den Herrschaftsgelüsten der bürgerlichen Intelligenz dienstbar zu machen, so läßt sich in den Anfangsstadien der Arbeiterbewegung dieser Zweck am ehesten nicht durch Dezentralisation, sondern gerade durch strammen Zentralismus erreichen, der die noch unklare proletarische Bewegung einer Handvoll akademischer Leiter mit dem Kopfe ausliefert. Es ist charakteristisch, daß auch in Deutschland zu Beginn der Bewegung, wo ein starker Kern aufgeklärter Proletarier und eine erprobte sozialdemokratische Taktik noch fehlten, die beiden Tendenzen in der Organisation vertreten waren, nämlich der äußerste Zentralismus durch den Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, der „Autonomismus“ dagegen durch die Eisenacher. Und dabei hatte diese Taktik der Eisenacher, bei all ihrer zugestandenen prinzipiellen Unklarheit, eine bedeutend größere aktive Beteiligung des proletarischen Elementes an dem geistigen Leben der Partei, einen größeren Geist der Initiative in der Arbeiterschaft selbst großgezogen - als Beweis mag unter anderem die rasche Entwicklung einer beträchtlichen Provinzpresse dieser Fraktion dienen -, überhaupt einen viel stärkeren gesunden Zug in die Breite als die mit ihren »Diktatoren« naturgemäß immer traurigere Erfahrungen machenden Lassalleaner.
Im allgemeinen kann unter Verhältnissen, wo die Arbeitermasse in ihrem revolutionären Teile noch locker, die Bewegung selbst schwankend, kurz, wo die Verhältnisse ähnlich den gegenwärtigen in Rußland sind, als die adäquate organisatorische Tendenz des opportunistischen Akademikers gerade der straffe, despotische Zentralismus leicht nachgewiesen werden. Genauso wie in einem späteren Stadium - im parlamentarischen Milieu und gegenüber einer starken, festgefügten Arbeiterpartei - im Gegenteil die Dezentralisation zur entsprechenden Tendenz des opportunistischen Akademikers wird.
Eben vom Standpunkt der Befürchtungen Lenins vor den gefährlichen Einflüssen der Intelligenz auf die proletarische Bewegung bildet seine eigene Organisationsauffassung die größte Gefahr für die russische Sozialdemokratie.
Tatsächlich liefert nichts eine noch junge Arbeiterbewegung den Herrschaftsgelüsten der Akademiker so leicht und so sicher aus wie die Einzwängung der Bewegung in den Panzer eines bürokratischen Zentralismus (15), der die kämpfende Arbeiterschaft zum gefügigen Werkzeug eines „Komitees“ herabwürdigt. Und nichts bewahrt umgekehrt die Arbeiterbewegung so sicher vor allen opportunistischen Mißbräuchen seitens einer ehrgeizigen Intelligenz wie die revolutionäre Selbstbetätigung der Arbeiterschaft, wie die Potenzierung ihres politischen Verantwortlichkeitsgefühls.
Und zwar kann das, was Lenin heute als Gespenst sieht, sehr leicht morgen zur greifbaren Wirklichkeit werden.
Vergessen wir nicht, daß die Revolution, an deren Vorabend wir in Rußland stehen, nicht eine proletarische, sondern eine bürgerliche Revolution ist, die die ganze Szenerie des sozialdemokratischen Kampfes stark verändern wird. Alsdann wird sich auch die russische Intelligenz recht bald mit stark ausgeprägtem bürgerlichem Klasseninhalt füllen. Ist heute die Sozialdemokratie die einzige Führerin der russischen Arbeitermasse, so wird am Morgen nach der Revolution das Bürgertum und in erster Reihe seine Intelligenz naturgemäß die Masse zum Piedestal seiner parlamentarischen Herrschaft formen wollen. Je weniger nun in der gegenwärtigen Kampfperiode die Selbstbetätigung, die freie Initiative, der politische Sinn der aufgewecktesten Schicht der Arbeiterschaft entfesselt, je mehr sie durch ein sozialdemokratisches Zentralkomitee politisch geleithammelt und gedrillt wird, um so leichter wird das Spiel der bürgerlichen Demagogen in dem renovierten Rußland sein, um so mehr wird die Ernte der heutigen Mühen der Sozialdemokratie morgen in die Scheunen der Bourgeoisie wandern.
