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Mensch - Natur - Technik

Natur des Menschen ++ Mensch&Natur ++ Dynamische Natur ++ Naturnutzung ++ Technik ++ Forschungsfreiheit ++ Fortschritt ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Aus Mümken, Jürgen: "Keine Macht für Niemand"
Die Begriffsrelation Natur/Kultur ist zentral für die Frage nach der Transformation der Gesellschaft, denn „Natur“ gilt als ursprünglich und unveränderbar, während Kultur ein Produkt der menschlichen Gesellschaften ist. Verschiebungen innerhalb des Binarismus Natur/Kultur ist die Frage nach der Veränderbarkeit. Naturalisierungen von gesellschaftlichen Verhältnissen sollen demnach die Unveränderbarkeit derselben dokumentieren. Wenn aber alle Dinge erst ihre Bedeutung durch die Sprache bekommen, ist letztendlich Natur immer von der Kultur überlagert/zugedeckt, und damit ist das Wahrnehmbare, Sichtbare und Sagbare auch veränderbar.

Die Natur des Menschen

Die Natur des Menschen ist bereits an anderer Stelle Thema gewesen. Es fanden sich wenig Hinweise auf eine konkrete Ausformung, denn es gibt keine Feldstudien über Menschen, die frei von Beeinflussung durch andere Menschen und soziale Umwelt aufwachsen. Sie könnten das gar nicht. Insofern hat das Spekulieren über das, was der Mensch von Natur aus ist, wenig geistigen Nährwert oder ist rein theoretischer Natur. Klar ist aber, dass er kraft seiner körperlichen (materiellen) Ausstattung eine fast unendliche Zahl von Möglichkeiten hat, die zu entdecken und auszuleben die Dauer eines Lebens mehr als ausfüllen würde. Dabei ist er in seinen Möglichkeiten nicht determiniert, sondern kann aus dem Potential des Körpers und der kulturellen Errungenschaften wählen sowie diese erweitern. Sein Gehirn beispielsweise ist in ständigem Fluss, ebenso wächst das kulturelle Wissen mit jedem Moment.

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Aus dem Text "Herrschaft und ökologische Krise" auf Schwarze-Katze
Als Naturwissenschaftler versuchte deshalb Kropotkin, am wissenschaftlichen Rationalismus orientiert, durch Beobachtung der "Tier- und Menschenwelt" das entscheidende Prinzip der Evolution auszumachen, das Grundprinzip also, das das Überleben sichert: Er sieht es in der gegenseitigen Hilfe. Er verknüpft die Bekämpfung des (menschlichen) Elends mit dem Naturprinzip der gegenseitigen Hilfe, denn nach ihm ist die sinnvollste Überlebensstrategie des Menschen dem Beispiel der Natur zu folgen, also kooperativ zu handeln. (vgl. Harrison 1999: 37) Die Tendenz in der Natur sei nämlich: "Streitet nicht! Streit und Konkurrenz ist der Art immer schädlich, und ihr habt reichlich die Mittel sie zu vermeiden!" (Kropotkin 1920: 67)
Das Tier dient ihm als Symbol für die außermenschliche Natur. Es wird charakterisiert durch Eigenschaften, die normalerweise Menschen zugeschrieben werden wie " enge Freundschaft", "Mitgefühl" , "Mitleid" (Kropotkin 1920: 65). Die Tiere sind also nicht mehr nur zusammengesetzte Materie, sondern Kropotkin schreibt ihnen "sozialen Geist" und eine ähnliche Vernunft wie den Menschen zu (vgl. Kropotkin 1923: 32)
Hier wird also eine ganz andere Bewertung der außermenschlichen Natur deutlich, die dem Menschen nicht mehr absolut fremd oder entgegengesetzt ist. So ist nach Kropotkin der Mensch auch ein Naturwesen, "dessen Sozialität und Kooperationsbereitschaft ihm im Laufe der Evolution zur Verhaltenskonstante geworden ist." (Cantzen, 1997: 191) Kropotkins Verständnis von der natürlichen Sozialität des Menschen lässt es nicht mehr zu Natur und Sozialität als antagonistisch zu betrachten. Dies hat zwei aus soziologischer Sicht wichtige Folgen: Zum einen wird damit einem repressiv- autoritärem Staatsverständnis, das von einem aggressiven, asozialen menschlichen Naturell ausgeht- Hobbes ist hier wohl allen voran zu nennen- die Legitimitätsgrundlage entzogen. Zum anderen wird der Mensch als ein Wesen betrachtet, das verbunden ist mit seiner sozialen und natürlichen Umwelt, als ein " bewusster Teil des Großen Ganzen" und nicht wie z.B. bei Hobbes, Freud oder im Protestantismus seiner Natürlichkeit und der natürlichen Umwelt entgegengesetzt. Diese Verbundenheit mit der Natur schließt wohl auch eine "Herrschermentalität" aus, die die Natur nur als ein Objekt sieht, das es zu kontrollieren gilt, und so auf ein Mittel zur Bedürfnisbefriedigung reduziert. (vgl. Cantzen 1997:191ff)

Eine, wie auch immer definierte "ursprüngliche" Natur des Menschen ist für die Debatte um menschliche Gesellschaft aber ohne Bedeutung, denn dort geht es um die Bedingungen, unter denen sich Menschen entfalten können und die die Neigung zur Kooperation stärken. Das ist unabhängig davon sinnvoll, von welchem Ausgangspunkt der Mensch ins Leben startet - und ob es überhaupt einen festen Ausgangspunkt gibt.

Das - heute weit verbreitete und übliche - Gegenkonzept zur Selbstentfaltung des Menschen und seiner Möglichkeiten ist das der Normierung von Gedanken und Handlungen bis hin zur Kanalisierung ganzer Lebensläufe. Regeln, Gesetze, Kontrolle und zentrale, kollektive Entscheidungen dienen diesen Zielen und basieren auf dem mangelnden Vertrauen in die einzelnen Menschen und ihre Kooperationen. Sie stellen zudem einen deutlichen Logikbruch dar, denn auch auf höheren Ebenen entscheiden Menschen, diesmal aber mit privilegierten Mitteln. Das macht es sogar wahrscheinlicher, dass sie sich konkurrierend verhalten. Wenn es Gründe gibt, Menschen nicht zu vertrauen, wäre es völlig falsch, Menschen in eine Lage zu versetzen, eigene Entscheidungen so organisieren zu können, dass die Folgen oder Kritik daran sie nicht erreichen können. So oder so ist also aus der Natur des Menschen nur abzuleiten, dass es das soziale Umfeld das Verhalten deutlich beeinflusst. Menschen können auf konkurrierendes und angepasstes Verhalten geprägt werden (das ist zur Zeit üblicherweise gleichzeitig vorhanden) oder sich selbst entfalten und dabei auf Kooperation mit anderen sich selbst entfaltenden Individuen setzen.

Mensch - Natur

Das Verhältnis von Mensch und außermenschlicher Natur bietet für die Gestaltung der Gesellschaft eine entscheidende Einflussgröße. Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ist ein ständiger Prozeß des Versuchs, sich einerseits unabhängiger von natürlichen Einflüssen zu machen, andererseits aber die natürlichen Regelkreise und Prozesse zu ersetzen. Gleichzeitig bleibt die Natur oder das, was aus ihr im Rahmen menschlicher Veränderung geworden bzw. von ihr übrig geblieben ist, eine unersetzliche Lebensgrundlage. Sauerstoff, Wasser, Nahrungsmittel – sie alle stammen aus natürlichen Quellen. Nur wenige Elemente sind künstlich erzeugt worden (z.B. durch radioaktive Zerfallsprozesse), ohne jedoch dadurch die natürlich vorhandenen ersetzen zu können.

Der bisherige Verlauf des Mensch-Natur-Verhältnisses bietet keinerlei Ansatzpunkte für eine Annahme, der Mensch könnte auch ohne die natürlichen Lebensgrundlagen existieren. Ganz im Gegenteil: Der Mensch hat zwar immer größere Fähigkeiten entwickelt, die Natur zu verändern, lebt aber weiterhin in ihr. In Einzelfällen ist sogar sichtbar, dass menschliche Eingriffe in die eingespielten Abläufe der Natur ihn selbst gefährden – auch das geschieht über die Prozesse der Natur (z.B. Klimaschwankungen, Unwetter, Fluten, Dürre).

Der Mensch formt die Natur für bestimmte Ziele. Machtstrukturen zwischen Menschen bewirken unterschiedliche Möglichkeiten sowohl des Zugriffs auf die Natur als auch des Abwälzens der Folgen dieses Zugriffs auf Andere. Natur ist in einem veränderbaren Rahmen steuer- und beeinflussbar, aber nicht ersetzbar. Menschen können die Naturgesetze nicht brechen, aber sie gezielt nutzen und damit bislang unbeeinflusste Abläufe verändern. Sie können sogar die Folgen von Umweltveränderungen/-zerstörungen beeinflussen, aber nicht abschaffen. Diese Fähigkeiten machen den Menschen zum bewussten Gestalter der Natur und als solches zu einer einmaligen Spezies auf der Erde. Er ist vielfach frei von natürlichen Zwängen, aber nicht von den Folgen seines Verhaltens. Beispiel: Kein Mensch unterliegt einem unbeherrschbaren Fress- oder Sexualtrieb. Wer aber nicht isst, verhungert. Die Folgen sind nicht aufhebbar. Der Mensch lebt nicht getrennt von der Natur.

"Mensch" ist in diesem Sinne aber eine unbestimmte Person. Tatsächlich liegen große Unterschiede vor, wer in welchem Maße Natur verändern und die Folgen auf Andere abwälzen kann. Insofern stimmt das gezeigte Bild nur für die Gesamtheit der Menschen, nicht aber für den Einzelnen. Die Versiegelung von Flächen führt zu höherem Regenwasserabfluss, aber die Folgen treten oft erst flussabwärts auf. Machtstrukturen in der Gesellschaft, also nicht zwischen Mensch und Natur, führen zu der Situation, dass einzelne Menschen aufgrund vorhandener Herrschaftsstrukturen in die Umwelt eingreifen können, ohne auf die Folgen Rücksicht nehmen zu müssen. Umweltzerstörung, die immer auch eine Zerstörung der Lebensgrundlage von Menschen ist, geschieht regelmäßig im Rahmen von Machtstrukturen, von herrschaftsorientieren Systemen wie dem Kapitalismus, dem Staatskapitalismus (sogenannter “real existierender Sozialismus”) oder Diktaturen, weil die Menschen in ihnen gegen ihr eigenes Interesse handeln, sich in einer lebenswerten Umwelt und auf deren Grundlage entfalten frei zu können.

Umweltschutz muss daher eine Auseinandersetzung mit Herrschaftsstrukturen und Reproduktionslogiken sein. Ziel ist erstens, Macht abzuschaffen, um die Freiheit zu schaffen, die den Menschen wieder die Gestaltungskraft über die Umwelt gibt, ohne dass sie die Folgen ungefragt auf Andere abwälzen können. Zweitens müssen die Rahmenbedingungen, die Menschen dazu bringen, selbst immer wieder ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, überwunden werden. Nur dann werden Menschen frei sein, sich ohne Zerstörung der Umwelt selbst zu entfalten. Sie brauchen die Umwelt als Lebensgrundlage zu ihrer Entfaltung. Umweltzerstörung würde sich dann gegen sie selbst richten, Umweltschutz sie selbst fördern.

In einer Welt der freien Menschen in freien Vereinbarungen unterliegen auch der Umgang und die Gestaltung des Lebensumfeldes den Menschen selbst. Alle müssen dabei gleichberechtigt sein, d.h. über die gleichen Bestimmungsrechte und Möglichkeiten verfügen.

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Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 178 f.)
Ein Argumentationsstrang Bookchins verläuft in der oben charakterisierten Form: Herrschaft über die Natur ist unmoralisch und führte zu Umweltzerstörung. Herrschaftslosigkeit ist moralisch, beseitigt die Umweltzerstörung und ist adäquate strukturelle Basis einer "ökologischen" Gesellschaft. Das politisch Wünschbare, die Anarchie, wird kurzerhand zum "ökologisch" Notwendigen erklärt. (1977, 26; 1981, 55) Der undifferenziert verallgemeinerte Begriff von Herrschaft macht diese Schlußfolgerung möglich.
Abgesehen von dieser unzulässigen Verallgemeinerung ist an eine solche Anarchismus- bzw. Ökologiekonzeption die Frage zu richten, wie der ideale Zustand der Herrschaftslosigkeit überhaupt gedacht ist. Im zwischenmenschlichen Bereich ist im Anarchismus das Bestimmungselement der "freien Vereinbarung" konstitutiv. Nur - wie soll sich der Mensch mit einem Tier oder einer Pflanze "frei vereinbaren", die er aus Gründen des eigenen Überlebens zu jagen oder zu ernten gezwungen ist? Hinter Bookchins universaler Idee der Herrschaftslosigkeit steht die diffuse Vorstellung einer harmonischen und dem Menschen wohlgesonnenen Natur. (1985a, 48; 1985, 13) Sein gesellschaftliches Ideal basiert ebenfalls auf einer solchen Harmonievorstellung. ...
Der Begriff "Gleichgewicht" funktioniert z. B. in der Ökologie rein deskriptiv, wird aber häufig derart normativ gedeutet und ausgeweitet, als ob "Gleichgewicht" den einzig erstrebenswerten Zustand überhaupt darstelle. (Birnbacher 1980, 107 f.)
Wenn zudem von Abläufen in der Natur auf einen wünschenswerten gesellschaftlichen Zustand geschlossen wird, kann das politisch folgenschwer sein. Im Sozialdarwinismus folgerte man so vom "Kampf ums Dasein" in der nichtmenschlichen Natur auf die "Natürlichkeit" und damit Rechtmäßigkeit eines innergesellschaftlichen "Kampfes ums Dasein", wie er sich in brutalster Weise während der industriellen Revolution und in kapitalistischen Gesellschaften entfaltete. Auch die Rassenlehre des Nationalsozialismus operierte mit solchen Argumentatimsstrategien.
Bei Bookchin findet man Elemente einer solchen Argumentation: Deskriptives wird normativ gedeutet und in einem Analogieschluß auf gesellschaftliche Organisationsformen übertragen. Die Natur, so Bookchin, sei vielfältig, dezentral, komplementär und nicht-hierarchisch strukturiert - deshalb solle auch die Gesellschaft vielfältig, dezentral, komplementär und nicht-hierarchisch strukturiert werden, d. h. so, wie sich Anarchisten eine anarchistische Gesellschaft vorstellen. (1985, 58) Bookchin schlägt sogar vor, die "Natur als Quelle einer objektiv begründeten Ethik einzuführen". (1985, 260) Es versteht sich von selbst, dass eine solche "naturalistische Ethik" genau die gesellschaftlichen Strukturen als moralisch und natürlich kennzeichnet, die dem anarchistischen Gesellschaftsideal entsprechen.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 11 f., mehr Auszüge)
Wenn wir Menschheit und Gesellschaft so radikal von der Natur trennen bzw. sie ganz naiv auf bloße zoologische Einheiten reduzieren, dann können wir letzten Endes nicht mehr erkennen, wie die menschliche Natur aus der nicht­menschlichen Natur und die Evolution der Gesellschaft aus der Evolution der Natur entstanden ist. Die Menschheit wird dadurch in unserem "Zeitalter der Entfremdung" nicht nur sich selbst entfremdet, sondern auch der natürlichen Welt, in der sie von jeher als komplexe und denkende Lebensform verwurzelt war.
... Ich werde nicht so schnell eine "Umwelt"-Ausstellung im New Yorker Museum für Naturgeschichte in den siebziger Jahren vergessen. Hier wurden dem Besucher eine lange Reihe von Objekten präsentiert, die alle beispielhaft für Umweltverschmutzung und ökologische Zerrüttung waren. Das Objekt, das die Ausstellung abschloß, trug den alarmierenden Titel "Das gefährlichste Tier der Erde" und war einfach nur ein großer Spiegel, der den menschlichen Betrachter, der vor ihm stand, reflektierte. Deutlich kann ich mich an einen kleinen schwarzen Jungen erinnern, dem ein weißer Lehrer die Botschaft zu erklären versuchte, die dieses arrogante Ausstellungsobjekt vermitteln sollte. Nicht ausgestellt hingegen waren Bilder von Vorständen oder Aufsichtsräten, die gerade die Rodung einer Berglandschaft planen, oder von Regierungsvertretern, die mit jenen unter einer Decke stecken. Die Ausstellung vermittelte in erster Linie die eine, zutiefst menschenfeindliche These: Menschen an sich, und nicht eine habgierige Gesellschaft mit ihren wohlhabenden Nutznießern, sind für das ökologische Ungleichgewicht verantwortlich - die Armen wie die Reichen, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe ebenso wie privilegierte Weiße, Frauen nicht anders als Männer, die Unterdrückten nicht weniger als die Unterdrücker. An die Stelle von Klassen war der Mythos von der "biologischen" Art "Mensch" getreten; statt Hierarchien wirkten Einzelne; der persönliche Geschmack (oft genug von zudringlichen Massenmedien geformt) hatte soziale Beziehungen ersetzt; und die Machtlosen, so armselig und isoliert sie lebten, nahmen die Rolle ein, die gigantischen Konzernen, korrupten Bürokratien und dem ganzen gewalttätigen Staatsapparat zukommt. ...
Mehr denn je muss betont werden, dass fast alle ökologischen Probleme soziale Probleme sind und nicht einfach oder in erster Linie das Ergebnis religiöser, geistlicher oder politischer Ideologien. ... (S. 12)
Tatsächlich ist jede soziale Entwicklung eine Fortführung des natürlichen Evolutionsprozesses in das Reich der Menschheit. ...
Ich benutze bewußt den Begriff "umgearbeitet" als Hinweis auf die Tatsache, dass die "Zweite Natur" nicht nur einfach ein Phänomen ist, welches sich außerhalb der "Ersten Natur" entwickelt hat - deshalb der spezielle Wert, der Ciceros Gebrauch des Ausdrucks "innerhalb des Reiches der Natur..." beigemessen werden sollte. Wenn ich betone, dass die "Zweite Natur", - oder genauer gesagt, die Gesellschaft im weitesten Sinn des Wortes - innerhalb der ursprünglichen "Ersten Natur" ins Dasein getreten ist, dann will ich damit verdeutlichen, welche naturalistische Dimension das soziale Leben immer gehabt hat, und dies trotz des Gegensatzes von Natur und Gesellschaft, wie er in unserem Denken verankert ist. Soziale Ökologie ist demnach ein Ausdruck, der in besonderem Maße verdeutlicht, dass Gesellschaft nicht plötzlich, sozusagen wie ein Vulkanausbruch, über die Welt gekommen ist. Gesellschaftliches Leben ist nicht notwendigerweise mit der Natur in einem unerbitterlichen Kriegszustand konfrontiert. Die Herausbildung der Gesellschaft ist eine natürliche Tatsache, die ihre Ursprünge in der Biologie menschlicher Sozialisation hat. ...
..., eine Verlängerung, die Briffault im Zusammenhang mit einer Erhöhung der Schwangerschaftsdauer und Weiterentwicklung der Intelligenz sieht. ... (S. 14 f.)
Jedes neugeborene Kind und die ausgiebige Pflege und Sorgfalt, die es in den folgenden Jahren erfährt, erinnern uns daran, dass hier nicht nur ein neuer Mensch entstanden ist, sondern die Gesellschaft selbst eine Reproduktion erfahren hat. Im Vergleich mit Nachkommen anderer Arten entwickeln sich Kinder langsam und über einen sehr langen Zeitraum. Durch die enge Verbindung mit den Eltern, Geschwistern, Verwandten und dem sich stetig erweiternden gesellschaftlichen Kreis bewahren sie sich den formbaren Geist, aus dem schöpferische Individuen und flexible soziale Gruppierungen erwachsen können. ... (S. 16)
Praktisch die gesamte anthropologische Forschung hat gezeigt, dass Anteilnahme, gegenseitige Unterstützung, Solidarität und Verständnis die vorherrschenden sozialen Tugenden waren, die das Leben früher menschlicher Gemeinschaften bestimmten. Die Vorstellung, dass die Menschen, um gut leben, ja um überleben zu können, aufeinander angewiesen sind, leitete sich von der Abhängigkeit des Kindes von den Erwachsenen ab. ... (S. 17)
Nichtmenschliche Arten mögen mitunter lose Verbände formen und sich sogar zu einem kollektiven Schutz organisieren, um ihre Jungen vor Angreifern zu verteidigen. Diese Gemeinschaften können aber wohl kaum, außer in einem sehr weiten und oberflächlichen Sinne, als strukturiert bezeichnet werden. Menschen dagegen bilden höchst formalisierte Gemeinschaften, die im Laufe der Zeit in ihrer Struktur ständig weiter ausgebaut werden. Und tatsächlich bilden sie nicht nur Gemeinschaften, sondern ein neues Phänomen, nämlich Gesellschaften.
Wenn wir nicht in der Lage sind, Tiergemeinschaften von menschlichen Gesellschaftsformen zu unterscheiden, setzen wir uns der Gefahr aus, die einzigartigen Züge zu übersehen, die das menschliche Sozialleben von der tierischen Gemeinschaft unterscheidet - vor allem die Möglichkeit, dass eine Gesellschaft sich ändert, ob zum Guten oder Schlechten, und wie es zu solchen Veränderungen kommt. ... Von Anbeginn der Geschichte, bis in die moderne Zeit, bestand der Trick aller herrschenden Eliten einfach darin, die eigenen, gesellschaftlich geschaffenen hierarchischen Herrschaftssysteme mit gemeinschaftlichem Leben als solchem gleichzusetzen, wobei letztlich die von Menschen erschaffenen Institutionen als von Gottes Gnaden erscheinen oder eine biologische Rechtfertigung erhalten. ... (S. 18)
Ich stelle diese sehr provozierenden Fragen nicht, um eine überhebliche Arroganz gegenüber nichtmenschlichen Lebensformen zu rechtfertigen. Wir müssen des Menschen Einzigartigkeit als Gattung, die sich durch seine sozialen, phantasievollen, konstruktiven und konzeptionellen Eigenschaften auszeichnet, in eine Art Synchronisation mit der Schöpfungskraft, dem Reichtum und der Vielfalt der Natur bringen. ... (S. 20)
Einer der wichtigsten Beiträge der Sozialen Ökologie im Rahmen der gegenwärtigen ökologischen Diskussion ist die Ansicht, dass die elementaren Probleme zwischen Gesellschaft und Natur nicht aus deren Spannungsverhältnis erwachsen, sondern im Innern der Gesellschaft entstehen. ... (S .21)
Die großen Errungenschaften menschlichen Denkens, der Kunst, der Wissenschaft und der Technik, dienen nicht nur zur Monumentalisierung der Kultur, sie sind ebenso ein Monument der natürlichen Evolution selbst. Kunst, Wissenschaft und Technik liefern den schlagenden Beweis dafür, dass die menschliche Art eine warmherzige, aufregende, vielseitige und besonders intelligente Lebensform darstellt - in der die Natur ihre höchste Schaffenskraft bezeugt hat. ... (S. 25)
Wenn wir Natur als Entwicklung begreifen, erkennen wir das Vorhandensein dieser Tendenz zur Selbst-Bewußtwerdung und letztlich zur Freiheit. Diskussionen darüber, ob diese Tendenz Beweis für ein vorbestimmtes "Ziel", eine "führende Hand" oder einen "Gote' ist, sind in diesem Zusammenhang völlig irrelevant. (S. 30)
Dauerhafte Einrichtungen wie Armeen, Polizei, oder auch kriminelle Gruppen existieren nicht in der Tierwelt. Wo sie zu existieren scheinen, wie etwa die "Soldaten" einiger Insekten wie der Ameisen, handelt es sich um Beispiele genetisch determinierten Verhaltens und nicht um gesellschaftlich hervorgebrachte Institutionen, die durch Rebellion radikal veränderbar sind. (S. 52)
Aufgrund seiner spezifischen, biologisch angelegten Geisteskraft ist er im wahrsten Sinne von der Evolution dazu "bestimmt", in der Biosphäre zu intervenieren. ... (S. 63)
Wenn die Lebensprozesse auf diesem Planeten, auch die der Menschheit selbst, nicht von totalitären Systemen verwaltet werden sollen, muss die moderne Gesellschaft bestimmten grundlegenden ökologischen Geboten folgen. (S. 170)
Herrschaft ist nicht natürlich, sondern eine soziale Erfindung

