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Geschichte sozialer Organisierung

Gesellschaftliches Menschsein ++ Wer macht Geschichte? ++ Emanzipation als Befreiung ++ Grundlagentext zu Herrschaft ++ Links

Der folgende Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Soziale Organisation als Grundform menschlichen Lebens

Der Mensch kann, ab einem bestimmten Alter, als Individuum allein überleben. Er könnte sich aber dann bereits nicht mehr fortpflanzen, d.h. die Menschheit insgesamt würde bei völliger Isolierung der Individuen aussterben. Er kann sich zudem - als BetroffeneR oder NutznießerIn - der durch die Gesamtzahl aller Menschen geleisteten Arbeit nicht entziehen, denn sie ist überall auf dem Planeten spürbar und wirksam. Es spricht aber auch gar nicht viel dafür, dass der Mensch für das einsame, abgekoppelte Dasein bestimmt ist. Im Gegenteil: Menschliches Leben ist von Natur aus erkennbar auf Kooperation und Kommunikation angelegt. Das gilt selbst dann, wenn die viel weitergehende, für den Menschen typische, sehr komplexe soziale Organisierung außer Acht gelassen wird. Denn schon von der biologischen Ausstattung her spricht alles für ein Lebewesen, dass vor allem durch Kooperation überlebt. Sichtbar wird dass an der langen Kindheits- und Jugendphase, die ein Mensch nur in der Obhut und Begleitung Älterer überleben kann. Zudem ist der Mensch nur sehr ungenügend mit Möglichkeiten ausgestattet, sich vor Fressfeinden zu schützen. Er hat gar keine körpereigenen Waffen, kann nur begrenzt schnell laufen, kaum gut klettern und könnte sich vielleicht durch einen Sprung ins Wasser vor manchen Raubtieren retten, falls solches gerade in der Nähe ist und nicht von anderen Fressfeinden besiedelt wird. Nur Kooperation hilft, denn eine Ansammlung von Menschen stellt schnell eine überlegene Kampfeinheit gegenüber jedem Angreifer dar.
Menschen sind in vielerlei Hinsicht "Allrounder". Alle ihre Sinne sind einigermaßen, aber keiner besonders gut ausgeprägt. Ihre Nahrungsquellen können breit gestreut sein - Tiere und Pflanzen, frische und haltbare Stoffe können dazu gehören. Auch das legt Kooperation nahe, da die Beschaffung der unterschiedlichen Nahrungsmittel immer sehr verschiedener Aktivitäten bedurfte. Zwar sind die konkreten Rollenaufteilungen, die im Laufe der Menschheitsgeschichte dann entstanden (z.B. zwischen Männern und Frauen oder Hierarchien in Stämmen, Sippen und anderen sozialen Bindungen), nicht aus der Natur ableitbar, aber dass überhaupt eine Arbeitsteilung entstand, war schon von der Biologie her naheliegend. Der Mensch lebt nicht als Herde oder Schwarm, wo alle Individuen zur gleichen Zeit auch weitgehend das gleiche tun - also alle fressen, weiterwandern oder zur Tränke ziehen.

Viel wichtiger aber als die biologischen Grundlagen wirkte sich die kulturelle Entwicklung des Menschen aus. Die zielt noch viel stärker auf Kooperation und damit auch Arbeitsteilung hin. Viele wirkungsmächtige "Werkzeuge", die Menschen sich aneignen, wären für EinsiedlerInnen ebenso überflüssig wie bei gleichgeschaltetem Verhalten. Dazu gehört die komplexe Sprache. Sie bot die Chance, zunehmend vielfältigere soziale Prozesse aufzubauen, weil nun auch Informationen zwischen Teilen, die sich nicht mehr unmittelbar gegenseitig erlebten, ausgetauscht werden konnten. Absprachen waren möglich, die ein abgestimmtes Verhalten über große Entfernungen und auch zeitlich voneinander verschobenen zum Ziel hatten. Das eröffnete grundsätzlich neue Handlungsmöglichkeiten, die alle fehlen würden, wenn Menschen nicht miteinander kooperierten.
Zwischen isolierten Individuen fiele der Prozess gegenseitigen Lernens weg und damit eine der typischen Fähigkeiten von Menschen, sich kompakt und zu ausgewählten Punkten das in Jahrhunderten erarbeitete Wissen von Generation zu Generation weiterzugeben. Die Weitergabe von Informationen über Sprache, Vor- und Nachmachen stellt eine bedeutende neue Qualität im Fluss der Evolution dar, spezifisch für höhere Lebensformen und in seinen Ausformungen typisch für den Menschen. Der Selbstentfaltung des Individuums würden also viele Möglichkeiten genommen, wenn sich die Individuen voneinander losgelöst durchs Leben kämpfen würden. Der Mensch ist ein soziales Wesen - dieser Satz kann also auch aus emanzipatorischer Sicht bejaht werden (mehr hier).

Doch damit ist noch nichts darüber ausgesagt, wie das Zusammenleben der Menschen stattfindet - und wie es sich entwickelt hat. Denn ob die heutigen, sich ja ständig verändernden Formen sozialer Beziehungen auch denen in der Geschichte der Menschen entsprachen, ist so klar nicht. Die Geschichtsschreibung hierzu reicht unmittelbar, d.h. in Form von schriftlichen oder sonstigen Überlieferungen bis ca. 3000 Jahre zurück. Archäologische Ausgrabungen früherer Siedlungen lassen Rückschlüsse auf Formen des Zusammenlebens zu, etwa über die Bestattungskulte von Toten, von Feindseligkeiten und Kriegen, aber wenig über die konkreten Umgangsweisen im Alltag. Wie sah das Zusammenleben aus, bevor es Familien gab? Schließlich ist mehr als zweifelhaft, dass Familien eine lange Tradition in der Menschheitsgeschichte haben, fehlte doch bis zu dem Zeitpunkt, an dem überhaupt klar wurde, dass Männer Anteil an der Fortpflanzung hatten, ein abstrakter Grund für die Familie als Fortpflanzungsgemeinschaft. Gab es trotzdem, auf erotischer Anziehung fußende, feste Zweierkisten? Oder dominierten eher Sippen, Stämme oder ähnliche mehr oder weniger feste Gemeinschaften? Was geschah mit den Menschen, die es dort nicht aushielten? Oder die als untragbar galten? Wie scharf waren die Grenzen zwischen den Gemeinschaften gezogen - falls es überhaupt so starr abgegrenzte gab? Im Jahr 2010 zeigten mehrere Forschungsarbeiten, dass etliche Teile des heutigen menschlichen Genoms vom Neandertaler stammen dürften, d.h. die sich auseinanderentwickelnden Teile der Menschheit haben sich offensichtlich immer wieder schnell vermischt, wenn sie in Kontakt kamen - ob freiwillig oder gezwungenermaßen, dürfte schwer feststellbar sein.

Es ist angesichts der fortschreitenden Kulturtechniken des Menschen wie Sprache, die Entwicklung von Hilfsmitteln und Werkzeugen, die Haltbarmachung von Lebensmitteln usw. denkbar oder sogar wahrscheinlich, dass sich die Formen des Zusammenlebens im Laufe der Zeit veränderten. Ebenso dürften sie auch innerhalb eines Zeitabschnittes an verschiedenen Orten recht unterschiedlich gewesen sein. Eine weltweite Diskurssteuerung, wie sie heute über Medien, Bildung und Gesetze recht einfach möglich ist und Normen als allgemeingültig zu setzen weiß, gab es früher nicht. Doch ob daraus eine buntere Vielfalt von Organisierungsformen entstand, ist unbekannt.
Je länger mensch in die eigene Geschichte zurückschaut, desto enger sind die damals Lebenden mit den natürlichen Verwobenheiten verbunden, desto weniger abstrahierten sie ihr Leben und ihre Umweltbedingungen. Die Geschichte der Menschen ist ein prägnantes Beispiel für die Entwicklung des Lebendigen unter Schaffung immer neuer Möglichkeiten, die wiederum die Bedingung der Entwicklung weiterer Möglichkeiten bildet.

Arbeitsteilung und Hierarchie

Arbeitsteilung dürfte, wie gezeigt, von Beginn an die Entwicklung der Menschheit begleitet haben. Mit zunehmender Fähigkeit zur sprachlichen und später schriftlichen, d.h. über weite Strecken transportierbaren Kommunikation nahm die Arbeitsteilung an Komplexität zu. Das ist aber nicht automatisch mit der Entstehung von Hierarchien verbunden. Hierarchische Arbeitsteilung ist eine bestimmte, aber nicht notwendige Form der Aufteilung von Tätigkeiten. Diese kann auch einvernehmlich, z.B. nach Neigung, augenblicklicher Lust, nach Fähigkeiten oder gemeinsam erörterten Notwendigkeiten erfolgen. Möglich ist eine zufällige oder rotierende Arbeitsteilung. Ob die heute dominierende hierarchische Arbeitsteilung von Beginn an die Menschheit prägte, weiß niemand. Es gibt Hinweise, dass sich zumindest die Hierarchien verschoben. So haben in alten Höhlenmalereien und Skulpturen Darstellungen weiblicher Körper einen wesentlich höheren Anteil bei solchen Figuren, die wichtige gesellschaftliche Positionen einnahmen - bis hin zu den frühen Göttinnen. Im Judentum, Christentum und Islam ist davon nichts mehr zu spüren bzw. die Gleichberechtigung muss in der Neuzeit mühsam zurückerkämpft werden mit bislang nur mäßigem Erfolg.

Arbeitsteilung ist keine ausreichende Erklärung für die Entstehung und Existenz von Hierarchien. Allerdings kann sie diese befördern, weil eine hierarchisch gegliederte Arbeitsteilung sich selbst verstärkt. Durch Arbeit werden Ressourcen geschaffen, die bei ungleicher Verteilung bestehende Hierarchien zementieren oder sogar steigern. Dazu gehören Informationen, Produktionsmittel und, seit es die Geldwirtschaft gibt, das universelle Tauschmittel Geld. In den letzten Jahrtausenden kam die Formalisierung der Hierarchien hinzu, die sie noch viel weitergehender selbst bestärkte: Wenn herrschende Kreise die Regeln einer Gesellschaft festlegen, wird sich das in ihrem eigenen Machtanspruch widerspiegeln. So schützen Gesetze heute vor allem den Machtanspruch des Staates, die Privilegien von Männern und Inländern, das Eigentum und gehortetes Wissen, die Verteilung von Waffen und Ressourcen.
Existieren also erst einmal Hierarchien, so zeigen diese immer die Tendenz zu ihrer Selbstverstärkung, weil die bereits Privilegierten auch für zukünftige Verteilungsprozesse eine ungleiche Zuordnung von Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten erreichen können. Zudem werden sie dazu neigen, ihre privilegierte Position zu verteidigen. Diese ist unter anderem durch das Aufbegehren der Nicht-Privilegierten, aber auch durch die Konkurrenz zwischen den Privilegierten gefährdet. Ersteres führt zum Bedürfnis nach Kontrolle, d.h. die in der Hierarchie oben Stehenden bauen Überwachungssysteme auf, um etwaige Angriffe auf ihre Stellung frühzeitig erkennen und abwehren zu können. Zweiteres, also der interne Konkurrenzkampf führt zu einer Aufrüstung mit Durchsetzungsmitteln, um die eigenen Privilegien gegen den Zugriff anderer Privilegierter verteidigen oder ausbauen zu können.

Notwendig wäre das alles nicht. Es gibt keinen schlüssigen Grund dafür, dass die Menschheit Hierarchien bräuchte. Sie sind entstanden (wodurch, ist nicht abschließend und erst recht nicht in allen Details geklärt) und schufen dann, als sie bestanden, eine Tendenz zur Selbstverfestigung oder sogar Verstärkung.
Etliche auch heute noch oder neu bestehende Formen horizontaler, d.h. hierarchiefreier Kooperation zeigen aber, dass es der Hierarchien nicht bedarf. Es spricht sogar einiges dafür, dass Hierarchien eher dem Leben und der Selbstentfaltung der Menschen konträr und feindlich gegenüberstehen, d.h. dass die Tatsache, dass die Menschheit fast überall hierarchisch operiert, ein wichtiger Hemmschuh für Fortschritt und Weiterentwicklung ist. Dieses zu klären, ist Aufgabe der folgenden Abschnitte.

Wer macht Geschichte? Was prägt die Gesellschaft?

Nun ist Geschichte nicht nur Schicksal. Zwar sind viele Aspekte und Einflüsse für den Menschen unabänderlich, aber selbst Materie und nicht-menschliches Leben unterliegt einem Veränderungsprozess, der als Evolution bezeichnet wird. In diesem Prozess entstehen neue Qualitäten, die die Ausgangsbedingungen der Weiterentwicklung verändern.
In der menschlichen Gesellschaft wirken diese Eigenschaften von Materie und Leben weiter. Hinzu kommt die kulturelle Entwicklung, die als neue Qualität aus dem Lebendigen heraus entstand und nun durch eigene Mechanismen wie Sprache, Dokumentation von Wissen, organisierten Lernen und Werkzeuggebrauch die Geschichte der menschlichen Gesellschaft vorantreibt. Dieser Prozess ist derart komplex, dass es schwerfällt, alle Antriebskräfte zu benennen. Wie üblich besteht in dem Versuch, dieses zu tun, bereits die Gefahr der Vereinfachung. Daher sind die folgenden Hinweise mit Vorsicht zu genießen. Erst recht gilt das aber für andere Theoriedebatten, wenn sie die gesellschaftliche Entwicklung auf nur einen der Prozesse zurückzuführen versuchen. Das entlastet des Kopf, weil das Denken über die Welt einfacher wird. Doch der ungeheuren Komplexität menschlicher Gesellschaft wird es nicht gerecht.

Trotzdem geschehen die Verkürzungen überall, auch im klassischen Geschichtsunterricht: Da stürzen sich stehende Heere in riesige Schlachten (Antike bis Mittelalter), später rekrutieren Führer ganze Bevölkerungen für ein noch blutigeres Gemetzel. Kreuzzüge verwüsten und scheitern, Bauernkriege und Arbeiterrevolutionen prägen die Jahreszahlen. Große Kriege und gesellschaftliche Schlachten werden in die Köpfe der SchülerInnen gedroschen, als wäre mensch im Mathematikunterricht. Die männliche Schreibweise reicht dabei, denn Frauen kommen in dieser Art historischer Betrachtung gar nicht erst vor. Sind es die großen Führer und Schlachten, die die Welt verändern? Welche Wirkung hatte die Erfindung der Glühbirne oder die erst allmähliche Erkenntnis, dass Rassen gar nicht existieren? Was trugen die PhysikerInnen zur Geschichte bei, die herausfanden, dass das Atom doch spaltbar ist - oder später dass die Bestandteile sich noch weiter zerlegen ließen bis zum ... tja, bis zum Nichts? Wer war wichtiger: Galilei oder Alexander, der Große? Und waren die beiden überhaupt die tatsächlich prägenden Figuren ihrer jeweiligen persönlichen Schlachten?