Vorallem aber ist der ganze Grundgedanke der ultrazentralistischen Auffassung, der darin gipfelt, den Opportunismus durch ein Organisationsstatut von der Arbeiterbewegung fernzuhalten, ein verfehlter. Unter dem unmittelbaren Eindruck der neuesten Vorgänge in der französischen, italienischen und deutschen Sozialdemokratie hat sich offenbar auch bei den russischen Sozialdemokraten die Neigung herausgebildet, den Opportunismus überhaupt als eine nur mit den Elementen der bürgerlichen Demokratie in die Arbeiterbewegung von außen hineingetragene, der proletarischen Bewegung selbst aber fremde Beimischung zu betrachten. Wäre dieses auch richtig, so würden sich die statutarischen Organisationsschranken an sich gegen den Andrang des opportunistischen Elementes ganz ohnmächtig erweisen. Wenn sich einmal der massenhafte Zufluß nichtproletarischer Elemente zu der Sozialdemokratie aus so tiefgewurzelten sozialen Ursachen ergibt wie dem rapiden wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kleinbürgertums und dem noch rapideren politischen Zusammenbruch des bürgerlichen Liberalismus, dem Aussterben der bürgerlichen Demokratie, dann ist es eine naive Illusion, sich einzubilden, daß man durch diese oder andere Fassung der Paragraphen des Parteistatuts diese anstürmende Welle zurückdämmen könnte. Paragraphen regieren nur die Existenz von kleinen Sekten oder Privatgesellschaften, geschichtliche Strömungen haben sich noch immer über die spitzfindigsten Paragraphen hinwegzusetzen gewußt. Es ist ferner ganz verfehlt, zu denken, daß es auch nur im Interesse der Arbeiterbewegung liegt, den massenhaften Zufluß der Elemente abzuwehren, die von der fortschreitenden Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft freigesetzt werden. Der Satz, daß die Sozialdemokratie, eine Klassenvertreterin des Proletariats, doch gleichzeitig die Vertreterin der gesamten Fortschrittsinteressen der Gesellschaft und aller unterdrückten Opfer der bürgerlichen Gesellschaftsordnung ist, ist nicht bloß in dem Sinne zu deuten, daß in dem Programm der Sozialdemokratie ideell alle diese Interessen zusammengefaßt sind. Dieser Satz wird zur Wahrheit in Gestalt des geschichtlichen Entwicklungsprozesses, kraft dessen die Sozialdemokratie auch als politische Partei nach und nach zur Zufluchtsstätte der verschiedensten unzufriedenen Elemente, daß sie wirklich zur Partei des Volkes gegen eine winzige Minderheit der herrschenden Bourgeoisie wird. Es kommt nur darauf an, daß sie die Gegenwartsschmerzen dieser bunten Schar von Mitläufern nachhaltig den Endzielen der Arbeiterklasse zu unterordnen, den nichtproletarischen Oppositionsgeist der revolutionären proletarischen Aktion einzugliedern, mit einem Worte, die ihr zufließenden Elemente sich zu assimilieren, sie zu verdauen versteht. Letzteres ist aber nur möglich, wo, wie bis jetzt in Deutschland, bereits kräftige, geschulte proletarische Kerntruppen in der Sozialdemokratie den Ton angeben und klar genug sind, die deklassierten und kleinbürgerlichen Mitläufer ins revolutionäre Schlepptau zu nehmen. In diesem Falle ist auch eine strengere Durchführung des zentralistischen Gedankens im Organisationsstatut und die straffere Paragraphierung der Parteidisziplin als ein Damm gegen die opportunistische Strömung sehr zweckmäßig. Das Organisationsstatut kann unter diesen Umständen zweifellos als eine Handhabe im Kampfe mit dem Opportunismus dienen, wie es der französischen revolutionären Sozialdemokratie tatsächlich gegen den Ansturm des Jaurèsistischen Mischmasches gedient hat und wie auch eine Revision des deutschen Parteistatuts in diesem Sinne jetzt eine Notwendigkeit geworden ist. Aber auch in diesem Falle soll das Parteistatut nicht etwa an sich eine Waffe zur Abwehr des Opportunismus sein, sondern bloß ein äußeres Machtmittel zur Ausübung des maßgebenden Einflusses der tatsächlich vorhandenen revolutionären proletarischen Majorität der Partei. Wo eine solche noch fehlt, kann sie durch die rigorosesten Paragraphen auf dem Papier nicht ersetzt werden.
