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Praxis: Umwelt und Ressourcen

Umweltschutz von unten ++ Umwelt oder Mitwelt? ++ Flächen- und Rohstoffverbrauch ++ Fazit ++ Experimente und Aktionen ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

Zentrale Steuerung oder Umweltschutz von unten?

Die Machtstrukturen in der Gesellschaft, also nicht zwischen Mensch und Natur, führen zu der Situation, dass einzelne Menschen aufgrund vorhandener Herrschaftsstrukturen in die Umwelt eingreifen können, ohne auf die Folgen Rücksicht zu nehmen. Umweltzerstörung, die immer auch eine Zerstörung der Lebensgrundlage von Menschen ist, geschieht nur im Rahmen von Machtstrukturen, von herrschaftsorientieren Systemen wie dem Kapitalismus, dem Staatskapitalismus (sogenannter „real existierender Sozialismus“), Diktaturen oder anderen Groß-Hierarchien, weil die Menschen nur hier gegen ihr Interesse handeln, sich in einer lebenswerten Umwelt und auf deren Grundlage entfalten frei zu können. Sie tun das einerseits aus dem Zwang heraus, sich innerhalb der Machtgefüge ihr Überleben sichern zu müssen. Das geschieht in der Regel über Erwerbsarbeit, die die Arbeitenden dann allerdings gefügig macht. Um ihre Einnahmequelle nicht zu gefährden, werden sich auch gegen ihre eigenen Interessen handeln. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen, die Vergiftung von Nahrungsmitteln (die sie später auch selbst konsumieren könnten) oder das Ausräumen einer schönen landschaftlichen Umgebung sind die Folge.
Ebenso fördert die Existenz einer Machtpyramide die Entscheidung für umweltzerstörende Maßnahmen bei den InhaberInnen von Macht an der Spitze der Pyramide. Denn diese haben dadurch die Möglichkeit, die Ausführung ihrer Pläne so zu gestalten, dass andere die Folgen ausbaden müssen. Sie zerstören also nicht ihre Umwelt, sondern die anderer - und verdrängen die Tatsache, dass Ökosysteme immer offen sind, d.h. ein Eingriff nicht lokal beschränkbar ist.
So oder so, also ob als AbhängigeR oder als PrivilegierteR, ist die Existenz von Herrschaft die Voraussetzung der Umweltzerstörung im großen Maßstab.

Umweltschutz muss daher eine Auseinandersetzung mit den Herrschaftsstrukturen und gesellschaftlichen Reproduktionslogiken sein. Ziel muss erstens sein, institutionalisierte Macht abzuschaffen, damit den Menschen wieder die Gestaltungskraft über die Umwelt zufällt - allerdings nun ohne dass sie die Folgen auf andere abwälzen. Zweitens müssen die Rahmenbedingungen überwunden werden, die Menschen dazu bringen, selbst immer wieder ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Menschen müssen wieder in die Lage versetzt werden, ohne Zerstörung der Umwelt zu überleben bzw. sich zu entfalten. Dafür brauchen sie die Umwelt als Lebensgrundlage. Umweltzerstörung würde sich gegen sie selbst richten, während Umweltschutz ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten fördert.

Emanzipatorischer Umweltschutz stärkt die Menschen in ihren Handlungsmöglichkeiten und macht sie zu den AkteurInnen. Politische Entscheidungen, die Gestaltung der eigenen Umwelt, ja das Leben und die gesellschaftliche Organisierung werden aus der Zuständigkeit der Parlamente oder Machtsphären der Märkte und Unternehmen herausgeholt und zur Sache der Menschen gemacht. Die Straßen, Häuserblöcke und Landschaften gehören den Menschen, die in ihnen leben, von ihnen leben oder die ihnen aus anderen Gründen wichtig sind. Niemand kann einfach über Flächen und Orte bestimmen ohne die Betroffenen und Interessierten. Als "Demokratisierung" von Flächen- und Rohstoffverbrauch ließen sich die Schritte zum Ziel eines gleichberechtigten Zugangs zu allen Ressourcen bezeichnen. Sie bilden das Gegenkonzept zu Ordnungsrecht oder kapitalistischen Instrumenten wie CO2-Zertifikaten oder Ökosteuer.
Vision ist eine Welt von unten. Die kleinen Schritte dahin bestehen aus konkreten Projekte, die die Menschen zu den EntscheiderInnen machen: Windanlagen, die den Menschen drumherum gehören (statt teurer Großanlagen ohne örtliche Akzeptanz und großen Stromleitungen zu den VerbraucherInnen), Stromnetze im Besitz der BürgerInnen, ökologische Bauernhöfe im Gemeinschaftsbesitz, lokale Ökonomien ohne Apparate und vieles mehr.

