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Geschichte der Produktivkraft
und die ökonomische Unterdrückung des Menschen

Was ist das? ++ Geschichte ++ Vergesellschaftung ++ Weitere ++ Links

Der folgende Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Produktivkraft: Tätigkeit als Gestaltung von Umwelt und Gesellschaft

Menschen finden - im Unterschied zu Tieren - ihre Lebensbedingungen nicht einfach vor, sondern sie stellen sie aktiv gesellschaftlich her. Tiere verändern zwar auch ihre Umwelt, z.B. der Biber, dies jedoch nicht im Sinne einer gesellschaftlichen Herstellung. Denn diese geschieht durch Stoffwechsel mit der Natur unter Verwendung von Arbeitsmitteln. Sie ist kumulativ, d.h. hergestellte Dinge, Wissen, Erfahrung und Kultur werden historisch angesammelt. Wie der Zusammenhang von Mensch, Natur und Mitteln, die der Mensch zur Naturbearbeitung einsetzt, historisch jeweils beschaffen ist, fasst der Begriff der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, oder kurz: Produktivkraftentwicklung. Schematisch können wir den Begriff der Produktivkraftentwicklung als Verhältnis von Mensch, Natur und Mitteln so darstellen:

Den aktiven Stoffwechsel des Menschen mit der Natur unter Verwendung von Mitteln nennen wir “Arbeit”. Damit umfasst der Begriff der Produktivkraftentwicklung auch die historische Veränderung der Arbeit, ist aber nicht mit dieser identisch. Dies wird deutlich, wenn man sich die drei Dimensionen des Begriffs der Produktivkraftentwicklung ansieht:

Im Original: Definitionen zur Produktivkraft ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wikipedia zur Produktivkraft
Der Begriff Produktivkräfte entstammt der marxistischen Wirtschaftstheorie und umfasst alle natürlichen, technischen, organisatorischen und geistig-wissenschaftlichen Ressourcen, die einer Gesellschaft in ihrer jeweiligen Produktionsweise und den darin verankerten Produktionsverhältnissen zur Reproduktion und gegebenenfalls zur Steigerung des Bruttosozialprodukts zur Verfügung stehen. Aus der klassischen Nationalökonomie - dem Vorläufer der modernen Volkswirtschaftslehre - ist der sehr viel enger gefasste und deshalb nicht als Synonym zu verstehende Begriff „Produktionsfaktoren“ geläufig.
Die wichtigsten Produktivkräfte einer Gesellschaft sind gut ausgebildete und motivierte Menschen, die entsprechend ihrer Qualifikation und Fertigkeiten zweckmäßige Arbeit leisten und daraus ein leistungsförderndes, sozial ausgewogenes Arbeitseinkommen und soziale Anerkennung ziehen. ...
Produktionsmittel bzw. Arbeitsmittel sind Bestandteil der Produktivkräfte. Sie sind im übertragenen Sinn Kondensatoren, die Arbeitsleistungen und sonstige im Produktionsprozess verwertbare Potentiale bis zu ihrem Gebrauch speichern. Der arbeitende Mensch, der im Produktionsprozess als primäre Kraft wirkt, setzt die in den Arbeitsmitteln verfügbaren Potentiale und gespeicherten Leistungen frei, d. h. deren produktive Kräfte.
Auch Rohstoffe und Software sind Bestandteil der Produktivkräfte, soweit sie als solche erkannt bzw. entwickelt wurden und zur Nutzung bereit stehen.

Oft wird die Produktivkraft der Arbeit mit Produktivität der Arbeit verwechselt. Damit werden jedoch die qualitativen Aspekte des Inhalts und der Form der Arbeit in ihren historischen Entwicklungen ausgeblendet. Überbetont würde die Produktivkraft, wenn sie zur einzigen oder zentralen Antriebsquelle gesellschaftlicher Entwicklung gemacht würde. Das negiert soziale Prozesse und Motive zum Handeln, die jenseits des ewigen Schaffens liegen, oder reduziert alles Geschehen auf das Erstellen greifbarer Ergebnisse. Dichtung und Buchstabenkolonnen per Zufallsgenerator, Bildhauerei und Fertighausbau, Diskurs und Gesetz wird dann kaum noch unterscheidbar sein - ganz zu schweigen von allem, was mit zwischenmenschlichen Beziehungen, Verständigung, Entspannung usw. zu tun hat. Vielfach wird Produktivkraft daher auf den Bereich der Arbeit bezogen. Auch wenn der Begriff von Arbeit nicht nur im engen Sinne der Erwerbsarbeit gemeint ist und Produktivität die Herstellung aller Lebensbedingungen umfasst, bleibt sie damit immer noch nur ein Teil, wenn auch ein gewichtiger, all dessen, was gesellschaftliche Entwicklung antreibt und Gesellschaft formt.

Im Original: Produktivkraft und Arbeit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wikipedia zur Produktivkraft der Arbeit
Die Produktivkraft der Arbeit wird von Karl Marx in seiner Kritik der politischen Ökonomie als maßgebende primäre Kraft unter allen Produktivkräften bestimmt und folgendermaßen beschrieben: "Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderem durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel, und durch Naturverhältnisse" (Marx, Das Kapital I, in: MEW Bd. 23, 1986, S. 54). ...
Produktivkraft ist der Wirkungsgrad der konkreten Arbeit. [ Marx unterscheidet konkrete und abstrakte Arbeit, wobei zum Verständnis des Begriffes Produktivkraft die "abstrakte" Arbeit noch nicht unbedingt verstanden sein muss]. Konkrete Arbeit ist die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, um sie seinen Bedürfnissen gemäß umzuwandeln. Produktivkraft bemisst sich daher in Ausdrücken wie: Wie viele Stühle, Brote, Flugzeuge etc.etc je Zeiteinheit vermag die Arbeit hervorzubringen.