Der Mensch ist des Menschen Wolf, oder doch eher ein Herdentier? Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt. So oder ähnlich lauten viele Beschreibungen der menschlichen Natur. Sie sollen vermitteln, dass die biologische Herkunft des Menschen seine soziale Organisierung und Orientierung stark prägt, also die Biologie eine kulturelle Entwicklung erheblich prägt. Praktisch dient das dann immer der Legitimation von Herrschaft - welch ein Zufall. Offenbar fehlen nach dem Schwächeln der Wirkung früherer, z.B. religiöser Legitimationslügen des Herrschens brauchbare Begründungen für die Aufrechterhaltung von Institutionen und Regeln der Macht, seien es Staaten oder Gesetze.
Doch schon auf den ersten Blick fallen absurde Verdrehungen und Widersprüche in den Analogien auf. Ist der Mensch nun wie ein Wolf oder ist er ein Herdentier? Wölfe leben in Rudeln, das sind ganz anders organisierte Gemeinschaften als Herden. Von den Affen, die heute Wälder bewohnen und viel herumklettern, stammt der Mensch ebenfalls nicht ab, sondern hat mit ihnen - soweit der Stand der Wissenschaft - gemeinsame Vorfahren. Entwickelt hat er sich offenbar eher im Grasland, wo der aufrechte Gang von besonderem Vorteil war. Die Säugetiergruppen, denen er am nächsten steht, leben weder im Schwarm noch in Herden oder Rudeln, sondern im Großfamilien oder Horden. Die weisen ganz andere interne Hierarchien auf als z.B. Herden, d.h. wenn schon jemand die biologistische Karte spielen und die soziale Organisierung des Menschen auf seine Natur zurückführen will, so sollte das wenigstens sauber erfolgen - und nicht blind irgendwelche Tierarten herausgegriffen werden, die einem gerade in den Kram passen.

Es spricht aber insgesamt wenig dafür, dass der Mensch überhaupt in seinen Entscheidungen, welche sozialen Gefüge er bildet, stark von seiner biologischen Herkunft geprägt ist. Darauf deutet auch der schnelle Wandel hin, der sich in jüngster Menschheitsgeschichte vollzieht von Großfamilien über die im Kapitalismus geförderte Kleinfamilie zu Patchwork-Biografien und Singlehaushalten. Mensch muss die Entwicklung nicht mögen, aber sie verläuft offenbar unbehindert von irgendwelchen biologischen Wurzeln.

Ebenso sind die spezifischen Formen von Herrschaft zwischen Menschen, insbesondere der Typus totalitärer Beherrschung, als Anspruch der Verfügungsgewalt über alle Menschen eines Gebietes, eine neuartige Erfindung, die erst im kulturellen Prozess der Menschheitsgeschichte auftrat. Dass Lebewesen abstrakten Zwecken wie dem Wohl eines Konzerns oder einer Nation unterworfen werden, ist ein völlig neues Phänomen. Hierarchien gab es auch im Tierreich, aber diese basierten auf dem Antrieb, sich selbst durchzusetzen - in großen Teil der Tierwelt triebgesteuert. Je schwächer dieser Trieb, der vor allem dem Ausstechen von Nahrungs- und FortpflanzungskonkurrentInnen diente, ist und je stärker die Gemeinschaften im Inneren differenziert waren, desto eher flachten sich Hierarchien ab.
Demgegenüber entwickelte die menschliche Gesellschaft Herrschaftsformen, die ohne natürliches Vorbild sind: Eliminatorische Phantasien oder Massaker gegenüber ganzen Teilen der Menschheit, totale Kontrolle, Fünfjahrespläne zur Zwangsumsiedlung oder Ausrottung von Menschengruppen, riesige Kaskaden gegenseitiger Unterdrückung und Steuerung sowie die Aufstellung umfassender Regelwerke mitsamt der Apparate, die deren Einhaltung überwachen und Abweichungen sanktionieren sollten. Die NutznießerInnen der Machtstellung traten dabei gar nicht mehr selbst in Erscheinung, stattdessen wurden riesige Heere williger VollstreckerInnen in der Ausführung abstrakter Macht zu den konkret Handelnden. Es gibt dafür kein Vorbild in der Natur, Herrschaft ist eine soziale Erfindung.

Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (S. 14, mehr Auszüge)
Sicher ist indessen, dass von allen auf gesellschaftliches Zusammenwirken angewiesenen Geschöpfen allein der Mensch den Kampf planvoll auf die eigene Art ausgedehnt hat und zwar nicht, wie das bei manchen Tieren und bei den Kannibalen geschieht, um Ernährungsschwierigkeiten zu beheben, sondern um ungleiches Recht in derselben Gattung zu schaffen und dadurch Machtgelüste zu befriedigen. Gegenseitige Hilfe ist ebenso Bestandteil der Gleichberechtigung, wie soziale Ungleichheit jede Gegenseitigkeitsbeziehung unmöglich macht.

Natur und Natürlichkeit

Das Bild, dass sich Menschen von der Natur machen, ist vielfach vereinfacht. Hintergrund sind zum einen die veralteten wissenschaftlichen Anschauungen einer starren Umwelt, die unververrückbar von Naturgesetzen geprägt wird und in geschlossenen Kreisläufen verharrt. Darüber thront der Mensch als Krone der Schöpfung oder sogar, herausgetreten aus der Natur, als von der Natur unabhängiger Gestalter der Welt. Jenseits dessen, dass das Ergebnis dieser tollen Gestaltungskraft ein ziemliches Armutszeugnis ist, liegt der empfundenen Einmaligkeit des Menschen und seiner Nicht-Natürlichkeit ein seltsames Bild der Natur zugrunde.

Natur ist Dynamik und Entwicklung

Schon Materie, erst recht aber das Lebendige bildet keine geschlossenen Systeme, die starr oder nur in Kreisläufen bestehen, d.h. immer in ihrem einmal geschaffenen Zustand verharren oder dorthin zurückkehren. Das ist im Text über die Selbstorganisierung von Materie und Leben bereits beschrieben worden. Es ist wichtig, das als Grundprinzip der Welt zu begreifen. Die Entwicklung der Menschheit auf kultureller Grundlage ist zwar eine neue Qualität, aber keine grundsätzliche Neuerfindung dynamischer Entwicklungsprozesse. Gäbe es diese außerhalb der menschlichen Gesellschaft nicht, wäre es schließlich nie zum Menschen gekommen.

Aus Annette Schlemm in einer Zusammenstellung zu Natur-Definitionen
"Auch die Vorstellung der Natur als des geschichtslosen Raumes des geschichtlichen Menschen ist ein historisches Resultat, nämlich einer sich zur Naturwissenschaft mit ihrem Gesetzesbegriff wandelnden Naturphilosophie." (Mittelstraß 1991, S. 46)
Natur wird als geschichtslos bestimmter Raum fremd (Mittelstraß 1991, S. 46) - Subjekt-Objekt treten auseinander
Bemerkung A.S. Diese Geschichtslosigkeit wird von "Umweltschützern" oft übernommen, sie fordern eine "Rückbindung in die natürlichen Kreisläufe", z.B. R. Bahro. Dieses Gedankenmuster ist typisch für spirituell-esoterische Ökokreise.

Aus Altner, Günter (2009): "Charles Darwin und die Instabilität der Natur",VAS in Bad Homburg (S. 37)
Eine Zeit und Raum übergreifende Gültigkeit der Naturgesetze würde ihre Vergöttlichung bedeuten. Eine solche Oberinterpretation der Naturgesetze lehnt Darwin ab.

Der Mensch verleiht den Wert

Ziel einer emanzipatorischen Politik ist eine Gesellschaft, in dem die Menschen (als sich entfaltende Individuen) das gestaltende Subjekt sind. Sie bestimmen ihre Sozialisation und nicht Gott, ein Konzern, eine Regierung oder irgendetwas "von Natur aus". Der emanzipatorische Anspruch an die Gesellschaft ist das Bild eines gleichberechtigten Neben- und Miteinanders der Menschen, von "freien Menschen in freien Vereinbarungen". Es gibt nichts über dem Menschen als wertendes Subjekt. Alles geschieht von den Menschen aus und ist durch sie legitimiert. Damit ist nicht gesagt, dass alles außer dem Menschen unwichtig ist, aber es gibt keine Alternative, dass Menschen mit Menschen ihre Lebensbedingungen aushandeln und gestalten.
Die Menschen sind, so das emanzipatorische Verständnis, hierbei gleichberechtigt. Niemals aber werden Tiere und Pflanzen daran teilhaben. Es ist nicht möglich, mit einem Hund, einer Katze oder einem Hagebuttenstrauch debattieren zu wollen, ob mensch umzieht, eine Ausbildung anfängt, die Revolution ausruft oder andere Lebewesen, ob nun Menschen, Tiere oder Pflanzen ausbeutet. Die Frage der Gestaltung von Gesellschaft ist eine Frage zwischen den Menschen. Das trennt den Menschen grundlegend von den Tieren und anderen Lebewesen (wobei es bei Tieren nicht viel anders ist: Die organisieren ihre Gemeinschaft untereinander auch - Menschen können diese zwar durcheinander bringen oder beeinflussen, aber nicht selbst dort in einen Aushandlungsprozess eintreten. Dieser Ausschluss anderer Arten aus der Gestaltung der inneren Organisation einer Art ist durchgreifend und ohne Übergangsformen.

Einige zur Zeit geführte Debatten um das Verhältnis von Mensch und Tier sind durch den Versuch geprägt, biologische Unterschiede nachzuweisen oder zu negieren. Beide Extreme der Debatte, d.h. sowohl die VerfechterInnen der Theorie, Menschen und Tiere seien gleich und daher gleichberechtigt, als auch etliche KritikerInnen dieser Gleichsetzung werden anhand biologischen Unterschiede "bewiesen". Bemerkenswerterweise begeben sich damit beide in eine biologistische Argumentation, denn Biologismus bedeutetet die Übertragung von Zuständen aus dem Tierreich auf soziale Prozesse und Wertungen. Bei der Frage der Tierrechte und des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier geht es aber um die Gestaltung von Gesellschaft, also um eine soziale Frage.
Richtig ist, dass die biologischen Unterschiede zwischen Tieren und Menschen nur relativ sind. Vom Organismus her sind andere Säugetiere dem Menschen sehr viel ähnlicher als Säugetiere vielen Kleinsttieren, etwas Wenigzellern, Würmern oder Insekten. Angesichts der großen Unterschiede schon bei körperlicher Eigenschaften innerhalb der Tierwelt einen Sammelbegriff "Tiere" zu bilden und dann vom Menschen abgrenzen zu wollen, erscheint daher abstrus. Auch hinsichtlich des Sozialverhaltens und der Kommunikation zwischen Tieren sind die Unterschiede zwischen den Tierarten derart groß, dass jegliche biologistische Argumentation sinnlos ist. Von Einzelgängertum über feinstrukturierte Familien und Horden bis zu Herde oder Schwarm als stark einheitlich handelnde Massen ist alles zu finden - manches ist ähnlich der menschlichen Sozialisation, anderes hingegen weit weg. Schon angesichts dieser Uneinheitlichkeit ist der Versuch sinnlos, einen biologischen Unterschied oder, wie von Seiten der TierrechtlerInnen, eine biologische Identität zwischen Tieren und Menschen konstruieren zu wollen. Er ist aber auch überflüssig, denn die biologischen Unterschiede oder Ähnlichkeiten zwischen Menschen und anderen Lebewesen spielen für die soziale Organsiation und auch für die Frage des Wertes von Leben keine Rolle. TierrechtlerInnen irren, wenn sie aus einer vermeintlichen biologischen Ähnlichkeit Tierrechte ableiten. Und die KritikerInnen des Tierrechts irren, wenn sie aus vermeintlichen Unterschieden das Gegenteil ableiten. Beide argumentieren biologistisch, weil sie biologische Befunde für soziale Wertungen mißbrauchen. Tatsächlich bleibt aber der Mensch das wertende Subjekt. Es gibt keine naturgegebenen Wertsetzungen, ebenso keine göttlichen oder sonstigen. Die Frage "Haben Tiere per se, also von Natur aus Rechte?" ist zu verneinen, weil selbst die Bejahung dieser Frage durch den Menschen erfolgen würde und die praktische Konsequenz schafft. Ebenso ist die Behauptung, Tiere könnten per se keine (gleichen) Rechte haben, falsch, denn dann wäre dem Menschen eine wichtige Wertsetzung entzogen: Rechte zu verleihen. Daher kann es Tierrechte geben, weil der Mensch jede Form von Wertsetzung vornehmen kann. Aber diese Tierrechte kommen vom Menschen. Der verleiht viele Rechte: Eigentumsrechte, Wasserrechte, Urheberrechte oder die Menschenrechte, die ebenfalls nicht vom Himmel fallen, sondern erkämpft gehören. Die Verwertung und Kapitalsicherung im Sinne des Profits der Besitzenden steht im Mittelpunkt des Rechts. Das der wenig überraschende Ausdruck einer Welt, in der es um Verwertung und Profite geht. Das Recht an den - im weitesten Sinne so zu bezeichnenden - Produktionsmitteln haben immer einzelne Menschen oder ihre Firmen. Dazu kann auch das Eigentum an Tieren, Pflanzen und Menschen gehören - früher der ganzen Personen als Sklaven oder Leibeigene, heute weiterhin deren Arbeitskraft, deren TrägerInnen halb gekauft und halb erzwungen alle Ergebnisse den EigentümerInnen überlassen.
Konzeptionell gegenüber stehen diesen Verfügungsrechten die Menschen- und Tierrechte, die jeweils dem Menschen oder dem Tier eigene Rechte zusprechen. Es sind aber auch hier die Menschen, die in einem kulturellen Prozess diese Rechte verleihen und anerkennen - oder auch wieder abschaffen bzw. missachten. Alles ist immer menschengemacht. Natur beinhaltet nicht von sich aus Kultur. Der Mensch als Interpretierender und Verleihender von Werten, Rechten oder Bedeutungen ist immer die Quelle.

