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Horizontalität und offene Systeme
Räume, Kommunikation und mehr ohne Privilegien

Verhandeln ohne Vorgaben ++ Horizontalität ++ Sicherheit? ++ Anwendungsfelder ++ Das Gesamte ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Wenn Emanzipation ein Prozess ist und sich durch ein reflektiertes Vorwärtsdrängen verwirklicht, dann stören starre, soziale Systeme. Spätestens an deren Grenzen, meist aber durchgehend, wirken in ihnen konservierende Elemente wie Moralvorstellungen, Handlungsanweisungen, Schuldgefühle, Deutungen, Diskurse, Paradigmen - einfach alle gesellschaftlichen Steuerungen und Einflüsse, die nicht auf den Vereinbarungen der Menschen selbst beruhen. Solche sind auch in demokratischen Rechtsstaaten gut zu erkennen:

Die verschiedenen Festschreibungen befördern sich gegenseitig. Wer über Machtressourcen verfügt, kann die ungleiche Verteilung der Produktionsmittel durchsetzen. Gesetze, die das wiederum absichern, kann nur erlassen, wer über die nötigen Durchsetzungsmittel verfügt. Recht ist kein Ausdruck höherer Werte, sondern "die Rechtsordnung gilt, die sich faktisch Wirksamkeit zu schaffen vermag." Das sagte mit Gustav Radbruch ausgerechnet einer der beiden wichtigsten Vordenker der deutschen Rechtsphilosophie (G. Radbruch (1950), Rechtsphilosophie, Stuttgart, zitiert nach: Kühnl, Reinhard (1971): "Formen bürgerlicher Herrschaft", Rowohlt Taschenbuchverlag in Reinbek (S. 58); der zweite Vordenker ist Franz von Liszt). Radbruch fügte zur Verdeutlichung hinzu: "Wer Recht durchzusetzen vermag, beweist damit, dass er Recht zu setzen berufen ist." Es gibt also nicht, wie die Gutmenschen aus großen Teilen z.B. der Friedensbewegung immer wieder dahersäuseln, einen Gegensatz vom "Recht der Stärkeren" und der "Stärke des Rechts", sondern beides ist das Gleiche.

Versuche, dem menschlichen Leben ein Korsett an Fremdorientierung zu geben, brechen das Besondere des Menschen, also quasi seine Natur. Denn er ist hinausgeworfen in die Umwelt - in die Natur und in das soziale Umfeld. Es ist weder typisch menschlich, von Anfang an nur vorgegebene Rollen zu spielen, noch in vorgegebenen Kanälen zu schwimmen, vorgekautes Denken zu reproduzieren oder sich in starren Weltbildern zu verkriechen. Zwar ist die Gesellschaft durchzogen von Versuchen, den Menschen für fremdbestimmte Ideologien einzufangen, aber der Mensch ist von Natur aus in der Lage, sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden, neue zu entwickeln, zu wechseln und zu mischen, kreativ zu entwerfen oder sich zu verweigern. Dem steht nicht entgegen, dass das Gegenprogramm, nämlich das Einhegen der hinausgeworfenen Menschen in vorgegebene Wege, seit Langem und zur Zeit mit erheblichem Erfolg gelingt. Religionen, Ideologien und ähnliche Instant-Welterklärungen vermitteln eine Schein-Geborgenheit, d.h. sie bieten den Weg vom Hinausgeworfensein zurück in den Schoß der Fremdbestimmung. Das scheint vielen Menschen attraktiv, zumal Erziehung und andere Formen der Zurichtung nicht den Gebrauch der eigenen Entschlusskraft, sondern die Anpassung an vorgegebene Schablonen des Lebens predigen bis erzwingen.

Aus dem Text "Dialektik" von Annette Schlemm
Angesichts des Leidens unter Trennungen (zwischenmenschlich, zwischen Menschen und Natur, in sich selbst) sucht der Mensch Heilung in Ganzheiten. Wenn er jetzt zurückflüchtet in alte Fusionen, ist ihm nicht geholfen. Er muss die Differenzierungen neu integrieren. Jeder Schritt ist dabei unweigerlich mit Verlusten verbunden, muss "bezahlt" werden mit der Aufgabe früherer Integrationen, die für den nächsten Schritt lediglich Fusionen sind.

Das Gegenmodell wäre eine Gesellschaft ohne feste Normen, Diskurse und Regeln, ebenso aber auch ohne besondere Ermächtigungen, Privilegien oder Zuständigkeiten, die sich aus formalen Vorgaben ableiten. Das gilt für das Gesamte wie für die Subräume der Gesellschaft, für die eine solche Form ebenfalls weder erzwungen noch nahegelegt werden darf. Zwar können sich Menschen für eine bestimmte Angelegenheit immer frei vereinbaren, d.h. auch das Prinzip freier Vereinbarungen im Einzelfall verlassen, entscheidend ist aber, dass der Gesamtrahmen offen und die Bildung ebenso offener Subräume als Binnenstruktur zulässt. Idealerweise bestünde dann das Gesamte aus vielen offenen Räumen, die sich überlagern, unterscheiden, keine festen Grenzen aufweisen und in unterschiedlichen Lebensbereichen entstehen.

Verhandeln ohne Regeln und Metaebenen

Wesentlich für offene Räume ist das Fehlen aller Vorgaben, d.h. es gibt keine Bedingungen für den Zugang, keine Privilegien und keine Regeln für das Verweilen. Dabei ist der Begriff offener Räume nicht nur im Sinne eines gebauten Raumes, sondern jeden gedachten Raumes in der Gesellschaft zu verstehen, also auch ein Kommunikationsnetz, ein Betrieb, ein virtueller Raum im Internet, eine Telefonkonferenz - einfach alles, was einen Rahmen für die Interaktion zwischen Menschen darstellt. Ebenso gehören dazu alle Treffen einer Gruppe, ein Camp, ein Kongress oder ein Projekttreffen, wo der konkrete Ort nur der Aufenthaltsort auf Zeit, also ansonsten völlig unwichtig ist. Bedeutend ist das, was die Beteiligten mitbringen an Wissen, Erfahrungen, Know-How, handwerklichen Fähigkeiten, Informationen, materieller und finanzieller Ausstattung.

