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Masse ... in Form gegossen
Wird aus den Vielen auch Vielfalt?

Es geht um das Wie ++ Menschen-Mengenlehre ++ Und heute? ++ Mehr ist möglich ++ Perspektiven ++ Links

Der folgende Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Soziale Organisierung als Teil des Menschseins

Der Mensch ist also immer Teil der Vielen. Er kann sich entscheiden, wie oft und wie eng seine Kontakte und Beziehungen sind, aber er kann sie nicht abschneiden - sowieso nicht in seiner Kindheit, aber auch später nicht, wenn er zumindest immer BetroffeneR oder NutznießerIn der gesellschaftlichen Tätigkeit ist.
Es geht also nicht um das Ob einer Organisierung, sondern um das Wie. Auf was kommt es an? Wie wollen wir unsere Beziehungen gestalten - sowohl direkt mit anderen Menschen wie auch im vielfach dem persönlichen Kontakt entzogenen gesellschaftlichen Raum.

Eine Menge von Menschen kann sehr unterschiedlich aussehen

Wenden wir uns einem abstrakten Blickwinkel zu und stellen die Frage: Welche Organisierungsstruktur können denn Menschen wählen? Bei einer ganz groben Einteilung zeigen sich drei Varianten plus ihren Mischformen. Das heißt, die Menschen hatten und haben die Entscheidungsmöglichkeit zwischen drei sehr unterschiedlichen Formen.

Masse: Gesamtheit ohne Differenz

Eine Menge von vielen, die untereinander nicht unterscheidbar sind und in der Masse auch keine individuellen Verhaltensweisen entwickeln, sei als Masse bezeichnet. Das kommt unter Lebewesen in Reinstform nicht vor, weil individuelles Verhalten durch sehr viele Prozesse ausgelöst werden kann. Für den Begriff der Masse soll hier deshalb reichen, wenn sich die Vielen in Bezug auf die Masse gleichförmig verhalten. Es kommt also nicht darauf an, was sie sonst noch tun oder an was sie denken, sondern ob sie sich hinsichtlich ihrer Organisierung in der Masse eigenständig verhalten oder der Masse gemäß. Masse ist das klassische Mitschwimmen im Strom

Unter Tieren kommen Massen vor allem als Herde oder Schwarm vor, wobei vor allem ersteres nur dann gilt, wenn es keine klaren Hierarchien gibt. Für das einzelne Tier in der Herde ist die Existenz einer Hierarchie mitunter aber gleichgültig, weil es sich nicht nach dem Inhaber der privilegierten Position richtet, sondern nach dem Verhalten der anderen. Das ist ohnehin das zentrale Kennzeichen einer Masse: Die Einzelnen richten sich in ihrem Verhalten nach den anderen, vor allem also an in der Nähe befindlichen oder sonst erkennbaren Individuen aus. Herden und vor allem Schwärme können als Gesamtes bemerkenswert schnelle, sogar ruckartige Bewegungen ausführen, weil die Orientierung an den NachbarInnen im Schwarm dazu führt, dass eine abweichende Bewegung von Wenigen sich schnell im gesamten Schwarm fortsetzen kann.

Beim Menschen kommen solche konkreten Situationen bei großen, unsortierten Menschenmassen vor, z.B. als Publikum bei großen Veranstaltungen. Eine typische Umsetzung der Reaktion auf NachbarInnen ist die La-ola-Welle im Stadion, die genau auf dem Mechanismus der leicht zeitverzögerten Reaktion auf ein Verhalten der Nachbarperson aufbaut. Erschreckender, aber ebenso beispielhaft, ist die Entstehung von Panik.

Masse ohne Differenz ist dumm. Die Reflexionsfähigkeit der Einzelnen geht zurück oder ganz unter. Stattdessen reagieren die Teile auf die Impulse und Welleneffekte des Gesamten. Der Ursprung des erkannten und dann willenlos nachgemachten Verhaltens ist nicht erkennbar. Das schafft die Voraussetzung für die schnelle Wirksamwerdung von Diskursen und eine einfache Steuerung der Masse.
Wenn z.B. Gerüchte auftauchen oder Ängste geschürt werden, kann sich das selbst schnell fortpflanzen. Herkunft und Begründung einer Information lassen sich nur schwer ermitteln, die Wucht der Information ersetzt Argumente. Stille-Post-Effekte können zu einer Dramatisierung im Verlauf der Informationsweitergabe führen. In einheitlichen Massen zirkuliert die Information dann selbsttragend, d.h. sie erreicht immer wieder von Neuem die Einzelnen und beruht auf dieser scheinbaren Überzeugungskraft. Die Organisierung von Reflexion, z.B. indem sich innerhalb der Masse eine kleine Gruppe bildet, die das Gehörte diskutiert und hinterfragt, widerspricht dem Prinzip der Masse und würde diese auflösen. Doch regelmäßig unterbleibt eine solche Strukturierung der unstrukturierten Masse. Masse besteht nur als Masse, d.h. sie bildet eine Einheit, in dem die Eigenheit der Einzelnen verschwindet.

Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München (S. 81)
Wir haben das Gefühl, die Freiheit der Meinungsäußerung sei der letzte Schritt auf dem Siegesmarsch zur Freiheit. Dabei vergessen wir, dass die freie Meinungsäußerung zwar einen wichtigen Sieg im Kampf gegen alte Zwänge darstellt, dass der moderne Mensch sich aber in einer Lage befindet, wo vieles, was »er« denkt oder sagt, genau dasselbe ist, was auch alle anderen denken oder sagen; dass er sich nicht die Fähigkeit erworben hat, auf originelle Weise (das heißt selbständig) zu denken - was allein seinem Anspruch einen Sinn gibt, dass niemand das Recht hat, ihm die Äußerung seiner Meinung zu verbieten. Außerdem sind wir stolz darauf, dass sich der Mensch in bezug auf seine Lebensführung nicht mehr von äußeren Autoritäten sagen zu lassen braucht, was er zu tun und zu lassen hat. Wir übersehen, welch große Rolle die anonymen Autoritäten wie die öffentliche Meinung und der »gesunde Menschenverstand« spielen, die eine solche Macht über uns haben, weil wir so durchaus bereit sind, uns den Erwartungen entsprechend zu verhalten, die die anderen an uns stellen, und weil wir eine so tiefsitzende Angst davor haben, uns von ihnen zu unterscheiden. Mit anderen Worten: Wir sind von der Zunahme unserer Freiheit von Mächten außerhalb unserer selbst begeistert und sind blind für die inneren Zwänge und Ängste, die die Bedeutung der Siege, welche die Freiheit gegen ihre Waditionellen Feinde gewonnen hat, zu unterminieren drohen. Daher neigen wir zu der Meinung, es gehe bei dem Problem der Freiheit ausschließlich darum, noch mehr von jener Freiheit zu erwerben, die wir bereits im Verlauf der neueren Geschichte gewonnen haben, und wir hätten weiter nichts zu tun, als die Freiheit gegen all jene Mächte zu verteidigen, welche uns diese Art der Freiheit versagen wollen.

Eine solche Masse kann wie ein Schwarm nach zufälligen Impulsen reagieren, sie ist aber auch leicht zu steuern. Masse ohne Differenz passt hervorragend zur Idee einer Führungsperson, ebenso lässt sie sich aber auch diskursiv steuern. Denn der Einzelne ist nicht nur als Teil einer Gesamtheit dumm, sondern auch als Gelenkter einer abstrakten Gesamtheit, die nicht die individuellen Möglichkeiten fördert, sondern das Individuum übergeordneten Zielen unterwirft. Als solche Beeinflussung kommen nicht nur gezielte Informationen, sondern auch die allgemeinen gesellschaftlichen Prinzipien und großen Diskurse in Frage. Sie lassen sich nicht mehr auf konkrete Personen zurückführen, sondern bilden die "Leitkultur", das Sortiment an Werten und Vorurteilen in einer Gesellschaft.

Auszug aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München (S. 35)
Die Gesellschaft besteht aus Menschen, und jeder Mensch ist mit einem Potential leidenschaftlicher Strebungen - archaische und progressive - ausgestattet. Dieses menschliche Potential als Ganzes wird von der Gesamtheit der ökonomischen und gesellschaftlichen Kräfte geformt, welche für die jeweilige Gesellschaft kennzeichnend ist. Diese Kräfte des gesellschaftlichen Ganzen erzeugen ein bestimmtes gesellschaftliches Unbewußtes und bestimmte Konflikte zwischen den verdrängenden Faktoren und den vorhandenen menschlichen Bedürfnissen, die für ein gesundes Funktionieren des Menschen wesentlich sind (etwa ein bestimmter Grad von Freiheit, Anregung, Interesse am Leben und Glück). Tatsächlich kommen - wie bereits erwähnt - in Revolutionen nicht nur neue Produktivkräfte zum Ausdruck, sondern auch der verdrängte Teil der menschlichen Natur. Revolutionen verlaufen darum nur dann erfolgreich, wenn beide Voraussetzungen gegeben sind. Die Verdrängung, ob sie nun individuell oder gesellschaftlich bedingt ist, entstellt den Menschen, sie fragmentiert ihn, beraubt ihn seiner vollen Menschlichkeit. Das Bewußtsein repräsentiert den »gesellschaftlichen Menschen«, wie er von der jeweiligen Gesellschaft geprägt ist; das Unbewußte repräsentiert den universalen Menschen in uns, den guten und den schlechten Menschen, eben den ganzen Menschen, ...

