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Diskursive Herrschaft
Wie sich Traditionen, Normen und Wahrheiten einbrennen

Diskursive Herrschaft ++ Diskurssteuerung ++ Beispiele ++ Rollen und Zurichtung ++ Demaskieren ++ Links

Der folgende Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Aus Helmut Willke, "Zur Relevanz der Systemtheorie von Niklas Luhmann", in: agora42 2/2016 (S. 11)
Kommunikation, und nicht etwa Handlung, ist für Luhmann die elementare soziale Operation, und aus der einfachen sprachbasierten Kommunikation bauen sich die komplexesten sozialen Systeme auf. ...
Am Anfang, und zunächst, besteht also ein enger Zusammenhang zwischen Personen und Organisation, und es sind immer und notwendig Personen, welche Organisationen auf den Weg bringen. Aber bald trennen sich die Wege. Die Organisation wird eigenständig und eigensinnig, ganz so, wie Kinder sich irgendwann (hoffentlich) selbstständig und relativ unabhängig vom Elternsystem machen. Am einfachsten lässt sich diese Eigenständigkeit der Organisation anhand der jeweiligen ,,Organisationskultur" zeigen. Organisationskultur entsteht aus Myriaden von Kommunikationen, die sich allmählich zu einem Gerüst verfestigen, in das sich die Personen durch Rekrutierung einfügen.

Diskurs, Kategorien, Erwartungen, Standards: Die Herrschaft im Kopf

Der allmächtige Markt und die institutionelle Herrschaft (vor allem der Staat und von ihm legitimierte Institutionen) sind direkt sicht- und spürbar. Doch damit sind die vielen Beherrschungen, denen Menschen ausgesetzt sind, bei weitem nicht vollständig erfasst. Allerdings sind alle weiteren Formen schwieriger erkennbar, weil unterschwelliger. Sie verkleiden sich als scheinbar eigene Meinung oder sind gar nicht spürbar. Eine dieser verschleierten Beherrschungsformen ist die Steuerung des Denkens, Wertens und der eigenen Identität durch Diskurse, Deutungen und Erwartungshaltungen.

Durch gesellschaftliche Zurichtung (Erziehung, Erwartungshaltungen, Anschauung gesellschaftlicher Praxis als “Normalität”), Sprache, gerichtete Kommunikation und die Propagierung und Durchsetzung statt Vereinbarung von Standards (technische Normen, “das machen alle so” oder “so ist das nun mal”, Verhaltenskodex usw.) entstehen Fremdbestimmung und unterschiedliches Wertigkeitsempfinden zwischen Menschen. Alle werden in ihrem Leben für eine bestimmte soziale "Rolle" beeinflusst, d.h. "konstruiert": Frauen gegenüber Männern, Jugendliche gegenüber Erwachsenen, Menschen ohne Abschluss gegenüber solchen mit akademischem Grad, Arme gegenüber Reichen, ArbeitnehmerInnen gegenüber ArbeitgeberInnen oder Selbständigen, sog. Behinderte gegenüber "Gesunden", Nichtdeutsche gegenüber Deutschen (und jeweils umgekehrt). Diese und viele Unterschiede bestünden auch dann, wenn Menschen frei aller sonstigen Herrschaftsverhältnisse wären. Das ist nicht Schuld der Menschen oder ihrer Zusammenschlüsse, aber nichtsdestotrotz der Fall. Es ist auch nicht einheitlich, denn die oben genannten Personenkreise sind keine einheitlichen Gruppen - aber in der Tendenz sind sie gesellschaftlich "konstruiert", d.h. ihnen wird über Jahre und Jahrzehnte eine gesellschaftliche Rolle, Erwartungshaltung und ein Selbstwertgefühl vermittelt. Innerhalb dessen leben sie "funktional" in den realen Gesellschaftsverhältnissen, d.h. sie empfinden ihre Position als richtig für sich selbst, nehmen sie deshalb nicht mehr als konstruiert wahr und wehren sich nicht gegen diese. Das Konstrukt ist zur „Matrix“ ihres Lebens geworden, ohne dass ihnen das bewusst ist oder die eigene Rolle bewusst gewählt wurde.

Im Original: Was ist ein Diskurs? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Quelle: Wikipedia
Grob vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit einer jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang, oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf, und von wem es wann in welcher Form gesagt werden darf (z.B. nur in Form einer wissenschaftlichen Aussage).

Aus Foucault, Michel (1991): "Die Ordnung des Diskurses"
Der Diskurs - dies lehrt uns immer wieder die Geschichte - ist auch nicht bloß das, was die Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in Sprache übersetzt: er ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, derer man sich zu bemächtigen sucht. ... (S. 11)
Dieser Wille zur Wahrheit stützt sich, ebenso wie die übrigen Ausschließungssysteme, auf eine institutionelle Basis: er wird zugleich verstärkt und ständig erneuert von einem ganzen Geflecht von Praktiken wie vor allem natürlich der Pädagogik, dem System der Bücher, der Verlage und der Bibliotheken, den gelehrten Gesellschaften einstmals und den Laboratorien heute. Gründlicher noch abgesichert wird er zweifellos durch die Art und Weise in der das Wissen in einer Gesellschaft eingesetzt wird. Es sei hier nur symbolisch an das alte griechische Prinzip erinnert: dass die Arithmetik in den demokratischen Städten betrieben werden kann, da in ihre Gleichheitsbeziehungen belehrt werden; dass aber die Geometrie nur in den Oligarchien unterrichtet werden darf, da sie die Proportionen der Ungleichheit aufzeigt.
(S. 15 f.)

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 43+51f)
Das Individuum kann auch sich selbst nicht ohne weiteres trauen. Es wird nicht nur getäuscht (wovon die Demokraten ausgehen); es ist nicht nur Träger falschen Bewußtseins als Spiegelung falscher gesellschaftlicher Verhältnisse (wovon die Marxisten ausgehen). Es hat selbst teil an allen starken wie dunklen Kräften der Geschichte, kollektiven wie unbewußten Prozessen; es produziert sie selbst, und es ist mit seiner Aufgabe, all dies zu intergrieren, häufig überlastet. ...
Man kann den Kapitalismus nicht verstehen, wenn man nur die Industrieländer analysiert. In ähnlicher Weise kann man das Patriarchat nicht verstehen, wenn man nur die Männer und ihre Interessen analysiert. Und man kann die Aliens nicht verstehen, wenn man nicht auch uns analysiert.
Alle Herrschaftsbeziehungen sind fatale Symbiosen. Ihre Auflösung erfordert auch von den Beherrschten, sich zu verändern. ...
Herrschaft ist, wie Foucault herausgearbeitet hat, nicht einfach Unterdrückung. Sie ist schöpferisch. Sie ordnet die Verhältnisse, sie bringt Beziehungen und Identitäten hervor, sie ist kreativ. ... Wir sind keine Steine; wir können nicht ohne irgendeine soziale Form, ohne irgendeine psychische Verfassung, ohne irgendein gesellschaftliches Verhältnis existieren. Herrschaft realisiert eine Möglichkeit von uns; und solange wir keine andere finden, können wir nur dienen oder untergehen.


Aus Wilk, M, 1999: "Macht, Herrschaft, Emanzipation". Trotzdem Verlag Grafenau
Im Unterschied zur leicht zu identifizierenden "alten" pyramidal­zentralistischen Herrschaftsstruktur, "haben wir es bei der "modernen Form staatlicher Herrschaft" mit einem System von Machtzirkulation zu tun, die sich der Wahrnehmung eher entzieht, indem sie Konfrontation meidet und nicht auf-, sondern durch die Menschen hindurchwirkt. Auch "durch uns" wirkt ein Staatssystem, das den gesamten sozialen Körper mit einem Funktionsgeflecht der Macht zu durchziehen sucht, das die Menschen integrativ okkupiert, Identifizierungsebenen schafft und den gesellschaftlichen Mainstream als Autoregulativ nutzt, und sich so Zugang geschaffen hat zu den Prägungsebenen von Werten und Glücksgefühlen“. ... (S. 22)
"Unser" Herrschaftssystem hat sich gewandelt, Instanzen "harter" Überwachung, wurden aufgegeben, wenn Mechanismen gegenseitiger Kontrolle die gleiche (oder bessere) gesellschaftliche Stabilität garantierten. Staatliche Herrschaft hat sich somit verfeinert, und bedient sich zur Aufrechterhaltung seiner Struktur weniger der Maßnahme der Unterdrückung, als vielmehr der Förderung der Akzeptanz und des freiwilligen Gehorsams.
Autoregulation und Selbstkontrolle, als disziplinierende Mechanismen, sind jedoch nur möglich, wenn das System bereit ist, seine BürgerInnen mit einem gewissen Maß von Fähigkeiten, Rechten und Kompetenzen auszustatten. Diese Befähigung ist ein Machtfaktor, der solange nicht stört, solange er systemerhaltend wirkt. Dies ist wesentlich von den Ein- und Anbindungsmechanismen des Staates abhängig. Versagen diese Mechanismen kann es zu Situationen kommen, in denen sich die Kompetenz und Befähigung antiautoritär und antistaatlich auswirken. ...
(S. 23)
Für den/die Unterdrückte innerhalb der klassischen Hierarchie ist der eigene Standpunkt spürbarer, und es stellt sich, wenn überhaupt, sehr schnell das Problem der Möglichkeit zum und zur Wahl der Mittel des Widerstands. Unter den integrierenden Bedingungen des modernen Staats steht an erster Stelle das Problem der Entwicklung eines Gespürs für den schwer wahrnehmbaren „privilegierten Freiheitsverlust". Dieser unterdrückt nicht mittels Gewalt, sondern er bietet an: Die Teilnahme am Konsens, die Möglichkeit sozialen Aufstiegs und sozialer Sicherheit. Die Anpassung ins Regelwerk und die Übernahme der Herrschaftskonzeption erfolgt auf dieser Grundlage freiwillig und automatisch. ...
(S. 24)
Die Systeme flächiger Herrschaftstruktur. die weniger hierarchisch auf, sondern durch den Menschen hindurch wirken. entmündigen durch Integration und durch einbindende "Teilkompetenz".
(S. 47)