Aus Meretz, Stefan: "Linux - Software-Guerilla oder mehr? Die Linux-Story als Beispiel für eine gesellschaftliche Alternative"
"Menschen arbeiten, um die Mittel für ihr Leben zu schaffen. Diese Arbeit ist unterschiedlich wirkungsvoll. Der Begriff der Produktivität ist ein Maß für die Menge der hergestellten Güter pro Zeiteinheit. Damit ist jedoch nur die Quantität erfaßt. Produktivitätsvergleiche machen eng gefaßt nur Sinn, wenn es um ein und dasselbe Produkt geht. Ich kann nicht Fabrikarbeiter und Bauer vergleichen. Ich brauche also einen Begriff für Inhalt und Art der Arbeit. Dieser Begriff ist der der Produktivkraft der Arbeit wie ihn Karl Marx im "Kapital" (1976, S. 54) und anderen Schriften verwendet. Mit diesem Begriff lassen sich verschiedene Aspekte der Arbeit erfassen:
- WAS - Inhalt der Arbeit: Art der Produkte und Mittel zu ihrer Herstellung;
- WIE - Art der Arbeit: Arbeitsorganisation;
- WIEVIEL - Produktivität der Arbeit: die je Zeiteinheit herstellte Produktmenge.
Die Produktivkraft der Arbeit umfaßt also sowohl die quantitativen wie qualitativen Aspekte der Arbeit. ...
Kurz gesagt: Man versteht wie etwas ist, wenn man versteht wie es geworden ist. Geschichte ist so nicht nur eine Sammlung historischer Fakten - einzelnen "Bäumen"-, sondern wird als Erklärung für das heute Beobachtbare der Schlüssel zu Verstehen des Ganzen - der "Wald" wird sichtbar. Um das Ganze, den "Wald", verstehen zu können, ist es erforderlich, die Dynamik der Entwicklung in dieser Geschichte zu verstehen. Dafür braucht man einen analytischen Begriff, sozusagen die Brille, mit der ich auf die Geschichte gucke. Ohne einen solchen Begriff sehe ich "nichts" - oder "alles", was auf das Gleiche rausläuft. Mein Begriff für Linux ist der der Produktivkraftentwicklung.


Marx, K., Über Friedrich Lists Buch "Das nationale System der politischen Ökonomie", in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 14, Heft 3, 1972 (S.425-446, Quelle)
Wenn deine Geistlosigkeit produktiver ist als deine reiche Geistestätigkeit, so ist deine Geistlosigkeit eine produktive Kraft etc. etc. Wenn ein monotones Geschäft dich fähiger für dasselbe Geschäft macht, so ist die Monotonie eine produktive Kraft. (S. 440)
Wenn ich den Menschen als "Tauschwert" bezeichne, so liegt schon im Ausdruck, dass die gesellschaftlichen Zustände ihn in eine "Sache" verwandelt haben. Behandle ich ihn (als) "Produktivkraft", so setze ich an die Stelle des wirklichen Subjekts ein andres Subjekt, ich schiebe ihm eine andre Person unter, er existiert nur mehr als Ursache des Reichtums. Die ganze menschliche Gesellschaft wird nur zur Maschine, um Reichtum zu schaffen. (S. 441)
Einen Aufschluß über das Wesen der heutigen "Produktivkräfte" erhalten wir schon dadurch, dass in dem heutigen Zustand die Produktivkraft nicht nur darin besteht, etwa die Arbeit des Menschen wirksamer oder die Naturkräfte und sozialen Kräfte erfolgreicher zu machen, sie besteht ebensosehr darin, die Arbeit wohlfeiler und unproduktiver zu machen. Die Produktivkraft ist also von vornherein durch den Tauschwert bestimmt.

Die Entfaltung der Produktivkraft als kreative Quelle der Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes ist ein bedeutender Faktor in der sozialen Evolution. Allerdings ist sie kein Motiv, d.h. sie erklärt sich selbst nicht. Produktiver zu sein ist ein Ansporn, der aus Wünschen, Bedürfnissen usw. gespeist wird. Der Impuls, die Produktivkraft zu steigern, muss daher selbst noch Ursachen haben - so wie andersherum auch der Wille, Herrschaftsverhältnisse zu schaffen, zu sichern oder auszubauen.

Was treibt die Menschen an?

Die gesellschaftlichen Kräfte als Folge abstrakter Einflüsse darzustellen, ist die eine Seite. Bezogen auf den einzelnen Menschen kann es weitere Motive geben, tätig zu sein oder die Möglichkeiten des Tätigseins zu verbessern, also die Produktivkraft weiterzuentwickeln. Die ständige Verwertung von Wert ist ein übergeordneter Handlungsimpuls, der aber einerseits bis in die kleinsten Fugen der Gesellschaft eindringt, andererseits auch als verbindender Zusammenhang in der Gesellschaft ungefragt die Tätigkeiten der Einzelnen aufsaugt und seinen Gesetzmäßigkeiten unterwirft, d.h. einer Verwertung zuführt. Diese zentrale Kraft verdeckt andere Handlungsimpulse, die Menschen zu Produktivität antreiben könnten: Lust an der Tätigkeit oder der Entwicklung von neuen Möglichkeiten, Neugier und Kreativität als spezielle Form des Denkens, das ausbricht aus Wiederholungen und nach eigenartigem Selbstgeschaffenen strebt. Dem menschlichen Körper, zu dem auch Gehirn und Nervensystem sowie auf dieser Basis das Denken gehören, ist der Drang nach Fortentwicklung eigen - im günstigsten Fall als Entfaltung der Möglichkeiten, die in ihm schlummern oder neu entstehen können. Die Welt ist ein dauernder Strom der Fortentwicklung - und Körper plus Kultur des Menschen sind dafür ein typisches Beispiel. Wer wach ist im Kopf, will weiterkommen, sich entwickeln, sich entfalten.

Wichtigste Energiequelle ist der Egoismus, der Willen des Menschen zu einem besseren Leben. Die kapitalistische Maschine nutzt diesen Antrieb und bietet den Menschen ein Auskommen, wenn sie sich ihm verkaufen. Das wirkt funktional und der Wille zum Überleben, ein Teil des Egoismus, führt zur Unterwerfung.
Egoismus könnte aber auch ganz anders wirken, nämlich als unmittelbarer Antrieb zum besseren Leben. Handlungsmöglichkeiten ausbauen, Ressourcen organisieren, Wissen und Ideen verbreiten - all das trägt zu einem eigenen besseren Leben bei. Je nachdem, wie sich Gesellschaft organisiert, nutzt das auch allen Anderen. In den Texten zur Theorie der Herrschaftsfreiheit wird zum Menschen selbst, zu seinen Entfaltungsmöglichkeiten und zur Frage der Kooperation mit anderen mehr zu lesen sein.

Geschichtliche Entwicklung der Produktivkraft

Produktivkraftentwicklung umfasst das Dreiecksverhältnis des arbeitenden Menschen, der unter Verwendung von Mitteln (z.B. Werkzeuge) Stoffwechsel mit der Natur betreibt und auf diese Weise sein Leben produziert. In der Geschichtsschreibung, die kontinuierliche Prozesse wie ein Zeitraffer darstellt, scheint sich die Produktivkraftentwicklung mit ihren drei Dimensionen nicht kontinuierlich zu verändern, sondern in qualitativen Sprüngen. Im Schnelldurchlauf durch die Geschichte sollen diese Sprünge nun nachgezeichnet werden und in drei große Epochen eingeteilt werden. In jeder dieser Epochen steht ein Aspekt des Dreiecksverhältnisses von Mensch, Natur und Mitteln im Brennpunkt der Entwicklung. In den agrarischen Gesellschaften wurde die Produktivkraftentwicklung vor allem hinsichtlich des Naturaspekts entfaltet, in den Industriegesellschaften steht die Revolutionierung des Mittels im Zentrum, und was mit dem Menschen als dem dritten Aspekt passiert, ist die spannende Frage, auf die wir weiter unten eingehen werden.

