auf

Übersichten über diese Seiten: "Alle Themen"-Button links (Seite nach oben scrollen!) ++ Projekte ++ Themen
Einführung Prozess Utopie&Skepsis Offene Systeme Koordinierung Wirtschaften
Materialien

Fragend schreiten wir voran:
Mut zur Vision bei kritischer Reflexion

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Weg und Ziel sind die Befreiung des Menschen aus den bestehenden Zwängen und die Ausweitung seiner Handlungsmöglichkeiten. Ersteres ist ein vielseitiger Befreiungsprozess, da jeder Mensch einer großen Zahl von steuernden Einflüssen unterliegt. Zweiteres bedeutet die Fortentwicklung sozialer, technischer und sonstiger Fähigkeiten als Pool an Ideen/Wissen, Werkzeugen und anderen Ressourcen, wobei es immer auch darum geht, diese Handlungsmöglichkeiten allen Menschen zugänglich zu machen. Privilegien bedeuten Emanzipation nur für Wenige auf Kosten Aller.
Herrschaftsfreiheit ist kein Gesamtkonzept, sondern der bessere Mechanismus, um Konflikte zu klären, Produktivkraft zu entwickeln und zusammen mit Ressourcen und Wissen für ein besseres Leben einzusetzen. Ein vollständiger Entwurf einer herrschaftsfreien Welt als theoretisches Gebäude kann und wird nicht gelingen, denn die Wünsche von mehreren Milliarden Menschen lassen sich ebensowenig vorherbestimmen wie die aus Kooperationen und Kommunikation neu entstehenden Ideen. Herrschaftsfreie Gesellschaft ist immer offen und in Bewegung. Die Richtung ist durch kein Naturgesetz vorgegeben. Emanzipatorisch kann sie dann ausfallen, wenn alle Veränderungen mit einem skeptisch-kritischen Blick beäugt werden - einer "Brille", durch die auf Herrschaftsförmigkeiten, Unterdrückungsmomente und ungleiche Möglichkeiten geschaut wird, um diese nach Entdeckung zu beseitigen. Kein Rezept, keine reinigende Chemikalie, kein Lehrplan und keine Umverteilung kann das bewirken, sondern - gekoppelt mit den praktischen Schritten der Veränderung - der ständige skeptische Blick, das Durchdringen der Situation auf die wichtigen Parameter des Herrschaftsförmigen, z.B. Privilegien, ungleiche Handlungsmöglichkeiten, gesellschaftlicher Status, formale Hierarchien, Besitz und Eigentum, Herabstufungen durch Diskriminierung, Diskurse und Deutungen.

Im Original: Herrschaft enttarnen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Auszug aus dem Text "Herrschaft ausmachen" der Göttinger Gruppe "Schöner leben"
Eine Brille, mit deren Hilfe wir die verschiedenen Ebenen von Herrschaft aufdecken können, sollte einen Wechsel des Blickwinkels ermöglichen.

Die Vogelperspektive: Gesellschaftliche Erscheinungsformen und Strukturen
Viele (politische) Theorien und Strategien erschöpfen sich darin, verschiedene Herrschaftsverhältnisse nur auf der Ebene ihrer gesellschaftlichen Erscheinungsform zu erfassen. Das aktuell prominenteste Beispiel sind hier große Teile der GlobalisierungskritikerInnen, die den Neoliberalismus nicht als derzeitige Erscheinungsform des Kapitalismus, sondern als alleinige Ursache von Armut und ungerechter Verteilung bekämpfen. Ein anderes Beispiel ist die Beschränkung der Problematisierung des Geschlechterverhältnisses auf prozentuale Frauenanteile in bestimmten gesellschaftlichen Positionen und die Quotierung als (alleinige) politische Strategie.
Andere Ansätze gehen einen Schritt weiter und thematisieren nicht nur die Erscheinungsebene von Herrschaftsverhältnissen, sondern auch die zugrundliegenden gesellschaftlichen Strukturen. Kritisiert werden dann z.B. hierarchische Klassenstrukturen, die gesellschaftliche Organisation des Marktes (in ihrer neoliberalen Verfasstheit) und damit einhergehende Konkurrenzverhältnisse. Übertragen auf die Geschlechterproblematik würde das heißen, die Kritik am Patriarchat, an der Hierarchisierung der Geschlechter, an geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung etc. zu formulieren. Solche Ansätze, die den Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen und deren Erscheinungsformen richten, sind notwendig, um Herrschaft in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu erfassen, aber nicht hinreichend, um sie radikal kritisieren und grundsätzlich verändern zu können.