Naturnutzung als Allianztechnologie

Was bedeutet das nun für den Umgang des Menschen mit der Natur? Das Gleiche, was auch für den Umgang der Menschen untereinander, also für seine soziale Organisierung gilt: Alles ist Sache der freien Vereinbarung freier Menschen. Es gibt in einer herrschaftsfreien Welt keine abstrakten Ziele, für die Menschen zu arbeiten haben. Und keine, für die die Natur zu plündern ist.

Umwelt als Lebensgrundlage im gleichberechtigten Zugriff aller Menschen

Flächen und Rohstoffe gehören in einer herrschaftsfreien Welt allen Menschen - oder besser: Niemandem. In freien Vereinbarungen wird festgelegt, welche Flächen wie genutzt, gestaltet oder sich selbst überlassen werden. Naturschutzziele werden von Menschen formuliert und in diese Diskussion eingebracht.

Aus Bergstedt, Jörg (1999): "Umweltschutz von unten" (Download)
Nicht Firmen, GrundeigentümerInnen und Regierungen bestimmen über die Nutzung der Umweltgüter, sondern die Menschen selbst. Der Flächen- und Rohstoffverbrauch muss zur Entscheidungssache auf unterster Ebene werden, die Gewinnung, Verarbeitung und der Handel mit ihnen ist Sache der Menschen selbst, nicht höherer Institutionen, Regierungen oder des ‚Marktes‘ mit seinen Institutionen. Die Utopie einer emanzipatorischen Gesellschaft muss auf dieser Grundlage des selbstbestimmten Umgangs der Menschen mit ihrer Natur aufbauen.

Niemand kann vorhersehen, was alles geschehen wird, wenn die Menschen den Zugriff auf ihre Lebensbedingungen, auf ihre “Umwelt” haben. Die Hoffnung aber besteht, dass dann, wenn kein Mensch die Folgen seines Handelns ungefragt auf andere abwälzen kann, niemand ein Interesse daran hat, Umweltgüter so auszubeuten, dass die eigenen Lebensgrundlagen in Frage gestellt werden. Die Machtmittel fehlen, Vergiftungen, Müllberge, radioaktive Verstrahlung usw. auf andere abzuwälzen, die Reste der Naturausbeutung bei anderen zu lagern oder LohnarbeiterInnen den Gefahren auszusetzen, die anderen Profite bringen. So wird der Umgang mit der Natur in jedem Einzelfall zu einer bewussten Auseinandersetzung zwischen Individuum und seiner Umwelt. Oder zur Vereinbarung zwischen den Menschen, die gemeinsame Interesse oder Betroffenheiten haben.
Das freie Verhältnis von Mensch und Natur schafft die Chance eines kreativen und bewussten Umgangs. Techniken zur Nutzung von Natur werden aus den Möglichkeiten der Menschen heraus entwickelt, um die Möglichkeiten der Natur zu nutzen. Alle Menschen haben nur die eine, nämlich “ihre Umwelt”. Sie zu nutzen, die Flächen und Rohstoffe geschickt so einzusetzen, dass es ein besseres Leben ergibt, wird das Ziel vieler, wenn nicht aller Menschen sein. Dabei aber die Potentiale der Natur nicht zu zerstören, sondern zu erhalten bzw. gar zu entwickeln, liegt im unmittelbaren Interesse der Beteiligten. Darauf beruht die Hoffnung, in einer Welt der freien Menschen in freien Vereinbarungen auch das Verhältnis zur Natur von der Profitmaximierung hin zu einer auf ein besseres Leben ausgerichteten Behutsamkeit zu entwickeln.

Befreite Gesellschaft in Allianz mit der Naturentwicklung

Heute grenzt es schon fast an die Grenzen des Utopisch-Hoffbaren, die Natur als Lebensgrundlage wenigstens nicht noch mehr zu zerstören, sondern so viel wie möglich von ihr zu erhalten. Deshalb setzen sich unter Umweltbewegten auch immer wieder Gedanken durch, die einen statischen Zustand als Idylle einer Einheit von Mensch und Natur wünschen und anstreben. Wer, wie Rudolf Bahro und manche Öko-Feministinnen, davon ausgeht, die Natur verharre in "ursprünglichen Zyklen und Rhythmen" (Bahro, S. 319), dem bleibt wirklich nur eine Rückkehr zu traditionellen Lebensformen. Diese Ökokonzepte sind geprägt von Technikfeindlichkeit, Mystifizierung der schweren Arbeit und der Idyllisierung einer "harmonischen Einheit mit der Natur", die es aufgrund der klimatischen Verhältnisse zumindest in Mitteleuropa nie für längere Zeit gab. Die antiemanzipatorische "Rückbindung" an diese scheinbar statischen Zyklen soll dann mittels "erhebender" Spiritualität erträglich oder gar wünschenswert gemacht werden. Solche naturstatischen, emanzipationsfeindlichen Ökokonzepte geraten inhaltlich leicht in die Nähe zu "Rechter Ökologie" (Geden). Die Kritik an solchen Konzepten braucht sich aber gar nicht nur auf ihre politischen Konsequenzen beziehen, sondern auch inhaltlich sind sie einfach falsch. Denn die Natur ist nicht statisch, sie ist "kein Vorbei", wie es Ernst Bloch kennzeichnet (Bloch, S. 807, siehe auch: Schlemm 1996ff.). Sie entwickelt sich selbst ständig weiter - unter anderem und sogar wesentlich über die neue Qualität, der Kultur mittels vernünftiger Naturwesen, der Menschen.

Wie alle Zukunftsentwürfe ist die Vision einer gemeinsamen Fortentwicklung von Mensch und Natur noch nicht genau ausmalbar. In ihrem Zentrum steht auf jeden Fall die Entwicklung der menschlichen Natur selbst (siehe “Menschen-Epoche”). Aber auch die schöpferischen Potenzen der Natur, ihre vielfältigen Kräfte und Zusammenhänge stehen uns zur Verfügung. Naturgesetze beschreiben keine Verbote, sondern Möglichkeiten. Der berühmte Ausspruch von Francis Bacon: "Wissen ist Macht" bezieht sich nicht auf unterdrückende Beherrschung, sondern die Ermöglichung neuer Naturzustände ("zweite Natur"), die unser Leben bereichern und der Natur selbst die Tür zu neuen Möglichkeiten öffnet. "Allianztechnik" nennt Bloch jene Mittel, mit denen die befreiten, sich frei vereinenden Menschen sich nun auch neu mit den natürlichen Möglichkeiten verbinden.

Aus Bloch, Ernst (1985): Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt (S. 787)
An Stelle des Technikers als bloßen Überlisters oder Ausbeuters steht konkret das gesellschaftlich mit sich selbst vermittelte Subjekt, das sich mit dem Problem des Natursubjekts wachsend vermittelt.

Es wird selbstverständlich eine andere Art Wissenschaft und Technik sein, die diese Menschen entwickeln, meilenweit von der beherrschenden, überlistenden, raubenden Aneignung natürlicher Ressourcen durch bürgerlich-kapitalistischen Zugriff entfernt. Da wir immer zuerst an die Kritik dieser Formen denken, fällt es uns schwer, eine Vision einer anderen Wissenschaft und Technik zu entwickeln. Bloch kennzeichnet sie so:

Einen aktuellen, wenig beachteten Hinweis gaben Bloch/ Maier 1984 im Buch "Wachstum der Grenzen", wo "Technologien, die sich auf Symbiose selbstorganisierender Systeme stützen" (S. 37) skizziert werden. Während sich Gesellschaft und Natur beide nicht mechanizistisch verhalten, sondern sich-selbst-organisierend, vermittelt zwischen ihnen derzeit eine eher mechanizistische Technik. Eine qualitative Einheit gelingt erst, wenn auch sie den Charakter von Selbstorganisation erhält.
In ihrer konkreten Form werden wir sie - solange wir die neue Gesellschaft noch nicht haben - auch nicht vollständig entwickeln können. Bloch selbst griff bei seinen Hoffnungen zwar auch daneben, denn er pries die Atomtechnik als nicht-mechanische, nicht-euklidisch wirkende neue Technikform. Aber Wesenszüge einer vertretbaren Allianztechnik, mögliche Keimformen und alles, was heute doch schon möglich ist, sollten wir nicht versäumen zu entwickeln. Vielleicht werden es andere, effiziente Formen der Kooperation sein oder so etwas wie der aus den StarTrek-Folgen bekannten "Replikator". Eher unsichtbar, aber effektiv und produktiv stellt dort eine auf Modularität beruhende vernetzte und integrierte Produktionstechnologie die jeweils benötigten Dinge her. Begriffe wie "individuelle Massenpodukte", "wandlungsfähige Produkte" und ähnliches gehören heute schon zum Standardwerkzeug der Konstrukteure und Technologen. Viele politisch engagierte Menschen übersehen diese "graue Produktionsalltagswelt". Als Kriterium für unsere Vision ist jedoch nicht nur die Bequemlichkeit der Produktionsweise mit den Replikatoren, sondern, ob statt "Beherrschung" der Natur eine "Vermittlung der Natur mit dem menschlichen Willen" (Bloch) vorliegt. "Technik als Entbindung und Vermittlung der im Schoß der Natur schlummernden Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an konkreter Utopie" (Bloch, S. 813). Nur solch eine dynamische, nichtstatische Vorstellung kann Grundlage emanzipatorischer Öko-Politik sein.

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Aus Wicht, Cornelia (1980): "Der Ökologische Anarchismus Murray Bookchins", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt
Es kann aber nicht nur Aufgabe der kybernetischen Technologie sein, den Mangel und die Arbeit abzuschaffen, sondern sie muss so entwickelt und eingesetzt weden, dass sie erstens die menschliche Solidarität fördert und zweitens eine ausgewogene Beziehung mit der Natur, d.h. eine wirklich organische Ökogemeinschaft, herstellt. ... (S. 33)
Die moderne Technologie kann in immer kompakteren Einheiten zur Verfügung gestellt werden. Dadurch ist eine optimale Effizienz nicht erst bei Massenprodukten zu erreichen, sondern eventuell bei einem Produktionsumfang, der auf lokale Lebensgemeinschaften zugeschnitten ist. Kleinere Produktionseinheiten können sinnvoll auf lokale Rohstoffquellen zurückgreifen, wodurch konzentrierte Lagerstätten geschont werden. Wird noch die Senkung der Transportkosten berücksichtigt, so können sich dezentrale Produktionsstätten auf die Dauer sogar als effizienter erweisen. Die neue Technologie hat nicht nur elektronische Bauteile in Miniaturgröße und kleinere Produktionsanlagen entwickelt, sondern auch sehr vielseitige Produkte in einem einzigen Betrieb herzustellen. Eine kleine oder mittelgroße Gemeinschaft, die Vielzweckmaschinen benutzt, könnte viele ihrer ohnehin beschränkten industriellen Bedürfnisse befriedigen, ohne mit Überkapazitäten belastet zu sein. ... (S. 35)
Das Zentrum der ökonomischen Kraft kann von der nationalen auf die örtliche Ebene und von zentralisierten bürokratischen Formen zu lokalen Volksversammlungen verlagert werden. Dies ist die ökonomische Grundlage für die Autonomie und Souveränität der lokalen Gemeinschaften. ...
Die EInbeziehung der Natur in den Erfahrungsbereich des Menschen bedeutet für Bookchin auch einen Beitrag zu seiner Vervollkommnung. ..
. (S. 36)
Die Technologie hat einen so fortgeschrittenen Entwicklungsstand erreicht, der der Menschheit erlaubt, das urbane Leben nach Richtlinien zu rekonstruieren, die eine ausgeglichene, abgerundete und harmonische Interessengemeinschaft zwischen den Menschen und zwischen der Menschheit und der Natur erlaubt. (S. 65)

Natur unterwerfen oder Allianztechnologie?
Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 79 f.)
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an einen öffentlichen Dis­put mit einem solch wortgewandten Wissenschaftskollegen im SPIEGEL Mitte der 1990er-Jahre. Dort hatte Hubert Markl, Professor für Biologie und von 1987 bis 1991 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und damals designierter Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, eine Art Bio­kratie gefordert: Wenn der Mensch den Planeten retten wolle, müsse er zum "Manager der Biosphäre" werden. Mithilfe der modernen Biologie und Gentechnik müsse der Homo sapiens "den Auftrag, die Natur in unsere Obhut zu nehmen, aktiv und positiv aufnehmen".
Ich habe in meiner Antwort im SPIEGEL, die wenige Wochen nach Markls Essay erschien, der von ihm propagierten "Pflicht zur Widernatürlichkeit" eine "Pflicht zur Mitnatürlichkeit" entgegengesetzt. Die von Markl und anderen Wissenschaftlern geforderte "Natur unter Menschenhand" wird stets eine Illusion, wenn nicht gar eine gefährliche Anmaßung bleiben. Denn die Natur wird uns keine Sonderbehandlung gewähren, nur weil wir uns als "Krone der Schöpfung" betrachten. Selbstverständlich besitzen wir mit unserem Bewusstsein eine interessante und vielleicht liebenswerte Besonderheit. Ich fürchte aber, die Natur ist nicht eitel genug, um sich an den Menschen als einen Spiegel zu klammern, in dem allein sie ihre eigene Schönheit sehen kann. Sie wird den Menschen vielmehr - wie alle anderen Spezies vor ihm, die sich nicht erfolgreich ins kreative Plussummenspiel der Schöpfung ein­klinken konnten - einfach langfristig aus der Evolution entlassen.
"Eine vom Menschen beherrschte, vom Menschen zu gestaltende und zu bewahrende, eine vom Menschen zu verantwortende Natur, mit einem Wort: eine Natur unter Menschenhand" soll nach Markl die einzig mögliche Rettung unseres belebten Planeten vor seiner Zerstörung sein. Einer Zerstörung wohlgemerkt, die vom Menschen selbst (besser: dem "Manager" der nördlichen Hemisphäre) verursacht worden ist und weiter betrieben wird. Welch eine Anmaßung spricht aus einer solchen Proklamation. Und dies aus der Mitte Europas, vor dem Hintergrund der letzten 150 Jahre Industriegeschichte, die geprägt sind
  • durch unermessliche Zerstörungen von natürlichen (physischen und bio­logischen) Ressourcen mit wachsender Beteiligung von Wissenschaft und Technik, deren bisherige "Höchstleistung" die Atombombe darstellt;
  • durch unseren Verstand überschreitende industrielle Vernichtungsorgien von Menschen, von sozialen Strukturen und unersetzlichen Werten durch zwei von den Industriestaaten, insbesondere Deutschland, angezettelten Weltkriegen;
  • durch einen Wachstumsglauben, der die Umwelt fälschlicherweise nicht als natürliche beschränkt robuste Lebensgrundlage, sondern als einen dem Menschen zugeeigneten, unendlich ergiebigen Steinbruch und als beliebig schluckfähige Müllkippe betrachtet.
Ausgerechnet die ökonomischen, sozialen und wissenschaftlichen Eliten, die für diese Fehlentwicklungen verantwortlich waren und sind, sollen in Zukunft die Biosphäre "managen"? Eine Biosphäre, von deren wundervollem Funktionieren wir nicht einmal ein Pikoprozent wirklich kennen? Ja, mehr noch, von der uns - in Kenntnis der durch die moderne Physik ausgewiesenen prinzipiellen Grenzen des Wissbaren - auch in Zukunft wohl vieles auf immer verborgen bleiben wird. Da wird von Protagonisten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts wie Markl doch wahrlich die Katze zur Hüterin der Mäuse gemacht.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster (S. 69)
Die Naturgesetze können durch die Menschen im Rahmen ihrer Wechselwirkung mit der Natur nur bewußt in Wirkung gebracht und dabei genutzt werden - ein Außerkraftsetzen ist nicht möglich. Genau dieses Befolgen der Gesetze der Natur lag im Bestreben Roger Bacons, dessen Bemühen um wissenschaftliches Verstehen heute oft schuldig gesprochen wird für die falschen, ökologisch verheerenden Handlungen der Menschen.

Auszug aus Elmar Altvater, "Mehr systemische Intelligenz, bitte!" in: Politische Ökologie Mai/Juni 2002 (S. 25)
Ökologische Gesetzmäßigkeiten lassen sich durch den Diskurs darüber nicht verändern. Sie gelten ja seit Zeiten, in denen es Menschen noch gar nicht gab, und sie werden ihre Gültigkeit nicht verlieren, wenn die Menschen ausgestorben sein sollten. Angesichts dieser Unbeeinflussbarkeit der Naturgesetze gebietet es sich, sie zu nutzen - darin besteht systemische Intelligenz und nicht darin, sie permanent zu missachten.

