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Widerstand als utopisches Feld

Emanzipatorische Organisierung ++ Keine Macht ++ Ganz praktisch ++ Wer legt los? ++ Links

Dieser Text ist Teil der Gesamtabhandlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" ... zum Anfang und zur Gliederung

An jedem Ort dieser Gesellschaft wirken die verschiedenen Muster der Fremdbestimmung, seien es Hierarchien, Normen, Diskurse, ökonomische Zwänge oder Erwartungshaltungen. Nicht nur Staat und Konzerne, sondern alle Menschen können als Ausführende und MitträgerInnen solcher Beherrschungen dienen - und tun es auch regelmäßig. Gleiches gilt für Organisationen und alle Kräfte in gesellschaftlichen Subräumen. Schon von daher besteht eine unmittelbare Verbindung zwischen politischer Bewegung und den herrschenden Verhältnissen, denn je Gruppe, Partei oder Organisation, auch Netzwerke und einzelne Projekte sind ein gesellschaftlicher Subraum, an dem die "Norm"alität wirkt.
Genau deshalb aber kann jeder Teil politischer Bewegung nicht nur Forderungen stellen und für Verbesserungen eintreten, sondern auch selbst zur Kampfzone um Befreiung und Selbstentfaltung werden. Hierarchien, Wertlogiken und Diskurse strahlen überall hinein, sind also auch dort zu finden, wo wir uns versammeln, um politisch aktiv zu sein. Immerhin sind diese Orte nicht, so wie viele andere in der Gesellschaft der Hierarchien, Funktionseliten und gesteuerten Diskurse, unserem Einfluss so stark entzogen, sondern werden von uns mitgeprägt. Eine Priorität zum Anfang erwächst daraus nicht - aber warum sollte mensch die Möglichkeiten auslassen, die besonders naheliegend sind? Dazu gehört die politische Bewegung selbst. Der Ort, von dem der Impuls zur Veränderung von Gesellschaft, deren Subräumen oder Diskursen ausgehen soll, kann auch selbst einer der Veränderungspunkte sein. Oder er ist, zwar Veränderungen einfordernd, ein Spiegelbild der Normalität - und damit, weil "Norm"alität nur existiert, wenn sie sich als Mischung von Deutungen und Verhaltensweisen durch viele Punkte der Gesellschaft zieht, selbst ein Teil der Ursache.

Normalsein im Zeitalter globaler Umbrüche

Können Sie sich noch (gesetz dem Fall, Sie sind alt genug) an die Zeit scheinbarer Alternativlosigkeit erinnern? Als der Sieg des Marktkapitalismus über den als Sozialismus oder gar Kommunismus verklärten Staatsmonopolkapitalismus zum von der britischen Premierministerin Thatcher ausgerufen TINA-Syndrom ("there is no alternative") führte? Alles war der totalen Verwertungslogik, der “Anbetung” von Markt und Profit unterworfen. Dann kam der Aufstand der Zapatistas, ab 1994 in Chiapas (Mexiko), mit dem Überraschungserfolg 1999 in den Straßen von Seattle löste sich die Erstarrung sogar in den Industrienationen. Doch inzwischen hat sich der Wille zur Veränderung schon wieder gelegt - ist kanalisiert in freundliche Normalität ausstrahlenden NGOs. Dabei wäre aller Anlass zu einer kämpferischen Stimmung gegeben. Der Kapitalismus wirkt krisengeschüttelt, zumindest hat er seine blinde Gefolgschaft in Parlamenten und Medien verloren. Selbst die so mächtig erscheinenden Banken gerieten ins Schlingern. Doch was geschah? Fast alle haben geweint, gezetert und Hiobsbotschaften verbreitet, als die ersten bankrott gingen - statt zu feiern. Ob linke Parteien oder die aus der selbsternannten Mitte: Fast alle forderten die Rettung der Banken - wenn auch auf unterschiedliche Art.
Wer fordert heute noch andere Mobilitätssysteme und freut sich deshalb über eine siechende Automobilindustrie? Nein - die Umweltprämie kommt, eine als Ökohit verschleierte Subventionsmaßnahme für die Autobauer. Umweltverbände schreiben Ranglisten über weniger krasse Umweltverpester und rufen die Presse zu peinlichen Kooperationsprojekten mit Autokonzernen.

Die Menschen sind aufgesogen in neue, Protest verwaltende Organisationen. MontagsdemonstrantInnen gingen in der Partei Die Linke auf, Proteste gegen Atomkraft und Stuttgart 21 werden von starken Magneten wie grüner Partei und modernen Bewegungsagenturen angezogen. Das Spiel, Unzufriedenheit in Spenden, Mitgliedschaften und WählerInnenstimmen umzuwandeln, beherrschen die modernen Führungsapparate perfekt. Sie treten, legitimiert durch nichts, sondern einfach kraft ihrer privilegierten Kontakt zu Medien und MultiplikatorInnen, wie selbstverständlich als Sprachrohre der Massen auf. Wie leicht sich solche Vereinnahmungen dann wiederum selbst vereinnahmen lassen, zeigte brillant die Schlichtung durch Heiner Geißler, CDU- und Attac-Mitglied (welch praktische Kombination zur Harmonisierung von Konflikten). Sie bot viel Anschauung, um kritisch über die Binnenstrukturen und Strategien politischer Bewegungen nachzudenken. Warum sollen emanzipatorische Ideen ausgerechnet dort bei den internen Strukturen Halt machen, obwohl die Umsetzungsmöglichkeiten besonders gut wären? Gilt die Parole "Eine andere Welt ist möglich" nur für die Anderen?