 

Aus Werner Seppmann, "Mit der Natur versöhnen", in: Junge Welt, 3.2.2016 (S. 12f)
Selbstbestimmung und ökologische Selbstbesinnung bedingen einander. ...
Verstehen wir den Kommunismus als eine Gesellschaft, in der die Menschen die Gestaltung ihrer Lebensbedingungen in die eigenen Hände genommen haben, ist auch zu vermuten, dass viele Dinge, die heute »professionalisiert« und kommerzialisiert sind, wieder in die unmittelbaren Lebenszusammenhängen reintegriert und zu Alltagsangelegenheiten werden.
Wie das Leben in der Zukunftsgesellschaft sich konkret organisiert, kann nicht präzise erörtert werden. Jedoch wird es mit großer Sicherheit in anderen Formen geschehen, als ein kapitalistisch geprägter Geist es sich vorzustellen vermag, denn auch in den Bildern grüner »Idyllen« macht »kapitalistischer Geist« sich noch bemerkbar, nicht zuletzt, weil sie von einer spezifischen Form von Weltfluchtbedürfnissen geprägt sind. Das Neue kann nicht einfach die Fortsetzung des Alten sein; es entfaltet sich erst nach dem Bruch mit ihm.

Umwelt oder Mitwelt?

Das war eine der altruistischen Stimmungen: Der Mensch sollte sich nicht mehr als Nabel der Welt sehen, sondern als gleichberechtigt neben allen – Ameisen, Pferden, Schnittlauch. Das mag ja ein gut gemeinter Versuch sein, aber zunächst gibt es keinen Ausweg: Jeder Mensch nimmt immer durch die eigene Brille wahr. Es gibt keinen objektiven Standpunkt außerhalb der eigenen Person - jeder Mensch nimmt immer nur durch das eigene Raster von Deutungen, Anschauungen und bisherigem Wissen wahr, jede Person mit Funktion oder abhängiger Beschäftigung hat als zusätzliches Raster noch die Erwartungshaltungen an seine Rolle und Tätigkeit im Kopf.

Es ist folglich zumindest ehrlicher, deshalb aber vielleicht besser, sich selbst als das gestaltende Zentrum des Wahrnehmens, Wertens und Entscheidens zu begreifen. Denn dann kann ehrlicher mit dieser Position umgegangen werden. Das Leben und die unbelebte Natur um mich herum ist meine Umwelt. Ich stehe als BetrachterIn im Mittelpunkt. Ich treffe (eventuell oder hoffentlich zusammen mit anderen Menschen, aber nie mit Tieren, Pflanzen oder Steinen) die Entscheidungen über den Umgang mit der Umwelt, ihren Schutz, Nutzung oder Gestaltung. Ohne Hierarchien kann ich das nicht so organisieren, dass ich nicht immer auch Betroffener meiner Handlungen bin - genau auch deshalb ist "Umwelt" der durchaus passende Begriff.

Der Begriff "Mitwelt" und viele der damit verbundenen, ethischen Überlegungen sollen hier nicht diskreditiert werden. Wird er gewählt, um eine bestimmte Haltung zur Umwelt auszudrücken, ohne das Bewusstsein zu verlieren, selbst als AkteurIn im Mittelpunkt zu stehen und die - hoffentlich reflektierten, willensstarken - Entscheidungen zu treffen, so ist daran nichts Anti-Emanzipatorisches zu sehen. Bedeutet es aber die Aufgabe oder Herabsetzung des Selbst, dann schon.