Doch ist der Zufluß bürgerlicher Elemente, wie gesagt, durchaus nicht die einzige Quelle der opportunistischen Strömung in der Sozialdemokratie. Die andere Quelle liegt vielmehr im Wesen des sozialdemokratischen Kampfes selbst, in seinen inneren Widersprüchen. Der weltgeschichtliche Vormarsch des Proletariats bis zu seinem Siege ist ein Prozeß, dessen Besonderheit darin liegt, daß hier zum erstenmal in der Geschichte die Volksmassen selbst und gegen alle herrschenden Klassen ihren Willen durchsetzen, ihn aber ins Jenseits der heutigen Gesellschaft, über sie hinaus setzen müssen. Diesen Willen können sich die Massen aber andererseits nur im alltäglichen Kampfe mit der bestehenden Ordnung, also nur in ihrem Rahmen ausbilden. Die Vereinigung der großen Volksmasse mit einem über die ganze bestehende Ordnung hinausgehenden Ziele, des alltäglichen Kampfes mit der revolutionären Umwälzung, das ist der dialektische Widerspruch der sozialdemokratischen Bewegung, die sich auch folgerichtig auf dem ganzen Entwicklungsgang zwischen den beiden Klippen: zwischen dem Preisgeben des Massencharakters und dem Aufgeben des Endziels, zwischen dem Rückfall in die Sekte und dem Umfall in die bürgerliche Reformbewegung, vorwärtsarbeiten muß.
Es ist deshalb eine ganz unhistorische Illusion, zu denken, die sozialdemokratische Taktik im revolutionären Sinne könne im voraus ein für allemal sichergestellt, die Arbeiterbewegung könne vor opportunistischen Seitensprüngen ein für allemal bewahrt werden. Zwar liefert die Marxsche Lehre vernichtende Waffen gegen alle Grundtypen des opportunistischen Gedankens. Da aber die sozialdemokratische Bewegung eben eine Massenbewegung und die ihr drohenden Klippen nicht aus den menschlichen Köpfen, sondern aus den gesellschaftlichen Bedingungen entspringen, so können die opportunistischen Verirrungen nicht von vornherein verhütet werden, sie müssen erst, nachdem sie in der Praxis greifbare Gestalt angenommen haben, durch die Bewegung selbst - allerdings mit Hilfe der vom Marxismus gelieferten Waffen - überwunden werden. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, erscheint der Opportunismus auch als ein Produkt der Arbeiterbewegung selbst, als ein unvermeidliches Moment ihrer geschichtlichen Entwicklung. Gerade in Rußland, wo die Sozialdemokratie noch jung und die politischen Bedingungen der Arbeiterbewegung so abnorm sind, dürfte der Opportunismus sich einstweilen in hohem Maße aus dieser Quelle, aus dem unvermeidlichen Tasten und Experimentieren der Taktik, ergeben, aus der Notwendigkeit, den Gegenwartskampf in ganz eigenartigen, beispiellosen Verhältnissen mit den sozialistischen Grundsätzen in Einklang zu bringen.
Ist dem aber so, dann erscheint um so wunderlicher die Idee, gleich in den Anfängen einer Arbeiterbewegung das Aufkommen der opportunistischen Strömungen durch diese oder andere Fassung des Organisationsstatuts verbieten zu können. Der Versuch, den Opportunismus durch solche papierne Mittel abzuwehren, kann tatsächlich nicht diesem, sondern nur der Sozialdemokratie selbst ins Fleisch schneiden, und indem er in ihr das Pulsieren eines gesunden Lebens unterbindet, schwächt er ihre Widerstandsfähigkeit im Kampfe nicht nur gegen opportunistische Strömungen, sondern auch - was doch gleichfalls von einiger Bedeutung sein dürfte gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. Das Mittel wendet sich gegen den Zweck.