Bedingungen des Zugangs oder der Nutzung von Teilen, tatsächliche oder angedrohte Kontrolle schränken die Offenheit eines Raumes ein. Kontrolle erzeugt auch dann, wenn sie nicht konkret ausgeführt wird, Angstgefühle. Sie teilt Menschen oder Gruppen in (potentiell) kontrollierte und (potentiell) kontrollierende. Dieser Zustand bleibt auch dann bestehen, wenn die potentiell Kontrollierenden diese Funktion nicht ausüben wollen und es im Regelfall nicht tun. Allein die Möglichkeit verändert das Verhältnis von Menschen untereinander.
Ist eine Metastruktur als Kontrollinstanz nutzbar, z.B. ein Plenum, ein Vorstand, EigentümerInnen oder einE AdministratorIn, so verlagert sich die Kommunikation um die Weiterentwicklung des Raumes, um Streitfragen bei Interessenkollisionen und oft auch um die Kooperationen zwischen Teilen des Ganzen auf diese Metastruktur. Das steht einer freien Entfaltung im Weg, da in der Metastruktur eine andere Form der Kommunikation herrscht, die von Regeln, taktischem Verhalten und einer stark auf Sieg/Niederlage orientierten Redeform geprägt ist.
Direkte Kommunikation und freie Vereinbarung gedeihen nur dort uneingeschränkt, wo Kontrolle und damit die mögliche Alternative, Konflikte auch herrschaftsförmig zu klären, gar nicht bestehen. Zweitrangig ist dabei, wie die Kontrolle organisiert ist - ob in der Dominanz einer Einzelperson oder -gruppe (z.B. Hausrecht, Faustrecht, rhetorische Dominanz) oder über demokratische Prozesse. Denn Letztere, auch basisdemokratische Entscheidungskompetenz auf Metaebenen ist Kontrolle, zerstört direkte Kommunikation und erschwert freie Vereinbarung - wenn auch verschleierter. Die einzig grundlegende Alternative zu allen Formen von Kontrolle ist die totale Kontrollfreiheit: Es gibt keine Möglichkeit mehr, außerhalb gleichberechtigter Kommunikation eigene Interessen durchzusetzen.

Im Original: Verhandeln ohne Netz und doppelten Boden ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 85)
Verhandeln ist der wilde Dschungel der Kooperation. Das Verhandeln endet erst mit dem Tod; und auch sonst hadern wir immer ein wenig mit der Naturgesetzen, weil sich mit denen nicht verhandeln lässt. Verhandeln ist ein aufregender, tückischer, unordentlicher Prozess. Erstens können wir dabei alles mit allem in einen Topf werfen. Das Frauenplenum kann die Zustimmung zu einem politischen Aufruf davon abhängig machen, dass auch die Männer der Gruppe das Klo putzen. Die Frauen der Chiapas-Gemeinden konnten ihre Teilnahme am Aufstand von der Bereitschaft der Männer zu revolutionären Veränderungen innerhalb der Community abhängig machen. Zweitens gibt es keine Regeln für die Verhandlung. Ob über eine Frage mit Mehrheit abgestimmt werden kann oder nicht, ist selbst Gegenstand der Verhandlung; genauso, ob sie durch Berufung auf frühere Entscheidungen entschieden wird oder nicht, ob sie innerhalb einer bestimmten Frist entschieden werden muss oder nicht usw. Drittens setzt Verhandeln (im Unterschied zu demokratischen Entscheidungsprozessen oder »vernünftigen Dialogen«) nicht voraus, dass die Beteiligten einander in hohem Maße ähnlich sind oder bewusst bestimmte Grundauffassungen und Werte teilen. Verhandeln findet auch zwischen Akteuren statt, die denkbar verschieden voneinander sind. ...
In ihrer Haltung zum Verhandeln ist freie Kooperation vorwiegend Anti-Politik. Sie widerspricht allen Versuchen, das Verhandeln einzuschränken und ordnungspolitisch zu regeln: »das gehört nicht hierher«, »darüber reden wir später«, »das hatten wir schon geklärt«, »du verstehst gar nichts von der Sache «, »mit denen verhandeln wir nicht«. All dies sind, aus Sicht der freien Kooperation, illegitime und abzulehnende Versuche, einseitig Definitionsmacht über den Prozess des Verhandelns zu gewinnen. Und keine harmlosen. »Politischer Streik«, »wilder Streik«, »Nötigung«, »Illoyalität in der Organisation«, »Maschinenstürmerei« – dies sind ordnungspolitische Begriffe, mit denen massive Interventionen gegen die Freiheit der Verhandelnden gefahren werden. ...
Freie Kooperation setzt nicht an der Regulierung des Verhandelns an, sondern bei den Akteuren. Ob eine Verhandlung frei und gleich ist, hängt nicht von den Regeln ab, sondern von den Akteuren: ob sie in der Lage – und notfalls auch bereit sind – zum »dann eben nicht«, und ob dies zu einem vergleichbaren und vertretbaren Preis möglich ist. Auf dieser Basis können die Akteure auch über die Regeln der Verhandlung verhandeln. Sie können Regeln schaffen und ändern, sich daran halten oder dies nicht mehr tun. Freie Kooperation setzt nicht die Regeln, sie stärkt die gleiche Verhandlungsposition der Akteure. Die Aspekte »wissenschaftlicher Erkenntnis«, »demokratischer Mehrheiten« oder »gesellschaftlicher Notwendigkeiten« werden demgegenüber in ihre Schranken verwiesen.

Praktisch wird jeder offene Raum damit zum gegenkulturellen Projekt. Denn es steht der intensiven Prägung gegenüber, in der Menschen heute aufwachsen. Offene Räume sind daher weniger ein Erfolgsrezept (das können sie angesichts der äußeren Einflüsse kaum sein), sondern ein Angriff auf bestehende Diskurse und kulturelle Codes. Im offenen Raum fehlt ...

Die starke Abweichung zur "Norm"alität schafft viele Probleme, denn kulturelle Brüche führen bei Menschen oft zu Verunsicherung und das wiederum zur Sehnsucht nach festen Strukturen - oder zum Ausleben von Faustrecht. Es reicht daher in der Regel nicht, einfach die üblichen Kontroll- und Führungsinstrumente zu streichen, sondern jeder offene Raum bedarf der Übung und einer Praxis von Kommunikation, Organisierung von Vielfalt und Kooperation bis hin zu einer produktiven Streitkultur jenseits von Abstimmungen und Dominanz.