Das Prinzip von Masse tritt in der menschlichen Gesellschaft vor allem als abstrakte Masse auf. Sie ist - von den benannten Ausnahmen des Publikums bei großen Veranstaltungen oder ähnlichen Situationen abgesehen - vor allem in einer virtuellen Verbundenheit prägend. Die Masse des Volkes tritt bei Wahlen zusammen - zwar tatsächlich an tausenden verschiedener Orte (Wahllokale), aber doch in einer Form, in der die Einzelnen getrennt dem Gesamten gegenüber stehen und einheitlich handeln. Sie bilden keine gesellschaftlichen Subräume, sondern treten einzeln in die Wahlkabine - abstrakt verbunden mit den Millionen anderer, auch wenn die nicht sichtbar sind. "Volk" ist der Inbegriff dieser Masse ohne Differenz. Das Wahlergebnis ist dann Gesamtausdruck dieser Masse, die als abstrakter Gesamtwille zu einer Art Persönlichkeit wird, die sprechen kann - eben als Wahlergebnis.
Ähnlich steht eine Masse einzelner Menschen, selbst wenn sie in ihrer Gesamtheit eine Binnenstruktur aufweisen, auflagen- und einschaltquotenstarken bzw. spezialisiert Meinung machenden Medien, den Institutionen der Erziehung, als Lohnabhängige zudem den Arbeit"geberInnen" oder als Inhaftierte dem System Knast gegenüber. Diese scheren Menschen "über einen Kamm", d.h. sie verhalten sich so, als wären die Menschen eine Masse ohne Differenz, wodurch die die Menge in diese Richtung formen oder verbleibende Individualität in die vorgefertigten Kanäle der Rädchen im System pressen. Zu solchen Medienereignissen gehört auch die Darstellung menschlicher Sozialisierung in Geschichtsschreibung oder Filmen. Sie schreiben große Erzählungen von den Menschen. Wer KinogängerIn ist oder öfter im Puschenkino daheim Filme schaut, wird sich vielleicht erinnern, sie kleine und große Leinwandklassiker die Menschen zu formlosen Massen machen, aus denen nur die HauptdarstellerInnen herausragen, um deren individuelle HeldInnenleistungen oder Bettgeschichten zeigen zu können. Der Rest ist Masse - manchmal wertungslos als kleine Rädchen in meist blutigen Kampfhandlungen historischer Epen (Troja, Brave Heart & Co.) oder Science Fiction Filmen wie Avatar oder Star Trek. Mitunter sind sie aber auch von sehr eindeutigen Gut- und Böse-Zuschreibungen geprägt, die den sich als gut definierenden Massen das Recht auf Eliminierung der Bösen gibt. Solche Grundmuster faschistoider Gesellschaftsideologie in Anwendung auf Massen ohne Differenz zeichnen Filme wie Star Wars oder Herr der Ringe aus. Sie alle formen die Wahrnehmung von Menschen als einheitliche Masse - mit der Wirklichkeit draußen in den Dörfern und Stadtteilen hat das wenig zu tun.
Die Welt in einheitliche soziale Klassen einzuteilen, macht Menschen zur Masse - ein Fehler, den herkömmliche Sozialpolitik ebenso macht wie marxistische Gesellschaftsanalyse. Religionen stellen Vermassungskonzepte dar: Die Einzelnen werden gleich gegenüber dem großen Gott oder der großen externen Weisheit - auch wenn Paul Ernst in "Zusammenbruch und Glaube" genau da Gegenteil zu verkünden versuchte: "Nur Religion macht ein Volk; wo die Menschen keine Religion haben, da ist nur Masse." Die Logik von Recht und Gesetz schafft etwas Ähnliches: Vor dem Gesetz sollen alle gleich sein, wird suggiert - und damit eine Gesamtheit inszeniert. Zwar ist die Gleichheit tatsächlich eine sehr platte Lüge, schließlich gibt es etliche Sondergesetze, die z.B. Minderjährigen, Nichtdeutschen usw. Rechte verweigern. Aber selbst wenn wenigstens die Gleichheit vor dem Gesetz stimmen würde, wäre es auch nicht emanzipatorisch. Denn damit gehen die Eigenheiten der Menschen und ihre Subjektivität verloren. Dem Gesetz wie dem Gott gegenüber stehen die Einzelnen alle als persönlichkeitsloses Individuum, als nur ein Staubkorn im Gesamten, eine Nummer aus der Masse.

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Aus Wicht, Cornelia (1980): "Der Ökologische Anarchismus Murray Bookchins", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt (S. 57 f.)
Die privaten Rückzugsgebiete des Individuums, das Heim, Kindererziehung, Sexualität und die ruhigen Momente, die für persönliche Reflektion und Meditation reverviert sind, werden zu Instrumenten der Massenkultur, die die Erziehungsnormen diktiert, wie Elternliebe, physische Schönheit, persönliche Kleidung, Möbel und die intemsten Seiten zwischenmenschlicher Beziehungen. ...
Das Individuum, das sich selbst in soziale Neutralität und öffentliche Gleichgültigkeit flüchtet, liefert seine Privatheit den eindringenden sozialen Kräften aus, von denen es zu entkommen suchte. Es entwickelt sich eine zunehmende Konformität im Lebensrhythmus und den persönlichen Beziehungen.


Aus dem Buch "Die Welle"
Andere behaupteten, ihnen gefiele das Demokratische an dieser "Idee": die Tatsache, daß sie jetzt alle gleich seien.

Erst wenn sich die Menschen organisieren, also ihre eigenen Formen der Diskussion, Reflexion, Informationsbeschaffung, Interessensartikulation usw. entwickeln, verlassen sie das Stadium der Masse ohne Differenz - ein Grund dafür, dass z.B. in Gefängnissen jede Form der Solidarisierung zwischen Gefangenen oder der Bildung eigener Organisationsstrukturen schnell zerschlagen wird. Denn nichts ist besser steuerbar als die einheitliche Masse ohne Differenz. Masse neigt zu Blödheit, weil sie die Einzelnen stumm und stumpf macht, deren Kreativität und analytisches Hinschauen bricht.

Im Original: Dumme Einheitsmasse ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt (S. 48 f.)
Ein chinesisches Sprichwort, das Lao-Tse, dem Gründer des Taoismus, zugeschrieben wird, besagt: »Ein Führer ist dann am besten, wenn ihn die Menschen kaum bemerken. Wenn die Arbeit getan und sein Ziel erreicht ist, dann sagen sie, 'Wir haben es selbst vollbracht'.«
Neu jedoch ist der theoretische und praktische Beweis, dass ein Anführer (oder eine Gruppe von Anführern) eine Gruppe unerkannt und von innen heraus auf ein Ziel zuführen kann. Daraus lässt sich eine Regel ableiten, die wir nutzen können, wenn wir eine Gruppe in unserem Sinne beeinflussen wollen: Führen Sie von innen heraus (am besten mit einer Gruppe gleichgesinnter Kollegen oder Freunde), aber achten Sie darauf, dass es die anderen Gruppenmitglieder nicht bemerken. Gehen Sie einfach in die Richtung, in die Sie gehen wollen, und überlassen Sie den Rest den Gesetzen des Schwarms.
Das funktioniert in Gruppen, deren Angehörige eine angeborene oder angelernte Neigung haben, sich anderen in ihrer Umgebung anzuschließen. Es reicht schon aus, wenn einige nicht nachahmen, sondern die Führung übernehmen, und schon bald folgt ihnen die gesamte Gruppe. jede Abweichung wird rasch durch negative Rückkopplung korrigiert, und die Abweichler werden durch sozialen oder physischen Druck dazu gebracht, sich dem Rest anzuschließen. je größer die Abweichung, umso stärker der Druck. ...
Polizeibeamte haben uns berichtet, dass es ausreicht, bei Demonstrationen und Stragenschlachten eine kleine Gruppe von Randalierern festzunehmen, um die ganze Menge zu kontrollieren.

William Penn,1644 - 1718
Macht das Volk glauben, dass es regiert, und es wird sich regieren lassen.