Der Diskurs formt das, was als normal betrachtet wird. Er trennt in Innen und Außen, dazugehörend und das Andere, Fremde oder sogar Bedrohliche. Er ist die Ordnung im Denken. Das macht ihn so wirkmächtig. Er kommt als harmlos wirkende Meinung herüber, die ja scheinbar alle oder zumindest viele Menschen rundherum auch haben. Der Diskurs ist das Selbstverständliche im Denken, er bedarf keines Einsatzes direkter Machtmittel. Wenn das Denken einer fremdbestimmten Ordnung unterworfen wird, können die offensichtlichen Waffen der Ordnung ruhen. Kein Mensch muss unterworfen werden, um das zu denken und so zu handeln, wie der Diskurs steht.

Im Original: Konstruktion von Norm und Ordnung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 36)
Ordnungsdenkern wie Luhmann geht es um den Erhalt des Systems und seiner Ordnung, wogegen es den hier angeführten TheoretikerInnen um die Kritik und Infragestellung der herrschenden Ordnung geht. Wenn nun in gesellschaftstheoretischen Diskursen Stabilität Trumpf ist, wie es Wolf-Dieter Narr betitelt, ist die Frage zu stellen: "Welche Stabilität für wen eigentlich?" Eine Kritik, die wirkliche Kritik sein will, muss somit über den Tellerrand der gesellschaftlichen Norm hinaus blicken und Interessen nachspüren. Gebi Mair fügt der Kritik-Affirmations-Linie Wolf-Dieter Narrs eine Emanzipation-Integrations-Linie bzw. eine Emanzipation-Lifestyle-Linie hinzu. Damit benennt er eine Unterscheidung verschiedener Politikkonzepte politischer Bewegungen. Anhand der Lesben- und Schwulenbewegung zeigt er auf, dass eine Integration in die bürgerliche Gesellschaft zum einen über Diskurse des Rechts und zum anderen über Konsum stattfindet. Bürgerrechtsbewegungen gehe es nicht um Emanzipation, sondern um Anerkennung nach dem Motto: "Staatlich geprüft und für normal befunden."
Die gängige Praxis einer solchen Politik ist die Orientierung am Mainstream, was nicht emanzipatorisch sei. „Emanzipatorische Politik hingegen zielt auf die Veränderung eben dieses Mainstreams“. Narr zufolge laufe ein harmonistisches Verständnis der bundesrepublikanischen Wirklichkeit einer Kritik der Norm entgegen und bedeute Affirmation. Durch eine solche Harmonie bleibe Emanzipation trotz zeitweiligen Richtwertcharakters folgenlos.


Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 154+228+257)
Welche Lösungen sich für ein Problem durchsetzen, hängt wesentlich davon ab, was überhaupt als Problem gesehen und wie es interpretiert wird; genau das macht einen Diskurs aus. "Entwicklung" ist zum Beispiel ein Diskurs, der auf den Sachverhalt ungleicher Lebenschancen in der Welt antwortet und das Problem in einer bestimmten Weise definiert, nämlich als ungenügende Entwicklung. Erfolgreiche Diskurse kann man nicht rein repressiv durchsetzuen, sie müssen auch Anknüpfungen für die Erfahrungen und Interessen der Beherrschten und der KritikerInnen bieten. Dafür bietet die repressive Toleranz ideale Voraussetzungen. Öffentliche Kritik ist zulässig und ermöglicht es, potentielle Rohrkrepierer schnell vom Markt zu nehmen; die ungleiche Verteilung der Ressourcen gerantiert wiederum, dass die Ausgestaltung des Diskurses in eine Richtung geht, die den herrschenden Interessen entgegenkommt. ...
Es gibt keinen Ort außerhalb der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit. Welche Geschichte erzählt wird, hat mit Macht zu tun. Die Macht legt fest, was wahr ist. Sie bestimmt nicht nur die Lösungen, sie formuliert auch die Fragen und definiert die Probleme.
Deshalb besagt die Abwesenheit sichtbarer Gewalt nicht, dass die Zustände herrschaftsfrei wären. Jene furchtbaren Familien, in denen die Kinder der Autorität der Eltern folgen, "ohne dass man sie je hätte zwingen müssen", sind typische Beispiele. ...
Die Diskurse sind keine reine Theorie. Sie sind eine Praxis. Sie leiten heute das Handeln internationaler Institutionen und nationaler Regierungen. Eine Menge Geld fließt in einsprechende Programme der Umsetzung und der Öffentlichkeitsarbeit. Der intellektuelle Anspruch ist dabei bemerkenswert gering. Man strengt sich nicht besonders an, den neuen Diskursen mehr als Stammtischniveau zu verschaffen. Das ist auch nicht nötig. Die Post-Entwicklungs-Diskurse siegen durch Masse: durch die Anzahl ihrer Flugblätter und Publikationen; durch die Beharrlichkeit, mit der ihre Fragestellungen zur besten Sendezeit wiederholt werden; durch das Geld, mit dem sie sozialen Bewegungen das Angebot zum Mitmachen versüßen.


Aus Goldhagen, Daniel J. (1996): "Hitlers willige Vollstrecker" (S. 85)
Man muss sich das kognitive, kulturelle und teils sogar das politische Leben einer Gesellschaft wie ein "Gespräch" vorstellen.
Alles was wir über die gesellschaftliche Wirklichkeit wissen, ist dem Strom dieser ununterbrochenen "Gespräche" entnommen, die diese Realität konstituieren. Wie könnte es auch anders sein, da Menschen niemals auf eine andere Weise etwas hören oder erfahren? Mit Ausnahme weniger, außergewöhnlich origineller Leute sehen die einzelnen die Welt auf eine Art, die mit dem "Gespräch" ihrer Gesellschaft im Einklang steht.

Aus Hardt, M./Negri, A, 2002: Empire. Campus Verlag Frankfurt (S. 102)
Die Moderne setzte an die Stelle der traditionellen Transzendenz der Befehlsgewalt die Transzendenz der Ordnungsfunktion.

Ein enger Zusammenhang besteht zwischen Wahrheit, Normalität und Diskurs. Denn die Einteilung von wahr und falsch ist eine Ordnungsfunktion des Denkens. Was als wahr empfunden wird, unterliegt aber der diskursiven Beeinflussung. Die Wirkung ist enorm: Die Überzeugungskraft, wenn etwas als wahr gilt, ist ungleich höher als die eines Polizeiknüppels.

Diskurse müssen nicht gezielt wertender Natur sein. Es gibt viele Vorstellungen von der Welt, die als Allgemeingut das Denken und das gesellschaftliche Wesen prägen, ohne dass jemand benennen könnte, auf was sie beruhen außer ihrer ständigen Verwendung und damit Akzeptanz als gegebene Tatsache, quasi einer sozial geformten Natur. Geschlechter und Rassen waren das über lange Zeit, bis sie in neuerer Zeit als Kategorien allmählich in Frage gestellt werden.
In der modernen Physik wird schon länger darüber nachgedacht, ob die Zeit eine Illusion ist. Sie wäre eine wirkungsvolle, weil nicht nur überall vorhandene, sondern für das gesamte Denken der Menschen prägende, weil der Mensch Erlebnisse und Erwartungen in der Regel auf einer gedachten Zeitleiste einordnet. So erhält die Zeit eine zentrale Stellung in der Wahrnehmung von Welt, die sich im Kopf bildet.

Den Diskurs messen

Der Kapitalismus hat interessante Diskursmeß"geräte" hervorgebracht. Denn im Internet werden ständig die Verhaltensweisen der Nutzer_innen von Maschinen analysiert, um dann gezielt Werbung schalten zu können. Ganz nebenbei gibt diese Analyse gute Auskunft über die Denkkulturen des mainstreams. Zum Beispiel Google: Ein oder zwei Wörter eingeben - und Google ergänzt diese so, wie sehr viele dann weitertippen. Das zeigt, in welche Richtung die meisten ticken. Manche Begriffe sind gesperrt (z.B. "Juden"). Die Ergebnisse waren wohl zu übel. Der Spiegel berichtete in "Aus Sexismus programmiert" (Nr. 34/2016, S. 102) nicht nur darüber, sondern auch über einen Versuch von Microsoft:

Der Konzern brachte den Chatbot Tay heraus, die Simulation eines Teenagers, de von Tiwtter-Nutzern lernen sollte. Tays Problem: Sie plapperte alles nach, was ihr die Netztrolle vervierten. Nach 16 Stunden schaltete Microsoft Tay ab. Da hatte Tay bereits auf die Frage "Gab es den Holocaust?" geantwortet: "Er war erfunden (Emoji: klatschende Hänge." Den US-Präsidenten Barack Obama hatte sie "Affe" genannt."