Emanzipatorische Organisierung und Strategie

Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse bestehen in unterschiedlichen Formen. Politische Bewegung entsteht aus Protest gegen diese oder meist gegen ihre konkreten Erscheinungsformen und Folgen - seien es Nazis, Castortransporte oder der Entzug von Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Etwas zu kritisieren, führt aber nicht dazu, selbst andere Erscheinungsformen zu wählen, also in innerer Organisierung und Aktionsmethoden selbst auch den geforderten und nötigen Wandel zu vollziehen. Das wäre auch eine große Aufgabe, denn jede politische Bewegung ist selbst von herrschaftsförmigen Mustern durchzogen. Ein emanzipatorischer Wandel der Binnenverhältnisse bedeutet mindestens den Abbau der Hierarchien, den gleichen Zugang zu allen Ressourcen und den Verzicht auf Stellvertretung, Vereinnahmung und Bildung kollektiver Identitäten. Positiv ausgedrückt heißt das die Schaffung einer Bewegungswelt, in der viele Welten Platz haben, die aktive Vermittlung von Handlungsfähigkeit der Einzelnen und ihrer Zusammenschlüsse, die Öffnung aller Ressourcen für alle und vieles mehr. Es werden Fragen zu stellen sein, die bislang in politischer Bewegung sehr fremd sind, obwohl sie angesichts der Forderungen nahe liegen würden: Wie ist es mit Zeit- und Reichtumsunterschieden zwischen den Beteiligten? Wie wirken gesellschaftliche Diskurse auch im Inneren? Wo verfügen Apparate und FunktionärInnen über Privilegien und privilegierten Zugang zu den Ressourcen der Organisation? Wo herrschen gar formale Hierarchien?

Emanzipatorsche Bewegungen und Projekte

Der folgende Text basiert auf "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" (1. Auflage, S. 51 ff).

Es gab und gibt Menschen, die sich organisieren, um gemeinsam weitreichende emanzipatorische Ziele umzusetzen, ohne darauf zu warten, dass alle mitmachen oder die Revolution (scheinbar) der Utopie zum Durchbruch verhilft. Solche Gruppen teilen viele Ziele wie den Abbau von Herrschaft und Verwertungszwang. Sie wollen eine Gesellschaft, in der die Menschen wirklich konkret, ohne durch persönliche oder sachliche Herrschaft eingeschränkt, selbstbestimmt handeln können. Dieser Anspruch besteht in der Regel auch für die Binnenverhältnisse in den Gruppen und Vernetzungen. Paslak (1990) hat sich die Dynamik selbstorganisierter Bewegungen angesehen und für positive Fälle folgende typische Entwicklungen beschrieben:

Löst sich die Aktivität der “Gruppe” von diesen Zielen, wird sie zum Selbstzweck, und dies ist die akuteste und häufigste Gefahr, der Gruppen und Bewegungen unterliegen. Das kommt leider - aber auch nachvollziehbarerweise - bei vielen Projekten vor, sobald sie sich “etabliert” und “etwas zu verlieren” haben. Auch die “sozialen Erfindungen” können sich mit einer “Spielwiese” innerhalb der gesellschaftlichen Bedingungen zufriedengeben - Zukunftswerkstätten verloren z.B. den politisch-alternativen Anspruch ihres “Erfinders”, Robert Jungk, weitestgehend.
Kippt die innere Dynamik in Richtung auf den bloßen Selbsterhalt als Selbstzweck um, dann ist die Integration in die herrschende Verwertungs- und Geldmaschinerie nur noch ein kleiner Schritt. Schnell gewinnt die Notwendigkeit, den kapitalistischen Geldzyklen einige Tropfen für den Selbsterhalt abzuringen, die Oberhand. Sobald einige Einzelne oder Teile der Bewegung sich so wichtig finden, dass sie vor allem um ihre eigene Existenz kämpfen, entwickeln sich auch untereinander neue Verhältnisse. Es geht dann nicht mehr darum, die anderen Beteiligten als autonome Subjekte zu betrachten, sondern sie werden instrumentalisiert, um nur noch dem vorgeblich “Ganzen” zu dienen. Die Verfolgung individueller Interessen, die einst Motor der Bewegung waren, wird für den Gelderwerb und Machterhalt anderer eingespannt - die Bewegung wird zersetzt, integriert, bürokratisiert.

Dem Umkippen der Dynamik kann mit klarem Kopf und Bewußtsein der Gefahr begegnet werden. Es gibt niemals unhintergehbare Notwendigkeiten, auch Gruppen unterliegen nicht der Determination durch die Bedingungen: Es handelt sich immer um Entscheidungen. Und Entscheidungen lassen sich so oder anders fällen. Im Ernstfall muss ggf. sogar die Existenz der Gruppe oder z.B. ihr wirtschaftlicher Erfolg in Frage gestellt und aufgegeben werden, wenn die Weiterexistenz den realen Interessen der Beteiligten zuwiderläuft. Ein Beispiel: In der “Sozialistischen Selbsthilfe Mühlheim” (SSM) entwickelte sich aus der Jugendarbeit ein recht erfolgreicher “alternativer Betrieb”, der Entrümpelungen usw. durchführte. “Arbeit” wurde definiert als “alle Tätigkeiten, deren Ausführung die Gemeinschaft für wichtig hält” (Baumaßnahme am eigenen Haus, Abfassen eines Briefes, Flugblattes, eine politische Aktion, Essen kochen für die Gemeinschaft usw.). Dann entstand ein “richtiger” Baubetrieb - mit Anforderung an “möglichst hohe Leistung in möglichst kurzer Zeit ausgedrückt durch möglichst viel Geld”. Es zeigte sich, dass das nur funktioniert, wenn die eigentlichen Ziele, nämlich die realen Bedürfnisse der Menschen (z.B. nach streßfreier Arbeit!) aufgegeben werden und der Betrieb normal-kapitalistisch durchgezogen wird. Die SSM verzichtete auf den möglichen wirtschaftlichen “Erfolg” und ließ lieber ein “Scheitern” dieser Möglichkeit zu, als den Interessen der Menschen zuwider zu handeln (Kippe 1998, 9f).
Wichtige Kriterien für das Binnenverhältnis emanzipatorischer Bewegungen sind also:

Dazu gehört aber auch der offene Umgang mit Dissens. Das Streben nach Konsens und Harmonie kann dazu führen, dass inhaltliche Positionen unterdrückt werden, die sich diesen “Bauchgefühlen” nicht unterordnen. So entstand auf den Jugend-Umwelt-Kongressen (Jukß) bis zum Jahreswechsel 1999/2000 eine Situation, in der die geforderte Unterwerfung unter “Konsens & Harmonie” zu einer Entpolitisierung führte. Die Position “Kein Streit, wir lieben uns doch alle...” führte zur “Machtergreifung von Kreisen, die politisch nichts oder wenig wollen, die aber Umweltbewegung als Familienersatz und Nestwärme wollen” (Bergstedt, 2000b). Demgegenüber fordert Bergstedt: “Mein Ziel ist, Verhältnisse zu schaffen, die Gleichberechtigung schaffen, bei denen die Menschen aber auch authentisch sein können und nicht in dieser beklemmenden Atmosphäre des ‘Ich darf niemandem zu nahe treten’ agieren. Das ist zu erreichen u.a. durch:

Spehr (1999) kennzeichnet die gegen die Herrschaft kämpfenden und sich deren Handlungslogik entziehenden Gruppen als “Maquis”. [In der französischen Résistance bezeichnete der Maquis (der “Busch”) jene Gegend, die nicht von Nazis oder Kollaborateuren beherrscht wurde. Auch in der StarTrek-Serie “Voyager” gibt es mit dem Maquis eine Zone des Widerstands.] Mit ihren oben genannten Eigenschaften, dem Verwerfen von Führung und Avantgardeanspruch und dem Durchsetzen von Emanzipation und freier Kooperation auch in den eigenen Reihen, stellen sie eine völlig neue Qualität dar, was den Beteiligten oft gar nicht so deutlich bewußt ist.
Praktisch ergeben sich aus den Erfahrungen bisheriger alternativer Bewegungen weitergehende Aufgaben (Bergstedt, Hartje, Schmidt 1999):

Da die Menschen und die in Bewegungen Aktiven so unterschiedlich sind wie Menschen überall anders auch, haben sie auch unterschiedliche Fähigkeiten, und auch das Maß des Engagements wird verschieden groß sein. Es ist oft so, dass einige Menschen eine Art “Kraftfeld” um sich herum entwickeln. Sie rücken aufgrund ihres Wissens, ihrer Organisationsfähigkeit, ihres menschlichen Verhaltens ins Zentrum des Geschehens, auch wenn sie dies vielleicht vermeiden wollen. Manchmal ist es jedoch für die anderen einfach bequemer, die “ExpertInnen” machen zu lassen. Eine “informelle Elite” entsteht.
Eliten “an sich” stellen kein Problem dar. Es ist ja gerade das Ziel der neuen Gesellschaft, dass sich jeder Einzelne maximal entfaltet, dass - wenn man so will - alle an irgendeiner Stelle zur Elite gehören. Doch wenn alle dazu gehören, ist die “Elite” im bürgerlichen Sinne schon keine mehr. “Eliten” kommen aus den Gesellschaften, in denen die Entfaltungsmöglichkeiten nur für wenige und nur auf Kosten anderer vorhanden sind. Das ist auch das größte Problem für emanzipatorische Bewegungen. Sobald Einzelne ihren Wissensvorsprung und die entwickelten Fähigkeiten dazu verwenden, eigene partielle Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen, kippt die individuelle Genialität in Elitarismus um. “Informelle Eliten” bilden sich leicht in Gruppen heraus, in denen der Selbsterhalt der Gruppe zum Selbstzweck geworden ist. Beide Aspekte bedingen einander, denn sie sind Resultat der schrittweisen Integration der Gruppe in die subjektlosen Selbsterhaltungsstrukturen der Wertmaschine. Auch das ist wiederum kein “persönlicher Mangel” der Aktiven, sondern nachvollziehbares Resultat der Tatsache, das die Menschen - auch die Aktiven in Bewegungen - zuerst ihre individuelle Reproduktion absichern müssen. Verschränken sich individuelle Reproduktion und Selbsterhalt der Gruppe, so etwa bei “bezahlten Angestellten” der Bewegung von Projekten, dann liegen die Interessenkonflikte schnell nahe.