Der Röntgenblick: Was liegt dem zugrunde?
Wichtig erscheint es uns zusätzlich, hinter diese gesellschaftlichen Erscheinungsformen von Herrschaftsverhältnissen sowie ihre strukturelle Verankerung zu gucken: Herrschaft stützt sich auf grundlegende Prinzipien, die jedeR als unabänderlich und normal, als quasi-natürliche Gesetzmäßigkeit, empfindet. Diese Prinzipien sind materiell nicht erfahrbar und sie werden nicht unmittelbar erlebt. Dennoch sind sie von den Individuen so verinnerlicht, dass sie für diese die Wirklichkeit darstellen und somit bedeutsam für ihr Denken, Entscheiden und Handeln sind.
Dabei liegen Herrschaftsverhältnissen verschiedene strukturierende Prinzipien zugrunde. Für jede jeweils aktuelle Ausgestaltung des Kapitalismus ist beispielsweise der Zwang wesentlich, alles und jedeN als Wert zu erfassen und vorhandene Werte im Produktionsprozess zu vermehren - zu verwerten im wahrsten Sinne des Wortes. Dass aber abstrakte Dinge (z.B. Arbeit) genauso wie konkrete Dinge (z.B. Waschmaschinen) überhaupt einen Wert haben, erscheint uns als zweifellose "Wahrheit".
Genauso selbstverständlich ist uns die abendliche Wahl zwischen dem Frauen- und dem Männerklo in der Kneipe: Grundlage von Patriarchat und Sexismus ist die Konstruktion und der damit einhergehende Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit. Das bedeutet zum einen, dass wir es als vollkommen normal empfinden, dass Menschen anhand des Geschlechts in zwei gesellschaftliche Gruppen eingeteilt werden und nicht anhand des Unterscheidungsmerkmals "angewachsene Ohrläppchen/nicht angewachsene Ohrläppchen". Der Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit bedeutet zum anderen, sich ständig zu einem von zwei Geschlechtern eindeutig zuordnen zu müssen, sei es bei der Klowahl, dem Ankreuzen von offiziellen Formularen oder der ersten Frage an die frischgebackenen Eltern: "Was ist es denn?" - mit all den Vorstellungen von Rollenmustern, Chancen und Möglichkeiten, die an dieser Frage mit dranhängen. Ohne das Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit sind patriarchale Verhältnisse schlicht nicht vorstellbar, da nur in ein hierarchisches Verhältnis zueinander gebracht werden kann, was vorher voneinander unterschieden wurde.

Der Alltagsblick: Der 5-Euro-Putzjob - Wie wir und andere Herrschaft erfahren
Schließlich kann Herrschaft als persönliche Erfahrung beschrieben werden: Die beschriebenen grundlegenden Prinzipien, ihre Verankerung in gesellschaftlichen Strukturen und die Erscheinungsformen von Herrschaftsverhältnissen werden als konkrete Einschränkung, als alltägliche Fremdbestimmung erlebt. Die polnische Putzfrau kann ohne EU-Pass hier nicht einfach so arbeiten und "muss froh mit dem sein, was sie bekommt". Für Lieselottes transsexuelle Tochter Martin wird der sonst so alltägliche Gang zur Toilette in öffentlichen Räumen ebenso zur großen Qual wie die taxierenden Blicke all derer, die endlich wissen wollen, "was" sie denn nun ist. MigrantInnen dürfen sich aufgrund der Residenzpflicht nicht aus ihrem Landkreis bewegen, Sozialhilfekürzungen entscheiden eben darüber, ob die Tochter mit auf die Klassenfahrt fährt oder man einem Freund mal einen Kaffee ausgeben kann.
Jeder dieser drei Blickwinkel auf Herrschaftsverhältnisse - d.h. jede der drei Seiten der Medaille - ist unserer Meinung nach notwendig und relevant, um Herrschaft erkennen, benennen und bekämpfen zu können. Von vielen Gruppen und Menschen wird jedoch nur ein einzelner Blickwinkel gewählt. Humanitäre Organisationen oder christliche Initiativen konzentrieren sich in der Regel vollkommen auf den Alltagsblickwinkel: In diesem Bereich tun sie durchaus sinnvolle Dinge, ohne jedoch die zugrundeliegenden Missstände zu thematisieren oder eine über das Individuum hinausgehende Veränderung anzustreben. In anderen Kreisen ist es dagegen üblich, allein die dahinterliegenden Prinzipien zu betonen. Hier werden dann schnell Proteste gegen die ungerechte Verteilung gesellschaftlichen Reichtums als Lappalie bzw. konterrevolutionärer Akt abgetan. Eine Politik, die persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Erscheinungsformen derart gegenüber den zugrundeliegenden Prinzipien unterbewertet, ist unserer Ansicht nach elitär. Genauer gesagt, den Widerstand gegen Sozialhilfekürzungen als Peanuts abzutun, muss mensch sich leisten können.


Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 92 f.)
Freie Kooperation erfordert ein gewisses Maß an Selbstreflexion, der Aufklärung über uns selbst und insbesondere das, wofür wir »selber nichts können«: historisch entstandene und überkommene Unterschiede, Privilegien, Empfindlichkeiten, spezifische Fähigkeiten und spezifische Blindheiten, Ängste und Sehnsüchte. Sonst kommen wir miteinander nicht klar. Dafür müssen wir alle Ideen von einem abstrakten »Idealmenschen« verabschieden, demgegenüber alle konkreten Unterschiede bloß »Verunreinigungen« sind, die es gilt zum Verschwinden zu bringen. Das größte Problem ist nicht, wie wir sind, sondern dass wir uns nicht klarmachen, dass auch wir selbst »irgendwie« sind – nicht die Norm, nicht normal, nur ein Entwurf unter vielen. Selbstreflexion ist die Bedingung von Anerkennung. Aber Selbstreflexion entsteht andererseits hauptsächlich aus konkreten Konflikten um Anerkennung. Ihr Maßstab ist nicht, selber »besser« zu werden, sondern anderen (und sich selbst) weniger im Weg herumzustehen. Das macht alle Versuche fatal, Männern »weibliche Fähigkeiten« beizubringen (»soft skills«), damit das Patriarchat noch bessere Fortschritte macht. Deshalb sind New Age und afrikanisches Trommeln nicht der vorrangige Weg, wie wir unsere historischen Deformationen bearbeiten können. Es gibt keine Alternative zur Auseinandersetzung mit Menschen – auch kollektiv und abstrakt, aber zuerst und immer wieder individuell und konkret.
Fragend und voran - reflektierende Praxis

"Fragend gehen wir voran", wie es die aufständischen Zapatistas seit 1994 im lakandonischen Urwald als Ziel gewählt haben, beschreibt recht einprägsam die zwei Grundpfeiler emanzipatorischer Praxis: Der analytisch-skeptische Blick ("fragend") und der Wille zur praktischen Veränderung ("voran"). Beides klingt einfach, ist mitunter aber sehr, sehr schwer. Schon allein das Infragestellen kann an der persönlichen Integretät rütteln: Dass, was wir seit Jahren oder Jahrzehnten als selbstverständlich und "norm"al empfunden haben, sollen wir nun kritisch hinterfragen? Da können ganze Lebensentwürfe wie Kartenhäuser zusammenfallen - vielleicht knabbert es am Anfang nur ganz am Rande des bisherigen ideologischen Denkgebäudes, aber schnell kann daraus mehr werden. Skeptisch-analytische Blicke auf das eigene Leben, die eigene Rolle in der Gesellschaft oder deren Subräume (Familie, soziales Umfeld, Arbeitsplatz, politische Gremien, Vereine ...), erfordern daher Mut. "Nein sagen, ist einfach", pöbeln IdeologInnen des unreflektierten Weiter-so immer wieder. Wie unrecht sie haben, zeigt ihre eigene Unfähigkeit, skeptisch-analytisch auf das zu schauen, was sie tagtäglich anrichten. Da ist eher Kurt Tucholsky zuzustimmen, dass es schon viel Mut bedarf, aufzustehen und "Nein" zu sagen - zumal in einer Masse der organisierten Richtungsgleichheit im Denken. In der Kombination mit dem "Voran" bedeutet das "Nein": Ich will es anders! Es geht um Veränderung, die aber wieder um selbst überprüft wird. Nichts ist selbstverständlich. Nichts und niemand ist unangefochten: Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland. Auch die Partei hat nicht recht. Gesetze sind nicht nur Spielregeln, die Macht zementieren, sondern selbst dem Zahn der Zeit unterworfen - zumal ihr Erlass nie eine Sache gleichberechtigter und freier Vereinbarung war.

