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Selbstentfaltung

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Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Selbstentfaltung

„Selbstentfaltung“ soll hier gemeint sein als individuelles Entwickeln. Der Mensch lebt seine eigene Subjektivität, er wird zur eigenen Persönlichkeit. Der Begriff Selbstentfaltung soll anschaulich machen, dass es um die schrittweise und zunehmende Realisierung menschlicher Möglichkeiten geht. Das jeweils erreichte Niveau bildet den Ausgangspunkt weiterer Entfaltung. Diese ist also einerseits ein Prozess, d.h. kein Austausch von Eigenschaften, andererseits unbegrenzt. Er trifft daher etwas besser als der gebräuchliche Begriff der Selbstbestimmung, weil dieser suggeriert, es könne ein bestimmtes Ziel, einen zu erreichenden Endpunkt geben. Mit Vorschlägen, der Mensch müsse seine eigentliche Bestimmung erreichen oder sein wahres Inneres freilegen, docken esoterische Vorstellungen an einem solch statischen Konzept an. Das ist ähnlich beim Begriff „Selbstverwirklichung“. Vielfach meinen Menschen mit all diesen Wörtern aber inhaltlich Ähnliches.
Es geht also nicht nur darum, eine persönliche „Anlage“ oder „Neigung“ in die Wirklichkeit zu bringen, sie wirklich werden zu lassen. Diese Vorstellung individualisiert und begrenzt die eigentlichen Möglichkeiten des gesellschaftlichen Menschen: Wenn es „wirklich“ geworden ist, dann war's das. Eine individualisierte Auffassung von „Selbstverwirklichung“ reproduziert den ideologischen Schein eines Gegensatzes von Individuum und Gesellschaft unter bürgerlichen Verhältnissen. Sie bedeutet im Kern ein Abfinden mit und sich Einrichten in beschissenen Bedingungen. Die unbeschränkte Selbstentfaltung freier Menschen gibt es jedoch nur in einer freien Gesellschaft - und sie führt in einen Kampf um sie. Auf dem Weg dorthin ist die Selbstentfaltung Quelle von Veränderung. Denn wo die Entfaltung an Grenzen stößt, gehört es zu ihr dazu, diese Grenzen zu überwinden. Sie schafft also ihrer eigenen Möglichkeiten.

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Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 25)
„Selbstentfaltung“ kann man fassen als individuelles Entwickeln und Leben der eigenen Subjektivität, der eigenen Persönlichkeit. Selbstentfaltung bedeutet die schrittweise und zunehmende Realisierung menschlicher Möglichkeiten auf dem jeweils aktuell erreichten Niveau. Selbstentfaltung ist also unbegrenzt und geht nur im gesellschaftlichen Kontext, denn Realisierung menschlicher Möglichkeiten ist in einer freien Gesellschaft gleichbedeutend mit der Realisierung gesellschaftlicher Möglichkeiten. Selbstentfaltung geht niemals auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der anderen notwendig voraus, da sonst die eigene Selbstentfaltung begrenzt wird. Im Interesse meiner Selbstentfaltung habe ich also ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese sich selbst verstärkende gesellschaftliche Potenz läuft unseren heutigen Bedingungen, unter denen man sich beschränkt nur auf Kosten anderer durchsetzen kann, total zuwider.
Manche sprechen statt von Selbstentfaltung auch von „Selbstverwirklichung“ und meinen damit inhaltlich das Gleiche. Es gibt aber auch eine sehr eingeschränkte Auffassung von „Selbstverwirklichung“, die hier nicht gemeint ist. Es geht nicht darum, eine persönliche „Anlage“ oder „Neigung“ in die Wirklichkeit zu bringen, sie wirklich werden zu lassen. Diese Vorstellung individualisiert und begrenzt die eigentlichen Möglichkeiten des gesellschaftlichen Menschen: Wenn es „wirklich“ geworden ist, dann war's das. Eine individualisierte Auffassung von „Selbstverwirklichung“ reproduziert den ideologischen Schein eines Gegensatzes von Individuum und Gesellschaft unter bürgerlichen Verhältnissen. Sie bedeutet im Kern ein Abfinden mit und sich Einrichten in diesen beschissenen Bedingungen. Die unbeschränkte Selbstentfaltung freier Menschen gibt es jedoch nur in einer freien Gesellschaft. Auf dem Weg dorthin ist die Selbstentfaltung Quelle von Veränderung - der Bedingungen und von sich selbst.
Ein sich selbst entfaltendes ist ein soziales Individuum

Selbstentfaltung wäre beschränkt, wenn sie außerhalb des gesellschaftlichen Kontext realisiert würde. Denn jede entfaltete Eigenschaft, Kraft oder Idee steht in einer freien Gesellschaft allen zur Verfügung, d.h. sie ist gleichbedeutend mit der Realisierung gesellschaftlicher Möglichkeiten. Selbstentfaltung, die auf Kosten anderer läuft, nimmt sich selbst Möglichkeiten, denn die Entfaltung der Anderen ist eine wichtige, mitunter notwendige Voraussetzung für die eigene Selbstentfaltung. Das vereint Eigennutz und Gemeinnutz: Im Interesse meiner Selbstentfaltung habe ich ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese sich selbst verstärkende gesellschaftliche Potenz läuft unseren heutigen Bedingungen total zuwider, unter denen mensch sich nur auf Kosten Anderer weiterentwickeln kann, weil dabei durchsetzen muss.

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Aus Schlemm, Annette: "Ums Mensch sein geht es" (S. 13)
Das Gesellschaftliche ist nicht die Beschränkung des Individuellen, sondern seine Grundlage: vgl.: Vernunft und Freiheit als Vernunftwesen ist nicht mehr Vernunft und Freiheit, sondern ein Einzelnes; und die Gemeinschaft der Person mit anderen muss daher wesentlich nicht als eine Beschränkung der wahren Freiheit des Individuums, sondern als eine Erweiterung derselben angesehen werden. (Hegel: Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie, Hegel-W. Bd. 2, S. 82)

"dass nichts bleibt, wie es ist ...", Band II (S. 23)
So ist der Mensch die reale Möglichkeit alles dessen, was in seiner Geschichte aus ihm geworden ist und vor allem mit ungesperrtem Fortschritt noch werden kann (Bloch).
Aus dem Gesagten folgt, dass es weniger die Aufgabe ist, den Menschen für irgendwelche gesellschaftlichen Aufgaben zu »trainieren«, als vielmehr alles dafür zu tun, dass sich jeder angemessen entfalten kann. Und das bedeutet auch in Bezug auf Erziehung etwas völlig anderes, als das, was gewöhnlich unter Erziehung und Bildung verstanden wird. Niemand wird nur von der menschlichen Gesellschaft geformt. Das menschliche Leben beginnt nicht bei Null. Jeder Mensch bringt von Anbeginn etwas mit.
Wir haben darauf zu vertrauen, dass jeder einzigartig ist und alle verschieben. Das muss zur vollen Blüte gebracht und in Kooperation mit anderen zusammengeführt werden, damit etwas entsteht, was höchste Flexibilität hat. Flexibilität ist das Rezept der Natur zur besten Anpassung von höher entwickelten Wesen an zukünftige Anforderungen. Sie sind nicht optimiert auf ganz bestimmte Situationen, sondern sie sind optimiert auf etwas, was prinzipiell unbekannt ist, eben auf eine Zukunft hin, die wesentlich offen ist.

Der soziale Kontext aber schafft nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Grenzen. Diese zu verschieben, könnte den Handlungsspielraum erweitern, d.h. emanzipatorische Ziele unterstützen. Innerhalb der Möglichkeiten kann zumindest ausgewählt werden, d.h. zur Entfaltung des Individuums gehört bereits die Entscheidung zwischen den Möglichkeiten - in jedem Einzelfall von Neuem.

Im Original: Möglichkeiten und Notwendigkeiten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Schlemm, Annette: "Ums Mensch sein geht es" (S. 14)
"Da hier die Existenzsicherung nicht mehr unmittelbar von der Bedeutungsumsetzung abhängt, ist das Individuum aber durch die jeweils konkreten vorliegenden Bedeutungsbezüge in seinen Handlungen keinesfalls festgelegt, es hat im Rahmen der globalen Erfordernisse der eigenen Lebenserhaltung hier immer auch die "Alternative", nicht oder anders zu handeln, und ist in diesem Sinne den Bedeutungen als bloßen Handlungsmöglichkeiten gegenüber "frei"." (Holzkamp, S. 236)
"Einerseits sind in den gesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen objektive Notwendigkeiten enthalten, andererseits hängt es von meinem subjektiven Standort, meiner Situation, meiner Befindlichkeit und meinen Intentionen ab, ob und welche Handlungsmöglichkeiten ich für mich ergreife. Zu den Handlungsmöglichkeiten gehört damit auch, de Handlungsmöglichkeiten selbst zu ändern" (Lenz, Meretz, S. 68).
"Auch noch so eingeschränkte Handlungsalternativen bleiben immer noch Alternativen." (Holzkamp 1985, S. 345)
Spezifik der menschlichen Existenz: Möglichkeitsbeziehung (bewußtes-Verhalten-zu): der Mensch ist jeder Bedingtheit immer ein Stück voraus! (S. 355)
Für Intelligenzen gibt es "mannigfaltige Handelsmöglichkeiten, unter denen allen, wie es mir scheint, ich auswählen kann, welche ich will." (Fichte: Die Bestimmung des Menschen, Fichte-W. Bd. 2, S. 193)

Diese Selbstentfaltung ist das Leben selbst. Denn für das Leben gibt es keine höheren Werte, keine Moral, keine Instanz, die einen Sinn vorgeben kann. Möglich ist die Unterwerfung unter fremdbestimmte Leitbilder (siehe vorhergehendes Kapitel), aber das wäre nur ein Ersatz für eine Scheingeborgenheit, die der Mensch mit der Menschwerdung überwunden hat - positiv ausgedrückt. Die negative Formulierung wäre: Er hat sie verloren. So oder so: Sie ist weg. Typisch Mensch heißt also, sein eigenes Ding zu machen, das eigene Leben zu leben, sich zu entfalten. Das ist der Sinn des Lebens: Leben! Nicht als Kopie von Zurichtungen, sondern als Original. Das muss sich entfalten. Es hat kein Ende, es gibt keine Blaupause der Persönlichkeit. Es gibt nur und ständig immer wieder neu die Entscheidung zwischen dem Sprung in die Geborgenheit der Fremdbestimmung oder die weitere Entfaltung des Selbst.