Diskurssteuerung

Diskurse sind eng verbunden mit direkten und marktförmigen Herrschaftsformen. Denn sie sind über diese beeinflussbar - über Bildung, Medien, Streuung gezielter Informationen sowie über Wissenschaft. Gerade letztere hat viel dazu beigetragen, biologistische Normen zu schaffen. Dass Frauen gefühlsbetonter sind, dass Schwarze sportlicher, aber weniger intelligent sind, dass Minderjährige nicht mündig sind, wer als behindert gilt - all das hat seinen Hintergrund in wissenschaftlichen Diskursen und deren ständigen Weitertragen im Alltag. Die Institutionen der Herrschaft nutzen die Diskurse und beeinflussen sie über ihre herausgehobenen Möglichkeiten. Beispiele der letzten Jahre sind die humanitären Kriege (weitgehend gelungener Diskurs), der Wohlstand durch globale Märkte (in großen Teilen gescheitert, weil offensive Proteste Gegendiskurse schufen) oder das Gute an der Demokratie einschließlich der Verschleierung ihrer Herrschaftsförmigkeit (weitgehend gelungen).

Im Original: Institution und Diskurs ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Gronemeyer, M., 1988: "Die Macht der Bedürfnisse", Rororo-Verlag
Die Macht hat sich modernisiert in unseren Breiten. Sie hat ihre Plumpheit, Dreistigkeit, Rohheit, das Barbarische abgelegt. Eine Macht, die sich terroristisch gebärdet, mit Gewalt herumfuchtelt, trägt den Makel, hoffnungslos altmodisch zu sein, nicht auf dem laufenden, nicht up to date. Auch hier gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Elegante Machtausübung ist ein Privileg der "Ersten Welt". Diktatur, Tyrannei, grelle Ausbeutung, die schäbigen Gestalten der Macht, bleiben den armen Ländern vorbehalten.

Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München (S. 87)
In einer jeden Gesellschaft bestimmt der Geist, der in den mächtigsten Gruppen dieser Gesellschaft herrscht, den Gesamtgeist. Das kommt zum Teil daher, dass diese Gruppen das gesamte Bildungssystem unter ihrer Kontrolle haben - die Schulen, die Kirche, die Presse und das Theater -, wodurch sie die ganze Bevölkerung mit ihren eigenen Ideen durchtränken. Außerdem genießen diese mächtigen Gruppen ein solches Ansehen, dass die unteren Schichten nur allzu bereit sind, ihre Wertbegriffe zu übernehmen, sie nachzuahmen und sich mit ihnen psychologisch zu identifizieren.

Aus Foucault, Michel (1991): "Die Ordnung des Diskurses" (S. 11)
Ich setze voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird - und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbare Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.

Aus Foucault, Michael (1977): "Dispositive der Macht", Merve Verlag Berlin  
Nicht die Veränderung des "Bewußtseins" der Menschen oder dessen, was in ihrem Kopf steckt, ist das Problem, sondern die Veränderung des politischen, ökonomischen und institutionellen Systems der Produktion von Wahrheit. Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selbst ist Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher und kultureller Hegenomie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist. ...
In Gesellschaften wie der unsrigen kann die "politische Ökonomie" der Wahrheit durch fünf historisch bedeutsame Merkmale charakterisiert werden:
  • die Wahrheit ist um die Form des wissenschaftlichen Diskurses und die Institutionen, die ihn produzieren, zentriert;
  • sie ist ständigen ökonomischen und politischen Anforderungen ausgesetzt (Wahrheitsbedürfnis sowohl der ökonomischen Produktion als auch der politischen Macht);
  • sie unterliegt in den verschiedensten Formen enormer Verbreitung und Konsumtion (sie zirkuliert in Erziehungs- und Informationsapparaten, die sich trotz einiger strenger Einschränkungen relativ weit über den sozialen Körper ausdehnen);
  • sie wird unter der zwar nicht ausschließlichen aber doch überwiegenden Kontrolle einiger weniger großer politischer und ökonomischer Apparate (Universität, Armee, Presse, Massenmedien) produziert und verteilt;
  • schließlich ist die Einsatz zahlreicher politischer Auseinandersetzungen und gesellschaftlicher Konfrontationen ("ideologischer" Kämpfe). ... (S. 51/52)
Diskurse als Legitimation von Herrschaft

Ob die Ausbeutung am Arbeitsplatz, die ungleiche Verteilung von Reichtum und Produktionsmitteln, Privilegien oder institutionelle Macht - immer braucht Herrschen einen Legitimationshintergrund, um dauerhaft bestehen zu können. Dieser wird über Diskurse geschaffen. Sie reden uns ein, dass ohne autoritäre Ordnung nur Chaos und Gewalt herrschen würde, dass Gott Männer und Frauen für unterschiedliche Rollen geschaffen hat, dass die weiße Rasse existiert und überlegen ist usw.
Von Gesetzen unterschieden sich Diskurse durch ihre intensive Verankerung quer durch die ganze Gesellschaft. Alle Privilegierten singen das Lied von der guten Begründung für ihren Status, aber selbst viele der Unterprivilegierten glauben an den höheren Sinn ihres herabgestuften Daseins. Sie geben ihre Überzeugungen in sozialer Zurichtung via Erziehung, Religionen, Rituale oder einfachen Gesprächen im Alltag weiter.

Als Begriff des Herstellens entweder ...

wird oft "Konstruktion" verwendet, wobei auch dieser - wie beim Diskurs - einschließlich einer kontinuierlichen Weitergabe dieses konstruierten Zusammenhanges (z.B. über Generationen, Sprache, Traditionen, Gesetze und Normen – bewusst und unbewusst) gemeint ist. Das Demaskieren des durch Konstruktion entstandenen Diskurses heißt dann Dekonstruieren, die gesellschaftspolitische Theorie dazu "Dekonstruktivismus".

Beispiele für Diskurssteuerung

Betrachten wir ein paar Beispiele, wie Diskurse gesteuert werden und wirken. Sie machen deutlich, wie tief sie in unser Leben hineinwirken. Menschen sind weitgehend Gefangene von Normen, Deutungen und vermeintlichen Wahrheiten.

Rassen und Rassismus

Jahrhunderte wurde allen Menschen eingetrichtert, dass Menschen nach ihrer Hautfarbe in Rassen einteilbar seien und solche Rassen eine unterschiedliche biologische Ausstattung hätten. Schon die Auswahl des Unterscheidungskriteriums zeigte eine seltsame Willkürlichkeit. Warum nicht die Ohrläppchenlänge oder die Augenfarbe? Haare oder Körperlänge wären auch Merkmale, sogar ziemlich auffällige. Nein, es wurde die Hautfarbe. Wildeste Spekulationen gediehen auf der Basis dieser Grundannahme, wenn z.B. Rudolf Steiner die rötliche Hautfarbe der UreinwohnerInnen in Nordamerika dadurch erklärte, dass sie eigentlich schwarze Haut hätten, aber dort nicht genügend Sonne abbekämen. Faschistisches Denken steigerte die Abgrenzungsbedürfnisse. WissenschaftlerInnen im Nationalsozialismus vermaßen Kopfformen und andere Körperteile. Sie bewiesen damit, dass auch Wissenschaft immer herrschenden Interessen und den zentralen Diskursen folgt. Und sie prägt. Denn der Rassismus bzw. die vorgeschaltete Idee, dass es überhaupt abgrenzbare Rasse gäbe, ist eben ein klassischer Diskurs. Unhinterfragt wird die Sache als wahr genommen und aus unzähligen Köpfen an unzähligen Stellen immer wieder behauptet. Es ist ganz selbstverständlich, in Rassen und rassistisch zu denken. So funktionieren Diskurse.

Geschlechter

Sie glauben, es gibt zwei Geschlechter? Dann sind sie vom Diskurs ordentlich beeinflusst. Fragen Sie bei Neugeborenen auch, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist? Dann stricken Sie selbst am Diskurs mit. Denn weder gibt es zwei Geschlechter in dieser Eindeutigkeit noch ist die Einteilung in zwei Geschlechter in der gesamten Menschheit üblich.
Das Erste ist ganz anders. Es gibt alle möglichen Übergangsformen und Abweichungen zwischen den im Biologiebuch zum Standard erklärten Dualismus Mann - Frau. Die zwei Schubladen werden nicht nur diskursiv durchgesetzt, sondern auch mit brutaler Schnippelei. Wer sich erdreistet, mit nicht eindeutigen primären Geschlechtsmerkmalen auf die Welt zu kommen, landet schnell auf dem Operationstisch. Meist wird, weil technisch einfacher, dann ein Mädchen zurechtgeschnippelt. Der Eingriff erfolgt - in dem Alter erwartungsgemäß - ohne Einverständnis der betroffenen Person. Mit dem Erscheinen auf der Welt und dem Zuordnen zu einem Geschlecht beginnt die Zurichtung des Neuankömmlings - immer subtil, meist aber auch ganz platt über Farben, Haartracht, Ansprache, Auswahl des Spielzeugs usw. "Versagt" das Elternhaus in der Schubladenbildung, sorgen Kindergarten, Schule und mehr für eindeutige Geschlechts- und daraus folgende Rollenzuweisungen. Ob in Formularen für BahnCards oder Handys - immer muss fein säuberlich angekreuzt werden, welchem Geschlecht die Person zugeordnet wurde, auch wenn das für die konkrete Sache unwichtig ist. Wer bei Computerformularen keine eindeutige Angabe macht, wird im binären Code der Maschine barsch zurückgewiesen: "Bitte füllen Sie ... vollständig aus".