Im Original: Fragend voran ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Assoziation vom Hinterfragen und Vorwärtsgehen im Text "Dialektik" von Annette Schlemm
Beim Gehen setzen wir einen Fuß vor den anderen. Am Anfang stehen wir mit beiden Beinen auf heimatlich gewordenem, bekannten Boden. Der Schritt nach vorn beginnt mit der Loslösung. Ein Fuß riskiert den Schritt ins Unbekannte. Die Füße trennen sich. Erst der nächste Schritt läßt uns wieder mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Das früher Unbekannte, Fremde wird unser neuer Standpunkt.
Dieses Bild berücksichtigt noch nicht einmal, dass auch die Grundlage, auf der wir laufen, nichts Statisches, Unveränderliches ist. Dauernd verändert sich dieser Untergrund.

Fragend voran ist dialektisch. Das Bestehende wird in Frage stellt - und aus dem Hinterfragen entsteht der Impuls zum Schritt weiter. Dieser wird wieder in Frage gestellt (wobei auch das in Fragestellen hinterfragt werden muss - Skepsis ist immer erhellend, auch gegenüber der Skepsis). Das dialektische Denken ist also kein Kreislauf, sondern eine Spirale in Vorwärtsbewegung. Wie das hinterfragende Voranschreiten.

Im Original: Definitionen zur Dialektik ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wikipedia zu Bedeutungen der Dialektik bei Platon
Der Terminus Dialektik enthält bei Platon also mehrere Bedeutungsdimensionen. ...
„Du nennst doch den Dialektiker, der von jeglichem den Begriff seines Wesens fasst (ton logon hekastou lambanonta tês ousias).“ - Pol. 534 b 3–4
„Der zu fragen (erôtân) und antworten (apokrinesthai) versteht, nennst du den anders als Dialektiker?“ – Krat. 390 c 10–11 (Übers. Rufener) ...
Zweitens meint Dialektik – in einer spezielleren Bedeutung – ‚Ideenforschung‘; hier fällt der Begriff teilweise mit den modernen Themen der logischen Analyse (Dihairesis heißt wörtlich ‚Teilung‘, ‚Sonderung‘), der Semantik und der Syntax zusammen ...
Drittens ist Dialektik das, was heute als Metaphysik bekannt ist, nämlich die Suche nach den Grundstrukturen und Urgründen der Welt; vom Hypothesis-Verfahren kann man in diesem Zusammenhang sprechen, weil die Dialektik gerade die unhinterfragten Voraussetzungen – Hypothesen – der anderen Wissenschaften untersucht: „Einzig das dialektische Verfahren (dialektikê methodos) […] hebt die Voraussetzungen auf und macht sich auf den Weg dorthin: zum Anfang selbst, um festen Stand zu gewinnen. Und sie zieht allmählich das Auge der Seele aus dem barbarischen Morast, in dem es tatsächlich vergraben war, hervor und richtet es nach oben. Dabei nimmt sie als Mitarbeiterinnen und Mitleiterinnen die erwähnten Fächer [nämlich Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Harmonik] zu Hilfe.“ – Pol. 533 c 9–d 5, Übers. Rufener
Dialektik hat bei Platon nichts mit Widersprüchen zu tun ...


Wikipedia zu Bedeutungen der Dialektik bei Aristoteles
„[…] ein Verfahren, aufgrund dessen wir in der Lage sein werden, über jedes vorgelegte Problem aus anerkannten Meinungen (endoxa) zu deduzieren und, wenn wir selbst ein Argument vertreten, nichts Widersprüchliches zu sagen.“ - Aristoteles, Topik I, 1, 100a 18 ff.
Dialektische Argumentationen sind Deduktionen. Sie unterscheiden sich formal dabei nicht von wissenschaftlichen, sondern nur durch die Art ihrer Prämissen: wissenschaftliche Prämissen sind besondere, nämlich „wahre und erste Sätze“, dialektische hingegen anerkannte Meinungen, d. h. Sätze, die „entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten oder den Fachleuten und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehalten werden“. ...
Nützlich ist Dialektik nach Aristoteles als geistige Gymnastik, bei Begegnungen mit der Menge, und auch durch das Durchspielen entgegengesetzter Positionen bei der Erörterung philosophischer Probleme.