Flächen- und Rohstoffverbrauch

Die zentralen Bausteine für politische Reformen in Richtung eines emanzipatorischen Umweltschutzes, also für Veränderungen im Hier und Jetzt, betreffen die Frage des Zugriffs auf Flächen und Rohstoffe. Deren Gebrauch führt zu Umweltzerstörungen. Folglich entscheidet die Art der Nutzung von Flächen und Rohstoffen über die Umweltbilanz. Doch wie kann diese umweltfreundlicher gestaltet werden?
Die gängige, herrschaftsbejahende Theorie sagt, dass Umwelt dann zerstört ("verbraucht") wird, wenn es keine Normen und Durchsetzungsinstitutionen für ihren Schutz gibt. Darauf begründen sich Eigentum, behördliche Kontrolle, Gesetze, Strafen und mehr in der Reglementierung des Umgang mit der Umwelt. Doch die Praxis führt das Versagen vor Augen. Ob Kapitalismus oder Realsozialismus - sie alle vollziehen einen Raubbau, der beispiellos ist. Ihre Machtpotentiale lassen sie die Folgen des Raubbaus in die Peripherien der Welt verlagern, wo Menschen kaum Chancen haben, sich dem Elend zu entziehen oder sich zu wehren gegen die VerursacherInnen der Zerstörung, die wie Aliens aus den reichen Industrienationen kommen oder beauftragt sind und mit Maschinen und Gewehren die Bedürfnisse der vor Ort lebenden Menschen plattwalzen.
Auch die in jüngster Zeit hinzugefügten ökonomischen Steuerungsmethoden, die den Verbrauch von Umwelt teurer machen sollen (Ökosteuern, Verschmutzungszertifikate usw.) machen Umweltzerstörung noch mehr zum Gegenstand wirtschaftlicher Kalkulation. Umwelt bekommt nun einen Preis - und widerlegt in der Folge die primitiven Theorien der führenden Ökonomen dieser Welt. Was teuer ist, wird nicht schon deshalb gemieden, sondern bietet auch zusätzliche Chancen zur Akkumulation (d.h. Aufbau wirtschaftlicher Macht) und Erzielung von Profiten.

Preisbildender Markt und kontrollierender Staat sind Antreiber und nicht Begrenzer bei der Zerstörung der Lebensgrundlagen. Das ist systembedingt, auch wenn die gängigen Theorien der Ökonomie und Politik anderes aussagen. Sie sind Teil diskursiver Manipulation, oft sehr schlichter Propaganda.
Die Gegenposition lautet, die Macht aus Markt und Staat zu den Menschen zu verlagern. In der Utopie bedeutet das einen freien und gleichen Zugang zu allen Lebensgrundlagen, die zu freien Vereinbarungen ohne Verwertungslogik, Preisbildung, Profitzwang oder Notwendigkeit zu Macht und Kontrolle führen. Der Weg dorthin führt über den Ausbau von Beteiligungsstandards bei der Vergabe bzw. Verplanung von Flächen sowie bei der Nutzung von Rohstoffen bis zur tatsächlichen Veränderung des formalen Zugriffs auf Flächen und Ressourcen - weg von Firmen und staatlichen Stellen, hin zu offenen Kooperationen oder Gemeinschaftsbesitz der konkreten Menschen.
Erstes Ziel wäre, die Nutzung von Land und Rohstoffen von der Zustimmung der jeweils betroffenen und interessierten Menschen abhängig zu machen. Dies sind nicht Staaten, Provinzregierungen oder irgendwelche Institutionen, sondern die Menschen selbst. Die Qualität solcher Regelungen wird sehr stark daran festzumachen sein, wieweit der individuelle und der Minderheitenschutz gewährleistet wird – z.B. dass etwas, was alle grundlegend, d.h. in der Sicherung ihrer Grundbedürfnisse betrifft, auch von allen getragen werden muss.
Ein solches Konzept ist eine Reform, denn es stellt Machtstrukturen und soziale Konstruktionen nicht als solches in Frage, sondern steigert die Zugriffsrechte der Menschen bezogen auf den Faktor Umwelt. Damit ist es aber immerhin ein Schritt zu einer Gesellschaft “von unten” – und somit als Konzept akzeptabel.