Kriminalität und Strafe

Kriminalitätsfurcht wird gemacht. Wer sich die Massenware "Krimi" anschaut oder in auflagenlechzenden Medien blättert, findet Mord und Totschlag mit unbekannten TäterInnen. Die wichtigsten Angstmacher Bild-Zeitung und Aktenzeichen XY zeigen, wie viele NachahmerInnen auch, dunkle Plätze und Gänge, fremde Menschen (Männer) und üble Gewalttaten ohne jegliche Vorahnung. Das macht Angst: Mord und Totschlag lauern überall. Nach einer Untersuchung des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen glauben die Menschen in Deutschland, dass die Zahl der Morde zwischen 1993 und 2003 um 27% zugenommen hat und die Zahl der Sexualmorde um 260% gestiegen sei.
Mit solcher Angst lässt sich Politik machen. Doch mit der Realität hat sie wenig zu tun. Laut Kriminalitätsstatistiken geht die Zahl der Morde seit Jahren zurück, bei den registrierten Sexualmorden und Sexualmordversuchen sank die Zahl zwischen 1981 und 2004 von 81 auf 26 Fälle. Doch nicht nur bei den Zahlen dominiert der Diskurs der Angst. Schlimmer noch sieht es bei den Orten, Opfern und TäterInnen der Gewaltanwendung aus. Die findet nämlich kaum in den dunklen Ecken, am unübersichtlichen Waldrand oder in der schummerigen Bahnunterführung statt, sondern nur halb versteckt genau da, wo Menschen Macht übereinander haben: In Familien, Arztpraxen, Heimen und natürlich bei Polizei, Armee und im Gefängnis. 80% der Fälle von sexuellem Missbrauch im europäischen Raum finden in Familien oder im Bekanntenkreis statt. 5% der Anzeigen bei den Sexualstraftaten betreffen die Fälle mit Mord, die in den Medien gerne gehypt werden. Doch selbst von diesen spektakulären Fällen finden zwei Drittel in der Familie und engerem Bekanntenkreis statt. Sie tun das sehr oft unter den Augen Dritter, Vierter, Fünfter, die alle wegsehen und schweigen. Gewalt und Kriminalität sind der Alltag in den miefigen Kernen der Bürgerlichkeit. Doch gefälschte Zahlen und die Märchenstunden in Zeitungen und Fernsehen schaffen eine Angst vor Fremden, vor unüberwachten Räumen und öffnen Herz und Verstand für die totale Kontrolle der Gesellschaft. Deren tatsächlichen Interessen brauchen nicht mehr genannt werden, wenn die Menschen aus verführter Angst sie selbst herbeisehnen.
Dieser Manipulation, die ein großer Diskurs ist, weil die verfälschenden Informationen von den Opfern der Angstmache ständig selbst und in voller Überzeugung weiterverbreitet werden, folgt noch eine zweite. Denn selbst wenn es stimmen würde, dass Kriminalität zunimmt und vor allem unter Fremden bzw. in der Fremde stattfindet, würden die Mittel, die uns als Arznei verschrieben werden, nicht helfen. Denn Strafe schützt nicht vor Gewalt, sondern erzeugt diese. Kinder, die missbraucht werden, tun dies häufiger später auch selbst. Wer zwecks "Erziehung" geprügelt wurde, neigt selbst häufiger zu gewaltförmigem Verhalten. Die Spitze gewaltförmiger Unterwerfung stellen Gefängnisse dar. Und auch sie verhindern Gewalt nicht, sondern erzeugen diese - im Knast und durch die Zerstörung des sozialen Umfeldes der Gefangenen auch für deren späteres Leben außerhalb der Mauern. Wer Opfer von Gewalt wird, hat von einer Videoüberwachung herzlich wenig - außer der höheren Gewissheit, dass irgendwann lange danach eine andere Person als mutmaßlicheR TäterIn auch richtig schlecht behandelt und mensch vom Opfer zur ZeugIn mutiert und in die Mühlen der Justiz gerät - eine meist fürchterliche, auf jeden Fall aber ohnmächtige Rolle.

Aus "Wie sicher sind wir?", in: FR, 11.9.2009 (S. 10f.)
Ein fataler Dreiklang befördert den Ruf nach steter Strafverschärfung, und der hat wenig zu tun mit realer Kriminalität oder gar mit Terror. Mord und Totschlag bilden in der Statistik 0,1 Prozent aller Fälle; in der über Medien wahrgenommenen Welt ist jede zweite Straftat ein Gewaltverbrechen. So werden über Krimis und Nachrichten die Ängste der Bürger geschürt, die Politik wähnt sich zum Handeln genötigt, also zu Härte, worauf die Medien in ihrer Mehrheit bei jedem neuen, spektakulären Fall dringen.

Nachhaltigkeit

Als die Umweltbewegung, vormals getragen vor allem aus einer Fülle an Basisgruppen und BürgerInneninitiativen, Ende der 80er Jahre ihren Zenit überschritt, hatte das viele Ursachen. Die ehemaligen Protestkreise hatten ihre bürgerlichen Karrieren begonnen, Papi Staat fütterte die Verbandszentralen mit Millionen, was vielfach zu handzahmen SpitzenfunktionärInnen und zur Verlagerung von Handlungsmacht in die Apparate führte. Das erhöhte die Berechenbarkeit von Protest und schuf Abhängigkeit, nachdem der Wandel vollzogen und die handlungsmächtigen Teile der Verbände nicht mehr ohne die Staats- und Industriegelder überleben konnten. Parallel veränderten sich die Inhalte. Die alte Idee eines Umweltschutzes, verbunden mit der Kritik an Luxus, Wachstum und Rohstoffausbeutung, mutierte zu einem kapitalismuskompatiblen Modell eines begrünten Profits und Konzerndaseins, genannt Nachhaltigkeit. Nicht alles was, verloren ging, war ein emanzipatorischer Verlust, denn mit der Nachhaltigkeitszeit endete die Dominanz konservativer bis rechter Ökologieideen. Der rechte Öko Herbert Gruhl verschwand in der Bedeutungslosigkeit. Gefüttert mit den Staatsmillionen wurde der neue Begriff Nachhaltigkeit gepredigt. Ökonomie und Ökologie sollten nun gleichberechtigt sein, was die modernisierten UmweltschützerInnen als Fortschritt begriffen. Offenbar hatten sie vergessen, dass vorher das Primat der Ökologie vor der Ökonomie ihr Leitsatz war. Das Trommelfeuer des Nachhaltigkeits-Diskurses lief über alle Kanäle: Medien, Fördergelder, Bildung und Politik. Vom Kampfjet der Bundeswehr bis zum BildungsbürgerInnenhaushalt mit zwei Ökostrom-betriebenen Mikrowellen und drei Hybridantriebsautos ist heute alles nachhaltig. Gesteigert als "Green New Deal" dient der Umweltschutz heute sogar als Begleitmusik für neue Wirtschaftsaufschwungphantasien. Der Diskurs vernichtet also nicht nur Inhalte, sondern sorgt dafür, das der Verlust als Gewinn empfunden wird.

Als Detail am Rande sei auf die Umweltkonferenz von Rio 1992 hingewiesen. Sie brachte die Agenda 21 hervor, das Leitwerk der Nachhaltigkeitsdebatte in den 90er Jahren. Als die Konferenz damals zuende ging, sprachen Greenpeace, Gorbatschow und andere Medienstars der seichten Ökotheorien von einem Fehlschlag. Die Fördermillionen plus reichlich Propaganda machten aus Rio aber einige Jahre später einen Welterfolg. Die Agenda 21, das geradezu widerliche Abschlussdokument mit seinen Lobeshymnen auf Atomkraft, Gentechnik und Dominanz der Industrieländer auf der Welt, mutierte zur Leitkulturidee - gelesen hatte es offenbar niemand. Rio und Agenda 21 waren perfekte Diskurse. Da der Ursprung noch nachzulesen ist, könnten sie leicht enttarnt werden. Dass es nicht geschieht, zeigt den Zustand von Umweltbewegung. Sie sind nichts als eine kritikscheue, gekaufte Begleitfolklore des kapitalistischen Durchmarsches.