Im Original: Der Sinn des Lebens ist: Leben! ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einem Interview mit Humberto R. Maturana, in: Freitag, 10. Januar 2003 (S. 18)
Das Leben, sagte ich mir, hat keine Bedeutung, keinen Sinn, es folgt keinem Programm des evolutionären Fortschritts. Meine tautologisch klingende Schlussfolgerung heißt, dass der Sinn und Zweck eines Lebewesens darin besteht, zu sein, was es ist. Der Zweck eines Hundes ist es, ein Hund zu sein; der Zweck eines Menschen besteht darin, ein Mensch zu sein. Was immer einem Lebewesen zustößt und geschieht, so wurde mir klar, hat mit ihm selbst zu tun. Wenn mich ein Hund beißt, weil ich ihm auf den Schwanz getreten bin, so beißt er mich, weil er den Schmerz vermeiden möchte. Das heißt: Lebende Systeme sind autonom; und sie müssen notwendig eine Grenze haben, eine Markierung dessen, was zu ihnen was nicht zu ihnen gehört.
Intersubjektivität statt Instrumentalisierung

Der Mensch produziert und reproduziert sein Leben vermittels der gesellschaftlichen Möglichkeiten, oder anders formuliert: Die individuelle Existenz des Menschen ist gesamtgesellschaftlich vermittelt (vgl. Holzkamp 1985, 192). Wenn wir diese Vergesellschaftung als Vermittlung zwischen Individuen und Gesellschaft begreifen, schließt das zwei immer wieder anzutreffende einseitige Sichtweisen aus: Weder steuert der Mensch sein Leben völlig autonom und kann alles direkt bestimmen, noch wird er vollständig von den Bedingungen bestimmt und gesteuert. Der erstgenannte Irrtum zeigt sich z.B. in der leichtfertigen Annahme, mensch könne alle Dinge in der Kleingruppe regeln (Selbstversorgung, Autarkie); die andere zeigt sich als deterministischer Bedingungsfatalismus, etwa so, als ob alle Menschen wie Spielpuppen durch eine unsichtbare Hand geführt werden und man daher nichts machen könne. Beide Sichtweisen spiegeln zwar Teile von Realität wider, verwechseln jedoch Einzelaspekte mit den Gesamtverhältnissen.
In der deterministischen Sicht zeigt sich die reale subjektlose selbstlaufende Verwertungsmaschine, in der sich die Menschen gleich Rädchen im Getriebe als den Bedingungen vollständig unterworfen empfinden. Die personalisierende Sicht ist die andere Seite der gleichen Medaille: Da den Menschen die Verfügung über ihre Bedingungen entzogen ist, scheinen alle beeinflussbaren Umstände ausschließlich im nahen persönlichen Bereich zu liegen. Viele Konflikte sind hier jedoch nicht lösbar, da ihre Ursachen im scheinbar unverfügbaren gesellschaftlichen Bereich liegen. Dieser Widerspruch provoziert Unsicherheit, Aggressionen und gegenseitige Schuldzuweisungen. Ein Teufelskreis, denn das Schwanken zwischen Ohnmachts- und Ausgeliefertheitsgefühlen auf der einen und Aggression im persönlichen Umfeld als Resultat der Personalisierung von Konflikten auf der anderen Seite hängen eng zusammen.
Aus der Vermittlungsbeziehung des Menschen zur gesellschaftlichen Realität folgt jedoch zwingend: Menschliches Handeln ist nicht bedingungsgetrieben, sondern möglichkeitsoffen. Die gesellschaftlichen Bedingungen stellen niemals bloße Determinanten des Handelns dar, sondern bilden einen Möglichkeitsraum, in dem wir uns bewegen. Zudem sind sie beeinflussbar. Wäre das anders, hinge nicht nur der einzelne Mensch hoffnungslos als Fahne im Wind, sondern jede Änderung gesellschaftlicher Verhältnisse prinzipiell ausgeschlossen. Dass das nicht so ist, beweist die Geschichte, die ja ein Zeitstrahl der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse ist.
In welcher Weise die grundsätzlich vorhandenen Möglichkeiten individuell genutzt werden, ist ebenso nicht festgelegt wie die Unverrückbarkeit der Bedingungen. Dass viele diese Freiheit nicht ausnutzen, ja nicht einmal wahrnehmen und erleben, ist leider eine mögliche Folge genau dieser tatsächlich vorhandenen, relativen Freiheit. Denn es ist eben eine menschliche Möglichkeit, sich als bedingungsgetrieben zu erleben und danach in selbstbeschränkender Weise zu handeln. Der Mensch kann die ohnehin vorhandenen Einflüsse, sich klein und ohnmächtig zu fühlen, selbst übernehmen und sich für ohnmächtig erklären, nicht mehr auf Möglichkeiten achten und die eigenen Fähigkeiten verkümmern lassen oder nicht weiter entwickeln.
Emanzipation muss hier für die Alternative werben, nämlich dem Suchen nach und Ergreifen von Möglichkeiten, der Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeit und der Einflussnahme auf die Bedingungen, die zunächst unverrückbar scheinen.

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Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 25)
Menschliches Dasein ist immer gesellschaftliches Dasein. Auch ein isolierter, einsamer Mensch ist qua Natur ein gesellschaftlicher Mensch, denn Isoliertheit bedeutet das relative Ausgeschlossensein aus gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die gesellschaftliche Natur kommt dem Menschen genetisch zu, und diese Potenz muss der Mensch entfalten, will er sein Leben reproduzieren. Ein ungesellschaftliches Reproduzieren menschlichen Lebens ist nicht möglich. Doch wie funktioniert die Schaffung und Erhaltung menschlichen Lebens auf gesell-schaftliche Weise?
Der Mensch produziert und reproduziert sein Leben vermittels der gesellschaftlichen Möglichkeiten, oder anders formuliert: Die individuelle Existenz des Menschen ist gesamtgesellschaftlich vermittelt (vgl. Holzkamp 1985, 192). Das Begreifen der Vergesellschaftung, wie wir sie in Kap. 2.2 für die verschiedenen Epochen dargestellt haben, als Vermittlung zwischen Individuen und Gesellschaft schließt zwei immer wieder anzutreffende einseitige Sichtweisen aus: Weder verfügt der Mensch unmittelbar über alle Bedingungen seines Lebens und kann sie direkt bestimmen, noch wird er vollständig von den Bedingungen bestimmt und gesteuert. Dennoch finden sich diese Auffassungen sehr häufig auch unter kritischen Menschen. Die eine zeigt sich als personalisierende Sichtweise auf Beziehungen, etwa so, als ob man alle Dinge in der Kleingruppe schon regeln könne; die andere zeigt sich als deterministischer Bedingungsfatalismus, etwa so, als ob alle Menschen gleich Spielpuppen durch eine unsichtbare Hand geführt werden und man daher nichts machen könne. Beide spiegeln zwar Teile von Realität wider, jedoch in einer verqueren Weise.
In der deterministischen Sicht zeigt sich die reale subjektlose selbstlaufende Verwertungsmaschine, in der sich die Menschen gleich Rädchen im Getriebe als den Bedingungen vollständig unterworfen empfinden. Die personalisierende Sicht ist die andere Seite der gleichen Medaille: Da den Menschen die Verfügung über ihre Bedin-gungen entzogen ist, scheinen alle beeinflussbaren Umstände ausschließlich im nahen persönlichen Bereich zu liegen. Viele Konflikte sind hier jedoch nicht lösbar, da ihre Ursachen im scheinbar unverfügbaren gesellschaftlichen Bereich liegen. Dieser Widerspruch provoziert Unsicherheit, Aggressionen und gegenseitige Schuldzuweisungen. Ein Teufelskreis, denn das Schwanken zwischen Ohnmachts- und Ausgeliefertheitsgefühlen auf der einen und Aggression im persönlichen Umfeld als Resultat der Personalisierung von Konflikten auf der anderen Seite hängen eng zusammen.
Aus der Vermittlungsbeziehung des Menschen zur gesellschaftlichen Realität folgt jedoch zwingend: Menschliches Handeln ist nicht “bedingungsgetrieben”, sondern “möglichkeitsoffen”. Die gesellschaftlichen Bedingungen stellen niemals bloße Determinanten des Handelns dar, sondern bilden einen Möglichkeitsraum, in dem wir uns bewegen. Sonst wäre, nebenbei bemerkt, jede Änderung gesellschaftlicher Verhältnisse prinzipiell ausgeschlossen - und das ist nicht so, wie wir aus der Geschichte wissen. In welcher Weise die grundsätzlich vorhandenen Möglichkeiten individuell genutzt werden, ist jedoch keineswegs festgelegt. Es ist eben auch eine menschliche Möglichkeit, sich als bedingungsgetrieben zu erleben und danach in selbstbeschränkender Weise zu handeln. Aber hier kommt es uns auf die zweite Alternative an, die wir stark machen wollen, und das ist die Alternative der Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeit in einer für alle nützlichen Form. Um diese Alternative deutlich herauszuarbeiten, kontrastieren wir die beiden Formen menschlicher Beziehungen, um die es uns hier geht.
Die einschränkende und selbst beschränkende Beziehungsform ist die der Instrumentalbeziehungen. Ich betrach-te andere Menschen als Instrument meiner Ziele, Interessen und Bedürfnisse, die ich auf ihre Kosten durchsetze. Diese Form ist nicht nur für andere einschränkend, sondern auch für mich selbst beschränkend, weil die anderen Menschen in umgekehrter Weise genauso mich zum Instrument ihrer Interessenerreichung machen, wie ich umgekehrt sie. Es ist leicht vorstellbar, dass ich mein Bestreben, die anderen zu instrumentalisieren, nur durchsetzen kann, wenn ich stets etwas “besser” bin als diese. Doch da die anderen in der Abstiegsspirale der Zersetzung menschlicher Beziehungen ebenfalls reagieren, schlagen meine “Anstrengungen” wieder auf mich zurück, oder anders formuliert: Ich werde mir selbst zum Feinde! Diese Handlungsweise darf jedoch keinesfalls zum individuellen Defekt erklärt werden, der einem selbst “nicht passieren könne”: Instrumentelle Beziehungen sind die in der kapitalistischen Gesellschaft nahegelegte Beziehungsform, da sie den Konkurrenzkampf innerhalb der ökonomischen Wertmaschine widerspiegelt. Der Kapitalismus kennt nur instrumentelle Beziehungen und die dazugehörigen Partialinteressen und kann auch nur solche hervorbringen. Der Kampf der einen Partialinteressen gegen die anderen wird dann “Demokratie” genannt.
Die Alternative von Beziehungen, die auf allgemeinen Interessen beruhen, kann der Kapitalismus nicht hervorbringen: Er kennt keine allgemeinen Interessen. Subjektbeziehungen, wie wir die Alternative nennen (Holzkamp 1985, 370), basieren auf verallgemeinerbaren Interessen. Verallgemeinerbare Interessen sind solche, die nicht auf Kosten anderer, sondern nur im Interesse aller erreicht werden können. Subjektbeziehungen müssen aktiv gegen die nahegelegten Tendenzen zur Instrumentalisierung durchgesetzt werden - und das ist nicht einfach. Auch wohlmeinende Worte wie “Freiheit “ und “Emanzipation” schützen vor Instrumentalisierung nicht: “Die meisten von uns haben gelernt..., dass Emanzipation die Freiheit bedeute, den Anderen und die dingli-che Welt auf deren Nützlichkeit für die Befriedigung der eigenen Interessen zu reduzieren” (Baumann 1992, 247)
Es gäbe kaum Hoffnung, wenn die Instrumentalisierung tatsächlich dem “natürlichen menschlichen Wesen” entspräche. Zur radikalen Veränderung der Gesellschaft, wie wir sie anstreben, gehört unbedingt eine Entfaltung der Subjektivität des Einzelnen, die die Entfaltung der Subjektivität der anderen notwendig mit einschließt. Subjektbeziehungen sind in allgemeinen Interessen gegründet: “Subjektbeziehungen sind Beziehungen zwischen Menschen, in denen das gemeinsame Ziel der Beteiligten prinzipiell mit allgemeinen gesellschaftlichen Zielen zusammenfällt” (Rudolph 1996, 45).
Allgemeine Ziele sind dabei weniger inhaltlich bestimmt, sondern dadurch, “dass sie sich nicht gegen die Interessen bestimmter Personen oder Gruppen richten können” (Holzkamp 1980, 210). Dabei muss sich der Einzelne keinem Ganzen unterordnen, sondern sein ganz individuelles Sein - wie das der anderen - schafft die Gesellschaft. Wenn er sich ganz für sich und seine Interessen einsetzt, setzt er genau damit das Stückchen Gesellschaftlichkeit in die Welt, das seiner Individualität entspricht. Die individuelle Subjektivität ist die
“Gewinnung der bewußten Bestimmung der eigenen Lebensumstände in gleichzeitiger Überschreitung der Individualität, da durch Zusammenschluß mit anderen unter den gleichen Zielen die Möglichkeiten der Einflußnahme auf die eigenen Lebensbedingungen sich potenzieren” (Rudolph 1996, 45).
Subjektbeziehungen und Instrumentalbeziehungen können wir dementsprechend wie folgt skizzieren (Rudolph 1996, 46):