Emanzipatorische Bewegungen und Projekte in einer “zivilen” Gesellschaft

Herrschaft ist heutzutage nicht mehr offensichtlich, sondern versteckt sich in den scheinbar normalen und natürlichen alltäglichen Lebenszwängen. Diese Wirkungsweise führt dazu, dass es in den kapitalistischen Kernländern auch in Krisensituationen, bei ansteigender Erwerbslosigkeit und sogar Verelendung selten zu spontanen Aktionen oder Befreiungsschlägen kommt. Spehr kennzeichnet die Mehrheit der “normalen Leute” als “Zivilisten”, die “...einfach vor sich hin (machen), ohne zu überblicken, was vor sich geht” (Spehr 1999, 167).
Sie haben auch “kein Problem damit, dass die Entscheidung von anderen getroffen werden” (ebd., 168). Wer kennt diese Leute nicht und hat sich nicht schon oft über sie geärgert. Das Problem für emanzipatorische Bewegungen sind neben den Machtzentren jene, die diese Macht nicht hinterfragen, sondern akzeptieren, keine Fragen stellen und die herrschenden Verhältnisse rechtfertigen: “Sie tun einem gar nicht so viel; sie lassen einen nur an der Welt und ihrer Zukunft zweifeln” (Spehr 1999, 171).
Politische Bewegungen werden deshalb leicht “überheblich” und meinen, “für die anderen” denken und entscheiden zu können. Dann werden sie auch schnell zu Stellvertretern, die nach Gutdünken ihre eigenen partialen Interessen im vorgeblichen “Interesse der Mehrheit” durchsetzen. Aber “... es gehört zu den Grausamkeiten im Maquis, dass sein Fortschritt sich daran festmacht, ob er in der Lage ist, Zivilisten abzuwerben” (Spehr 1999, 265).
Doch was heißt “abwerben”? Es gibt keinen anderen Grund sich “abwerben” zu lassen, als die individuelle Vorstellung von einem besseren Leben. Warum sonst sollte sonst jemand in den Maquis, den “Busch”, gehen, als aufgrund der Vorstellung, dass dort bessere Möglichkeiten der eigenen Entfaltung warten und die Risiken nicht so groß sind wie das Elend des kümmerlichen Lebens in der “zivilen” Gesellschaft. Keiner will missioniert werden, es gibt keine objektive Richtigkeit irgendeiner Vision, es gibt keine Garantie, sondern nur die Möglichkeit eines besseren Lebens im “Maquis”. Der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit, massenhaft Leute in den “Maquis” abzuwerben und der realen geringen Ausstrahlung des “Maquis” besteht (noch). Das müssen wir aushalten, es gibt dennoch keine Berechtigung andere für ihr Handeln zu geißeln - auch nicht die “Zivilisten”. Sich “abwerben” lassen geht nur auf der Basis eigener Entscheidungen, und das muss jede/r selbst tun. Wer nicht will, will nicht, hat seine Gründe dafür und ist in Ruhe zu lassen. Will ich, das meine Gründe für mein Handeln akzeptiert werden, so muss ich die Begründetheit anderen Handelns auch akzeptieren - ich muss die Gründe ja nicht teilen. Die Autonomie des Handelns gilt nicht nur im Binnenverhältnis, sondern auch gegenüber den “Zivilisten”.
Die “Maquis” können schwer unmittelbar in der Welt der “Zivilisten” überzeugend wirksam werden. Vermittelnd wirken hier punktuelle soziale Bewegungen, in denen sich Aliens, Zivilisten und Maquis vermischen - Spehr verwendet dafür das Bild eines “Erlenmeyerkolbens”, ein Reagenzglas mit einem schmalen Hals und einem breiten Fuß, das man zum Mischen gut herumschwenken kann. In und mit diesen Bewegungen sind die gesellschaftlichen Eingriffsmöglichkeiten größer als im Rahmen der bürgerlichen “Demokratieformen”. Sie setzen Neues in die Welt, sind aber aus der Sicht des “Maquis” begrenzt: “Eine Friedensbewegung ist zunächst eine Bewegung für Frieden, nicht für Emanzipation” (Spehr 1999, 247).
Das Bild der Unterscheidung zwischen “Maquis” und “Erlenmeyerkolben” kann bei der Orientierung nützlich sein. Wenn sich der “Maquis” isoliert, hat er keine Chance - wenn im “Erlenmeyerkolben” zu wenige “Marquis” sind, verlieren sie ihre potentielle Dynamik. Konsequenter Widerstand und soziale/ökologische Bewegungen werden sich immer in einem Spannungsverhältnis bewegen - aber bewegen müssen sie sich! Zur Orientierung, welche konkreten Konzepte und Aktivitäten diese Bewegung in die Richtung führen, die wir brauchen, können die oben genannten Kriterien dienen: Kein Zurück in die Wertvergesellschaftung, kein Streben unser Projekte nach “ökonomischem Erfolg” innerhalb des Systems und Verhinderung instrumenteller Beziehungen untereinander und gegenüber anderen Menschen. Für eine “Politik der Autonomie” (Spehr 1999, 261)!