Bevölkerungsexplosion

"Ungebremstes Wachstum" ist noch ein eher harmloser Begriff, wenn die Bevölkerungszahlen beschrieben werden. "Explosion" oder "exponentielles Wachstum" sind seit Jahren gebräuchlich. Mathematisch meint das ein Wachstum, dessen Kurve immer steiler verläuft. Untermalt wird es mit Menschenmassen auf großformatigen Fotos. Die Welt scheint kurz vor dem Untergang. Nicht Atomkraftwerke, rücksichtslose Wirtschaftsformen und machförmig durchgesetzte Stoffflüsse sind die Ursache, sondern die Menschen. Unter dem Vorwand, die Welt zu retten, starten Bevölkerungskontrollprogramme - doch bei genauerer Betrachtung ist alles wirr, widersprüchlich und von Herrschaftsansprüchen geleitet.
Schon die Zahlen sind falsch. Die Bevölkerung wächst nicht immer schneller oder exponentiell, sondern die Kurve flacht sich seit Jahren ab. Die Gesamtmenge steigt zwar noch immer, aber ein Ende ist abzusehen. Zum zweiten zeigen die Bilder von Menschenmassen bevorzugt dunkelhäutige Menschen. Wissen Sie, welches der am dünnsten besiedelte Kontinent ist? Es ist Afrika. Genau die dort lebenden Menschen sind aber biopolitischen Überlegungen ausgesetzt. Es geht offensichtlich nicht um die Beschränkung der Bevölkerung, sondern um bestimmte Menschen, die sich nicht vermehren sollen - damit mehr für andere übrigbleibt? Und wenn von diesen Privilegierten mal ein paar weniger werden, dann wird plötzlich nach Bevölkerungswachstum gerufen. Dass in Deutschland, einem der dichtest besiedelten Länder der Welt, die Bevölkerung leicht zurückgeht, führt zu großen Sorgen. Über dünner besiedelte Gebiete herrscht dagegen Aufregung, wenn sie steigt.
Der Diskurs der Bevölkerungsexplosion erzeugt Bilder, die mit dem tatsächlichen Geschehen nichts zu tun haben. Aber sie sind nützlich für bestimmte Politiken, die nichts als Herrschaftsausübung sind, aber unter dem Deckmantel der Weltrettung versteckt werden.

Wissenschaft, Sachlichkeit und Objektivität

"Sachlich bleiben", "man muss das objektiv sehen", "wissenschaftlich gesehen ist das so und so" - solche und ähnliche Formulierungen laden Meinungen mit Wichtigkeit auf. Aus der politischen Auseinandersetzung wird ein religiöses Gezerre. Denn die Behauptung, etwas sei deshalb richtiger, weil es "wissenschaftlich" oder "sachlich" sei, hat den gleichen Gehalt wie die Behauptung, etwas sei "vom Volk gewollt" oder "Gottes Wort". Denn wenn es Wahrheit nicht gibt, dann gibt es auch kein "wissenschaftlich wahr". Regelmäßig erzeugen WissenschaftlerInnen soviele Wahrheiten, wie sie gut dotierte Arbeitsaufträge erhalten und ihren GeldgeberInnen ein zum Honorar passendes Ergebnis liefern. Das muss nicht einmal mit Fälschungen einhergehen, sondern folgt bereits aus einem voreingenommenen Blick auf das Geschehen. Doch der Diskurs von Sachlichkeit und Objektivität verleiht dem ExpertInnentum Flügel. Titel und fremdwortreiche Worthülsen steigern den Eindruck, den Wissenschaft hinterlässt. Nur die ständigen Streitlinien zwischen den verschiedenen Interessen und GeldgeberInnen folgenden ForscherInnen nehmen der Wissenschaftsgläubigkeit etwas seiner Wirkung.

Aus Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 22)
Jegliche Wissenschaft mit emanzipatorischem Anspruch, Kritik an der etablierten Ordnung und damit Kritik an der politischen Ökonomie ist gesellschaftlich positioniert. Damit legt sie allerdings zugleich ihr erkenntnisleitendes Interesse offen und verfällt nicht einem uneinlösbaren Glauben an eine objektive Wissenschaft, die außerhalb der Gesellschaft stehe. Gerade umgekehrt, nur durch das Eingeständnis und die Reflexion ihrer gesellschaftlichen Positioniertheit und deren Offenlegung, besteht überhaupt die Möglichkeit sich einer objektiveren Sichtweise zu nähern. So steht in der ‚Dialektik der Aufklärung’ über die Kritische Theorie: „Ihr Element ist die Freiheit, ihr Thema die Unterdrückung.“

Sozialrassismus von Hartz IV bis Sarrazin

Februar 2010 im kalten Deutschland. Die FDP, Partei der Besserverdienenden und Marktgläubigen, ist mal wieder an der (Bundes-)Regierung. Da fällt dann auf, dass ihre politischen Konzepte Unsinn sind. Folge: Fallende Umfragewerte. Knapp ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl würden die (Neo-)Liberalen gerade noch die Hälfte der Stimmen bekommen wie zur Wahl. Auf der Not will FDP-Boss Westerwelle eine Tugend machen und mutiert zum deutschen Haider: Er schimpft auf die Empfänger von Sozialleistungen. Dabei zeigt er kalkuliertes Geschick: Er schürt Neid bei denen, die kaum mehr verdienen als die Hartz-IV-EmpfängerInnen. Der Chef der Partei, die mit ihrem Widerstand gegen Mindestlöhne, Grundeinkommen und einer Politik der Umverteilung von unten nach oben besonders schuldig ist an den Dumpinglöhnen überall, erdreistet sich, sich zum Fürsprecher just seiner Opfer zu machen und ihnen zu erklären, dass Schuld an ihrer Misere die sind, denen es noch schlechter geht. Das Dumme: Seine Polemik verfängt. Denn sie trägt alle Züge gesteuerter Diskurse: Aus dem Bauch heraus, an starke Gefühle (hier: Neid) appellieren, Ängste und Miseren ausnutzen und dann die Opfer gegenseitig ausspielen. Zudem werden politische Analysen verkürzt. Die Behauptung, Hartz-IV-EmpfängerInnen hätten irgendwas mit den sich ausbreitenden Niedriglöhnen zu tun, ist so stumpf wie die Behauptung, Deutschland würde durch AusländerInnen bedroht. Doch Diskurse überzeugen nicht durch scharfe Analytik, sondern im Gegenteil müssen sie, um erfolgreich zu sein, dem Hang zur Vereinfachung entgegenkommen. Das schont den Kopf - und Denken ist für Menschen, die darauf zugerichtet sind, einfach als Rädchen im System zu funktionieren, nicht zu viele Fragen zu stellen, nicht so genau hinzuschauen und sich weiter fremdbestimmen zu lassen statt selbst zu organisieren, immer anstrengend. Eiskalt haben Westerwelle & Co. das ausgenutzt. Der Teilerfolg trat ein, obwohl die Dümmlichkeit der Aussagen schwer zu übertreffen war.
Oder doch? Denn nicht lange danach trat ein Bundesbänker und ehemaliger Finanzsenator der rot-roten (!) Berliner Regierung in die Öffentlichkeit. Er warnte vor dem Untergang Deutschlands und verstieg sich bei den Versuchen, dafür Gründe anzuführen, in derart absurde Thesen, dass eigentlich an kurzes Auflachen, die Verarbeitung der kruden Behauptungen in manch mittelmäßigem Kabarett und ansonsten das beschämte Vergessen einer solch traurigen Figur wie Thilo Sarrazin selbst in der nicht gerade besonders scharfsinnigen Gesellschaft in Deutschland hätten folgen müssen. Doch weit gefehlt: Um die Veröffentlichung von Sarrazin wurden Diskurse gesponnen, die die Wucht dieses Machtmittels eindrucksvoll zeichneten. Das sei nicht am dem wirren Gefasel von Judengenen und anderen Buch"inhalten" gezeigt, sondern an der Behauptung, die Kritik an Sarrazin sei Maulkorb, Zensur und das Ende der freien Meinungsäußerung. Ein Großteil der Menschen hat das tatsächlich so auch geglaubt und Sarrazin, in heimlicher Zustimmung zu seiner faschistoiden Ideologie oder in tiefer Überzeugung des Kampfes für Meinungsfreiheit, in LeserInnenbriefen, Veranstaltungen oder Internetchats verteidigt. Dabei hatte niemand von denen übersehen, dass Sarrazins Buch eine Millionenauflage erreichte, er vor gefüllten Hallen, in Talkshows und auf allen Radiokanälen seinen Nonsens verkünden durfte. Als Einschränkung der Meinungsfreiheit wurde also nicht kritisiert, dass Sarrazin nicht mehr reden durfte (das war erkennbar ganz anders), sondern dass er kritisiert werden durfte. Unter dem Deckmantel des Wehklagens über eine vermeintliche Zensur von Sarrazin ("das wird man wohl noch sagen dürfen") wurde tatsächlich ein Maulkorb für die Kritik an Sarrazin angestrebt. Mit Erfolg, denn kaum jemand wagte sich noch, den faschistoiden Volkstribun anzugreifen.