Subjektbeziehungen
  • Die gemeinsamen Ziele der Einzelnen fallen mit allgemeinen gesellschaftlichen Zielen zusammen.
  • Es handelt sich um Beziehungen ohne Unterdrückung.
  • Das Interesse an der Subjektentwicklung des anderen Beteiligten ist das Interesse eines jeden.
  • Daraus entsteht eine begründbare Grundlage für wechselseitiges Vertrauen.
  • Angstlosigkeit, Freiheit, Offenheit und Eindeutigkeit in der gegenseitigen Zuwendung.
Instrumentalbeziehungen
  • Ein Zusammenschluß von Gleichgesinnten findet statt unter dem Gesichtspunkt der Durchsetzbarkeit gleicher individueller Ziele gegenüber nicht Gleichgesinnten (oder gesellschaftlicher Partialinteressen gegeneinander).
  • Sie werden hergestellt und zusammengehalten über die Vorteile, die die Beziehung dem Einzelnen oder allen Beteiligten gegenüber anderen bringt.
  • Sie werden reguliert durch Zwang, Abhängigkeit, Druck, Unterdrückung.
Die konkrete Utopie intersubjektiver Beziehungen beschreibt Iris Rudolph so: “Ich möchte eine Welt, in der die Menschen sich nicht gegenseitig benötigen, in der sie einfach durch das, was sie tun und alles lassen, für sich tun und lassen, gleichzeitig auch das Beste für alle anderen tun” (Rudolph 1998, 78).
Es ist einsichtig, dass das Ziel der Erringung der “Epoche der Menschen” auf Grundlage intersubjektiver Beziehungen niemals auf dem Wege instrumenteller Ausnutzung erreicht werden kann. Kein noch so “positives Ziel” rechtfertigt die Durchsetzung individueller Interessen auf Kosten anderer. Ein Ziel, dass auf Kosten anderer er-reicht oder angestrebt wird, ist kein allgemeines, sondern in Partialinteressen begründet, und die Durchsetzung von Partialinteressen ist immer mit Instrumentalbeziehungen verbunden. Die Übereinstimmung von Weg und Ziel ist damit keine moralische Forderung, sondern eine immanent logische! Verstoße ich dagegen, ist das kein Grund für ein schlechtes Gewissen oder moralische Verdammnis, sondern ein Anlaß, die Gründe für das Durchschlagen partieller Interessendurchsetzung auf Kosten anderer anzusprechen. Dabei ist der selbstschädigende Charakter solcher Handlungen offenzulegen. dass hierbei Angstlosigkeit, Freiheit und Offenheit eine Voraussetzung für die Klärung von Konflikten bilden, ist deutlich. Es wird klar: Subjektbeziehungen kann man nicht erzwingen, sie sind dennoch unhintergehbar die Voraussetzung auf dem Weg in eine herrschaftsfreie Gesellschaft.
Grundsätzlich können wir kaum vorschreiben, wie diese neue Gesellschaft ihre Kooperation zu organisieren hat. Eins jedoch muss gewährleistet sein: die Einzelnen müssen die Möglichkeit haben, wählen und neu schaffen zu können. Sie müssen aus dem jeweils Gegebenen auch “herausgehen” können. Dies ist die einfachste und grund-legendste Voraussetzung für Freiheit: “Nur das macht freie Kooperation aus: dass man sie aufkündigen oder einschränken kann, um Einfluß auf ihre Regeln zu nehmen.” (Spehr 1999, 236).
Wenn dies unserem grundlegenden Ziel entspricht, entsteht eine Übereinstimmung mit den Wegen, auf denen wir nur dahin gelangen können. Die Forderung, dass der Weg dem Ziel entsprechen müsse, ist also hochaktuell. Es ist jedoch nicht damit getan, die bisherigen Herrschaftsmittel fortzuräumen. Damit die geschaffenen Freiräume auch wirklich durch die Menschen im emanzipatorischen Sinne genutzt werden, müssen Erfahrungen von Subjektbeziehungen in den Freiräumen möglich sein. Die Möglichkeit intersubjektiver Beziehungen muss prak-tisch als real besser, angenehmer, herausfordernder und perspektivreicher erlebt werden als die alltäglichen Erfahrungen mit instrumentellen Beziehungen, die wir alle immer wieder machen. Dabei gilt, dass Subjektbeziehungen nicht aufgrund einer neuen “political correctness” den neuen moralischen Anpassungsmaßstab für individuelles Handeln bilden - das wäre absurd, ja geradezu kontraproduktiv: Subjektbeziehungen sind niemals vorstellbar als Resultat einer Anpassung an den “Gruppendruck” oder was auch immer. Subjektbeziehungen sind das Gegenteil der Übernahme des Nahegelegten, ob im Verhältnis zur gesellschaftlichen Wertmaschine oder zu einer Initiative, Gruppe etc. Jede Kritik, die im vorgeblichen Interesse der Gruppenharmonie unterbleibt, ist eine verlorene Chance - für die Gruppe und für mich.
Fähigkeiten und Bedürfnisse entwickeln sich permanent, das gilt auch für intersubjektive Beziehungen. Die praktischen Erfahrungen in der Kooperation mit anderen, bei der Aktion, beim Streik, bei der Blockade oder beim Flugblatt schreiben bilden eine wichtige Grundlage. Widerstand ist deshalb auch Subjektwerdung wie sie z.B. Peter Weiss im Roman “Ästhetik des Widerstands” (1983) ausführlich beschreibt. Hier haben auch so begrenzte Formen wie Zukunftswerkstätten, das Konzept “New Work” (nur das tun, was ich “wirklich, wirklich” tun will) oder Tauschringe, die Fixierungen auf Lohnarbeit und Geld aufbrechen, ihren berechtigten Platz. Voraussetzung ist, dass sie nicht die Integration in den gegebenen Kapitalismus befördern, sondern Widersprüche hervorrufen, die zu weiteren Auseinandersetzungen beitragen. “Soziale Erfindungen” sind unverzichtbar, doch die Inhalte dürfen dahinter nicht zurückbleiben.

Egoismus als Antrieb

Oft wird eingewandt: Warum soll die Entfaltung des Einzelnen die Rettung bringen – wird dann nicht nur alles schlimmer? Die Menschen sind nun mal egoistisch, faul oder ... (nach Belieben aufzufüllen). Doch das ist ein großer Unfug. Kein Mensch ist “nun mal” so oder so. Die Menschen verhalten sich unter den gegebenen Bedingungen so, wie es ihnen das sich selbst reproduzierende Wertverwertungssystem nahelegt, d.h. wie sie meinen, unter den gegebenen Bedingungen über die Runden zu kommen. Unter kapitalistischen Bedingungen heißt dies strukturell: Ich kann mich nur behaupten, wenn ein anderer es nicht kann, ich kann mich nur auf Kosten anderer durchsetzen. Oder wie es der (damalige) US-Vorstandsvorsitzende von Daimler-Chrysler, Robert J. Eaton, formuliert: “Die Schwachen müssen sich verändern, oder sie werden sterben” (zitiert in Junge Welt, 8.7.1999). Im Kapitalismus kann es zudem ja nicht nur Starke geben, sondern der aktuelle Starke ist der nächste Schwache – wie auch Eaton erfahren musste, der später von seinen deutschen “Partnern” abserviert wurde (woran er jedoch gewiß nicht zugrunde ging).

Die Mehrzahl bestehender Ideologien und Moralen verteufelt den Egoismus. Mitunter ist es auch eine Frage der Definition, oft aber steht tatsächlich der Anspruch dahinter, es sei irgendwie verwerflich, an sich zu denken und für sich das Nützliche anzustreben. Zum einen ist das eine krasse Anforderung, der Mensch solle als Antrieb für sein Leben nicht den Wunsch nach einem besseren Leben haben. Das ist höchstens aus dem Blickwinkel der InhaberInnen höherer Interessen nachvollziehbar, die Menschen unterwerfen wollen und ihnen deshalb die Idee, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, auszureden versuchen.
Zum anderen sitzt die Warnung vor dem bösen Egoismus einem weitverbreiteten Irrtum auf - nämlich dass der Egoismus der Feind des Nutzens Anderer oder gar Aller ist. Das mag daher rühren, dass es in unserer heutigen Gesellschaft meist so geregelt ist. Ständige Verwertung, die Bildung von Eigentum mit der in Verwertungsabsicht vollzogenen Abschottung gegenüber anderen und das Buhlen um künstlich verknappte Ressourcen, Arbeitsplätze, Informationen usw. schaffen eine Situation, bei der der Vorteil des einen auf dem Nachteil des anderen beruht. Wer aus Wissen Geld machen will, lässt es patentieren oder auf andere Art schützen - was anderen schadet. Wer ein Gerät oder eine Maschine besonders profitabel verwerten will, entzieht sie anderen oder sorgt am besten sogar dafür, dass andere so etwas nicht haben.
Drittens gilt aber auch noch etwas Anderes: Was als egoistisches gilt, ist in der heutigen Gesellschaft gewünscht, gefördert und oft sogar erzwungen. Aber es nützt oft nicht einmal den vermeintlichen EgoistInnen. Im Gegenteil: Das Erschreckende ist nicht, dass Menschen nur das tun, was ihnen nützt, sondern das, was auch ihnen nichts nützt. Die Diskursmacht, d.h. die Zurichtung und Normierung, ist stärker als der egoistische Antrieb. Den Menschen wird etwas eingetrichtert, was für sie gut sein soll - und das tun sie dann. Ängste werden hervorgerufen, damit abweichendes Verhalten unterbleibt. Es ist überhaupt nicht nützlich, alles selbst erfinden, Wissen und Instrastruktur als Eigentum zu bunkern und nur über Geld die Ideen und Dienstleistungen anderer nutzen zu können. Das kapitalistische System steckt wesentlich mehr Geld und Arbeit in nicht produktive Bereiche, d.h. in Zerstörung, Kontrolle, Verwaltung und in das Bezahlsystem als solchem. So finanziert der Kauf einer Fahrkarte für Bus oder Bahn zu guten Teilen vor allem das System der Fahrkarten selbst, also den Schein, die KontrolleurInnen, die Automaten, die Buchhaltung dahinter und die Werbung zum Kauf der Fahrkarten. Das ist nicht effizient - weder für die Einzelnen noch für die Anderen. Wert und Verwertung sind Selbstzweck. Unter ihrem Regime wird Egoismus, d.h. der Antrieb zum besseren eigenen Leben, zum Desaster für Andere, oft auch für gesellschaftliche Ressourcen und für den Erhalt einer lebenswerten Umwelt.

All das müsste nicht so sein. In einer Gesellschaft, in der die Produktivkraft nicht in die Schaffung von nur für Privilegierte zugänglichen Informationen, Ressourcen und Reichtümern gesteckt wird, sondern die Ergebnisse allen zugänglich sind, stellt jede produktive Tätigkeit einen Fortschritt für alle dar, sei es die Herstellung von Sachen oder der Entwurf neuer Ideen, Techniken oder Pläne. Der eigene Fortschritt ist dann so schnell, wie alle zu einer Weiterentwicklung beitragen - einschließlich jedem/r selbst. Es gäbe dann keine Entkopplung mehr zwischen eigenem und gesellschaftlichen Fortschritt, weil alles der Einzelnen auch in der Gesellschaft ist - und alles der Gesellschaft dem Einzelnen dient.

