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Scharfe Zungen und funkelnde Augen im Krieg der Wörter

Neomackertum und Verbalmilitarismus im linken Dialog

Auch wenn Gangsterkids gerne Pink tragen und der Hardcoremacho, neuerdings auch mit Schleifchen im Haar, in der Normalgesellschaft eine Renaissance erfährt, so ist der krasse Macho in der linksradikalen Szene doch selten geworden. Allerdings wurde Männlichkeit nicht zu Ende reflektiert und abgewickelt, sondern leider nur von einer neuen Variante des Männlichkeitswahns ersetzt, im Folgenden Neomackertum genannt. Der Neomacker kommt als der nette Junge von nebenan daher, zunächst wirkt er dank seines vordergründig leisen Auftretens schüchtern, und trägt dabei seine vermeintliche Reflektiertheit und radikales Bewusstsein wie einen Heiligenschein mit sich herum. Diese Sorte Männlichkeit wird frau –vermutlich – nicht angrapschen, keine allzu stumpfen Sprüche klopfen, wird von Emanzipation faseln, auf theoretischer Ebene Heterosexismus genauso verdammenswert finden wie Homophobie und alles in allem einen ziemlich aufgeklärten Eindruck machen. Soweit zu den Plattitüden.

Dass dieser Eindruck nicht bedeutet, dass patriarchal-männliches Verhalten tatsächlich reflektiert und abgebaut wird, beweist der Debattenstil, der derzeit innerhalb der Antifa- und »antideutschen« Szene gepflegt wird.

Anlass für diesen Text sind Erlebnisse mit »antideutschen« Antifaschisten im Zusammenhang mit der Gedenkdemonstration zum 9. November in Köln. Erfahrungen und Beobachtungen der letzten Jahre bilden den Hintergrund. Der Verbalmilitarismus mancher antideutscher (Antifa-)Männer ist unerträglich geworden.

Wir haben es nicht mit einem Einzelfall zu tun. Schon seit Längerem feiern Menschen in der antideutschen Szene Polemik als Kommunikationsmittel ab, ihre Texte und Diskussionsveranstaltungen bieten eine breite Fläche für feministische Kritik. Dabei geht es nicht nur um manche Inhalte (Vergewaltigungsverharmlosung, Befürwortung der Verstümmelung intersexueller Menschen, Leugnung der Existenz patriarchaler Herrschaft, Negieren des Definitionsrechts der Überlebenden sexualisierter Gewalt, etc. - siehe * unten) oder um das konkrete Auftreten, das mit Hasstiraden, Ins-Wort-fallen, Lautwerden und Kampfreden daherkommt, sondern auch um Denkschemata und Streitkultur.
Der Verdacht drängt sich auf, dass mit diesem Redestil ein Nichtauslebendürfen dominanter, (über-)sexualisierter Männlichkeit kompensiert wird, weil die Dekonstruktion des Machismo sich nicht zu eigen gemacht, sondern nur als Szenecode angenommen wurde. Dass auch in »leisem« Redestil patriarchale Strukturen ausgedrückt werden können, ist einigen entweder noch nie in den Sinn gekommen oder es wird schlicht als vernachlässigbar angesehen.

Der Zusammenhang zwischen patriarchalen Formen und Inhalten scheint völlig unhinterfragt zu bleiben: Die Denkform, in der mensch verhaftet ist, hat unmittelbar mit den inhaltlichen Ideen, die mensch vertritt und nach der mensch handelt, zu tun. Sprich eine aus Dualismen und Bellizismen bestehende Denkstruktur führt unweigerlich zu einer Ideologie, welche diese Denkform reproduziert. Denkform beeinflusst Denkinhalt beeinflusst Denkform. Krieg als Denkform führt zu kriegerischen Positionen und Aktionsformen, welche militaristisches Denken bestätigen, woraus sich wiederum entsprechende Ideen legitimieren…

Mit den Waffen eines Mannes...