Geschichte ist die Geschichte der Elitenkämpfe

Auch wenn sich bis heute seltsame Theorien halten oder sogar verstärken, die kleine Kreise als Drahtzieher der Welt vermuten - MarionettenspielerInnen gleich -, das alles war und ist Unsinn. Die Welt ist zu groß und komplex, so voller Konkurrenzen und Streit, dass sie niemand allein, auch keine einzelne Gruppe regieren kann. Sie mag große Ressourcen für sich sichern und aufwändig verteidigen. Aber sie erreicht nicht die Winkel dieser Welt. Gerade zentrale Führungen nicht. Deshalb hat der Wandel von der Monarchie oder der Diktatur zum modernen Rechtsstaat ja auch Vor- und Nachteile: Den Vorteil, dass die Willkürlichkeit des Herrschens in der Sphäre der auf mehrere Staaten im Staate verteilten Macht zurückgeht. Aber gleichzeitig den Nachteil, dass durch die Ausstattung breiterer Kreise mit Macht diese sich in ihrer Wirkung ausdehnt und bis in die kleinsten Bereiche des privaten Lebens reicht.

Hinter allen Führungspersonen und -gremien fand sich immer eine Sphäre privilegierter Menschen. Ihre Privilegien und die Mittel, diese durch- und einzusetzen, habe im Laufe der Geschichte gewechselt. Kriege, Revolutionen, Krankheiten oder Wahlen konnten die konkreten Personen verdrängen und Platz für Neue schaffen. Das Prinzip aber bleib: Jede Gesellschaft und jeder gesellschaftliche Subraum bildet im Normalfall eine Führungsschicht heraus, die aufgrund ihrer Privilegien die Lage mehr beeinflusst als andere. Die einen verfügen über Apparate legitimer, direkter Gewalt (z.B. Polizei oder Militär). Die anderen beeinflussen stärker Diskurse (Medien, Bildungsanstalten) oder Moralvorstellungen (früher Religionen, heute Esoterik, z.T. Medizin). Zwischen ihnen und hin zu den Machtlosen bilden sich mehr oder weniger fließende Übergänge. Doch Grenzen bleiben - geprägt durch den Zugang zu Privilegien oder Verhaltenscodes und mehr. Diese Funktionseliten, wie sie heute bezeichnet werden, entstehen durch gesellschaftliche Position und Einflussmöglichkeiten, während früher der Zugang zur Macht stärker über politische Ämter, Adelszugehörigkeit oder - prägend in den letzten zwei Jahrhunderten - Besitz von Kapital und Produktionsmitteln organisiert war.

Innerhalb dieser Eliten besteht keine Einigkeit außer der, die Privilegien gegenüber den Nicht-Privilegierten oder gegenüber gesellschaftlicher Umgestaltung zu verteidigen. Darüber hinaus bestehen Konkurrenzen um Ressourcen und Privilegien, die in heftige Machtkämpfe oder sogar Kriege ausarten können. Es sind solche Elitenkämpfe, die sehr entscheidende Weichenstellungen für die Weiterentwicklung von Gesellschaft schaffen. Hier rollen nicht nur Köpfe, sondern auch materielle Ressourcen, Gelder, Land und mehr.

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Aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 14)
Nicht die gleichförmig agierende oder bloß reagierende amorphe Masse ist das Spezifikum unserer Zeit, sondern die organisierten oder nicht organisierten Zusammenschlüsse der Träger gleicher Rollen, der Gleichgesinnten und Gleichinteressierten, durch die die industrielle Gesellschaft in ein ganzes Netzwerk menschlicher Beziehungen und Verbindungen aufgegliedert wird. Die industrielle Gesellschaft ist, solange sie freie, nicht von oben her zwangsweise geordnete Gesellschaft ist, deshalb immer auch pluralistische, in viele Gruppen aufgespaltene Verbandsgesellschaft.

"Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 31, 36)
Innerhalb eines Systems hingegen gehen nur Führungskonflikte vor sich, die im wesentlichen Konkurrenzkämpfe zur Ablösung der jeweiligen Führungsgruppe sind und die der teilweisen Umgruppierung innerhalb eines Oligarchienkreises dienen. Die Verkürzung des Herrschaftskonflikts auf den Führungskonflikt reproduziert staatlich-politisch den gesellschaftlichen Vorgang - und den manipulativ vorgenommenen Versuch - der Reduzierung des Antagonismus auf den Pluralismus. Diese Verkürzung - das eigentliche technisch-politische Kernstück des Friedens - trägt wesentlich zur Anpassung und schließlich zur Auflösung eines antagonistischen Bewußtseins gegen den Oligarchien bei. ...
Es entwickelt sich ein neuartiger, durch die Zusammenarbeit der Parteiführungsstäbe untereinander bedingter Herrschaftsmechanismus, in dem verdinglichte, obrigkeitliche Machtzentren in sich zirkulierend ein Konkurrenzverhältnis eingehen. Es versteht sich: hier ist die Rede von Parteien verschiedener Richtung aber gleichen Typus: von Ordnungsparteien, die - spinozistisch gesprochen - sich in dem Modus, nicht in der Substanz einer konservativen Politik unterscheiden.


Zitat von Pareto Trattato, zitiert in: Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (1993), "Bürgerschaft und Herrschaft", Nomos in Baden-Baden (S. 227)
Die Geschichte ist ein Friedhof von Eliten.
Geschichte ist die Geschichte der Befreiungskämpfe

Doch nicht nur Eliten schreiben Geschichte. Politische Verhältnisse wie die Beteiligung sozialer Schichten in Führungsgremien, die Ausformulierung von Gesetzen, die Eigentumsverhältnisse und Macht in Betrieben oder die Gültigkeit von Grundrechten, entspringen auch gesellschaftlichen Aufständen, die nicht immer von Eliten inszeniert werden. Proteste ohne Eliten sind meist an ihrer relativen Unstrukturiertheit zu erkennen, sie werden in der Öffentlichkeit als chaotisch wahrgenommen. Aber diese Öffentlichkeit ist dominiert von den Eliten, die ihre Sichtweise durchsetzen und jeden politischen Protest sofort zu einer Sache der Eliten umzufunktionieren versuchen, in dem Teile der Eliten den Aufstand vereinnahmen und als eigenes Durchsetzungspotential nutzen.

Viele Aufstände entstehen aber ohne Eliten. Selbst in der jüngsten deutschen Geschichte ist das bei den Sozialprotesten nach der Jahrtausendwende ("Montagsdemos") ebenso der Fall gewesen wie voraussichtlich bei den Protesten gegen die DDR-Regierung 1989. In beiden Fällen haben politischen Eliten aber sehr schnell die Führung an sich gerissen, den selbstorganisierten Protest damit getötet, aber die Kraft des Protestes in eine Stärkung ihrer eigenen politischen Einflussmöglichkeiten umgesetzt. Am Ende der DDR herrschte die CDU, während die späteren Montagsdemos von der sich dann gründenden Partei Die Linke transformiert wurde).

So traurig die meisten Verläufe auch sind hinsichtlich des Unvermögens, sich selbst und horizontal zu organisieren sowie gleichzeitig die Vereinnahmungs- und Führungsversuche bisheriger oder neuer Eliten von sich zu weisen, so bleiben die führungslosen Phasen doch nicht ohne Wirkung. Ohne sie wäre so manche Veränderung nie gekommen. Denn selbst wenn Eliten Bewegungen vereinnahmen, geht der Impuls auf die unorganisierten Anfänge zurück. Nicht immer werden die damit verbundenen Inhalte vollständig verdreht - und daher bleiben auch die spontanen Befreiungskämpfe außerhalb der Eliten ein Antrieb der Geschichte.
Elitenkämpfe und Befreiung können zudem unabhängig voneinander existieren und in gleiche Richtungen wirken. Der Kampf um repressionsarme oder -freie Räume z.B. in der HausbesetzerInnenbewegung oder heute im Internet sind Beispiele hierfür. Aktionen "von unten" und Rivalitäten von Eliten fanden bzw. finden hier gleichzeitig statt, aber auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen.

Möglich bleiben zudem selbstbefreiende Kämpfe, die von Eliten nicht beachtet werden oder diese wirksam fernhalten. Selten geschieht dieses in Form einer abrupten, zeitlich beschränkten Auflehnung oder gar einem Aufstand. Letztere sind meist von Eliten geführt, die wütende Menschenmassen lenken oder benutzen (siehe oben). Verbreitet hingegen sind Prozesse, die gar nicht besonders auffallen, aber dennoch wirken, weil sich Ideen, Überzeugungen und Sichtweisen langsam verbreiten - oft von unten nach oben innerhalb gesellschaftlicher Hierarchien. Der Wandel setzt sich "graswurzelartig" fort.

Geschichte ist die Geschichte der Produktivkraftentwicklung

Produktivkraft ist mehr als Produktion. Gemeint ist die Fähigkeit des Menschen, seine Umgebung zu formen, seine Lebensbedingungen selbst zu gestalten und dabei Werkzeuge aller Art (im weitesten Sinne) zu entwickeln, die ihm bei der Umgestaltung helfen und somit die Produktivkraft erhöhen. Zudem sammelt er Know-How - sowohl als einzelne Person wie auch in der Gesamtheit.
Fraglos: Diese Fortentwicklung der Produktivkraft ist eine ständige Weiterentwicklung, auch wenn es geschichtliche Epochen und Strömungen gab, die Wissens- oder Werkzeugfortschritte zurückdrehen wollten (mensch denke nur an die Vernichtung vieler selbständig denkender Menschen, überwiegend Frauen, unter der Verschleierung als Hexenverbrennung oder die künstliche Zerstörung von Städten und Bildungseinrichtungen unter den Roten Khmer in Kambodscha).

Anders als die Konkurrenzkämpfe stellt die Produktivkraftentwicklung weitgehend einen voranschreitenden Prozess dar, ist also ein zentraler Antrieb der Evolution des Menschen und der Gesellschaft. Allerdings ist sie nicht die einzige Kraft - und erst recht nicht der einzige geschichtsbildende Einfluss. Das mag mensch mitunter bedauern, aber Destruktivkräfte haben immer auch eine Rolle gespielt und die Geschichte der Menschen mitgeschrieben.
Es wäre zudem eine Vereinfachung, menschliches Leben, Sprache und andere Kommunikation, Streit und Kooperation, Distanz und Nähe zwischen Menschen immer nur als Ausdruck der Steigerung von Produktivkraft zu bewerten. Kunst, Solidarität, Liebe und alles - nur Produktivkraft?
Dennoch ist dieser Aspekt so wichtig, dass ihm ein besonderer Text gewidmet sein soll.

Geschichte ist die Geschichte der Diskurse und Deutungen

Menschen denken meist in Begriffen, Kategorien und Wertungen. Das hat praktische Vorteile, um sich z.B. ein Abbild der Welt im Kopf zu machen, Vorgänge einzuordnen und sich mit anderen zu verständigen. Die Einordnung des Wahrgenommenen in solche Denkmuster führt zu einer stets subjektiven Aufnahme neuer Informationen. Abweichende Kategorien und Begriffe können dann zu Missverständnissen oder Deutungsfehlern in der Kommunikation führen.
Allerdings entstehen Begriffe, Kategorien und Wertungen nicht individuell, sondern sind selbst wieder Teil sozialer Beeinflussung und Interaktion. Was unter einem Begriff zu verstehen ist, welche Assoziationen er hervorruft und wie Wahrgenommenes in das vorhandene Schema von Begriffen, Kategorien und Wertungen eingebaut wird, ist stark von der jeweiligen kulturellen Prägung abhängig. Diese unterscheidet sich bereits kleinteilig voneinander. So wird ein Arbeiter im VW-Werk oder die Arbeitssuchende bei der Hartz-IV-Vergabestelle etwas ganz anderes mit dem Begriff "Arbeit" verbinden als eine studierte Marxistin, die im Theorieseminar oder Rotweinzirkel diskutiert. Der Physiker, der Berechnungen zu Leistung und Kraft von Maschinen anstellt, hat wiederum einen anderen Begriff im Kopf.

Dennoch sind die Bedeutungen nicht willkürlich. Sie können formal definiert sein (wie der Begriff "Arbeit" in physikalischen Gleichungen) oder durch prägende Denkmuster und ihre ständige Reproduktion in Sprache, Bildern und anderen Ausdrucksformen dominiert sein. Der Prozess, der mehr oder weniger gleichgeschaltete Deutungen erzeugt, wird Diskurs genannt. Sie haben mächtigen Einfluss auf die Gesellschaft, weil aus ihnen praktisches Handeln folgt. Da aus der sozialen Eingebundenheit des Menschen folgt, dass Denken und Werten immer beeinflusst werden kann, stellen die Diskurse und ihre Steuerung ein mächtiges Mittel der Bevölkerungskontrolle dar. Dass Arbeit (im Sinne von Erwerbsarbeit) das Image eines Menschen ausmacht, hat mehr Einfluss auf den Drang von Menschen, unbedingt ihre Arbeitskraft verkaufen zu wollen, als die Kontrollperson in der Arbeitsagentur. Der Respekt vor Eigentum, die Angst vor Kriminalität, der Hass auf AusländerInnen, die Sorge um den Standort Deutschland, die Ehrfurcht vor Roben-, Kittel- und TitelträgerInnen - all das folgt aus Diskursen. Mit ihnen verbunden sind Formen von Kontrolle und Unterdrückung, die der passende Diskurs legitimiert. Das ist keine Überraschung, denn durch Privilegien entstehen unterschiedliche Einflussmöglichkeiten auf die Diskurse. Deren Steuerung ist also vor allem Sache der Eliten. Die dort stattfindenden Konkurrenzkämpfe, aber auch soziale Kämpfe und Einzelimpulse von nicht privilegierten Kreisen oder Personen können neue Diskurse entfachen. Denn die Verteilung der Steuerungsmacht über Diskurse ist zwar sehr ungleich verteilt, aber ganz kontrollierbar sind sie für die Mächtigen, Führungsgremien oder Eliten nicht. Das Ringen um die Deutung gesellschaftlicher Ereignisse und Zustände ist daher ein Parameter von Geschichte. Er wird angesichts der medial geprägten "Wissensgesellschaft" immer wichtiger.