Das also zeichnet Diskurse aus. Den Menschen wird beigebracht, was sie als wahr empfinden, was normal ist. Von allen Seiten, selbst aus den eigenen Freundeskreisen, dringen unaufhörlich die Informationen in den eigenen Kopf, setzen sich dort fest, brennen sich ein. Die Wahrnehmung einer fremden, steuernden Information geht verloren (wenn sie jemals da war), das Aufgenommene wird zum Wahren, dann Eigenen und so auch weitergegeben. Diskurse sind selbsttragend. Sie können beeinflusst und initiiert, aber nicht zentral gesteuert werden. Sie sind genau deshalb so wirkmächtig, weil sie quasi aus allen Ritzen zirpen.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist eine moralische Norm. Anders als der diskursive Anschein (durch den herrschaftsförmigen Gebrauch erzeugter Anschein) ist Gerechtigkeit komplett inhaltsleer, wird bei Benutzung aber regelmäßig diskursiv mit einem hinter dem Begriff versteckten Inhalt gefüllt. Dieser versteckte Inhalt ist dann das jeweilige Interesse. Die moralische Aufladung mit dem Begriff der Gerechtigkeit soll zusätzliche Argumente überflüssig und die eigenen Interessen durchsetzungsstärker machen. So lassen sich völlig gegenteilige Aussagen jeweils als gerecht darstellen:

Die drei Sätze bezeichnen jeweils eine Form der Gerechtigkeit. Keiner der Inhalte scheint irgendwie ungerecht. Die Gerechtigkeit ist aber jeweils mit einem anderen Interesse gefüllt, das im Satz nicht selbst ausgesprochen wird. Insofern ist Gerechtigkeit eine Norm, deren konkreter Inhalt versteckt werden kann hinter der Norm. Als Norm aber ist Gerechtigkeit immer herrschaftsförmig, weil sie einen universellen Maßstab, eine Moral darstellt.

Im Original: Kritik am Konzept der Gerechtigkeit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 88 ff., mehr Auszüge)
Gleich zu Beginn möchte ich eine sehr wichtige Unterscheidung treffen: nämlich zwischen Freiheitsidealen und dem Begriff von Gerechtigkeit. Diese beiden Wörter werden so austauschbar gebraucht, dass sie fast als synonym erscheinen. Gerechtigkeit unterscheidet sich jedoch grundlegend von Freiheit, und es ist wichtig, das eine von dem anderen zu trennen. Im Laufe der Geschichte haben beide zu sehr unterschiedlichen Kämpfen geführt und bis zum heutigen Tag radikal verschiedene Forderungen an die jeweiligen Machthaber und Regierungssysteme gerichtet. Wenn wir zwischen bloßen Reformen und grundlegenden Veränderungen der Gesellschaft unterscheiden, so geht es dabei großenteils bei den einen um Forderungen nach Gerechtigkeit, bei den anderen aber um Freiheit - so eng beide Ideale in instabilen sozialen Perioden auch miteinander verwoben sein mochten.
Gerechtigkeit ist die Forderung nach Gleichheit, nach "Fairneß" und einem Anteil an den Erträgen des Lebens, zu denen man selbst einen Beitrag leistet. Mit den Worten Thomas Jeffersons ist sie auf der Grundlage des Äquivalenzprinzips "gleich und exakt... ". Diese faire, äquivalente, anteilsmäßige Behandlung, die einem sozial, juristisch und materiell im Austausch für die eigene eingebrachte Leistung zuteil wird, wird traditionell durch Justitia, die römische Göttin, dargestellt, die mit einer Hand die Waage und mit der anderen das Schwert hält und deren Augen verbunden sind. Zusammengenommen bezeugt die Ausstattung der Justitia die Quantifizierung von Rechtsgütern, die auf beide Waagschalen verteilt werden können; die Macht der Gewalt, die in der Form des Schwertes hinter ihrem Urteil steht (unter den Bedingungen der "Zivilisation" wurde das Schwert zum Äquivalent des Staates), und die "Objektivität“ ihres Richtens, die sich durch die verbundenen Augen ausdrückt.
Ausführliche Diskussionen über Theorien der Gerechtigkeit, von Aristoteles in der Antike bis zu John Rawls in unserer Zeit, brauchen hier nicht untersucht zu werden. Sie beinhalten Ausführungen über das Naturrecht, über Verträge, Gegenseitigkeit und Egoismus - Themen, die nicht von unmittelbarem Belang für unsere Darstellung sind. Aber die Binde um Justitias Augen und die Waage in ihrer Hand sind Symbole für eine höchst problematische Beziehung, die wir nicht ignorieren dürfen. Vor Justitia sind alle menschlichen Wesen scheinbar "gleich". Sie stehen ihr gleichsam "nackt“ gegenüber, allen Status und aller gesellschaftlicher Privilegien und Sonderrechte entkleidet. Der berühmte "Schrei nach Gerechtigkeit" hat einen langen und komplexen Stammbaum. Schon in den frühen Tagen systematischer Unterdrückung und Ausbeutung gaben Menschen der Justitia ­mit offenen oder verbundenen Augen -eine Stimme und machten sie zur Sprecherin der mit Füßen Getretenen gegen die gefühllose Ungerechtigkeit und gegen die Verletzung des Äquivalenzprinzips.
Anfänglich wurde Justitia dem stammesmäßigen Gesetz der Blutrache, der bedenkenlosen Vergeltung für die Verletzung eines Blutsverwandten entgegengesetzt. Das berühmte lex talionis - Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben - wurde ausschließlich bei Schädigung eines Verwandten und nicht für Menschen im allgemeinen angewendet. Auch wenn die Forderung nach Rechtsausgleich innerhalb des eigenen Stammes rational erscheinen mag, so zeugte doch dieses Gesetz von einer beschränkten Denkweise und einem engen Horizont.
(S. 88 ff.)

"Die Gerechtigkeitslücke", in: taz, 12.10.2010 (S. 12)
Wenn die FDP jetzt vorschlägt, dass Besserverdienende kein Elterngeld mehr bekommen sollen, klingt das zunächst nach einer gerechten Idee: Warum sollen Menschen, die so viel Geld verdienen, dass sie es kaum ausgeben können, zusätzlich noch etwas bekommen, nur weil sie ein Kind kriegen? Und wiederum jene, die jeden Cent mehr dringend brauchen, nämlich Hartz-IV-EmpfängerInnen und -AufstockerInnen, gar nichts mehr beziehungsweise nur ein paar Euro?
Trotzdem: Gerecht im Sinne des Gleichheitsgebots im Artikel 3 des Grundgesetzes ist der FDP-Vorschlag nicht. Menschen mit den gleichen Voraussetzungen, in diesem Fall der Geburt eines Kindes, dürfen bei familienpolitischen Sozialleistungen nicht unterschiedlich behandelt werden.

Texte und Zitate von Blaise Pascal im Text von Jan Lüsing: "Re-Visionen" des Rechts, Sonderdruck aus: Müller, Friedrich, "Politik, [Neue] Medien und die Sprache des Rechts"
"Das einzig Gewisse ist: dass gemäß der reinen Vernunft nichts an sich gerecht ist, alles schwankt mit der Zeit. Die Gewohnheit macht die ganze Gerechtigkeit, allein deshalb, weil sie sich eingebürgert hat. Das ist der mystische Grund ihrer Autorität." ...
"Gerechtigkeit. - Wie die Mode das Vergnügen, so bestimmt sie auch die Gerechtigkeit." ...
"... so nennt man gerecht, was man zu beachten gezwungen ist." ...
"Aber das Volk ist für diese Lehre nicht zugänglich; und so wie es annimmt, dass man die Wahrheit finden könne und dass in den Gesetzen und Gebräuchen Wahrheit sei, glaubt es an sie und wertet ihr Alter als Bweis ihrer wahrheit (und nicht allein als Beweis ihrer Autorität ohne Wahrheit). Deshalb befolgt es sie; es ist aber geneigt, sich zu empören, sobald man ihm zeigt, dass sie nichts wert sind; ..."
"Es ist gefährlich, dem Volk zu sagen, dass die Gesetze nicht gerecht sind, denn es gehorcht ihnen nur, weil es sie für gerecht hält."
Das geltende Recht ist das Produkt historischer Kontingenz. Das Autorität stiftende Fundament der Gerechtigkeit ist die Gewöhnung an die gegenwärtigen Rechtsverhältnisse. Dieses Gewohnt-sein erzeugt in Bezug auf das Bestehende die Illusion von Gerechtigkeit - ein Für-gerecht-halten. Das Überkommene wird f ür gerecht gehalten. Gerechtigkeit ist daher lauf Pascal nur ein Gefühl, das nicht als Prüfmaß bestehender Rechtsverhältnisse dient, sondern umgekehrt von diesen Verhältnissen geprägt und definiert wird. Pascal deckt nach seinem Verständnis einen Mechanismus der selbstlegitimierung des Überkommenen, des Faktischen auf, welchem selbst eigentlich nur Zufälligkeit zukommt. Aufgrund dieses Relativismus entfällt ein metarechtliches Richtigkeitskritierium überhaupt. Damit steht die pascalsche Position einer rechtspositivistischen Lesart offen: Die Gültigkeit des positiven Rechts ist unabhängig von der Bewertung seines Inhalts an einen metarechtlichen Maßstab. Was gelten soll, gilt, wekl es nach dem Willen der etablierten Macht gelten soll. Jedoch ist das Verhältnis der politsschen Macht zur Gerechtigkeit nicht nur durch das Primat der Macht gekennzeichnet, sondern die politische Macht ist auch für ihren eigenen Erhalt auf dem Schein des Gerechten angewiesen. ...
Bei Montaigne und Pascal gelten Gesetze und Rechtsverhältnisse zwar deshalb, weil man sie aufgrund von Gewöhnung für gerecht hält, tatsächlich fehlt ihnen damit aber zugleich ein vorgängiger Geltungsgrund. Mystisch ist daher nicht nur die Gewohnheit als stille, unbemerkte Quelle eines Gerechtigkeitsempfinden, welches nur ein scheinbarer Geltungsgrund sein kann (da dieses Empfinden nicht vorgängig, sondern den gegenwärtigen Rechtsverhältnissen nachgängig ist, da es ja erst durch dise geprägt wird), sondern mystisch ist vielmehr auch der tatsächliche Geltungsgrund gegenwärtiger Gesetze und Rechtshältnisse, insofern sie ohne Grund gelten - gelten müssen. Genau darin, in dem Fehlen eines Geltungsgrundes, liegt aber auch für Derrida das Mystische. Der Begründungsdiskurs von Normen, kann nicht selbst wieder durch einen Metadiskurs begründet werden. Denn auch für diesen Metadiskurs müsste man konsequenterweise nach einem ihn begründenden Meta-Metadiskurs verlangen, so dass sich ein endloser Begründungsregress ergibt. Daher bleibt nur der Abbruch der Begründung auf erster Stufe, so dass Rechtsverhältnisse als Akt der Gewalt ohne vorgängige Rechtfertigung gestiftet werden
Angst

Angst ist nicht ganz vergleichbar mit den anderen genannten Diskursen, denn Angst hat keine bestimmte Richtung und beinhaltet keine konkreten Interessen. Aber sie macht zugänglich. Wer Angst hat, ist anfällig für vereinfachte Erklärungsmuster - und für irrationale Hoffnungen. Über Angstmache kann sich das Recht des Stärkeren als schützende Macht inszenieren. Beherrscht zu werden kann so zu einem Wunsch der Beherrschten selbst werden.