Die “Natur-Epoche”: Entfaltung des Naturaspekts der Produktivkraftentwicklung

Alle Gesellschaften bis zum Kapitalismus waren von ihrer Grundstruktur her agrarische Gesellschaften. Ob matrilineare Gartenbaugesellschaft, patriarchalische Ausbeutergesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft oder Feudalismus - in allen Gesellschaften stand die Bodenbewirtschaftung in der Landwirtschaft und bei der Gewinnung von Brenn- und Rohstoffen unter Nutzung von einfachen Mitteln sowie menschlicher und tierischer Antriebskraft im Mittelpunkt der Anstrengungen. Mit Hilfe der hergestellter Arbeitsmittel - vom Grabstock bis zum Pflug und zur Bergbautechnik - holten die Menschen immer mehr aus dem Boden heraus, während die Art und Weise der Weiterverarbeitung der Bodenprodukte bis zum Nutzer relativ konstant blieb. Die eigenständige Fortentwicklung der Arbeitsmittel und Werkzeuge war durch Zünfte und andere Beschränkungen begrenzt.
Qualitative Veränderungen innerhalb der “Natur-Epoche” zeigen sich vor allen bei der Form der Arbeit. Die landwirtschaftlichen Produzenten im Feudalismus waren mehrheitlich Leibeigene ihrer Feudalherren, im Unterschied zu Sklaven also kein vollständiger personaler Besitz. Trotz Abgabenzwang, Frondiensten und umfangreichen Einschränkungen persönlicher Selbstbestimmung war der relative Spielraum der Fronbauern zur Entfaltung der Produktivkraft der Arbeit größer als bei den Sklaven, die - da personaler Besitz - gänzlich kein Interesse an der Verbesserung der Produktion hatten. Der Natur angepasste Fruchtfolgen und die Mehrfelderwirtschaft waren wichtige Errungenschaften in dieser Zeit. Aufgrund des höheren Mehrprodukts konnten sich Handwerk und Gewerbe, die von der Bodenbewirtschaftung mitversorgt werden mussten, rasch entwickeln.

Im Original: Wie entwickelt sich Entwicklung? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 18)
Diese Frage ist nicht nur wichtig, um die Vergangenheit zu verstehen, sondern auch, um selbst in den Lauf der Geschichte eingreifen zu können. Wer versteht, wie Entwicklung “funktioniert”, kann die Hebel zielgerichtet ansetzen.
Keimformen des Neuen entwickeln sich immer schon im Alten. Sie werden stärker, werden zu einer nicht mehr zu übersehenden Funktion im noch alten System, übernehmen dann die bestimmende Rolle und transformieren schließlich das alte Gesamtsystem in ein Neues, in dem sich alles nun nach der neuen dominanten Funktion ausrichtet. Dieser beschriebene Prozeßablauf ist typisch für dialektische Entwicklungsprozesse. In allgemeiner Form kann man fünf Stufen für qualitative Entwicklungssprünge so beschreiben (Holzkamp 1983):
Stufe1: Entstehen der neuen Keimformen, die sich später entfalten
Stufe 2: Veränderung der Rahmenbedingungen des alten dominanten Gesamtprozesses (“Krisen”)
Stufe 3: Funktionswechsel vorher unbedeutender Keimformen zur wichtigen Entwicklungsdimension neben der noch den Gesamtprozeß bestimmenden Funktion (erster Qualitätssprung)
Stufe 4: Dominanzwechsel der neuen Entwicklungsdimension zur den Gesamtprozess bestimmenden Funktion (zweiter Qualitätssprung)
Stufe 5: Umstrukturierung des Gesamtprozesses auf die Erfordernisse der neuen bestimmenden Entwicklungsdimension
Da die fünf Stufen bzw. Schritte hier allgemein beschrieben sind, klingen sie naturgemäß etwas abstrakt. Anschaulicher wird die Fünfschrittlogik, wenn man reale Entwicklungsprozesse danach befragt. Wir wenden sie im Folgenden auf die Abfolge der Epochen der Produktivkraftentwicklung an.
Die “Mittel-Epoche”: Entfaltung des Mittelaspekts der Produktivkraftentwicklung

Die agrarische Produktion bestimmte zwar die gesellschaftliche Struktur, dennoch gab es in den Städten Lebens- und Produktionsformen, die dem unmittelbaren feudalen Zugriff entzogen waren: “Stadtluft macht frei” - der Keim der Neuerung war gelegt. Die Städte wurden im Laufe der Zeit immer wichtiger für die steigenden repräsentativen und militärischen Bedürfnisse der herrschenden Feudalklasse, d.h. die Rahmenbedingungen veränderten sich. Ausgehend von gesicherten bürgerlichen Zonen inmitten des Feudalismus, den Städten, entfalteten Handwerker und vor allem Kaufleute ihre ökonomischen Aktivitäten. Der Einsatz geraubten und erhandelten Kapitals der Kaufleute sowie die Entwicklung von kombinierten Einzelarbeiten der Handwerker in der Manufaktur zum “kombinierten Gesamtarbeiter” (Marx 1976/1890, 359) in der Fabrik ermöglichten eine Übernahme der ökonomischen Basis durch die neue bürgerliche Klasse. Mit der Manufakturperiode, auch als Frühkapitalismus bezeichnet, begann die Umstrukturierung des alten feudalen zum neuen bürgerlichen ökonomischen System, das sich schließlich durchsetzte. Die industrielle Revolution sorgte endgültig dafür, dass der umgreifende gesamtgesellschaftliche Prozess nach den Maßgaben der kapitalistischen Wertverwertung ausgerichtet wurde. Die industrielle Metropole dominierte die Peripherie, wurde allerdings wiederum von den nachfolgenden Veränderungsprozessen, die auf dem erreichten Niveau ansetzten, erfasst (z.B. der Bildung von Nationalstaaten, wo diese sich noch nicht gefestigt hatten oder später dem aufkommenden Dienstleistungssektor).

