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Der heimliche Lehrplan

Geschlechtersozialisation in der Schule

Die Universitätsprofessorin für Frauenforschung, Hannelore Faulstich-Wieland, befragte Ende der achtziger Jahre SchülerInnen aller Altersstufen zum Thema Ko­edukation. Auf die Frage, ob die SchülerInnen sich fächer­getrennten Unterricht vorstellen könnten, antwortete ein Mädchen der Sekundarstufe 1: "In der 3. und 4. Stunde haben wir Haus­wirtschaft, da lernen auch die Jungs, wie man sich im Haus­halt verhalten soll, wenn er spä­ter keine Freundin hat. Aber für Jungs ist es wahrscheinlich nicht schön Textil machen zu müssen.“

Ein dreizehnjähriger Junge schlägt vor: "Man könnte doch manche Fächer (wie Chemie, Mathe­matik, Physik und Sport), in denen Mädchen nicht so viel Ahnung und Interesse haben trennen, damit die Jungen mehr und schneller lernen können." Auf die Frage, ob die SchülerInnen sich vorstellen könnten, eine "reine" Mädchen bzw. Jungenschule zu besuchen, antworteten zwei vierzehnjährige Realschüler mit den folgenden Worten: "Wenn ich mir einen Schulalltag ohne Mädchen vorstelle, dann denke ich, daß ich irgendwann einmal so als kleiner, schüchterner Schwuler enden werde. " und: "Auf einer Jungenschule würde ich inner­lich verwesen, denn Mädchen sind unser Elixier. Jungenschulen sind unmännlich."

Eine vierzehnjährige Gymnasiastin meinte zur selben Frage: "Ich finde es wichtig, daß es gemischte Schulen gibt, denn so wird man eigentlich ans Leben gewöhnt. Schließlich kann man ja später auch keine Frau heiraten und von ihr Kinder bekommen. Viele Ehepaare lernen sich ja auch in der Schule kennen. Wie soll man aber in so einer frommen Mädchenschule einen Jungen kennenlernen, da bleibt man ja die ganze Zeit eine alte Jungfer "

Diese kurzen Ausschnitte aus den Interviews von Hannelore Faulstich-Wieland zeigen, daß die SchülerInnen über ihre Geschlechterrollen und eine "korrekte" sexuelle Orientierung genaue Vorstellungen haben. Homophobie scheint unter diesen Ju­gendlichen weitverbreitet zu sein, wobei in den wenigsten Schulen direkt dagegen gearbeitet wird. Stattdessen wird dort immer noch Geschlechtersozialistion vom Feinsten betrieben, wie der folgende Text ausschnittsweise zeigen wird.

Der Begriff „heimlicher Lehrplan wurde in den siebziger Jahren als Gegenstück zum offiziellen Lehrplan in die pädagogische Diskussion emgeführt. Der Begriff bezieht sich vor allem auf die sozialen Lernerfahrungen der SchülerInnen, darauf, was ihnen bezüglich sozialer Regeln beigebracht wird. Im Gegensatz zum offiziellen Lehrplan bezieht sich der heimliche Lehrplan nicht darauf, was unterrichtet wird, sondem wie unterrichtet wird. Auch der "heimliche Lehrplan" geschechtsdifferenter Sozialisation ist seit einigen Jahren in den Blickpunkt empirischer Schulforschung geraten. Vor allein Frauenforscherinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, dezidiert nach jenen nicht-gewollten Lernerfümmgen in der Schule zu fragen, die einer Erziehung zur Mündigkeit für beide Geschlechter zuwiderlaufen. Geschlechterstereotype und die damit in Zusammenhang stehenden normativen Erwartungen werden über den "heimlichen Lehrplan" in die Schule transportiert. Lehrpersonen, die ihre eigene Sozialisation nie überdacht haben, geben das weiter, was sie gelernt haben. Der angepaßte, stille, ängstliche Junge ist ebensowenig akzeptiert, wird abgelehnt, sanktioniert und verunsichert, wie das laute, aggressive Mädchen. Die Schülerlnnen bekommen die gewünschten Geschlechterrollen nicht nur vorgelebt, sie bekommen es auch zu spüren, wenn sie diesen nicht entsprechen.