Im Original: Angst schüren ... Diese Zitateausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Stefan Aust/Thomas Ammann, „Digitale Diktatur“ (2014, Econ bei Ullstein, S. 332ff)
»Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung«, schrieben die Richter, sei eine Gesellschaftsordnung »nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß«. Denn wer unsicher sei, »ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden«, der werde auch versuchen, sein Verhalten entsprechend anzupassen. Im Klartext: Wer Angst haben muss, permanent überwacht zu werden, traut sich nicht mehr aufzufallen. Weiter im Urteilstext: »Dies würde nicht nur die individuellen Entfaltungschancen des Einzelnen beeinträchtigen, sondern auch das Gemeinwohl.« Denn Selbstbestimmung der Bürger sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie, so das Verfassungsgericht.
Diese Anpassung aus Angst vor Überwachung, die nach Ansicht der Karlsruher Richter die Demokratie bedroht, ist vielfach beschrieben worden. Der französische Philosoph Michel Foucault hat dafür in der 1970er Jahren den Begriff »Panoptismus« gefunden, in Anlehnung an Jeremy Benthams Entwurf eines perfekten Gefängnisses, genannt »Panopticon«. Der britische Jurist und Sozialreformer Bentham stellte sich im 18. Jahrhundert einen Rundbau mit nach innen gerichteten Zellen vor, in dessen Mitte ein einziger Wachturm stand. Die Fenster des Turms sollten von außen nicht einsehbar sein. Dieser Aufbau sollte die perfekte Überwachung der Häftlinge mit geringstem Aufwand ermöglichen. Er wurde später tatsächlich in abgewandelter Form für den Bau von Gefängnissen und anderen geschlossenen Anstalten, zum Beispiel Psychiatrien, übernommen: Das sogenannte Pennsylvania Modell ist als Kreuzbau angelegt, in der Mitte sitzt das Wachpersonal und kann in allen Richtungen die Korridore mit den Zellentüren überwachen. Bentham sprach von der »scheinbaren Allgegenwart des Aufsehers« und beschrieb, welche Auswirkungen diese auf die Insassen haben würde: Sie sollten »stets das Gefühl haben, als würden sie überwacht, zumindest als wäre die Wahrscheinlichkeit groß, dass dies der Fall sei« wie in Orwells fiktivem Ozeanien, in dem auch nie klar ist, wann sich die Gedankenpolizei in die Teleschirme einschaltet.
Der französische Philosoph Foucault sah in Benthams Panopticon den »Spiegel der Moderne«, ein Symbol für die Mechanismen, mit denen ein moderner Staat funktioniert. In einem solchen Konstrukt, so Foucault, »werde die Macht über den Einzelnen in Form einer ständigen individuellen Überwachung ausgeübt, in Form von Kontrolle, Strafe und Belohnung, in Form von Besserung, das heißt der Formung und Veränderung des Einzelnen im Sinne bestimmter Normen«. Foucault erkannte, dass die Disziplinierung in diesem Panopticon das Entscheidende ist, die Beherrschung der »Seele«, mit der Absicht, auf das Verhalten der Menschen einzuwirken. »Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß«, schrieb Foucault, »übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung.«

Rollen und Zurichtung

Das Ergebnis diskursiver Beeinflussung sind Menschen, die Normen und Normalität, Wahres und Falsches akzeptieren, die im Verständnis von Dazugehören und Auszusondern übereinstimmen - und die für sich bestimmte Rollen und Erwartungshaltungen akzeptieren. Sie müssen nicht mehr zu einem gewünschten Verhalten gezwungen werden, sondern zeigen es von selbst. Sie glauben sogar, sich so verhalten zu wollen.

Im Original: Aus der ersten Auflage ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 78f)
Tradierte Vorstellungen von Wertigkeiten, Erziehungsmuster zu immer wiederkehrenden gesellschaftlichen Rollen und Inhalte von Bildung, Medienbeeinflussung usw. führen zu nicht willkürlichen, sondern typischen und sich immer wieder reproduzierenden Mustern. Für diese sozialen Konstruktionen gibt es sehr offensichtliche Beispiele. So beruht das Gefälle zwischen Männer und Frauen bei Lohnhöhen, bei der Präsenz in Führungspositionen oder beim Zugriff auf Geld, Eigentum usw. auf der immer wieder erneuerten sozialen Konstruktionen von Wertigkeitsunterschieden. Zur Rechtfertigung solcher sozial konstruierten Wertigkeitsunterschiede wird die Verschiedenheit von Menschen herangezogen: seien es geschlechtliche, biologische, ethnische Unterschiede oder unterschiedliche Neigungen, Verhaltensweisen oder sonstige Merkmale, die sich zur Zuschreibung von “Eigenschaften” eignen. Diese realen Verschiedenheiten werden zu homogenen “Eigenschaften” von Gruppen von Menschen umgedeutet, um sie als Rechtfertigung zur diskriminierenden Behandlung dieser Gruppen zu verwenden.
Rollenbildung und Wertigkeiten zwischen Männern und Frauen entstehen nicht durch das biologische Geschlecht, sondern aufgrund der allgegenwärtigen, von (fast) allen Menschen ständig reproduzierten Bilder und Erwartungshaltungen gegenüber den anderen Menschen und sich selbst, z.B. in der elterlichen Erziehung und Beeinflussung, Schule, Arbeitswelt, Medien usw. “Mannsein” oder “Frausein” als gesellschaftliche Rolle, d.h. als soziales Geschlecht, ist folglich eine Zuweisung der Person zu diesem Geschlecht durch gesellschaftliche Bedingungen. Dieser Prozeß reproduziert sich wegen der subjektiven Funktionalität, die diese Rollen für die Menschen im täglichen Überlebenskampf und für langfristige Perspektiven zumindest aktuell haben, ständig selbst, so dass die Rollen von Generation zu Generation weitervermittelt werden und in fast allen Lebensfeldern vorkommen. Dadurch wirken sie so, also wären sie ein Naturgesetz. Den betroffenen Menschen kommt ihre gesellschaftliche Rolle wie eine Bestimmung vor, der sie nicht entgehen können und die sie an nachfolgende Generationen weitergeben.
Ähnlich wie diese soziale Konstruktion zwischen Männern und Frauen finden sich solche zwischen Alten und Jungen, sogenannten Behinderten und Nicht-Behinderten, In- und AusländerInnen, Menschen mit und ohne Ausbildung usw. Immer werden Wertigkeiten abgeleitet, die zu unterschiedlichen Möglichkeiten der eigenen Entfaltung und zu Herrschaftsverhältnissen führen.


Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München (S. 90)
Das „Selbst“, in dessen Interesse der moderne Mensch handelt, ist das gesellschaftliche Selbst, ein Selbst, das sich im wesentlichen mit der Rolle deckt, die der Betreffende nach dem, was die anderen von ihm erwarten, zu spielen hat und die in Wirklichkeit nur eine subjektive Tarnung seiner objektiven Funktion in der Gesellschaft ist. Die moderne Selbstsucht ist die Gier, die auf der Frustration des wahren Selbst beruht und deren Objekt das gesellschaftliche Selbst ist. ...
Der Mensch hat sich seine Welt aufgebaut, er baut Fabriken und Häuser, er produziert Autos und Textilien, er erntet Getreide und Früchte. Aber er ist den Erzeug­nissen seiner Hände entfremdet, und er beherrscht die Welt nicht mehr, die er gebaut hat. Ganz im Gegenteil ist diese vom Menschen geschaffene Welt zu seinem Herrn geworden, dem er sich beugt, den er zu besänftigen und so gut er kann zu manipulieren versucht. Das Werk seiner Hände ist zu seinem Gott geworden. Er scheint von seinem Selbstinteresse motiviert, in Wirklichkeit aber ist sein gesamtes Selbst mit allen seinen konkreten Möglichkeiten zu einem Werkzeug geworden, das den Zwecken eben jenes Apparates dient, den er selbst geschaffen hat. Er wiegt sich weiter in der Illusion, der Mittelpunkt der Welt zu sein, und ist dennoch von einem intensiven Gefühl seiner Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht erfüllt, wie es seine Vorfahren einst bewußt Gott gegenüber empfanden.