Zudem bilden offene Räume Nischen in einer hochvermachteten Gesellschaft. Das lässt sie zu Zufluchtorten werden von Menschen, die nicht etwas wollen, sondern flüchten in eine scheinbare Oase, wo sie sich aufhalten können. Auch solche Menschen sind geformt in der "Norm"alität da draußen, d.h. sie werden voraussichtlich im offenen Raum diese Zurichtung reproduzieren - und so erwarten, dass es Zuständigkeiten gibt. Freiheit mutiert dann dazu, den Raum und seine Infrastruktur als Serviceleistung zu betrachten.
Immer wieder kommt dann die Diskussion auf, ob die Nichtachtung des Raumes und seiner Ausstattung bzw. deren rücksichtloser Vernutzung oder übergriffiges Verhalten eine Folge genau der Regel- und Eigentumslosigkeit im offenen Raum sind. Das aber wäre ein Kurzschluss. Denn erstens kommt es auch in verregelten Räumen zu solchen Erscheinungen (Diebstahl und Vandalismus gehen besonders häufig von Personen mit privilegiertem Zugang aus) und zweitens ist eher zu beobachten, dass die gesellschaftliche Zurichtung zum achtlosen Umgang mit allen Ressourcen, auch dem eigenen Besitz führt. Außerdem bedeutet Privateigentum immer die Nichtwertschätzung des Öffentlichen, d.h. wo immer Eigentum eingeführt wird, wird das andere noch weniger beachtet.

Der logische Fehler der Gegenmeinung: Menschen kontrollieren Menschen

Der Idee offener Räume wird entgegengehalten, was auch an herrschaftsfreien Gesellschaft ständig kritisiert wird: Dass es zwar eine schöne Idee sei, aber mit diesen Menschen nicht machbar. Es würden sich dann wieder die angeborenen oder ansozialisierten Dominanzverhalten ausleben. Nun ist nicht von der Hand zu weisen, dass Menschen in der heutigen Gesellschaft so geprägt sind, dass sie stark zu Unterwerfung oder Unterwürfigkeit neigen - und es ist anzunehmen, dass auch ohne die soziale Zurichtung solche Tendenzen möglich blieben. Doch einerseits wäre das eher ein Grund, endlich andere Erfahrungsräume zu schaffen, damit die soziale Zurichtung sind ändert. Außerdem krankt die Idee, dass Menschen in ihrem Verhalten kontrolliert werden müssen, am Grundfehler, der auch schon der Forderung nach Kontrolle in der Gesellschaft entgegengehalten werden muss: Wer soll denn kontrollieren? Alle denkbaren Varianten taugen nicht, denn ...

John Maynard Keynes laut Spiegel in "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (auf Wikiquote wird das Zitat allerdings als Fälschung bezeichnet)
Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.

Aktives Schaffen von Binnenstruktur im offenen Raum

Gleichgültigkeit ist der Tod des offenen Raumes. Das gilt nicht nur für den Umgang mit Diskriminierung und Übergriffen, sondern auch für die Frage, ob Aktivitäten aneinander vorbei laufen, Menschen und Gruppen keinerlei Notiz voneinander nehmen oder sich höchstens nerven. Die Alternative heißt, aktiv darum zu ringen, aus der Summe der Einzelnen mehr zu machen.

Praktisch wird auch hier gelten, was für die Emanzipation insgesamt passt: Es ist ein Prozess, eine Annäherung an ein sich durch ständiges, neues Überlegen selbst wandelndes und erweiterndes Zielbild, durch viele kleine Schritt, ab und zu auch größere Würfe und das penetrante skeptisch-analytische Hinterfragen des Status Quo.

Gleiche Möglichkeiten für alle: Horizontalität in Gesellschaft und Subräumen

Nehmen wir eine beliebige Alltagslage, z.B. am Arbeitsplatz. Zwei Menschen treffen aufeinander. EineR ist schon ein Jahr im Betrieb, kennt die Abläufe allmählich etwas. Er/sie ist vor einem Jahr neu gewesen, unsicher, froh über Andere, die Hinweise gaben über richtiges Verhalten, Fettnäpfchen und soziale Codes an diesem Ort. Aber ebenso verärgert darüber, als Nesthäkchen betrachtet zu werden, die blöden Arbeiten zugeschoben zu bekommen und nicht so richtig für voll genommen zu werden. Nun kommt jemand Neues - und wie automatisch kippt das Bild. Nun ist die/der Neue vom letzten Jahr schon etwas erfahren - und die/der Neue ist froh, in ihm/ihr eine Person zu finden, die die zur Integration in übliche Verhaltensweisen nötigen Tipps gibt. Ständig reproduzieren sich so die Hierarchien zwischen den Personen - und ständig wird so mit der Macht dieser hierarchischen Sortierungen das Alte gegenüber dem Neuen durchgesetzt. So manch einE NeueR wird eigene Ideen nie entwickeln oder schnell vergessen bei der Zurichtung auf das Normale. Diese Zurichtung wird sogar noch als angenehm erlebt, weil sie Unsicherheiten zuschütten kann.

Damit alle Menschen auch tatsächlich gleiche Möglichkeiten haben, bedarf es nicht nur des Verschwindens von Zugangsbarrieren und Privilegien. Sondern es müssen auch praktisch Vorkehrungen getroffen werden, die Barrieren beseitigen. Diese können im mangelnden Wissen um die Existenz oder um die Methode der Nutzung der Ressourcen liegen. Was nützt ein Presseverteiler, der im Prinzip zugänglich in einer Schublade oder auf einer Festplatte liegt, aber die meisten nicht wissen, wo? Hier bedarf es eines bewussten und aktiven Managements von Ressourcenzugang, erklärenden Anleitungen oder Einführungskursen bis zur überlegten Gestaltung von Gebäuden, dass überhaupt alle an jeden Ort gelangen können.
Eine andere Ungleichheit ist versteckter. Die Beteiligten kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in einen sozialen Raum. Ihre Möglichkeiten, sich dort zu entfalten, sind auch durch das bestimmt, was sie außerhalb des Raumes sind und haben. Wer z.B. über ausreichend Reichtum verfügt, kann kooperieren, muss aber nicht, um z.B. Materialien zu beschaffen, Dinge zu organisieren, etwas drucken zu lassen oder was auch immer. Wer dieses Geld nicht hat, ist zur Kooperation mit der ressourcenverfügenden Gruppe gezwungen. Wer den ganzen Abend und auch noch die Nacht Zeit hat, kann anders diskutieren und Debatten zerlabern wie das alleinerziehende Elternteil, das um 21 Uhr wieder zuhause sein muss. Es wäre eine spannende Aufgabe, diese Unterschiede abzubauen. Es gibt kaum eine soziale oder politische Gruppe, die diesen Anspruch überhaupt als ihren begreift.