Aus Bookchin, Murray (1981): "Hierarchie und Herrschaft", Karin Kramer Verlag in Berlin
Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich keineswegs dafür plädiere, Technologie aufzugeben und zu paläolithischen Formen des Sammelns von Nahrung zurückzukehren. Eine Ökotechnologie, die unter Gesichtspunkten von überschaubarer Größenordnung und vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln wäre, und dafür gibt es schon erste praktische Ansätze und Entwürfe, wird eine Weiterentwicklung unserer heutigen Technologie sein. Diese Ökotechnologie wird sich die unerschöpflichen Energien der Natur zunutze machen, Sonne und Wind, Ebbe und Flut, die natürliche Kraft der Flüsse, die Temperaturunterschiede auf dem Planeten und den Wasserstoff, den es im Oberfluß gibt, als Treibstoff, um so die Ökogemeinschaften mit umweltfreundlichen Materialien zu versorgen und mit leicht wiederverwertbaren Abfällen. ... (S. 36 f.)
Liegen die Wurzeln der ökologischen Krise in der Entwicklung der Technologie? Die Technologie ist zu einem bequemen Angriffsziel geworden, um die tiefsitzenden sozialen Bedingungen, die Maschinen und technische Prozesse schädlich machen, zu umgehen. Wie bequem ist es zu vergessen, dass die Technologie nicht nur dazu gedient hat,die Umwelt zu zerstören, sondern auch, sie zu verbessern. Die neolithische Revolution, die die harmonischste Periode zwischen der Natur und der nach-paläolithischen Menschheit hervorbrachte, war vor allem eine technologische Revolution. ...
Sicher, es gibt Techniken und technologische Einstellungen, die für das Gleichgewicht zwischen Menschheit und Natur gänzlich destruktiv sind. Unsere Verantwortung liegt darin, das Versprechen der Technologie - ihr schöpferisches Potential - zu trennen von der Fähigkeit der Technologie, zu zerstören. (S. 39 f.)
Heute können wir über Tausende von Kilometern in Sekundenschnelle miteinander kommunizieren; wir können in kurzer Zeit in die entlegensten Weltgegenden reisen. Raum und Zeit sind kein prinzipielles Hindernis mehr. Ähnlich braucht Größe kein Problem mehr zu sein. Es gibt bereits beachtliche technologische Alternativen zu den dominierenden Riesenprojekten der Industrie. Die rußverschmutzte Stahlstadt ist ein Anachronismus. Es ist möglich geworden, in Walzwerken, die nicht ausgedehnter als zwei oder drei Häuserblocks sind, einen ausgezeichneten Stahl herzustellen. Eine Vielzahl neuester Maschinen ist äußerst vielseitig und kompakt. Sie eignen sich für eine ganze Reihe von Verarbeitungs- und Fertigungsprozessen. Die heutigen, modernen Industriebetriebe mit ihren sauberen, geräuscharmen, vielseitigen und weitgehend automatisierten Ausrüstungen stehen in scharfem Kontrast zu jenen überdimensionalen, häßlichen und räumlich beengten Fabriken früherer Epochen. Sonnen- und Windenergie können eines Tages zu unerschöpflichen Energiequellen werden, die sämtliche Bedürfnisse von Mensch und lndustrie zu decken vermögen - ohne dass ganze Ökosysteme zerstört werden und damit der Natur selbst unheilbarer Schaden zugefügt wird.
Somit haben wir - ohne dass es uns voll bewußt wird - die technologischen Voraussetzungen für eine neue Art menschlicher Gemeinschaft bereits geschaffen - einer Gemeinschaft, die behutsam auf das Ökosystem zugeschnitten werden kann, in dem sie lokalisiert ist. Es liegt gar nicht mehr so fern, sich eine künftige menschliche Umwelt mit dezentralisierten Städten mittlerer Größe vorzustellen, die eine Kombination von lndustrie und Landwirtschaft nicht nur im selben Gemeinwesen, sondern auch innerhalb der beruflichen Aktivitäten des einzelnen Individuums ermöglichen. (S. 59 f.)

Technik: Heilsbringer, teuflisch oder einfach nur Werkzeug?

Ohne Technik könnten menschliche Lebewesen nicht als Menschen leben. Menschen nutzen natürliche Gegebenheiten nicht nur für das biotische Überleben, sondern gestalten sie aktiv um. Dazu schaffen sie Werkzeuge, die gegenständlich oder in Form ideeller Sachverhalte (Wissen, Software, “Denkwerkzeuge”) eine wichtige Grundlage aktiver Tätigkeit sind. Obgleich Technik schon immer als etwas “Widernatürliches” gekennzeichnet wurde, ist die “menschliche Natur” in Wirklichkeit selbst dadurch bestimmt, mittels geeigneter, selbst hergestellter Instrumente und Verfahren gesetzte Zwecke zu erreichen. Als Technik sind nicht nur die verwendeten Werkzeuge und Instrumente zu betrachten, sondern sie ist jede Handlungsform, mit der “einheitlich die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Umwelt in seinen wichtigsten Handlungszusammenhängen reguliert” werden (Krohn 1976, 43).
Das gilt jedenfalls für Technik als Mittel zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse. Zwecke können jedoch innerhalb der gesellschaftlichen Organisation der Menschen auch weitab von konkreten Bedürfnislagen liegen und sich verselbständigen.

Marx, Karl (MEW 1967, S. 391)
J. S. Mill:
Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.
K. Marx:
Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie. Gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit soll sie die Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, verlängert. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.

In der kapitalistischen Ökonomie, in der das menschliche Handeln dem Prinzip “Aus Geld mache mehr Geld” unterworfen wird, ist auch die Technik diesem Zweck unterworfen. Nur insoweit sie diesen Zweck unterstützt, wird sie genutzt und weiter entwickelt. Sie verstärkt deshalb die Kraft der herrschenden Prinzipien der Geldvermehrung als Selbstzweck und erscheint selbst als herrschende Macht. Rücksichtlos wirkt sie sich gegenüber Mensch und Natur aus. Das hat Folgen - und die Antwort auf diese heißt wieder: Technik. Mit Technik löst man die Probleme, die man ohne Technik nicht hätte. Oder versucht es zumindest, wobei unter den herrschenden Bedingungen als zentraler Ansporn dominiert, Mensch und Natur nutz- und ausbeutbar zu halten oder neu zu machen (z.B. bislang nicht verwertete Teile der Natur oder menschlichen Schaffenskraft). Technik folgt diesem Paradigma - und zwar als Kette von Anwendungen, deren Folgen die nächste Anwendung bedingen. Das führt zu einer Verselbständigung des Technikentwicklungsprozesses, der folglich zu einem Grundpfeiler der Herrschaftsanwendung, -sicherung und -ausdehnung mutiert.

Allerdings wäre es trotzdem falsch, der Technikverdammnis das Wort zu reden, denn die menschen- und naturfeindliche Orientierung ist kein immanenter, d.h. untrennbarer Anteil an Technik selbst, sondern auf grundlegendere Ursache zurückzuführen, denen sich die Technik fügt. Aber es gilt zu verstehen, wie das Verhältnis von Ökonomie und Technik beschaffen ist, um zielgenaue Kritik zu leisten, um eine Vision zu entwickeln, um realpolitische Konzepte zu diskutieren und Experimente auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Denn Technik ist nicht die Ursache, sondern ein sinnvoller Umgang mit Technik ist daran gebunden, dass gleichzeitig andere gesellschaftliche Verhältnisse hergestellt werden.

Im Laufe der Produktivkraftentwicklung wurde die enge und durchschaubare Bindung von eingesetzten technischen Mitteln und unmittelbaren Produktionszwecken in Landwirtschaft und Handwerk aufgehoben. Die Mittelnutzung wurde entsubjektiviert und einer eigenständigen wissenschaftlichen Bearbeitung unterworfen. Gleichzeitig wurde der ökonomische Produktionsprozeß vollkommen umgestülpt und von den unmittelbaren Produzenten entfremdet. Produziert wurde nicht mehr für konkrete Bedürfnisse, sondern auf “Verdacht” für einen anonymen Markt, auf dem Güter über das universelle Schmiermittel “Geld” getauscht werden konnten. Beide Prozesse, der ökonomische Produktionsprozeß und darin die Technikentwicklung verselbständigten sich gegenüber den Menschen. Folge: Nicht die menschlichen Bedürfnisse zählen, sondern nur die kaufkräftige Nachfrage. Das Wertgesetz, aus Geld mehr Geld zu machen, ist unterschiedslos unerbittlich: Ob Kapital sich verwertet durch den Bau eines Staudamms oder durch Kaschierung ökologischer Schäden aufgrund des Staudammbaus ist gleichgültig. Nur eines kann der verselbständigte Prozess nicht: stillstehen.

Im Original: Der Text in der ersten Auflage ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 25)
Ohne Technik könnten menschliche Lebewesen nicht als Menschen leben. Menschen nutzen natürliche Gegebenheiten nicht nur für das biotische Überleben, sondern gestalten sie aktiv um. Dazu schaffen sie Werkzeuge, die gegenständlich oder in Form ideeller Sachverhalte (Wissen, Software, “Denkwerkzeuge”) eine wichtige Grundlage aktiver Tätigkeit sind. Obgleich Technik schon immer als etwas “Widernatürliches” gekennzeichnet wurde, ist die “menschliche Natur” in Wirklichkeit selbst dadurch bestimmt, mittels geeigneter, selbst hergestellter Instrumente und Verfahren gesetzte Zwecke zu erreichen. Als Technik sind nicht nur die verwendeten Werkzeuge und Instrumente zu betrachten, sondern sie ist jene Handlungsform, mit der “einheitlich die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Umwelt in seinen wichtigsten Handlungszusammenhängen reguliert” werden (Krohn 1976, 43).
Wir sprachen bisher nur von Technik als Mittel zur Erfüllung menschlicher Zwecke. Zwecke können jedoch innerhalb der gesellschaftlichen Organisation der Menschen weitab von konkreten Bedürfnislagen liegen und sich stark verschieben und verselbständigen.
J.S.Mill: “Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.”
K. Marx: “Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie. Gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit soll sie die Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, verlängert. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.” (Marx 1967, 391)
In der kapitalistischen Ökonomie, in der das menschliche Handeln dem Prinzip “Aus Geld mache mehr Geld” unterworfen wird, ist auch die Technik diesem Zweck unterworfen. Nur insoweit sie diesen Zweck unterstützt, wird sie genutzt und weiter entwickelt. Sie verstärkt deshalb die Kraft der herrschenden Prinzipien der Geldvermehrung als Selbstzweck und erscheint selbst als herrschende Macht. Also ist ein sinnvoller Umgang mit Technik daran gebunden, dass gleichzeitig andere gesellschaftliche Verhältnisse hergestellt werden.
Die Technik, für deren Akzeptanz auf der EXPO geworben werden soll, liegt voll im Trend technokratisch-neoliberaler Zukunftsplanung. Typisch dafür ist, dass die technische Entwicklung als Selbstzweck betrachtet wird und die berechtigte Frage entsteht:
Technik ist die Antwort.
Aber was war die Frage?
Es bedarf jedoch weder einer Frage noch einer Antwort, denn die Technik ist unter den aktuellen Bedingungen alleinig Zweck in einer selbstgenügsamen ökonomischen Verwertungsmaschine. Technik ist das Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen, und Technik ist das Mittel, die dabei angerichteten Zerstörungen wieder zu reparieren. Das Motto der EXPO könnte also auch sein:
Mit Technik löst man die Probleme, die man ohne Technik nicht hätte.
Falsch wäre allerdings, der Technikverdammnis das Wort reden. Aber es gilt zu verstehen, wie das Verhältnis von Ökonomie und Technik beschaffen ist, um zielgenaue Kritik zu leisten, um eine Vision zu entwickeln, um realpolitische Konzepte zu diskutieren und Experimente auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.
Erinnern wir uns an die Darstellung im zweiten Kapitel. Mit dem Eintritt in die “Mittel-Epoche” (siehe zu den Epochen der Produktivkraftentwicklung) wird die enge und durchschaubare Bindung von eingesetzten technischen Mitteln und unmittelbaren Produktionszwecken in Landwirtschaft und Handwerk aufgehoben. Die Mittelnutzung wird entsubjektiviert und einer eigenständigen wissenschaftlichen Bearbeitung unterworfen. Gleichzeitig wird der ökonomische Produktionsprozeß vollkommen umgestülpt, er wird den unmittelbaren Produzenten entfremdet. Nicht mehr für konkrete Bedürfnisse wird produziert, sondern gleichsam nurmehr auf “Verdacht” für einen anonymen Markt, auf dem Güter über das universelle Schmiermittel “Geld” getauscht werden können. Beide Prozesse, der ökonomische Produktionsprozeß und darin die Technikentwicklung verselbständigen sich gegenüber den Menschen. Nicht die menschlichen Bedürfnisse zählen, sondern nur die kaufkräftige Nachfrage. Das Wertgesetz, aus Geld mehr Geld zu machen, ist unterschiedslos unerbittlich: Ob Kapital sich verwertet durch den Bau eines Staudamms oder durch Kaschierung ökologischer Schäden aufgrund des Staudammbaus ist gleichgültig. Nur eines kann der verselb-ständigte Prozeß nicht: stillstehen.
Von Technik und Umwelt als scheinbar ökonomisch unabhängigen Prozessen zu sprechen, macht keinen Sinn. Mensch, Natur und Technik müssen zusammen gedacht werden – aber nicht, wie die EXPO suggeriert, als unabänderliche, quasi-natürliche, zwangsläufige Abfolge technischer Entwicklungen, die über uns kommen und denen wir uns unterzuordnen haben. Es gibt nicht die eine, unumgängliche Zukunft, wie sie uns die EXPO präsentiert, sondern die Zukunft ist offen und gestaltbar.

Technik und Ressourcennutzung sind Teil des sozialen Gestaltungsprozesses zwischen den Menschen. Ihre Entwicklung und Anwendung folgt den in der Menschheit als dominanter Diskurs bestehenden Prinzipien. Jedoch ist das kein Naturgesetz, sondern menschengemacht und daher keine unabänderliche, quasi-natürliche oder zwangsläufige Abfolge technischer Innovationen, die über uns kommen und denen wir uns unterzuordnen haben. Die Zukunft und damit auch die technische Entwicklung sind offen und gestaltbar.

Im Original: Kritische Blicke ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Marx 1856, MEW 12/3-4
In unseren Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen. Wir sehen, dass die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern läßt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not. Die Siege der Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter. In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andere Menschen oder durch seine eigne Niedertracht unterjocht zu werden.

Aus Wicht, Cornelia (1980): "Der Ökologische Anarchismus Murray Bookchins", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt
Jeder Versuch, auf niedrigem technologischen Niveau den Reichtum der Gesellschaft zu nivellieren, hätte die Not nicht abgeschafft, sondern sie nur verallgemeinert und damit alle Bedingungen für einen neuen Kampf um die materiellen Grundlagen, um neue Eigentumsformen und letztlich um ein neues System der Klassenherrschaft geschaffen. ... (S. 29)
Die zwei wichtigsten Charakteristika der "zweiten" industriellen Revolution sind die enormen Entwicklungsmöglichkeiten und die kostenorientierten, antimenschlichen Beschränkungen, die ihr auferlegt werden. ... (S. 32)

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
In dem heute noch dominierenden technisch-ökonomisch reduzierten Fortschrittsbegriff verselbständigt sich das technisch Machbare zum Fortschritt schlechthin. Ein Maßstab oder eine Zielsetzung, an dem dieser vermeintliche Fortschritt gemessen wird, fehlt oder kann als Korrektiv des "Machbaren" nicht wirksam gemacht werden. So wird in der Produktivkraftentwicklung selbst, im Wirtschaftswachstum selbst, ein Wert gesehen, unabhängig von den konkreten politisch-sozialen Folgen. ... (S. 44)
"Der einzige Beruf der Wissenschaft ist, den Weg zu beleuchten; schaffen aber kann nur allein das Leben in seiner vollen Wirksamkeit, wenn es von allen Fesseln der Herrschaft und Doctrin befreit ist." (Bakunin zitiert nach Zenker, 1979, 106) ...
(S. 47)
Wie eine "libertäre Technik", oder besser: eine Technik, die mit den Prinzipien einer libertären Gesellschaftsordnung in Einklang steht, aussehen kann, deutet sich bereits in der Kritik an der kapitalistischen Technik und Industrie an: Sie darf einer vollständigen Aneignung nicht im Wege stehen, muss den kreativen Möglichkeiten der Menschen entgegenkommen und eine gesellschaftsorganisatorische, ökonomische und soziale Emanzipation gewährleisten. Das bedeutet vor allem, dass einer libertären Technik nicht sämtliche Lebensbereiche untergeordnet werden, dass vielmehr die Technik den ökonomischen und vor allem den gesellschaftlich-sozialen Interessen und Bedürfnissen der Menschen angepaßt werden muss. Anarchisten wenden sich lediglich gegen eine Verselbständigung des technischen Fortschritts zu einem Wert an sich und gegen die Vorstellung, der technische Fortschritt stehe in einer proportionalen Beziehung zum gesellschaftlich-sozialen Fortschritt. Die Anarchisten sind keineswegs die atavistischen Technikfeinde, als die sie ihre wissenschaftlich-sozialistischen Gegner verspotten. ... (S. 208)

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg
Wie Langdon Winner in The Whale and the Reactor darlegt, „sind Technologien nicht nur Hilfsmittel bei menschlichen Tätigkeiten, sondern auch wirkmächtig darin, diese und ihre Bedeutung zu formen und zu verändern“: "Bereits während eine Technologie entwickelt und zum Einsatz gebracht wird, finden bedeutende Veränderungen in den menschlichen Verhaltensmustern und Institutionen statt ... der Aufbau eines technischen Systems, das Menschen als Teil seines Betriebs einbezieht, bringt die Umstrukturierung gesellschaftlicher Rollen und Beziehungen mit sich. Oft ergibt sich dies aus den Bedienungs- oder Nutzungsbedingungen des neuen Systems: Es lässt sich nicht anwenden, ohne dass menschliches Verhalten sich seiner Form und seinem Prozess anpasst. Daher entwickelt allein schon die Nutzung der Maschinen, der Techniken und Systeme, die uns zur Verfügung stehen, bestimmte Formen von Aktivitäten und Erwartungen, die bald zu unserer ‚zweiten Natur’ werden." ... (S. 169 f.)
Technologie steht in besonderem Maße für den Wert, den Menschen der ausgesprochen menschlichen Art und Weise beimessen, die materielle Welt zu beeinflussen, die natürliche Umgebung zu verstehen und sie den menschlichen Wünschen anzupassen. Der Wert dieser Fähigkeit, durch die Menschen einen Sinn für ihr Können entwickeln (...), lässt sich kaum infrage stellen. Das Problem ist jedoch, dass die Faszination angesichts der menschlichen Kreativität zunehmend mit dem kulturellen Ideal der Technologie in eins gesetzt wird, während sich diese nahtlos in ein Aufklärungs-Narrativ vom Fortschritt einfügt. Die Quelle der Faszination ist eigentlich technique, wie sie oben definiert wurde. Doch Technologie als kulturelles Ideal verstellt den Blick auf diese Quelle, genau wie sich technique in ein gesellschaftliches Projekt zum durchrationalisierten Aufbau von Überschüssen und Kapazitäten entwickelt. Eine "positive" anarchistische Technologiepolitik würde nun gerade da ansetzen und versuchen, technique aus diesem Prozess ihrer zunehmenden Vereinnahmung herauszulösen und sie als Erfahrung zu werten, weniger als Grundlage für eine nicht gewählte, sich endlos wiederholende gesellschaftliche Anwendung.