Widerstand ... ohne sich an Machtkämpfen zu beteiligen

Christoph Spehrs symbolträchtiges Bild des Aliens als Handlungsmuster in uns, das uns immer wieder zur Akzeptanz und zur Reproduktion der "Norm"alität bringt, schuf ein Symbol für die Mischung aus Hierarchie, Diskurs und sozialer Zurichtung, die alle Menschen durchschüttelt und den Willen zur Veränderung immer wieder erlahmen lässt. Spehr selbst ist dem von ihm beschriebenen Code längst verfallen und macht heute Karriere bei der Partei Die Linke - umso entschlossener, je mehr diese an emanzipatorischen Inhalt verliert und an Macht gewinnt. Viele aus den ehemals herrschaftskritischen Kreisen, die wichtige Bücher zur Kritik der Nachhaltigkeit und moderner Herrschaftsregime verfasst haben, gehen mit ihm die Stufen der Etablierung hinauf.
Dieses personalisierte Einzelbeispiel ist charakteristisch für politische Bewegung. Außer einem wenig zusammenhängenden Haufen meist jüngerer Menschen, die ihre Dagegen-Kultur als Gruppenidentität aufbauen, aber statt selbstorganisierter Gegenkultur ihren Protest in einer Phase die (verständliche) Angewiderheit ausdrückender Gleichgültigkeit ausleben, gibt es nur wenige, verspenkelte und oft von sonstigen politischen Bewegungen isolierte Grüppchen, die sich an den Spielen um Macht und Beteiligung an Ressourcen nicht beteiligen. Überall anders herrscht kapitalistische Geist. Mit immer perfideren PR-Gags werden Proteststimmungen erzeugt und dann in nutzbare Ressourcen (Spenden, Mitglieder, WählerInnenstimmen) gewandelt. Wer glaubt, in den Apparaten von NGOs und Bewegungsagenturen würden idealistische Ziele verfolgt, täuscht sich. Da sitzen vor allem VerbandsegoistInnen und BetriebswirtschaftlerInnen, die Aktionen und Inhalte nach ihrer Wirkung auf die benannten Ressourcen auswählen. Das Personal ist längst austauschbar geworden, denn Marketingstrategien können an Universitäten oder im Selbststudium erworben werden. Die wenigen verbliebenen IdealistInnen können die NGOs dann gut verkraften oder zu Imagegründen in die Kameras halten.
Protestlabel sind wie Coca-Cola-Schriftzüge: Sie sollen innere Werte, Vertrauenswürdigkeit und mitunter weitere Qualitäten vermitteln. Wie bei anderen Marken auch kommt es nur auf den Ruf, nicht auf die dahinterstehenden Realitäten an. Das ist Marketing wie in anderen Firmen auch. Von den - fast überall nur noch hauptamtlichen - MitarbeiterInnen werden Effizienz und gewinnorientiertes Arbeiten verlangt. Der politische Erfolg gerät in den Hintergrund oder dient als Mittel zu neuen Akquise von Spenden und Zuschüssen bzw. als Förderung für den eigenen Markennamen. Nicht anders steht es um die Binnenstrukturen. Die müssen kapitalistische Effizienz hervorbringen. Experimentieren für eine bessere Welt ist woanders.

Alternativen aufbauen, ohne im Bestehenden hängen zu bleiben

Wenn NGOs und Bewegungsagenturen Proteste initiieren, anheizen oder nutzen, um die dort entstandene Energie in für ihren Selbsterhalt nützliche Ressourcen zu wandeln, so werden sie selbst zu einem integralen Bestandteil der Totalität von Verwertungslogik. Ihr Marktsegment ist der Protest, auf den sie die kapitalistischen Logiken anwenden. Zugespitzt könnte mensch sagen: Sie gehören zu den Gewinnern der Krisen und Zerstörungen, denn der Protest gegen Kriege, Gentechnik, Globalisierung, Atomkraft oder Stuttgart 21 wandelt sich in ihren Händen zu einem profitablen Geschäft. Wie in Konzernen auch wird das zum Selbstläufer, typisch kapitalistisch sogar zu einem, der ständig wachsen muss. Denn die sich vergrößernden Geschäftsstellen schreien nach hohen Geldeinnahmen, damit Löhne und Ausstattung weiter finanziert werden können. Die Werbeetats steigen - wie in anderen Teilen der großen Verwertungsmaschine auch.
Die Basisgruppen und Mitglieder der Organisationen, so noch welche vorhanden sind (moderne Bewegungsagenturen verzichten auf eine "Basis" und setzen nur auf hauptamtlich geführtes Management), bekommen von all dem wenig mit. Ihnen gegenüber werden Kampagnen inhaltlich begründet - so wie es den einzufangenden Mitgliedern und SpenderInnen auch präsentiert wird.
Ältere NGOs, soweit sie ihr Management nicht modernisiert haben, verharren in den üblichen Organisationsmustern der 80er und 90er Jahre. Hier waren staatliche Fördergelder eine wesentliche Basis des finanziellen Überlebens und Lobbyarbeit der zentrale Punkt politischer Einflussnahme. Für beides erschien nützlich, zumindest in den Spitzenpositionen eine hohe personale Durchdringung mit AmtsinhaberInnen in Politik und Ämtern, mitunter auch direkt in der Wirtschaft zu haben. Dieses setzte sich sogar bis in die Basisgruppen großer Verbände fort. Doch wer so finanziell abhängig und personell verstrickt ist, wird Protest nur wohldosiert abgeben können - eben als klassischer Akteur in einer herrschaftsförmig organisierten Gesellschaft. Gewerkschaften sind hier typische Beispiele, wobei die hier beschriebenen Blicke vor allem die mittel-, vielleicht auch für die nordeuropäische Protestkultur prägend sind. Je nach Geschichte von Protest und den gesellschaftlichen Bedingungen sind im weltweiten Vergleich erhebliche Unterschiede zu erwarten - gerade auch abhängig davon, wie die Staatsmacht mit Protest umgeht, sprich: abwehrt, zerschlägt oder aufsaugt.

Emanzipatorischer Protest muss sich immun machen dagegen, ausgesaugt oder selbst zu einem Abbild herrschender Verhältnisse verändert zu werden.

Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 383, mehr Auszüge ...)
Zu Beginn des dritten Abschnitts dieses Kapitels haben wir gesehen, dass Souveränität einer Wechselbeziehung zwischen zwei Parteien bedarf, nämlich zwischen den Herrschenden und den Beherrschten, und dass diese Aufteilung innerhalb der Souveränität ein ständiges Krisenpotenzial in sich birgt. Zur Trennung kommt es dort, wo die Multitude als Subjekt in Erscheinung tritt und verkündet: »Eine andere Welt ist möglich«, indem sie aus der Beziehung zum Souverän flieht und es sich selbst zur Aufgabe macht, diese Welt zu schaffen.