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Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (S. 10, mehr Auszüge)
Der Begriff der Gleichheit möge nicht in der Bedeutung von Gleichmacherei verstanden werden. Im Gegenteil ist die Forderung der Gleichheit nichts anderes als die Forderung: Gleiches Recht für alle! Das heißt: gleiche Bedingungen für einen jeden, seine Anlagen zu ihren günstigsten Möglichkeiten zu entwickeln. Wirtschaftliche Gleichheit besagt soviel wie Ausschaltung aller aus widrigen Umständen, zumal aus Mangel, erwachsenen Störungen, die die Entfaltung der Individualität in ihrer Verschiedenheit von allen anderen Individualitäten behindern. Gleichheit, als Gleichberechtigung verstanden, unterbindet nicht, sondern ermöglicht erst das Wachstum der Persönlichkeit.

Aus Bakunin, Michail (1866): "Zusammenfassung der Grundideen des Revolutionären Katechismus" (Quelle)
Die ökonomische Gleichheit und soziale Gerechtigkeit sind unmöglich, solange nicht in der Gesellschaft für jedes ins Leben tretende menschliche Wesen vollständige Gleichheit des Ausgangspunkts besteht, gebildet durch Gleichheit der Mittel für Unterhalt, Erziehung und Unterricht und später für Betätigung der verschiedenen Fähigkeiten und Kräfte, welche die Natur in jeden einzelnen gelegt hat. Abschaffung des Erbrechts.

Aus Dahn, Daniela: "Staat ohne Scham", in: Freitag, 16.12.2010 (S. 1)
Anhand von UNO-Statistiken wiesen zwei britische Forscher nach, dass Wohlbefinden nicht davon abhängt, wie viel man besitzt, sondern wie gleichmäßig der Reichtum verteilt ist. Denn Ungleichheit erzeugt Stress, der krankmachende Hormone ausschüttet, führt zu Gewalt, Alkoholkonsum, Konflikten und Zukunftsangst. Zu einer Gesellschaft, in der selbst die Reichen gefährdet sind.

Horizontalität ist etwas anderes als Gleichmacherei oder Gleichheit. Ganz im Gegenteil schafft sie die Voraussetzung von individueller Vielfalt. Denn wenn Menschen aus der Fülle von Möglichkeiten frei wählen oder auch neue schaffen können, ohne dass Erwartungshaltungen, soziale Rollen, Zurichtungen und Verhältnisse, Normen und Diskurse ihnen die Wahl einschränken, kann Differenz zum Ausdruck kommen, weil jede Selbstentfaltung ihre eigenen Wege wählt.

Aus Bookchin, Murray (1981): "Hierarchie und Herrschaft", Karin Kramer Verlag in Berlin (S. 34)
Jedoch können wir uns nicht vor der harten Tatsache drücken, dass dieses System beseitigt und durch eine Gesellschaft ersetzt werden muss, die das Gleichgewicht von Mensch und Natur wieder ins Lot bringt - eine ökologische Gesellschaft; deren erstes Werk müßte es sein, Justitiadie Augenbinde abzunehmen und die Ungleichheit der Gleichen wieder durch die Gleichheit der Ungleichen zu ersetzen.

Ein horizontales Netz verträgt keine Delegation, keine Vertretung, keine allgemeingültigen Beschlüsse und Konsense, denn für diese ist immer eine Gleichmachung und eine Vereinheitlichung der Vielfalt nötig. Die Prozesse dorthin stecken voller informeller Macht, die Ergebnisse produzieren Privilegien und Ungleichheiten (siehe im folgenden Kapitel).

Worauf ist dann noch Verlass?

Die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit

Es entspricht der Natur des Menschen, sich und seine Umwelt zu reflektieren. Er kann daher hinterfragen, planvoll vorgehen, sich selbst organisieren, gezielt Kooperationen eingehen - zusammengefasst: Sich mit eigenen Ideen selbst entfalten. Tut er das, so bemerkt er seine Autonomie, die zwar nicht soweit reicht, dass er völlig losgelöst von natürlichen Grundlagen bzw. gesellschaftlichen Verhältnissen und Beziehungen existiert und leben könnte, aber doch soweit, dass er das eigene Leben steuern kann. Er ist sich selbst Subjekt, nicht nur Getriebener der äußeren Bedingungen und inneren, z.B. genetischen Vorgaben.
Das löst den Menschen aus seiner festen Gebundenheit und gibt ihm Freiheit - nimmt ihm aber gleichzeitig die Geborgenheit des Unfreien. Mit der Möglichkeit der Reflexion entsteht das Bewusstsein, dass nichts sicher, weil veränderbar und nicht vorhersagbar ist. Das kann verängstigen - und mit dieser Angst spielen autoritäre Politiken genauso wie UnterdrückerInnen in konkreten sozialen Beziehungen, wenn sie Angst streuen und sich bzw. ihre Handlungen als Schutz inszenieren. Das treibt den Menschen zurück in eine vormenschliche Konstitution. Emanzipation als Befreiung und Entfaltung des Menschlichen bedeutet hingegen, die Suche nach Möglichkeiten, Scheinsicherheiten und Entmündigung zu überwinden und dabei Selbstbestimmung zu stärken.

Keine Kontrolle, aber was dann?

Der Schrei nach Sicherheit ist trügerisch. Denn er suggeriert, dass es diese geben kann. Doch Leben ist nicht vorausberechenbar. Geschürte Angst und Angebote fremdbestimmender Sicherheit beruhen immer auf Illusionen, hinter denen oft mächtige Interessen stehen. Das Sicherheitsgefühl entsteht durch den unkritischen Glauben an die Versprechungen. Kinder verkriechen sich in die Obhut ihrer Eltern - und müssen erleben, dass, statistisch gesehen, genau von diesen am wahrscheinlichsten Gewalt ausgeht. Menschen vertrauen auf den Schutz durch Polizei und Armee - doch tatsächlich sind diese die gewalttätigsten Teile der Gesellschaft. Menschen hoffen auf Recht und Gesetz - doch dieses greift immer erst, wenn alles zu spät ist, dreht die Opfer gnadenlos durch die Justizmühlen und befriedigt mit Urteil und Strafe nicht die Betroffenen, sondern das autoritäre System selbst.