Weitreichende Forderungen und solche für einzelne Schritte müssen sich nicht widersprechen. Entscheidend ist, dass sie emanzipatorische Fortschritte versprechen - im Kleinen oder eben auch als größerer, aber dann vielleicht schwieriger zu erreichender Sprung. Antiemanzipatorisch sind nicht kleine Schritte oder Reformen, sondern solche Politiken, die Sachzwänge, Privilegien oder Hierarchien verstärken. Das lässt sich gut an der aktuellen Klimadebatte zeigen. Während viele Konzerne weiter ihre von Profitlogiken durchzogenen Umgangsweisen mit der Ressource Luft verfolgen wollen, zocken die Industrienationen um die Verrechtlichung ihrer Privilegien, in dem sie den Stand der Industrialisierung von 1990 zugrundelegen wollen, d.h. wer damals ordentlich viel die Umwelt versaute, darf es auch weiterhin - nur jetzt legal und einklagbar. Die Auswahl des Jahres war ein geschickter Schachzug der EU, denn er liegt vor dem Zusammenbruch der osteuropäischen Schwerindustrie, die - inzwischen eingemeindet in die EU - nun einen schönen Zuwachsbonus sichert (bzw. die Reduktionsziele abschwächt). Die USA, Japan, Kanada und Australien haben diese Debatte schlicht verpennt und ärgern sich heute darüber. Die Umwelt-NGOs unterstützen jahrelang und teilweise bis heute die EU und das Kyotoprotokoll. Mit diesem Vertrag sollten marktwirtschaftliche Mittel eingeführt werden. Luft wurde quasi kauf- und verkaufbar über den Trick, das Rechte für die Luftverschmutzung als CO2-Zertifikate ausgegeben wurden. Die großen Konzerne erhielten diese je nach bisherigem Verschmutzungsumfang kostenlos zugeteilt. So wurden erneut die größten Umweltverschmutzer belohnt. Nach der kostenlosen Ausgabe wurden die Zertifikate handelbar, erhielten also einen Wert, so dass die Industriebetriebe praktisch staatlich subventioniert waren.
Bei den Verhandlungen über diesen Mechanismus hatten Umweltverbände, grüne Parteien, EU-Politik und viele Medien die gleiche, diesen Vertrag und den Zertifikatehandel befürwortende Position. So baute der BUND zusammen mit anderen Umweltorganisationen symbolisch ein Rettungsboot für das Kyotoprotokoll. KritikerInnen der Vermarktwirtschaftlichung der Umweltressourcen wurden beschimpft - selbst von marxistischen Kreisen, so etwas Wolfgang Pomrehn in der Zeitung "Junge Welt". Dabei hatten diese zwar ihre grundsätzliche Kritik an solchen Mechanismen geäußert, aber auch einen systemimmanenten Vorschlag unterbreitet, der nur die Verteilung der Zertifikate anders regelte. Sie sollten nicht privilegiert an die Industrienationen und dort an die Konzerne gehen, sondern pro Kopf ausgegeben werden und unverkaufbar, sondern nur verleihbar sein. Das würde - die Kritik an der Vermarktung der Luft ausblendend - wenigstens die Machtfrage anders regeln. Fortant wären die Menschen im Besitz der Verfügungsgewalt über die Luft und könnten so zu den Bestimmenden über deren Verwendung als Müllplatz für Abgase werden.
Niemand aus den etablierten Apparaten der Verbände, Parteien oder Institutionen hat je diesen Vorschlag aufgegriffen, was zeigt, wie wenig die Idee von Emanzipation mit dem Umweltschutz verbunden wurde. Doch der Vorschlag zur Zertifikatevergabe pro Kopf, der klar eine Reform und nicht mehr wäre, zeigte, wie einfach es ist, in bestehende Konzepte die Stärkung der Mitbestimmung von Menschen hineinzudenken.

Ver- und Entsorgung

Rohstoffe bzw. die aus ihnen gewonnenen Energieträger und Güter werden über Versorgungsnetze verteilt, die Abfälle, so sie entstehen, über weitere Strukturen wieder eingesammelt und entsorgt. Diese Verbindungen zwischen Produktion und Konsum stellen eine entscheidende Schnittstelle der Gestaltung dar, denn hier entscheiden sich Qualität und Verteilungsarten der Stoffflüsse mehr als im von vielen Schulbüchern überhöhten Spiel von Angebot und Nachfrage. Konzerne, in der Analyse von Mechanismen der Macht den schwerfälligen politischen Parteien und NGOs immer einige Nasenlängen voraus, haben die Bedeutung dieser zentralen Steuerungsorte früh durchschaut und den Städten, Gemeinden und staatlichen Stellen viele Versorgungsaufgaben abgeluchst. Seitdem fahren Bahnen, Busse, fließt das Wasser und der Strom nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten - eine noch verheerendere Sache als die schon unerträgliche dumme Form behördlicher Macht. Mensch und Natur gelten im Zahlenspiel der Konzerne nur als Kostenfaktor, der möglichst zu minimieren ist: Arbeitsplätze streichen (z.B. durch geringere Wartung) und Gewinnungskosten senken (z.B. durch Nichtbeachtung ökologischer Folgen) sind, wirtschaftlich betrachtet, vernünftig, d.h. systembedingt. Gewinne werden privatisiert, Probleme möglichst wieder den steuerzahlergefütterten staatlichen oder kommunalen Institutionen zurückgegeben - oder in die Peripherie abgeschoben.
Umweltzerstörung ist eine Folge der Vermachtung gesellschaftlicher Vorgänge. Ver- und Entsorgung spielen dabei eine herausragende Rolle. Solange die Abläufe durch zentrale Steuerung und wirtschaftliche Macht so organisiert werden können, dass die einen Vorteile (hier: Profite) bei sich anhäufen und die Folgen auf andere abwälzen können, wird das auch geschehen.