Die “Menschen-Epoche”: Entfaltung des Menschen an und für sich

Nach agrarischer und industriell-technischer Produktivkraftentwicklung bleibt eine Dimension im Verhältnis von Mensch, Natur und Mitteln, die noch nicht Hauptgegenstand der Entfaltung war, und das ist der Mensch selbst. Doch der Mensch ist definitionsgemäß bereits “Hauptproduktivkraft”. Soll er sich nun “selbst entfalten” wie er die Nutzung von Natur und Technik entfaltet hat? Ja, genau das! Bisher richtete der Mensch seine Anstrengungen auf Natur und Mittel außerhalb seiner selbst und übersah dabei, dass in seiner gesellschaftlichen Natur unausgeschöpfte Potenzen schlummern. Diese Potenzen waren bisher durch Not und Mangel beschränkt oder durch die Einordnung in die abstrakte Verwertungsmaschinerie kanalisiert. Sie freizusetzen, geht nur auf dem Wege der unbeschränkten Selbstentfaltung jedes einzelnen Menschen.
“Selbstentfaltung” kann man fassen als individuelles Entwickeln und Leben der eigenen Subjektivität, der eigenen Persönlichkeit. Selbstentfaltung bedeutet die schrittweise und zunehmende Realisierung menschlicher Möglichkeiten auf dem jeweils aktuell erreichten Niveau. Selbstentfaltung ist also unbegrenzt und geht nur im gesellschaftlichen Kontext, denn Realisierung menschlicher Möglichkeiten ist in einer freien Gesellschaft gleichbedeutend mit der Realisierung gesellschaftlicher Möglichkeiten. Selbstentfaltung geht kaum auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der anderen notwendig voraus, da sonst die eigene Selbstentfaltung begrenzt wird. Im Interesse meiner Selbstentfaltung habe ich also ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese sich selbst verstärkende gesellschaftliche Potenz läuft unseren heutigen Bedingungen, unter denen man sich nur auf Kosten anderer durchsetzen kann, zuwider.
Manche sprechen statt von Selbstentfaltung auch von “Selbstverwirklichung” und meinen damit inhaltlich das Gleiche. Es gibt aber auch eine eingeschränkte Auffassung von “Selbstverwirklichung”, die hier nicht gemeint ist. Es geht nicht darum, eine persönliche “Anlage” oder “Neigung” in die Wirklichkeit zu bringen, sie wirklich werden zu lassen. Diese Vorstellung individualisiert und begrenzt die eigentlichen Möglichkeiten des gesellschaftlichen Menschen: Wenn es “wirklich” geworden ist, dann war's das. Eine individualisierte Auffassung von “Selbstverwirklichung” reproduziert den ideologischen Schein eines Gegensatzes von Individuum und Gesellschaft unter bürgerlichen Verhältnissen. Sie bedeutet im Kern ein Abfinden mit und sich Einrichten in beschissenen Bedingungen. Die unbeschränkte Selbstentfaltung freier Menschen gibt es jedoch nur in einer freien Gesellschaft. Auf dem Weg dorthin ist die Selbstentfaltung Quelle von Veränderung - der Bedingungen und von sich selbst.
Die Sachverwalter des Kapitals als Exekutoren (Ausführende) der Gesetze der Wertverwertungsmaschine haben erkannt, dass der Mensch selbst die letzte Ressource ist, die noch qualitativ unentfaltete Potenzen der Produktivkraftentwicklung birgt. In seiner maßlosen Tendenz, alles dem Verwertungsmechanismus einzuverleiben, versuchen KapitalmanagerInnen, auch diese letzte Ressource auszuschöpfen. Die Methode ist einfach: Die alte unmittelbare Befehlsgewalt über die Arbeitenden, die dem Kapitalisten durch die Verfügung über die Produktionsmittel zukam, wird ersetzt durch den Marktdruck, der direkt auf die Produktionsgruppen und Individuen weitergeleitet wird. Sollen doch die Individuen selbst die Verwertung von Wert exekutieren und ihre Kreativität dafür mobilisieren - bei Gefahr des Untergangs und mit der Chance der Entfaltung.

Wilfried Glißmann, Betriebsrat bei IBM in Düsseldorf (1999, 152):
Die neue Dynamik im Unternehmen ist sehr schwer zu verstehen. Es geht einerseits um ‘sich-selbst-organisierende Prozesse’, die aber andererseits durch die neue Kunst einer indirekten Steuerung vom Top-Management gelenkt werden können, obwohl sich diese Prozesse doch von selbst organisieren. Der eigentliche Kern des Neuen ist darin zu sehen, dass ich als Beschäftigter nicht nur wie bisher für den Gebrauchswert-Aspekt, sondern auch für den Verwertungs-Aspekt meiner Arbeit zuständig bin. Der sich-selbst-organisierende Prozeß ist nicht anderes als das Prozessieren dieser beiden Momente von Arbeit in meinem praktischen Tun. Das bedeutet aber, dass ich als Person in meiner täglichen Arbeit mit beiden Aspekten von Notwendigkeit oder Gesetzmäßigkeit unmittelbar konfrontiert bin. Einerseits mit den Gesetzmäßigkeiten im technischen Sinne (hinsichtlich der Schaffung von Gebrauchswerten) und andererseits mit den Gesetzmäßigkeiten der Verwertung. Ich bin als Person immer wieder vor Entscheidungen gestellt. Die beiden Aspekte zerreißen mich geradezu, und ich erlebe dies als eine persönlich-sachliche Verstrickung.

Nun verschleiert die Aussage, vor dem toyotistischen Umbruch nichts mit der Verwertung zu tun gehabt zu haben, sicher die realen Verhältnisse. Richtig ist aber, dass nach dem Umbruch die bisher nur mittelbare Marktkonfrontation einer unmittelbaren gewichen ist. So wie sich die Wertverwertung gesamtgesellschaftlich “hinter dem Rücken” der Individuen selbst organisiert, ausgeführt durch das “personifizierte Kapital” in Form der KapitalistInnen, ManagerInnen etc., so werden nun die Lohnabhängigen selbst in diesen Mechanismus eingebunden. Resultate dieser unmittelbaren Konfrontation mit dem Verwertungsdruck sind annähernd die gleichen wie zu Zeiten der alten Kommandoorganisation über mehrere Hierarchieebenen: Ausgrenzung vorgeblich Leistungsschwacher, Kranker, sozial Unangepasster, Konkurrenz untereinander, Mobbing, Diskriminierung von Frauen etc. - mit einem wesentlichen Unterschied: Wurde vorher dieser Druck qua Kapitalverfügungsgewalt über die Kommandostrukturen im Unternehmen auf die Beschäftigten aufgebaut, so entwickeln sich die neuen Ausgrenzungsformen nahezu “von selbst”, d.h. die Beschäftigen kämpfen jedeR gegen jedeN. In der alten hierarchischen Kommandostruktur war damit der “Gegner” nicht nur theoretisch benennbar, sondern auch unmittelbar erfahrbar. Gegen das Kapital und seine AufseherInnen konnten Gewerkschaften Gegenmacht durch Solidarität und Zusammenschluß organisieren, denn die Interessen der abhängig Beschäftigten waren objektiv wie subjektiv relativ homogen. In der neuen Situation, in der die Wertverwertung unmittelbar und jeden Tag an die Bürotür klopft, sind Solidarität und Zusammenschluß untergraben - gegen wen soll sich der Zusammenschluß richten? Gewerkschaften und MarxistInnen ist der Kapitalist abhanden gekommen! War die alte personifizierende Denkweise und entsprechende Agitationsform schon immer unangemessen, schlägt sie heute erbarmungslos zurück. Nicht mehr “der" Kapitalist, “das Kapital” oder “der Boss” sind der Gegner, sondern “der Kollege” oder “die Kollegin” nebenan. Die IBM-Betriebsräte nennen das “peer-to-peer-pressure-Mechanismus” (Glißmann 1999, 150).