Sanktionierende Gewalt kann Übergriffe nicht verhindern, sondern nur anschließend bestrafen. Strafe ist aber selbst das Recht auf Gewalt, d.h. die Spirale dreht sich nur weiter. Um horizontale Räume zu schaffen und zu sichern, kommt es daher nicht auf die Sanktion, sondern auf die Herstellung und Sicherung diskriminierungs- und übergriffsfreier Räume an - und auf den Umgang mit Vorgängen, die diesen in Frage stellen. Wenn Übergriffe allerdings Machtentscheidungen nach sich ziehen, zerstören sie doppelt die Idee offener und horizontaler Räume: Einmal durch den Übergriff selbst (der Ängste auslöst und folglich den Raum für Betroffene und auch andere verschließen kann), zum zweiten durch die Sanktion. Das Problem, nämlich das Übergriffsverhalten, wird durch Sanktion selten gelöst, sondern nur verlagert (z.B. an andere Orte). In der Regel steht auch gar nicht das Verhalten, sondern die Person (aggressiv als "TäterIn") bezeichnet, im Mittelpunkt. Das vereinfacht das Vorgefallene, zu dem meist viele Facetten gehören, u.a. das Nicht-Verhalten Anderer vor, während und nach dem Übergriff. Meist besteht auch das Problem, dass Übergriffe keine eindeutigen Definitionen haben können, weil nicht nur die Handlung, sondern auch Motiv und Wille der Beteiligten wichtig sind, diese sich aber einer Messbarkeit entziehen.
Es würde auch keinen Sinn machen, wie bürgerliche Gerichte auf Wahrheitsfindung zu gehen. Definitionsmacht über das Geschehen zu verteilen, ist ebenso nur ein Ausdruck dessen, dass es nicht möglich ist, eine allgemeingültige Geschichte zu schreiben. Darauf kommt es eher gar nicht an, sondern auf die Sicherung, in diesem Fall Wiederherstellung des übergriffsfreien Raumes. Sanktionen gegen Einzelne können Alltagsdiskrimierung sogar verschleiern. Stattdessen sind Prozesse nötig, die Verhalten verändern - und zwar in der Regel aller Beteiligten, insbesondere derer, die bei bisherigen Vorfällen passiv blieben. Denn das Paradies herbeizusehnen, in dem nie eine Person übergriffig wird, ist eine Illusion. Aber einen Raum zu schaffen, in dem Diskriminierung oder schon die Anbahnung von Übergriffen sofort auf Reaktionen stoßen und abgefangen werden - das ist sehr wohl möglich. Es bedarf der Aneignung von Handlungskompetenz durch die Vielen, die sich selbst als AkteurInnen im offenen Raum definieren. Das Wissen um "Zuständige" für Probleme kann das eher verhindern.

Wo Kontrolle wegfällt, ist es die Sache aller Menschen, was geschieht und wo sie sich einmischen, weil sie nicht mehr akzeptieren, was geschieht. Doch wer kann das in einer Welt, in der es immer nur heißt: "Wenn was nicht stimmt - die Polizei"? Zumal mensch nach dem Holen der Polizei merkt, dass das eine richtig dumme Idee war, denn nun verschwindet die/der HeldIn des Alltags als ZeugIn in den menschenfeindlichen Mühlen der Justiz.
Soziale Intervention, vor allem das direkte Eingreifen, will gelernt sein. Es muss überhaupt erstmal klar sein, welche Erscheinungsformen Übergriffe, Belästigungen, Unterwerfungen, Ausgrenzungen usw. haben können. Bei den Reaktionen geht es nicht um den Rauswurf von TäterInnen, sondern um die Durchsetzung eines unterwerfungsfreien Raumes und um eine Kommunikation mit Personen, deren Verhalten andere stört. Einen objektiven Maßstab, wie ihn Strafgerichte, Schiedskommissionen und viele linke Plena definieren, gibt es nicht. Es kommt auch nicht darauf an, ein Urteil über die Vergangenheit zu fällen, sondern die Verbesserung für die Zukunft zu schaffen. Das geschieht in der Praxis, aber auch durch Trainings, Workshops und Seminare, in denen sich die Beteiligten mit den Formen von Unterwerfung und dem Umgang damit auseinandersetzen.

Die Kollision mit der Normalität: Kontrollfreiheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wie auch immer sich emanzipatorische Ideen fortentwickeln und dann hoffentlich zu einem dynamischen Teil gesellschaftlicher Veränderung werden, sie werden noch lange, vielleicht sogar immer, ein gegenkulturelles Projekt bleiben. Denn die Idee ständiger weiterer Befreiung, das Aneignen neuer Möglichkeiten und der Wille, selbst zur/m GestalterIn des eigenen Lebens zu werden, muss als vorantreibende Kraft der Zeit immer etwas voraus sein. Das schafft Probleme, denn gleichzeitig sind die AkteurInnen selbst der Zeit eher hinterher, lag doch ihre soziale Zurichtung in vergangenen Jahren. Aus diesen müssen sie sich im permanenten Prozess selbst befreien, um gleichzeitig nach neuen Möglichkeiten zu suchen und zu streben.

Sichtbar wird das in den experimentellen Räumen, wo erhoffte Zukünfte (aus dem heutigen Blickwinkel entworfen) vorweggenommen und im begrenzten sozialen Rahmen ausprobiert werden. Menschen, die dort auftauchen, stammen von ihrer Zurichtung aus der Vergangenheit und sind den gesellschaftlichen Einflüssen der Gegenwart ausgesetzt, wenn sie etwas Neues probieren wollen. Das führt zu Spannungen und absurden Widersprüchlichkeiten - gut sichtbar z.B. am Verhalten von Menschen in offenen Räumen. Dass dort keinerlei Regeln und Kontrolle herrschen, ist gewollt und utopischer Versuch. Gleichzeitig sind die Menschen, die in ihnen agieren, aber von Vergangenheit und Gegenwart geformt. Sie kennen nur Dinge, die ihnen oder anderen gehören. Sie kümmern sich um Sachen, weil es ihre sind - oder weil ihnen jemand (mit Sanktionsgewalt) aufträgt. In den modernen Überflussfamilien des BildungsbürgerInnentum, aus deren Nachwuchs sich viele anarchistische Szenen heute speisen, war es nicht einmal mehr nötig, sich um den eigenen Kram zu kümmern. Der war auf der Grundlage ausreichender finanzieller Möglichkeiten jederzeit ersetzbar.
Eine solche Vorprägung schafft im offenen Raum erhebliche Probleme. Meist kümmern sich nur wenige Menschen um die reproduktiven Tätigkeiten - vom Putzen bis zu Formalien. Es sind regelmäßig die, die auch schon so sozialisiert wurden oder über lange Zeit in diese Aufgaben hineingewachsen sind. Der große Rest nutzt den Freiraum weitgehend frei von irgendeinem Interesse an Selbstorganisierung. Der materielle Background wird als Selbstverständlichkeit ebenso hingenommen wie das Wirken der Wenigen, die sich kümmern - wie bei Mami und Papi zuhause, wo sich anarchistischer Lifestyle bequem entwickeln konnte, weil er mit keinerlei Zuständigkeit für das eigene Leben verbunden war. Solche "Anarchie" war fremdorganisiert, lief in sicheren Bahnen und vor einem geklärten Hintergrund von Eigentum und Hausrecht.
Offene Räume bilden hierzu einen gegenkulturellen Entwurf - und genau das stellt die Experimente ständig in Frage. Mitunter führt es zu grotesken Situationen. Draußen ist das Eigentum geregelt und der Allgemeinheit weitgehend entzogen. So hat der anarchistische Slogan "Eigentum ist Diebstahl" seine Berechtigung. Im offenen Raum kehrt sich die Logik um. Dort, wo alles für alle zugänglich ist, also im rechtlichen Sinne gar kein Eigentum besteht, lautet der Satz umgekehrt: "Diebstahl ist Eigentum". Denn was Menschen aus einem offenen System entnehmen und nur noch privat nutzen, ist wieder Eigentum. Nämlich ihres. Der Diebstahl aus dem offenen Raum schafft das Eigentum. Dummerweise kommt er massenhaft vor, weil Menschen, die aus den Ordnungssystemen der normalen Welt kommen, in der Regel über keinen eigenen Handlungsimpuls verfügen, mit eigentumslosen Dingen so umzugehen, dass sie für andere nutzbar bleiben. Da helfen auch Che-Guevara-T-Shirts, schwarze Sonnenbrillen und martialische Auftritte auf Demonstrationen nichts: Offene Räume sind ein gegenkulturelles Programm, was in der Realität an den konkreten Menschen scheitert, die es gewohnt sind, auf Regeln und Kontrolle zu reagieren und sich im offenen Raum folglich nicht nur orientierungslos bewegen, sondern zudem diesen ständig selbst gefährden. Der Konflikt darum aber ist ein Teil der gewollten, politischen Intervention.