In diesem ängstlichen Bestreben eines Teiles der russischen Sozialdemokraten, die so hoffnungsvoll und lebensfreudig aufstrebende russische Arbeiterbewegung durch die Vormundschaft eines allwissenden und allgegenwärtigen Zentralkomitees vor Fehltritten zu bewahren, scheint uns übrigens derselbe Subjektivismus mitzureden, der schon öfters dem sozialistischen Gedanken in Rußland einen Possen gespielt hat. Drollig sind fürwahr die Kapriolen, die das verehrte menschliche Subjekt der Geschichte in dem eigenen geschichtlichen Prozeß mitunter auszuführen beliebt. Das von dem russischen Absolutismus ekrasierte, zermalmte Ich nimmt dadurch Revanche, daß es sich selbst in seiner revolutionären Gedankenwelt auf den Thron setzt und sich für allmächtig erklärt - als ein Verschwörerkomitee im Namen eines nichtexistierenden »Volkswillens«. Das »Objekt« zeigt sich aber stärker, die Knute triumphiert bald, indem sie sich als der »legitime« Ausdruck des  gegebenen  Stadiums  des  geschichtlichen  Prozesses erweist. Endlich erscheint auf der Bildfläche als ein noch legitimeres Kind des Geschichtsprozesses - die russische Arbeiterbewegung, die den schönsten Anlauf nimmt, zum erstenmal in der russischen Geschichte nun wirklich einmal einen Volkswillen zu schaffen. Jetzt aber stellt sich das »Ich« des russischen Revolutionärs schleunigst auf den Kopf und erklärt sich wieder einmal für einen allmächtigen Lenker der Geschichte - diesmal in der höchsteigenen Majestät eines Zentralkomitees der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Der kühne Akrobat übersieht dabei, daß das einzige Subjekt, dem jetzt diese Rolle des Lenkers zugefallen, das Massen-Ich der Arbeiterklasse ist, das sich partout darauf versteift, eigene Fehler machen und selbst historische Dialektik lernen zu dürfen. Und schließlich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermeßlich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten „Zentralkomitees“.

Anmerkungen
A  Die vorliegende Arbeit geht von russischen Verhältnissen aus, aber die Organisationsfragen, die sie behandelt, sind wichtig auch für die deutsche Sozialdemokratie, nicht bloß wegen der großen internationalen Bedeutung, die heute unsere russische Bruderpartei erlangt hat, sondern auch weil ähnliche Probleme der Organisation zur Zeit unsere eigene Partei aufs lebhafteste beschäftigen. Wir teilen daher diesen Artikel aus der »Iskra« unseren Lesern mit. Die Red. (Die Neue Zeit, Stuttgart)
B  W.I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte rückwärts, Genf 1904. [W. I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück.  In : Werke, Bd. 7, Berlin 1968, S. 199-430.)
1 Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 4, Berlin 1964, S. 470.
2 Vom 30. JuIi bis 23. August 1903 fand in Brüssel und London der II. Parteitag der SDAPR statt, dessen wichtigstes Ergebnis die Schaffung der Partei der Bolschewiki war.
3 Lenin antwortete auf Rosa Luxemburgs Ausführungen mit dem Artikel: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Eine Antwort W.I. Lenins an Rosa Luxemburg.  In: Werke, Bd. 7, S. 480-491. »Genossin Luxemburg meint also, daß ich ein Organisationssystem gegen ein anderes verteidige. Das ist aber in Wirklichkeit unwahr. In dem ganzen Buch, von der ersten bis zur letzten Seite, verteidige ich die elementaren Grundsätze eines jeden Systems einer jeden nur denkbaren Parteiorganisation. Mein Buch beschäftigt sich nicht mit dem Unterschied zwischen diesem oder jencm Organisationssystem, sondern mit der Frage, auf welche Weise man jegliches System einhalten, kritisieren und korrigieren soll, ohne dem Parteiprinzip zu widersprechen. Rosa Luxemburg sagt weiter, daß ‚das Zentralkomitee nach dieser (Lenins) Auffassung die Befugnis hat, alle Teilkomitees der Partei zu organisieren‘. In Wirklichkeit ist das unwahr. Meine Auffassung in dieser Frage kann durch den von mir eingebrachten Entwurf eines Organisationsstatuts der Partei dokumentarisch bewiesen werden. In diesem Entwurf ist keine Rede von dem Recht, die Teilkomitees zu organisieren. Die auf dem Parteitag zur Ausarbeitung des Parteistatuts gewählte Kommission fügte dieses Recht ein, und der Parteitag nahm den Kommissionsentwurf an. In diese Kommission waren außer mir und noch einem  Anhänger der Mehrheit drei Anhänger der Minderheit des Parteitags gewählt worden, so daß in der Kommission, die dem Zentralkomitee das Recht gab, die Teilkomitees zu organisieren, gerade meine Gegner die Oberhand hatten.« (S. 480/481.)