Kleiner Kurs in patriarchaler Streitkultur
Patriarchal Streiten Stufe 1

Als erstes wird, wie in einem richtigen Krieg, derdiedas FeindIn definiert und Menschen in FeindIn und FreundIn unterschieden. Differenzierungen und Widersprüche in der Wirklichkeit fallen schon hier unter den Tisch. Die Tatsache, dass Menschen ihre Positionen weiterentwickeln und niemensch linksradikal geboren wurde, wird nicht berücksichtigt

Patriarchal Streiten Stufe 2

Um im Kampf bestehen zu können, dürfen keine Zweifel aufkommen. Daher wird das Gegenüber nicht wahrgenommen, sondern eigene Bilder von dem, was ersiees sagen wollen könnte, auf ihnsie projiziert, um dann diese eigene Projektion zu bekämpfen. Einzelne Positionen der Kritisierten werden so zugespitzt, wie diese sie nicht vertreten würden und dann mit den Standpunkten von Nazis, Islamisten und anderen reaktionären Gruppen gleichgesetzt. Schon jetzt ist das Gegenüber nur mehr das Objekt der Selbstbestätigung: ersiees wird zur Projektionsfläche degradiert. Die eigene Identität ist gesichert.

Patriarchal Streiten Stufe 3

Um dieses selbstgemachte Bild nicht zu zerstören, wird dem Gegenüber nicht wirklich zugehört, sondern nur insoweit, als man sich auf die Suche nach vermeintlichen Schwächen und Argumentationsfehlern desder anderen macht. Das bestätigt die eigene Stärke – man kann sich überlegen fühlen. Wiederum ist die eigene Identität gesichert.

Dabei besteht denn auch kein Interesse am Gespräch mehr, sondern es geht darum, einen verbalen Sieg zu erringen. Es ist spätestens jetzt völlig unmöglich, von der eigenen Position abzurücken oder eigene »Schwächen« einzugestehen. Alles andere als ein Sieg wird als Niederlage gewertet.

Patriarchal Streiten Stufe 4

Wer soweit gekommen ist, für den ist der Wille zur kommunikativen Vernichtung der zur FeindIn verkommenen GesprächspartnerIn nicht weit. Der Siegesdrang enthemmt - Aggressionen darf freier Lauf gelassen werden. Für diesen Zweck ist den Akteuren kein Stilmittel, keine argumentative Falle, keine Entwürdigung zu schade. Mensch muss einmal das Leuchten in den Augen eines Neomackers gesehen haben, der glaubt, eineN gerade eines »Vergehens« überführt zu haben, das eine verbale Vernichtung rechtfertigen würde. Ein Blick sagt bekanntlich mehr als tausend Worte – auch über patriarchale Existenzen.

Patriarchal Streiten – die Waffe

Polemik. Ein Stilmittel das, wie jemensch mal sehr schön gesagt hat, Türen einrennen will, ohne nachzusehen, ob sie vielleicht offen gewesen wären, und das sich nicht darum bemüht, erstmal anzuklopfen. Wie sich sowieso ein verbalmilitaristischer Umgangsstil um gar nichts mehr bemüht als um das Erringen des eigenen Sieges.

Wikipedia sagt uns über Polemik:

»Ursprung: von französisch polemique und griechisch polemikos ›zum Krieg gehörig, kriegerisch‹.
[1] öffentlicher, meist scharfer und unsachlicher Meinungsstreit im Rahmen politischer, literarischer oder wissenschaftlicher Diskussionen.
[2] unsachlicher Angriff (...)
Polemisieren heißt, eine Ansicht zu bekämpfen. Polemik sucht nicht den Konsens, sondern will fundamentalistisch niederkämpfen. (...)
Kennzeichen von Polemik sind oft scharfe Äußerungen, persönliche Angriffe und der Verzicht auf sachliche Argumente.«

Eigentlich bedarf es keiner weiteren Ausführungen. Polemik ist die zweifelhafte Kunst des verbalen Kriegführens. Inhaltlicher Streit aber ist nicht möglich, solange er als Kampf geführt wird.

Patriarchal Streiten - die Kehrseite

Das Gegenteil von Krieg ist Frieden - und wie falsch und verlogen dieser ist, wissen wir auch. Das Gegenteil einer militaristischen Streitkultur wäre eine harmonisierende, auf den Ausgleich und das Entfernen, Verdrängen oder Unter-den-Teppich-kehren von Widersprüchen angelegte. Ein solcher Ansatz wird von den Wortkriegern zu Recht kritisiert. So wie ihr eigener, kümmert sich auch dieser Ansatz nicht um die differenzierte Darstellung der Wirklichkeit und hat kein Interesse an einem ehrlichen Streit. Nur die Motive sind anders. Die einen sehen nur FeindInnen, die anderen nur FreundInnen.
Beides ist falsch und bleibt einer schwarz-weiß gemalten Welt treu. Welcome to the patriarchal idea of dualism: Krieg oder Konsens, dazwischen existiert nichts.