Anders wird das dann, wenn die Ver- und Entsorgung Sache der Menschen selbst wird und diese nicht durch institutionelle oder wirtschaftliche Macht die Folgen ihrer Entscheidungen auf andere abwälzen können. Sie müssen sich dann frei vereinbaren, was sie selbst ertragen wollen. Das wird einen starken Trend zu einem überlegten und schonenden Umgang mit den Ressourcen Arbeit und Umwelt führen. Denn eine herrschaftsfreie Gesellschaft lebt aus diesen Ressourcen - den eigenen und den über freie Vereinbarungen (weil Möglichkeiten zum Zwang fehlen) von anderen bereitgestellten.

Demokratisierung des Flächenverbrauchs

Die Nutzung und, damit zusammenhängend, die Gestaltung von Flächen ist bisher Sache der EigentümerInnen und staatlicher Planungsvorgaben. In beiden Fällen haben die betroffenen und interessierten Menschen nur Einfluss, wenn sie selbst zu den privilegierten Teilen der Bevölkerung gehören, sei es durch politische Mandate oder durch das Eigentum an Fläche. Das gilt es grundlegend zu verändern. Was auf Flächen geschieht, ist Sache vieler - und wer sich als betroffen fühlt oder aus welchem Grund interessiert ist, können auch nur die Menschen selbst definieren. Daher müssen die Planungsprozesse zur Flächennutzung und -gestaltung immer offen für alle sein.

Die Umsetzung der Demokratisierung des Flächen- und Rohstoffverbrauchs könnte auf den Flächen beginnen, also auf solchen Flächen, die zur Zeit dem Staat bzw. den Gemeinden gehören. Per verbindlichem und dauerhaftem Beschluss übergeben die Gemeinden ihre Flächen einem freien, gleichberechtigten Gestaltungsprozess. Die Versammlung(en) der jeweils dort lebenden und weiteren interessierten Menschen (Dorf, Ortsteil, Kiez, Wohnblock u.ä.) entwickeln Gestaltung und Nutzung. Sie organisieren die Umsetzung und alles weitere Geschehen. Übergangsweise könnten Moderations- und Aktivierungsprozesse die Probleme der Startphase vermindern, denn viele BürgerInnen blieben heute gegenüber Beteiligungsangeboten verhalten bis skeptisch - aus guten Gründen, sind sie doch jahrelang systematisch verarscht worden mit Pseudo-Beteiligungsangeboten, die Kritik einbanden, um hinter dem Rücken die Entscheidungen mit der Macht des Faktischen eiskalt durchzuziehen. Umweltverbände, Grüne usw. haben sich hier wieder als gewissenslose Handlanger der Mächtigen prostituiert, um gegen Fördergelder die einflusslosen Laberrunden der Marke "Agenda 21" oder "Runder Tisch" zu zelebrieren.
Die realen Zugriffsrechte auf konkrete Flächen könnten durch verbesserte Mitwirkungsrechte auf die Flächennutzungsplanung verstärkt werden und dann auch Bereiche einschließen, die im Privateigentum liegen. Ohnehin wäre es möglich, PrivateigentümerInnen dazu aufzurufen, ihre Flächen freiwillig ebenfalls für die Gestaltung durch AnwohnerInnen und Interessierte bereitzustellen.