Selbstentfaltung ist das Gegengift zum Verwertungswahn

Die Selbstentfaltung des Einzelnen klappt am besten, wenn sich auch alle anderen frei entfalten - weil dann deren Ideen, Wirkungen und vieles mehr auch für den Einzelnen nutzbar werden: Als Ausgangspunkt, Vorlage, Beispiel oder materielle Ressource. Doch das Ganze gilt auch andersherum: Eine freie Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der die unbeschränkte Entfaltung des Einzelnen die Voraussetzung für die Entfaltung aller ist. Die unbeschränkte Selbstentfaltung ist nicht nur eine subjektiv wünschenswerte und angenehme Vorstellung, sondern sie ist auch erforderlich. Wieso das? Der Kapitalismus ist mit einer Maschine vergleichbar, die aus Wert mehr Wert macht. Diese Maschine ist ein subjektloser Automat, der sich selbst vorantreibt und in diesem Vorantreiben reguliert. Zentraler Antrieb ist der Wert und zwar sowohl für die Seite der Produktion einschließlich des damit erreichbaren Profits als auch die des Konsums.
Auf der Seite der Produktion geht es darum, durch Einsatz von Technik und Wissenschaft die Arbeitsmenge im Produkt permanent zu verringern, also die Produktherstellung ständig zu verbilligen, wozu die Konkurrenz unablässig antreibt. Dieser Sachzwang wird vom Kapitalverwalter, vom Manager, vom Kapitalisten ausgeführt. Gleichzeitig ist jeder Produzent auf der Suche, über weitere Mechanismen das Produkt wiederum zu verteuern, also zusätzlichen Wert zu schaffen. Die Förderung des Markenimages ist das bekannteste Beispiel der Schaffung von Wert, um dieses dann verwerten zu können.
Ein ähnlicher Sachzwang besteht auf der Seite des Konsums. Nur durch Verkauf seiner Arbeitskraft kann der Produktionsmittellose am Konsum teilhaben. Gleichzeitig muss er konsumieren, nicht nur um zu überleben, sondern auch um über den Konsum seine Arbeitskraft wieder herstellen: Arbeiten gehen, um Arbeiten zu gehen bzw. dabei eventuell den Verkaufswert seiner Arbeitskraft zu steigern. Die Aufrechterhaltung dieser Hamsterrad-Logik ist das zentrale Interesse der Herrschenden, weswegen “Arbeit” ungebrochen im Zentrum herrschender Ideologie steht, der sich regelmäßig auch Linke anschließen.
Wichtig ist nun: Alle Beteiligten, ob Herrschende oder Beherrschte, reproduzieren durch ihr Tun den subjektlos ablaufenden totalitären Verwertungszusammenhang, in dem sie die strukturellen Zwangsvorgaben erfüllen. In diesem Sinne gibt es keine “Schuldigen” oder “Unschuldigen”, das individuelle Handeln ist innerhalb der gegebenen Grenzen sogar subjektiv funktional. Alle Beteiligten bilden die große Maschine der endlosen Verwertung von Wert.
Die kapitalistische Verwertung ist dabei so angelegt, dass man sich nur auf Kosten anderer behaupten kann – das Maß unterscheidet sich bei Herrschenden und Beherrschten gewiß erheblich. Doch entscheidend ist diesem Zusammenhang: Der Kapitalismus ist kein “steuerbares” System, es steuert sich selbst durch einen Wertvermehrungs-Automatismus, der keinen Winkel der Erde und keinen Raum des individuellen Rückzugs ungeschoren läßt - ein totalitäres System, das gar keiner Exekutoren mehr bedarf, wie es Diktaturen, Demokratien und andere Regime benötigen, um den Einfluss derer zu beschränken oder ganz auszumerzen, die den Regeln nicht folgen. Wer sich dem Kapitalismus entzieht, steht außerhalb der Reproduktionszyklen einer vom kapitalistischen Wirtschaften fast überall erfassten Welt. Er verhungert oder wird zumindest in seinen Handlungs- und Einflussmöglichkeiten gebremst. Die Maschine läuft auch ohne ihn einfach weiter (so jedenfalls die Theorie: Praktisch sieht es noch etwas anders aus, wenn z.B. subversive Aktionsmethoden die Kraft der Maschine anzapfen, um sie gegen sie zu wenden).
Dieses amoklaufende totalitäre Wertverwertungssystem kann nur abgeschafft, die “schöne Maschine” kann nur abgeschaltet oder sabotiert werden. Der Holzschuh, der das Getriebe blockiert (Ursprung des Wortes Sabotage), ist sinnbildlich dafür.
Die Alternative zur Steuerung der Menschen durch einen Sachzusammenhang ist die Steuerung aller Sachzusammenhänge durch die Menschen. Die heutige Bestimmung der Menschen durch den Wert wird ebenso abgelöst durch die Bestimmung aller Angelegenheiten der Menschen durch die Menschen selbst, wie alle Fremdbestimmung durch Religionen, HerrscherInnen, autoritäre Moral und Tradition. Nur so – und nicht anders – sind die Verheerungen des monströsen Kapitalismus wieder in lebbare Verhältnisse umkehrbar, in Natur wie Gesellschaft. Die selbstbestimmte Entfaltung jedes Einzelnen ist kein freundlicher Wunsch, sondern unabdingbare Rettungsvoraussetzung der Menschheit.

Selbstentfaltung dagegen vollzieht sich niemals auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der anderen Menschen notwendig voraus, da sonst die eigene Selbstentfaltung begrenzt wird. Im eigenen Interesse habe ich also ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese Vision läuft unseren heutigen Bedingungen, unter denen man sich eingeschränkt und nur auf Kosten anderer durchsetzen kann, total zuwider. Unbeschränkte Selbstentfaltung des Menschen ist unter den Bedingungen der totalitären “schönen Maschine” undenkbar. Denn Selbstentfaltung schließt Fremdbestimmung – seien es sachliche oder soziale Zwänge – aus. Wenn alle abstrakten, gleichgültigen, subjektlosen Zwänge verschwinden, bleiben als alleiniger Maßstab des Handelns die individuellen Bedürfnisse der Menschen. Ohne abstrakten Markt liegen sie auch wieder im direkten Zugriff der Menschen. Mich unter diesen Bedingungen auf Kosten anderer durchzusetzen, schadet mir unmittelbar selbst – denn die/der Andere ist nun ohne vermittelnden Markt meine unmittelbare Lebensbedingung. Und wer will mit einem “Arsch” noch etwas zu tun haben?
Das Handeln des Anderen ist für mich direkt relevant, es gibt keine Umwege mehr, keineR ist mehr käuflich. Positiv gedacht bedeutet das: Da ich “auf Kosten” anderer nichts mehr erreichen kann, liegt es nahe, möglichst viel in Kooperation mit anderen oder sogar im gemeinsamen Interesse zu tun. Erst in einer freien Gesellschaft kann die Kooperation ihre schier unbegrenzten Potenzen entfalten. Die eigene und die kooperative Entfaltung bedingen einander, treiben sich geradezu an.
Es würde zum unmittelbaren Ziel, alle kooperationswidrigen und individuell beschissenen oder behindernden Bedingungen aus der Welt zu schaffen. Kein Sachzwang, keinE VorgesetzteR und kein noch so hohes Gehalt würden uns davon abhalten. Niemand muss mehr ständig und krampfhaft Profit realisieren, um ein Bedürfnis zu erfüllen. Endlich können sich die Menschen unbehindert und undirigiert durch die unkontrollierbare Maschine den Problemen der Welt, die nun ihre Probleme sind, zuwenden. Die Aufhebung der Marktabstraktion bedeutet nämlich auch, dass Probleme wieder näher heranrücken. Es gibt keine Instanz im Irgendwo mehr, die “verantwortlich” ist. Jeder selbstbestimmt handelnde Mensch in einer freien Gesellschaft trägt unmittelbar Verantwortung für sein Tun.

Im Original: Zum Vergleich: Text der ersten Auflage ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): Freie Menschen in Freien Vereinbarungen, SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 68ff)
Selbstentfaltung statt Wertverwertung
Eine freie Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der die unbeschränkte Entfaltung des Einzelnen die Voraussetzung für die Entfaltung aller ist. Die unbeschränkte Selbstentfaltung ist nicht nur eine subjektiv wünschenswerte und angenehme Vorstellung, sondern sie ist auch objektiv erforderlich. Wieso das?
In Kapitel 2 haben wir den Kapitalismus mit einer Maschine verglichen, einer Maschine, die aus Wert mehr Wert macht. Diese Maschine ist ein subjektloser Automat, der sich selbst reguliert. Zentraler Regulator ist der Wert und zwar in zweifacher Weise: für die Seite der Produktion und die des Konsums. Auf der Seite der Produktion geht es darum, durch Einsatz von Technik und Wissenschaft die Arbeitsmenge im Produkt, den Wert, permanent zu verringern, also die Produkte ständig zu verbilligen, wozu die Konkurrenz unablässig antreibt. Dieser Sachzwang wird vom Kapitalverwalter, vom Manager, vom Kapitalisten ausgeführt. Ein ähnlicher Sachzwang besteht auf der Seite des Konsums. Nur durch Verkauf seiner Arbeitskraft kann der Produktionsmittellose am Konsum teilhaben, an dem er jedoch auch teilhaben muss, will er über Konsum seine Arbeitskraft wieder herstellen: Arbeiten gehen, um Arbeiten gehen zu können. Die Aufrechterhaltung dieser Hamsterrad-Logik ist auch zentrales Interesse der Herrschenden, weswegen “Arbeit” ungebrochen im Zentrum herrschender Ideologie steht, der sich nicht selten auch Linke anschließen.
Wichtig ist nun: Alle Beteiligten, ob Herrschende oder Beherrschte, reproduzieren durch ihr Tun den subjektlos ablaufenden totalitären Verwertungszusammenhang, in dem sie die strukturellen Zwangsvorgaben erfüllen. In diesem Sinne gibt es keine “Schuldigen” oder “Unschuldigen”, das individuelle Handeln ist innerhalb der gegebenen Grenzen subjektiv funktional. Die kapitalistische Verwertung ist so angelegt, dass man sich nur auf Kosten anderer behaupten kann – das Maß unterscheidet sich bei Herrschenden und Beherrschten gewiß erheblich. Doch entscheidend ist diesem Zusammenhang: Der Kapitalismus ist kein “steuerbares” System, es steuert sich selbst durch einen Wertvermehrungs-Automatismus, der keinen Winkel der Erde und keinen Raum des individuellen Rückzugs ungeschoren läßt - ein wahrhaft totalitäres System.
Dieses amoklaufende totalitäre Wertverwertungssystem kann nur abgeschafft, die “schöne Maschine” kann nur abgeschaltet werden. Die Alternative zur Steuerung der Menschen durch einen Sachzusammenhang ist die Steuerung aller Sachzusammenhänge durch die Menschen. Die totale Bestimmung der Menschen durch den Wert wird abgelöst durch die Bestimmung aller Angelegenheiten der Menschen durch die Menschen selbst. Nur so – und nicht anders – sind die Verheerungen des monströsen Kapitalismus wieder in lebbare Verhältnisse umkehrbar – in Natur wie Gesellschaft. Die selbstbestimmte Entfaltung jedes Einzelnen ist kein freundlicher Wunsch, sondern unabdingbare Rettungsvoraussetzung der Menschheit.
Oft wird eingewandt: “Warum soll die Entfaltung des Einzelnen die Rettung bringen – wird dann nicht nur alles schlimmer? Die Menschen sind nun mal egoistisch, faul, xxx” (xxx = nach Belieben aufzufüllen). Das ist ein großer Unfug. Kein Mensch ist “nun mal” so oder so. Die Menschen verhalten sich unter den gegebenen Bedingungen so, wie es ihnen das sich selbst reproduzierende Wertverwertungssystem nahelegt, so, wie sie meinen, unter den gegebenen Bedingungen über die Runden zu kommen. Unter kapitalistischen Bedingungen heißt dies strukturell: Ich kann mich nur behaupten, wenn ein anderer es nicht kann, ich kann mich nur auf Kosten anderer durchsetzen. Oder wie es der (damalige) US-Vorstandsvorsitzende von Daimler-Chrysler, Robert J. Eaton, formuliert: “Die Schwachen müssen sich verändern, oder sie werden sterben.” (junge Welt, 8.7.99)
Und im Kapitalismus kann es nicht nur Starke geben, der aktuelle Starke ist der nächste Schwache – wie auch Eaton erfahren musste, der inzwischen von seinen deutschen “Partnern” abserviert wurde (woran er jedoch gewiß nicht zugrunde geht).
Selbstentfaltung dagegen vollzieht sich niemals auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der anderen Menschen notwendig voraus, da sonst meine Selbstentfaltung begrenzt wird. Im eigenen Interesse habe ich also ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese Vision läuft unseren heutigen Bedingun-gen, unter denen man sich eingeschränkt nur auf Kosten anderer durchsetzen kann, total zuwider. Die unbeschränkte Selbstentfaltung des Menschen ist unter den Bedingungen der totalitären “schönen Maschine” undenkbar. Selbstentfaltung schließt Fremdbestimmung – seien es sachliche oder soziale Zwänge – aus. Wenn alle abstrakten, gleichgültigen, subjektlosen Zwänge verschwinden, ist der alleinige Maßstab des Handelns die individuellen Bedürfnisse der Menschen. Ohne abstrakten Markt liegen sie wieder direkt im Zugriff der Menschen. Mich unter diesen Bedingungen auf Kosten anderer durchzusetzen, schadet mir unmittelbar selbst – denn der andere ist nun ohne vermittelnden Markt meine unmittelbare Lebensbedingung. Und wer will mit einem “Arsch” noch etwas zu tun haben? Das Handeln des anderen ist für mich direkt relevant, es gibt keine Umwege mehr, keiner ist mehr käuflich. Positiv gedacht bedeutet das: Da ich “auf Kosten” anderer nichts mehr erreichen kann, liegt es nahe, alles in Kooperation mit anderen im gemeinsamen Interesse zu tun. In einer frei-en Gesellschaft erst kann die Kooperation ihre schier unbegrenzten Potenzen entfalten. Die eigene und die kooperative Entfaltung bedingen einander, treiben sich gerade zu an.
Es wird klar, dass alle kooperationswidrigen und individuell beschissenen und behindernden Bedingungen aus der Welt geschafft werden. Und das ist auch möglich, denn niemand muss mehr Profit realisieren, um ein Bedürfnis zu erfüllen. Endlich können ich die Menschen unbehindert und undirigiert durch die außer Kontrolle geratene “schöne Maschine” den Problemen der Welt, die nun ihre Probleme sind, zuwenden. Die Aufhebung der Marktabstraktion bedeutet nämlich auch, dass alle Probleme wieder näher heranrücken. Es gibt keine abstrakte Instanz mehr, die “verantwortlich” ist. Jeder selbstbestimmt handelnde Mensch in einer freien Gesellschaft trägt unmittelbar Verantwortung für sein Tun.