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Aus David Graeber (2012): "Inside Occupy", Campus in Frankfurt (S. 189)
Wieso sollte nun jemand, der in dem anarchokapitalistischen Utopia als Nachwächter, Krankenschwester oder Bergmann arbeitet, dort bleiben wollen? Die Kapitalisten hätten binnen Wochen keine Arbeiter mehr und sähen sich gezwungen, ihre Anwesen selbst zu bewachen, ihre eigenen Bettpfannen auszuleeren und ihr Bauxit selber abzubauen - es sei denn, sie machen ihren Arbeitern ein Angebot, das dem der sozialistischen Utopie entspricht.
Aus diesem und eienr ganzen Reihe anderer Gründe bin ich mir ziemlich sicher, dass in der Proxis jeder Versuch, eine Marktwirtschaft ohne Militär, Poliziei und Gefängnisse aufzubauen, in kürzester Zeit nichts mehr mit dem Kapitalismus gemein hätte. Im Gegenteil, ich vermute stark, dass er überhaupt nichts mehr mit dem gemein hätte, was wir jetzt unter Markt verstehen.

Anwendungsfelder

Offene Häuser, Flächen, gebauter Räume

In der „Norm“alität sind alle Räume eingeschränkt – Eigentumsrecht, Wertlogiken, Normen usw. dominieren. Da diese über alle Köpfe und, wo das nicht reicht, auch über institutionelle Herrschaft weiterwirken, wird es kaum gelingen, das ganz Richtige im Falschen zu schaffen. Der Versuch aber ist das politisch Spannende, denn die Reibung, die durch Versuch, Erfolg und Scheitern entsteht, bietet Ansatzpunkte für öffentlichen Streit. Er demaskiert Herrschaft und kann Gelegenheiten schaffen, eigene Strategien weiterzuentwickeln (was allerdings für die Strategien der Herrschenden auch gilt). Insofern wird es eine der wichtigsten Aktivitäten sein, den herrschaftsdurchzogenen Prinzipien der bestehenden Gesellschaft quadratmeterweise den Einfluß zu entziehen und herrschaftsfreie Verhältnisse zu schaffen. Der Begriff „Raum“ steht dabei für einen sozialen Raum, d.h. einen mehr oder weniger abgrenzbaren Bereich gesellschaftlichen Lebens. Das kann ein materieller Raum, also ein Haus, ein Zimmer, eine Werkstatt, ein Wagen, ein Platz, eine Straße, eine Bibliothek, ein Veranstaltungsort oder etwas ähnliches sein, aber auch ein sozialer Zusammenhang, z.B. eine Mailingliste, eine Gruppe, ein Wohnprojekt, jede Veranstaltung, ein Produktionszusammenhang oder eine Verleih-/NutzerInnengemeinschaft. Hier gleiche Möglichkeiten für alle zu schaffen, die Ressourcen aktiv für alle zugänglich zu machen, Normen, Gesetze und kollektive Entscheidungen, ja kollektive Identität überhaupt zu überwinden, ist wichtig. Der Versuch wird auch immer wieder auf den Widerstand derer treffen, die sich beteiligen und – bewusst oder unbewusst – im Versuch des Anderen das Übliche durchsetzen wollen. Die Realität in politischen Gruppen, alternativen Projekten usw. zeigt das. Die Idee „offener Räume“ muss daher immer ein offensiver Prozess sein. Wer, wenn Neues entsteht, nach dem Motto verfährt: „Erstmal gucken und dann, wenn´s schief geht, kann mensch ja immer noch einschreiten“, verkennt die Brutalität von Normierung und Interessen. Offene Räume müssen aktiv hergestellt und immer aktiv auch aufrechterhalten werden. Sonst geht es ihnen wie der Bewegung der Sozialforen, an deren Beginn die Idee eines offenen Raumes stand (siehe Charta des Weltsozialforums in Porto Alegre, Abschnitt 6). Die formal damals festgelegte Offenheit müsste auch heute noch gelten – doch sie ist sehr schnell in Vergessenheit geraten. Von Beginn an dominierten die, die eine „Wir“-Kollektivität verbal erschaffen, für die dann sprechen, die dafür nötige Infrastruktur (Pressekonferenzen, Führungsräume usw.) gegen die eigene Basis absperren und immer in gleichen personellen Konstellationen das Geschehen managen (siehe www.projektwerkstatt.de/sozialforum).