Beitrag von Stefan Meretz auf Opentheory "Alles für alle"
Aber wie bei allen Projekten besteht das Problem der Ankopplung an die Wertsphäre: Ob beim Wiki, beim Umsonstladen, bei Freier Software - irgendwie muss das gelöst werden. Wichtig finde ich, darauf zu achten, dass (a) die Schnittstelle möglichst klein ist - also nicht x Baustellen bestehen, die geldmäßig abgesichert sein müssen; (b) möglichst wenig permanenter Geldfluss erforderlich ist - etwa regelmäßige Mietzahlungen; (c) es möglichst keine Abhängigkeiten von Geldfluss und Projektinhalt gibt - etwa bestimmte Themen, die vorhanden sein müssen, um eine Förderung zu bekommen etc. In diesem Sinne ist Freie Software (um das mir vertraute Beispiel zu nehmen) günstig: Ich muss "nur" je mich über Wasser halten und in großen Abständen je mein Produktionsmittel auf meinem Schreibtisch.

Praktisch bedeutet das vieles. Unter anderem ...

Muss der Weg dem Ziel entsprechen oder heiligt der Zweck die Mittel?

Dazu laufen mitunter bizarre Debatten. Besonders innig geführt wird sie an der Gewaltfrage, die hier als Beispiel dienen soll. Heißsporne beider Lager erklären ihren Disput zum Knackpunkt von Bündnisfähigkeiten. Zudem bieten sie Medien und politische Eliten eine einfache Möglichkeit der Spaltung. Doch warum eigentlich Gewaltfreiheit oder Militanz eigentlich so viel wichtiger sein sollen als andere Fragen der Organisierung, erklären beide "Seiten" nicht. Wenn "Gewaltfreie" handgreiflich gegen Militante werden oder mit bezahlten GewalttäterInnen wie der Polizei kooperieren, stellen sich ebenso einige Fragen wie bei der Beobachtung von militanten Aktionen, die eher aus schlechter Vorbereitung und Ohnmacht folgen denn aus strategischer Befürwortung solcher Konzepte. Zudem widerlegt sich der Verweis auf die Parole "Der Zweck heiligt keine Mittel" meist schnell selbst, weil selbst bei der Verbreitung der Parole umweltzerstörend hergestellte Geräte, käufliche Software oder Atomstrom genutzt werden. Offenbar sind die Mittel doch eher eine Sache der Abwägung, d.h. einer typisch menschlichen Fähigkeit, der Dogmen widersprechen. Dann werden Persönlichkeiten zitiert, z.B. immer wieder Mahatma Gandhi. Doch das der absolute Gewaltfreiheit gepredigt haben soll, ist frei erfunden.

Ein kritischer Blick auf die sich bildenden Lager bei solchen Auseinandersetzungen zeigt aber noch etwas Anderes: Das heiß umkämpfte Thema ist vorgeschoben. Dahinter lagern schwere Kämpfe um Vormachtstellungen in politischer Bewegung. Mit ihrem Gerede von "Gewaltfreiheit" schaffen es BasisdemokratInnen (manche halten sich - trotz Unvereinbarkeit - gleichzeitig sogar für AnarchistInnen), tief in bürgerliche, sogar christliche Kreise einzudringen. Dort lagern gesellschaftliche Einflussmittel und volle Konten.

Das alles kehrt bei anderen Themen wider. Dogmen sind immer ein Mittel der Machtausübung, denn sie sollen dem einzelnen Menschen seine Selbstbestimmung rauben. Es ist wie das kapitalistische "Tu was Du willst, aber sei profitabel", nur dass hier andere Handlungsimperative benannt werden.

Typisch menschlich wäre die Abwägung in jedem Einzelfall - schon allein, weil keine Situation vorhersagbar ist. Wer Mittel auswählt oder ausschließt, ohne zu wissen, wie die Lage sein wird, beschränkt sich selbst. Die Abwägung aber ist etwas Wichtiges: Was ist angemessen? Welches Mittel erreicht welche Wirkung? Was wird dadurch im Detail und was im Allgemeinen gefördert? Kann ein Erfolg im Kleinen mit einer Verschlechterung im Großen, z.B. der Bejahung oder Verschärfung von Herrschaftsverhältnissen einhergehen?
Diese und andere Aspekte müssen beachtet werden. Aus emanzipatorischer Sicht wird immer wieder bedeutend sein, ob politisches Handeln Befreiung bringt oder Herrschaftsverhältnisse legitimiert bis stärkt. Taktische Überlegungen kommen hinzu, wieweit sich Projekte und Vorschläge aufsaugen lassen vom darin geübten demokratischen Rechtstaat, der Kritik erst ignoriert, dann bekämpft und, wenn das immer noch nicht reicht, integriert.

Und was heißt das praktisch?