4 »Gen. Luxemburg meint, nach meiner Auffassung erscheine ‚das Zentralkomitee als der eigentliche aktive Kern der Partei‘. In Wirklichkeit ist das unwahr. Ich habe diese Auffassung nirgends vertreten. Im Gegenteil, meine Opponenten (die Minderheit des II. Parteitags) beschuldigten mich in ihren Schriften, daß ich die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Zentralkomitees nicht genügend in Schutz nehme, daß ich es viel zu sehr der im Ausland befindlichen Redaktion des Zentralorgans und dem Rat der Partei unterordne. Auf diese Beschuldigung habe ich in meinem Buch geantwortet, daß die Parteimehrheit, als sie im Rat der Partei die Oberhand hatte, niemals den Versuch machte, in die Selbständigkeit des ZK einzugreifen; das geschah aber sogleich, als der Rat der Partei zu einem Kampfinstrument der Minderheit wurde.« (Ebenda, S. 481.)
5 »Gen. Rosa Luxemburg sagt, für die Sozialdemokratie Rußlands sei es keine Frage, daß eine einheitliche Partei notwendig ist, und der ganze Streit drehe sich um den größeren oder geringeren Grad der Zentralisation. In Wirklichkeit ist das unwahr. Hätte sich Gen. Luxemburg die Mühe gegeben, die Resolutionen der vielen Lokalkomitees der Partei, die die Mehrheit bilden, kennenzulernen, so hätte sie leicht verstehen können (das ist übrigens auch aus meinem Buch klar ersichtlich), daß der Streit bei uns hauptsächlich darum geht, ob das Zentralkomitee und das Zentralorgan die Richtung der Parteitagsmehrheit vertreten sollen oder nicht. Über diese ‚ultrazentralistische‘ und rein ‚blanquistische‘ Forderung sagt die werte Genossin kein Wort; sie zieht es vor, gegen die mechanische Unterwerfung eines Teils unter das Ganze, gegen den Kadavergehorsam, gegen die blinde Unterordnung und ähnliche Schreckgespenster zu wettern.« (Ebenda, S. 481/482.)
6 »Der Jakobiner, der untrennbar verbunden ist mit der Organisation des Proletariats, das sich seiner Klasseninteressen bewußt geworden ist - das ist eben der revolutionäre Sozialdemokrat.« (W.I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. in: Werke, Bd. 7, S. 386.) - »Genossin Luxemburg sagt, daß ich meinen Standpunkt vielleicht scharfsinniger gekennzeichnet habe, als es irgendeiner meiner Opponenten tun könnte, indem ich meinen ‚revolutionären Sozialdemokraten‘ als einen mit der Organisation der klassenbewußten Arbeiter verbundenen Jakobiner definierte. Wieder eine faktische Unwahrheit. Nicht ich, sondern P. Axelrod sprach zuerst vom Jakobinismus. Axelrod war der erste, der unsere Parteinuancen mit denen aus der Zeit der großen französischen Revolution verglich. Ich bemerkte lediglich, daß dieser VergIeich nur in dem Sinne zulässig sei, als die Teilung der modernen Sozialdemokratie in eine revolutionäre und eine opportunistische bis zu einem gewissen Grade der Teilung in Montagnards und Girondisten entspricht. Einen ähnlichen Vergleich hat die vom Parteitag anerkannte alte ‚Iskra‘ recht oft gezogen. Und gerade weil sie diese Teilung anerkannte, bekämpfte die alte ‚lskra‘ den opportunistischen Flügel unserer Partei, die Richtung des ‚Rabotscheje Delo‘. Rosa Luxemburg verwechselt hier das Vehältnis zwischen zwei revolutionären Richtungen im 18. und im 20. Jahrhundert mit der Identifizierung dieser Richtungen selbst.« (W.I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Eine Antwort W.I. Lenins an Rosa Luxemburg. In: Werke, Bd. 7, S. 483.)
7 »Gen. Rosa Luxemburg unterschiebt mir geradezu den Gedanken, daß alle Vorbedingungen zur Organisierung einer großen und äußerst zentralisierten Arbeiterpartei in Rußland bereits vorhanden seien. Wieder eine faktische Unwahrheit. Nirgends habe ich in meinem Buch diesen Gedanken ausgesprochen, geschweige denn vertreten. Die von mir aufgestellte These besagte und besagt etwas anderes. Und zwar habe ich darauf bestanden, daß alle Vorbedingungen bereits vorhanden sind, um die Beschlüsse des Parteitags anzuerkennen, und daß die Zeit schon vorbei ist, da man ein Parteikollegium durch einen Privatzirkel ersetzen konnte. Ich führte Beweise dafür an, daß gewisse Akademiker in unserer Partei ihre Inkonsequenz und Unbeständigkeit offenbarten und daß sie keinerlei Recht hatten, ihre Disziplinlosigkeit den russischen Proletariern in die Schuhe zu schieben. Die russischen Arbeiter haben sich schon oft bei verschiedenen Gelegenheiten für die Befolgung der Parteitagsbeschlüsse ausgesprochen.« (Ebenda, S. 482.)