Die Geschlechterhierarchie in der Schule

Im heimlichen Lehrplan lernen Mädchen und Junger. kognitiv, aber vor allem auch emotional und physisch durch die realen Prägun­gen gelebten Schullebens, daß Frauen und Männer nicht gleich­berechtigt, nicht gleichwertig sind, sondern daß ihr Verhältnis ein von Über- und Unterordnung geprägtes, ein hierarchisches Verhältnis ist. Schulische Erziehung ist hierarchisch-bürokratisch organisiert und die Zahlen über die Zuord­nung der Frauen im Bildungswesen sprechen eine deutliche Sprache. In allen markanten Spitzenpositionen, wie im Bereich der Kulturadministration oder auf Rektorenstellen, finden sich fast nur Männer. Die folgenden Daten aus dem Jahr 1989 zur Frauenbenachteiligung im Bildungswesen veranschaulicht die Problematik:

Die hier dargestellten institutionelle Rahmenbedingung schulischen Leinens kann folgende Konsequenzen haben: Die Schulhierarchie vermittelt den SchülerInnen den Eindruck, daß Frauen (intellektuell) weniger an­spruchsvoll sind, daß sie durch ihr Fehlen in Leitungsfunktionen we­niger Autorität verkörpern, ent­weder weil sie sie sich selbst nicht zutrauen oder sie ihnen nicht zugetraut wird. Durch die Abwesen­heit von Frauen in den Spitzen der Hierarchien wird im Hinblick auf männliche und weibliche Lebensentwürfe gezeigt, daß Männer Karriere machen, während Frau­en versuchen müssen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Da diese Anordnung besonders stark im Bereich der Grundschule vorhan­den ist, strukturiert sie geschlechterstereotype Vorstel­lungen bei Mädchen und Jungen schon vom Einstieg in das Schulsystem an.

Versteckte Diskriminierung von Mädchen im Schulalltag

Bei Unterrichtsbeobachtungen und empirischen Untersuchungen zum LehrerInnenverhalten gegen­über Mädchen und Jungen kam heraus, daß Mädchen und Jungen in den Interaktionen des Unterrichts unterschiedlich beachtet werden: Die Forschungsergebnisse aus England, den USA, Skan­dinavien und der Bundesrepublik zeigen übereinstimmend, daß sowohl weibliche als auch männliche Lehrkräfte Schülern mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen als Schülerinnen. Zwei Drittel der Aufmerksamkeit für die Jungen weist sich als der Normalfall aus, so daß nicht nur die Jungen selbst sondern auch di eLehrerinnenund Lehrer sowie die Mädchen das Gefühl einer Bevorzugung haben, wenn dieses Verhältnis zugunsten der Mädchen verändert wird. Eine Beobachtungsstudie von Frasch und Wagner zeigte 1982, daß auch positive und negative Rückmeidungen unterschiedlich verwandt werden je nachdem, ob sie an Mädchen oder Jungen gerich­tet sind: Jungen werden von Leh­em und Lehrerinnen häufiger aufgerufen - sowohl mit als auch ohne vorheriges Melden - sie werden häufiger gelobt und vor allem aufgrund von Disziplin­verstößen getadelt, sie haben mehr Blickkontakte mit den Lehrpersonen, mehr räumliche Nähe, sie erhalten mehr Rückfragen und Rückmeidungen. Selbst die Erwartung, daß sich im Fach Deutsch die Benachteiligung für Mädchen aufgrund des ihnen zugesprochenen Begabungsvorsprungs verbessert, bestätigt sich nicht. Die SchülerInnen müssen während ihrer schulischen Laufbahn ständig dem Prozeß des Beurteiltwerdens stellen. Dabei erfahren Jungen viel häufiger die Rückmeldung, daß ihre Leistun­gen auf Begabung zurückgeführt werden. Die Mädchen erhalten dagegen die irrelevante Rückmeldung, daß ihre Leistungen auf Anstrengung, Fleiß und ordentliches Arbeiten attribuiert werden. so­mit besteht die Gefahr, daß die Mädchen ihre intellektuellen Fähigkeiten in Frage stellen.