Aus Hardt, M./Negri, A, 2002: Empire. Campus Verlag Frankfurt (S. 117)
Die Identität des Volkes wurde auf einer imaginären Ebene konstruiert, welche die Unterschiede entweder verbarg und/oder eliminierte; in der Praxis entsprechen dem die rassistische Unterwerfung und die soziale Säuberung. Der zweite grundlegende Schritt bei der Konstruktion des Volkes, der durch den ersten erleichtert wurde, besteht darin, die internen Unterschiede mittels Repräsentation der gesamten Bevölkerung durch eine hegemoniale Gruppe, Rasse oder Klasse zu verwischen.

Le Bon, Gustave 1895, Psychologie der Massen, Stuttgart 1951, S. 16, zitiert in: Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 288)
In der Menge, so Le Bon, "versinkt das Ungleichartige ... im Gleichartigen, und die unbewussten Eigenschaften überwiegen"

Aus Geiger, Theodor (1963), "Demokratie ohne Dogma" (S. 202)
Nur wenn der Eine andere findet, die seinen Köhlerglauben teilen, kann er selbst ihn bewahren. In geschlossenem Verein vermag man dem Lächeln der Umwelt standhalten. Die Bestätigung seitens anderer befreit mich von der Verantwortung für die Ungereimtheiten meines Glaubens.

Je mehr die Unterschiedlichkeit verloren geht, desto stärker entsteht Masse. Konsensverfahren in großen Gruppen ohne Vielfalt und Unterschiedlichkeit schaffende Binnenstruktur verstärken diesen Effekt.
Am dramatischsten aber stellen sich die Verhältnisse in Massen ein, die ihre Existenz nur der Akklamation von außen. Das Volk, diese frei konstruierte Einheit aus einer völlig zusammenhanglosen Menge an Menschen, ist die am einfachsten zu handhabende Masse von Menschen, weil die Einzelnen nur in diese Masse hineingedacht werden. Das Volk lässt sich vereinnahmen, als Legitimation nutzen, ohne dass es je existiert hätte außer in Diskursen derer, die das Volk entstehen lassen, in dem sie den Gesamtwillen des Volkes konstruieren. Der Demkratie-Theoretiker Schumpeter stellte fest, dass der "Wille des Volkes das Erzeugnis und nicht die Triebkraft des politischen Prozesses" ist. In der Schrift "Das Leitbild der modernen Demokratie", die von der hessischen Landeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird, heißt es ähnlich deutlich: "Es war schon davon die Rede, dass die Abgeordneten im Falle eines Konflikts zwischen Parlamentsmeinung und Volksmeinung das Volk von der Richtigkeit ihrer Meinung zu überzeugen hätten. Das können sie sinnvoll nur über Parteien tun. Denn die Parteien formen ja vielfach überhaupt erst den Willen des Volkes."

Gibt es einen Hang zur Konformität? Am 10. Dezember 2009 lief im Hessischen Rundfunk ein Beitrag über das Tanzen. Die Fragestellung schien langweilig: Warum tanzen Menschen so gern? Die Antwort war aber erhellend: Weil sie so gern dasselbe tun wie alle anderen auch, weil sie gern im festen Rhythmus sind und sich mit anderen harmonisch-einheitlich verhalten. Sollte der Mensch doch ein Herden- oder Schwarmtier sein? Mitunter scheint es so, als wäre das typische Schaf und seine treudumm daherkommende Neigung, gern in der Gesamtheit aller Tiere unterzugehen, zum Vorbild der Organisierung menschlicher Gesellschaft geworden (siehe die Geschichte von Schafen und Ziegen). Es gibt sogar Menschen, die werben für eine solche Sozialisierung als einheitliche Masse.

Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt
Wir müssen uns aber nicht in Cyborgs verwandeln, um die Schwarmintelligenz im Alltag zu nutzen. Wir müssen auch nicht zu Ameisen mutieren, obwohl unser Gehirn mit derselben dezentralen Logik arbeitet wie ein Ameisenhaufen. Wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, reicht es oft aus, wenn wir uns auf das normale menschliche Denken verlassen - und wenn wir dessen Grenzen erkennen. ... (S. 61)
Bei einer Schätzung erzielt die Gruppe als Ganze bessere Ergebnisse als die Mehrheit ihrer Mitglieder. Und zwar nicht nur manchmal, sondern immer. ... (S. 82)

Doch bei näherer Betrachtung stimmen schon die Argumente nicht. Zur Frage der Schätzfähigkeiten von Massen sei auf die Frage der Kriminalität verwiesen. Zwar ist auch hier denkbar, dass der Durchschnitt meist besser schätzt als die Mehrheit, aber die Abweichungen vieler Einzelner sind derart stark, dass es nicht darauf ankommt. Vielmehr entsteht der Verdacht, dass Masse als Ganzes viel leichter beeinflussbar ist als die vielen Einzelnen, so dass die Behauptung, die Masse sei beim Schätzen besser als die Mehrheit der Einzelnen nur auf solche Fragen zutrifft, bei der Zurichtungen, gesellschaftliche Rollen und Diskurse keine Rolle spielen. Menschen sind aber immer einer sozialen Zurichtung und den herrschenden Diskursen ausgesetzt. Dazu ist es gar nicht nötig, dass sie sich im konkreten Fall nochmals verständigen.

Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt (S. 85 f.)
Doch die Weisheit der Masse ist kein Wunder, sondern lediglich eine Frage der Statistik. Das Entscheidende ist, dass die Schätzungen unabhängig voneinander erfolgen. Ist dies nicht der Fall, schlägt die Weisheit rasch in Dummheit um.

Wer schon einmal in Gruppen gearbeitet hat (und wer hat das nicht?), wird sich vielleicht eher an etwas anderes erinnern: Im direkten Gespräch sind Menschen oft reflektiert und besonnen. In der Gruppe neigen sie hingegen zu platten Überlegungen oder schließen sich schnell plausibel klingenden, aber genau deshalb oft simplen Denkmodellen an. Masse, egal ob näher am biologischen Vorbild Herde oder am Schwarm, wirkt abtötend auf das eigenständige Denken. Möglicherweise erzeugt die Angst, anderen nicht zu gefallen, sein eigenes (kreatives) Handeln erklären zu müsen oder aus der Kollektivität herauszufallen, eine Neigung, den prägenden oder durchschnittlichen Kurs der Vielen mitzumachen, also einfach mit zu schwimmen in dem, was scheinbar vorherrschende Stimmung ist. Dass die Teile der Masse also auf Reflektion und eigene Gedanken ganz oder weitgehend verzichten, ist bereits ein Grund dafür, dass die in der Gesamtheit entstehenden Meinungen oft sehr flach sind. Ein anderer ist die leichte Beeinflussbarkeit. Wenn niemand mehr Bedenken äußert, können sich einfache Denk- und Erklärungsmuster schnell durchsetzen. Populismus ist die typische Art, Menschenmassen zu beeinflussen.

Len Fisher behauptet, es gäbe gar keine Alternative zur Orientierung auf Masse oder zumindest Mehrheiten (S. 80): "Im Grunde haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können eine Abstimmung machen und uns nach der Mehrheit richten oder wir können eine Art Durchschnitt aus allen Meinungen bilden." Doch recht hat er damit nur, solange die Masse ohne Differenz als einziges Modell sozialer Organisierung anerkannt wird.