Wie geht's?

Selbstentfaltung ist Gegenkultur. Fast alle Einflusse der Umwelt prägen heute in die andere Richtung. Menschen werden auf Rollen geprägt, ihnen wir eigenständige Handlungsfähigkeit, ja sogar der Willen dazu gekommen. Menschen verspüren nach einigen Jahren Schule keine Lust mehr auf Lernen und eignen sich nur noch (oft widerwillig) das an, was von ihnen verlangt wird. Ihre Schaffenskraft bringen sie nur ein, wenn sie dafür entlohnt werden. Sie lernen, dass sich eigene Initiative, eigenes Können außerhalb von Erwartungskorridoren nicht rentiert. Mitunter richten sie sich kleine, begrenzte Inseln kreativen Auslebens an - als Hobbies.

Ausbrechen, Freiheiten erkämpfen, das Leben wagen

Der erste Schritt ist eine Entscheidung: Ich will hier raus! Auch wenn Kooperationen die Selbstentfaltung fördern, wenn gegenseitige Hilfe die Handlungsmöglichkeiten erweitern - der Entschluss muss aus dem eigenen Willen erfolgen. Flucht allein ist nur ein Schein: Der Kapitalismus ist "schlau" genug, flexible Reaktionen auf Ausbruchsträume bereit zu halten. Zum einen werden rauhe Ränder offen gehalten, in die Menschen fallen können, wo sie aber auch nicht mehr stören - ob nun als Obdachloser auf der Straße, als Hartz-IV-EmpfängerIn in der Schlichtwohnung mit Kabelempfang oder als Punk am städtischen Brunnen, gefangen in der Illusion von Widerständigkeit. Zum anderen arbeiten überall Reparaturbetriebe, die Arbeitskraft wieder herstellen - Kurorte, Krankenhäuser, Psychiatrien, Gefängnisse, Familien, Schulen. Selbstverständlich stehen auch sie unter der allumfassenden Logik von Profit und Verwertung. Selbst für den Protest sind geordnete Kanäle vorgesehen, von Demonstrationszügen bis zu politischen Parteien. Sie spielen angesichts ständig neuer Verwerfungen eine wichtige Rolle, aufkommenden Protest in appellative Kraft zu wandeln und am besten die Maschine aus den Kritiken zu optimieren.

Der Ausbruch muss sich gegen die Maschine wenden. Er muss nicht gleich vollständig sein - kann aber. Wo er jedoch stattfindet, sollte er konsequent sein. Denn die Maschine ist gefräßigt. Sie saugt jede kulturelle Neuerung auf und macht sie zu einem Teil von sich selbst, wenn diese nicht widerständigen Abstand hält. Der Ausbruch muss gegenkultureller Art sein, d.h. es kommt nicht nur auf den Inhalt von Protest, sondern auch auf die Art an, wie er sich organisiert und vermittelt. Alles muss Sand im Getriebe und darf nicht vereinnahmbar sein.
Weniger wichtig ist, ob das Stück groß oder klein ist, das wir der Maschine von unserem Leben entreißen, um selbiges wieder selbst zu gestalten. Die Debatte um Reform oder Revolution ist sowohl für unseren Alltag wie auch insgesamt sinnlos. Entscheidend ist, dass das, was wir an Änderung herbeiführen (wollen), nicht die Maschine größer macht, sondern den Teil, der außerhalb der Maschine liegt - oder die Maschine direkt blockiert. Nach dem großen Schuh, der alles zum Stillstand bringt, werden wir lange suchen müssen. Es gibt keinen angreifbaren, alles verbindenden Mechanismus, der wie ein Schalter zu betätigen ist. Hinzu kommt der fehlende Willen auch bei den meisten Protestgruppen, die Verhältnisse umzuwerfen. Ein Schmiermittel der Maschine ist Gesinnung, die wie ein Naturgesetz bleiern über der gesamten Szenerie liegt. Es braucht daher bereits einen kraftvollen Willensentschluss, sich loszureißen - zumindest für ein kleines, vielleicht wachsendes Stück. Denn ein Gelingen kann Mut machen für mehr.

Experimentierfelder schaffen

Suchen wir uns für den Sprung aus der Maschine Orte, die es wert sind. Meist müssen sie erst geschaffen werden. Die Maschine lässt nicht einfach überall Schlupflöcher oder Leerstellen. Die Büsche des Maquis müssen gepflanzt werden! Das geht überall, aber manche Orte bieten sich im Besonderen an. Das sind zum einen die, die für den Betrieb der Maschine nicht so von Bedeutung sind oder die sich der Kontrolle leichter entziehen. Hier könnten selbstbestimmtes Leben und das Ausprobieren anderer Organisierungsformen leichter fallen als dort, wo konkurrierende Ansprüche schnell aufeinanderprallen, also z.B. am Arbeitsplatz oder in der Ausbildung. Aber Achtung: Direkte Repression und autoritäre Verhaltenssteuerung sind nur ein Teil der äußeren Beeinflussung. Diese abzuschütteln, reicht nicht. Denn jeder Mensch spiegelt die Zurichtungen und Diskurse der Gesellschaft auch selbst wider. Sie müssen aktiv überwunden werden. Experimentierfelder, die wir wählen, müssen nicht groß, sollten aber konsequent sein. Sonst scheitern wir ziemlich schnell an uns selbst oder dem sozialen Umfeld, welches am Experiment beteiligt ist. Das ist schon allzu oft geschehen, dass Menschen ihre direkte Beherrschung abschüttelten, um dann selbst die Garanten der Normalität in ihrem Leben zu werden (siehe Vereine, selbstverwaltete Betriebe, neue Parteien, besetzte Häuser ...). Wir schleppen unsere Zurichtungen und Maßstäbe in neue Projekte und Experimente hinein, weshalb dort regelmäßig das Bisherige - vielleicht in leicht modernisierter Form - reproduziert wird. Spätestens bei Krisenstimmung brechen die alten Gewohnheiten durch, Kontrolle und Beschränkungen werden als Lösungsweg gewählt. Das zeigt dann, wie kleingeistig der Entwurf eigentlich war, und integriert die vermeintliche Keimzelle des Neuen in das Alte.
Zudem wirken überall die direkten Beeinflussungen in die Experimente hinein. Fast immer bleiben oder entstehen Notwendigkeiten, Gelder zu erwirtschaften oder zu beschaffen. Erarbeitete Ergebnisse sollen gesichert werden - von Eigentum über Außenbeziehungen bis zum Wissen. Das Neue befindet sich im Alten. Es kann im Falschen besser bestehen, wenn es nach den Regeln des Falschen handelt, also das eigene Wissen hortet, die Ressourcen als Eigentum behandelt und Werte schafft. Dummerweise wird es dann auch zum Falschen, denn genau das ist ja das Prägende im Hier und Jetzt: Konkurrierender Gebrauch von eigener Denk- und Schaffenskraft, von Handlungsmöglichkeiten und Ressourcen.

Um ein Experimentierfeld zu schaffen, bedarf es also einer Konsequenz in alle Richtungen. Es bedarf nicht des revolutionären Einakters im Kleinen, also der vollen Entfaltung aller Möglichkeiten von Beginn an. Erstens würde das in vielen Fällen die eigenen Möglichkeiten überfordern, zweitens ist Selbstentfaltung ein Prozess, in dessen Verlauf sich die Möglichkeiten erst auftun, die dann ergriffen werden können. Es kommt also nicht auf die quantitative Radikalität des Anfangs, sondern die Konsequenz als dauernder Prozess an.

Den Alltag zum Experimentfeld wandeln

Ein besonderes Experimentierfeld sei noch genannt. Es ist das, was uns am direktesten umgibt und am meisten prägt: Unser eigener Alltag. Wie wir wohnen, wie wir uns fortbewegen, wie wir uns materiell reproduzieren, welche Beziehungen wir zu anderen Menschen pflegen, wie wir kommunizieren - das und vieles mehr ist zwar oftmals Selbstverständlichkeit im Tagesverlauf und deshalb nicht besonders stark im Bewusstsein. Aber tatsächlich liegen hier die effektivsten Veränderungspotentiale. Zudem muss niemand Aufwand betreiben, um an diese Orte der Veränderung von Lebensentwürfen zu gelangen. Der Alltag ist schon da. Immer. In ihm materialisiert sich alles, was an gesellschaftlicher Fremdsteuerung auf uns lastet: Unsere eigene Zurichtung, die Diskurse, die autoritären Formen der Verhaltenssteuerung, die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten. Der Wandel im Kleinen ist also, soll er nicht in einer Selbsttäuschung enden, die Auseinandersetzung mit dem Ganzen. Der Satz "Das Private ist politisch" gewinnt hier seine sinnvolle Anwendung - nicht jedoch in der Behauptung, es sei bereits eine politische Handlung, was jedeR privat macht. Wer aber den Alltag oder Teile davon bewusst zu verändern beginnt in Richtung selbst gewählter Gestaltung des eigenen Lebens, wird mit eigenen Prägungen und dem Einfluss von außen in Konflikt kommen. Das provoziert Handlungen, die Wirkung nach außen entfalten - und dann politisch sind.