Zur Ablehnung technischer Neuerungen (S. 188)
Ebensowenig ist der zeitgenössische Luddismus als reine Maschinenstürmerei zu verstehen. Er versucht vielmehr, auf alle mögliche Arten neuen technologischen Wellen einen Widerstand entgegenzusetzen, wenn sie darauf ausgerichtet sind, Machtkonzentration und soziale Kontrolle, Ungleichheit und Umweltzerstörung zu verstärken.
Herrschaft und Technik

Technikentwicklung und Projektrealisierung finden auch in herrschaftsfreien Zeiten statt. Sie nehmen aber eine andere Richtung, weil sie auf anderen Logiken basieren. Realisiert wird, an was Menschen interessiert sind - und zwar von sich aus, nicht aus dem Zwang zur Verwertung oder dem Willen zur Beherrschung anderer. Weil sie ihr Wissen nicht vor Anderen abschotten können, ist jede Erfindung oder Entwicklung potentiell für alle gut. Und weil das unmittelbar einleuchtend ist, wird auch das Interesse steigen, dass Wissen sich austauscht und verbreitet - was wiederum fördert, dass horizontale Kommunikationssysteme entstehen. Denn: Nur unter Profit- und Machtgesichtspunkten ist es vorteilhaft, wenn Wissen gehortet, patentiert oder geheimgehalten wird. Das steigert den Preis oder Herrschaftsnutzen. Ist das Wissen aber frei, wird jedeR ErfinderIn schnell Verbesserungsvorschläge erfahren und wiederum bei anderen abgucken können. Es ist besser für jedeN, wenn sich jede andere Person auch voll entfalten und maximal viele gute eigene Gedanken entwickeln kann.
Was herauskäme, wäre ein grandioser Schub an Technikentwicklung für ein besseres Leben und das schnelle Ende der Entwicklung von Technik für mehr Profite. Statt Kraftwerken oder Windparks, die ja wegen des dann erzwungenen Stromvertriebs über den Markt vor allem aus Profitinteressen groß und zentral entstehen, wird es viele kleine, aber technisch sehr fortschrittliche Lösungen geben, deren Ziel es ist, dass die Menschen es gut haben: Warm in den Räumen, schlaue Geräte am Stromnetz, arbeitssparende und hoch-effiziente Verwertung von Fäkalien und Abfällen usw. Um Totalausfälle zu vermeiden, lohnt sich ein Verbund zwischen den verschiedenen Organisationseinheiten, deren Grenzen ohnehin nicht scharf gezogen sind - warum sollte daran jemand Interesse haben?
Alles basiert in einer herrschaftsfreien Welt auf Interessen der Menschen selbst. Sie werden eine Mobilität entwickeln, die ihren Wünschen entspricht: Reisen zu können (viele Menschen haben Lust auf Mobilität, daher werden Methoden des Vorankommens entstehen), ohne Lebensqualität zu verlieren (viele Menschen werden Lust auf lärm- und gestankarmes Leben haben, Kinder und Erwachsene wollen vor der Haustür spielen, daher wird die heutige Form der mit Zwang durchgesetzten Auto-Mobilität keine Chance haben). Was wird entstehen? Schwebebahnen wie in Wuppertal? Das ist schwer vorherzusagen. Wir sind von dieser Welt weit entfernt. Nur eines dürfte klar sein: Eine herrschaftsfreie Welt ist keine anti-technische Welt. Ganz im Gegenteil: Die Produktivkraft wird steigen, wenn die Menschen für ein besseres Leben tätig werden. Auch wenn sie (was zu erwarten ist) viel mehr das bessere Leben genießen wollen - sie werden viel produktiver, einfallsreicher und kommunikativer agieren. Weil es ihnen hilft! Der Egoismus in Form des Willens zu einem besseren Leben treibt die Produktivität und den Erfindungsreichtum der Einzelnen an, führt aber ebenso zu Kooperation und zum Wunsch, dass sich andere auch entfalten, weil das von ihnen Erschaffene genutzt, kopiert und weiterentwickelt werden kann.

Im Original: Markt, Macht, Wissenschaft ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (mehr Auszüge)
Es ist wichtig, die Entwicklung einer Technik, die die moderne Angst vor dem Mangel beseitigen kann, eine Nach-Knappheits-Technik sozusagen, zum Bestandteil des revolutionären Projektes zu machen. Eine solche Technologie muss jedoch in den Kontext einer sozialen Entwicklung gestellt werden und darf nicht als "Vorbedingung" menschlicher Emanzipation unter allen Bedingungen und für alle Zeiten aufgefaßt werden. (S. 134 f.) ...
Soll die Technik natürliche Zyklen ablösen, die das Verhältnis von atmosphärischem Kohlendioxyd und Sauerstoff regeln, soll sie einen Ersatz für die sich zersetzende, das Leben vor tödlicher Sonnenstrahlung schützende Ozonschicht bieten; soll sie den Boden durch hydroponische Lösungen ersetzen? Alles dies, wenn es denn möglich wäre, würde ein hoch diszipliniertes System gesellschaftlichen Managements erfordern, das mit Demokratie und politischer Mitwirkung des Volkes völlig unvereinbar wäre. (S. 169 f.)

Aus Niels Boeing, "Rip, Mix & Fabricate" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg)
Die geschlossene Technosphäre ist eine wachsende Ansammlung von Blackboxes, die wir nicht durchschauen sollen. ...
Wir müssen uns die Technik, auch in ihrer Gestalt als Technosphäre, aneignen und vom Kapitalismus ablösen und können umgekehrt durch ihre Aneignung sogar dazu beitragen, den Kapitalismus auszuhöhlen. Wir können diese Aneignung forcieren, wenn wir ein analytisches Werkzeug finden, das uns den systematischen Zugang zur Technik so erweitert, dass sich daraus neue, konkrete Handlungsmöglichkeiten ergeben. ... (S. 191f.)
Hingegen Technik als Verschwörung des Kapitals oder Ausgeburt menschlicher Gewalttätigkeit zu begreifen und deshalb abzublocken, überlässt die Umgestaltung der Welt weiterhin den Technokraten. Die übernehmen wir besser selbst. (S. 197f.)

Aus Thilo Bode (2003): "Die Demokratie verrät ihre Kinder" (S. 146 ff.)
Es wird entscheidend für die Zukunft der Menschheit sein, ob Konzerne Technologien entwickeln, die zur Lösung der großen globalen Probleme beitragen. Die aktuell entwickelten und vorangetriebenen Technologien sind jedoch nicht problemorientiert, sondern profitorientiert. Technischer Fortschritt ist kein autonomer Prozeß, er ist ein Resultat von Marktanreizen und politischen Entscheidungen. Welches Risiko einer neuen Technologie dabei eine Gesellschaft zu tragen bereit ist, kann nicht wissenschaftlich, sondern muß politisch entschieden werden.
Unternehmen entwickeln neue Technologien und Produkte, die mit kaufkräftiger Nachfrage auf entsprechenden Märkten rechnen können. Andernfalls lohnen sich die Entwicklungs und Investitionskosten nicht. Deshalb entwickeln die bedeutenden Pharmakonzerne keinen Impfstoff gegen Malaria, obwohl diese Impfung Hunderten Millionen von Menschen in tropischen Ländern das Leben retten würde, sondern erforschen bevorzugt neue Potenzmittel für Kundschaft in den Industrieländern. Dort ist Kaufkraft, in Malariagebieten nicht. Anders bei Alds. Obwohl sich über 30 Mil110nen HIV Infizierte in der Dritten Welt teure Medikamente zur Behandlung der Infektion nicht leisten können, reicht die kaufkräftige Nachfrage in der Ersten Welt aus, um die Entwicklungskosten zu decken.
Die Marktlogik fördert Technologien, die sich in der Gestalt von Produkten, Waren oder handelbaren Dienstleistungen niederschlagen, also verkauft werden können. Kostengünstige Alternativen, etwa Prozesse, die sich aus bereits bekannten, nicht patentierbaren Verfahren zusammensetzen und nicht »verkauft« werden können, also nicht marktfähig sind, kommen dadurch nicht zur Anwendung. Biologische Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft kann als Alternative zu schädlingsresistentem, gentechnologisch manipuliertem Saatgut ebenso wirkungsvoll sein, zugleich ohne die schädlichen Umweltbelastungen und zu geringeren Kosten für die Landwirte. Derartige Methoden sind für Konzerne Jedoch nicht attraktiv sie versprechen keinen Markt. Gemäß dieser Logik versuchen die Saatgutkonzerne mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die sogenannte Grüne Gentechnologie in der Landwirtschaft der Dritten Welt durchzusetzen.
Die Produkte der Grünen Gentechnologie bestehen aus transgenem, patentiertem Saatgut, das entweder durch ein in die Erbanlagen eingebautes Bakterium gegen Schädlinge resistent ist oder durch Erbgutveränderung unempfindlich gegen bestimmte chemische Unkrautvernichtungsmittel gemacht wurde. Ein derartiges Saatgut ist zwar marktfähig, weil es sich als >~Produkt« verkaufen läßt, ist jedoch mitnichten das beste Mittel, die Landwirtschaft in der Dritten Welt zu entwickeln. Diese Technologie setzt nicht am Kernproblem der bäuerlichen Landwirtschaft in armen Ländern an. Diese hat keinen Mangel an geeignetem Saatgut; im Gegenteil, Bauern in der Dritten Welt haben über Jahrhunderte besonders gut angepaßte Sorten entwickelt. Die Hindernisse für eine Entwicklung der Landwirtschaft liegen in zu niedrigen Erzeugerpreisen, den Bodenbesitzverhältnissen, mangelnder Infrastruktur und auch mangelndem Know how. Diese Ursache anzugehen wäre die richtige Strategie. Doch den Saatgutkonzernen gelingt es, mehr und mehr EU Gelder, die zur Förderung der Landwirtschaft in der Dritten Welt bestimmt sind, für Grüne Gentechnologie abzuzweigen. Die hervorragenden Methoden der Schädlingsbekämpfung in der organisch biologischen Landwirtschaft, die darüber hinaus die Bodenfruchtbarkeit steigern und die Sortenvielfalt erhalten, sind aber für das Agro Business nicht rentabel. Mit der unseriösen Behauptung von der Notwendigkeit der Grünen Gentechnologie im Kampf gegen den Welthunger ködert die Industrie lokale Politiker und die Entwicklungshilfeinstitutionen der Industrieländer. Die Finanzstärke der Konzerne und die Anfälligkeit lokaler und nationaler Administrationen für Geldzuwendungen tun das ihrige, um traditionellen und mindestens ebenbürtigen Technologien wenig Durchsetzungschancen zu lassen.
Die Grüne Gentechnologie ist in Industrieländern attraktiv, weil sie die Kosten der Schädlings und Unkrautbekämpfung reduziert. Sie ist jedoch keine zukunftsfähige Technologie, weil sie die Probleme der hochindustrialisierten Landwirtschaft eskaliert: den hohen Energieverbrauch und damit die Emission von Treibhausgasen, die um 50 Prozent höher als in der ökologischen Landwirtschaft liegen, die Verarmung der Arten und Sortenvielfalt, die Verschmutzung des Grundwassers mit Pestiziden und die Oberdüngung von Ober-flächengewässern durch Phosphateinträge. Ein Patentrecht, das die Patentierung von Gensequenzen untersagt, Energiepreise, die die Kosten der globalen Erwärmung reflektieren, das Verbot von Massentierhaltung, die Reinhaltung des Grundwassers, und ein den Regenwald nicht zerstörender Futtermittelanbau würden ein unterschiedliches Modell der Landwirtschaft hervorbringen. Die grüne Gentechnologie bräuchte man unter diesen Voraussetzungen nicht.
Ihre Existenz zeigt kraß, daß der Markt nicht die für die Problemlösung besten Technologien hervorbringt, sondern diejenigen, die den Rahmenbedingungen am besten entsprechen. Und das sind meistens nur die zweit oder drittbesten Lösungen. Besonders schlimm ist, daß der Staat, der nicht der Marktlogik gehorchen müßte, keine anderen Anreize setzt. Anstelle Forschung und Entwicklung nicht unmittelbar marktfähiger, aber besserer Alternativen zu fördern, belohnt er auch noch die Konzerne. Der Bund fördert wissenschaftliche Forschungsvorhaben mit rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Davon gehen 750 Millionen in den Bereich »Lebenswissenschaften«. Ein Drittel davon ist der grünen Gentechnologie gewidmet. Auf Forschungsvorhaben der ökologischen Landwirtschaft entfallen nur 0,5 Prozent des Budgets, etwa vier Millionen Euro.

Leseempfehlung 1: Gentechnik und Macht
Ein kleines Büchlein mit Texten und Zitaten zum Zusammenhang von Herrschaft und gentechnischer Manipulation an Nutztieren und -pflanzen. Im Mittelpunkt steht die Kritik an Saatgutkontrolle, Patenten und Ingenieursmethoden im Sozialen. Ebenso beleuchtet werden die spendenorientierten Strategien von Umweltverbänden, Grünen und anderen, die auf Herrschaftsanalyse und deshalb in gefährliche Argumentationen abrutschen. 64 S., quadratisch, 3 Euro, ISBN 978-3-86747-065-0 ++ bestellen!

Leseempfehlung 2: Macht und Umwelt
Das kleine Theoriebuch über den Zusammenhang von Herrschaft und Umweltzerstörung
Texte und Thesen zur Verknüpfung von Herrschaft und Umweltzerstörung. Es zeigt sich, dass machtförmige Verhältnisse gleichzeitig die Voraussetzung wie auch das Mittel der rücksichtslosen Aneignung von Rohstoffen, Land und allen anderen Lebensgrundlagen ist. Natur und Mensch sind die Faktoren, die zum Zwecke von Herrschaftsausbau und -sicherung sowie ständigem Profit ausgebeutet werden. ... Info- und Bestellseite

Wissen(schaft) und Fortschritt

Was für die Technik gilt, kann auf den gesamten Bereich von Wissenschaft und gesellschaftlichem Fortschritt übertragen werden. Der besteht entgegen häufiger Darstellung nicht nur aus technischem Fortschritt, sondern jede Weiterentwicklung von Handlungsmöglichkeiten stellt einen Fortschritt dar. Ob sie emanzipatorischer Natur ist, anderer oder gar gegenteiliger, ist im Begriff des Fortschritts nicht festgelegt. Als Gegenkraft, also Rückschritt oder Verhinderung von Fortschritt, können alle Einflüsse beschrieben werden, die die Entfaltung menschlicher Produktivkraft hemmen, also z.B. eine aktuelle Situation festschreiben oder sogar zu einer früheren Lage zurückdrehen wollen. Gesetze und Normen gehören zu solch konservativen Elementen, ebenso Apparate, die über die Einhaltung einer bestehenden Ordnung wachen und Innovationen abwehren. Dabei wären Letztere nicht nur in der Technik, sondern gerade wichtig auf dem Gebiet der sozialen Interaktion. Doch leider tut sich da wenig: Streitkultur, verständige Kommunikation, Kooperationsanbahnung und viele andere soziale Prozesse bedürfen unbedingt neuer Impulse und Methoden, sind sie doch stark verkümmert in einer nur zu Profit und Macht strebenden Welt.

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 141)
"Fortschritt", so wurde bereits dargelegt, bemessen Anarchisten nicht ausschließlich an der fortschreitenden Produktivkraftentwicklung; das Fortschrittskriterium ist die individuelle und soziale Emanzipation, und damit ist auch die soziale Integration, die Gemeinschaft selbstbestimmter Individuen gemeint.

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Aus dem Potsdamer Manifest, das im Einstein Jahr 2005 veröffentlicht wurde, zitiert in Altner, Günter (2009): "Charles Darwin und die Instabilität der Natur",VAS in Bad Homburg (S. 58 und 82)
Die modernen Gesellschaften befinden sich in einem Kalten Krieg gegen Vielfalt und Wandel, Differenz und Integration, gegen offene Entfaltung und die Ausgleichsbewegungen durch Risiken und Chancen hindurch: also gegen alles, was die lebendige Evolution in der Natur und mit ihr die Menschen bestimmt, bis hinein in den 'prä-lebendigen' Grund, der uns und alles Leben trägt. ...
Wir müssen verengte und mechanistische Strategiemuster, Reduktionen, Mittelwertsbildungen fallen lassen und sie ersetzen durch Beweglichkeit, Offenheit und Empathie, um neue offen gestaltbare Schöpfungs und Handlungsräume zu ermöglichen. Das öffnet uns ein Füllhorn echt kreativer Lebendigkeit, integriert durch organismische Kooperation.

Nicht zum ersten Mal wird die Unterscheidung interessant, wem eigentlich das Ganze dient. Heutiger Fortschritt stärkt abstrakte Werte und Kollektivitäten, z.B. einen Konzern oder eine Nation. Die meisten, auch die technischen Innovationen der Menschheit entsprangen aber nicht deren kalten, geldangetriebenen Herzen, sondern dem TüftlerInnen, die aus Interesse, Neigung oder dem Willen für ein besseres Leben (für sich oder konkrete andere Personen) Neues entwickelten.