Mit Neomackern nicht mehr reden. Desertiert!

In einer solchen Streitkultur ist der Versuch einer ehrlichen inhaltlichen Auseinandersetzung zum Scheitern verurteilt. Angesichts dessen kann mensch antideutschen and antifa- Neomackern kein wirkliches Interesse am inhaltlichen Streit unterstellen.
Einer Diskussion auf diffamierendem und militaristischem Level verbietet sich auf Grund der Unvereinbarkeit patriarchaler Streitkultur mit emanzipativen Bestrebungen. Deshalb sollte zunächst eine Veränderung des Auseinandersetzungsstils hin zu einer Form, die Kommunikation überhaupt erst möglich macht, eingefordert werden.
Es geht darum, dualistisches Denken aufzubrechen, Menschen nicht in –vorzugsweise zwei – Gruppen einzuteilen, um sie bekämpfbar und beherrschbar zu machen. Der Verherrlichung von kriegsartigen Streitmethoden muss eine Absage erteilt werden.
Es geht darum, inhaltlich genauer zu argumentieren und die Möglichkeit einzubeziehen, das eigene Weltbild zu überdenken oder einfach mal nicht Recht zu haben.
Es geht darum, der Diffamierung von Zärtlichkeit entgegenzutreten, wenn einige Menschen all diejenigen, die nicht mit der Streitaxt im Kopf leben wollen, als Kuschellinke bezeichnen und dies als Schimpfwort meinen.

Die Unfähigkeit, sich vorzustellen, dass es Kommunikationsformen zwischen Harmonisieren und Polemisieren gibt, darf nicht zum Standard einer Szene werden, deren Ziel die revolutionäre Veränderung alles Bestehenden hin zu Emanzipation und Freiheit ist. Im Gegenteil: Emanzipationsversuche sollten ständig und auf allen Ebenen unternommen werden. Dazu gehört eine radikal andere Form des Zusammenlebens, des Für-sich-seins, des Miteinander-seins. Dazu gehören Gedankenexperimente, Ausprobieren, Scheitern, Verwerfen, Neuanfangen. Dazu gehören Identitätsbrüche und die Suche nach neuen Antworten. Dazu gehört eine Umgebung, in der angstfrei ausprobiert und sich entwickelt werden kann – also auch ohne Angst vor verbalen Feldzügen der GenossInnen.

Wie oder was?

Wir müssen den Willen zur Macht aus unseren Köpfen verbannen. Nur wo ohne Machtansprüche, heimliche oder offene Hierarchien und Herrschaftsansprüche gestritten werden kann, verschwindet das Prinzip Sieg oder Niederlage und damit das Prinzip Krieg.
Ohne eine konsequente und detaillierte Patriarchatskritik und eine bemühte antipatriarchale Praxis ist nichts davon realisierbar. Das Patriarchat als wahrscheinlich älteste Herrschaftsform beraubt uns alle seit Jahrtausenden unserer Menschlichkeit. Es steckt uns so tief in den Knochen, dass es wehtun wird, es wieder herauszuextrahieren.
Da ist es viel bequemer, in der eigenen schlechten Sozialisierung einer kommunikationsgestörten, projektiven, emotional verkümmerten, unreflektierten, brutalisierten, durch und durch vermachteten, entfremdeten und ver-herrschafteten Gesellschaft stecken zu bleiben und sich nicht mit dem schwierigen Projekt des kritischen Hinterfragens und Herumexperimentierens zu beschäftigen. Dass Selbstreflexion anstrengend ist, ändert aber nichts an der Notwendigkeit, sie zu betreiben.

»Für eine anarchafeministische, radikal emanzipatorische, konsequent antihierarchische und reflektierte Umgangsweise.«

Dieser Text soll eine Diskussion über neopatriarchales, Verhalten anstoßen und dazu aufrufen, antiemanzipatorische Umgangsformen allerorts aufzudecken, sich ihrer zu entziehen und sie – naja eben: zu bekämpfen. (Widersprüche, Widersprüche, immer diese Widersprüche!).
Dieser Text ist sicher nicht am Ende der antipatriarchalen Weisheit angekommen. Für eine weitere inhaltliche Debatte ist aber die Veränderung der Streitkultur Grundvorrausetzung.

Clara Wendel, A-femme - Köln

* Siehe hierzu:

Noch mehr Tipps.

Zum Gruseln im Original:


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