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Aus "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" (1. Auflage, S. 54 f.)
(1) Rausgehen aus Verwertungsstrukturen: Wenn wir erkennen, dass die subjektlose Verwertungsmaschine des Kapitalismus unsere Lebensbedingungen zerstört, können wir nicht die politische Arbeit gegen den Kapitalismus auf seinen Verwertungsstrukturen aufbauen. Ein Beispiel aus dem realen Leben: Zunächst sollte der Verkauf politischer Bücher die politische Arbeit finanzieren, dann sollte der Verkauf politischer Bücher den Verlag finanzieren und schließlich wurden die Krimis entdeckt, die viel mehr Geld brachten als die politischen Bücher. Nun muss jedes Buch selbst seine Kosten “erwirtschaften”, denn auch die (Selbst-) Angestellten wollten “bezahlt” sein, und die politischen Bücher starben aus. - Andere Beispiele sind Abhängigkeit von Spenden oder gar staatlichen Subventionen, um “den Laden am Laufen” zu halten. Natürlich kostet politische Arbeit auch Geld, und Geld zu nehmen ist nichts Verwerfliches. Doch der Rubikon wird überschritten, wenn die eigene, individuelle Existenz von der Existenz der Gruppe abhängig wird, was bedeutet, den Erhalt der Gruppe im eigenen partialen Überlebensinteresse als Selbstzweck zu betreiben. Politische Gruppen müssen ohne existenziellen Schaden ihrer Mitglieder untergehen können, und Mitglieder müssen Gruppen verlassen können, ohne dass ihre Existenz infrage steht. Das geht nur in autonomen Strukturen, die nicht nach Verwertungsprinzipien funktionieren.
(2) Individuelle Selbstentfaltung als Grundlage der Bewegung: Das Dominantwerden von partiellen Individualinteressen auf Kosten anderer und das Entstehen “informeller Eliten” können weder durch bürokratische Verfahren (“Wahlen”) noch moralische Appelle (“Du sollst nicht instrumentalisieren”) verhindert werden. Die einzige funktionierende Grundlage ist die Selbstentfaltung der beteiligten Individuen, die Durchsetzung ihrer allgemeinen Interessen. Das schließt ein, allen auch die Chance, den Raum, die Möglichkeit zur Selbstentfaltung zu lassen, denn wer weiß schon von vornherein, wie das geht! Das “Möglichkeiten ... lassen” ist jedoch nicht die “Verantwortung” bestimmter Personen - etwa, der “Schlaueren”. Gerade eine solche “Verantwortungshaltung” Weniger festigt die personalisierten Strukturen, die sie zu bekämpfen meint: Es gibt niemanden, der das “Recht” hat, anderen “Möglichkeiten zu lassen” - genauso wie niemand das Recht hat “Möglichkeiten zu nehmen”. Das eine schließt das andere logisch mit ein! Es ist die “Verantwortung” aller und jedes Einzelnen, Strukturen zu schaffen, in denen das Lassen und Nehmen von Möglichkeiten keine Frage mehr ist! Dort, wo sich Menschen unbeschränkt entfalten, ist für “Eliten” kein Platz mehr.
(3) Kritik und Reflexion der Bedingungen, nicht der Personen: Wir schreiben immer wieder gegen die Moralisierung in emanzipatorischen Bewegungen an. Wie aber sollen sich Subjektbeziehungen durchsetzen, wenn es keine moralischen Leitlinien gibt, an die sich die Menschen halten können? Subjektbeziehungen setzen sich nur dann durch, wenn ich es will. Will ich die Selbstentfaltung, dann geht das nur in intersubjektiven kooperativen Beziehungen. Was aber ist, wenn diese theoretische Erkenntnis sich praktisch nicht durchsetzt? Dann gibt es keine andere Chance, als die Gründe für das Unterlaufen anzusprechen, und die strukturellen Ursachen, die das Unterlaufen nahelegen, aufzudecken. Das geht nur in offener Kritik und Reflexion des eigenen Tuns. Jedes Zurückhalten und Unterlassen von Kritik um der “Harmonie willen” ist kontraproduktiv - jede Unterdrückung erst Recht. Eine unterbliebene Kritik ist eine vertane Chance - für mich und alle. Problematisch ist jedoch personalisierende Kritik. Es geht niemals um “Schuld”, sondern immer um die Gründe für mein Handeln. Es gibt kein unbegründetes Verhalten, sei es auch noch so daneben. Es gibt immer nur das Noch-nicht-Kennen der Gründe für das Handeln des anderen. Über das Kennenlernen der Gründe können wir die individuellen Prämissen für das Handeln verstehen, die auf die Bedingungen verweisen. Um diese Bedingungen geht es, ihre Rolle als strukturelle Handlungsvoraussetzung ist aufzudecken. Gerade die Offenheit und Kritikfähigkeit entlastet mich von der Notwendigkeit, die anderen auch zu “mögen”. Dort, wo Gruppen nur noch über Sympathien funktionieren, wo sich verschiedene sympathiegetragene Klüngel bilden, ist etwas faul.
(4) Kollektivierung von Entscheidungen: Die Beteiligung an oder Gründung von Gruppen auf der Grundlage der individuellen Interessen ist die eine Sache. Eine andere ist es, Entscheidungen für das gemeinsame Handeln zu fällen. Nicht immer liegt auf der Hand, ob diese oder jene Entscheidung im allgemeinen oder nur partiellen Interesse liegt. Dennoch muss entschieden werden, will die Gruppe nicht zur einer “Gruppe auf dem Papier” mutieren. Spehr schlägt ein “collective leadership” vor: “Es reicht nicht, dass alle ihre Interessen formulieren und in ihrer Unterschiedlichkeit einbringen; irgend jemand muss den jeweils nächsten Schritt formulieren, der daraus folgt, und in einer freien Kooperation sollte diese Fähigkeit soweit wie möglich kollektiviert sein” (Spehr 1999, 302).
Kollektivierte Entscheidungsformen kann es viele geben, wichtig ist, dass sie der Lage angemessen und leicht veränderbar sind: Delegationen mit Mandat, Rotationen in Entscheidungspositionen, zeitliche Befristungen für bestimmte Aufgaben etc. Wichtiges Merkmal ist hierbei, dass nicht immer “alle alles” entscheiden, das wäre viel zu uneffektiv, sondern das es ein transparentes Verfahren für gemeinsame Entscheidungen gibt.
Wir sind nicht frei, aber wir können wählen zwischen Möglichkeiten - und sie schaffen!