Geschichte ist die Geschichte der externen Autoritäten

Ausübung von Herrschaft bedarf, um dauerhaft wirksam zu bleiben, der Androhung und bei Bedarf auch Anwendung massiver Gewalt oder einer Legitimation, die Befehl und Gehorsam, Ausbeutung und Unterdrückung zu einem Akt von Schicksal, externer Kräfte oder höherer Vernunft machen. Der Legitimationshintergrund hat im Laufe der Geschichte gewechselt - notwendig war aber immer einer. Mit dem Wechsel ging regelmäßig auch ein Austausch der konkreten Personen oder gesellschaftlichen Schichten einher, die die Machteliten bildeten.

Erfolgreich waren Legitimationen immer dann, wenn sie auf Diskurse und Ängste aufsetzen konnten, die ohnehin in breiten Schichten der Bevölkerung vorhanden waren. Dazu gehören die Religionen, die aus den zunächst unerklärlichen und bedrohlich wirkenden Naturereignissen eine Existenz höherer Mächte ableiteten. Sie taten das in einem sich über die Jahrtausende wandelnden Prozess des Entwerfens immer neuer Bilder irgendwelcher Gottheiten oder fremder Energien, außerirdischer Welten, Totengründe und mehr. Blitz, Donner, Krankheiten oder andere, vorübergehende Unerklärlichkeiten konnten erfolgreich zu Ausdrucksformen der externen, höheren Mächte umgedeutet werden. Vielen Menschen verfielen, ob nun aus Angst vor den unbeherrschbar erscheinenden Naturgewalten oder aus Opportunismus gegenüber den jeweiligen MachthaberInnen, dem Glauben an höhere Autoritäten und ließen sich eingemeinden in das Kollektiv der Gläubigen, das seine phantasievoll kreiierten Welterklärungsmodelle einerseits von Generation zu Generation weitergab und andererseits in absurden Schlachten anderen Menschen, die sich andere Erklärungsmärchen zurechtgelegt hatten, aufdrückte.
Immer aber schufen die Erzählungen Legitimation für die Ausübung von Herrschaft. Alle Religionen teilen den Menschen Rollen zu, verbunden mit unterschiedlicher Gestaltungsmacht in der Gesellschaft. Diese ist nun nicht mehr willkürlich durchgesetzt, sondern basiert auf höheren Weihen: Der Papst wird, selbst wenn er noch so wirres Zeug von sich gibt, als Stellvertreter Gottes betrachtet. Tausende von KirchenfunktionärInnen kanzeln die unterdrückte Bevölkerung mit Meinungen und Anweisungen ab, die sie als Verkündung höherer Weisheiten verpacken und mit Drohungen vor göttlichen Strafen verbinden, um andere gefügig zu machen.

Dieser Legitimationshintergrund modernisierte sich im Laufe der Geschichte, mitunter in blutigen Übergangsschlachten zwischen den Religionen oder in Folge der Aufklärung, die allerdings nicht die Emanzipation der Menschen, sondern nur den Wechsel der höheren Autoritäten verkündete. Fortan erschien die Handlungsanweisung wahlweise als kategorischer Imperativ, als Recht göttlichen Ursprungs oder im Namen des Volkes - alles weiterhin freie Erfindungen, die Ausübung von Macht legitimierten. Die Neuerungen entsprangen geschichtlichen Entwicklungen, die das Denken aus der Umklammerung verkrusteter und nur noch mit brutaler Gewalt aufrechterhaltener Weltanschauungen befreiten. Sie waren aber auch notwendig, um durch den Wechsel der Hintergrundautoritäten der Ausübung von Herrschaft einen neuen, ebenso wirksamen Legitimationshintergrund zu erhalten. So konnte der Glaube daran, dass Regieren, Gesetze oder Strafen sinnvoll und notwendig sind, genau deshalb neu mit Leben gefüllt werden, weil nicht mehr hammerschwingende muskulöse oder bärtige alte Männer in irgendwelchen Himmelsreichen als Ursprung gelten, sondern das Volk - und das scheint doch dann irgendwie demokratisch, folglich gut und akzeptabel zu sein. Wer das eigentlich sein soll, dieses "Volk", wodurch es entsteht und wer es aus welchen Interessen zurechtphantasiert, wird selten gefragt. Dabei wäre Anlass genug dazu, z.B. am Ende jeden Gerichtsverfahren, dass mit einem Urteil abschließt und dann immer "im Namen des Volkes" verkündet wird. Kaum jemand der ZuschauerInnen (wenn mal welche da sind) wird hier das Gefühl bekommen, mit dem Begriff "Volk" gemeint zu sein. Wer aber ist "Volk" dann? Es ist nichts anderes als das frühere Konstrukt "Gott" - nämlich eine Fata Morgana, die notwendig ist, um die Macht zu legitimieren.

Emanzipation: Das Herrschaftsförmige aus den Beziehungen verdrängen

Emanzipation bedeutet Befreiung und Ausdehnung von Handlungsmöglichkeiten. Sie enthält also sowohl die Befreiung von etwas wie auch die Freiheit zu etwas. Dabei ist sie als Prozess gedacht, was schlicht eine realistische Annahme zum einen über die Prozesse der Befreiung "aus rechtl., polit.-sozialer, geistiger oder psych. Abhängigkeit" (Meyers Taschenlexikon) darstellt als auch bereits mitdenkt, dass die Ausdehnung von Handlungsmöglichkeiten nur als evolutionärer Prozess gelingt, da jede neue Entwicklung erst die Chance zur weiteren Entwicklung auf dem erreichten Niveau schafft.

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Def. von "Emanzipation" in Meyers Taschenlexikon
Befreiung von Individuen oder sozialen Gruppen aus rechtl., polit.-sozialer, geistiger oder psych. Abhängigkeit bei ihrer gleichzeitigen Erlangung von Mündigkeit und Selbstbestimmung.

Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau
Emanzipative Prozesse im libertären Sinne, zeichnen sich gerade durch Infragestellungen aus, die nicht nur eine Umstrukturierung von Herrschaft beabsichtigen, sondern die in der Lage sind, das Wesen der Herrschaftsstrukturen selbst anzuzweifeln. Dieser oft schwierige Schritt des Zweifels, bedarf eines, über den Ist-Zustand der Gesellschaft hinausreichenden Maßstabs, der die Menschen in die Lage versetzt, sich gedanklich über die Ebenen/Grenzen der vorgefundenen Gegebenheiten hinwegzusetzen. ... (S. 45)
Emanzipation in unserern Verständnis strebt eine Form der Mündigkeit und Selbstständigkeit an, die immer wieder aufs Neue die gesetzten Grenzen anzweifelt, die letztlich in der Auseinandersetzung, Überprüfung und auch in der Überschreitung des "Gegebenen" ihre eigenen Maßstäbe zu entwickeln vermag. Sie beschreibt in diesem Sinne einen dynamischen Prozess des Lernens, des EntwickeIns eigener Stärke gegen Widerstände, der nicht in der banal selbstaufgewerteten Position endet, sondern der in der Lage ist, auch gerade diesen Prozess der Aufwertung (der u.U. andere entwertet) in Frage zu stellen. Emanzipation unter anarchistischer Vorstellung, steht für den Versuch der Annäherung an eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Dieser Prozeß ist abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und somit nicht linear und starr, sondern auch mit dem Wesen von "Versuch und Irrtum“ behaftet. Nicht zuletzt die immer wieder neu entstehende Schwierigkeit mit eigener, während emanzipativer Schritte entstehender, Macht und Stärke umzugehen, macht das Bemühen um herrschaftsfreien Umgang, und das Streben nach einer Gesellschaft ohne Staat, zu einer nicht endenden Auseinandersetzung. (S. 48)


Aus Marx, Karl (1988, 15. Auflage): "Zur Judenfrage" in: MEW 1 (S. 370), Dietzverlag in Berlin
Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst. Die politische Emanzipation ist die Reduktion des Menschen, einerseits auf das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, auf das egoistische unabhängige Individuum, andererseits auf den Staatsbürger, auf die moralische Person. (...) erst wenn der Mensch seine 'forces propres' als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.

Aus Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 17)
Der Unterschied zwischen der Bewusstwerdung der eigenen Kräfte als politische und der Bewusstwerdung jener als gesellschaftliche Kräfte, ist die Beschränkung der Handlungsmöglichkeiten beim ersteren auf vorgegebene politische Verfahrensweisen, wogegen bei der zweiten Variante die Überwindung der konventionellen und institutionalisierten politischen Strukturen hinzukommt. Ähnlich gelagert – nur um den Prozesscharakter erweitert – ist die Trennung von Martin Greiffenhagen in ein konservatives und ein progressives Verständnis von Emanzipation. Ein konservatives Verständnis liegt vor, wenn im statischen Sinne die „Freilassung einzelner oder Gruppen innerhalb eines unerwünschten Herrschaftsgefüges“ gemeint ist. Ein progressives dagegen wäre „ein prozeßhaftes Verständnis, welches das politische Gefüge selbst in Frage stellt und in die Emanzipationsbewegung einbeziehen will.“

In diesem Sinn verbindet die Idee von Emanzipation die verschiedenen Aufhebungen von Beschränkung. Sie will die Produktivkraft der einzelnen Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse steigern, sie will die Handelnden aber gleichzeitig befreien aus formalen Schranken, will ihnen die Fähigkeit vermitteln, Diskurse zu hinterfragen, um eigene Überzeugungen bilden zu können. Ebenso will sie allen Menschen den Zugang zu den Handlungsmöglichkeiten schaffen, die in einer Gesellschaft entwickelt sind - vom Gebrauch der Hilfsmittel und Techniken bis zu Wissen und praktischen Erfahrungen.
Allerdings gibt es kein Rezeptbuch der Emanzipation. Auch der Entwurf von Utopien, wie eine Gesellschaft nach emanzipatorischer Wandlung aussehen kann, hilft nur als Anregung und Gedankenmodell. Denn erstens ist Emanzipation ein immerwährender Prozess, weil jeder Schritt der Befreiung und neuer Handlungsmöglichkeiten die Ausgangslage des weiteren Fortschreitens verändert, d.h. in der Regel die Optionen erweitert. Insofern müssten auch die Entwürfe der Utopien ständig fortgeschrieben werden. Sie sind ein Brainstorming zur Zukunft durch die Brille der Gegenwart, die aber schon morgen veraltet sein kann und wird.
Zweitens gibt es auch keinen Schalter, der umgelegt werden könnte, um eine gewünschte Zukunft zu erreichen. Zwar sind politische Umstürze oder kriegerische Eroberungen in der Lage, geschichtsträchtigte und groß erscheinende Veränderungen zu erzeugen. Aber das gilt vor allem vor den Augen einer auf zentrale Machthandlungen fixierten Geschichtsschreibung. Die in der gesamten Gesellschaft gestreuten, aber zur Zeit sehr ungleich verteilten Machtressourcen, eben die Diskurse oder der Zugriff auf Produktionsmittel, verändert sich bei solchen scheinbaren Sprüngen wenig oder gar nicht. Befreiung bedeutet hier, die Zwänge, gesteuerten Deutungen, ungleich verteilten Ressourcen und Zugangsberechtigungen sowie die formalisierten Normen in allen Situationen und Zuständen zu enttarnen, zu hinterfragen und zu überwinden. Zusammengefasst: Es gilt, das Herrschaftsförmige in den Verhältnissen, von der gesellschaften Ebene über die Subräume, in denen wir uns bewegen (Gruppe, Familie, Firma, Verein), bis in den Alltag zu entdecken und Strategien zu entwickeln, sie zu reduzieren oder ganz zu beseitigen. Daher stellt sich die Frage, in welchen Formen Herrschaft auftreten kann, um sie lokalisieren, hinsichtlich ihrer Wirkmechanismen entlarven und erfolgreich bekämpfen zu können.

Was ist Herrschaft?

Herrschaft ist ein komplexes, sich gegenseitig verstärkendes und sicherndes sowie ständig selbst reproduzierendes Phänomen. Es schafft Strukturen, innerhalb derer die Anwendung von Herrschaft für die Menschen funktional ist und der Verzicht auf Herrschaft der Selbstaufgabe gleich kommt. Versuche, diese Herrschaft zu beschreiben, können nur Hilfsdefinitionen liefern, die das Unbeschreibbare zwecks rationaler Fassbarkeit in Begriffe und gedankliche Schubladen packen. Im Text „Ohne Herrschaft ginge viele nicht – und das wäre gut so“ teilte die Gruppe Gegenbilder (siehe unten und im Buch "Autonomie&Kooperation") Herrschaft in fünf Typen:

Herrschaft als alles durchdringender, sich ständig reproduzierender Systemkern

Herrschaft ist überall und tritt in verschiedenen Formen auf. Ebenso reproduziert sich Herrschaft auf sehr unterschiedliche Weise. Die institutionellen Formen werden über formale Herrschaft organisiert. Sie treten innerhalb der Gesellschaft im Großen (Regierungen, Konzern-Hierarchien, Bildungssystem usw.) wie im Kleinen (Vereine, Familien, Arbeitsplatz/Ausbildung usw.) auf, sind also überall präsent, überlagern und beeinflussen sich. Fast immer ist jeder Mensch in jedem Augenblick in mehreren formalen Herrschaftsverhältnissen gefangen.

Noch durchdringender sind weitere Typen von Herrschaftsverhältnissen: Erstens das marktförmige, also die ständige Notwendigkeit zur markt- und meist geldförmigen Reproduktion sowie die Taxierung aller Dinge und immer öfter auch von Menschen nach ihrem Warenwert. Zweitens das diskursive, also die Normen, Erwartungshaltungen, Zurichtungen und Rollenlogiken zwischen den Menschen. Sie beherrschen den Alltag der Menschen in jeder Minute. Menschen richten ihr Verhalten nach den Erwartungshaltungen des sozialen Umfeldes aus, taxieren einander nach Nützlichkeit, versuchen ihre Rolle auszufüllen und fordern von anderen selbiges ein - vielmals sehr unterschwellig, aber deshalb nicht weniger wirksam. Ob mensch einkaufen geht oder nur spazieren, ob mensch schläft oder wacht, fernguckt oder Fußball spielt - immer gelten die Normen, immer ist definiert, was sich in diesem Moment und für die konkrete Person gehört. Regeln, Wertkategorien und mehr durchziehen das gesamte Leben („Bio-Macht“).