Kein Sprung aus den vorgegebenen Rillen dieser Gesellschaft ist der Wechsel der Rillen. "Alternativ" leben ist heute meist nur eine unbedeutende Entscheidung für ein andere Flussbett, in dem mensch sich dann weiter treiben lässt. Es ist weder selbstbestimmt, mit viel Geld umweltgerechte Produkte zu kaufen, noch mit inzwischen von vielen Modefirmen gecoverten Che-Guevara-T-Shirts oder Nietengürteln in der Gegend herum zu laufen oder zu sitzen. Darin steckt kein eigener Impuls, alles wurde schon zigmal durchgekaut und vorgegeben. Mitunter sind es sogar diese gefühlt alternativen Szenen, die am stärksten die Einhaltung der Verhaltenscodes von den Mitgliedern ihrer identitären Gemeinschaften einfordern.

Autonomie stärken, Fähigkeiten und Möglichkeiten aneignen

Die Macht kapitalistischer Gesellschaft beruht wesentlich auf dem Entzug von Möglichkeiten außerhalb kapitalistischer Bezüge. Es ist das Ziel kapitalistischer Zurichtung, Menschen auf eine bestimmte Rolle in der Maschine vorzubereiten, ihnen dafür Wissen und Handlungskompetenz zu geben, sie aber für alles andere unmündig und unfähig zu halten. Die Lust, sich über das zur Existenz als Rädchen in der Maschine erforderliche Wissen hinaus mehr an Fähigkeiten anzueignen, geht immer mehr gegen null - eine unglaubliche Erfolgsgeschichte des Kapitalismus. Er organisiert sich Menschen, die nicht mehr willens und fähig sind, außerhalb ihrer eigenen Verwertung in der Maschine überhaupt zu existieren. Sie brauchen die Maschine, um die Tauscheinheit (Geld) für ihre eigene Reproduktion zu erhalten. Ohne diese wären sie hilflos. Das Mitmachen erscheint funktional, weil es das Überleben sichert - alternativlos.

Selbstentfaltung geht anders herum. Nicht mehr das, was für das Funktionieren in der Maschine wichtig ist, sondern das, was für die eigene Entfaltung passt, steht im Mittelpunkt. Vielfach fehlt dazu heute die Motivation. Es mag für manche Menschen leichter sein, in ganz kleinen Schritten anzufangen. Andere schaffen es eher mit großen Sprüngen. Das muss jedeR selbst entscheiden und ausprobieren. Ohne die Aneignung von Fähigkeiten wird es aber kaum gehen. Der Zeitgeist ist in die andere Richtung gegangen. Die modernen Medien und Techniken setzten immer stärker auf die Anwendbarkeit ohne viel Wissen. Wer heute im Internet unterwegs ist, hat nur noch selten irgendwelche Ahnung, wie was funktioniert. Treten Probleme auf, sind die meisten AnwenderInnen auf die - mit schönen Werbeworten - angebotenen Instantlösungen per Download angewiesen. Klemmt es an der Hardware, hilft meist nur noch der Neukauf eines Geräts, bei dem - wieder der Werbung folgend - alles besser sein soll. Dabei wäre Selbsthilfe hier noch einfach. Um einiges komplexer sind Fragen, wie Menschen wohnen, genug zu essen beschaffen oder sich ihren Freundeskreis nicht von äußeren Gegebenheiten diktieren lassen. Auch da drängt der Zeitgeist unaufhörlich in die falsche Richtung: Facebook & Co. sind riesige und von vielen, insbesondere jüngeren Leuten genutzte Plattform sozialer Vernetzung, die per Computerklick den Freundeskreis zusammenbauen - nach standardisieren Parametern, wer zu wem passt. Die Welt am Draht oder die biotechnologische Optimierung des Menschen auf die Anforderungen der großen Maschine ist gar nicht mehr nötig. Es ist längst so, dass wir uns von Beruf bis FreundInnen alles aus Behörden- oder technischen Apparaten heraus vorgeben lassen können.

Dabei ist nicht die Technik als solches das Problem. Sie könnte auch für die Selbstentfaltung des Menschen hilfreich sein. Dann aber müsste der Mensch die Technik bewusst einsetzen, also selbst das Subjekt bleiben. Dafür bedarf es der Fähigkeit, d.h. der Aneignung des Wissens über die Handhabung der Technik, die dann als Hilfsmittel zur Selbstentfaltung dient. ExpertInnenwissen ist dabei gar nicht notwendig, aber schon soviel, um selbst der/die DirigentIn des eigenen Lebens und des Einsatzes von Hilfsmitteln in demselben zu sein.

Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München (S. 82)
Wir vergessen, dass zwar jede Freiheit, die bereits errungen wurde, mit äußerster Energie verteidigt werden muss, dass aber das Problem der Freiheit nicht nur ein quantitatives, sondern auch ein qualitatives ist; dass wir nicht nur die traditionelle Freiheit zu bewahren und zu erweitern haben, sondern dass wir uns auch eine neue Art von Freiheit erringen müssen, die uns in die Lage versetzt, unser individuelles Selbst zu verwirklichen und zu diesem Selbst und zum Leben Vertrauen zu haben.

Aus dem "Potsdamer Manifest 2005 (Infoseite und als PDF)
Das schöpferisch-erfinderische Potenzial, das sich in der individuellen Besonderheit des eigenen Weges ausdrückt, erhöht den Ideen- und Entwicklungsreichtum für eine Vielzahl von Lebensstilen, für Neu- und Fortentwicklungen von Bestehendem und stellt so einen unersetzbaren Wert dar. So realisiert sich die hohe produktive Potenzialität menschlich-schöpferischen Handelns auch ökonomisch im Sinne eines alle bereichernden Plus-Summen-Spieles.

Wahrnehmung trainieren

Die Ausdehnung von Handlungsmöglichkeiten ist ein entscheidender Vorgang der Selbstentfaltung. Denn zwischen diesen Handlungsmöglichkeiten kann ich dann wählen. Dazu gehört nicht nur die Aneignung von Fähigkeiten, sondern auch das Trainieren der Wahrnehmung. Denn das eigene Umfeld bietet Handlungsmöglichkeiten - wenn ich sie entdecke. Wer einen Überblick hat, wo in der eigenen Umgebung welche Hilfsmittel bereitstehen, wo was auszuleihen ist, wer welches Wissen hat oder wobei helfen kann, wo welche Rohstoffe zu bekommen sind usw., wird eigene Entscheidungen sehr viel schneller umsetzen können. Kooperationen und Kommunikation zwischen Menschen können deshalb auch immer die Selbstentfaltung stützen, weil die eigenen Handlungsmöglichkeiten schneller ausbaubar sind.

Oder anders herum: Es ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen und Nichtnutzung von Handlungsoptionen, dass sich die BewohnerInnen eines Reihenhauses untereinander nicht kennen, alle in ihren eigenen vier Wänden das Überleben aus eigener Kraft versuchen und sich wahrscheinlich alleüber die angebotenen Mechanismen der kapitalistischen Welt reproduzieren (aufwendig die eigene Arbeitskraft verkaufen, um mit dem dafür erhaltenen - oftmals mickrigen - Geld dann die Arbeitskraft anderer für eigene Zwecke einkaufen zu können).

Wer seine Umwelt bewusst wahrnimmt und auf Handlungsmöglichkeiten überprüft, dehnt die Handlungsfähigkeit enorm aus. Zudem ist aktive Wahrnehmung dessen, was rund um das eigene Leben passiert, sinnvoll, um die bestehenden Ressourcen zu schonen. Denn auch das will geübt sein: Erkennen, wo und wie ein Eingreifen nötig ist, damit bestehende Handlungsmöglichkeiten nicht ständig verloren gehen.

Fragend voran: Selbstreflexion

Wer viel macht, macht viele Fehler. Dieses Sprichwort ist zwar recht einseitig, denn erstens ist Mitschwimmen im Strom der Normalität ja nicht frei von Fehlern, zweitens vor allem ein gesamter großer "Fehler". Zudem übt "Machen", d.h. es führt zur Aneignung von Möglichkeiten. Das gilt jedenfalls dann, wenn der Prozess der Selbstentfaltung selbstreflektierend verläuft. Die aktive Wahrnehmung wird auch auf die Folgen des eigenen Handelns ausgedehnt, diese also kritisch hinterfragt. Fehler haben dann einen Nutzen - zum Lernen.
Nicht gemeint ist damit die Selbstreflexion in Fremdsteuerung. Sie war und ist historisch verankert, dient aber eher der Kontrolle von Abweichungen. Kirchliche Beichten sollen ebenso wie Benotungen, Strafjustiz, Disziplinarverfahren oder die Erklärung von Menschen als (geistes)krank die Dominanz des Normalen sichern.

Selbstreflexion als Beitrag Entfaltung der eigenen Persönlichkeit sieht anders aus. Sie führt eher zu Abweichungen von der Norm - als gesamtgesellschaftlicher Prozess sogar zur Auflösung der Norm (und damit zum Ende von Strafe, Justiz, Psychiatrisierung usw.). Es geht nicht um den Vergleich des eigenen Handelns mit den gesellschaftlich vermittelten Erwartungen, sondern um das Hinterfragen, ob das konkrete Handeln oder die erreichten Situation mit dem übereinstimmen, was mensch wollte oder will. "Fragend schreiten wir voran" - so benannten die Zapatistas ihren Aufstand gegen die Unterdrückung durch die mexikanische Regierung und, allgemeiner, gegen die Bevormundung durch eine kapitalistische Gesellschaftsordnung. Das Emanzipatorische dieser Idee, die dort für einen Befreiungskampf vieler Menschen galt, lag in der Annahme, dass es nicht möglich sein würde, das Endergebnis planerisch so vorwegzunehmen, dass nur noch ein geordneter Ablauf von "Revolution" nötig wäre, um zum Ziel zu kommen. Zudem müsste das erreichte Ziel ja dann auch noch verteidigt werden - ein Denkfehler, an dem fast alle bisherigen Revolutionen scheiterten, in dem sie selbst zum konservativen Moment gegenüber weiteren Entwicklungen mutierten.
Wie im Großen, so auch im Kleinen: Selbstentfaltung ist ein Prozess, der davon lebt, immer neue Möglichkeiten, aber auch die entstehenden Grenzen, Chancen der Überwindung und Irrwege, Zaghaftigkeiten und mehr zu entdecken. Das geht allein im Nachdenken über die Entwicklungen, aber oft besser zusammen mit anderen in einer hinterfragenden, nicht - wie in vielen identitären Gruppen - ständig nur selbstbestätigenden Kommunikation.
Methoden dazu müssen entwickelt werden. Soziale Innovationen sind dringend nötig.