Aus Kropotkin, Peter (1985): "Gesetz und Autorität", Libertad Verlag in Berlin (S. 5 f.)
Wir sind alle dermaßen verdorben durch die Erziehung, welche, von unserer Kindheit angefangen, den Geist der Selbständigkeit in uns ertötete und den Geist der Unterwürfigkeit unter die Autorität entwickelte, wir sind derart verdorben durch die Existenz unter dem Gesetz, welches alles regelt: unsere Geburt, Erziehung, geistige Entwicklung, unsere Liebe und Freundschaft usw., dass wir wenn das so fortgeht, alle Initiative, alle Gewohnheit, selbst zu denken und zu urteilen, vollständig verlieren werden. Die Menschen scheinen jetzt schon gar nicht mehr zu verstehen, dass man anders als unter der Herrschaft der Gesetze leben könne, welche von einer parlamentarischen Vertretungs-Regierung ausgearbeitet und von einer Handvoll über jenen stehenden Regierungen angewandt werden.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 23)
Wir sind weder gleich noch frei. Wir sperren unsere Kinder in Räume, die sie nicht verlassen dürfen, wo wir sie dem Kommando von Leuten ausliefern, die sie sich nicht aussuchen und denen sie sich nicht verweigern können. Wir nennen das Schule, und es setzt sich fort in Lehrstellen, Universitäten, Betrieben.

Aus Möll, Marc-Pierre: "Kontingenz, Ironie und Anarchie - Das Lachen des Michel Foucault" (Quelle)
Das Gefängnis, wie es die bürgerliche Gesellschaft hervorgebracht hat, ist das Ideal der sich auf Fabriken, Schulen, Kasernen, Krankenhäuser etc. ausbreitenden Überwachungs- und Disziplinarmacht. Da der Prozeß der subjektkonstituierenden Disziplinierung unabschließbar ist, nimmt er immer subtilere und intrikatere Formen der Dressur an, um die Menschen in immer gleichförmigere Denk- und Handlungsweisen zu pressen. Durch die räumliche Parzellierung, zeitliche Durchrationalisierung und normativ prüfende Sanktionierung etwa in der Schule werden die abgerichteten Körper in einen übergeordneten Funktionszusammenhang eingegliedert und auf die Tätigkeit anderer Körper abgestimmt. Der Disziplinierungsprozeß ist beendet, wenn der Schüler "einsichtig" ist. Er wird solange mit Normvorstellungen und letztlich mit einem Selbstbild konfrontiert, in dessen Lichte er sein abweichendes Handeln nicht mehr wollen kann. Die subversive Struktur in der Pädagogik besteht mithin darin, den Zögling in der Gewißheit zu halten, tun zu dürfen, was er will, obwohl er nur wollen darf, von dem der Erzieher wünscht, dass er es tut. Die Pointe der pädagogischen Methode liegt darin, dass auch die inneren Instanzen dem Schüler nicht "gewaltsam" introjiziert werden. Vielmehr werden sie im Prozeß des Appellierens an diese inneren Instanzen selbst erzeugt bzw. gestärkt. Ein vermeintlich Eigenes ist auch auf dieser Ebene der Subjektkonstitution nicht "gegeben", sondern wird im pädagogischen Prozeß überhaupt erst provoziert, konditioniert und subjektiviert, so dass Pädagogik und selbst das Erlernen von Sprache und Begrifflichkeit das Denken systematisch normiert. Jedes Denksystem, das sich emphatisch auf die Totalität seines eigenen Wahrheitsfundaments beruft und institutionalisiert, arbeitet implizit einem Totalitarismus zu. Das gilt auch für die liberale Demokratie.

Aus Foucault, Michel: "Überwachen und Strafen" (S. 285)
Die schöne Totalität des Individuums wird von unserer Gesellschaftsordnung nicht verstümmelt, unterdrückt, entstellt; vielmehr wird das Individuum darin ... sorgfältig fabriziert.

Das kann sehr weit gehen. Der auf breiter gesellschaftlicher Akzeptanz organisierte Holocaust hat es eindrucksvoll und erschreckend gezeigt.

Aus Goldhagen, Daniel J. (1996): "Hitlers willige Vollstrecker" (S. 85)
Wie andere Menschen mussten auch sie ständig entscheiden, wie sie sich verhalten, wie sie handeln sollten, und diese Entscheidungen brachten den Juden immer wieder neue Leiden und den Tod. Diese Entscheidungen aber trafen sie als Individuen, als mit ihrer Aufgabe einverstandene Mitglieder einer Gemeinschaft von Völkermördern, in der das Töten von Juden die Norm und oft genug Anlaß zum Feiern war.

Die Konstruktion des Durchschnittlichen

Anpassung wird belohnt, Abweichung bestraft. So formen Erziehung, Schule, soziales Umfeld, Medien, Medizin und schließlich die Strafjustiz ein Bedürfnis, die eigene Persönlichkeit zu vernichten und zum Teil des Normalen und Durchschnittlichen zu werden.
Moderne Computernetzwerke ermöglichen eine Verfeinerung. Nun können Persönlichkeitsmerkmale erfasst und statistisch in riesigen Menschengruppen ausgewertet werden. Die sich in virtuellen Abbilder ihrer empfundenen Persönlichkeit in solche Netze hineinbegebenden Personen werden dann standardisiert in Verbindung gebracht. So machen soziale Netzdienste wie Facebook nach Standards Vorschläge für FreundInnen und passende Kontakte, Projekte usw. Das Leben wird ver-durchschnittlicht.

Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt (S. 116)
Andere, wie Amazon, nutzen das Schwarmprinzip zur Verkaufsförderung: Die Kunden können einander Produkte empfehlen, und Amazon macht ihnen seinerseits Kaufvorschläge, die sich am Kaufverhalten anderer Kunden orientieren.

Aufklärung: Demaskieren als Ziel

Menschliche Gesellschaft ist immer durchzogen von Normen, vor allem verschiedenen Diskursen. Es ist nicht möglich, Diskurse dadurch zu verhindern, dass sie verboten oder für nicht bindend erklärt werden. Letzteres sind sie im formalen Sinn schon jetzt nicht. Aber Diskurse sind wirkungsstark. Zum einen drängt die Fülle an alltäglichen Informationen jeden Menschen zur Bildung vereinfachender Begriffe und verkürzter Zusammenhänge. Zum anderen gibt es kein Gerät, was Informationen, Bilder und Geschichten vom mitschwingenden Gehalt an Wertungen reinigt. Alles, was an Information einschließlich Deutung durch die Welt zieht, ist verbunden mit bestimmten Ideen oder Interessen.

Die einzige Chance ist die der ständigen Skepsis, also einer "permanenten Kritik", wie Foucault es bezeichnete. Die beeinflussenden Faktoren können nicht ausgeschaltet werden, aber ihnen kann ihr hegemonialer Charakter genommen werden. Informationen, Traditionen, Identitäten und metaphysische Moral, andere Menschen oder Gruppen dürfen das eigene Denken nicht erobern. Wer sich nicht vereinnahmen lassen will, muss sich nicht isolieren, sondern lernen, Fragen zu stellen, hinter die Kulissen zu schauen, mehrere Quellen anzuzapfen und sich aus der großen Fülle einer vielfältigen Gesellschaft mit ihrem Wissen, ihren Möglichkeiten und ihren unterschiedlichen Blickwinkeln nach eigener Lust und Überzeugung zu bedienen. Reine Aufklärung ist deshalb zu wenig.

Im Original: Aufklärung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 20)
Eine wegweisende Auseinandersetzung führte die Kritische Theorie mit der Aufklärung und folglich mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem bürgerlichen Denken. Mit der bürgerlichen Emanzipationsbewegung und dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verschmelze die technische Rationalität mit der Rationalität der Herrschaft. Die ‚technologische Rationalität’ ist für Herbert Marcuse ein eindimensionales gesellschaftliches Organisationsprinzip, das kapitalistisches Profitinteresse und politische Herrschaft verbindet. Nach Horkheimer und Adorno involviert die Naturbeherrschung gleichfalls Menschenbeherrschung. Vernunft und Rationalität, aufklärerische Mittel, eingesetzt zum Zwecke der Emanzipation des Menschen, seien Mittel zur Beherrschung nicht nur der Natur, sondern auch des Menschen. In der bürgerlich-aufklärerischen Geschichte würde Mittel und Zweck vertauscht, was Horkheimer mit ‚instrumenteller Vernunft’ beschreibt. Ihrer Hauptthese nach ist Aufklärung dialektisch, da sie sich in blinde Herrschaft verstrickt habe. „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“

Aus Kant, Immanuel (1784), "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung", zitiert in: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 129)
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbsiverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Zum nächsten Text im Kapitel über die Geschichte sozialer Organisierung: Vereinnahmung und Stellvertretung

Links und Lesestoff

Der obige Text ist das Einführungskapitel des Buches "Autonomie und Kooperation", dass Anfang 2006 erscheinden soll. Das Thema: Wie kann herrschaftsfreie Gesellschaft konkret aussehen? Extraseite zum Buch! ++ Bestellseite