Im Original: Woher kommt Fortschritt? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Der meiste Fortschritt kommt von den Menschen, nicht aus den Laboren der Konzerne!
Aus Matthias Horx (2008): "Technolution" (S. 95)
General Electric gründete 1901 ein entsprechendes Labor, DuPont 1902, Bell 1911, Kodak 1913 und General Motors 1919. Diese Labore waren zwar in der Regel nicht für die großen Durchbrüche oder die Ersteinführung innovativer, zukunftsweisender Technologien verantwortlich. Sie entwickelten jedoch die vorhandenen Technologien konsequent weiter, verfeinerten sie und passten sie an die Bedürftnisse der industriellen Produktion an.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München (S. 99)
In der gesamten vernetzten Weit ist, wie Lawrence Lessig so treffend dargelegt hat, die Idee der Commons unerlässlich, wenn der Innovationsprozess auch ohne Erlaubnis der Betreffenden, das heißt der etablierten Akteure, voranschreiten soll. Diese aber versuchen, den Innovationsprozess so zu begrenzen, dass die Technologie sich nur entsprechend ihrer eigenen Geschäftspläne entwickelt.

Aus Annette Ohme-Reinicke (2012): "Das große Unbehagen", Herder in Freiburg (S. 14-23)
Fortschritt und Kritik
Trotz ihrer vielen Erfindungen gelten die Schwaben als ein bisschen provinziell und nun protestieren sie auch noch gegen ein technisches Großprojekt, das für Fortschritt steht. Den Vorwurf, sie seien der Zukunft gegenüber verschlossen und fortschrittsfeindlich, mussten sich Gegner technischer Großprojekte allerdings schon immer anhören. Grund genug, sich zunächst einmal anzusehen, was es mit der Rede vom Fortschritt überhaupt auf sich hat. Daher werden zunächst die Besonderheiten technischer Großprojekte dargestellt, bevor ich auf die Sozialpathologien hinweise, die allgemein mit der technischen Modernisierung der Gesellschaft einhergingen. Die Ausflührungen über das Verhältnis bestimmter Teile der Arbeiterbewegung sowie der Reformbewegung runden dieses Kapitel ab.

Fortschritt, was ist das?
Unsere Vorstellung von Fortschritt als einem Ideal, als Zukunft, als Weg, den die gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen habe, ist relativ jung. Diesen Begriff oder besser: diese Benennung gibt es im Deutschen erst seit dem 18. Jahrhundert. Freilich wurde schon vorher das Wort Fortschritt gebraucht, erstmals nachgewiesen 1642, nicht aber als eine vorsichgehende Entwicklung, sondern eher als räumliches Verhalten. Nun aber wurde Fortschritt mit Zukunft assoziiert. Mit einer Zukunft, die linear verläuft, hinein in einen offenen geschichtlichen Prozess, der sich stetig zum Besseren, so die Vorstellung verändert. Eine bedeutende Funktion wird dabei dem Werkzeug "Technik" zugedacht, mit ihm sei dieser "Fortschritt " zu machen. Bis zum 18. Jahrhundert aber hatte es die Vorstellung eines Weges der menschlichen Entwicklung als selbsttätig eingeschlagener, nach vorn und ins Offene gerichteter, gar nicht gegeben. Das religiöse Weltbild sah vielmehr anzustrebende Ideale nicht als eine irdische Angelegenheit, sondern als eine himmlische an. Während wir heute gewissermaßen linear denken, gab das religiöse Weltbild ein Denken von unten nacb oben vor. Denn der zu beschreitende Weg des Menschen würde mit dem Eintreten in das Reich Gottes sein Ende gefunden haben. Zukunft, so die Vorstellung, könne es nicht auf Erden geben, sondern nur "bei Gott", im Reich Gottes.
Zwar hatten schon die Griechen und Römer zahlreiche Begriffe, die ein Fortschreiten in einem bestimmten Sach und Erfahrungsbereich bezeichneten. Etwa "prokope", "epidosis", "progressus" oder "profectus". Allerdings war hier nicht ein Fortschrittsprozess in eine bessere Zukunft hinein gemeint, sondern ein Vor sich Gehen naturwüchsig verlaufender zyklischer Bewegungen. Auch im Altertum handelt es sich immer dort, wo von Fortschritt gesprochen wurde, um einen Rückblick, nämlich den Vergleich früherer Verhältnisse mit gegenwärtigen. "Wir finden also ( ... ) ein relatives Fortschrittsmodell, das aus der vergangenen Geschichte und aus dem Vergleich mit den gleichzeitig lebenden Barbaren die Einzigartigkeit und Einmaligkeit der von den Hellenen erreichten Zivilisationsstufe erkennen läßt. Aber der Weg führt nicht in die Zukunft." (Koselleck 2010: 164) Dort, wo in der Antike Fortschritte gesehen wurden, waren sie immer nur partielle, etwa bezogen auf Wissenschaft oder die Befriedung des Mittelmeerraumes durch die "Pax Romana". Diese "Fortschritte" waren auch nicht als gesamtgesellschaftlicher Prozess gedacht. Sie beinhalteten zwar Dauer und Sicherheit, nicht aber eine bessere Zukunft.
Sowohl Heiden wie Christen hegten diese Vorstellung. Die gläubigen Christen erschlossen sich zwar einen neuen Zukunftshorizont in der Erwartung des himmlischen Jerusalem, doch dieses Reich verwirkliche sich erst nach dem Ende der Geschichte. "Dort, wo die Theologien von <profectus> sprachen, weniger von <progressus> , bezog sich dieser Fortschritt auf das Seelenheil. So verglich Augustinus das Gottesvolk in biologischer Metaphorik mit einem Menschen, der von Gott erzogen werde. Von Altersstufe zu Altersstufe schreite das Gottesvolk in der Zeit voran, um sich darauf kommt es bei dieser Metapher an vom Zeitlichen zur Erfahrung des Ewigen zu erheben, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufzusteigen." (Koselleck 2010: 165) Fortschreiten, Entwicklung wurde nicht im stofflichen, horizontalen Durchschreiten und Entwickeln der Gesellschaft, der Welt gesehen, sondern in der Einswerdung mit den Himmlischen. "In vitae non progredi, retrogredi est." (Es ist im Leben nicht fortzuschreiten, sondern zurückzuschreiben.), so der Kirchenvater Bernhard von Clairvaux. (zit in: Koselleck 2010: 165) Fortschritt ist stets auf das Reich Gottes bezogen und hat nichts mit dem zeitlichen Reich in der Welt zu tun. Weiterentwicklung finde einzig in der Seele statt und lasse sich auch nicht berechnen. "Perfectio non in annis, sed in animis." (Vollkommenheit findet sich nicht in einer Abfolge von Jahren, sondern in der Seele.), so Paulinus von Aquileia ca. 795. (in Koselleck 2010: 166) Dieser Sprachgebrauch lässt sich aus der Zweiweltenlehre ableiten, das Reich Gottes und das der Welt. "Die Zukunft ist nicht die Dimension des Fortschritts, sondern des Weltendes, dessen Vorzeichen immer wieder gesucht und immer wieder von neuem gefunden wurden." (Koselleck 2010: 166) Als Grunderfahrung galt, dass die Welt insgesamt altere und ihrem Ende entgegengehe. Die irdische Zukunft wurde daher nicht als endlos fortschreitend ausgelegt.
FN: Auch die Maya Indianer übrigens dachten Entwicklung als zyklischen Verlauf Einer der berechneten Zyklen endet im Dezember 2012. Das bedeutet aber keineswegs einen "Weltuntergang", sondern lediglich den Beginn eines neuen Zyklus.
Auch in den Lehren Joachim von Fiores etwa, der ein wichtiger Vorläufer und Impulsgeber Rir die Bauernaufstände und die folgende Reformationsbewegung war, findet sich die Vorstellung endlicher Zukunft, die in drei Etappen verlaufen würde: das vergangene Reich, das gegenwärtige und das zukünftige Reich Gottes, mit dem die Geschichte ihr Ende gefunden habe. Es ist ein geschlossener Prozess, dessen Ausgang eben nicht offen ist, sondern der durch eine bestimmte Stufenfolge gekennzeichnet und schließlich abgeschlossen ist. Denn an seinem letzten Ausgang werde sich das Reich Gottes verwirklichen. Damit, so die logische Konsequenz, hätte sich die geschichtliche Entwicklung vollendet. Hier haben wir immerhin die Aussicht, Verbesserungen als irdische zu erleben, doch mit der Verwirklichung des letzten Reichs war auch für Fiore das Ende der Geschichte erreicht.
FN: An dieser Idee setzt übrigens die Kritik am <~chiliastischen Denken", der Vorstellung von einem kommenden Reich an, die auch in diversen Revolutionsvorstellungen tragend ist: Die Unterdrückten durchschreiten voller Entbehrungen und Kampf ein Jammertal, um schließlich erlöst in einem neuen gesellschaftlichen Zustand aufzugehen. Der erstrebenswerte Zustand ist auf eine Zeit "danach" vertagt und die Erwartungshaltung wird so übermächtig, dass die Realität an Bedeutung verliert. Der Philosoph und Mitbegründer der Anti Atomtod Bewegung, Günter Anders, wunderte sich, warum trotz der atomaren Bedrohung in den 50er Jahren lediglich eine Handvoll Wissenschaftler diese Bedrohung als solche wahrnahmen und kritisierte das Denken "der Revolutionäre ( ... ) ausschließlich auf den Zustand nach dem Ende ". (Anders 1985: 277) Da sich aber eine Fortschritts-gläubigkeit durchgesetzt hatte, so Anders, wurde ein Ende gar nicht mehr gedacht. "Zur Fortschritts Mentalität gehört also eine ganz spezielle Idee von <Ewigkeit>, nämlich die Vorstellung des niemals abbrechenden Besser Werdens der Welt; bzw. ein ganz spezieller Defekt: nämlich die Unfähigkeit, ein Ende auch nur zu meinen." (Anders 1985: 279)
Das neuzeitliche Fortschrittsdenken dagegen unterscheidet sich grundlegend von dem religiösen Verständnis darin, dass nun eben nicht mehr das Ende der Welt erwartet, sondern eine für die Menschheit offene Zukunft gesehen wurde. Der geistliche "profectus " wird von einem weltlichen "progressus " abgelöst. Diese Umdeutung geschieht während der gesamten frühen Neuzeit, im Laufe von 250 Jahren, bis zur Französischen Revolution. Während der Renaissance entstand zwar bereits das Bewusstsein einer neuen Zeit, nicht aber das einer besseren Zukunft. Erst durch die zunehmenden Naturerkenntnisse wandelte sich das Verständnis. Und nun kommen auch Wissenschaft und Technik, ja der " technische Fortschritt" verstärkt ins Spiel. Zwar bleibe die Natur gleich, so die Vorstellung, doch ihre Beherrschung werde durch Entdeckungen methodisch vorangetrieben. "Vergangenheit und Zukunft unterschieden sich seitdem qualitativ voneinander, und insofern wird eine genuin geschichtliche Zeit entdeckt, die schließlich im Fortschritt auf ihren ersten Begriff gebracht worden ist. " (Koselleck 2010: 167)
Mit den Tatbeständen des Fortschreitens zu einem Besseren hin wurden etwa die Erfindung des Buchdrucks und die Verbreitung der Lektüre verbunden, die Erfindung des Kompasses, des Fernrohres und des Mikroskops, die Durchsetzung der Experimentalwissenschaften, die Landnahme in Übersee und der Globus, der Streit der modernen Kunst mit der alten, der Aufstieg des Bürgertums, die Entwicklung von Kapitalismus und Industrie. Giordano Bruno und Galileo Galilei legen Zeugnis davon ab, wie neue technische Erfindungen dazu beitrugen, die Ideologien der Kirche zu brechen. " Fortschritt " war zu einem Begriff geworden, einem Kollektivsingular, der die Erfahrung mit der neuen Zeit in einem Wort zusammenfasste.
Doch erst seit dem 18. Jahrhundert hatte sich die Auffassung verbreitet, dass Fortschritt allumfassend und anhaltend sei. Damit ging allerdings eine gewisse Unruhe, nämlich die Vorstellung einer Ungleichzeitigkeit einher. Nun sah sich die eine Generation als vorauseilend oder zurückbleibend an; Länder, Kulturen und Kontinente wurden verglichen, um daraus Schlüsse für den eigenen Fortschritt zu ziehen. Zum ständigen Thema der Fortschrittsdiskussion wurde überdies die Diskrepanz zwischen Entfaltung der Wissenschaft und deren moralischer Beherrschung. Kurz: ein Wetteifern um die Herstellung bestimmter Zustände, die als "fortschrittlich", als Maßstab setzend gesehen wurden, begann. Das Fortschrittsdenken beinhaltete somit das Prinzip der Konkurrenz.
Hier intervenierte Hegel: "Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben." (Hegel 1970, Bd. 12: 32) Dabei ist Fortschritt für Hegel kein äußerliches Vorsichgehen, das nur die richtigen technischen Mittel braucht. Fortschritt, als Prozess eines Werdens, vollziehe sich vielmehr in der aktiven Entwicklung bestimmter Bewusstseinsformen, die sich in entsprechenden Tätigkeiten ausdrücken. Grundlage ist allerdings das Gewahrwerden des Einzelnen, den Anderen in seinem Anderssein zu brauchen, um selbst werden zu können. Nur auf der Grundlage des Anerkennens des Anderen als freies Individuum kann der eine selbst frei, das heißt selbstständig, sein. "Erst durch das Freiwerden des Knechtes wird ( ... ) auch der Herr vollkommen frei." (Hegel 1970, Bd. 10: 227) Der Vollzug dieser Erkenntnis, dieses Zusammenlebens, basiert auf und ist zugleich die Vernunft. Sie beinhaltet die Sorge um das Allgemeinwohl, denn sie ist "die Gewißheit seiner selbst als unendliche Allgemeinheit." (Hegel 1970, Bd. 10: 229)
FN: Dass die Obrigkeit vernünftig handelnde Menschen als Gefahr betrachtete, wird an der Reaktion des damaligen Königs deutlich, der Immanuel Kant mit einem" Spezialbcfchl" versehen hatte, sich zukünftig jeden Gebrauchs der Vernunft zu enthalten, ansonsten drohe Berufsverbot.
Nach Hegel vollzieht sich Entwicklung nur als Streit, als permanenter und nicht abschließbarer Aushandlungsprozess um Regeln, der sich als Recht materialisiert ohne jemals den Zustand der Gerechtigkeit abschließend zu verwirklichen. Dieses Aushandeln im Streit ist zu verstehen als die "wirkliche Bewegung", als Verlauf der Geschichte selbst. Wobei sich das Recht, als wirkliches Recht nicht etwa als Instrument der Machtsicherung eben nur "irn Bewusstsein der Freiheit "verwirklichen kann und für Veränderungen stets offen bleibt. Hegel spekulierte aber nicht über den Fortgang der Geschichte, sondern benannte das Prinzip der sich entwickelnden Geschichte, deren agonale Struktur. Fortschreiten war ihm keine unbestimmte Bewegung ins Unendliche, sondern zugleich ein Zurückkehren in sich selbst. "Es ist eine notwendige Täuschung, das Tiefe zuerst in der Gestalt der Entfernung suchen zu müssen; aber die Tiefe und Kraft, die wir erlangen, kann nur durch die Weite gemessen werden, in die wir von dem Mittelpunkte hinwegflohen (...) und dem wir wieder zustreben". (Hegel 1970, Bd. 4: 321) Ein Aushandeln dessen., was Recht ist, und ein Kampf um die Entwicklung bestimmter Bewusstseinsformen finden eben immer noch und immer wieder statt. Davon handelt ja auch dieses Buch.
Hegels Interventionen blieben weitgehend inarginal, obgleich einige aufmüpfige Zeitgenossen ebenfalls die mit dem Fortschritt versehenen Heilserwartungen in Frage stellten. "Jeden Tag predigt auch jede Zeitung ohne Ausnahme den Fortschritt", und die Menge blöke wie eine Hammelherde "bä, bä, bä, d.h. zu deutsch Fortschritt" dreimal hinterher. Nur das neue Wort "Errungenschaft" sei noch " weit dümmer." (Meinhold, zit. in: Koselleck 1979: 409) Heinrich Heine meinte 1833, der Glaube an den Fortschritt sei "die neue Religion." (Heine 1833: 328, zit. in: Koselleck 1979: 411) "Wenn der Satz <die Industrie ist im Fortschreiten begriffen> mit sichtlichem Wohlbehagen von einem ganzen Volke als Wahrheit ausgesprochen werden soll, so müssen die Verhältnisse ganz anderer Art sein als sie gegenwärtig sind. Die Maschinen zum Beispiel müssen als faktische Wohltat für das Volk betrachtet werden können ( ... ) dann, nur dann kann man mit innerer Zufriedenheit sagen: <die Industrie schreitet fort>.", so der Buchdrucker Oskar Skrobek 1848. (zit. in: Spehr 2000: 154)
Doch blieben derlei Kritiken und Einsprüche ohne nachhaltige politische Wirkung. Stattdessen wurde "Fortschritt" besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Leitbegriff und zu einem Schlagwort, ja zu einer Ersatzreligion. Die bürgerliche Revolution war niedergeschlagen und die Industrialisierung konnte sich Bahn brechen. Dampfmaschine und Eisenbahn traten ihren Siegeszug an. Man sah sich mehrheitlich affirmativ im Strom einer sich naturgesetzlich vollziehenden Entwicklung, die "Fortschritt" genannt wurde. "Insofern zählt der Fortschritt zu den modernen Bewegungsbegriffen, die ihr Erfahrungsdefizit durch Zukunftsprojektionen kompensieren." (Koselleck 1979: 417) Auf der Ebene der Alltagssprache wurde "Fortschritt" zu einem überpersonalen Vollzugsorgan des Geschehens. Undurchschaubares wurde oft mit den Worten erklärt: "Das kommt halt vom Fortschritt."
Alles in allem ist und dies ist das Entscheidende die Rede vom Fortschritt zu einer allgemeinen Metapher geworden, die " spezifisch darauf gerichtet ist, moderne Erfahrungen zu bewältigen, daß nämlich die überkommenen Erfahrungen in erstaunlicher Geschwindigkeit von neuen überholt werden". (Koselleck 2010: 161) Man könnte auch von einem ins Positive gewendeten Platzhalter für das Wort "Krise" sprechen, im Sinne vom altgriechischen "krinein", unterscheiden, absondern. Alte Deutungsmuster der sozialen Wirklichkeit hatten keine Gültigkeit mehr, neue waren noch nicht gefiinden.
Im herrschenden politischen Diskurs wird gemeinhin suggeriert, es gebe einen, es gebe "den" Fortschritt, der zu bejahen sei. Das hat freilich seine ideologische Seite. Denn technische Erfindungen, insbesondere technische Großprojekte, lenkten immer wieder von den realen Sorgen und Nöten ab. Bereits Kaiser Wilhelm verknüpfte ein technisches Großprojekt, die Schlachtflotte, mit einer gesellschaftlichen Mobilisierung zugunsten seiner imperialen Pläne. 1896 hatte er verkündet, Deutschland solle Weltmacht werden. Ab 1898 wurden "Flottenvereine" gegründet, die im Oktober 1908 immerhin über eine Million Mitglieder im Deutschen Reich hatten. Der Erfolg dieser Mobilisierung zeigte sich etwa darin, dass selbst in den entlegensten Gebirgsdörfern Kinder mit Matrosenanzügen herumliefen.
FN: Auch das technische Großprojekt "Schlachtflotte" stellte sich als technisch nicht besonders effizient heraus. Und als Ende Oktober 1918 ein Angriff auf die Flotte Großbritanniens befohlen wurde, verweigerten die Matrosen aus Kiel den Gebotsam. Der Kieler Matrosenaufstand wurde zum Beginn der Novemberrevolution und zum Anfang vom Ende des Kaiserreichs.
Auch der Zeppelin, begeistert gefeiert, diente zur Einstimmung auf den kommenden Weltkrieg. Raketenprogramme faszinieren und fördern die Identifikation mit den verantwortlichen Regierungen, stellen aber keinerlei soziale Verbesserungen dar. Hinter der Technikemphase soll auch die Frage verschwinden, wer von technischen Entwicklungen wirklich einen Nutzen hat. Denn tatsächlich hinkt die Mehrheit der Bevölkerung "dem Fortschritt", der technologischen Entwicklung, stets hinterher. Sei es, weil sie mit Erfindungen konfrontiert wurde, die nicht mehr rückgängig zu machen waren, sei es, weil sie sich die Umsetzung gigantischer technischer Projekte gar nicht vorstellen konnte. Letzteres brachte etwa der Flößermeister Willibald in einer Versammlung 1909 wegen des Baus eines Wasserkraftwerks am bayrischen Wilchensee zum Ausdruck, indem er erklärte, "dass ein Großteil der Bevölkerung im Isartal einfach nicht an die Realisierung eines so gigantischen Projekts glaube ". (Falter 1988: 73)
FN: Anders drückte es Karl Kraus aus: "Die Quantität verhindert auch jede Auflehnung gegen sie. Nicht die Drohung, sondern das Dasein des Maschinengewehrs unterdrückt die Besinnung der Mcnschenwürde." (Nachts Aphorismen, 1968) Und Naomi Klein betitelte ein Buch nach diesem Phänomen: "Schock".
Und auch den Bau der Berliner Mauer die ja von der DDR-Regierung als Fortschritt gefeiert wurde hielten viele Betroffene für unmöglich oder für nur vorübergehend. Es herrschte Ungläubigkeit und Entsetzen.
FN: Unsinn, werden Sie, der geneigte Leser nun vielleicht denken, schließlich hat die Berliner Mauer nichts mit Fortschritt zu tun. Eben! Was für die einen Fortschritt ist, löst bei den anderen oft blankes Entsetzen und Verdrängung aus. Und was Mauern angeht: Die Chinesische Mauer hat ein rühmlicheres Schicksal als die DDR Mauer. Erstere wird als Weltwunder verehrt.
Die Mehrheit der Bevölkerung jedenfalls kann auf die technologische Entwicklung, oder konkreter: auf die Verwertung von Wissenschaft und Technik im Interesse von Profitmaximierung und/oder Prestigegewinn, meist nur reagieren.
Dass sich die Heilserwartungen an "den Fortschritt" als einer Entwicklung hin zu einem besseren Zustand , seien sie politisch ideologisch gehegt oder als Naturgesetz verinnerlicht, nicht erfüllt haben, das zeigt schon ein Blick auf die weltweite Versorgung: Fast eine Milliarde Menschen ist schwerstens unterernährt, jeder siebte Mensch der Weltbevölkerung leidet an Hunger, alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Unterernährung, 800 Millionen Menschen leben in Slums ohne sauberes Trinkwasser. Trotz verschiedenster technischer Erfindungen sind wir somit nicht einmal in der Lage, ein primäres Bedürfnis der Menschen zu befriedigen, nämlich das nach Ernährung. Technisch wäre das längst möglich.
FN: Zugleich ist die weltweite Zahl der an Adipositas Erkrankten, der Fettleibigen, seit diesem Jahr erstmals höher als die der Hungernden.
Wer kann da zu recht behaupten, dass " der Fortschritt " tatsächlich allen dient?
Freilich ist hier die Auseinandersetzung um " den Fortschritt "längst nicht ausführlich dargestellt.
FN: Unerwähnt bleiben mussten "Klassiker" wie die "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer oder "Zur Kritik der instrumentellen Vernunft" von Horkheimer.
Doch deutlich geworden sein sollte vor allem, dass das Wort "Fortschritt" im Alltagsgebrauch vornehmlich eine Metapher für Veränderungen von Arbeits und Lebensgewohnheiten darstellt, deren Hintergrund oft nicht durchschaut, nicht bewusst ist. Die Möglichkeit für Zustimmung oder Ablehnung war und ist den Menschen mehrheitlich gar nicht gegeben. Stattdessen setzte sich die Auffassung durch, diese Veränderungen, der "Fortschritt", vollziehe sich als Schicksal und beinhalte "automatisch" eine Entwicklung hin zu einem besseren Zustand. Unbegriffene Veränderungen, die sich auf der Ebene der Alltagserfahrung abbilden, wurden und werden oftmals im Wort vom "Fortschritt" gefasst. "Das ist der Fortschritt." Damit war ein Wort gefunden für etwas, das unbegreiflich erschien. Denn Benennung wirkt beschwichtigend. Das sieht man etwa an der Reaktion von Kindern, die sich vor etwas fürchten. Eine Erklärung wie: "Das ist der Donner", wirkt oft Wunder, die Furcht ist weg, auch wenn der Donner bleibt. Und so erfüllt das Benennen einer unbekannten Erscheinung die Funktion einer Beschwichtigung, ja Versöhnung mit dem Unbegriffenen. Vordergründig freilich, denn ein Unbehagen das zeigen ja die Auseinandersetzungen und Proteste gegen technische Großpro-jekte, die sich scheinbar plötzlich Bahn brechen bleibt trotzdem und sucht sich Wege der Artikulation.
"Den" Fortschritt gibt es nicht und hat es auch nie gegeben. Was es gab und gibt, sind Veränderungen des Alltags aufgrund technischer Erfindungen, die sich massiv auf die Gewohnheiten der Menschen auswirken und zu einer Veränderung des Lebens zwingen. Die Umsetzung technischer Erfindungen wird oft als ein Hereinbrechen erlebt, zumal der Großteil der Gesellschaft nicht am Entstehen oder an der Entwicklung dieser Neuerungen beteiligt ist. Vorhergehende Aushandlungsprozesse haben, gerade was die Umsetzung großer technischer Innovationen angeht, selten stattgefunden, weder um die Einführung des Fließbandes, noch den Bau von Kraftwerken, der Biotechnologie und so weiter. Oft wurde versucht, soziale Konflikte und mögliche Proteste zu vermeiden oder politischen Legitimationsverlust wieder gut zu machen. Die Einrichtung von Sanierungsbüros oder der Technikfolgenabschätzung sind hierfür Beispiele.
So ist die Unterstellung, Kritiker technischer Großprojekte seien "fortschrittsfeindlich", schlicht unsinnig. Vielmehr werden durch Kritik und Protest politische Aushandlungsprozesse darüber eingefordert, wie mit technischem Wissen umgegangen und wofür es eingesetzt werden sollte.
Das "Hereinbrechen" des "Fortschritts" wird am Beispiel technischer Großprojekte besonders evident. Hier konzentrieren sich wirtschaftliche, staatliche und wissenschaftliche Interessen in historisch völlig neuen Dimensionen. Dies mag ein Grund dafür sein, dass diese Projekte oftmals zu manifesten Symbolen für jenen "schleichenden" Fortschritt werden, der längst in die Alltagsgewohnheiten und die privatesten Räume eingedrungen ist.