Kommunikationsanbahnung und -räume

Bezogen auf die gesamte Gesellschaft oder größere Subräume (z.B. Dörfer, Städte oder Regionen) können die Orte des Informationsaustausches auch gesondert und gezielt geschaffen werden. Was innerhalb der sonstigen offenen Räume immer als Teil des Ganzen Sinn macht, kann als Beitrag zur gesellschaftlichen Praxis auch eigenständig entstehen. So wie es heute Schulen und Rathäuser oder, teilweise dem Prinzip des offenen Raumes ähnelt, öffentliche Büchereien gibt, so könnten in einer herrschaftsfreien Gesellschaft Tummelplätze des Informationsaustausches entstehen - als öffentliche Plätze, Gebäude, Begegnungsstätten, Cafés oder virtueller Raum. Da Kommunikation ein komplexer und kreativer Vorgang ist, werden die Plätze direkter Begegnung eine besondere Rolle einnehmen. Methoden des Miteinander-ins-Gespräch-Kommens können Austausch und Kooperation anbahnen (z.B. Open Space). Pinnbretter, Wandzeitungen, Mitmachmagazine auf Papier oder in Funk und Fernsehen schaffen Transparenz und regen an. In entlegeneren Gebieten können Infomobile die Informationen zeitweise bereitstellen. Der öffentliche Nahverkehr, Restaurants und Cafés, öffentliche Toiletten und mehr können geschickt eingebunden sein. Die Information kommt zum Menschen.

Bildung, Wissen, Lernen

Angebunden an Treffpunkte zur Kommunikation und Kooperationsanbahnung können Lernorte entstehen, wo Menschen ihr Wissen weitergeben und sich Andere Wissen und Fähigkeiten aneignen können. Das heutige Bildungssysteme setzt Menschen auf bestimmte Gleise. Es ist vorgegeben, wer zu welcher Lebenszeit was zu lernen hat. Zwar ist - mit erheblichen Einschränkungen je nach sozialer Herkunft - die Wahl z.B. zwischen verschiedenen Studiengängen möglich, aber die Art der Ausbildung unterscheidet sich nur in den gelernten Inhalten, nicht vom System des Lernens.
Die Alternative wäre ein organisierter Prozesss des Lehren und Lernens nach Lust und Bedürfnissen, d.h. Zeitpunkt, Thema und Vermittlungsform sind Sache der Menschen selbst. Damit es möglichst einfach ist, an Wissen zu gelangen, sollte das niedergeschriebene Wissen gut zugänglich sein, zudem sollten Orte oder Mechanismen geschaffen werden, durch die Menschen leicht an Wissen gelangen bzw. ihr Wissen weitergeben können. Das würde Schulen und Universitäten ersetzen. Denkbar sind weiterhin besondere Lernorte, vorrangig aber die Verlagerung des Lernen und Lehrens in alle Bereiche der Gesellschaft, in Häuser, Werkstätten und draußen in die Landschaft.

Eine Methode, wie sich Lernwillige und Ausbildende finden, könnte das Open Space sein.

Im Original: Zugang zu Wissen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München (S. 100)
Um die Freiheits- und Innovationsvorteile zu erschließen, die eine vernetzte Informationsökonomie ermöglicht, müssen wir parallel zur proprietären Infrastruktur eine gemeinsame Basisinfrastruktur aufbauen. Diese Infrastruktur wird sich von der physikalischen Ebene auf ihre logistischen und inhaltlichen Ebenen erstrecken. Sie muss so ausgeweitet werden, dass jedes Individuum über ein Cluster an Ressourcen verfügt, die es diesem Individuum ermöglichen, Informationen, Wissen und Kultur zu produzieren und mit jedem beliebigem anderen Individuum zu kommunizieren. Nicht alle Einrichtungen zur Kommunikation und Informationsproduktion müssen offen sein. Aber es muss auf jeder Ebene einen bestimmten Anteil geben, den jeder benutzen kann, ohne irgendjemanden um Erlaubnis bitten müssen. Dies ist notwendig, damit jeder Person oder Gruppe jederzeit irgendeine Möglichkeit offen steht, das zu artikulieren, zu kodieren und zu übertragen, was er oder sie zu kommunizieren wünschen - völlig unabhängig davon, wie randständig oder nicht kommerzialisierbar das auch sein mag.
Konfliktaustragungsorte

Kommunikation und Kooperationsversuch werden auch die Grenzen dessen zeigen, was konfliktfrei neben-, nach- oder miteinander funktioniert. Wo Meinungsverschiedenheiten entstehen, muss Platz geschaffen werden, den Streit auszutragen. Weder eine streitabwürgende und in der Regel eine Seite unterwerfende Abstimmung noch die Harmonisierung des Konfliktes können aus dem Widerspruch die Weiterentwicklung herausholen. Dazu braucht es einer Streitkultur, die die Meinungen offenlegt und in einen Austausch miteinander bringt - nicht zum Zwecke der Mehrheitsfindung wie in Abstimmungsprozessen, sondern ohne Vorgabe, als offener Schlagabtausch, in dem aber genau deshalb angstfrei kreative Handlungsmöglichkeiten ausgelotet werden können.
Während in einzelnen Räumen solche Methoden als Möglichkeit vorhanden und bekannt gemacht werden sollten (z.B. Fish Bowl), kann es in größeren gesellschaftlichen Subräumen besondere Streitstrukturen geben - Orte und Möglichkeiten, sich auseinanderzusetzen.

Offene Werkstätten

Für vieles im Leben brauchen Menschen Werkzeuge - aber selten brauchen sie es ständig. Solange Werkzeuge Privateigentum sind, herrschen enorme Reichtumsunterschiede, aber alle haben weniger als der Gesamtbestand. Um gleiche und für alle mehr Möglichkeiten zu schaffen, sollten die Produktionsmittel für den Alltagsgebrauch öffentlich zugänglich sein: Fahrradwerkstätten, Schneidereien, Holzbearbeitung und vieles mehr als öffentliche Räume. Egoismus und Gemeinnutz verbinden sich hier, denn der Raum ist für jedeN so gut nutzbar, wie die Menschen ihn organisieren.

Das Gesamte: Eine Welt, in der viele Welten Platz haben ...

Das Ergebnis ist eine Vielfalt mit intensiv entwickelter Binnenstruktur. Die Subräume sind sowohl eigenständig wie auch vielfach vernetzt. Der Aufbau dieser Vernetzungsstränge ist eine wichtige Aufgabe. Da sie allen Beteiligten nützen, stammt der Antrieb, die aufrechtzuerhalten, von diesen selbst.
Offene Räume sind keine Masse, sondern sie kultivieren geradezu innere Differenz. Dabei sie kennen - das ist für offene Räume und ihre Herrschaftsfreiheit wichtig - keine Vereinnahmung und Außenvertretung, benötigen also auch keine einheitliche Meinung. Sie brauchen nicht einmal einen Namen, geschweige denn ein "Wir"-Gefühl oder eine kollektive Identität. Sie sind einfach da - und hoffentlich immer weiterentwickelt aus dem Kreis der NutzerInnen, die selbst NutznießerInnen ihrer Weiterentwicklungen wären.