Die gleichen Auswirkungen dokumentiert eine Längsschnittuntersuchung von Marianne Hortskemper: Zu Beginn der Sekundarschulzeit zeigen Mädchen wie Jungen ein nahezu gleiches Selbstwertgefühl. Bereits am Ende der Sekundarstufe I haben Mädchen jedoch ein deutlich niedrigeres Selbstbewußtsein als Jungen. Bleibt als Ergebnis festzuhalten: Mädchen beenden ihre Schulzeit, trotz durchschnittlich besserer Leistungen mit einem geringeren Selbstbewußtsein als Jungen und mit einer unangemessen niedrigen Selbsteinschätzung in Bezug auf ihre Leistungsfähigkeit­selbst in ihren Domänen. Jungen dagegen neigen zur Selbstüberschätzung.

Rollenklischees in Schulbüchern

Schulische Medien bilden die primäre und offensichtlichste Quelle für die Beschreibung des kulturellen Inhalts eines Bildungswesens. Schulbuchuntersuchungen helfen bei der Suche nach geschlechtsdifferenter Sozialisation. Insbesondere die Sichtweisen vom Verhältnis der Geschlechter, die sich -in den Unterrichtswerken durch Texte und Bilder, in Redewendungen, Symbolen und Zeichen artikulieren und weitervermitteln können als weitere Aspekte des heimlichen Lehrplans" betrachtet werden. Wenn Frauen in Schulbüchern auftauchen, so werden sie überproportional häufig im häuslich-familiären Bereich dar­gestellt, das heißt vorrangig mit Haushalt und Kindererziehung beschäftigt, während sich Mann-Sein in Berufsorientierung äußert. Doch spiegelt dieses Frauenbild weder die Lebensrealität von Frauen wider, noch enthält es emanzipatorische Ansätze, da die Darstellungen vernachlässigen, daß Frauen zu 39 % erwerbstätig sind. Diese Daten stammen aus dem Jahr 1991, es ist zu erwarten, daß die Zahl der erwerbstä­tigen Frauen weiter angestiegen ist. Bezüglich sexueller Rollenerwartungen ist anzumerken, daß Homosexualität in den wenigsten Schulbüchern auch nur erwähnt wird, im Biologieunterricht zudem meist verschwiegen wird. Ergebnisse des heimlichen Lehrplans.

Werden die Ergebnisse der bis­herigen Untersuchungen zusammengefaßt, so läßt sich die schulische Situation von Mädchen als prekär charakterisieren: Im Curriculum können sie sich nur schwer wiederfinden, Funktionsträgerinnen in der oberern Schulhierarchie, mit denen sie sich identifizieren können, gibt es nicht viele. Die Schule fördert die intellektuellen und kreativen Fähigkeiten der Mädchen weniger als diejenigen der Jungen. Damit trägt die Schule dazu bei, daß Mäd­chen subjektiv ihre Position in der Geschlechterhierarchie als Unterlegene verinnerlichen. Der heimliche Lehrplan vermittelt somit ein zweigeschlechtliches kulturelles Sinn- und Wertesystem, das nur die Seite des männlichen Geschlechts explizit und positiv thematisiert

Rexi Weller

Literaturverzeichnis

(Quelle: Reader "Mein Körper gehört mir!" der OLLAfA Göttingen, 1996)



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