Herrschaft bedeutet das Privileg, etwas zum Nachteil anderer tun zu dürfen, ohne selbst negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Das stellt ein entscheidendes Motiv dar, auch herrschaftsförmig zu handeln. Beständige Macht über andere zu haben, ist also selbst der Auslöser, diese auch zu gebrauchen. Deshalb ist auch die Theorie, durch Kontrolle die Ausübung von Herrschaft einhegen zu können, sinnlos, denn in der Konsequenz würden bestimmten Menschen neue Privilegien zugebilligt, die ihnen Kontrollmöglichkeiten eröffnen. Wenn aber Herrschaft sich selbst auslöst, so würden diese Privilegien vor allem zur Ausübung von Macht führen - dann unkontrolliert. Folglich ist es kein Wunder, dass

Herodot führte es in seinen "Historien" aus: "Wie kann die Alleinherrschaft etwas Rechtes sein, da ihr gestattet ist, ohne Verantwortung zu tun, was sie will? Auch wenn man den Edelsten zu dieser Stellung erhebt, wird er seiner früheren Gesinnung untreu werden. Das Gute, das er genießt, erzeugt Überhebung, und Neid ist dem Menschen schon angeboren." (III. Buch 80, zitiert nach: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 21))
Genützt hat die Warnung wenig. Bis heute sind gerade die höchsten WächterInnen über Recht und Ordnung besonders gut angesehen - sei es das Bundesverfassungsgericht oder internationale Institutionen. Das zeigten einen naiven Glauben an das Gute von oben, obwohl klar ist, dass jede privilegierte Stellung gerade die Ausübung von Herrschaft provoziert. Das bedeutet dann, dass Machtgebrauch immer zum Machtmissbrauch tendiert.

Dieses „System“ Herrschaft durchzieht alles und reproduziert sich ständig neu. (Fast) alle Menschen sind nicht nur beherrscht durch Institutionen, Rollen und Erwartungshaltungen, Normen und Zurichtungen, Inwertsetzung und Verkauf der eigenen Fähigkeiten, sondern agieren auch selbst als aktives Subjekt zur Herstellung von Herrschaft. Menschen werden zugerichtet und richten zu. So durchdringt Herrschaft alle Beziehungen zwischen Menschen. Besonders offensichtlich wird das bei der Betrachtungsweise der Gesellschaft als eine räumliche Einheit. Der Gesamtraum ist herrschaftsförmig organisiert, es gibt die Institutionen der Macht, die Kontrolle, die Regeln und Gesetze sowie eine Vielzahl subtiler Formen der Normierung und Zurichtung. Der Gesamtraum kann in viele Subräume zerlegt werden - und immer wieder finden sich die gleichen Logiken von Herrschaft. Immer und immer weiter ist Gesellschaft bis in kleinste Zellen menschlichen Zusammenlebens zerteilbar. Die Zellen überschneiden sich, kaum ein Mensch ist nur Teil einer Familie oder nur Teil der MieterInnen in einem Haus, der ArbeitnehmerInnen am Arbeitsplatz, der SchülerInnen in einer Klasse usw. Aber in jeder Zelle spiegelt sich das volle Programm von Herrschaft wieder. Diese Zellen sind ständig im Fluß, sie vergehen und andere entstehen neu. Diese Neuentstehung ist der deutlichste Punkt, wie Herrschaft funktioniert und allgegenwärtig ist bzw. sich reproduziert. Wo neue soziale Gruppen entstehen, z.B. Vereine, Firmen, Familien oder eben auch politische Gruppen und Zentren, so ist jedes Mal theoretisch zunächst ein leerer Raum geschaffen. Die Frage der Herrschaft muss sich dort neu regeln. Es spricht nicht für die Existenz eines Naturgesetzes ist, dass sich Herrschaft dort von selbst organisiert. Das „System“ von Herrschaft erscheint weder aus biologischer Sicht irgendwie schlüssig noch erfolgreich. Dennoch wird Herrschaft in jedem neu geschaffenen Raum wieder neu hergestellt. Die Logiken gleichen denen des Umfeldes mit einer Tendenz zur ganz allmählichen, stetigen Modernisierung der Formen von Herrschaft, ohne selbige ganz oder teilweise zu überwinden. Die diskursiven Vorgaben sorgen dafür, dass Menschen sofort in ihre Rollen springen und „wie von selbst“ Verhaltensweisen reproduzieren, die die AkteurInnen auch vorher in anderen Subräumen zeigten. Veränderungen, bei Menschen immer möglich, bewegen sich in den Kanälen des Normalen und Normierten, d.h. Personen springen von einer Rolle zur anderen, aber selten raus aus den gesellschaftlich vorgedachten, diskursiv geprägten Rollentypen. Meist verbinden sich die diskursiven Verhältnisse mit marktförmigen Zwängen, die in allen Subräumen reproduziert werden - Reiche bleiben reicher als andere, ständig wird über Geld und davon abhängige Möglichkeiten nachgedacht usw. Schließlich wirken bei der ständigen Herstellung von Herrschaft formale regeln: Wer kommt ans Konto ran, hat die Schlüssel zu einem Raum, kann nach außen vertreten, ist formaleR ChefIn, wird von außen als Autorität angesprochen oder dargestellt usw. Das tritt auch in politischen Bewegungen auf, d.h. auch diese trägt zur ständigen Reproduktion der gängigen Herrschaftsmuster bei.

Herrschaft ist also etwas, was sich selbst immer wieder herstellt. Das ist Normalität. Emanzipation ist daher nur als energischer und aktiver Gegenprozeß vorstellbar. Die politische Bewegung ist das beeindruckendste Beispiel für die Überlegenheit des allumfassenden „Systems“ Herrschaft selbst gegenüber dem formulierten Willen der AkteurInnen. In krassem Gegensatz zu den eigenen Slogans, ständigen Beteuerungen und politischen Positionen sind politischen Zusammenhänge insgesamt und in jedem Subraum von Hierarchien und genormten Verhalten intensiv durchzogen. Zurichtungen, Erwartungenshaltungen, unterschiedliche Möglichkeiten, die ständige Sortierung nach Nützlichkeit oder auch formale Hierarchien prägen den Alltag politischer Arbeit. In jeder neuen Gruppe und in jedem neuen Projekt reproduziert sich diese Herrschaft ständig - und sie gleicht den Logiken von Herrschaft, wie sie in der Gesellschaft auch insgesamt gelten. Insofern ist politische Bewegung ein fester Bestandteil des „Systems“ - sie ist ebenso an der Aufrechterhaltung von Herrschaft beteiligt wie jeder andere Teil von Gesellschaft. Das ist nicht überraschend, sondern entspricht der Logik einer sich diskursiv, marktförmig und institutionell im gesamten Leben verankernden und überall reproduzierenden Herrschaft. Aber es ist fatal. Politische Bewegung ist nicht das Gegenmodell zur Herrschaft, sondern eher „zuständig“ für die Organisierung von Herrschaft in den Subräumen politischer Arbeit. Sie ist damit systembildend, ob sie will oder nicht. Noch mehr: Gerade die Selbstreproduktion von Herrschaft in „linken“ politischen Gruppen führt zur Modernisierung von Herrschaft, weil dort verkrustete, allzu offensichtliche oder uneffiziente Führungstechnologien offensiver in Frage gestellt und durch neue Techniken ersetzt werden. Auch von daher ist nicht überraschend, dass es gerade Ex-„Linke“ sind, die nach Erklimmen der Karriereleiter später an anderer Stelle der Gesellschaft Herrschaft moderner umsetzen und erneuern - siehe die effizienten neoliberalen „Reformen“ gerade rot-grüner und rot-roter Koalitionen oder die Modernisierung zentralistischer NGO-Strukturen durch die instrumentellen Herrschaftsverhältnisse bei Attac oder, noch neuer, Campact und .ausgestrahlt. Selbst „linksradikale“ Organisierungen mit Plena, Delegiertenräte und Orga-Gruppen vollführen in diesem Sinne nur Modernisierungen überkommener Strukturen wie Mitgliederversammlungen und starrer Hierarchien. Gerade in politischen Gruppen, die wie alle kleinen und großen Strukturen Subräume der Gesellschaft, d.h. teil-eigenständig, aber intensiv verwoben mit allem sind, ist die ständige Reproduktion von Herrschaft gut zu er erkennen:

Gleiches gilt für die Menschen, die Emanzipation anstreben, für ihre Lebensbereiche. Familien, (Nicht)Arbeitsplatz, Freizeittreffen ... alles kann schnell zur Reproduktion von Herrschaft oder zum Kampffeld der wichtigsten gesellschaftlichen „Schlacht“ werden - der um die ständige Wiederherstellung und Erneuerung von Herrschaft oder deren Überwindung.

Herrschaft als Prozess auf Gegenseitigkeit

Offen bleibt aber die Frage, ob Herrschaft wie ein Naturgesetz alles Soziale durchzieht, weil der Mensch von Natur aus "so ist" bzw. er Herrschaft und Orientierung braucht, um zu überleben. Oder ob es aufgrund der überwältigenden Prägung von Gesellschaft durch das Prinzip „Herrschaft“, aufgrund von Zwängen und Erwartungshaltungen nur unendlich schwer fällt, diese Vereinnahmung zu sprengen. Denn Herrschaft ist als alles durchdringender Prozess zur Alltagsnormalität der Menschen geworden, wird daher selten reflektiert, fällt kaum noch als etwas Besonderes auf und, das ist das Paradoxe, scheint sogar auch für die Beherrschten von Nutzen zu sein. Denn für sie fällt aus der Unterwerfung unter die vorhandenen Gesetze, Hierarchien, Institutionen und Normen ebenso ein Nutzen ab wie durch die Übernahme geltender Normen und Diskurse. Die Einbettung in den Strom der Gesellschaft (im Sinne des Bildes "Tote Fische schwimmen mit dem Strom") ist funktional und sichert das individuelle Überleben, vermeidet Gefahren und gibt Zugang zu - wenn auch begrenzten - Quellen der Reproduktion. Vor allem aber gibt es das gute Gefühl, dazuzugehören, keine Außenseiterposition einzunehmen und den eigenen Weg nicht ständig gegenüber einer abweichenden Außenwelt gegenüber und vor sich selbst legitimieren zu müssen.
Herrschaftsverhältnisse sind damit auch eine Sache auf Gegenseitigkeit, allerdings dabei stark motiviert durch den Entzug von Alternativen und die Angst vor Abweichung.

Eine Aussage darüber, ob Herrschaft überwindbar und ein Leben freier Menschen in freien Vereinbarungen möglich ist, kann nur über den Versuch und die Auswertung desselben erfolgen. Dabei ist der Versuch ein dauernder Prozess, denn Befreiung im emanzipatorischen Sinne stellt ein ständiges Zurückdrängen von Herrschaftsförmigkeit aus allen Ebenen von Gesellschaft und allen Facetten von Leben dar. Welche Gesellschaft dann entsteht und sich wieder weiterentwickelt und wie sich Menschen von ihren Möglichkeiten selbstbestimmten Lebens verändern, bleibt immer offen.
Für die Frage, ob es sinnvoll ist, das Herrschaftsförmige aus allen sozialen Beziehungen und Verhältnissen zu verbannen, ist das aber nicht entscheidend. Denn sowohl für den Fall, dass Herrschaft genetisch oder naturgesetzlich erforderlich ist, als auch für den gegenteiligen oder einen anderen Fall wäre es für eine politische Praxis mit emanzipatorischem Anspruch richtig, jede Form von Herrschaft, also von Normierungen, Zwängen, Hierarchien usw., zurückzudrängen. Der Versuch wird zeigen, wieweit der Prozess vorangetrieben werden kann - eben dann auch abhängig von den naturgegebenen Ausgangsbedingungen. Es gibt keine Chance zur abschließenden theoretischen Klärung, sondern nur den Versuch. Denn der Prozess verändert stetig die Bedingungen und Erkenntnisse.

Zum nächsten Text im Kapitel über die Geschichte sozialer Organisierung: Die Formen einer Menschenmenge

Ohne Herrschaft ginge vieles nicht - und das wäre gut so!

Ein Text von zur Definition und Wirkungsweise von Herrschaft sowie Grundanforderungen emanzipatorischer Politik
Quelle: Jörg Bergstedt, Gruppe Gegenbilder (aus dem Buch "Autonomie & Kooperation")

Der folgende Text ist der Versuch, den Begriff der Herrschaft zu fassen und einen Rahmen zu stecken für die Debatte um herrschaftsfreie Gesellschaft. Zudem soll er die Rahmenbedingungen und Strategien emanzipatorischer Politik ausleuchten und ansatzweise abstecken. Der Text steht neben anderen, die das Phänomen „Herrschaft“ zu beschreiben versucht haben - unterscheidet sich aber vor allem dadurch, dass er sehr stark auf eine Praxis gesellschaftlicher Veränderung und gesellschaftlichen Handelns ausgerichtet ist.

Worum geht es?

Eine bessere Welt – das reicht!
Eine Gesellschaft “Freier Menschen in Freien Vereinbarungen” ist eine konkrete Utopie, deren genaue Form nicht abgeschätzt werden kann. Zu groß ist der Unterschied zu den herrschaftsförmigen Gesellschaften der Gegenwart und Vergangenheit - und damit zu schwierig die Vorhersagbarkeit des individuellen und sozialen Verhaltens von Menschen ohne Zwangsverhältnisse. Anzunehmen ist, ist nach einem Prozeß des Abbau bekannter Herrschaftsverhältnisse noch weitere zum Vorschein kommen - die Emanzipation, d.h. die Loslösung und Überwindung von Zwängen, von Herrschaft und Beherrschung aller Art, wird ein langer, wahrscheinlich immerwährender Prozeß. Der Entwurf einer einheitlichen Utopie als zukünftiger Gesellschaftsform im herrschaftsförmigen Hier und Jetzt würde eine Vorgabe sein, die eher eine Beschränkung als einer Befreiung gleich käme. Daher sind Zukunftsentwürfe nur Möglichkeiten, jedoch ihre Beschreibung wichtig, da sie beschreiben - wenn auch aus der aktuellen Perspektive -, dass schon jetzt herrschaftsärmere Entwicklungen denkbar und erstrebenswert sind. Eine abschließende Diskussion über die Details, über Machbarkeit und notwendige Vereinbarungen in der Zukunft wird angesichts des durch Herrschaftsverhältnisse beschränkten Horizontes, der eigenen Zurichtung auf herrschaftsförmige Wahrnehmung von Menschen und Gesellschaft sowie der nicht vorhandenen Erfahrungen kaum zu führen sein. Viele Möglichkeiten werden aus der heutigen Sicht gar nicht vorstellbar sein, so dass eine Festlegung einer Selbstbeschränkung gleich käme. Zudem muss noch ein weiteres Hindernis in der Diskussion ausgeräumt werden. Eine Analyse von Herrschaft und der Entwurf von Ideen und Konzepten einer herrschaftsfreien Gesellschaft muss nicht zu einer perfekten Welt führen. Es reicht, gegenüber dem heutigen Zustand erstens eine spürbare Abnahme von gewaltförmigen Beziehungen zwischen Menschen zu erlangen und zweitens die Situation so zu gestalten, dass ein immerwährender Prozeß möglich ist. Das würde reichen, um die Entwürfe als erstrebenswert zu empfinden und dafür einzutreten.