Im Original: Kritik an Massenformationen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Michael Brückner, "Die Akte Wikipedia" (S. 24 f.)
Schwarmintelligenz - gemeinsam klüger oder dümmer?
Viele Köche verderben den Brei, heißt es im Volksmund. Doch das scheint in Zeiten von Wikipedia und den sogenannten Social Networks eine längst überholte Einstellung von unbekehrbaren Spießern zu sein. Und es klingt tatsächlich durchaus logisch: Weisheit ist die Summe von Wissen. Je mehr Menschen ihr Wissen teilen, desto größer die Weisheit. Sollte man zumindest meinen. Wie kann es dann aber nach wie vor zu spektakulären Fehleinschätzungen kommen, zum Beispiel zu Börsencrashs und Finanz-krisen? Versagt hier die Schwarmintelligenz? Salopp ausgedrückt: Die viel gepriesene Schwarmintelligenz folgt oft dem gleichen Verhaltensmuster wie der Herdentrieb.
An der ETH Zürich wurde dieses Phänomen vor einigen Jahren wissenschaftlich untersucht. Einer Reihe von Studenten wurden Schätzfragen gestellt. Sie sollten zum Beispiel beantworten, wie lang die Grenze der Schweiz zu Italien ist und wie viele Mordfälle es bei den Eidgenossen im Jahr 2006 gegeben habe. Einem Teil der Gruppe wurde anschließend der Durchschnittswert der Schätzungen ihrer Kommilitonen präsentiert. Ein weiterer Teil der Probanden erhielt die Schätzwerte der anderen Teilnehmer vorgelegt. Und dann kam es zu einem bemerkenswerten Effekt: Die Schätzungen näherten sich immer weiter an, es bildete sich sozusagen ein Mainstream heraus. Die Ext-remwerte verschwanden zwar, allerdings kam der Mainstream dem tatsächlichen Wert nicht näher. Menschen neigen also offenbar dazu, sich bei ihrer Urteilsbildung an anderen zu orientieren. Sind viele Menschen einer bestimmten Meinung, kann diese vermutlich nicht falsch sein so die gängige Einschätzung. Die Zürcher Forscher haben die Ergebnisse ihrer Untersuchung im Wissenschaftsblatt Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Dirk Helbing von der ETH Zürich bringt das Ergebnis dieser Untersuchung auf den Punkt: »Wenn alle anderen das Gleiche machen wie man selbst, glaubt man, auf dem richtigen Dampfer zu sein.«"
Dass der Mainstream nicht unbedingt Ausdruck großer Weisheit sein muss, stellt an sich keine Überraschung dar. je mehr der Mensch weiß, was andere denken, desto be-reitwilliger passt er sich offenkundig an. Das (vermeintliche) Wissen der Masse verringert zwar die Diversität der Antworten, nicht jedoch die kollektiven Fehler. Insofern können interessierte Kreise den Mainstream gezielt manipulieren. Das Individuum ist nicht mehr selbst ein kritischer Denker, es passt sich der Mehrheitsmeinung allzu gern an in der Überzeugung, damit nichts falsch machen und auch nicht anecken zu können.

Viel schlauer wäre, Kooperationsformen zu finden, bei denen die Reflexion, die Möglichkeiten der Einzelnen und das durchdachte Vorgehen nicht zerbröseln, sondern sich die Qualitäten ergänzen, so dass übertroffen werden kann, was im Alleingang machbar ist.

Hierarchie: Differenz mit Gefälle

Masse ohne Differenz nicht das prägende Korsett heutiger Gesellschaft, aber eine innerhalb dieser immer wieder auftretende Variante, die denen hilft, die leicht steuer- oder benutzbare Einheiten brauchen.
Viel häufiger und bestimmender sind Hierarchien. In ihnen sind die Menschenmengen sortiert. Jeder Person kommen Rechte und Pflichten zu, aber eben nicht die gleichen. Äußere Regeln z.B. in Form der Gesetze oder die Zurichtung auf spezifische Rollen innerhalb der Gesellschaft bestimmen, wer wieviel zu sagen, welchen Zugriff auf welche Ressourcen und welche Handlungsmöglichkeiten hat. Wer in der Hierarchie weiter oben steht, kann das Verhalten der Darunterstehenden kontrollieren, steuern und Fehlverhalten sanktionieren - oder bedient sich dazu gesonderter Teile der Hierarchie, die für Überwachung und Sanktionierung zuständig sind. In der heutigen Gesellschaft arbeitet ein bedeutender Teil aller Menschen genau in dieser Aufgabe. Das sind nicht nur Polizei und Justiz, von denen das allgemein bekannt ist, sondern auch die AufpasserInnen am Arbeitsplatz, im Arbeitsamt oder Sozialbehörden sowie viele mehr. Etliche Berufszweige dienen auch dieser Überwachung und Sanktionierung. So kommt ÄrztInnen die Durchsetzung der Einteilung in krank und gesund zu, LehrerInnen benoten und reglementieren das Leben und Lernverhalten von Heranwachsenden usw.

Hierarchie bedeutet also im Gegensatz zur Masse, dass in der Menge Unterschiede zu erkennen sind. Die Menschen üben Funktionen aus, die ihnen unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten geben, aber auch Erwartungen erzeugen. Die verschiedenen Positionen stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander, sondern über- und untereinander. Diese sozialen Stufungen treten nicht widerspruchsfrei auf, z.B. kann zwischen zwei Personen oder innerhalb einer Gruppe in einem Fall das hierarchische Gefälle andersherum sein als in einem anderen. Aufheben tun sich die Unterschiede aber nur selten. Die hierarchische Grundstruktur der Gesellschaft zeigt sich überwiegend als durchgehende, d.h. die Privilegien in einem Fall treten bei der gleichen Person auch an anderer Stelle auf. Wer viel Geld hat (mehr Handlungsmöglichkeiten), hat meist auch bessere Verbindungen in Eliten, kann sich vor Strafverfolgung besser schützen, hat ein höheres Ansehen und Einfluss in Entscheidungsorganen usw.

Hierarchien bedürfen starker Kräfte, um sie aufrecht zu erhalten. Neben autoritärer Durchsetzung per Sanktionierung abweichenden Verhaltens, Straf- und Belohnungssystemen und sozialer Stigmatisierung von Andersartigkeit können Diskurse und Legitimation die Akzeptanz von Hierarchien fördern. Diskurse sind solche Gedankengebäude, nach denen privilegierte Positionen als wohlbegründet erscheinen, z.B. aufgrund besserer Ausbildung, höheren Lebensalters oder einfach der Behauptung von Überlegenheit bestimmter Rassen oder eines Geschlechts. Sie können als Legitimation wirken, wie dies auch Wahlen oder ein Bezug auf höhere Weihen (z.B. göttlicher Auftrag) nach sich ziehen.

Hierarchien und Masse ohne Differenz können miteinander verknüpft sein. Zum einen lässt sich Masse leicht führen - und diese Kombination ist immer wieder vorgekommen. Der Faschismus bietet die beeindruckendste Ausprägung, wie eine ganze riesige Gesellschaft zu einer Gesamtheit in scheinbarer Gleichheit geformt werden kann und dann einem Führer zu Füßen liegt: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" - die perfekte Verbindung der zumindest in der politischen Organisierung strukturlosen Masse mit einer genau deshalb allmächtigen Einzelfigur als Volks(ver)führer.
Tatsächlich ragten selbst im Nationalsozialismus hierarchisch geordnete Machtstrukturen in die Masse hinein. Ihre Aufgabe war aber vor allem, die Masse als Menge ohne Orientierung und Struktur zu organisieren. Alle Teile, die als selbständige Struktur im Ganzen agieren konnten, wurden aufgelöst, ausgelöscht oder gleichgeschaltet.

Autonomie und Kooperation: Differenz ohne Gefälle

Es gibt eine - mindestens eine - weitere Form, wie sich Menschenmengen organisieren können. Diese ist schwerer zu beschreiben und bislang im Weltmaßstab ohne Vorbild. Bei genauerem Hinsehen hat es aber diese Form aber zumindest in Ansätzen immer wieder gegeben - oft mit bemerkenswertem Erfolg.

Eine Menge von Menschen kann sich, statt als Masse ohne Differenz oder als hierarchische Struktur, mit Binnenstrukturen organisieren, die nicht hierarchisch zueinander stehen. Diese gesellschaftlichen Subräume sind nicht in eine übergeordnete Gesamtstruktur eingegliedert - und sie bilden auch für niemanden eine erzwungene Gemeinschaft. Zwar wäre, dem Modell einer Selbstorganisierung folgend, allen Teilen selbst überlassen, wie sie sich intern organisieren, sie können aber niemanden zwingen, Teil ihrer Organisierung zu werden, und haben gegenüber anderen Teilen keine Dominanz.
"Eine Welt, in der viele Welten Platz haben" beschreibt diesen Typus in schönen Worten. Die Menschen in der Menge haben gleiche Möglichkeiten (keine Hierarchie), aber sie müssen sich deshalb nicht gleich entwickeln oder verhalten. Ganz im Gegenteil bilden die freien Zusammenschlüsse und Kooperationen ein die gesamte Menge durchziehendes Netz von kleinen und großen, kurzfristigen oder länger andauernden Teilen des Ganzen. Sie organisieren sich innerhalb des Ganzen weitgehend selbst und bestimmen von sich aus, wie viel Außenkontakt sie haben, mit wem sie wie kooperieren oder sich abgrenzen. Das Ganze ist, da hierarchielos, kein starres, sondern ein sich ständig nach den Wünschen und Bedürfnissen der Beteiligten veränderndes Netz von handelnden Teilen.