Marx 1976/1890 (S. 167f)
Der objektive Inhalt jener Zirkulation - die Verwertung des Werts - ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktioniert er als ... personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital.

Von der personal-konkreten zur abstrakten Vergesellschaftung

In den agrarischen Gesellschaften der “Natur-Epoche” wurde die Vergesellschaftung über personale Abhängigkeitsbeziehungen reguliert. Der Sklave war Besitz des Sklavenhalters, der Fron-Bauer arbeitete zu großen Teilen für “seinen” Feudalherrn oder seinen Pfaffen. Dies bedeutet nicht, dass die Abhängigen den Herrscher auch persönlich kennen mussten, aber es war klar, zu wem sie “gehörten”. Auch die nicht-herrschaftsförmigen Beziehungen innerhalb der bäuerlichen Gemeinde waren personal strukturiert. Allein die regionale Begrenztheit bäuerlichen Handelns aufgrund fehlender oder unerschwinglicher Transportmittel erklärt die sprichwörtliche “Beschränktheit” und “Enge” des bäuerlichen Daseins. Entsprechend war auch die Produktion neben der Erfüllung der abgepressten Fron an den konkreten Bedürfnissen der dörflichen Gemeinschaften orientiert. Ein abstraktes Anhäufen von Reichtum war weder gewollt noch möglich, gute Ernten wurden direkt in höheren Lebensgenuss und ausgedehntere Muße umgesetzt. Entsprechend der personal vermittelten Struktur der Gesellschaft und der am Gebrauchswert der Dinge orientierten Produktionsweise kann man die Mensch-Natur-Mittel-Beziehung bei der Produktion der Lebensbedingungen als personal-konkrete Produktivkraftentwicklung bezeichnen.
Mit dem Einsetzen der “Mittel-Epoche” und dem Aufstieg des Kapitalismus änderte sich die Vergesellschaftungsform vollständig. Mit Gewalt wurden alle personal strukturierten Beziehungen zerschlagen und durch eine abstrakte Vergesellschaftungsform ersetzt. Aus dem Bauern wurde der “doppelt freie” Lohnarbeiter, “frei” von Boden und “frei”, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Aus dem ursprünglichen Schatzbildner, dem Händler oder feudalen Räuber, wurde der Warenproduzent, der Kapitalist. Zu Recht nennt man diese Raubphase, die der Entfaltung des Kapitalismus vorausging, nicht nur die “sogenannte ursprüngliche Akkumulation” (Marx 1976/1890, 741), sondern auch “ursprüngliche Expropriation” (Lohoff 1998, 66), da die Menschen von allen Mitteln “enteignet” wurden, die ihnen eine kapitalismusunabhängige Grundversorgung bot. Das “Bauernlegen” in England ist legendär. In Indien brachen die englischen kolonialen Eroberer den Webermeistern die Finger, damit sich englische Kleidung auf dem indischen Subkontinent durchsetzen konnte. Heute werden Staudämme gebaut, die nur wenigen Menschen “Fortschritt” bringen, aber Millionen von ihrem Land vertreiben und zur “Überbevölkerung” machen.
Wie aber funktioniert diese abstrakte Vergesellschaftung? Die Grundlagen dafür hat Karl Marx im Kapitel “Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis” des “Kapital” aufgedeckt. Im Feudalismus waren die gesellschaftlichen Verhältnisse durch persönliche Abhängigkeiten bestimmt. Die Arbeitsprodukte gehen in ihrer konkreten, d.h. Naturalform in die gesellschaftliche Reproduktion ein. Entsprechend charakterisiert Marx die Arbeit: “Die Naturalform der Arbeit, ihre Besonderheit, und nicht, wie auf Grundlage der Warenproduktion, ihre Allgemeinheit, ist hier ihre unmittelbar gesellschaftliche Form.” (Marx 1976/1890, 91)
Die Besonderheit, die Konkretheit, die Nützlichkeit der Dinge, was Marx “Naturalform” nennt, bestimmt die Arbeit. Man könnte auch von einer Subsistenzproduktion sprechen. Es wird das produziert, was konkret gebraucht wird. Getauscht werden nützliche Dinge gegen andere nützliche Dinge. Ein abstrakter Vermittler wie das Geld spielt kaum eine Rolle. Marx weiter: “... die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen persönlichen Verhältnisse und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte.” (Marx 1976/1890, 91f)
Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind entsprechend der Konkretheit und Nützlichkeit der Arbeit vorwiegend konkrete “persönliche Verhältnisse”. Eine Idealisierung dieser “persönlichen Verhältnisse” ist jedoch völlig unangebracht, denn es handelte sich um personale Zwangsverhältnisse wie Sklavenbesitz, Leibeigenschaft oder patriarchale Familienstrukturen.
Anders im Kapitalismus, so Marx: Hier sind persönliche Verhältnisse “verkleidet” in Verhältnisse von Sachen. Wie ist das zu verstehen? Im Kapitalismus wird nicht auf direkte Verabredung des gesellschaftlichen Bedarfs produziert, sondern in Form “voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten” (Marx 1976/1890, 87). Diese Produkte werden dann im Nachhinein im Tausch einander als Werte gleichgesetzt, was bedeutet, sie als geronnene Arbeitszeiten gleichzusetzen. Die Produkte werden entsinnlicht, ihre jeweilige Besonderheit, Konkretheit und Nützlichkeit interessiert nicht mehr, es interessiert nurmehr der Wertinhalt. Damit wird die Arbeit nicht mehr durch die Besonderheit, Konkretheit und Nützlichkeit bestimmt, sondern einzig durch die Tatsache, dass sie Wert schafft. Der Wertvergleich, also Vergleich von Arbeit(szeit) auf dem Markt ist ein sachliches, von der Konkretheit der Dinge abstrahierendes Verhältnis. In dieses “Verhältnis der Sachen” sind die persönlichen Verhältnisse “verkleidet”, sie bestimmen alle gesellschaftlichen Verhältnisse.
Beispiel: Ich gehe in einen Laden und kaufe Milch. Dafür lege ich Geld auf den Tisch. Ich stelle abstrakt “persönliche Verhältnisse” her: zum Bauern, zur Milchfahrerin, zum Arbeiter an der Abfüllanlage etc. - doch diese Verhältnisse sind “verkleidet” in ein sachliches Verhältnis, und das ist das des Geldes als Preis bzw. Wert.
Ein solches “sachliches Verhältnis” wäre erträglich, wäre es statisch. Doch das Gegenteil ist der Fall - und das ist es, was den Terror der Ökonomie ausmacht. Die gesellschaftlichen Beziehungen als Beziehungen von Sachen erhalten ihre subjektlose Dynamik durch die Selbstverwertung von Wert in der Konkurrenz. Das bedeutet: Wert “ist” nur Wert, wenn er Kapital wird, wenn der Wert sich auf dem Markt auch wirklich realisiert, d.h. wenn er auf Wert in Geldform trifft und in Kapital umgewandelt wird, wenn er die Konkurrenz um das beschränkte Geld auf dem Markt gewinnt. Die Verwertung von Wert ist dauerhaft nur sichergestellt, wenn Wert zu Kapital wird, um die nächste Runde des Warenzirkulation anzutreiben. Das Kapital ist Ausgangs- und Endpunkt einer sich stetig steigernden Spirale der Selbstverwertung von Wert in der Konkurrenz: “Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist ... Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos.” (Marx 1976/1890, 167)
Die Wertabstraktion, die Verdinglichung menschlicher Beziehungen, hat verschiedene Erscheinungen: als Ware, als Geld, als Lohn. Alle gesellschaftlichen Verhältnisse sind damit der Vermittlung durch den Wert unterworfen, so auch die Arbeit und die Produktivkraftentwicklung. Wir sprechen daher für die “Mittel-Epoche” von entfremdeter Produktivkraftentwicklung. Die abstrakte Vergesellschaftung über den Wert ist der klassische Fall einer “sich selbst organisierenden und sich selbst reproduzierenden” Bewegungsform. Diese Selbstorganisation des Werts ist selbst subjektlos, mehr noch, sie unterwirft jedes Subjekt unter seine maßlose Bewegung. Damit tritt die Gesellschaft den Menschen - obschon von ihnen geschaffen - als Fremde gegenüber: “Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.” (Marx 1976/1890, 89)
Es schien eine Befreiung zu sein, die persönlichen Abhängigkeiten des Feudalismus zu verlieren. Allerdings erkaufte man sich dies mit einer “ordnenden, aber unsichtbaren Hand” (Adam Smith) für die Gesellschaftsorganisation. Es entstanden sachliche Mächte, vorwiegend auf den “Märkten”, denen gegenüber alle Menschen gleich sein sollten.