Wikipedia zu Bedeutungen der Dialektik bei Hegel
„Das Logische hat der Form nach drei Seiten: α) die abstrakte oder verständige, β) die dialektische oder negativ-vernünftige, γ) die spekulative oder positiv-vernünftige.“ – G. W. F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse
1. Das endliche, verständige Moment: Der Verstand setzt etwas als seiend.
2. Das unendlich negative, dialektische Moment: Die Vernunft erkennt die Einseitigkeit dieser Bestimmung und verneint sie. Es entsteht so ein Widerspruch. Die begrifflichen Gegensätze negieren einander, d. h. sie heben sich gegenseitig auf.
3. Das unendlich positive, spekulative Moment: Die Vernunft erkennt in sich selbst die Einheit der widersprüchlichen Bestimmungen und führt alle vorherigen Momente zu einem positiven Resultat zusammen, die in ihr aufgehoben werden. ...

Mit Bezug auf Marx:
Das Große an der Hegelschen „Phänomenologie“ und ihrem Endresultat – der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip – sei also, dass Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozess fasst, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; dass er also das Wesen der Arbeit fasst und den gegenständlichen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift.

Wikipedia zur materialistischen Dialektik (Marx/Engels)
Karl Marx trennte sich vom Standpunkt des Hegelschen Idealismus und setzte die Dialektik auf historisch-materialistischer Grundlage als Methode, als dialektische Darstellungsmethode, zur Kritik der politischen Ökonomie ein. Laut einer Sentenz von Friedrich Engels stellt man durch die Rückkehr zum Materialismus die Dialektik Hegels „vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße“.
„Wir faßten die Begriffe unsres Kopfs wieder materialistisch als die Abbilder der wirklichen Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs. […] Damit aber wurde die Begriffsdialektik selbst nur der bewußte Reflex der dialektischen Bewegung der wirklichen Welt, und damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt.“ – Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Teil IV[18] ...
Friedrich Engels unterscheidet im Abschnitt Grundgesetze der Dialektik seines Werks „Dialektik der Natur“ ganz gemäß dem materialistischen Dialektik-Ansatz zwischen objektiver und subjektiver Dialektik: „Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der ganzen Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen, die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen ineinander, resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen.“

Wikipedia zu Bedeutungen der Dialektik bei Popper
Karl Popper hat Hegels Dialektik im Rahmen der formalen Logik nach folgendem Schema interpretiert: P1 → VT → FE → P2.
Das Schema kennzeichnet den Fortschritt der Wissenschaft: Aufgrund eines Problems P1 aus Welt 3 erfolgt die Aufstellung einer zunächst rein hypothetischen Vorläufigen Theorie VT. Diese wird (z.B. empirisch) überprüft, unhaltbare Elemente in einer Fehlerelimination FE ausgeschieden. Das Resultat ist nicht ein absolutes Wissen, sondern ein elaborierteres Problem P2. FE setzt dabei voraus, dass logische Widersprüche vermieden werden müssen, da ansonsten eine Elimination von Theorieelementen, die in Widerspruch zu den bei der Theorieprüfung angeführten Argumenten stehen, nicht möglich ist.


Wikipedia zu Kritik an dialektischen Konzepten
Die dialektische Vorgehensweise Hegels ist von Zeitgenossen und in der Nachfolge kritisiert worden. Schopenhauer sprach von der Philosophie Hegels abschätzig als „Hegelei“. Seit Kierkegaard ist eine Protesthaltung gegen das System der Dialektik nicht unüblich geworden (Existenzphilosophie). Auch der dialektische Materialismus war besonders in der politischen Diskussion des 20. Jahrhunderts heftig umstritten. Es trat insbesondere die Frage auf, wieso sich die ökonomische Gesellschaft zwangsläufig als Klassenkampf darstelle, der sich fortschreitend entwickele. ...
Der analytische Philosoph Georg Henrik von Wright hat der Dialektik eine kybernetische Deutung gegeben, indem er Dialektik als Kette negativer Rückkopplungen deutet, die jeweils zu einem neuen Gleichgewicht führen. Anders als die Dialektiker versteht von Wright die Verwendung logischer Begriffe innerhalb der Dialektik als metaphorisch, wobei etwa „Widerspruch“ für Realkonflikte steht. Damit trägt er der Kritik an den Dialektikern Rechnung, nach der sie einer Verwechslung zwischen logischen Widersprüchen, die nur zwischen Sätzen und Propositionen bestehen können, und realen Gegensätzen unterliegen würden, etwa zwischen physikalischen Kräften oder auch gesellschaftlichen Interessen.