Die ungeheuren Geldmengen, die heute in die Wissenschaft gepumpt werden, und die Macht der Konzerne, spätere Anwendungen über die Anmeldung oder den Aufkauf der Patente zu steuern, haben aus der Wissenschaft eine reine Hilfstruppe kapitalistischer Interessen gemacht. Kein Uni-Institut und auch keine kleine Privatorganisation ist davon frei. Wissenschaft ist heute meist käufliche Forschung aufgrund des Zwanges, durch sie das Überleben der beteiligten Personen und des Kollektivs in Form der Firma, Organisation oder des Uni-Fachbereiches zu sichern. Nicht die Wissenschaft, sondern diese Ausrichtung ist das Problem. Die aber ist wiederum gesellschaftlich geformt, d.h. in der Wissenschaft spiegeln sich die Einflussfaktoren wieder, die auch an anderen Stellen aus der menschlichen Gesellschaft eine große Maschine von Profit, Verwertung und totaler Kontrolle geformt haben.

Forschung und Forschungsfreiheit

Kann es eine Forschungsfreiheit geben?

Das würde nur dann der Fall sein, wenn Menschen interessenslos sind. Das sind sie aber nicht. Im emanzipatorischen Sinne würde Forschung von Ideen und Wünschen der einzelnen Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse angetrieben. In den bisher bekannten Gesellschaften der letzten Jahrhunderte bis heute prägten Macht- und Profitinteressen das Forschen. Im Kapitalismus wird geforscht, was Profit bringt. Ob es auch den Menschen nützt, spielt keine Rolle. Solange es Profit bringt, darf es auch den Menschen nützen - aber das ist dann eine zufällige Nebensache. Meist ist es schlimmer: Profit bringt, was Menschen unterdrückt, ausbeutet, abhängig macht.

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Aus Bakunin, Michail: Gott und der Staat (Nachdruck 1995 im Trotzdem Verlag, Internet)
Das größte wissenschaftliche Genie sinkt unvermeidlich und schläft ein, sobald es Akademiker, offizieller, patentierter Gelehrter wird. Es verliert seine Selbstbestimmung, seine revolutionäre Kühnheit und die unbequeme und wilde Tatkraft, die für das Wesen der größten Genies charakteristisch sind, die stets berufen sind, hinfällige Welten zu zerstören und die Grundlagen neuer Welten zu legen. Zweifellos gewinnt es an Höflichkeit, nützlicher und praktischer Weisheit, was es an Denkkraft verliert. Es wird, mit einem Wort, verdorben. ...
Eine wissenschaftliche Körperschaft, welcher die Regierung der Gesellschaft anvertraut wäre, würde sich bald gar nicht mehr mit der Wissenschaft, sondern mit ganz anderen Dingen beschäftigen; sie würde, wie alle bestehenden Mächte, sich damit befassen, sich ewige Dauer zu verschaffen, indem sie die ihr anvertraute Gesellschaft immer dümmer und folglich ihrer Regierung und Leitung immer bedürftiger machen würde.
Was aber von wissenschaftlichen Akademien gilt, gilt in gleicher Weise von allen konstituierenden und gesetzgebenden Versammlungen, selbst den aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangenen. Letzteres mag zwar ihre Zusammensetzung erneuern, was aber nicht hindert, daß sich in wenigen Jahren eine Körperschaft von Politikern bildet, die tatsächlich, nicht rechtlich bevorrechtet sind und durch ihre ausschließliche Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten eines Landes eine Art politischer Aristokratie oder Oligarchie bilden. (S. 65)
In ihrer gegenwärtigen Organisation, als Monopolisten der Wissenschaft, die als solche außerhalb des sozialen Lebens bleiben, bilden die Gelehrten eine abgeschlossene Kaste, die viele Ähnlichkeiten mit der Priesterkaste hat. Die wissenschaftliche Abstraktion ist ihr Gott, die lebenden und wirklichen Individuen sind die Opfer; sie sind die geweihten und patentierten Opferpriester. ...
Die Wissenschaft kann ebensowenig die Individualität eines Menschen wie die eines Kaninchens erfassen. Das heißt, sie steht beiden gleich uninteressiert gegenüber. Nicht, daß ihr das Prinzip der Individualität unbekannt wäre. Sie erfaßt es vollständig als Prinzip, aber nicht als Tatsache. Sie weiß sehr gut, daß alle Tierarten, die Gattung Mensch inbegriffen, nur wirklich existieren als unbestimmte Zahl von Individuen, die geboren werden und sterben und neuen, ebenso vorübergehenden Individuen Platz machen. ... (S. 84)
Die Wissenschaft weiß das alles, aber sie geht nicht weiter und kann nicht weiter gehen. Da die Abstraktion ihre wahre Natur bildet, kann sie wohl das Prinzip der wirklichen und lebenden Individualität erfassen, aber sie kann nichts mit den wirklichen und lebenden Individuen zu tun haben. Sie beschäftigt sich mit den Individuen im allgemeinen, aber nicht mit Peter und mit Jakob, nicht mit diesem oder jenem Individuum, die für sie nicht existieren, nicht existieren können. Ihre Individuen sind, nochmals bemerkt, nur Abstraktionen. ... (S. 85)
Der ungeheure Vorzug der positiven Wissenschaft vor der Theologie, Metaphysik, Politik und dem juristischen Recht besteht darin, daß sie statt der von diesen Lehren verkündeten lügenhaften und unheilvollen Abstraktionen wahre Abstraktionen aufstellt, welche die allgemeine Natur oder die Logik der Tatsachen selbst, ihre allgemeinen Beziehungen und die allgemeinen Gesetze ihrer Entwicklung ausdrücken. (S. 87)
Die Wissenschaft ist einerseits zur vernünftigen Organisation der Gesellschaft unentbehrlich, andererseits darf sie, da sie unfähig ist, sich für das Wirkliche und Lebendige zu interessieren, sich nicht um die wirkliche oder praktische Organisation der Gesellschaft kümmern.
Dieser Widerspruch kann nur auf eine Art gelöst werden: durch die Auflösung der Wissenschaft als außerhalb des sozialen Lebens aller existierendes Wesen, das als solches von einer Körperschaft patentierter Gelehrter vertreten wird, und durch ihre Verbreitung in den Volksmassen. Die Wissenschaft, die berufen ist, hinfort das kollektive Bewußtsein der Gesellschaft zu vertreten, muß wirklich Eigentum aller werden. Ohne ihren universellen Charakter zu verlieren, den sie nie aufgeben kann, ohne aufzuhören, Wissenschaft zu sein, und fortfahrend sich mit den allgemeinen Verhältnissen und Beziehungen der Individuen und Dinge zu beschäftigen, wird sie tatsächlich mit dem unmittelbaren und wirklichen Leben aller Individuen verschmelzen. Diese Bewegung wird derjenigen ähnlich sein, welche die Protestanten zu Anfang der Reformation sagen ließ, daß man jetzt keine Priester mehr brauche, da jeder Mensch jetzt sein eigener Priester werde, da jeder Mensch allein dank der unsichtbaren Vermittlung unseres Herrn Jesu Christi, jetzt seinen Herrgott in sich habe. Aber hier handelt es sich nicht um den Herrn Jesus Christus, noch um den Herrgott, noch um politische Freiheit, juristisches Recht, was bekanntlich alles theologisch oder metaphysisch offenbarte und gleich unverdauliche Dinge sind. Die Welt der wissenschaftlichen Abstraktionen ist nicht offenbart, sie ist der wirklichen Welt eigen und ist deren Ausdruck und allgemeine oder abstrakte Darstellung. (S. 88 f.)
Darf alles erforscht werden?

Es gibt ProtagonistInnen der Forschung, die behaupten, es müsse eine Freiheit der Forschung geben. Meist kaschieren sie damit eher ihre Profit- und Karriereinteressen und wollen sich nicht mehr den Argumenten der KritikerInnen ihrer Forschungen abgeben. Der Ruf nach absoluter Forschungsfreiheit wirft aber auch grundsätzliche Zweifel:

Ein spannendes Experiment, an dem die letzte Frage diskutiert wurde, war 2008 die Inbetriebnahme des Teilchenbeschleunigers am CERN unter der Schweiz. Es herrschte zwischen ExpertInnen Unklarheit, ob das Experiment die Gefahr birgt, den Planeten Erde komplett zu verschlingen. Etliche Merkwürdigkeiten prägten die Debatte, vielen Statements konnten Hoffnungen auf Patente oder geldschwere Forschungsaufträge schnell nachgewiesen werden. Was an den Argumenten dran war, blieb wirr. Inzwischen läuft das Experiment, ohne dass noch weiter über die Gefahren debattiert würde. Träte der 'worst case' ein, wäre auch niemand mehr da, der das könnte - aber ob der überhaupt möglich ist, konnte nirgends klar belegt werden.
Darauf kommt es hier aber auch nicht an. Die Frage, die sich stellt, ist die, ob es eine absolute Freiheit der Wissenschaft geben kann oder nicht. Eine Antwort darauf ist: Nein, weil es für nichts eine absolute Freiheit gibt. In herrschaftsförmigen Gesellschaften bestehen Kontrollgremien, die Freiheit beschneiden. Sie haben zwar die dumme Angewohnheit, den Eliten maximale Freiheiten zuzubilligen und den als KonsumentInnen und Arbeitskraft betrachteten Massen die Freiheit möglichst stark einzuschränken. Dennoch wäre theoretisch ihre Aufgabe, auch über die Wissenschaft zu wachen. In einer herrschaftsfreien Welt würde zwar niemand formal kontrolliert, aber eine Welt der freien Vereinbarungen bedeutet, dass sich alle Menschen überall einmischen könnten. Sie trügen zwar keine institutionalisierte Macht in sich, aber die ständige Kommunikation ist ein Mechanismus direkter Gestaltung.
Der Teilchenbeschleuniger in CERN bot an dieser Stelle aus einem ganz anderen Blickwinkel etwas völlig Neues: Mit den Mitteln staatlicher Herrschaft wurde ein kontroll- und vereinbarungsfreier Raum erzeugt. Nichts und niemand hatte mehr irgendeinen Einfluss auf das Geschehen außer den Durchführenden selbst. Dazu wurde das Forschungsgelände von den Vereinten Nationen zum exterritorialen Gebiet erklärt. Keine Behörde war mehr zuständig, kein Mensch hatte irgendwelche Mitspracherechte. Das stellt eine neue Dimension von Privilegien dar - und vergrößerte nicht gerade das Vertrauen in das Experiment.