Robert Kurz 1999, 36:
Da die Verallgemeinerung von Geldbeziehungen aber nur durch die Konstitution anonymer, großräumiger Märkte möglich war, musste sie zusammen mit der Tendenz zur totalen Vereinzelung auch die Tendenz zur totalen Konkurrenz bringen. Denn der anonyme, sozial unkontrollierte Vergleich der Waren weit voneinander entfernter Produzenten, die in keinerlei kommunikativer Beziehung mehr zueinander stehen, entfesselt das sogenannte ‘Gesetz von Angebot und Nachfrage’: Die Waren müssen über den Preis miteinander konkurrieren, und somit unterliegt auch die Produktion dem stummen Zwang der Konkurrenz. Das bedeutet, dass der gesellschaftliche Zusammenhang der ‘vereinzelten Einzelnen’ nur noch negativ durch die ökonomische Konkurrenz hergestellt wird.

Geld als Kapital löst alle alten Gemeinwesen auf, vereinzelt die Menschen und wird stattdessen zum sachlichen “realen Gemeinwesen” (Marx 1983/1857, 152). Nicht mehr der Gebrauchswert der Ware oder auch der Geldschatz stehen im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern der Wert in seiner ruhelosen Dynamik verselbständigt sich gegenüber den Menschen und wird “automatisches Subjekt” (Marx 1976/1890, 169). Die Versachlichung schleicht auch in das Leben selbst. Das Kapital als herrschende Sache “existiert ... in Verfahrensabläufen, objektiven Produktionsabläufen und materialisiert in Konzernpalästen, Autobahnen, Fernsehern, Raketen, Doseneintopf.” (Pohrt 1995, 122f).
Auch die Art der Arbeit hat sich komplett gewandelt. War sie vor dem Kapitalismus primär auf die konkret-sinnliche Produktion von Gebrauchswerten ausgerichtet, die dazu dienten, das Leben zu sichern und angenehmer zu gestalten, so ist sie im Kapitalismus nurmehr abstrakte Arbeit für Geld. Was produziert wird, ist irrelevant, die Arbeit hat mit einem besseren Leben nichts mehr zu tun. Erst über den Umweg des Geldes sind Güter zugänglich, die gewissermaßen als “Abfallprodukt” der abstrakten Verwertung von Wert auf der Grundlage der von anderen geleisteten abstrakten Arbeit “anfallen”. Der Konsum, ein besseres Leben, ist und war immer nur nachrangiger Effekt der Verwertung abstrakter Arbeit. Dies wird heute umso deutlicher, da die Produktion von Waren mit einem besseren Leben immer weniger zu tun hat. Die Qualität der Produkte sinkt, die Zerstörungen, die bei ihrer Herstellung angerichtet werden, stehen in keinem Verhältnis mehr zu ihrem Nutzen - die Milch, die erst vier Länder bereist, um endlich als Joghurt auf unserem Tisch zu landen, mag die Absurdität dieser Produktionsweise illustrieren.