Worum geht es?
Die Fragestellung nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft ist also nicht die nach dessen exakter Form. „Wie sieht eine utopische Gesellschaft aus?“ ist zwar eine interessante Frage und bietet viel Raum für anregende Diskussionen. Wichtiger aber ist die nach den Verhältnissen, unter denen sich Gesellschaft entwickelt: Was stärkt heute und in herrschaftsförmigen Gesellschaften die Konkurrenz und untergräbt Kooperation? Was fördert gewaltförmiges Verhalten und Herrschaft zwischen Menschen? Umgekehrt, d.h. positiv formuliert für die gewollte Utopie, lautet die Frage: Welche Rahmenbedingungen fördern kooperatives und behindern konkurrierendes Verhalten? Unter welchen Bedingungen gehen Menschen gleichberechtigt miteinander um, entwickeln ihre eigenen Potentiale, aber organisieren die eigene Selbstentfaltung so, dass sich die anderen Menschen auch selbst entfalten können?

Der Mensch ist ein Wolf – wir brauchen den Staat?
Bei der Beantwortung solcher Fragen kommen viele Menschen zu der Auffassung, dass nur eine starke Moral den Menschen bändigen kann. Der Egoismus des Menschen stehe der Neigung zur Kooperation gegenüber - als Gegenmittel werden der Staat als aufklärerisch-kontrollierender Überbau, eine Religion oder der Appell an die Selbstzügelung genannt. Doch hinter diesen Auffassungen verbergen sich zwei entscheidende Irrtümer:

Der Egoismus als Triebfeder
Tatsächlich wäre wichtig, genau das stark zu machen und kooperativ zu nutzen, was den Menschen im Kern antreibt: Sein Egoismus, der Wille nach einem besseren Leben, das Bedürfnis nach Sicherheit bzw. Geborgenheit, Lust und Befriedigung, Selbstentfaltung und Innovation - alles also Ziele, die vom Egoismus gespeist werden. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen so sein, dass diese Motivation die freie Kooperation fördert. Wenn es besser für ein gutes Leben usw., kooperativ zu handeln, dann wird das auch eher geschehen. Gesucht sind also Rahmenbedingungen, unter denen der Antrieb zu einem besseren Leben, der Egoismus der Menschen, weitestmöglich das kooperative Verhalten fördert und konkurrierende Beziehungen verdrängt.

Mit dieser Sichtweise erledigt sich auch die Frage nach dem Menschenbild. Was ist der Mensch? Ist er gut oder schlecht, wenn er von Zwängen befreit ist? Mit der Idee der “Freien Menschen in Freien Vereinbarungen” werden nicht die Menschen beschrieben, sondern die Rahmenbedingungen. Es geht um die Frage, welche Rahmenbedingungen maximal kooperatives Verhalten fördern und welche eher konkurrierendes, Dominanz ausübendes Verhalten hervorbringen. Für dieses Ziel ist unerheblich, wie der Mensch an sich ist. So oder so ist das Ziel, kooperatives gegenüber konkurrierendem Verhalten attraktiv zu machen. Das Ergebnis wird der Prozeß zu immer mehr kooperativ-gleichberechtigten Beziehungen zwischen Menschen und der Abbau von Konkurrenz und gewaltförmigen Verhältnissen sein - von welchem Menschenbild und welcher Anfangssituation auch immer ausgegangen wird. Die erhoffte Verbesserung, das mehr an Kooperation und das weniger an Konkurrenz ist die ausreichende Motivation zum Handeln.

Was fördert Konkurrenz?
Konkurrenz und Kooperation sind keine neuen Formen menschlichen Miteinanders. Sie finden im Hier und Jetzt bereits statt. Sichtbar ist auch heute bereits, was Konkurrenz fördert und was Kooperation fördert. Das kann erste Anhaltspunkt geben, welche Rahmenbedingungen eine herrschaftsfreie Gesellschaft fördern - und welche sie verhindern. Das gibt nicht nur Grundlagen für die utopischen Entwürfe, sondern auch Ansatzpunkte für Veränderungen im Alltag und in der politischen Praxis. Zudem bietet sie einen grundlegenden Maßstab zur Beurteilung politischer Forderungen und konkreter Projekte. Daher sollen im folgenden die bereits heute spürbaren Aspekte aufgezählt werden.

Alle Herrschaftsformen wirken konkurrenzsteigernd und antiemanzipatorisch, aber sie unterscheiden sich dadurch, dass einige auf sozialisierten, aber willensmäßig veränderbaren Haltungen beruhen, andere wie Staat und Marktzwang eine über das individuelle hinausgehende Systemhaftigkeit haben, u.a. die Selbstverwertung des Wertes oder der Hang von Herrschaft zur eigenen Ausdehnung zwecks Selbstabsicherung.

Was fördert Kooperation?
Kooperation hat überall dort eine bessere Chance, wo solche oder vergleichbare Bedingungen fehlen. Kooperation und Konkurrenz bilden dabei eine Spanne - mit den beiden (utopischen) Polen der totalen Fremdbestimmung und der freien Gesellschaft. Je nach Bedingungen können sich individuelle und gesellschaftliche Verhältnisse dem einen oder anderen Pol annähern. Das Bild der Spanne zwischen Kooperation und Konkurrenz ist beliebig oft wiederholbar - in den Beziehungen des Alltag, in der materiellen Reproduktion (Arbeit, Haushalt, Konsum), in politischen oder anderen Gruppen, in Projekten oder im gesellschaftlichen Umfeld (informelle Kontakte, gesellschaftliche Arbeitsteilung, Verwaltungen, Staat). Jegliches Herrschaftsverhältnis stärkt Konkurrenz. Verschärfung von Herrschaftsverhältnissen, Ausbau von Herrschaftsstrukturen, neue Erwartungshaltungen usw. verändert die Situation immer stärker zum konkurrierenden Pol, während der Abbau von all diesem die Kooperation stärkt. Wo Herrschaft in all seinen Facetten fehlt, existiert nur noch die Gesellschaft der “Freien Menschen in Freien Vereinbarungen”.

Antrieb dafür ist der Egoismus als Drang zum besseren Leben. Innerhalb von Herrschaft ist ein besseres Leben meist über Konkurrenz organisierbar. Was ist habe, hat jemand anders nicht - egal ob das Eis, der Arbeitsplatz, die/der PartnerIn oder ein Buch. Die Verrechtlichung mit den dahinterstehenden Herrschaftsstrukturen schafft diese Situation. In einer herrschafts- und (damit einhergehend) verwertungsfreien Gesellschaft sieht das anders aus. Weiterhin bleibt der Egoismus, der Wille zum besseren Leben der Hauptantrieb des Menschen. Nun ist aber alles, weil ein Mensch für sich verbessert, auch eine Chance für alle anderen. Sie können das Neugeschaffene auch nutzen oder zumindest reproduzieren. Was die/der Einzelne schafft, ist selbst dann ein Vorteil für alle, wenn er/sie es zunächst nur für sich gemacht hat. Und weil das so ist, ist auch die Chance am größten, die freie Entfaltung aller anderen zu wollen - denn deren Ideen und Produktivität, deren Musik, Kunst oder was auch immer kann mir ebenfalls zum besseren Leben dienen, denn es ist nicht mehr exklusiv.

Beispiele für Rahmenbedingungen, unter denen Egoismus und Kooperation zusammenfallen:

Diese Vorschläge können schon heute verwirklicht werden. Projekte und Forderungen dieser Art wären erste Schritte zu einer herrschaftsfreien Utopie. Diese würde dann die Chancen der Freien Kooperation noch weit deutlicher ausbauen - und damit die Tendenz des Verhaltens von Menschen auf dem Strang von Konkurrenz bis zu Kooperation sehr stark zu letzterer verschieben.

Was ist Herrschaft?

Herrschaft zu beschreiben, ist nicht einfach. Sie ist ein Verhältnis zwischen Menschen, das durch unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns gekennzeichnet ist, die gegeneinander gerichtet werden können. Herrschaft umfaßt dabei Mittel der direkten Beherrschung (Gewalt, Entzug der Lebensmöglichkeiten, Freiheitsentzug), der Beeinflussung (gerichtete Kommunikation über Bildung, Medien, Öffentlichkeitsarbeit usw.), institutionalisierte, d.h. dauerhaft, einseitig nicht oder nur schwer aufhebbar unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten (Reichtum, Zugang zu Wissen und Ressourcen, körperliche Leistungsfähigkeit usw.) und Selbstbestimmung brechenden Rollenzuweisungen (direkte Anweisung, gesellschaftliche Kategorien und erziehende Zurichtung auf Rollen in Gesellschaft, Arbeitswelt, Familie usw. - oft an Geschlecht, Herkunft, Alter oder Ausbildung orientiert). Auch die Möglichkeit zur Androhung solcher Mittel oder Fremdbestimmung ist bereits ein Herrschaftsverhältnis. Solche gewaltförmigen oder -bedrohten Beziehungen können zwischen Menschen oder Institutionen und Menschen bestehen und gegeneinander gerichtet werden.

Es gibt verschiedene Definitionen, die versuchen, das komplexe Phänomen Herrschaft zu fassen. Dabei teilen sie die Herrschaft nach ihren Wirkungsprinzipien, nach Herrschenden oder Beherrschten ein. All diese Einteilungen dienen allein dem Versuch, Herrschaft begrifflich zu fassen und damit durchschaubar zu machen. In der Realität ist die Unterscheidung in verschiedene Herrschaftslogiken nicht vollständig möglich. Herrschaft wirkt komplex, die verschiedenen Wirkungsformen überlagern und verstärken sich ständig. Es gibt weder eine einfache Einzelform von Herrschaftsausübung noch eine einfache Strategie gegen eine solche, separierbare Herrschaftsform.

Auch die im Folgenden entworfene Beschreibung von Herrschaft dient vor allem der besseren Klärung, sie ist nicht tatsächlich so teilbar.

Herrschaft als Institution: Oben und Unten ganz fühlbar
Die bekannteste Form der Herrschaft ist die der direkten Beherrschung. Gewaltanwendung ist die auffälligste von ihnen. Herrschaft per direkter Gewaltanwendung zielt auf momentane oder absolute Unterwerfung der Person(en), gegen die Gewalt angewendet wird. Beispiele sind Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, jede andere Form der körperlichen Gewalt zum Zweck der Beherrschung in menschlichen Beziehungen, die zwangsweise Verhaftung durch Polizei oder der erzwungene Aufenthalt in Gefängnis, Psychiatrie u.ä. über Gewalt gegen Menschen bestimmter Hautfarbe, Geschlechter oder sozialem Status bis hin zum Krieg. Die Androhung der Anwendung von Gewalt wirkt ähnlich der tatsächlichen Anwendung, sie kann daher gleichgesetzt werden. Das gilt auch für das als Drohung wirkende Potential der Gewaltanwendung, selbst wenn keine Drohung ausgesprochen wird. Die unterschiedlichen Möglichkeiten direkter Gewaltanwendung schaffen schon dann eine Dominanz, wenn eine Anwendung von Gewalt im Bereich des Möglichen und Vorstellbaren liegt. Diese Form ist zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts, Nationalität, Alters, Bildungsgrades usw. sowie zwischen Institutionen und von ihnen abhängigen Menschen häufiger als die tatsächliche Anwendung oder Androhung von Gewalt. Sie ist in der Regel nicht nötig, ein Herrschaftsverhältnis entsteht dennoch. Geschieht sie gelegentlich doch, erhöht sie zugleich auch die Glaubwürdigkeit der latenten Drohung.

Zur direkten Herrschaft gehört neben der Androhung von Gewalt in Beziehungen zwischen Personen oder Personengruppen auch die Herrschaft der Institutionen, also der Polizei, Justiz, der Ämter (Ausländeramt, Finanzamt, Baubehörde usw.), Schulen und Hochschulen, des Militärs (zur Zeit noch vor allem gegenüber Menschen und Institutionen im Ausland) usw. Sie verfügen über das Recht, Denken und Handeln von Menschen zu beeinflussen und diese Beeinflussung auch mit der Androhung von Gewalt durchzusetzen.

Diese Form direkter Gewaltanwendung bzw. ihrer Androhung ist zwar nach wie vor stark verbreitet, aber wird in modernen Herrschaftssysteme Stück für Stück durch die Mittel der manipulativen Beeinflussung sowie die Schaffung von Verhältnissen ersetzt, deren Zwang nicht auf direkter Gewalt besteht. Zumindest ist das das Ziel moderner Herrschaftssysteme, da direkte Gewaltanwendung die dahinterstehenden Herrschaftsformen offensichtlicher werden läßt als Formen der Verhaltenssteuerung ohne direkte Gewaltwendung. In den modernen “Demokratien” dehnen sich daher die weniger offensichtlichen Herrschaftsformen immer mehr aus, die in den folgenden Punkten beschrieben werden.

Alles verwerten! Marktförmige Zwänge, Kapitalverteilung und ökonomische Abhängigkeit
Der Mensch braucht Reproduktion und er will Genuß - materielle wie immaterielle. Er kann diese autark (für sich), in kleinen autarken bis umfassend selbstorganisiert-kooperativen Gruppen erreichen (Subsistenz) oder über den Markt. Marktwirtschaft ist eine Verregelung der Befriedigung von Bedürfnissen. Sie schreibt die Formen vor, wie Mensch an Waren und Dienstleistungen kommt - und wie er an den Gegenwert kommt, um wiederum Waren und Dienstleistungen zu erhalten (Geld oder andere Tauschwerte). Dabei kann der Markt anonym sein, d.h. ProduzentInnen von Waren und KonsumentInnen kennen und begegnen sich nicht, oder direkt, z.B. beim direkten Tausch. In beiden Fällen ist aber das Prinzip von Wert, Wertung und Verwertung voll entwickelt. Es schafft die Zwänge. Der Markt selbst ist damit eine Herrschaftsform, ein Regelwerk. Dieses Regelwerk bestimmt Unterschiede zwischen den Menschen. Es gilt die totale Konkurrenz, d.h. im Markt ist es immer so, dass der Vorteil des einen der Nachteil des anderen (meist eines Dritten, nicht der direkt Handelnden) ist. Das ist oft sehr brutal, weil es Menschen in materielle Not und Abhängigkeit treibt. Die aktuelle Politik des Neoliberalismus hat zudem totalitären Charakter, weil es die Regeln des Marktes in jeder Region der Welt und auf jede Lebenssituation ausdehnen will.