Pippi Langstrumpf

Wenn die Fähigkeit zu bewussten Denken und damit die Basis kulturellen Lebens in Verbindung steht mit der im Laufe der Evolution gewachsenen Länge der Kindheit und Jugend, dann müsste die aktuelle Politik der Verkürzung dieser Phase (Stichwort: G8, d.h. die Reduzierung der Schulzeit zum Abitur auf 12 Jahre) alle Alarmglocken läuten lassen. Hier wird Raubbau an der Menschheit betrieben! Die IdeologInnen von Normierung und Unterwerfung knabbern an den materiellen Grundlagen der Evolution, an Selbstbestimmung und Autonomie. Noch dazu sind ihre Vorgehensweisen entlarvend. Denn während sie bei der Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre (politische Debatte im Jahr 2010) argumentieren, die Menschen würden ja auch insgesamt länger leben, handeln sie bei der Verkürzung der Jugendphase genau gegenteilig. Es geht also eher darum, Menschen länger auszubeuten. Für das Funktionieren im Arbeitsmarkt sind selbstbewusste Menschen dabei störend. Die entsprechende Bildung soll zwar Talente wecken und fördern, aber in vorgegebene Bahnen hinein.

Emanzipation als Ausgang des Menschen aus der Unmündigkeit muss also für das kämpfen, was die Idee von Kindheit und Jugend ist: Ausprobieren, neue Orientierungen entwickeln, sich aus der Umklammerung von Erwartungshaltungen zu befreien - soweit es halt geht. Eigene Wege finden, sich entwickeln, kreativ sein und Neues wagen - das menschliche Gehirn und die gesamte materielle Basis des Lebens bleiben bis zum Tod wandlungsfähig. Es gibt keinen Grund, diese Idee der Jugend nicht in das gesamte Leben zu retten, zumindest als Teil des Ganzen, denn fraglos werfen manche Merkmale im "erwachsenen" Leben (eigene Kinder, langandauernde Projekte usw.) neue Fragen z.B. von Verbindlichkeit auf, die mit Pippis Idee, nicht erwachsenen werden zu wollen, in einen - hoffentlich produktiven - Widerspruch geraten.

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Aus Gopnik, Alison, "Kleinkinder begreifen mehr", in: Spektrum der Wissenschaft, 10/2010 (S. 69)
Vermutlich entstand die lange Hilflosigkeit und Abhängigkeit unserer Kinder als evolutionärer Kompromiss, denn das gibt dem jungen Gehirn viel Zeit, passende Schaltkreise einzurichten - Zeit für Lernen und Kreativität. ...
Zu den auffälligsten biologischen Besonderheiten des Menschen zählt die extrem lange Kindheit. Warum aber ist unser Nachwuchs so lange dermaßen hilflos und warum müssen wir so viel Mühe und Sorge aufwenden, damit er am Leben bleibt? Bei vielen Tierarten korrelieren Intelligenz und gesitige Beweglichkeit der Erwachsenen mit dem Grad von Unreife der Jungen. Auf der einen Seite verfügen beispielsweise die Küken von so genannten nestflüchtenden Vögeln, etwa Hühnern, über Anlagen, dank deren sie sich in ihrer spezifischen Umwelt zurechtfinden. Die Jungen solcher Arten kommen relativ weit entwcikelt zur Welt und werden oft rasch selbstständig. Auf der anderen Seite setzen viele Nesthockerarten, die ihre Jungen lange füttern und bereuen müssen, verstärkt auf Lernen - wie etwas Krähen, die mit ihrer Erfindungsgabe schon oft überrascht haben, zum Beispiel wenn sie sich aus einem Draht ein Werkzeug herstellen.
In der Jugend ausgiebig zu lernen, hat als Lebensstrategie zwar viele Vorteile. Allerdings ist bei solchen Arten ein unerfahrenes Junges deswegen noch hilflos und gegenüber Gefahren besonders gefährdet. Als Lösung entstand in der Evolution eine Arbeitsteilung zwischen Eltern und Nachwuchs. Sie gewährt den Kindern eine beschützte Zeit, in der sie die Welt um sich her kennen lernen dürfen, ohne schon Alltagsaufgaben meistern zu müssen. Später können sie das Gelernte zum eigenen Überleben und zur Fortpflanzung nutzen - und es auch bei der Versorgung der nächsten Generation anwenden. In diesem Sinn sind Menschenkinder geradezu zum Lernen geboren.
Manche der Gehirnmechanismen hinter dieser hohen Lernkompetenz verstehen Neurowissenschaftler langsam. Das Gehirn eines kleinen Kindes ist plastischer als das eines Erwachsenen. Es weist zunächst deutlich mehr Verbindungen zwischen Nervenzellen auf. Zwar wirken diese Kontakte meist nicht besonders effizient. Aber mit der Zeit werden ungenutzte Anschlüsse verworfen und viel genutzte Bahnen verstärkt. Das Kleinkindgehirn ist zudem reich an Molekühlen zum Umstrukturieren von Neuronenverschaltungen.
Auffallend langsam reift beim Menschen eine bei ihm besonders ausgeprägte Partie des Stirnhirns, der so genannte präfrontale Kortex, also die Großhirnrinde im Stirnbereich. Sich auf etwas konzentrieren, Handlungen planen und effizient durchführen, überhaupt höhere kognitive Leistungen gehen von dort aus. Die Grundlage dafür schafft die lange Lernphase in Kindheit und Jugend. Vielleicht sind die Verschaltungen in diesem Hirnteil erst im Alter von Mitte 20 einigermaßen komplett. Die mangelhafte Kontrolle durch den präfrontalen Kortex bei jungen Menschen mag als großes Manko erscheinen. Doch dieses Handikap dürfte dem Lernen immens zugutekommen. Schließlich hat das genannte Stirnhirngebiet später die Aufgabe, gerade unwichtige und nebensächliche Gedanken oder Handlungen zu unterdrücken. Ohne derartige Hemmungen erforscht sich die Welt vermutlich viel unvoreingenommener.

Was hindert uns?

Angst und die scheinbare Funktionalität des totalitären Systems Kapitalismus

Fast alle Menschen haben Angst ums Überleben oder, wenn das wegen ausreichendem Reichtum nicht mehr der entscheidende Punkt ist, um ihren Lebensstandard. Das ist auch erstmal verständlich, denn das Leben im Kapitalismus ist so eingerichtet, dass es von meinem Funktionieren in diesem abhängt, ob ich (bequem) überleben kann oder nicht. In anderen autoritären Gesellschaftsformationen war und ist das nicht grundsätzlich anders - das Überleben hängt dort dann vom Feudalherren, König oder Parteiapparat ab. Um Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren, werden Alternativen zu dieser Abhängigkeit systematisch unmöglich gemacht. Daher kollidiert der Wille, aus dem System und der Umklammerung auszubrechen, immer mit der Angst, dann nicht überleben zu können. Das ist geschickt eingefädelt und ein großes Hemmnis für soziale Innovation. Es kommt dabei gar nicht darauf an, ob das überhaupt stimmt. Es reicht, wenn die Angst besteht.

Beitrag von Stefan Meretz auf Opentheory "Alles für alle"
Der Kapitalismus ist eine kybernetische Maschine. Der Ausstieg ist aus mehreren Gründen so endlich schwer: (1) Das System hat sich selbst totalisiert, es durchdringt langsam alle Bereiche; (2) jede/r ist gezwungen, die Maschine zu bedienen, weil nur dadurch die eigene Existenz gesichert werden kann; (3) es gibt kein Außerhalb, auch wenn ich anderes will und vielleicht anderes praktiziere, muss ich doch am Alten teilhaben. Dennoch führt kein Weg dran vorbei: Das Neue muss praktisch in die Welt gesetzt werden. Und wir müssen die "Mechanik" (oder Dynamik) des Neuen begreifen, um es nicht als verkapptes Altes zu betreiben. Daran ist z.B. der Realsoz. gescheitert: Es war nicht neu. Manche sagen, das Progessive war, dass er als erstes und dann auch ziemlich geräuschlos von der Weltbühne abgetreten ist. So freundlich wird das mit dem Kapitalismus nicht gehen.

Zurichtungen

Der Mensch wird mit einer Grundausstattung an Fähigkeiten geboren, die weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Diese entwickeln sich erst mit der Zeit. Eigene Aktivitäten, Erfahrungen, Beobachtungen, Wissen und vieles mehr prägen jeden heranwachsenden Menschen. Die Gesamtmischung der Einflüsse ist bei jedem Menschen anders, ebenso die Art der Aufnahme und Verarbeitung, d.h. des materiellen "Einbrennens" all dieser Eindrücke, Empfindungen und Gedanken. Jeder Mensch ist in jedem Augenblick eine Art Geschichtsbuch all dieser in sich aufgenommenen und aus ihm entstandenen Eindrücke (ein hinsichtlich der materiellen Dimension der Verinnerlichung von Erfahrungen sehr passendes Wort).
In der bestehenden Gesellschaft werden Menschen sehr stark in vorgegebene Rollen und Verhaltensweisen gepresst. Die Gesamtheit solch eingeübter Muster macht das Gewohnte aus. Es mag noch so fremdbestimmt sein, dennoch erscheint die Wiederholung gewohnter Verhaltensweisen funktional. Die Umgebung reagiert berechenbar. Oftmals entsteht sogar ein Glückgefühl daraus, erwartetes Verhalten zu zeigen und die vorgegebene Rolle auch hinzukriegen. Anders sind Umfrageergebnisse, die Menschen in stark fremdbestimmten, dienenden Lebenslagen als überdurchschnittlich zufrieden zeigen, nicht zu erklären. Damit aber wird der selbst mitgeschaffene Lebenskanal zum Hindernis für jede emanzipatorische Wendung. Die "Trivialisierungsanstalten", wie Heinz von Förster Schulen und Erziehungssysteme nennt, machen Menschen zu willigen VollstreckerInnen der Normen und Diskurse.

Im Original: Zurichtung zum Normalen: Trivialisierung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer in Wiesbaden
Die gesamte soziale Struktur kann als ein geschlossener Operator verstanden werden, der aus den unendlichen Möglichkeiten des Verhaltens gewisse stabile Werte und vorhersehbare Formen der Interaktion entstehen läßt, sie schälen sich - aus der unendlichen Vielfalt des Möglichen - heraus und sind von einem analytischen Standpunkt aus unerklärbar, aus der Perspektive des Erfahrbaren jedoch prognostizierbar. Es entstehen Eigenwerte bzw. Eigenverhalten, stabile Formen der Interaktion. Sprache, Sitten und Gebräuche eines Kulturkreises kann man demnach als Eigensprache, Eigensitten und Eigengebräuche dieses Kulturkreises interpretieren, eines Kulturkreises, in den wir selbst einbezogen sind. ... (S. 61)
An der roten Ampel bleiben die meisten Autos stehen. Der Grund dafür ist, dass wir in einer Kultur leben, die uns dazu bringt, ein stabiles Eigenverhalten zu entwickeln, Signale auf eine spezifische Weise zu interpretieren, sie als eine Einladung zu ganz bestimmten Verhaltensweisen zu deuten – und im Falle einer roten Ampel auf die Bremse zu treten. Man könnte auch sagen, dass man nicht informiert, sondern „in Form gebracht“ wird. (S. 98)

Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer in Wiesbaden
H.F. Es existiert eine unbedingte und unveränderliche Relation zwischen Input und Output. Die triviale Maschine ist ausgesprochen zuverlässig, ihre inneren Zustände bleiben stets dieselben, sie ist vergangenheitsunabhängig, synthetisch und analytisch bestimmbar. ihre Übertragungsfunktion kann man - falls man sie aus irgendeinem Grund vergessen haben sollte - durch ganz einfache Input-Output-Versuche herausbekommen; das Experiment der Analyse ist trivial. Und das ist der eigentliche Grund für ihre Beliebtheit; ich behaupte, dass sich unsere westliche Kultur geradezu in diesen Typ von Maschine verliebt hat. Sie ist der Inbegriff unserer Sehnsucht nach Gewißheit und Sicherheit. Wenn wir ein Auto kaufen, verlangen wir eine Trivialisationsgarantie, wir möchten gerne, dass sich das Auto - zumindest während der vertraglich garantierten Zeit - auf eine stets berechenbare Weise verhält. Und wenn es dies nicht tut, dann bringen wir es zu einem Trivialisateur, der unseren Wagen wieder trivialisiert.
B. P. Aber die erneute Verwandlung eines nicht mehr richtig funktionierenden Autos in eine triviale Maschine ist doch sehr sinnvoll und eventuell lebensnotwendig.
H.F. Korrekt, allerdings gibt es viele weniger sinnvolle Bestrebungen, die Natur, unsere Mitmenschen und unsere Umwelt in eine triviale Maschine zu verwandeln. Denken Sie nur an den gesellschaftlichen Umgang mit Kindern, die sich - zu unserem Schrecken - vielfach auf eine nichttriviale Weise verhalten. Man fragt ein Kind: "Was ist zwei mal zwei?" Und es sagt: "Grün!" Eine, solche Antwort ist auf eine geniale Weise unberechenbar, aber sie scheint uns unzulässig, sie verletzt unsere Sehnsucht nach Sicherheit und Berechenbarkeit. Dieses Kind ist noch kein berechenbarer Staatsbürger, und vielleicht wird es eines Tages nicht einmal unseren Gesetzen folgen. Die Konsequenz ist, dass wir es in eine Trivialisationsanstalt schicken, die man offiziell als Schule bezeichnet. Und auf diese Weise verwandeln wir dieses Kind Schritt für Schritt in eine triviale Maschine, das unsere Frage "Was ist zwei mal zwei?" auf immer dieselbe Weise beantwortet. ... (S. 55)
B. P. Wenn ich diese Annahme, der Mensch sei eine nichttriviale Maschine, weiterdenke, wird die Überraschung zum Kontinuum und die grundsätzliche Unvorhersehbarkeit zur Normalität. Der Mensch erscheint aus dieser Perspektive als ein Möglichkeitswesen, dessen Reaktionen und Verhaltensweisen prinzipiell unvorhersehbar sind. Es könnte immer auch anders sein, es könnte immer etwas gänzlich Unvorhersehbares geschehen. Aber das geschieht nicht, das passiert nicht. ... (S. 59)
B. P. Das ist ein guter Moment, um einige der konkreten Anwendungen, die den praktischen Bezug Ihres Denkens offenbaren, zu diskutieren. Vielleicht beginnen wir mit Fragen, die sich im weitesten Sinn auf das Gebiet der Pädagogik beziehen. Sie haben einmal einen Satz formuliert, der zeigt, dass sich Ihre Begriffe durchaus zur Gesellschaftskritik verwenden lassen. Dieser Satz lautet: "Der Großteil unserer institutionalisierten Erziehungsbemühungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren."
H.F. Das Schreckliche mit den Kindern ist, so glauben viele, dass sie sich auf eine nicht voraussagbare Weise gebärden. Sie agieren noch nicht wie triviale Maschinen, die auf einen bestimmten Input immer ein und denselben Output erzeugen. Da unser Erziehungssystem daraufhin angelegt ist, berechenbare Staatsbürger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen. Vielfach darf in der Schule eine Frage nur eine Antwort haben; ... (S. 65)
Dieses gute Zeugnis ist ein Beleg für eine geglückte Trivialisierung. Wenn man wirklich immer – klick, klick, klick – die gewünschten Antworten gibt, dann kriegt man gute oder hervorragende Noten, das ist alles. ... (S. 68)

Es gibt viele Beispiele der Trivialisierung des Lebens. Moderne Technologien schaffen zwar neue Handlungsräume, aber sorgen oft - darauf auch gezielt ausgerichtet - für das Ausbluten jeder Kreativität und Selbständigkeit des Denkens. Das gesamte Internet orientiert auf Multiple Choice. Nicht die eigene Entscheidung, das eigene Wollen, sondern das Angebot an Anklickmöglichkeiten entscheidet über den Weg durch digitale Netze. Das Internet lädt gerade dazu ein, einfach mitzuschwimmen im riesigen Datenstrom, ohne selbst beizutragen oder wenigstens zu steuern, wohin die Reise geht. Inzwischen greift das sogar auf die Auswahl von PartnerInnen in sozialen Netzen durch. Facebook & Co. sind riesige Maschinen der Trivialisierung von Soziakontakten, denn die Auswahl der FreundInnen in diesem großen Netz erfolgt durch standardisierte Parameter - also bei Millionen Menschen nach gleichen Algorithmen.

Im Original: Erziehung und normfreier Raum ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Eisenberg, Götz (2010): "... damit mich kein Mensch mehr vergisst!", Pattloch in München (S. 225 f.)
Viele Eltern sind normunsicher und orientierungslos und wissen längst nicht mehr, woran sie sich in puncto Erziehung halten sollen. Verbindliche, auf konsistente normative Orientierungen bezogene Handlungsmuster haben sich zersetzt, die Ressourcen eines von Generation zu Generation weitergegebenen lebenspraktischen Wissens über die Grundtatsachen des Lebens scheinen verbraucht. Dennoch kommen Eltern nicht umhin, ihre Kinder zu erziehen, ihren Trieben eine Form zu geben und ihr Über-Ich zu prägen. Diese anomische Situation wird zu einer Quelle von Stress und Unsicherheit und ruft das Gefühl einer chronischen Überforderung hervor. Mancher Wutausbruch gegen Kinder stellt den hilflosen Versuch dar, eine allzu komplexe Situation magisch vereinfachen zu wollen.
Angst vor Neuem

Wir leben in einer visionslosen Zeit. Neue Ideen für die Zukunft sind kaum noch gefragt. Viele Menschen haben sich in die Privatheit zurückgezogen. Individualität ist nur noch das, was es im „Supermarkt der Lebensstile“ zu kaufen gibt - nur eine lebenswerte Utopie für alle scheint gerade nicht im Angebot zu sein. Wirklich Neues bewusst zu schaffen, scheint keinen Reiz mehr auszuüben. Die Dinge entwickeln sich wie von selbst. Zumindest scheint es so oder wird von denen so verkauft, die tatsächlich die gesellschaftlichen Entwicklungen steuern. ...
Einen Zukunftsdialog gibt es kaum noch. Alles wickelt sich ab, die Menschen wirken wie unbeteiligte ZuschauerInnen der Dialoge über die Zukunft. Schlimmer noch: Die Menschen reproduzieren die Logik einer Gesellschaft, in der alles verwertet wird, in der alles danach ausgerichtet ist, was es wirtschaftlich bringt. Sehr viele Menschen haben Angst vor Neuem und gesellschaftlcher Weiterentwicklung. Gleichzeitig überlassen sie denen, die Kraft ihrer Position wesentlichen Einfluß auf die Gesellschaft haben und an den Hebeln der Macht sitzen, kampflos das Geschehen – und damit auch den Einfluß auf Veränderungen. Was übrig bleibt, sind Prozesse, die scheinbar von selbst ablaufen, die nicht mehr hinterfragt und erst recht nicht in Frage gestellt werden. Große Erklärungen hat kapitalistische Ordnung nicht mehr nötig – sie ist übriggeblieben und stellt sich selbst wie ein „Naturgesetz“ dar. [„Naturgesetz nannt der Siemens-Expo-Beauftragte Schusser die weitere Entwicklung der Welt hin zu totaler Vermarktungslogik. (Quelle: Film „Alles im Griff“, 1998, Hannover)] Die Lücke fehlender Begründungen und Legitimation wird verklebt mit Papieren und Konzepten, die als „visionär“ bezeichnet werden, aber realpolitischer nicht sein könnten. Die Agenda 21 war ein solches Beispiel. Wer sie liest, reibt sich vielleicht angesichts des Rufes, den die Agenda genießt, verwundert die Augen: Überall wird der freie Welthandel als Rettung der Umweltprobleme gepriesen, Begrenzungen der freien Wirtschaft werden als die eigentlichen Ursachen für die Umweltzerstörung genannt. Gelöst werden sollen die aktuellen Probleme vor allem mit der Gentechnik, aber auch z.B. mit neuen Atomkraftwerken. Ist irgendwas an solchen Vorschlägen visionär? Die Agenda 21 könnte aus der Feder des Bundesverbandes der Deutschen Industrie stammen, aber UmweltschützerInnen oder Eine-Welt-Gruppen machten sie in den 90er Jahren zur positiven Vision für das neue Jahrhundert.

Aus Kropotkin, Peter (1985): "Gesetz und Autorität", Libertad Verlag in Berlin (S. 12)
Der Mensch, besonders wenn er abergläubisch ist, hat immer Furcht, etwas Bestehendes zu verändern und verehrt allgemein, was alt ist. ... Das Unbekannte setzt sie in Schrecken; sie ziehen vor, sich an die Vergangenheit zu klammern, wenn auch diese Vergangenheit Elend, Unterdrückung und Knechtschaft war. Man kann sogar sagen: Je unglücklicher der Mensch ist, desto größer ist seine Furcht vor einer Änderung, befürchtend, er könnte noch unglücklicher werden. Ein Hoffnungsstrahl, eine Spanne Wohlsein müssen seine Hütte erwärmen, damit er anfängt, es besser haben zu wollen, seine alten Lebensgewohnheiten zu kritisieren und dieselben zu verändern. ...
Dieser Hang zum Gewohnten, welcher seine Quelle im Aberglauben, in der Nachlässigkeit und Feigheit hat, bildete zu allen Zeiten die Macht der Unterdrücker; ...

Angst und Ohnmacht

Für die Wirkung, etwas nicht zu tun, reicht das Gefühl, etwas nicht zu können, nicht zu dürfen oder gar nicht die Gelegenheit zu etwas zu haben. Dieses wird durch eine soziale Zurichtung gesteigert, in dem Abweichungen von der Norm zu Misserfolgserlebnissen werden - angefangen von der Zurechtweisung in Elternhaus oder Kindergarten über die Ausgrenzung des Andersartigen auf dem Schulhof bis zur Benotung "Thema verfehlt" für kreative Eigenideen.

Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 61)
Neben der Angst eigenständige Schritte in Richtung einer selbstbestimmten persönlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu unternehmen, ist die negative Erfahrung des Scheiterns bei solchen Versuchen wesentlich dafür verantwortlich, dass viele Versuche nicht über die Ebene eines einmaligen Ansatzes herauskommen, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Es dürfte in diesem Zusammenhang hilfreich sein, nicht nur weitgesteckte utopische Ziele zu formulieren, die zwar moralisch und auf der "Radikalitätsskala" ganz oben angesetzt sind, aber für alle Beteiligten so fern sind, dass jedwedes Bemühen diese Ansprüche umzusetzen, scheitern muss.

Beschränkter Zugang zu Ressourcen

Fehlende Gleichberechtigung behindert die Selbstentfaltung zumindest Einiger oder Vieler. Das wiederum - im Sinne des Wechselspiels zwischen Eigennutz und Gemeinnutz - behindert wieder alle. Insofern ist der gleichberechtigte Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen eine Voraussetzung für die Selbstentfaltung. Doch davon ist die Welt weit entfernt. Fast überall ist Geld die Voraussetzung, um materielle Ressourcen zu erlangen. Wissen, vor allem das über Handlungsmöglichkeiten, über die Netze handlungskompetenter Personen und das Wissen über den Zugang zu Informationen und Kommunikationsnetze, ist oft nicht einmal für Geld, sondern nur über die Zugehörigkeit zu privilegierten Kreisen zu erlangen. Dadurch sind viele Menschen und ganze gesellschaftliche Schichten dauerhaft in ihren Handlungsmöglichkeiten beschränkt.

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