Aus Alex Demirovic, "Wirtschaftsdemokratie, Rätedemokratie und freie Kooperationen", in: Widerspruch 55 (2/2008, S. 65 f.)
Daraus ergibt sich, dass es keine staatlichen Grenzen geben kann und muss, denn es bilden sich jeweils nach sachlichen und persönlichen Gesichtspunkten bestimmte Formen der sozialen Kooperation. Diese Kooperationen finden nicht nur kleinteilig in einem Stadtteil oder einer Region statt, sondern dehnen sich je nach Bedarf und Möglichkeit räumlich weit aus - auch über die Grenzen des Nationalstaats hinaus. Entsprechend gibt es auch keinen staatlich konstituierten Volkssouverän. Vielmehr gibt es die Vielen, die jeweils bei der Gestaltung des konkreten Allgemeinen, ihrer konkreten Lebensverhältnisse im Zusammenhang einer umfassenden Kooperation mit allen anderen, beteiligt sind.
Die politische Organisation des gesellschaftlichen Allgemeinen, die im Namen der Volkssouveränität stattfindet, erweist sich als nicht begründbar. Sie ist zudem unterkomplex. Denn die empirische Zusammensetzung der Bevölkerung, die zur politischen Körperschaft des Volkssouveräns zusammengefasst wird, ändert sich ständig. Zudem greifen die Entscheidungen des Volkssouveräns in unzähligen Fällen über das Gebiet hinaus, für das der Volkssouverän Souveränität beanspruchen kann. So nehmen die Deutschen oder die Schweizer mehr Sauerstoff in Anspruch, als auf ihrem Territorium produziert wird; mit ihrer von der Verfassung geschützten Kaufkraft erwerben sie fossile Energie, entziehen sie also der Menschheit insgesamt, um sie für private Mobilität einzusetzen. Das sind nur zwei Beispiele dafür, dass staatliche Grenzen eine dem Vergesellschaftungsniveau unangemessene Form des Entscheidens verlangen und Entscheidungsprozesse längst neue Formen annehmen: die der Governance in Netzwerken. Auf diese Weise findet Weltregieren schon längst statt. Globale Probleme sind Gegenstand von Beobachtung, Erfassung, Analyse, Prognose und kollektiver Entscheidung. Jede Weiterentwicklung kollektiver und solidarischer Entscheidungsprozesse muss an dieses Niveau anknüpfen. Wirtschaftsdemokratische ebenso wie rätedemokratische Praktiken sind bislang weitgehend auf Entscheidungsbereiche innerhalb und unterhalb des Nationalstaats begrenzt geblieben.

Eine Welt, in der viele Welten Platz haben, wäre eine Welt der ins Unendliche gehenden Unterschiedlichkeit. Diese Vielfalt ist ein Kern, der andere besteht aus Kommunikation und Kooperation. Wo der Zusammenhang des Vielen nicht durch eine Hierarchie oder Führung erzwungen ist, schaffen intensive Informationsflüsse, Orte der Begegnung und Koordinierung die Voraussetzung, dass Zusammenarbeit entsteht und so die Ergebnisse der Vielfalt für alle nutzbar werden.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München (S. 267)
Wenn es stimmt, dass Diversität das wichtigste Stabilisierungsprinzip in Natur und Gesellschaft ist, das einzige Prinzip, das Mensch und Natur viele Möglichkeiten und Lösungen sichert, dann liegt die Stärke der Gemeingüterdebatte in der Abwehr vereinfachender Rezepte für politisches Handeln. Diese Stärke beschreibt zugleich eine Begrenztheit. Denn wenn politisch zugespitzte Auseinandersetzungen zu Lösungen drängen, taugen Commons kaum als Kampfbegriff, wohl aber zur Orientierung und differenzierten Bewertung des Vorfindlichen. Die Gemeingüterdebatte bietet statt einer Blaupause eine programmatische Klammer. Eine neue Vision.

Wenn Menschen und ihre Zusammenhänge frei sind in der eigenen Gestaltung ihrer Angelegenheiten, wenn sie gleichberechtigt zueinander stehen und frei Absprachen treffen oder Kooperationen eingehen können, wenn keine Metastruktur darüber wacht, ob irgendwelche übergeordneten Interessen oder Normen berücksichtigt werden, dann kann die Idee freier Menschen in freien Vereinbarungen Wirklichkeit werden.
Es gibt bereits viele Beispiele, die zumindest in Ansätzen dieser Idee entsprechen:

Ein ebenso überraschendes wie spannendes Beispiel vollzog sich im Sommer 2010. Fußball prägte das Weltgeschehen, zumindest in den medial überladenen Metropolen und Wohnzimmern. Rechtzeitig vor dem teuren Kick trat ein Verteidiger im Lohn einer englischen Fußballmannschaft dem Leitwolf des deutschen Teams mächtig auf die Füße, so dass dieser nicht mitspielen konnte. Fassungslos schaute danach Fußballdeutschland, aber auch mehrere ansonsten an biedere Mannschaftsgeschlossenheit gewöhnte Fans anderer Länder, auf das Spiel der offenbar führungsfreien Kicker.

Aus "Das Ende des Dirigenten", in: Junge Welt, 7.7.2010 (S. 15)
Es geht um das Prinzip des uneingeschränkten Führers, das stets mit einer Unmündigkeit der Geführten einhergeht: Ein Mannschaftskapitän, der autokratisch entscheidet, was für das Spiel, für sich und für die anderen seiner Mannschaft gut und nützlich ist, steht in der Tradition eines absoluten Monarchen-/Kaiser-/Zarentums. Das mag zeitweise von Erfolg gekrönt sein, doch nur solange, bis dem ein besseres System entgegensteht – eines, in dem Eigeninitiativen sich entfalten und zu einem Flechtwerk ungeahnter Phantasie sich entwickeln dürfen.
Das Abschaffen des Führerdenkens entspricht der Grundlage des Free Jazz als der (in bezug auf ihren anarchistischen und damit basisdemokratischen Gehalt) bis heute am weitest gediehenen künstlerischen Ausdrucksform in der Geschichte der Menschheit. ...
Der Zar wurde erschossen, der Preußenkaiser zum Abdanken gezwungen, Franco starb an Altersschwäche. Der Fürst Kropotkin entsagte freiwillig seiner Krone, postulierte, lebte und strebte nach dem Ideal der »Freien Vereinbarung«, dieser grenzenlosen Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft, und vielleicht ist Löw sogar stark genug – zumindest in der Anfangsphase – auf Klose zu verzichten, um dessen Ehrgeiz auf den Titel »erfolgreichster Torschützenkönig sämtlicher Weltmeisterschaften« zu bremsen und so zu verhindern, dass er vor lauter Alleingängen das Kollektiv vergißt. Löw ist der zwölfte Mitspieler.

Leider verschwand die Idee der egalitären, aber vielfältigen Gemeinschaft schnell wieder aus den Köpfen. Offenbar schuf das Sportereignis und der national oder alkoholisch geprägte Überschwang eine Art Narrenfreiheit des Denkens - nicht die schlechteste Ausgangslage für emanzipatorische Geistesblitze. Ein Vergleichsfall hätte durchaus die der Weltmeisterschaft folgende Bundesligasaison mit dem Höhenflug der Clubs aus Mainz oder Dortmund bieten können, aber das Sympathiepotential für anarchische Gesellschaftsgestaltung war offenbar verflogen. Übertrieben war es ohnehin, doch in Deutschland zählt offenbar schon als herrschaftsfrei, wo der Führer nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist ...

Wandel und Übergänge - in alle Richtungen

Kein System ist so selbst-stabilisierend, dass es, einmal geschaffen, weiter existiert und sich entwickelt. Offene Systeme mit einer vielfältigen Binnen-, aber ohne übergeordnete Gesamtstruktur, können auf Bedrohungen von Innen oder Außen nicht als Einheit reagieren. Das ist zunächst auch einmal gut so, weil die Etablierung einer einheitlichen Reaktionsfähigkeit bereits die neue innere Metastruktur wäre. Eine Menschenmenge ohne Hierarchie und Gesamtheit besteht solange, wie sich Menschen selbst organisieren, Subräume immer wieder neu bilden und den Prozess von Kommunikation und Kooperation immer wieder vorantreiben. Dazu besteht aber viel Anlass, denn dadurch verbessern sich auch die Handlungsmöglichkeiten der Einzelnen. Egoismus, der Wille zum besseren Leben, treibt also in einer solchen Gesellschaft selbst das Kooperative und Kommunikative an.

Schleichend lassen sich aber offene Systeme verändern, zumindest Teile der Vielfalt. Besonders schnell geht das bei Subräumen, die als Experiment innerhalb einer ansonsten herrschaftsförmigen Welt errichtet werden. Ein prägnantes und oft diskutiertes Beispiel war Wikipedia. Die Offenheit der Internet-Enzyklopädie zum Mitmachen war nie garantiert, sondern ein Zugeständnis der MacherInnen. Aus ihr resultierte aber eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Offenheit schafft und sichert offenbar Qualität. Wikipedia begann weitgehend offen und unkontrolliert. Die Folge: Hohe Qualität. Das wurde mehrfach durch Untersuchungen bestätigt.