Die Verbindung mit den direkten Herrschaftsformen ist eng: Ohne direkte Herrschaftsformen gäbe es keinen Markt. Die Verwertung basiert auf Eigentumsrecht und den Zwang zur Verwertung im sogenannten “freien Markt”. Hinter diesem Zwang stehen direkte Herrschaftsverhältnisse. Daher gibt es Zweifel, ob die marktförmige Herrschaft, die Kapitalverhältnisse und der Verwertungszwang überhaupt als besondere Herrschaftslogik abgetrennt werden können. Dieser Zweifel ist berechtigt - kein Markt ohne Staat (oder eine ähnlich wirkende Herrschaftsform). Daher sind auch alle politischen Strategien, den Markt über eine Stärkung des Staates (Reregulierung, Steuern, Gesetze usw.) einzuschränken, schon vom Ansatz hier falsch.

Dennoch scheint berechtigt, diese Herrschaftsform von der personalen zu unterscheiden. Sie funktionieren zwar auf der Basis und mit ständiger Androhung personaler Herrschaftsverhältnisse, wirken aber auch dort fort, wo diese nicht selbst sichtbar werden. Der Markt ist ein Regelwerk, dass aufgrund allgemeiner Akzeptanz sehr reibungslos funktioniert - trotz seiner offensichtlichen Brutalität für die VerliererInnen sowie den Zwang zur fremdbestimmten Ausbeutung von Denk- und Arbeitskraft fast aller Menschen. Die dauernde Zuschreibung von Werten für alle materiellen Dinge (Stoffe, Produkte, immer mehr auch des Menschen, seiner Organe, Arbeits- und Zeugungsfähigkeit, Gene usw.) und allen Wissens zum Zweck der Verwertung, also des Kaufs und Verkaufs, der Mehrwertabschöpfung, des Tauschs oder der Kapitalakkumulation kommt einer kontinuierlichen, sich selbst reproduzierenden Verwertungs”maschine” gleich.

Machbarkeitsorientierung statt Verwirklichung von Hoffnungen
Eng zusammen mit allen anderen Herrschaftsformen und durchaus auch als Ausdrucksform der anderen zu begreifen ist der Aspekt, dass Menschen nicht das tun, wonach sie sich sehnen und was sie wollen, sondern nach dem, was unter den gegebenen Umständen als machbar erscheint und wozu der Mut reicht. Die Alltagsgestaltung der meisten Menschen ist eine Aneinanderreihung von Handlungen, die mit ihren eigenen Vorstellungen, wie sich ihr Leben entwickeln soll, wenig zu tun hat. Entscheidender Richtungsgeber ist vielmehr die Gesamtheit der äußeren Einflüsse – von Verboten und Drohungen über wirtschaftliche (Schein-)Machbarkeit bis zu Ängsten vor sozialer Isolation, Risiken, Unsicherheiten usw. Praktisch unterbleiben meist schon die Versuche, eigene Sehnsüchte oder Utopien, oft aber auch nur ganz kleine Veränderungen umzusetzen, dass heißt ein Stadium, in dem Scheitern oder Erfolg möglich würden, wird gar nicht erst erreicht. Die Orientierung am scheinbar Möglichen und Angesagten wird im Laufe der Zeit zur neuen Normalität, als Handlungsimpuls verbleibt die Abweichung vom eigentlich Gewünschten. Eine permanente Verdrängung der Enttäuschung begleitet das Dasein, wird aber ebenfalls zur neuen Normalität.

Die Herrschaft in den Köpfen: Diskurs, Kategorien, Erwartungen, Standards
Markt und institutionelle Herrschaft (vor allem der Staat und von ihm legitimierte Institutionen) sind direkt sicht- und spürbar. Doch Herrschaft ist komplexer. Durch gesellschaftliche Zurichtung (Erziehung, Erwartungshaltungen, Anschauung gesellschaftlicher Praxis als “Normalität”), Sprache, gerichtete Kommunikation und die Propagierung von Standards (technische Normen, “das machen alle so” oder “so ist das nun mal”, Verhaltenskodex usw.) entstehen Fremdbestimmung und unterschiedliches Wertigkeitsempfinden zwischen Menschen. Alle werden in ihrem Leben für eine bestimmte soziale "Rolle" beeinflußt, d.h. "konstruiert" wurden. Frauen gegenüber Männern, Jugendliche gegenüber Erwachsenen, Menschen ohne Abschluß gegenüber solchen mit akademischem Grad, Arme gegenüber Reichen, ArbeitnehmerInnen gegenüber ArbeitgeberInnen oder Selbständigen, sog. Behinderte gegenüber "Gesunden", Nichtdeutsche gegenüber Deutschen (und jeweils umgekehrt) - diese und viele Unterschiede bestehen auch dann, wenn Menschen frei aller sonstigen Herrschaftsverhältnisse wären. Das ist nicht Schuld der Menschen oder ihrer Zusammenschlüsse, aber nichtsdestotrotz der Fall. Es ist auch nicht einheitlich, denn die oben genannten Personenkreise sind keine einheitlichen Gruppen - aber in der Tendenz sind sie gesellschaftlich "konstruiert", d.h. ihnen wird über Jahre und Jahrzehnte eine gesellschaftliche Rolle, Erwartungshaltung und ein Selbstwertgefühl vermittelt. Innerhalb dessen leben sie "funktional" in den realen Gesellschaftsverhältnissen, d.h. sie empfinden ihre Position als richtig für sich selbst, nehmen sie deshalb nicht mehr als konstruiert wahr und wehren sich nicht gegen diese.

Die Verbindung mit direkten und marktförmigen Herrschaftsformen: Diskurse sind beeinflußbar - über Bildung, Medien, Streuung gezielter Informationen sowie über Wissenschaft. Gerade letztere hat viel dazu beigetragen, biologistische Normen zu schaffen. dass Frauen gefühlsbetonter sind, dass Schwarze sportlicher, aber weniger intelligent sind, dass Minderjährige nicht mündig sind, was als behindert gilt - all das hat seinen Hintergrund in wissenschaftlichen Diskursen und dem ständigen Weitertragen im Alltag. Die Institutionen der Herrschaft nutzen die Diskurse und beeinflussen sie über ihre herausgehobenen Möglichkeiten. Beispiele der letzten Jahre sind die humanitären Kriegen (weitgehend gelungener Diskurs), der Wohlstand durch globale Märkte (in großen Teil gescheitert, weil offensive Proteste ihrerseits wieder Diskurse stark prägten) oder das Gute an der Demokratie einschließlich der Verschleierung ihrer Herrschaftsförmigkeit (weitgehend gelungen).

Grob vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit einer jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang, oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf, und von wem es wann in welcher Form gesagt werden darf (z.B. nur in Form einer wissenschaftlichen Aussage). Quelle: Wikipedia

Zu unterscheiden ist Herrschaft von den Begriffen "Macht" und "Möglichkeit". Macht bezeichnet die Möglichkeit zur direkten Ausübung von Zwang gegenüber anderen Menschen, die aber nicht kontinuierlich auf den bestehenden Rahmenbedingungen beruht, sondern auf das konkrete Verhältnis zwischen den Menschen bzw. einzelnen Gruppen. Zudem wird der Begriff auch im Sinne von "Möglichkeiten" benutzt: "Ich habe die Macht zu ...". Dabei wird nicht mehr zwingend von einem Verhältnis zwischen Menschen ausgegangen, sondern in dieser Bedeutung ähnelt Macht dem Begriff "Fähigkeit". Für eine emanzipatorische Debatte erscheint das Wort "Möglichkeit" zielgenauer. Mit "gleichberechtigte Möglichkeit" z.B. zur Reproduktion, zur Rohstoffnutzung usw. ist dann gemeint, dass die Menschen auf alle gesellschaftlichen Ressourcen gleichberechtigt zugreifen können, d.h. die Vielfalt der Welt und die unterschiedlichen Lebensentwürfe entstehen durch freien Willen - nicht mehr durch soziale Herkunft, Reichtum usw.

Die Konstruktion und Instrumentalisierung kollektiver Identitäten
Menschen treten nicht nur als Individuum, sondern auch als Gruppe auf. Nur in wenigen Fällen jedoch sind diese Gruppen das Ergebnis freier Vereinbarung, also die gleichberechtigte Einigung auf eine gemeinsame Organisierung unter Sicherung der Autonomie des Einzelnen. Die meisten Gruppen basieren auf der Schaffung kollektiver Identität und/oder der Erzwingung der Mitwirkung in einer Gruppe.

Kollektive Identität: Durch Festlegung scheinbar gemeinsamer Eigenschaften der zu einer identitären Gruppe zusammengefassten Menschen entsteht ein Kollektiv. Regelmäßig ist das verbunden mit einem offensiven Bezug auf das „Wir“ im Sinne einer Konstruktion des gemeinsamen Seins und des gemeinsamen Willens. Typisch ist zudem die Abgrenzung gegen das Andere – oft ist diese Abgrenzung der Hauptvorgang der Bildung kollektiver Identität. Daher ist Ausgrenzung in einer Gesellschaft kollektiver Identitäten der Normalzustand und findet auf allen Ebenen der Gesellschaft und in fast allen Gruppen und Zusammenhängen von Menschen (gesellschaftliche Subräume) statt. Kollektive Identität besteht aus der Definierung des Identitäres, also des die Menschen Verbindenden. Hier können diskursive Herrschaftselemente wie die Zurichtung auf Geschlecht, sozialer Gruppe, Nation, Verein usw. ebenso wirken wie die Entwicklung bestimmter Verhaltens-, Kleidungs- oder Sprachcodes als verbindendes Element einer identitären Gruppe. Sympathie und Antipathie beruhen auf diesen Identitäten. Abgrenzung gegen das „Andere“ schärft das Erleben des Menschen mit gleichen Eigenschaften als soziales Umfeld. Das Kollektive entsteht durch die Wahrnehmung und Formulierung des Identitären als Gleiches und Gemeinsames. Am häufigsten geschieht das durch den Einsatz des Wortes „Wir“ – verstärkt wiederum in Verbindung mit der Abgrenzung gegenüber dem Anderen als „Ihr“ oder „Du“. „Wir“ bezeichnet dann eine kollektive Identität, wenn es nicht einen tatsächlichen Ablauf beschreibt („Wir waren gestern in X-Stadt“ oder „wir haben überlegt, die und die Sache jetzt zu machen“), sondern als vereinnahmendes Wort genutzt wird, d.h. also durch die Nutzung die Kollektivität hergestellt wird. Ein solches „Wir“ schafft erst den gemeinsamen Willen. Daher ist es ein typischer Teil dominanten Sprachstils, als „Wir“ zu sprechen und damit eine Entscheidungsfindung oder eine Vielfalt selbstbestimmter Meinungen durch eine kollektive Identität zu ersetzen. Allerdings sind auch andere Sprachformen als das „Wir“ möglich, z.B. der Verweis auf Traditionen („Es ist schon immer so gewesen“ u.ä.). Auch hier wird Einheitlichkeit dadurch hergestellt, dass sie beschrieben wird. Ein kollektiv-identitäres „Wir“ unterscheidet sich vom beschreibenden „Wir“ also dadurch, dass der zeitliche Ablauf umgekehrt ist. Das beschreibende „Wir“ versucht, einen Prozeß im Nachhinein zu beschreiben. Das kollektiv-identitäre „Wir“ schafft die Einheitlichkeit durch die Benutzung des „Wir“.

Erzwungene Mitgliedschaft in Gruppen: Teil eines Kollektivs zu sein, ohne gefragt zu werden bzw. sich dazu frei entscheiden zu können, ist immer Herrschaft. Solcher Zwang entsteht durch Definition ohne Rücksprache, z.B. die Festlegung von Nationalität, Geschlecht, die Anmeldung an einer Schule, in einem Verein oder die nicht lösbare Bindung in eine Familie. Vor allem für jüngere Menschen ist diese Ausübung von Zwang alltäglich. Ebenso entsteht Zwang, wenn es keine Alternative zur Mitgliedschaft in einer Gruppe gibt oder ein Verzicht mit erheblichen Nachteilen verbunden wäre. Schließlich führen Vermischungen mit anderen Typen von Herrschaft zu Zwängen, z.B. die Zurichtung durch Erziehung, Medien usw. in einer Weise, die Menschen so konditioniert, dass sie sich zum Teil einer Gruppe machen.

Kollektive Identitäten und erzwungene Mitgliedschaften erfordern die Existenz von Personen, die die Identität (das „Wir“) definieren oder einen Zwang ausüben. Sie sind niemals Ergebnis eines gleichberechtigten Einigungsprozesses, also einer Organisierung von unten. Diese würde immer klären, dass die sich organisierenden Menschen je nach Fragestellung unterschiedliche Auffassungen haben und niemand in der Lage wäre, ohne Klärung der Auffassungen in einem Sprachstil des „Wir“ aufzutreten.

Beispiele für kollektive Identitäten:

Denken in der Metaebene und ihr Fehlen
Eigentlich zeichnet genau das den Menschen aus und unterscheidet ihn nach dem Stand der Wissenschaft grundlegend von allen anderen Lebewesen: Er kann sich außerhalb seiner selbst stellen und quasi aus der Vogelperspektive sich selbst und sein Umfeld betrachten. Dadurch sind Reflexionen des eigenen Handelns, das Planen von Strategien, das Abschätzen zukünftiger Entwicklungen und das Abwägen verschiedener Optionen möglich. Tatsächlich verzichten die meisten Menschen in fast allen Situationen auf diese Fähigkeit des menschlichen Gehirns und Bewusstseins. Das ist eine Folge von Zurichtung und des mangelnden Willens, sein eigenes Leben zu gestalten.

In der Folge verzichten die meisten Menschen auf die Benutzung ihrer Denkfähigkeit zur Metaebene, d.h. zur selbstbestimmten Gestaltung ihres Lebens. Dieses setzt voraus, dass der Mensch sich einen Überblick über seine Handlungsmöglichkeiten verschafft, um zwischen diesen wählen oder sich neue schaffen zu können. Das Denken in der Metaebene analysiert den Zugang zu Ressourcen oder die sozialen Verhältnisse innerhalb einer Gruppe ebenso wie Reaktionen eines Umfelds, Gefährdungen oder vieles andere. Innerhalb sozialer Gruppen fehlt solches Denken oft ganz. Die Personen, die zumindest teilweise in der Metaebene denken, erreichen schnell eine dominante Stellung. Oftmals reduziert sich ihr Denken auch auf bestimmte Bereiche, z.B. die Handlungsfähigkeit der politischen Gruppe, WG, Familie oder den Betrieb: Ist genug Geld da? Stimmt das Miteinander? Wo sind Konflikte? Solche und ähnliche Fragen analysieren die Lage in der Gruppe aus einer Metaebene. Wer so denkt, hat einen Vorsprung an Handlungsmöglichkeiten gegenüber denen, die auf solche Betrachtungen verzichten. Das schafft ständig Unterschiede. Wer mehr Überblick über die Potentiale und Konflikte in einer Gruppe hat, verfügt über mehr Handlungs- und Steuerungsmöglichkeiten. Allerdings führt die Dominanz nicht zum Glück – ganz im Gegenteil: Verzweifelung und Frust sind bei denen, die aus der Metaebene schauen, eher das Alltag. Denn der Zustand der meisten Gruppen ist aus Effizienz- und herrschaftskritischer Sicht katastrophal. Nur merkt mensch das gar nicht, wenn niemals ein Blick aus der Vogelperspektive auf das eigene Dasein versucht wird.