Aus dem Text "Dialektik" von Annette Schlemm
In der ursprünglichen Identität (These) wird zuerst ein Unterschied gesetzt. Diese Trennung zwischen Einem und seinem Anderen (Antithese) ist eine verstandesmäßige Reflexionsleistung. Während der einfache Verstand an diesen Trennungen festzuhalten pflegt (Isolierung, Festwerden der Gegensätze), muss dann die höhere Vernunft die neue, höhere Einheit der Gegensätze finden. Festgewordene Gegensätze in der Bewegung aufzuheben ist die Aufgabe der Reflexion der Reflexion. ...
Dialektische Vernunftanwendung kann nicht bei der verstandesmäßigen Konstatierung der einzelnen Sachverhalte stehenbleiben. Indem sie als Reflexion der Reflexion die Bedingungen und Voraussetzungen der Sachverhalte wie auch der Widerspiegelung dieser Realitäten untersucht, schaut sie tiefer und weiter. Sie sucht, sieht und setzt das Werden im Sein frei. Sie setzt als Wissenschaft das frei, "was es an Wahrem in allen einander widersprechenden Ideen gibt, zwischen denen der vulgäre Verstand hin- und hergeht" (Lefèbvre). Sie relativiert nicht nur ("sowohl als auch"), sondern macht konkrete Aussagen über die jeweilige Bedingtheit von Sachverhalten und Denkinhalten. Sie ist ebenso wie die Wissenschaften auf das qualitativ Wesentliche bezogen, deshalb nicht das Allgemeinste, sondern das Konkreteste. Alles Konkrete ist bestimmt und deshalb negierbar, entwickelbar.
Auf unserem Weg in einer immer komplexeren Welt kann sie in der konkreten Anwendung konkrete Orientierungen geben und das Wissen um ihre Prinzipien macht uns klar, dass ein Rückzug im "Flatland" nicht möglich ist, sondern nur eine bewußte (ökologische und humane) Gestaltung der Evolution im Erreichen der nächsten Stufe der Integration des in der menschlichen Geschichte Ausdifferenzierten.
Viele Wege führen zur Emanzipation

Wo Menschen ihre Schwerpunkte setzen, welche Fragen sie stellen und wo sie mit der Veränderung beginnen, lässt sich nicht vorschreiben. Es ist eine Folge der gefühlten Unterdrückungsformen und des Mutes, das bislang Selbstverständliche zu hinterfragen, um entweder Schritte der Veränderung zu wagen oder das Ganze umzuwerfen. Es gibt keine Regel, nur das Grundanliegen von Befreiung und Entfaltung von Handlungsmöglichkeiten und -fähigkeiten. Wer was wichtig findet, ist Sache der Einzelnen. Sie können kommunizieren, streiten oder kooperieren, aber sie bleiben selbst bestimmend. Eine Person kann nicht für die andere entscheiden, was diese als wichtig oder machbar hält. Einem Kind wäre z.B. auch nur schwer klarzumachen, dass es vom Patriarchat oder von der ungleichen Verteilung der Produktinsmittel am stärksten betroffen sei und sich deshalb dagegen wehren soll. Es wird seine eigenen Wahrnehmungen der im Alltag relevanten Unterdrückungsmechanismen haben. Auch wer, eingesperrt in Knäste oder Psychiatrien, um die Leseerlaubnis einer Tageszeitung kämpft oder mit Zwangsverabreichung von Psychopharmaka bedroht ist, wird wenig Verständnis dafür haben, dass erstmal andere Sachen wichtig sind.

Zum nächsten Text, dem vierten Text im Kapitel zu Strategien herrschaftsfreier Gesellschaft: Offene Räume und Systeme

Links