Dezentralisierung aller gesellschaftlichen Strukturen

Was für Ver- und Entsorgung sowie für den Flächen- und Rohstoffverbraucht gilt, passt überall. Je direkter gesellschaftliche Prozesse von den Menschen geprägt sind - seien es wirtschaftliche oder andere Prozesse -, desto naheliegender wird der schonende Umgang mit den Ressourcen Mensch und Natur sein. Diese Dezentralisierung von Gestaltungsmacht ist nicht zu verwechseln mit dem Ruf nach lokaler oder regionaler Wirtschaft. Denn auch was lokal oder regional organisiert ist, kann auf Profitinteressen oder abgehobener Macht basieren. Wichtig ist das tatsächliche Geschehen - ob es den beteiligten Menschen die Gestaltungsmacht überträgt oder mit Privilegien ausgestatteten Institutionen. Die von den Menschen selbst verwalteten Prozesse mögen häufiger als heute kleinräumige Strukturen des Wirtschaftens und Handels schaffen. Aber dahinter steht keine feste Regel. Globale Kooperation ist kein Widerspruch zu Selbstverwaltung und Selbstorganisierung, es wird darauf ankommen, hierfür schlaue Formen des Informationsaustausches und der Koordinierung zu entwickeln. Denn auch global kooperieren zu können, bedeutet die Ausweitung von Handlungsmöglichkeiten für Menschen - und ist daher ein Beitrag zur Emanzipation. Wenn es die Menschen und nicht die ihn beherrschenden Institutionen stark macht ...

Aus dem "Potsdamer Manifest 2005 (Infoseite und als PDF)
Die materiellen Rahmenbedingungen und die Verfügbarkeit von begrenzten Quellen und Senken der irdischen Natur, wie deren Regenerationszyklen bestimmen wesentlich die Gemeinschaftsgüter. Deshalb hat die ökologische Grundlage der Erde räumlich wie zeitlich Gemeinschaftscharakter. Sie darf nicht weiter zentralisiert verwaltet und nicht monopolisiert werden, weder privat noch staatlich, noch überstaatlich. Ein jeder hat gleichermaßen Teil an der Gesamtheit der gemeinschaftlichen Lebensgrundlage Erde, und ist dort, wo er lebt und wirkt, den globalen Gemeinschaftsgütern lokal bis interkontinental treuhänderisch verpflichtet. Die Einschränkungen liegen nur in den stofflichen Begrenzungen unseres Lebensortes Erde, der geistig-kulturelle Raum kann mit uns vielfältig wachsen.

Fazit: Umweltschutz ist eine Machtfrage

Der historische Irrtum der UmweltschützerInnen ist ihre Kumpanei mit den Teilen dieser Gesellschaft, die ökonomische oder institutionelle Macht innehaben. Das Motiv, sich an die Brust von Staat und Konzernen zu schmeißen bzw. ordnungspolitische oder marktwirtschaftliche Regelungen zu fordern, war ehrenwert. Die "Ökos" wollten die bedrohte Natur schützen - am liebsten mit den Mitteln, die im Hier und Jetzt die effektivsten waren und somit schon kurzfristig Erfolg versprachen. Doch diese Politik war dumm. Sie hat dazu geführt, dass heute auch der Umweltschutz zum Gegenstand der Trichterpädagogik, der Jagd nach Profiten und des ewigen Strafens in den Finsternissen der Justiz geworden ist. Der Zugriff der Menschen auf ihre Umweltbedingungen ist auch durch Natur- und Umweltschutzpolitiken weiter geschwächt worden. Der Schaden ist heute sichtbar: Es gibt kaum Einflussmöglichkeiten jenseits der anbiedernden Lobbyarbeit. Die Fähigkeit zum Mitreden muss mühselig über Straßenkämpfe (siehe "Stuttgart 21") zurückgewonnen werden. Umweltverbände und Grüne hatten und haben Glück, dass sich niemand mehr erinnern kann, wer Mitschuld trägt an der Entmündigung und Entmachtung der BürgerInnen.

Experimente und Aktionen

Es wird darauf ankommen, für die Idee einer emanzipatorischen Ökologie zu werben (auch innerhalb von Umweltverbänden, -gruppen und -parteien), aber auch konkrete Projekte zu starten, die der Idee einen besonderen Ausdruck verleihen und in kleinen Bereichen nicht nur einen Schutz der dortigen Umwelt, sondern auch tatsächliche Verschiebungen in der Machtverteilung hervorrufen. Etliche Vorschläge für Ver- und Entsorgungsnetze in BürgerInnenhand, beteiligungsorientierte Planungsprozesse und mehr sind in diesem Kapitel und im Text zu Gemeingütern bereits erfolgt.
Förderlich können Kristallisationspunkte sein, also solche Projekte, die nicht nur Umweltschutzvorhaben verwirklichen, sondern die konkrete Beteiligung, die Aneignung von Handlungskompetenz und Wissen, Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit miteinander verbinden.