Beispiele:

Das Hierarchiegefälle schafft eine merkwürdige Situation. Die Metaebenen-Leute dominieren das Geschehen, weil sie bestimmen, welche Ressoucen verfügbar sind. Gleichzeitig sind sie Gefangene ihrer Sozialisation. Es ist eine - in der Regel kaum mehr abschaltbare - Fähigkeit, immer den Blick aus der Metaperspektive zu haben. Wer das kann, ist deshalb in der Regel eher unglücklich mit der eigenen Rolle. Denn nur wer so wahrnimmt, registriert die vielen Defizite überhaupt. Insofern besteht eine sehr abstrakte Herrschaftsordnung, in der die Beherrschten glücklich darüber sind, dass die Ressourcen da sind, über deren Bereitstellung andere ihr Leben steuern - ohne dass die Vorgänge tatsächlich miteinander verbunden und so motiviert sind.

Herrschaft als alles durchdringender, sich ständig reproduzierender Systemkern

Herrschaft ist überall und tritt in verschiedenen Formen auf. Ebenso reproduziert sich Herrschaft auf sehr unterschiedliche Weise. Die institutionellen Formen werden über formale Herrschaft organisiert. Sie treten innerhalb der Gesellschaft im Großen (Regierungen, Konzern-Hierarchien, Bildungssystem usw.) wie im Kleinen (Vereine, Familien, Arbeitsplatz/Ausbildung usw.) auf, sind also überall präsent, überlagern und beeinflussen sich. Fast immer ist jeder Mensch in jedem Augenblick in mehreren formalen Herrschaftsverhältnissen gefangen.

Noch durchdringender sind die beiden anderen Typen von Herrschaftsverhältnissen: Erstens das marktförmige, also die ständige Notwendigkeit zur markt- und meist geldförmigen Reproduktion sowie die Taxierung aller Dinge und immer öfter auch von Menschen nach ihrem Warenwert. Zweitens das diskursive, also die Normen, Erwartungshaltungen, Zurichtungen und Rollenlogiken zwischen den Menschen. Sie beherrschen den Alltag der Menschen in jeder Minute. Menschen richten ihr Verhalten nach den Erwartungshaltungen des sozialen Umfeldes aus, taxieren einander nach Nützlichkeit, versuchen ihre Rolle auszufüllen und fordern von anderen selbiges ein - vielmals sehr unterschwellig, aber deshalb nicht weniger wirksam. Ob mensch einkaufen geht oder nur spazieren, ob mensch schläft oder wacht, fernguckt oder fußballspielt - immer gelten die Normen, immer ist definiert, was sich in diesem Moment und für die konkrete Person gehört. Regeln, Wertkategorien und mehr durchziehen das gesamte Leben („Bio-Macht“).

Dieses „System“ Herrschaft durchzieht nicht nur alles, sondern es reproduziert sich ständig neu. (Fast) alle Menschen sind nicht nur beherrscht durch Institutionen, Rollen und Erwartungshaltungen, Normen und Zurichtungen, Inwertsetzung und Verkauf der eigenen Fähigkeiten, sondern agieren auch selbst als aktives Subjekt zur Herstellung von Herrschaft. Menschen werden zugerichtet und richten zu. So durchdringt Herrschaft alle Beziehungen zwischen Menschen. Besonders offensichtlich wird das bei der Betrachtungsweise der Gesellschaft als eine räumliche Einheit. Der Gesamtraum ist herrschaftsförmig organisiert, es gibt die Institutionen der Macht, die Kontrolle, die Regeln und Gesetze sowie eine Vielzahl subtiler Formen der Normierung und Zurichtung. Der Gesamtraum kann in viele Subräume zerlegt werden - und immer wieder finden sich die gleichen Logiken von Herrschaft. Immer und immer weiter ist Gesellschaft bis in kleinste Zellen menschlichen Zusammenlebens zerteilbar. Die Zellen überschneiden sich, kaum ein Mensch ist nur Teil einer Familie oder nur Teil der MieterInnen in einem Haus, der ArbeitnehmerInnen am Arbeitsplatz, der SchülerInnen in einer Klasse usw. Aber in jeder Zelle spiegelt sich das volle Programm von Herrschaft wieder. Diese Zellen sind ständig im Fluß, sie vergehen und andere entstehen neu. Diese Neuentstehung ist der deutlichste Punkt, wie Herrschaft funktioniert und allgegenwärtig ist bzw. sich reproduziert. Wo neue soziale Gruppen entstehen, z.B. Vereine, Firmen, Familien oder eben auch politische Gruppen und Zentren, so ist jedes Mal theoretisch zunächst ein leerer Raum geschaffen. Die Frage der Herrschaft muss sich dort neu regeln. Es spricht nichts dafür, dass es ein Naturgesetz ist, wie sich Herrschaft dort organisiert, denn es gibt keinen Hinweis, dass das „System“ von Herrschaft auch aus biologischer Sicht irgendwie schlüssig oder auch nur erfolgreich wäre. Dennoch wird Herrschaft in jedem neu geschaffenen Raum wieder neu hergestellt. Die Logiken gleichen denen des Umfeldes mit einer Tendenz zur ganz allmählichen, stetigen Modernisierung der Formen von Herrschaft, ohne selbige ganz oder teilweise zu überwinden. Die diskursiven Vorgaben sorgen dafür, dass Menschen sofort in ihre Rollen springen und sich so „wie von selbst“ Verhaltensweisen reproduzieren, die die AkteurInnen auch vorher in anderen Subräumen zeigten. Veränderungen, bei Menschen immer möglich, bewegen sich in den Kanälen des Normalen und Normierten, d.h. Personen springen von einer Rolle zur anderen, aber nie raus aus den gesellschaftlich vorgedachten, diskursiv geprägten Rollentypen. Meist verbinden sich die diskursiven Verhältnisse mit den marktförmigen Zwängen, die in allen Subräumen reproduziert werden - Reiche bleiben reicher als andere, ständig wird über Geld und davon abhängige Möglichkeiten nachgedacht usw. Und schließlich kommen die institutionellen Herrschaftsverhältnisse hinzu: Wer kommt ans Konto ran, hat die Schlüssel zu einem Raum, kann nach außen vertreten, ist formaleR ChefIn, wird von außen als Autorität angesprochen oder dargestellt usw.

Herrschaft ist etwas, was sich selbst immer wiederherstellt. Das ist Normalität. Emanzipation ist daher nur als energischer und aktiver Gegenprozeß vorstellbar. Die politische Bewegung ist das beeindruckendste Beispiel für die Überlegenheit des allumfassenden „Systems“ Herrschaft selbst gegenüber dem formulierten Willen der AkteurInnen. In krassem Gegensatz zu den eigenen Slogans, ständigen Beteuerungen und politischen Positionen sind politischen Zusammenhänge insgesamt und in jedem Subraum von Hierarchien und genormten Verhalten intensiv durchzogen. Zurichtungen, Erwartungenshaltungen, unterschiedliche Möglichkeiten, die ständige Sortierung nach Nützlichkeit oder auch formale Hierarchien prägen den Alltag politischer Arbeit. In jeder neuen Gruppe und in jedem neuen Projekt reproduziert sich diese Herrschaft ständig - und sie gleicht den Logiken von Herrschaft, wie sie in der Gesellschaft auch insgesamt gelten. Insofern ist politische Bewegung ein fester Bestandteil des „Systems“ - sie ist ebenso an der Aufrechterhaltung von Herrschaft beteiligt wie jeder andere Teil von Gesellschaft. Das ist nicht überraschend, sondern entspricht der Logik einer sich diskursiv, marktförmig und institutionell im gesamten Leben verankernden und überall reproduzierenden Herrschaft. Aber es ist fatal. Politische Bewegung ist nicht das Gegenmodell zur Herrschaft, sondern eher „zuständig“ für die Organisierung von Herrschaft in den Subräumen politischer Arbeit. Sie ist damit systembildend, ob sie will oder nicht. Noch mehr: Gerade die Selbstreproduktion von Herrschaft in „linken“ politischen Gruppen führt zur Modernisierung von Herrschaft, weil dort verkrustete, allzu offensichtliche oder uneffiziente Führungstechnologien offensiver in Frage gestellt und durch neue Techniken ersetzt werden. Auch von daher ist nicht überraschend, dass es gerade Ex-„Linke“ sind, die nach Erklimmen der Karriereleiter später an anderer Stelle der Gesellschaft Herrschaft moderner umsetzen und erneuern - siehe die effizienten neoliberalen „Reformen“ gerade rot-grüner oder rot-roter Koalitionen oder die Modernisierung zentralistischer NGO-Strukturen durch die instrumentellen Herrschaftsverhältnisse bei Attac. Doch auch die „linksradikalen“ Organisierung mit Plena, Delegiertenräte und Orga-Gruppen sind nur Modernisierung überkommener Strukturen wie Mitgliederversammlungen usw.

Offen bleibt aber die Frage, ob das so sein muss (z.B. weil der Mensch "so ist" oder weil er Herrschaft und Orientierung braucht) oder es aufgrund der überwältigenden Prägung von Gesellschaft durch das Prinzip „Herrschaft“, aufgrund von Zwängen und Erwartungshaltungen nur unendlich schwer fällt, diese Vereinnahmung zu sprengen. Vieles spricht für zweiteres - oder anders gesagt: Eine Aussage darüber, ob Herrschaft überwindbar und ein Leben freier Menschen in freien Vereinbarungen möglich ist, kann nur über den Versuch und die Auswertung desselben erfolgen. Dabei ist der Versuch ein dauernder Prozeß, denn Befreiung im emanzipatorischen Sinne kann nur das ständige Zurückdrängen von Herrschaftsförmigkeit in allen Ebenen von Gesellschaft und allen Facetten von Leben sein mit einem offenen Ausgang, welche Gesellschaft dann entsteht und sich wieder weiterentwickelt und wie sich Menschen von ihren Möglichkeiten selbstbestimmten Lebens verändern. In politischen Gruppen, die wie alle kleinen und großen Strukturen als Subräume der Gesellschaft gesehen werden können - also teil-eigenständig, aber ebenso intensiv verwoben mit allen -, können für die ständige Reproduktion von Herrschaft klare Gründe erkannt werden:

Jedenfalls sollte gelten: Im Fall, dass Herrschaft weder genetisch noch naturgesetzlich erforderlich ist, wäre es ein „muss“ für eine politische Praxis mit emanzipatorischem Anspruch, das Zurückdrängen von Herrschaft, also von Normierungen, äußeren Zwängen, internen Hierarchien usw. zu versuchen. Sonst ist alles nur Schein - Emanzipation kann es nur geben, wenn der Ausbruch wenigstens versucht wird und eine politische Bewegung nicht selbst die Herstellung von Herrschaft in den politischen Subräumen bedeutet.

Gleiches gilt für die Menschen, die Emanzipation anstreben, für ihre Lebensbereiche. Familien, (Nicht)Arbeitsplatz, Freizeittreffen ... alles kann nur einfach Reproduktion von Herrschaft sein oder zum Kampffeld der wichtigsten gesellschaftlichen „Schlacht“ werden - der um die ständige Wiederherstellung und Erneuerung von Herrschaft oder deren Überwindung.

Konkrete Politik als Förderung von Kooperation

Politische Forderungen und konkrete Projekte müssen kooperatives Verhalten fördern, Handlungsmöglichkeiten erweitern und Fremdbestimmung abbauen. Die beschriebenen Bedingungen einer Gesellschaft, in der Konkurrenz unattraktiv sowie Kooperation vorteilhaft für jeden Menschen wird, müssen als Maßstab für die politische Praxis dienen - zumindest dann, wenn sie einen emanzipatorischen Charakter haben soll. Das behaupten zwar fast alle politischen Gruppen aus den Bewegungen im Umweltschutz, zu sozialen Fragen, feministische oder Queer-Zusammenhänge bis hin zu internationalen Themen, Frieden oder allgemein den Menschenrechten und menschenwürdigen Lebensbedingungen. In ihrer Praxis aber mißachten sie, was Kooperation fördert oder blockiert. Daher seien an dieser Stelle in kurzer Form politische Grundpositionen benannt, die als Rahmen für emanzipatorische Politik und Projekte dienen können.

Herrschaft abwickeln!
Herrschaft verbessert die Möglichkeit zum konkurrierenden Verhalten. Daher ist es immer falsch, neue Herrschaft zu fordern, um die Folgen der bisherigen mildern zu können. Für Reformen bedeutet das, dass jeder Vorschlag und jeder Schritt auch dem Abbau von Herrschaft dienen muss. Neue Gesetze oder Veränderungen von Institutionen müssen die Freiräume der Menschen vergrößern und nicht deren Leben weiter verregeln, Kontrolle unterwerfen und Unterschiede ausgleichen, die auf Herrschaftsverhältnissen beruhen. Und sie sollten Ansatzpunkte für weitere Prozesse aufbauen. Revolutionäre Forderungen oder Umstürze müssen ebenfalls Herrschaft beenden oder abbauen, müssen Prozesse der immerwährenden Befreiung schaffen statt eines neuen Status Quo, der dann wiederum herrschaftsförmig verteidigt wird.

Verwertung und Profit abschaffen!
Verwertung und Profit basieren bereits auf institutionellen Herrschaftsverhältnissen, fügen dieser dann durch die weitere Elemente der Unterdrückung, Diskriminierung usw. hinzu. Das wichtigste Herrschaftsinstrument, ohne das Verwertung nicht möglich ist, ist das Eigentum - im weitesten Sinne, d.h. zum einen an materiellen Dingen, Boden, Rohstoffen, zum anderen aber auch an Wissen, Wort und Bild, Genen, Lebensgrundlagen, Kommunikationswegen usw.

Die Tatsache, dass Verwertung und Profit von Herrschaftsstrukturen abhängen, widerlegen auch das oft benannte Bild eines Gegensatzes von Staat und Markt. Ohne Herrschaftsstrukturen (also in den allermeisten Fällen der Staat) wäre Verwertung nicht durchsetzbar. Wer Staat und Markt als Gegenpole darstellt, verschleiert das allumfassende „System“ Herrschaft und trägt damit zu ihrer Absicherung bei.