Aus "Googles Gegner", in: FR, 28.12.2007 (S. 48)
Während Kritiker immer wieder an der Seriosität der "anarchischen Wiki-Welt" zweifelten, fanden Studien heraus, dass die Einträge durchaus mit althergebrachten Lexika mithalten konnten, wenn nicht sogar besser waren.

Doch obwohl Wikipedia besser war als andere Enzyklopädien, begannen viele, vor allem bürgerliche Medien, über Wikipedias anarchischen Ansatz herzuziehen. Mensch sich vor Wikipedia hüten und immer auch andere (schlechtere!) Quellen einbeziehen - so einer der oft genannten Vorschläge. Wie absurd! Zwar ist immer besser, mehrere Quellen zu nutzen - aber wurde jemals so über den Brockhaus geredet, dass mensch lieber noch ein zweites oder drittes Lexikon gleichzeitig nutzt?
Die Wikipedia-MacherInnen waren schnell im Diskurs der Angst vor unkontrollierten Räumen gefangen. Stück für Stück wurde Kontrolle eingeführt. Heute ist Wikipedia ein krass vermachteter Raum. Die Idee wurde zerstört - und die Qualität verschlechterte sich! Doch das wird jetzt niemand mehr thematisieren, denn Wikipedia ist jetzt im Schoß einer kontrollsüchtigen Gesellschaft angekommen.

Kontrolle ist gut, obwohl ihr Fehlen ein besseres Ergebnis lieferte!
Aus "Vorsicht Ente!", in: FR, 18.2.2009 (S. 36 f.)
Das Interessante ist: Die deutschsprachige Version von Wikipedia hat schon im Mai 2008 begonnen, eine kollektive Kontrollinstanz aufzubauen. Seitdem gibt es Aufpasser, die Artikel überprüfen und Schmierereien entfernen. ... Beiträge, in denen ihnen kein Vandalismus aufgefallen ist, werden mit einem gelben Auge gekennzeichnet. Das Siegel ist ein minimaler Qualitätsnachweis. Es signalisiert vor allem: Auf den ersten Blick ist mit diesem Text alles in Ordnung. Wenn das Sichter-Prinzip sich bewährt, könnte der nächste Schritt folgen. Dann würden die gesichteten Versionen inhaltlich geprüft. ...
Im Laufe der recht jungen Wikipedia-Geschichte zeigten verschiedene Untersuchungen, dass sowohl Brockhaus als auch Britannica nicht unbedingt besser sind als die Online-Enzyklopädie. Im führenden Wissenschaftsmagazin Nature erschien 2005 eine Studie, die bei Britannica-Artikeln im Durchschnitt drei und bei Wikipedia vier Fehler zählte - ein erstaunlich geringer Unterschied. Der Stern verglich den Netz-Auftritt von Brockhaus mit Wikipedia - und gab der selbstgemachten Enzyklopädie viel bessere Noten. Ihr großer Vorteil: Sie war fast immer aktueller. Allein bei der Verständlichkeit lag der Brockhaus vorn.

In welcher Form leben wir?

Die heutige Gesellschaft "westlicher" Prägung ist eine Mischung aus Vermassung und Hierarchien - mit kleinen, exotisch anmutenden Einsprenkseln kleiner Subräume, die als offene Vielfalt ohne Hierarchie organisiert werden. Solche Mischungen sind sehr modern, sie kommen dem Verständnis von Pluralität als Handlungsraum innerhalb eines durch Kontrolle, ökonomische und diskursive Vorgaben eingehegten Menschenmenge nahe. Die Beherrschbarkeit solcher Gesellschaften steigt mit der Zerschlagung von Binnenstruktur. Tradierte Netzwerke wie Familien, Vereine oder Clans - wegen ihrer internen Hierarchien durchweg keine emanzipatorischen Erscheinungen - gehen verloren, während neue Zusammenhänge z.B. über internetgestützte Sozialbeziehungen deutlich weniger intensiv sind. Insofern gewinnt die Orientierung an Masse ohne Binnenstruktur wieder an Bedeutung. Dieses gilt auch für erstarkende religiöse Orientierungen und nationale Erweckung. Immer geht die interne Selbstorganisierung zurück und die Menge der Menschen wird zur steuerbaren Masse.

Plurale Systeme erlauben innerhalb der zugelassenen Bahnen Experimente anderer Art. Sie können sich das leisten, denn solange diese klein bleiben, sind sie eher eine kulturelle Bereicherung und bieten, wenn ihre AkteurInnen etablieren, die Chance zu Innovation.

Biologie und Kultur des Menschen bieten mehr

Es gibt Laien und ExpertInnen, die meinen, die Natur des Menschen gäbe nicht mehr her als das Leben in durch Zwang geordneten Gruppen, sonst käme es zu Mord und Totschlag, wahlweise auch zu Chaos oder Untergang. Doch das stimmt schon von der Natur her nicht. Jenseits der Frage, ob es eine ursprüngliche Natürlichkeit der menschlichen Sozialisation überhaupt geben kann, wäre diese mit Sicherheit nicht herdenförmig. Ganz im Gegenteil ist auch in der außermenschlichen Tierwelt zu sehen, dass mit dem Grad an Denk- und Bewusstseinsfähigkeit sich nicht nur Werkzeuggebrauch und Lernen ausdehnen, sondern auch die Sozialbeziehungen komplexer werden, also nicht mehr eine bestimmte, einfache Form annehmen.
Die beiden den Menschen am nächsten stehenden Tierarten sind nach dem Wissensstand in der Biologie Schimpansen und Bonobos. Interessanterweise sind - bei aller Ähnlichkeit - die Geschlechterdominanzen offenbar gegenteilig, bei den Bonobos scheint der Zusammenhalt mehr auf die Abstammung zu zielen, ist also familienähnlich.

Im Original: Sozialstruktur bei Schimpansen, Bonobos usw. ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wikipedia zu Schimpansen
Die Sozialstruktur der Schimpansen wird als „Fission-Fusion-Organisation“ beschrieben. Das heißt, sie leben in Großgruppen, die sich jedoch oft in Untergruppen aufspalten. Diese Untergruppen sind sehr flexibel und stellen oft nur vorübergehende Zusammenschlüsse dar. So findet man einzelgängerische Tiere neben Paaren sowie getrennt- und gemischt-geschlechtlichen Gruppen. Die Organisation der Großgruppen unterscheidet sich jedoch bei den beiden Arten: die der Bonobos sind stärker matriarchalisch strukturiert und werden oft von einem Weibchen geführt, bei den Gemeinen Schimpansen sind die Männchen dominant. Auch sind die Untergruppen der Bonobos mit 6 bis 23 Tieren größer als die der Gemeinen Schimpansen (durchschnittlich 4 bis 8 Tiere), öfter gemischt-geschlechtlich und in der Regel friedvoller als die der Gemeinen Schimpansen. Gegenseitige Körper- und Fellpflege („Grooming“) stellt wie bei vielen Primaten eine wichtige soziale Komponente dar und spiegelt auch die Gruppenhierarchie wider.
Eine zehn Jahre währende Beobachtung einer Gruppe von 150 Schimpansen im Kibale-Nationalpark von Uganda hat ergeben, dass sie sich gelegentlich zu Banden zusammenschließen, um Nachbargemeinden das Territorium abzujagen, und bei derartigen Angriffen auch Artgenossen töten. Bei den meisten der wissenschaftlich dokumentierten Angriffen wurden Affensäuglinge der benachbarten Gruppe getötet.


Wikipedia zu Bonobos
Die Sozialstruktur der Bonobos wird als Fission-Fusion-Organisation („Trennen und Zusammenkommen“) beschrieben. Das bedeutet, sie leben in Großgruppen von 40 bis 120 Tieren, die sich oft in Untergruppen von meist 6 bis 23 Tieren aufteilen, um manchmal wieder zusammenzukommen. Im Gegensatz zu den Gemeinen Schimpansen, die eine ähnliche Sozialstruktur aufweisen, sind die Untergruppen der Bonobos größer, öfter gemischt-geschlechtlich und stabiler. Auch findet man nur selten Einzeltiere, und wenn, dann nur Männchen.
Sowohl die Weibchen als auch die Männchen in einer Gruppe etablieren ihre Rangordnung. Dabei kommt es auch zu aggressiven Interaktionen, die zwar nicht seltener, aber von deutlich geringerer Intensität als bei Gemeinen Schimpansen sind. Bei der Aggressionskontrolle kommt sexuellen Interaktionen eine wichtige Rolle zu. Innerhalb der Großgruppe bilden die Weibchen den Kern und übernehmen auch die Führungsrolle. Eine Dominanz der Männchen über die Weibchen ist kaum zu sehen, es gibt sogar Berichte über ein ausgesprochen aggressives Verhalten der Weibchen gegenüber den Männchen. Generell sind die Beziehungen zwischen den Weibchen einer Gruppe viel enger als die zwischen den Männchen. Bei den Weibchen ist die gegenseitige Fellpflege (Komfortverhalten) sehr häufig, auch teilen sie öfter die Nahrung miteinander.
Die Männchen hingegen haben wenig Zusammenhalt untereinander, sie pflegen sich seltener gegenseitig das Fell und bilden im Gegensatz zu den Gemeinen Schimpansen keine Allianzen, um ihre Rangstufe in der Gruppenhierarchie zu verbessern. Überhaupt halten die Männchen zeitlebens einen engen Kontakt mit ihrer Mutter aufrecht – sie bleiben im Gegensatz zu den Weibchen dauerhaft in ihrer Geburtsgruppe. Die Stellung der Männchen in der Gruppenhierarchie dürfte auch vom Rang ihrer Mutter abhängen.