Auszug dazu aus dem Text "Universalexplosion", in: Junge Welt, 1.8.2008 (S. 3)
Von der UNESCO als exterritoriales Gebiet ausgewiesen, gilt hier kein nationales Recht. Ein Gremium, das Versuche stoppen oder zumindest verzögern könnte, wurde auf internationaler Ebene noch nicht geschaffen. Einziges Entscheidungsorgan, das hierzu befugt wäre, ist der Wissenschaftsrat des CERN, besetzt aus der Gruppe der CERN-Wissenschaftler selbst.

Wie entsteht große Technik oder Infrastruktur?

Menschliches Leben ist mehr als Kleinklein. Es findet nicht nur im überschaubaren Rahmen statt, in dem Menschen einfach und direkt miteinander in Kontakt treten können. Komplexe Technik entsteht als Summe der gedanklichen Leistung und der Experimente vieler, ihre Weiterentwicklung bedarf des Zusammentragens von Praxiserfahrungen an vielen Orten. Gleiches gilt für große Infrastruktur, also alle menschlichen Bauten, die über den lokalen Rahmen hinausgehen: Spezialisierte Krankenversorgung, Mobilität über größere Entfernungen, Warenaustausch jenseits lokaler Netze oder Märkte und, ganz wichtig, die Kooperation bei der gegenseitigen Absicherung von Grundversorgung, z.B. mit Energie, Wasser oder Lebensmitteln. Würde nur lokale Infrastruktur entstehen, so würde ein Ausfall immer gleich zur Nicht-Versorgung führen oder es müsste eine Zweit- und Drittinfrastruktur als Reserve bereitgehalten werden - eine erhebliche Ressourcenverschwendung. Wären lokale Versorgungswege verbunden, könnten umgebende bei einem Ausfall übergangsweise einspringen.
Insofern wäre auch für eine herrschaftsfreie Gesellschaft die Entwicklung überregionaler Infrastruktur und großer Technik sinnvoll. Nur welche Technik wie entwickelt wird oder Infrastruktur entsteht, das sähe ganz anders aus. Entsprechend wäre auch das Ergebnis deutlich unterschiedlich zu dem, was wir heute erleben.

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Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 102)
Große Kooperationen sind nicht an sich schlecht, aber sie sind gefährlich in dem Maß, wie sie die Gesellschaft "mediatisieren", d. h. andere Kooperationen und Untergliederungen ausschalten und die Gesellschaft individualisieren, so dass die Einzelnen "schrumpfen". Das ist schlecht am Nationalstaat, und das ist schlecht an dem, was heute als Globalisierung bezeichnet wird. Wir können uns große Kooperationen nur leisten, wenn es ein ausdifferenziertes System von Untereinheiten gibt, die mit einem hohen Maß an Autonomie ausgestattet sind. Im Grunde ist das Argument ganz einfach: Wir können als Einzelne (oder als kleine Gruppen) nur dann frei und gleich mit einer großen Kooperation in Beziehung treten, wenn es ein System von Zwischenkooperationen gibt, auf die wir mehr Einfluss haben und die im Verhältnis zur großen Einheit die Bedingungen der freien Kooperation erfüllen, die wir selbst nicht erfüllen können: alle Regeln zur Disposition stellen; gehen und einschränken können und dadurch Einfluss nehmen; die Kooperation zu einem vergleichbaren und vertretbaren Preis scheitern lassen. Daraus leitet sich alles Weitere ab, über dessen Details man sich dann streiten kann: Staaten, Regionen und Kommunen, deren Boden und Natur nicht beliebig "nach oben" verkauft werden kann; spezifische Behinderungen und Kontrollen für alle Akteure, die aktuell mit großen "Kapitalhaufen" arbeiten; besonderes Augenmerk auf die "Rückholbarkeit" von Kompetenzübertragungen von "unten" nach "oben"; und viel Geld und Zeit ausgeben für jede Form von "Binnenstrukturierung", die nur zu kriegen ist.


Ralf Burnicki, "Die anarchistische Konsensdemokratie", Transkription eines Videos von O. Ressler (aufgenommen in Bielefeld, Deutschland, 29 Min., 2005)
Eine Technologie der Stromversorgung, wie sie z. B. durch die Atomenergie gegeben ist, ist nicht konsensfähig, da sie Betroffene sowohl regional als auch überregional im Falle von Unfällen hervorbringt. Von daher ist die Atomenergie nicht konsensfähig. Eine anarchistische Konsensdemokratie wird darauf angewiesen sein, alternative Technologien hervorzubringen, die niemanden übergehen. Es wird daher viel Fantasie abverlangt werden müssen in der Auffindung alternativer technologischer Lösungen, die konsensfähig sind.

Aus Annette Ohme-Reinicke (2012): "Das große Unbehagen", Herder in Freiburg (S. 24-28)
Großprojekte
Die "Ära der Großprojekte" begann mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Eine regelrechte Technisierungseuphorie setzte ein. Zwischen 1870 und 1914 vollzog sich eine "synergetische Revolution", verschiedene Stoffe und deren Wechselwirkungen mit mechanischer, thermischer und elektrischer Energie waren entdeckt. Der Energiestoff Kohle wurde durch Elektrizität abgelöst. Seit 1924 fanden regelmäßig "Weltkraftkonferenzen über Energie und Brennstoffquellen" statt. 1926 bereits prognostizierten US Erdölkonzerne das Ende des Öls in den nächsten zwölf Jahren. Um 1900 erreichte die Faszination für Elektrizität ihren Höhepunkt. Zu dieser Zeit war die Mechanik zur Leitwissenschaft geworden, alles sollte der technischen Logik unterworfen werden, auch das Soziale. Mit den neuen Technologien schien es möglich, auch die Verteilung zwischen Raum und Bevölkerung neu zu gestalten, den Zugriff auf Ressourcen und neue Absatzmärkte zu sichern sowie die Verfügbarkeit von Energien zu steigern. Unmittelbar ging es um die Gewinnung von Energie und die Herstellung schneller Verkehrswege.
Technische Großprojekte können definiert werden als " solche Unternehmen (...) bei denen ehrgeizige Technologien eine Verbindung mit großer Politik und vorgeblich riesigem Wirtschaftsnutzen hat einhergehen sollen. Sie wollten nicht nur technische, sondern geschichtlich soziale Projekte sein. Es handelt sich dabei um Infrastrukturprojekte größeren Ausmaßes, mit denen erstens eine Landschaft im Sinne menschlicher Nutzung umgestaltet und/oder zweitens die Lebenssituation einer größeren Bevölkerungszahl auf einen Schlag verbessert und/oder drittens die Sicherheit und Wohlfahrt eines Staates oder einer Staatengemeinschaft gesteigert werden sollten. " (van Laak 1999: 10)
FN: Eine jüngere Beschreibung technischer Großprojektc liefert Georg Angermaier: Das Budget eines Großprojekts übersteigt die Jahresumsätze der beteiligten Unternehmen, das Projekt dauert länger als ein Jahr, es sind mindestens zwei Unternehmen beteiligt, typisch ist die Gründung einer Projekt Gesellschaft, Großprojekte weisen zwischen 500 und 100000 Vorgänge auf, es ist in Teilprojektc gegliedert und es hat eine Organisationsstruktur mit Führungs und Entscheidungsstrukturen. (in: Stuttgarter Zeitung: 25.10.2011, S. V26)

Freilich gibt es technische Großprojekte schon sehr lang. Vor der Industrialisierung waren dies vorwiegend Kathedralen, Schlösser und Festungsanlagen oder Schiffe. Man lobte die Götter oder versuchte) sich zu verteidigen. Beispiele dafür sind die ägyptischen Pyramiden oder die chinesische Mauer. Einen völlig anderen Charakter erhielten technische Großprojekte im Zuge der Industrialisierung. Sie wurden in Deutschland insbesondere durch die Eisenbahn vorangetrieben, die wiederum weitere großtechnische Projekte wie Brücken, Tunnelbauten und Nachrichtentechnik erforderte. Schon Goethe übrigens nahm die Technikeuphorie rund um die Eisenbahn argwöhnisch wahr: "Niemand kennt sich mehr, niemand begreift den Stoff, den er bearbeitet (...) Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren." (zit. in: Löwith 198 3: 405)
FN: Und in Wilhelm Meisters Wanderjahren heißt es: "Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam, aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen."
Die Begeisterung für überdimensionale technische Projekte kannte kaum Grenzen. Neben dem Kriegsflottenbau sollten "Wüsten ( ... ) bewässert werden und wieder erblühen. Die gewaltigen Ströme Sibiriens wollte man umleiten, statt sie nutzlos ins Eismeer fließen zu lassen, um die kargen Gegenden Zentralasiens zu begrünen. Bei Gibraltar und der Bering Straße sollten Dämme errichtet werden, um mit weltumspannenden Eisenbahn Linien Berlin mit Kapstadt sowie Moskau mit New York zu verbinden. Der Tschad und Teile des Kongo sollten zu Binnenmeeren geflutet werden, um das harte Klima Mittelafrikas abzumildern. Mit Hilfe <chirurgischer> Atomsprengungen wollte man innerhalb weniger Minuten Kanäle durch Landengen und Halbinseln legen. Und jegliche Knappheit an Energie sollte schließlich überwunden werden, indem mit gigantischen Spiegeln aus dem All die Sonnenkraft gebündelt zur Erde strahlte." (van Laak 2008: 49) Der Weltverkehr sollte ausgebaut werden: Die französische Trans Sahara Bahn, die britische Kairo Bahn oder die deutsche Bagdadbahn. Zu den eigentümlichsten Projekten gehört das Atlantropaprojekt des Baumeisters Hermann Sörgel, der 1927 den Plan vorgelegt hatte, die Straße von Gibraltar mit einem Damm zu verschließen und trockenlegen zu lassen. Durch Wasserkraftwerke an Flussmündungen sollte ganz Europa mit Energie ver sorgt werden. Atlantropa war nicht nur ein hydrotechnisches Großprojekt, sondern zugleich ein Infrastrukturprojekt, denn die Verkehrswege zwischen Europa und Afrika würden drastisch abgekürzt.
FN: Erst 1959 beerdigte man dieses Projekt.
Insbesondere in den 20erjahren hatten Großprojekte Konjunktur. Die Landgewinnung der Niederländer durch Deich-bauten inspirierte zu Projektideen, wie etwa dem Trockenlegen der gesamten Nordsee.
Technische Großprojekte der Nationalsozialisten waren vorwiegend militärischer Art, etwa der Raketenbau, außerdem Projekte gigantomanischer Architektur. Auch die technologische Massenvernichtung von Menschen gehörte zu den technischen Großprojekten der Nationalsozialisten.
Mit der Entwicklung technischer Großprojekte veränderte sich die Rolle des Staates. Er trat nun als Koordinator, als Finanzierer und nicht zuletzt als ideologischer Vermittler auf, der die Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft zu gewährleisten suchte. Die bunte Palette von Maßnahmen, die ergriffen wurden, um Zustimmung der Bevölkerung einer neuen Technologie gegenüber sicherzustellen, lässt sich an zahlreichen neuen Technologien verfolgen, insbesondere dann, wenn die Sache als heikel erscheint, von Werbekampagnen bis zum Nanomobil, vom Expertengespräch bis zur Technikfolgenabschätzung. " Stuttgart 21 " etwa erhielt eine Ausstellung, finanziert von der Stadt und der Bahn AG, sowie gigantische Summen für weitere Werbung. Der Staat ist meist Auftraggeber technischer Großprojekte und sichert Risiken ab. Und fast immer handelt es sich aucb um Prestigeprojekte: Von den Teilchenbeschleunigern bis zur Raumfahrt, von Hochhausbauten bis zu Schnellbahnen. Ferner gehören Luxusschiffe, Überschallflugzeuge, Atomanlagen oder überdimensionale Sportanlagen dazu. Diese Projekte sollen Macht, Größe und Souveränität eines Staates oder einer Regierung demonstrieren und sie werden fast vollständig aus öffentlichen Mitteln bezahlt, größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Denn die Mehrzahl technischer Großprojekte ist militärischer Art und unterliegt deshalb der Geheimhaltung. Sie entstanden meist ohne die Zustimmung der Bevölkerung, die sie finanziert.
Für Wirtschaftsunternehmen sind diese Projekte schon wegen ihrer Größe interessant. Diese verspricht nämlich eine Sicherheit in der Umsetzung durch die Risikoabsicherung des Staates. Wenn erst einmal viele Steuergelder geflossen sind, dann ~vird der Abbruch eines Projekts immer unwahrscheinlicher. Außerdem birgt die Größe des Projekts eine Eigendynamik. Um diese auszunutzen, müssen die beteiligten Unternehmen daftir sorgen, dass das geplante Projekt möglichst ungestört beginnt. "Um dies zu erreichen ", schreibt Otto Ullrich schon 1977, "wird häufig folgende Strategie verwendet: Die Planungen für die erste Phase werden betont optimistisch und günstig dargestellt. Die Notwendigkeit des Projekts wird dramatisiert (internationaler Vergleich, <Weltniveau>, Konkurrenzfähigkeit in der Zukunft usw.), und vor allem die Kostenkalkulation wird günstig gestaltet." (Ullrich 1977: 328) Die Komplexität und Intransparenz kommt den Protagonisten sehr entgegen, da die Folgekosten zu Beginn schwer abzuschätzen sind. Auf diese Weise können auch parlamentarische Hürden leicht genommen werden. Ist das Projekt erst einmal abgeschlossen, wird oft die Höhe des bereits investierten Betrags herangezogen, um einen Ausstieg als unrentabel darzustellen. Die politisch Verantwortlichen rechtfertigen dann mit allen Mitteln den gigantischen Fehlgriff So lagen die Kosten von Eisenbahnprojekten in aller Regel um 45 Prozent höher als anfänglich angegeben.
Der spekulative Charakter technischer Großprojekte mag ein wesentlicher Grund dafür sein, dass trotzdem gigantische Bauruinen auf dem gesamten Globus verteilt herumstehen und Gelder für Vorhaben ausgegeben wurden, die niemals fertiggestellt wurden. Ein Beispiel auf europäischer Ebene ist die Entwicklung des Überschallpassagierflugzeugs Concorde, das rein staatlich finanziert wurde und wenig Gewinn einbrachte. In die Reihe der gescheiterten Projekte gehören nicht nur die schon erwähnte Eisenbahnlinie von Kairo nach Kapstadt, sondern auch der Rhein-Main Donau Kanal und der Schnelle Brüter von Kalkar. Derlei Projekte bezeichnet man in der Sprache der Entwicklungshilfe als "weiße Elefanten".
FN: Ein bemerkenswerter Bildband von Christian Heimle aus dem Jahr 2007 dokumentiert derlei Projekte in Europa: "Weiße Elefanten, sündhaft teure Bauruinen", so der Titel, Abgebildet ist nicht nur das Atomkraftwerk in Zwentendorf bei Wien, eine Rennbahn in der Lausitz oder der Mystery Park in Interlaken, sondern auch der Flughafen Bahnhof in Lyon Satelas, wo kaum ein Zug hält.
Zahlreiche Projekte sind gescheitert, weil sie sich entweder nicht realisieren ließen, sich als zu teuer herausgestellt oder den versprochenen Nutzen verloren hatten. Andere scheiterten am Protest der Bevölkerung. So konstatiert van Laak: "Nach den Erfahrungen des vorigen Jahrhunderts muss man festhalten: Technische Großprojekte gelingen nur im Falle einer äußerst günstigen Konstellation der Begleitumstände oder indem sie bis ins Detail reaktionsoffen gegenüber Unvorhergesehenem bleiben. " (van Laak 2008: 55)
Die Technisierungseuphorie während der Wende zum 19. Jahrhundert hatte auf die Alltags und Umwelterfahrungen der Bevölkerung erheblichen Einfluss: Mit neuer Tunnelbau , Bulldozer und Brückenbautechnik wurden gerade Linien durch die Landschaft gezogen, Häuser als Siedlungen errichtet und selbst das soziale Leben wurde mehr und mehr als mechanisches aufgefasst. Max Weber warnte deshalb davor, selbst das Privatleben zu mechanisieren. Leitende Ideale waren Effizienz, Produktivität und Rationalität. Es wurde geplant, vermessen, begradigt und verwaltet. Kurz: "mit der neuen Technik der Jahrzehnte um 1900 bekam die Zeitökonomie eine neuartige Bedeutung: Sie wurde von der bloßen Ermahnung zur durchorganisierten Praxis, zum Experiment fortwährender Beschleunigung und zur zweiten Natur des Menschen". (Radkau 1998: 190) Die Rationalisierungen in der Raum und Energiegewinnung sowie der Zeitersparnis durch den Ausbau von Verkehrswegen fand bald ihre Entsprechung in der Industrieproduktion. Einen wesentlichen Beitrag hierzu hatte Frederick Winslow Taylor mit seinen "Zeit und Bewegungsstudien" geliefert die Fließbandarbeit kündigte sich an.

Heute werden Großprojekte mit Mitteln der Macht durchgesetzt - von Gesetzen über Polizeiknüppel bis zu Diskursen der Sachzwänge und Standortpolitik. Wie aber sieht das in einer herrschaftsfreien Gesellschaft aus? Im Praxisteil sollen Fallbeispiele dazu wenigstens ein bisschen Aufklärung bringen ...

Zum nächsten Text, dem ersten Text im Kapitel zu Strategien herrschaftsfreier Gesellschaft: Worum geht es? (Strategien)

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