Ökonomische Zwänge, Abhängigkeit und Kapitalverteilung

Die Produktivkraft kann, wie andere Quellen sozialer Evolution auch, sehr unterschiedlichen Zielen dienen. Das hängt von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab - vom Willen der Einzelnen und der Art, wie sich diese zu Kooperation und Austausch verbinden, oder von den vereinheitlichenden Diskursen und Normen, die den Einzelnen zum Objekt in einem übergeordneten Gesamtprojekt machen, also als Rädchen in einem System.
Dieses besteht heute in Form des Zwanges zur Profitabilität und zur Verwertung aller Werte. Die Ausrichtung menschlicher Schaffenskraft auf verwertbare Ergebnisse und die ständige Wiederverwertung jedes geschaffenen Wertes richtet soziale Entwicklung auf bestimmte Aspekte aus. Sowohl die ständigen Tätigkeiten als auch neue Erfindungen und Pläne dienen überwiegend diesem wirtschaftlichen Ziel, das von der Frage eines besseren Lebens der Menschen abgekoppelt ist.
Produktivkraft ist nicht selbst der Auslöser, sie könnte auch anderen Zielen dienen, z.B. als Teil der Selbstentfaltung des Menschen, der Verbesserung von Kooperationen oder Schaffung gleicher Handlungsmöglichkeiten. In der heutigen, auf Wirtschaftsinteressen ausgerichteten Welt dient die Produktivkraft der steigenden Produktionsgeschwindkeit, der Bildung von Kapital bis Monopolen, der besseren Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und natürlicher Ressourcen sowie der Steigerung von Steuerungs- und Kontrollmethoden. Sie ist somit eine Destruktivkraft in Bezug auf menschliche Freiheit und Emanzipation.

Marktwirtschaft & Co. als erzwungene Kooperation

Der Mensch braucht Reproduktion und er will Genuß - materielle wie immaterielle. Er kann diese autark (für sich), in kleinen autarken bis umfassend selbstorganisiert-kooperativen Gruppen erreichen (Subsistenz) oder über den Markt. Marktwirtschaft ist eine Verregelung der Befriedigung von Bedürfnissen. Sie schreibt die Formen vor, wie mensch an Waren und Dienstleistungen bzw. an Geld oder andere Tauschwerte kommt, um wiederum Waren und Dienstleistungen zu erhalten. Dabei kann der Markt anonym sein, d.h. ProduzentInnen von Waren und KonsumentInnen kennen und begegnen sich nicht, oder direkt, z.B. beim persönlichen Tausch. In beiden Fällen bleibt aber das Prinzip von Wert, Wertung und Verwertung voll entwickelt. Daraus folgen Zwänge. Der Markt selbst ist damit eine Herrschaftsform in Form von Regeln. Dieses Regelwerk bestimmt Unterschiede zwischen den Menschen. Es gilt die totale Konkurrenz, d.h. im Markt ist es immer so, dass der Vorteil des einen zum Nachteil des Anderen (meist eines Dritten, nicht der direkt Handelnden) wird. Das ist oft sehr brutal, weil es viele Menschen in materielle Not und Abhängigkeit treibt. Der Neoliberalismus hat zudem totalitären Charakter, weil es die Regeln des Marktes in jeder Region der Welt und auf jede Lebenssituation ausdehnen will.

Die Verbindung mit den direkten Herrschaftsformen ist eng: Ohne sie gäbe es keinen Markt. Die Verwertung basiert auf Eigentumsrecht und den Zwang zur Verwertung im sogenannten “freien Markt”. Institutionen, am auffälligsten dann, wenn Armee und Polizei einschreiten, sichern diese Verhältnisse - oder setzen sie erst durch. Das geschieht z.B. durch die Vertreibung von Menschen von ihrem Land oder aus bisher bodeneigentumsfreien Regionen, die es auf der Welt immer noch gibt und die rein flächenmäßig bis vor wenigen Jahrhunderten prägend waren. Direkte Handelsbeziehungen und lokale Märkte werden zerschlagen, um alles der großen, als frei behaupteten Marktwirtschaft zu unterwerfen. Tatsächlich beruht der freie Markt auf der erzwungenen Teilnahme an ihm. Die Alternativen zum Überleben werden entzogen. Wer überleben will, muss am Markt teilnehmen. Diesen Zwang schaffen institutionalisierte Herrschaftsverhältnisse. Daher gibt es Zweifel, ob die marktförmige Herrschaft, die Kapitalverhältnisse und der Verwertungszwang tatsächlich eine von der formalen Herrschaft abgetrennbare Kategorie der Beherrschung sind. Diese Zweifel sind berechtigt - kein Markt existiert ohne Staat (oder eine ähnlich wirkende Herrschaftsform). Daher sind auch alle politischen Strategien, den Markt über eine Stärkung des Staates (Reregulierung, Steuern, Gesetze usw.) einzuschränken, schon vom Ansatz hier falsch.
Dennoch scheint berechtigt, die Herrschaft des Marktes von der personalen zu unterscheiden. Denn sie funktioniert zwar auf der Basis und mit ständiger Androhung personaler Herrschaftsverhältnisse, wirken aber auch dort fort, wo diese nicht selbst sichtbar werden. Der Markt ist ein Regelwerk, dass aufgrund allgemeiner Akzeptanz reibungslos funktioniert - trotz seiner offensichtlichen Brutalität für die VerliererInnen sowie den Zwang zur fremdbestimmten Ausbeutung von Denk- und Arbeitskraft fast aller Menschen. Die dauernde Zuschreibung von Werten für alle materiellen Dinge (Stoffe, Produkte, immer mehr auch des Menschen, seiner Organe, Arbeits- und Zeugungsfähigkeit, Gene usw.) und allen Wissens zum Zweck der Verwertung, also des Kaufs und Verkaufs, der Mehrwertabschöpfung, des Tauschs oder der Kapitalakkumulation, kommt einer kontinuierlichen, sich selbst reproduzierenden Verwertungs”maschine” gleich.

Die Herrschaft der “schönen Maschine”

Lange Zeit sah man in der Ungerechtigkeit der ungleichen Verteilung des produzierten Mehrwerts das zentrale Problem des Kapitalismus. Folglich bestand in der Eroberung der Verfügung über die entscheidenden Produktionsmittel der Schlüssel zu einer gerechteren Welt. Doch was ist gewonnen, wenn die Arbeiter die Macht haben? Die historischen Erfahrungen wurden in den realsozialistischen Ländern gemacht. Diese Versuche scheiterten nicht vorrangig an subjektiven Fehlern, sondern weil sie objektiv den gleichen Gesetzen der maßlosen Selbstverwertung von Wert unterlagen, wie alle anderen Staaten der Erde auch. Sie mussten in der globalen Konkurrenz schließlich kapitulieren. Was ist gewonnen, wenn die Beschäftigen “ihre" Firma übernehmen? Sie müssen den gleichen Gesetzen gehorchen, wie die private Konkurrenzfirma auch. Die automatische Geldmaschine duldet keine Ausnahmen. Hans-Olaf Henkel, Chef des Unternehmervereins, hat diesen totalitären Mechanismus so auf den Punkt gebracht: “Herrscher über die neue Welt ist nicht ein Mensch, sondern der Markt. (...) Wer seine Gesetze nicht befolgt, wird vernichtet.” (Süddeutsche Zeitung, 30.05.1996)
Es geht also nicht um einen bösen Willen, den finstere Mächte durchsetzen, sondern um die Befolgung der Regeln des kybernetischen Systems Kapitalismus. Marx nannte die Rollen, die die Menschen in der sich selbst reproduzierenden Wertmaschinerie einnehmen, “Charaktermasken”.