Aus Andrea Roedig: "Der Mensch stammt nicht vom Affen ab", in: Freitag, 11.10.2012 (S. 6)
Was dem Affen recht ist, sollte dem Menschen billig sein. In einem berühmten Experiment trainierten die Primatenforscher Frans de Waal und Sarah Brosnan Kapuzineräffchen darauf, dass sie ihnen zugesteckte Spielmarken wieder aus dem Käfig herausgeben. Doch während ein Affe Weintrauben als Belohnung erhielt, bekamen andere nur Gurkenstücke. Und siehe da, es regte sich Unmut. Die benachteiligten Äffchen verweigerten die Gurken und machten Radau.
Man mag sich wundern, denn jeder Zoobesuch verdeutlicht einem ja, dass im Tierreich dem größten Pavian ganz selbstverständlich auch die schönsten Weibchen und das beste Stück Futter zusteht. Anders bei den Kapuzineräffchen. Sie sind offenbar die Egalitaristen unter den Affen. De Waal und Brosnan schlossen aus ihrem Experiment, dessen Ergebnisse sie 2003 veröffentlichten, auf einen ursprünglichen Gerechtigkeitssinn bei Primaten, der sich auch evolutionär gut begründen lasse. Die Kapuziner jagen gemeinsam und sind auf Kooperation angewiesen, was logischerweise besser funktioniert wenn es halbwegs fair zugeht.

Es soll an dieser Stelle nicht dafür geworben werden, diese Beobachtungen aus der Tierwelt auf den Menschen zu übertragen. Das wäre ebenso fahrlässig wie von einer Tierart auf die andere zu schließen. Beim Menschen kommt seine besondere Fähigkeit zur Abstraktion hinzu, die natürliche Einflüsse stark überstrahlt. Es ist daher naheliegend, für den Menschen als "natürliche" Form eine hochkomplexe, mit ganz feinen Mechanismen geregelte Gemeinschaft mit weitgehend gleichen Möglichkeiten der Individuen anzunehmen. Denn der Trend in der Natur zeigt klar, dass mit Wachsen der Denk-, Reflexions- und Bewusstseinsfähigkeit diese Orientierungen zunehmen. Die durch plumpe Staats- oder Herrschergewalt geformten Hierarchien sind also alles andere als biologisch begründbar.

Im Original: Hierarchie macht unglücklich? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Auszug aus einem Interview mit der Gesundheitsforscherin Kate Pickett in: FR, 28.1.2011 (S. 20)
Es gibt ein interessantes Experiment mit Makaken. Diese wurden zunächst individuell untergebracht und ihr Hirn untersucht. Dabei ging es vor allem um den Dopamin-Gehalt, der bestimmt, ob ein Lebewesen sich wohlfühlt oder Angst hat. Dann wurden die Äffchen in Gruppen zusammengefasst, was dazu führte, dass sich eine soziale Hierarchie herausbildete. Manche wurden dominant, andere ordneten sich unter. Als man ihre Hirne erneut untersuchte, zeigte sich, dass die dominanten sich deutlich wohler und kaum ängstlich fühlten. Sie genossen es, Alphatiere zu sein, während die anderen überhaupt nicht von der Tatsache profitierten, in einer Gruppe zu leben. In einem weiteren Schritt erhielten die Affen die Möglichkeit, sich selbst so viel Kokain zu verabreichen, wie sie wollten. Den Alphatieren war das egal, ihnen reichte offenbar die Genugtuung, ganz oben zu sein. Die unten stehenden Affen konsumierten dagegen große Mengen Drogen, bis deren Hirne eine ähnlich hohe Glückskonzentration zeigten. Kurzum: Diese TIere hatten ein unglaublich genaues Gespür für ihr gesellschaftliches Umfeld und empfangen großen Schmerz, wenn sie in einer Gesellschaft ganz unten waren. Man muss natürlich vorsichtig sein, wenn es darum geht, von Affen auf Menschen zu schließen.

Tatsächlich reicht das aber noch nicht, denn der Mensch verfügt über sozial ausgebildete, aber auf natürlichen Möglichkeiten basierende Fähigkeiten, die ganz neue Qualitäten des Miteinanders und auch der Organisierung hochkomplexer Formen ermöglichen.

Geschichtsschreibung und organisiertes Lernen: Das Know-How immer weiter ausdehnen

Menschen können Wissen und Erfahrungen auch außerhalb ihres Körpers aufbewahren. Das erhöht die Menge des Wissens, dass von einem einzigen Menschen erfasst (gelernt) und auch weitergegeben werden kann, erheblich. Denn Vergessen kann dadurch vermieden werden, dass das einmal vorhandene Wissen in Schrift-, Bild- oder Audioform gespeichert wird. Ob in wirren Zettelhaufen, Kreidetafeln oder vollgestopften Festplatten - der Mensch kann externe Wissensspeicher um sich herum schaffen.
Das ermöglicht zudem den Austausch dieses Wissens mit anderen. Wissen ist im Prinzip digital, d.h. ohne Qualitätsverluste vervielfältigbar. Es ist für jeden Einzelnen sehr vorteilhaft, möglichst unkompliziert an das Wissen anderer heranzukommen. Wenn diese es in Form zugänglicher Bücher, Schriften oder z.B. im Internet bereitstellen, bedarf es höchstens noch einer Übersetzung, um selbiges zu nutzen. Es ist unmittelbar einleuchten, dass es für den Einzelnen von Vorteil ist, wenn sich alle entfalten und ihr Wissen in zugänglicher Form festhalten können. Behinderungen beim Zugang zu solchem Wissen, wie es z.B. in Hierarchien möglich wäre, würden der freien Entfaltung im Wege stehen. Die breite Streuung, folgend die Zugänglichkeit und damit die beste Voraussetzung für die Weiterentwicklung von Wissen ist am bestens in einer Gesellschaft möglich, in der alle Menschen gleichberechtigt, d.h. horizontal zueinander stehen und deren Binnenstruktur möglichst vielfältig und aus wenig voneinander abgegrenzten Subräumen besteht. Förderlich wäre auch ein Lernen, das den freien Zugang zu Wissen und die Lernmöglichkeit aller von allen garantiert, den Austausch von Wissen fördert und Orte schafft, an denen Wissen erreichbar ist. Die heutigen Schulen und Universitäten haben mit einem solchen emanzipatorischen Modell nur sehr wenig Ähnlichkeit.

Sprache und Kommunikation: Fähigkeit für komplexe Kooperationen

Damit Wissen zirkulieren und weitergegeben werden kann, braucht es der Verständigungsmittel: Sprache und Kommunikationsmittel. Beides ist bereits jetzt vielfältig vorhanden. Alle Sprachen haben einen umfangreichen Wortschatz und können sehr komplizierte Sachverhalte in Worte fassen. Die Art der Kommunikation ist durch die technischen Entwicklungen sehr unterschiedlich möglich - es ist eine bedauerliche Folge sozialer Zurichtung auf bestimmte Internetformate, dass Kommunikation zur Zeit künstlich immer primitiver gestaltet wird und mitunter nur noch aus computergenerierten Freundeskreisen und Smileys besteht. Grundsätzlich ist der Mensch von Natur aus so ausgestattet, dass er verschiedene Kommunikationsformen miteinander verbinden kann - auch das spricht dafür, Gesellschaft komplex zu gestalten, künstliche Vereinfachungen wie Hierarchien und allgemeingültige Regeln (statt Vereinbarungen) zu verdrängen und viele offene Räume zu schaffen, in denen sich Menschen und ihre Kooperation entfalten können.

Plädoyer für Vielfalt ohne Hierarchie

Die wichtigsten Argumente und Grundlegungen für eine Gesellschaft freier Menschen in freien Vereinbarungen werden in den Texten zur Entstehung und Substanz der Welt und des Lebens, zum Menschsein und seiner Selbstentfaltung, zum Verhältnis von Eigennutz und Gemeinnutz sowie von Mensch und Natur zu finden sein. Doch schon jetzt lassen sich erste Schlussfolgerungen treffen für eine herrschaftsfreie, selbstorganisierte Welt ... piep - Ihre Route wird neu berechnet!