8 »Nicht dem Proletariat, sondern manchen lntellektuellen in unserer Partei mangelt es an Selbsterziehung im Geiste der Organisation und der Disziplin, im Geiste der Feindschaft und der Verachtung für die anarchistische Phrase.« (W.I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. In: Werke, Bd. 7, S. 393.)
9 Siehe ebenda, S. 395. - »Gen. Luxemburg meint, ich verherrliche die erzieherische Wirkung der Fabrik. Das ist nicht wahr. Nicht ich, sondern mein Gegner behauptete, daß ich mir die Partei als eine Fabrik vorstelle. Ich lachte ihn tüchtig aus und wies ihm mit seinen eigenen Worten nach, daß er zwei verschiedene Seiten der Fabrikdisziplin verwechselt, was leider auch bei der Genossin Rosa Luxemburg der Fall ist.« (W.I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurük. Eine Antwort W.I. Lenins an Rosa Luxemburg. In: Werke, Bd. 7, S. 482/483.)
10 Unter Führung des Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse hatten im Sommer 1896 etwa 30.000 Textilarbeiter in Petersburg gestreikt. Sie forderten Bezahlung des Arbeitsausfalls an den Krönungsfeiertagen und Verkürzung der Arbeitszeit. Um die Ausweitung des Streiks zu einem Generalstreik zu verhindern, wurden die Forderungen der Arbeiter teilweise erfüllt und der Streik nach drei Wochen beendet.
11 Am 4. März 1901 hatte in Petersburg eine große Arbeiter- und Studentendemonstration gegen die reaktionäre Studentenpolitik der zaristischen Regierung stattgefunden. Polizei und Militär waren brutal gegen die Demonstranten vorgegangen.
12 Im November 1902 hatte in Rostow am Don in den Eisenbahnwerken ein Streik begonnen, der bald alle Betriebe der Stadt erfaßte. Aus diesem ökonomischen Streik entwickelte sich die bis dahin größte politische Massenaktion, bei der das Proletariat »sich zum ersten Male als Klasse allen anderen Klassen und der Zarenregierung« gegenüberstellte (Lenin). Diese Aktion trug wesentlich zum weiteren Aufschwung der Arbeiterbewegung in Rußland bei.
13 »Es handelt sich nicht darum, daß Punkte  des  Statuts Opportunismus  erzeugen  können,  sondern darum. mit Hilfe dieser Punkte eine mehr oder minder scharfe Waffe gegen den Opportunismus zu schmieden. Je tiefer seine Ursachen sind, um so schärfer muß diese Waffe sein.« (W.I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. In: Werke, Bd. 7, S. 271.)
14 »Bürokratismus versus Demokratismus, das ist eben Zentralismus versus Autonomismus, das ist eben das organisatorische Prinzip der revolutionären Sozialdemokratie gegenüber dem organisatorischen Prinzip der Opportunisten der Sozialdemokratie.« (Ebenda, S. 400/401.) - „Sie zitiert meine Worte, daß diese oder jene Fassung eines Organisationsstatus als ein mehr oder weniger scharfes Kampfmittel gegen den Opportunismus dienen kann. Über welche Fassungen ich in meinem Buch und wir alle auf dem Parteitag gesprochen haben, darüber sagt Rosa Luxemburg kein Wort. Welche Polemik ich auf dem Parteitag führte, gegen wen ich meine Grundsätze vorbrachte, das kümmert die Genossin überhaupt nicht. Statt dessen geruht sie, mir eine ganze Vorlesung über den Opportunismus in den Ländern des Parlamentarismus zu halten!! Doch über die besondere, spezifischen Spielarten des Opportunismus, über die Nuancen, die er bei uns in Rußland angenommen hat und mit denen ich mich in meinem Buch beschäftige, darüber finden wir in dem Artikel der Genossin kein Wort.« (W.I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Eine Antwort N. Lenins an Rosa Luxemburg. In: Werke, Bd. 7, S. 484.)
15 In England sind gerade die Fabier die eifrigsten Verfechter bürokratischer Zantralisation und Gegner demokratischer Organisationsformen. Namentlich die Webbs. Die Red.

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