Im Original: Multitude als Gesamheit in Vielfalt ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt
Die Teile der Multitude müssen weder alle gleich werden noch ihre Kreativität verleugnen, um miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren. Sie bleiben verschieden, was Ethnie, Geschlecht, Sexualität und so weiter angeht. Es geht darum zu verstehen, welche kollektive Intelligenz aus der Kommunikation und Kooperation einer solchen bunten Vielfalt entstehen kann. ... (S. 111)
Die Multitude produziert nicht nur Güter und Dienstleistungen; sie produziert auch und vor allem Kooperation, Kommunikation, Lebensformen und soziale Beziehungen. Anders ausgedrückt: Die ökonomische Produktion der Multitude ist nicht nur Modell für die politische Entscheidungsfindung, sondern sie wird immer mehr selbst zur politischen Entscheidungsfindung.
Vielleicht lässt sich die Entscheidungsfindung der Multitude als Ausdrucksform begreifen. Denn die Multitude ist in gewisser Weise ähnlich wie eine Sprache organisiert. Sämtliche Elemente einer Sprache sind durch ihre Unterschiede zueinander definiert und funktionieren dennoch als Ganzes. Eine Sprache ist ein flexibles Netz von Bedeutungen, die sich gemäß den akzeptierten Regeln in unendlich vielen verschiedenen Varianten miteinander kombinieren lassen. Ein spezifischer Ausdruck ist somit nicht nur eine Kombination sprachlicher Elemente, sondern er produziert auch reale Bedeutungen: Der Ausdruck gibt einem Ereignis einen Namen. Und so wie aus der Sprache ein Ausdruck entsteht, so entsteht aus der Multitude heraus eine Entscheidung, als würde man dem Ganzen eine Bedeutung und dem Ereignis einen Namen geben. Für den sprachlichen Ausdruck bedarf es jedoch eines separaten Subjekts, das die Sprache zum Zwecke des Ausdrucks verwendet. Hier stößt unsere Analogie an Grenzen, denn anders als die Sprache ist die Multitude selbst ein aktives Subjekt - also eine Art Sprache, die sich selbst ausdrücken kann.
Die Fähigkeit der Multitude zur Entscheidungsfindung ließe sich auch in Analogie zur gemeinschaftlichen Entwicklung von Computersoftware und zu den Innovationen der »Open Source«-Bewegung begreifen. Traditionelle, als Eigentum gesetzlich geschützte Software macht es den Nutzern unmöglich, den Quelleode zu erkennen, der anzeigt, wie ein Programm funktioniert.
... (S. 373)
Die Demokratie der Multitude lässt sich somit auch als eine Art »Open Source«-Gesellschaft verstehen, als eine Gesellschaft, deren Quellcode sichtbar ist, sodass wir alle gemeinsam daran arbeiten können, seine »bugs« zu beseitigen und neue, bessere soziale »Programme« zu entwickeln. ...
Für die Multitude jedoch gibt es keine prinzipielle Verpflichtung gegenüber der Macht. Im Gegenteil, für die Multitude sind das Recht auf Ungehorsam und das Recht auf Abweichung grundlegend. Die Verfassung der Multitude beruht auf der ständigen legitimen Möglichkeit des Ungehorsams. ...
Die Herausbildung der Multitude, ihre Innovation mittels Netzwerken und ihre Fähigkeit, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, machen Demokratie heute zum ersten Mal möglich. Politische Souveränität und die Herrschaft des einen, die jede wirkliche Vorstellung von Demokratie bislang stets unterhöhlt haben, erscheinen heute nicht mehr nur als entbehrlich, sondern als absolut unmöglich. Wenngleich die Souveränität auf dem Mythos von dem einen gründete, hat es sich bei ihr schon immer um eine Wechselbeziehung gehandelt, die auf der Zustimmung und dem Gehorsam der Beherrschten beruhte. Da sich nun aber das Gleichgewicht in dieser Beziehung zugunsten der Beherrschten verschoben hat, die die Fähigkeit erlangt haben, soziale Beziehungen autonom zu schaffen, und als Multitude hervorgetreten sind, wird der einheitliche Souverän umso überflüssiger. Die Autonomie der Multitude und ihre Fähigkeit zur ökonomischen, politischen und sozialen Selbstorganisation nehmen der Souveränität jegliche Funktion. Die Souveränität ist nicht mehr ausschließliches Terrain des Politischen, mehr noch: die Multitude verbannt die Souveränität sogar aus der Politik. Wenn die Multitude endlich in der Lage sein wird, sich selbst zu regieren, dann wird Demokratie möglich.
... (S. 374)

Aus Gruppe Gegenbilder (2006), "Autonomie und Kooperation" (S. 107 f.)
Horizontalität stellt die in einer Netzwerkgesellschaft entscheidende Machtfrage: Die Frage der Codes und Diskurse, sprich der Spielregeln. Interessant dabei ist, dass vor allem die Herausnahme von Spielregeln, d.h. der organisierten Form von Privilegien durch bevorzugten Zugang zu Schaltstellen, Informationsflüssen und Ressourcen der Horizontalität hilft. Herrschaft wird aus einer netzwerkartigen Gesellschaft herausgenommen, wenn Normierungen, Eigentum, Zugangskontrolle, Patente und mehr verschwinden und so niemand mehr privilegiert auf gesellschaftliche Ressourcen zugreifen oder andere von diesen ausgrenzen kann. Horizontalität ist die „Regel der Nicht-Verregelung“ von Zugängen − im optimalen Fall mit der durchdachten Förderung des gleichberechtigten Zuganges, damit auch tatsächlich alle Menschen die Möglichkeit haben, vorhandene Ressourcen, bestehendes Wissen und funktionierende Schaltstellen zu nutzen. Antrieb dazu ist die im Grundgedanken von Autonomie und Kooperation formulierte Erwartung, dass bei fehlender Möglichkeit der machtförmigen Abschottung eigenen Wissens und eigener materieller Ressourcen vor anderen Menschen kein Interesse mehr daran besteht, Menschen in ihrer Selbstentfaltung und damit auch an der intensiven Nutzung aller gesellschaftlichen Möglichkeiten einzuschränken, weil jede Einschränkung in ihren Folgen z.B. fehlender neuer Ideen, Techniken und Ressourcen notwendigerweise auch die trifft, die diese Einschränkungen schaffen.

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