Je weniger Differenz, desto einfacher beherrschbar

Hierarchie ist Kontrolle und Beherrschung. Masse ohne Differenz neigt zur Ausschaltung von Individualität und Eigenheit der Einzelnen und Teile. Das ändert sich auch nicht, wenn die Masse als Gesamtwille scheinbar selbst zu agieren beginnt. Das Volk als handelndes Subjekt ist nicht der Gegenpol zur Führung, sondern dessen Entsprechung. Denn die Einheitlichkeit einer Masse, die Idee des Volkskörpers als Subjekt mit Gemeinwillen bedarf einer Führung, um sich artikulieren zu können. Andersherum nützt der Führung die Inszenierung des Volkswillen als Legitimation - die Inthronierung als Sprachrohr des Volkes ist die modernste solcher Formen. Die einheitliche Masse ist leicht führbar, wenn ihre Fähigkeit zur kritischen Reflexion durch Abwesenheit von Binnenstruktur minimiert und die Fremdbestimmung als eigener Wille verkauft wird.

Auszug aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt
Mit anderen Worten braucht es nur einige wenige anonyme Anführer mit einem klaren Ziel vor Augen und einer klaren Vorstellung davon, wie dieses zu erreichen ist, um den Rest des Schwarms in eine bestimmte Richtung zu lenken -und zwar ohne dass dieser es bemerkt. Einzige Voraussetzung ist, dass die anderen das bewusste oder unbewusste Bedürfnis haben, bei der Gruppe zu bleiben, und dass sie keine eigenen Ziele verfolgen. ... (S. 45)
Aber im Ernst - die Anwesenheit einiger weniger informierter Individuen in einem Schwarm hat erheblichen Einfluss auf dessen Leistung. Ohne sie reagiert die Gruppe nur auf die Umwelt, genau wie ein Fischschwarm, der einem Hai ausweicht, oder Heuschrecken, die mit dem Wind fliegen. Ohne das Wissen und die Ziele einiger Individuen hält die Schwarmintelligenz eine Gruppe zwar zusammen und ermöglicht ihr, auf die äußeren Umstände zu reagieren, doch es ist dem Schwarm beinahe unmöglich, Eigeninitiative zu entwickeln. ... (S. 47)

Aus Schönberger, Klaus: "Protest! Von der Koordination zum Projekt", in: ak 15.10.2010 (S. 31)
Die Assoziation freier und gleicher Menschen bedarf weniger einer identitären Gemeinschaft als vielmehr der Verknüpfung der Vielen. Es stehen zur Wahl: Mannigfaltigkeit gegen Gemeinschaft, da "jeglicher Versuch einer Totalisierung oder homogenisierenden Verallgemeinerung, jeglicher Versuch der Konstituierung eines ausschließlich der Repräsentation zugewandten Kräfteverhältnisses sowie der Einrichtung hierarchischer Organisationsmodalitäten" (Lazzarato 2004) ein Koordination und ein Projekt zum Scheitern verurteilt.

Moderne Herrschaftsformen finden sich in politischer Bewegung - sie sind seit jeher ein Impuls zur Erneuerung und damit auch zur Stabilisierung von Herrschaft, solange ihnen eine herrschaftskritische, emanzipatorische Ausrichtung fehlt. Auf ihre Selbstbekenntnisse kommt es dabei nicht an, denn im deutschsprachigen Raum sind z.B. explizit anarchistische Kreise genau diejenigen, die moderne Herrschaftsformen anwenden. Die "Tipps" zur Beherrschung von Massen ohne innere Differenz im Buch "Schwarmilligenz" lesen sich wie eine Bedienungsanleitung für FunktionärInnen von .ausgestrahlt, Campact oder anderen. Umso erstaunlicher ist, dass selbst die sich als radikal links definierende "Jungle World" (25.11.2010) die Schwarmintelligenz lobt, und zwar ausgerechnet als "anderes Wort für die ewiges Diskussion im freundlichen Streit".

Geschichte ist die Geschichte der Organisierung

Ist Krieg ein Kampf von Völkern gegeneinander? Gibt es Klassenkämpfe? Die provokante These lautet: Nein! Das sind Erfindungen derer, die mit solchen Begriffen Menschen vereinnahmen wollen. Damit soll nicht die Existenz unterschiedlicher, mitunter gegenläufiger Interessen geleugnet werden. Doch die Einheitlichkeit, die mit der Behauptung von Völkern, Klassen, Geschlechtern oder anderen Kategorien einhergeht, existiert nicht. Sie werden zur Einheit geformt, in dem sie als Kategorien gedacht werden, über Führungsstrukturen als Subjekt erwachen und dann scheinbar als Gesamtheit handeln, wenn ihre VereinnahmerInnen und VertreterInnen agieren.
Es gibt den "demos", also die Völker, Klassen usw. in der Idee von "Demo"kratie nicht. Sie sind deshalb auch nicht Subjekte der Geschichte. Wohl aber als Matrix, d.h. hegemonial geprägte und deshalb gleichartige Vorstellung der Einzelnen (Diskurs).

Tatsächlich ist Geschichte ein Ringen um die Form der Organisierung und damit verbunden aller Fragen von Verteilung von Produktions- und Kontrollmitteln, von Diskurssteuerung und Stellvertretung, aber auch bereits der Bildung von Kategorien und Gesamtheiten.

Dezentralisierung gesellschaftlicher Organisierung

Aus Niklas Luhmann "Einführung in die Systemtheorie" (S. 165)
Diese Stufenfunktionsidee hingegen bedeutet Interdependenzunterbrechung oder "loose coupling" in einer anderen Terminologie, die aber nichts Neues bringt. Lose gekoppelte Systeme sind stabiler als fest gekoppelte Systeme. "Tight coupling" ist eine sehr unwahrscheinliche Einrichtung. In der Natur findet man sie nicht. Organismen sind auf loose coupling aufgebaut, ebenso soziale Organisationen. Wir können es ertragen, dass die Personen in den Ämtern wechseln; deswegen wird das Gehalt nicht geändert, und deswegen werden die Programme nicht neu formuliert; beziehungsweise wenn, dann hat man es bereits mit spezifischen Anpassungen zu tun. Je mehr ein System zu strikten Kopplungen übergeht, desto riskanter wird es, oder desto stärker ist es gefährdet. Das ist im Übrigen ein Gedanke, der bei Problemen, die eine Hochtechnologie aufwirft, eine Rolle spielt. Wenn technische Systeme so stark gekoppelt sind, dass ein Störereignis das ganze System explodieren lässt und überall Schaden stiftet, dann ist das eine Art unnatürliches Arrangement, dessen Gefahren man aus der Systemtheorie heraus kennt. Man müsste einen Sicherheitsring, eine Ummantelung, ein Containment darum herumbauen, das auf loose coupling beruhen müsste, das heißt, diejenigen, die im Störfall eingreifen, dürfen durch diesen Störfall nicht wieder selbst komplett gestört sein, sondern müssen mit Bedacht das eine nach dem anderen tun, wenn etwas ausfallt, etwas Bestimmtes tun, aber nicht die Nerven verlieren und durchdrehen.

Zum nächsten Text im Kapitel über die Geschichte sozialer Organisierung: Geschichte formaler Herrschaft

Links und Leseempfehlungen

Freie Menschen in Freien Vereinbarungen. Gegenbilder zu Markt und Staat ... 14 Euro

Das Grundwerk zur Theorie der Herrschaftsfreiheit: Ein Buch voller Visionen, Konzepte und Experimente für eine Gesellschaft ohne Hierarchien und ökonomische Verwertung. "Gegenbilder" zum kapitalistischen System werden vorgestellt. Kein Weg ohne Ziel! Wir brauchen eine neue Debatte um Visionen und Utopien!!!

Autonomie und Kooperation

2006 erschien das Buch "Autonomie und Kooperation"
Das Thema: Wie kann herrschaftsfreie Gesellschaft konkret aussehen? Extraseite zum Buch! ++ Bestellseite

Herrschaft ... Richtwert 3 Euro

Der Überblick: Formen, Wirkung, Wege zur Herrschaftsfreiheit. Einführung in die theoretischen Grundlagen von Herrschaft und Herrschaftskritik. Angefangen mit einer Definition über die Frage, warum Herrschaft eigentlich abzulehnen ist, bis zu den Thesen über Herrschaftsfreiheit und den Weg dorthin. Entwickelt aus zahlreichen Workshops, Seminare und den Theoriewochen zur Herrschaftskritik.
   Ab 3 St.: 2,50 €, ab 10 St.: 2 €. Quadratisch 15x15cm, 64 S. ISBN 978-3-86747-058-2