Marx 1976/1890 (S. 591)
Die ökonomische Charaktermaske des Kapitalisten hängt nur dadurch an einem Menschen fest, dass sein Geld fortwährend als Kapital funktioniert.

Der Kapitalist als “personifiziertes Kapital” exekutiert den immanenten Zwang zur Expansion und Niederringung der Konkurrenz wie der Arbeiter als “Lohnarbeiter” seine Arbeitszeit verkaufen muss, um zu existieren. Und selbst diese Grenzen sind heute fließend. Gibt es also keine Herrschenden, die man ob der Ungerechtigkeiten anklagen muss? Doch die gibt es, aber es ist nicht damit getan, Personen auszutauschen oder die “Macht” zu übernehmen. Solange die Grundstrukturen der kapitalistischen Geldmaschine unangetastet bleiben, ändert sich wenig bis nichts. Die ökologische Marktwirtschaft ist ein Hirngespinst. Wir müssen das Programm, das Adam Smith 1759 formulierte, sehr ernst nehmen: “Es macht uns Vergnügen, die Vervollkommnung eines so schönen und großartigen Systems zu betrachten und wir sind nicht ruhig, bis wir jedes Hindernis, das auch nur im mindesten die Regelmäßigkeit seiner Bewegungen stören oder hemmen kann, beseitigt haben.” (Smith 1977/1759, zitiert nach Kurz 1999).
Die Rolle der Herrschenden ist es, das Laufen der “schönen und großartigen” Wertmaschine ungestört aufrecht zu erhalten. Jeder Gedanke an eine Alternative zur Geldmaschine soll als irreal diskreditiert werden - wenn schon “Alternative”, dann nur innerhalb der “schönen Maschine” (Kurz 1999). Hier hatte die EXPO im Jahr 2000 eine interessante Funktion. Sie sollte uns die “Schönheit” und “Großartigkeit” des Systems demonstrieren und Alternativen innerhalb des System vorgaukeln. Dafür ließen sich selbst vorherige KritikerInnen weltweiter Ausbeutungsstrukturen in die Rechtfertigungsveranstaltung EXPO einbinden. Sie trugen mit dazu bei, das System der Marktwirtschaft als System der Herrschaft der Märkte über die Menschen zu naturalisieren. Solche Beispiele gibt es zuhauf:

Václav Havel 1992 (S. 59ff)
Sosehr auch mein Herz schon immer links von der Mitte meiner Brust schlug, habe ich immer gewußt, dass die einzig funktionierende und überhaupt mögliche Ökonomie die Marktwirtschaft ist. (...) Die Marktwirtschaft ist für mich etwas so Selbstverständliches wie die Luft: geht es doch um ein jahrhundertelang (was sage ich - jahrtausendelang!) erprobtes und bewährtes Prinzip der ökonomischen Tätigkeit des Menschen, das am besten der menschlichen Natur entspricht.

Sven Giegold im Jahr 2004 auf einer 1.-Mai-Rede in Fulda
Ich bin nach realistischer Abwägung der Vor- und Nachteile ein Befürworter der Marktwirtschaft.

Fazinierend ist die Dreistigkeit, mit der die Marktwirtschaft oft nicht nur der menschlichen Natur, sondern auch noch der gesamten Menschheitsgeschichte zugeschlagen wird. Oder es ist bodenlose Unkenntnis der historischen Fakten, die klar zeigen, dass die abstrakte Selbstverwertung des Werts über Märkte mit brutaler Gewalt und Zwang, dass die “ursprüngliche Enteignung” gegen die subsistenzwirtschaftlichen Strukturen der agrarischen Gesellschaften durchgesetzt wurde. Es ist schlicht falsch, einen “Markt” zum Gütertausch mit dem geldgetriebenen Hamsterradsystem der Marktwirtschaft gleichzusetzen. Nicht überall, wo ein Markt zum Tausch von Gütern existiert, herrscht auch die “Marktwirtschaft”!

Unterwerfung und Unterwürfigkeit

Auch wenn noch so oft die ArbeiterInnen als revolutionäres Potential beschworen werden – es hilft nichts: Von Lohnzahlungen abhängig zu sein, führt meist zu einer unfassbaren Unterwürfigkeit. Ob FahrerIn, PolizistIn, AbteilungsleiterIn oder KassiererIn – gemacht wird, was aufgetragen wurde. Oft ist das harmlos, aber SSler, die ihre eigenen Verwandten oder ehemaligen FreundInnen verhafteten, oder KZ-Wärter, die selbige massakrierten, zeigten, in welche Dimensionen diese Fremdsteuerung geht. Diese Menschen sind nicht egoistisch oder egozentrisch. Gerade das sind sie nicht, und das ist das Schlimme. Sie verzichten auf eine eigene Sichtweise und lernen, eigene Wahrnehmung auszuschalten. Sie verkaufen sich, ihre sozialen Beziehungen, ihren Willen und ihre Produktivkraft an fremde Ziele. Sie funktionieren in der gewünschten Rolle, sie sind "willige Vollstrecker" in (fast) allen Aktivitäten.

Das funktioniert stabil, denn viele wollen das. Denn der Zwang zur Unterwerfung ist gepaart mit dem Heilsversprechen materieller Absicherung, gesellschaftlicher Anerkennung und Teilhabe. Rädchen im System zu sein, erscheint funktional, um Existenzängste zu beruhigen. Bei näherer Betrachtung ist das zwar eine Folge des harten Entzugs anderer Überlebenssicherung und der Diskurse über Arbeit und Wert des Menschen. Die Hilfslosigkeit und Ohnmacht, die Menschen in die Erwerbsarbeit und Teilnahme an marktförmiger Reproduktion treibt, sind systembedingt und damit änderbar. Aber die Macht der Einzelnen ist begrenzt, so dass eine starke Neigung besteht, die angebotene Option der Überlebenssicherung zu ergreifen statt die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Zum nächsten Text im Kapitel über die Geschichte sozialer Organisierung: Diskurse und Deutungen

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"Herrschaftsfrei wirtschaften" - das Heft zum Thema.