Ein Beispiel für den klassischen Naturschutz könnten lokale, ökologische Stationen sein, die Umweltschutz und Mitbestimmung verbinden. Denn der konkrete Naturschutz (Arten-, Biotop-, Landschaftsschutz) ist überwiegend Basisarbeit und findet vor Ort statt. Naturschutz von unten muss daher auch alle wichtigen Entscheidungen ohne übergeordnete Stellen fällen können. Eine Weg zur Demokratisierung des Naturschutzes können BürgerInnenversammlungen, Naturschutzstationen, Naturschutz-AGs oder regionale Umweltzentren sein. Alle Einrichtungen sollten für alle BürgerInnen offen sein und aus ihnen selber entstehen, also nicht von oben eingesetzt oder vorgeschrieben werden. Besonders geeignet erscheinen aus den bisherigen Erfahrungen die Naturschutzstationen oder Ökologischen Stationen, wenn sie zum festen Ansprechpartner und Anlaufpunkt in Sachen Naturschutz werden und nicht nur Hilfen, Informationen sowie Mitwirkungsmöglichkeiten bieten, sondern auch eine reale Mitbestimmung organisieren. Sie verfügen über die finanziellen und organisatorischen Mittel, den Umgang mit Flächen und Ressourcen gestalten zu können - jedoch immer unter Verzicht auf formale Macht und Durchsetzung von oben, sondern über gemeinsame Planungsprozesse und immer mit der Zustimmung der Menschen. Schritt für Schritt werden dann die staatlichen Kompetenzen an die Naturschutzstation und die sich in ihnen treffenden Menschen übergeben. Ein Anfang könnte aus dem bisherigen Vertragsnaturschutz heraus erwachsen, dessen Umsetzung schon jetzt mancherorts in Biologischen Stationen verwaltet wird, die zu Orten der Mitbestimmung und gemeinsamen Gestaltung erweitert werden können. Die Ablösung von bisherigen Verwaltungskompetenzen und -strukturen durch direkte Mitbestimmungsprozesse ist auf Dauer eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Naturschutz von unten wachsen kann.
Es ist kein Widerspruch, dass die Naturschutzstationen auch bisherige Serviceleistungen der Naturschutzverwaltungen übernehmen wie z.B. Erfassung von Daten über Tier- und Pflanzenarten oder die Betreuung von Naturschutzflächen. Das kann auch zunächst ihre materielle Ausstattung sichern.

Direkte Aktion

Natur- und Umweltschutz ist seit langem schon Thema gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen - vom Widerstand gegen Atommülltransporte bis zum Schutz seltener Käfer in Großstadtparks. Auch die Aktionsformen variieren stark von den vorsichtig appellativen Unterschriftensammlungen oder Mailbombardements bis zu Besetzungen, Blockaden oder militanter Sabotage. Sehr selten aber werden Proteste, zu welchen Themen oder in welchen Formen sie auch ablaufen, mit der Forderung nach einer Verschiebung der Machtverhältnisse verbunden. Das aber wäre eine große Chance, denn viele der Proteste erregen hohe Aufmerksamkeit und erreichen viele Menschen. Die Wucht der Anti-Atom-Bewegung hätte nicht nur die Energiegewinnungsformen, sondern auch die Besitzverhältnisse an Energienetzen und -anlagen verändern können. Doch der Netzkauf in Schönau blieb eine Ausnahme, die zudem nicht emanzipatorischen Überzeugungen entsprach, sondern der Not, innerhalb der bestehenden Eliten keine FürsprecherInnen zu finden.
Hier ist Änderung nötig. Um langfristig die Verhältnisse zu verändern und Umweltschutz nicht zu einem ständigen Reparaturbetrieb mit Abhängigkeit zum Zuspruch der Mächtigen zu den Ideen der Protestierenden zu machen, müssen andere Beteiligungsformen durchgesetzt und schließlich der Zugriff auf Flächen und Ressourcen aus Parlamenten und Firmen zu den Menschen verlagert werden. Wenn diese Forderungen in bestehende Proteste integriert werden, wäre schon einiges gewonnen. Hinzu können direkte Aktionsformen kommen, bei denen nicht gegen die Zerstörung der Umwelt geschimpft, sondern die Gestaltungsmacht in dieser Welt auch real umgestaltet werden. Also: Die besetzten Häuser und Flächen nicht den BesetzerInnen (das wäre nur Machtwechsel), sondern allen bzw. niemandem. Firmen, Stadtwerke, Versorgungseinrichtungseinrichtungen, Grundstücke, Konsumpaläste usw. besetzen, aneignen, verwandeln und den Mechanismen von Markt und Staat entreißen - je nach Lage und Angst vor Repression tatsächlich oder wenigstens symbolisch.