Eigentum aufheben: Freies Wissen und Freie Produkte!
Gemeinschaftseigentum, Allmende, Copyleft usw. sind Begriffe für Versuche der Überwindung von Konkurrenz bereits heute. Sowohl politische Forderungen als auch die konkrete Praxis können so organisiert sein, dass sie immer wieder Projekte, einzelne Zellen und Prozesse schaffen, die der Verwertungslogik entrissen sind - Kommunikation, Häuser und Plätze, Software oder Maschinen ...

Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffnutzung!
Herrschaft bedeutet nicht nur das Vermögen, Entscheidungen anderer zu beeinflussen, sondern auch, eigene Entscheidungen so zu treffen, dass andere die Folgen ertragen müssen. Auf dieser Grundlage findet die Umweltzerstörung statt - Umweltzerstörung ist also ohne Herrschaft nicht vorstellbar. Das Gegenbild ist ein emanzipatorischer Umweltschutz: Die Menschen werden zu AkteurInnen. Die Straßen, Häuserblöcke und Landschaften müssen den Menschen gehören, die in ihnen leben. Niemand kann über Flächen und Orte bestimmen, ohne selbst betroffen zu sein. "Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch" heißt das Gegenkonzept zu Ordnungsrecht oder dem kapitalistischen Instrument Ökosteuer. Vision ist eine Welt von unten. Die kleinen Schritte dahin bestehen aus konkreten Projekte, die die Menschen zu den EntscheiderInnen machen: Windanlagen, die den Menschen drumherum gehören (statt teurer Großanlagen ohne örtliche Akzeptanz), Stromnetze im Besitz der BürgerInnen, ökologische Bauernhöfe im Gemeinschaftsbesitz, lokale Ökonomien ohne Apparate und vieles mehr.

Nationen, Geschlechter, Rassen, Behinderungen, Unmündigkeit, Psychiatrisierung und alle anderen Kategorien überwinden!
Nicht nur die Diskriminierung nach diesen Kategorien, sondern ihre Bildung ist bereits Herrschaft. Sie treibt Menschen in eine bestimmte “Ecke”, also Rolle in dieser Gesellschaft - mit den Erwartungshaltungen und den Reaktionen anderer Menschen. Eine konkrete Praxis sowie politische Forderungen müssen Diskriminierungen aufgrund der Kategorien und die Kategorien selbst aufheben.

Standardisierung und Normung aufheben! “Norm”alität brechen!
Gesetzliche, technische und diskursive Normen durchziehen den Alltag, sie regeln und prägen Verhalten und Erwartungen. Wer aus der “Norm” fällt, verliert Akzeptanz und muss mit repressiven Reaktionen rechnen - des Staates oder des sozialen Umfeld.

Herrschaft demaskieren!
Verbunden mit jeder Herrschaft ist ihre Verschleierung. Herrschaft kann nur überleben, wenn sie ihre eigene Akzeptanz beschafft. Wo sie darauf verzichtet oder die Akzeptanzbeschaffung nicht gelingt, verliert die Herrschaft ihre Basis, d.h. die Beherrschten wünschen sich nicht nur eine Änderungen, sondern fordern sie bzw. setzen sie durch. Als Akzeptanzbeschaffung für Herrschaft dienen: Biologismen; Scheinzwänge und -gesetzmäßigkeiten; Religionen, Ideologien, Esoterik; Belohnung und Abhängigkeit; “There is no alternative”, d.h. die Vermittlung der Alternativlosigkeit; Integration von Kritik und Abweichung: Teile und herrsche.

Diese und andere Formen von Herrschaft zu enttarnen, anzugreifen und, wenn möglich, Alternativen zu benennen, gehört zum Weg der Befreiung. Der quadratmeterweise Aufbau von Freiräumen in Alltag und Politik sowie der Widerstand samt Demaskierung gegenüber Herrschaft fördern sich gegenseitig und sind zusammen die Motivation, solche emanzipatorische Praxis auch als dauerhaften Prozeß zu entwickeln.

Praktische Formen von Widerstand

Konkrete politische Forderungen auch im Hier & Jetzt sind wichtig. Sie ersetzen aber nicht die politische Aktion. Auch für diese muss gelten, dass sie nur als herrschaftskritisch gelten kann, wenn sie solche Positionen transportiert. Das tun viele politische Aktivitäten heute nicht - ganz im Gegenteil fordern sie den Zugriff des Staates ein (im Sinne der jeweiligen politischen AkteurInnen) oder träumen gar von mehr Staatlichkeit (neue Behörden, Kontrollgremien, Gerichtshöfe usw.). Andere setzen auf Marktmechanismen, z.B. Effizienzstrategien oder Geldanlage. Zudem schaffen sie ständig neue Subsysteme, die selbst wieder von Herrschaft durchzogen sind. Viele sich als „linksradikal“ verstehende Projekte vermitteln einen autoritären Charakter von Gesellschaft, kokettieren mit der Ausgrenzung von Menschen (z.B. ihren politischen GegnerInnen) oder treten selbst uniformiert bis militaristisch auf.

Im folgenden sollen einige Aspekte einer emanzipatorischen politischen Praxis benannt werden.

„Emanzipatorisch“ und Horizontalität als zentrale Kategorie
Politische Positionen und Strukturen werden zur Zeit nach sehr verschiedenen Kategorien bewertet. Klassisch in vielen politischen Gruppen ist die Einteilung nach „links“ und „rechts“. Was genau links und was rechts ist, lässt sich aber kaum noch klären. Galt früher „links“ wenigstens noch annähernd als internationalistisch, aufklärerisch, fortschrittlich oder sozial(istisch), so agieren heute sehr verschiedene Strömungen mit diesem Begriff, unterstützen z.B. reaktionäre nationale Befreiungsarmeen, die in ihrer Ideologie (nationalistisch, religiös-fundamentalistisch oder anderes) und Struktur (militaristisch-mackerig, feudal usw.) aus emanzipatorischer Sicht schlicht widerlich sind, oder konservative bis biologistische Naturromantiker. Die Globalisierung aus der kapitalistischen Mitte ist deutlich dynamischer als jede internationale Perspektive der „Linken“, CDU, F.D.P. und end-sozialdemokratisierte SPDlerInnen setzen auf Fortschritt. Mit der oft zu lesenden Analyse, der Kapitalismus oder die Globalisierung käme von „Rechts“ ist spätestens jegliche politische Schärfe verloren. Um ein klareres Bild politischer Positionen zeichnen zu können, sind präzisere Analysen wichtig. Bei Reduzierung auf ein Begriffspaar bietet sich eher „emanzipatorisch“ und „anti-emanzipatorisch“ an. Danach wäre das Ziel „emanzipatorischer Politik“ die Loslösung aus Zwängen und Zurichtung aller Art, der Abbau von Fremdbestimmung, von institutioneller und diskursiver Herrschaft, die Schaffung von FreiRäumen und die Erweiterung von Reproduktions- und Handlungsmöglichkeiten - gleichberechtigt für alle einschließlich dem Zugang zu allen Ressourcen. Bei genauerer Betrachtung aktueller politischer Positionen fällt auf, dass dieses Ziel kaum eine politische Gruppe verfolgt (siehe die Quellenanalyse im Buch „Nachhaltig, modern, staatstreu“, www.projektwerkstatt.de/materialien).

FreiRäume schaffen
Jede politische Gruppe und jede Aktion, jedes Projekt und jeder neu geschaffene soziale Ort kann entweder selbst Herrschaftsverhältnisse reproduzieren oder sich als Kampffeld dagegen begreifen. Letzteres hat zwei Richtungen: Zum einen der Widerstand gegen die Zwänge von außen, die aktive Organisierung von Unabhängigkeit, die Nicht-Übernahme gesellschaftlich prägender Organisierungs- und eventuell Rechtsformen. Zum anderen die interne offensive nichthierarchische Organisierung. Dieses bedeutet einen dauernden aktiven Prozeß gegen die Selbstwiederherstellung von Herrschaft über die Zurichtungen der beteiligten Personen und vorhandene Unterschiede im Zugang zu Wissen, Ressourcen usw. Beides, die Zwänge und Erwartungshaltungen von außen sowie die interne Selbstreproduktion von Dominanzen, stärken sich gegenseitig. FreiRäume schaffen ist der Versuch, Experimentierfelder zu eröffnen und Strategien der Überwindung von Herrschaftsverhältnissen zu entwickeln. FreiRäume sind dabei nicht nur, aber auch örtlich gemeint. Jede Gruppe und sogar jeder zeitlich begrenzte Zusammenhang kann als ein solcher „FreiRaum“ begriffen und gestaltet werden. Selbstverständlich gilt das auch für bestehende Gruppen, Zusammenhänge und Räume, die in Richtung des Abbaus von Zwängen und Zurichtungen sowie gleichberechtigter Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden können.

Visionäre Ansätze sichtbar machen
Das Richtige im Falschen zu schaffen, ist nicht möglich. Das Richtige im Falschen zu versuchen, aber sehr wohl. Das bietet dann viele Handlungsmöglichkeiten, zum einen tatsächliche Erleichterungen im Alltag, zum anderen das Aufzeigen von möglichen Richtungen und die darauf aufbauende Debatte um herrschaftsfreie Utopien. Als ein Beispiel von vielen seien hier Umsonstläden genannt. Es wäre extrem verfehlt, in ihnen bereits selbst ein großes Stück Vision zu sehen. Zwar ist richtig, dass ein solcher Laden sowohl die materielle Not von Menschen lindern kann als auch solchen, die selbstorganisierter zu leben versuchen, den Zwang zu Lohnarbeit und ständiger Geldbeschaffung reduziert. Wichtiger aber ist aus politischer Sicht die Chance, rund um einen Umsonstladen die Diskussion um eine verwertungsfreie Gesellschaft zu führen. Auch Linux und freie Software ist so ein Beispiel - es ist teilweise gut gelungen, an das konkrete Projekt eine Debatte über Visionen anzuhängen (siehe z.B. www.oekonux.de). Völlig verfehlt ist jedoch die Annahme, Linux sei bereits selbst Praxis visionärer Gesellschaft. Wie peinlich war es, als sich Linux-Fans darüber freuten, dass die Software jetzt auch im Bundestag Verwendung findet (vielleicht demnächst Cruise Missiles mit Linux-Programmierung?) oder die SPD im bayrischen Landtagswahlkampf mit „Mehr Linux. Mehr Freiheit“ auf Plakaten warb. Nur die kreative Verbindung von visionär ausgerichteten Projekten im Hier & Jetzt und einer intensiven Vermittlung darüber hinaus gehender Ideen gibt Chancen.

Reibung erzeugt Wärme
Der Angriff auf das Herrschaftsförmige schafft nicht allein die Herrschaftsfreiheit. Diese Erkenntnis ist banal - und doch kein Grund, das Widerständige sein zu lassen. Ganz im Gegenteil bietet die kluge direkte Aktion die Chance zur darüber hinaus gehenden Vermittlung, ganz ähnlich dem visionären Baustein im Hier & Jetzt. Wer in den Konsumtempeln der Republik Entwertungsaktionen macht (Barcode mit anderen Botschaften überkleben, Preisschild auf Null setzen, Zettel in Bücher und Zeitschriften einlegen ...), wer per Aufkleber geschlechterrollen-trainierendes Spielzeug verändert oder per Improvisationstheater den Wahlkampf demaskiert, kann dadurch Ansätze für intensive Kommunikation schaffen. Das genau ist auch das Ziel der direkten Aktion - und nicht die Selbstbestätigung mittels Durchführung der immer selben Aktionsformen, wie es in der „Linken“ zur Zeit üblich ist. Wer Normalität brechen will, muss das vom Inhalt und der Aktionsform auch tun. Dazu kann auch Militanz gehören, aber für sie gelten die gleichen Überlegungen. Sie müssen emanzipatorische Ziele vermitteln, Kommunikation erzeugen und führen (zu kreativen Widerstandsformen siehe im Internet: www.direct-action.tk).

Sich selbst als Teil einer visionären Gesellschaft begreifen
Ob nun „linke“ oder „emanzipatorische“ Politik - sie ist immer Teil der Gesellschaft. Es gibt kein „Draußen“. Wer Fremdbestimmung abbauen und Selbstbestimmung stärken will, kann das auch dort tun, wo es am schnellsten möglich sein könnte: Im eigenen Lebensumfeld. Politische Gruppen sind ein Teil davon - neben Arbeit, Ausbildung, FreundInnenkreis, Familie, Hobbygruppen usw. Sie alle sind zur Zeit Orte der Selbstreproduktion von Herrschaft, der formalen und informellen Dominanzen, der Bildung kollektiver Identitäten oft mit Aus- und Abgrenzung. Sie könnten aber auch Experimentierfelder für andere Formen der Kooperation, der Entscheidungsfindung von unten usw. sein - wie der Demaskierung der vorhandenen Herrschaftsverhältnisse in der Gruppe, des Experimentierens mit Methoden, der Reflexion und Weiterentwicklung, der aktiven Herstellung gleichberechtigten Zugangs zu allen Ressourcen und des Verzichts auf zentrale Entscheidungsfindung, egal ob „von oben“ (Vorstand u.ä.) oder „von unten“ (Basisdemokratie). Gerade politische Gruppen und Projekte sind für solche Auseinandersetzungen und Versuche geeignet, da sich hier die konkrete Handlung mit der Diskussion um politische Ziele und Strategien mischt und sich interne und externe Praxis einander motivieren und vorantreiben (Ideensammlungen und Grundlagentexte zum Dominanzabbau in Gruppen unter www.hierarchnie.tk).

Links und Leseempfehlungen

Freie Menschen in Freien Vereinbarungen. Gegenbilder zu Markt und Staat ... 14 Euro

Das Grundwerk zur Theorie der Herrschaftsfreiheit: Ein Buch voller Visionen, Konzepte und Experimente für eine Gesellschaft ohne Hierarchien und ökonomische Verwertung. "Gegenbilder" zum kapitalistischen System werden vorgestellt. Kein Weg ohne Ziel! Wir brauchen eine neue Debatte um Visionen und Utopien!!!

Autonomie und Kooperation

2006 erschien das Buch "Autonomie und Kooperation"
Das Thema: Wie kann herrschaftsfreie Gesellschaft konkret aussehen? Extraseite zum Buch! ++ Bestellseite

Herrschaft ... Richtwert 3 Euro

Der Überblick: Formen, Wirkung, Wege zur Herrschaftsfreiheit. Einführung in die theoretischen Grundlagen von Herrschaft und Herrschaftskritik. Angefangen mit einer Definition über die Frage, warum Herrschaft eigentlich abzulehnen ist, bis zu den Thesen über Herrschaftsfreiheit und den Weg dorthin. Entwickelt aus zahlreichen Workshops, Seminare und den Theoriewochen zur Herrschaftskritik.
   Ab 3 St.: 2,50 €, ab 10 St.: 2 €. Quadratisch 15x15cm, 64 S. ISBN 978-3-86747-058-2