Aneignung von Wissen

Mit den Beteiligungsmöglichkeiten müssen auch die Beteiligungsfähigkeiten steigen. Das bedeutet nicht nur Wissen um ökologische Zusammenhänge, sondern auch um Beteiligungsformen, Streitkultur oder den Zugang zu Wissen und Handlungsmöglichkeiten. Hier liegt ein weites Feld vor allen, die daran mitwirken wollen. Denn der Wille zur Mitwirkung ist unter Jahrzehnten demokratischer Bevormundung verschüttet. Rein theoretischer Art wird der Zugang auch nicht gelingen: Das Motiv, sich Wissen anzueignen, ist im besten Fall die Chance, es auch anwenden zu können. Daher ist die Veränderung der Machtverhältnisse, z.B. die tatsächliche Steigerung von Handlungskompetenz, der beste Ansporn, sich das notwendige Wissen auch anzueignen. Die BewohnerInnen eines Häuserblocks, die ihr Grundstück (Innenhof, Abstandsgrün u.ä.) auch tatsächlich selbst gestalten dürfen, werden eher geneigt sein, sich über Varianten, architektonische oder ökologische Fragen zu informieren wie diejenigen, nur beratende und dann oft vernachlässigte Meinungen abgeben.

Klartext reden

Nie vergessen werden sollte, die Visionen einer Welt von unten laut zu benennen, denn das Utopische schafft den Drang zu Mehr. Es kann zu neuen Projekten, Weiterentwicklung der Bisherigen und zum produktiven Streit über alles motivieren. Zudem bietet das Nachdenken über mehr als die konkreten Einzelprojekte die Chance, für dieses Ziel wieder Bündnisse zu schaffen mit anderen sozialen Bewegungen, die gemeinsam an einer Welt von unten arbeiten. Konkrete Kristallisationspunkte wie konkrete Modelle oder der Widerstand gegen neoliberalen Wahn können der Anfang sein. Abschied zu nehmen ist von der vor allem in NGO Kreisen gern verbreiteten Mär vom guten Staat, von der "good governance", die die Auswüchse des Neoliberalismus eindämmen soll. Der Staat organisiert die Ausbeutung. Er ist Gegner, nicht Partner. Hoffnung für die Umwelt und die Menschen gibt es erst dann, wenn die Menschen den Zugriff auf ihre Lebensressourcen erhalten. Und Umweltminister, Daimler Manager usw. von den Podien der sog. Umweltbewegung verschwinden!

Zum nächsten Text, dem vierten Text im Kapitel zur Praxis und konkreten Anwendungsfeldern: Große Infrastruktur

Links und Leseempfehlungen

Leseempfehlung 1: Gentechnik und Macht
Ein kleines Büchlein mit Texten und Zitaten zum Zusammenhang von Herrschaft und gentechnischer Manipulation an Nutztieren und -pflanzen. Im Mittelpunkt steht die Kritik an Saatgutkontrolle, Patenten und Ingenieursmethoden im Sozialen. Ebenso beleuchtet werden die spendenorientierten Strategien von Umweltverbänden, Grünen und anderen, die auf Herrschaftsanalyse und deshalb in gefährliche Argumentationen abrutschen. 64 S., quadratisch, 3 Euro, ISBN 978-3-86747-065-0 ++ bestellen!

Leseempfehlung 2: Macht und Umwelt
Das kleine Theoriebuch über den Zusammenhang von Herrschaft und Umweltzerstörung
Texte und Thesen zur Verknüpfung von Herrschaft und Umweltzerstörung. Es zeigt sich, dass machtförmige Verhältnisse gleichzeitig die Voraussetzung wie auch das Mittel der rücksichtslosen Aneignung von Rohstoffen, Land und allen anderen Lebensgrundlagen ist. Natur und Mensch sind die Faktoren, die zum Zwecke von Herrschaftsausbau und -sicherung sowie ständigem Profit ausgebeutet werden. ... Info- und Bestellseite