Wer politisch aktiv ist, also etwas verändern bzw. als negativ empfundene Veränderungen verhindern will, kann immer zwischen verschiedenen Strategien wählen. Denkbar ist auch, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Aus emanzipatorischer Sicht kommt es immer auf die Qualität, also die Inhalte und die Strategie an, nicht so sehr auf den Schein oder eine formale Regelung. Sie wäre nur so emanzipatorisch, wie sie mit Leben erfüllt ist. Ob ein Führungsgremium Vorstand oder Koordinierungskreis heißt, ob kleine oder große Schritte gemacht oder gefordert werden, ist nicht so entscheidend, sondern dass, was tatsächlich passiert oder an Herrschaftsverhältnissen besteht. Große, emanzipatorische Schritte sind schön, können aber eher ganz scheitern oder sogar unversucht bleiben, weil der revolutionäre Pathos bereits das Gruppenleben ganz ausfüllt und der Drang zur tatsächlichen Veränderung hinter den Parolen von Umsturz versandet. Kleine, emanzipatorische Schritte können ebenso im Alltagsgeschehen untergehen, wenn die Wirkung irgendwann gar nicht mehr spürbar ist oder das ständige Denken im System so abstumpft, dass die Frage nach dem emanzipatorischen Fortschritt irgendwann im Alltagstrott des politischen Klein-Klein hinten runterfällt.
Die Abschaffung von Vorständen ist gut, aber wenn das nur in intransparente Hintergrund-Machtzirkel mündet, hilft es wenig oder gar nichts. So bietet politische Bewegung in jeder Sekunde und an jedem Ort selbst die Möglichkeit zur Veränderung. Viele Möglichkeiten sind schon "erfunden", aber für eine horizontale Bewegungskultur wird es auch darauf ankommen, weitere soziale Innovation voranzubringen.

Kein Appell, sondern direkte Aktion

Gesellschaftliche Einzel-Missstände, die meist im Fokus von Protest liegen, hängen immer mit dahinterstehenden Hierarchien, Privilegien, Diskriminierungen oder anderen, grundlegenden Herrschaftsverhältnissen zusammen. Diese bilden tiefere Ursachen - es wäre also fatal, ausgerechnet die als RetterInnen anzurufen, die solche Missstände hervorgerufen oder willentlich Rahmenbedingungen geschaffen haben, die zu ihnen führten. Daher kann appellativer Protest an die Mächtigen nie emanzipatorisch sein, weil er die Macht legitimiert, wenn sie auch anders ausgeführt werden soll. Ebenso kann der Personenwechsel an der Macht nicht Ziel emanzipatorischer Aktion sein, da auch hierdurch Herrschaftsverhältnisse nicht abgebaut, sondern sogar zusätzlich legitimiert werden.
Das bedeutet nicht, auf klare Worte an Konzernleitungen, Aufsichtsbehörden oder Regierungen zu verzichten, aber sie sind nicht das primäre Ziel. Dieses liegt in der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse, die das ermöglichen oder gar fördern, was kritisiert wird. KeinE AktivistIn muss traurig sein, wenn die willigen VollstreckerInnen in Herrschaftspositionen politische Forderungen umsetzen - aber dadurch sind diese nicht gefestigt. Jeder Personenwechsel oder schon der Wandel in den Interessen derselben Personen können einmal Erreichtes wieder in Frage stellen.
Der Appell an die Mächtigen legitimiert diese. Eine Akzeptanz oder gar Freude, wenn sie bei Druck nachgeben, darf gerne Teil von Widerstandskultur sein - prägend sollten allerdings das Ringen um grundlegendere Veränderungen und der Wille sein, die Verhältnisse ohne Anrufung höherer Mächte zu verändern.

Weniger entscheidend ist die Frage, ob wir uns an kleine Veränderungen oder große Entwürfe machen. Oft werden die Wörter Reform und Revolution gewählt, um diesen Unterschied zu verdeutlichen, doch beschreibt dieses Begriffspaar nicht den Kern des Konflikt. Denn eine Reform kann auch ein Schritt zur Überwindung der Verhältnisse sein, während eine Revolution auch rückwärtsgewandt sein kann oder nur den Wechsel der MachtinhaberInnen, nicht aber einen Systemwechsel oder nur einen Wechsel zu einer anderen Form der Beherrschung anstrebt. Die Forderung nach revolutionärer Umwerfung kann Reformen auslösen. Viele Reformen können einer Revolution gleichkommen. Entscheidend ist, ob sie befreiend wirken oder Herrschaftsverhältnisse legitimieren bis modernisieren.

Viele Ideen konkreter, direkter Aktion sind schon entwickelt und ausprobiert worden. Unübersehbar viele weitere würden in politischer Bewegung, die ihre eigenen Normen, Hierarchien und Abhängigkeiten abschüttelt, erst noch erdacht werden. Eine Übersicht über die Vielfalt der Möglichkeiten lässt sich an den vielen Beispielen plus praktischen Handlungstipps auf den Direct-Actionen-Seiten im Internet und dem Direct-Action-Reader ersehen.

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Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 52)
Schließlich umfasst eine Politik der freien Kooperation auch eine Politik der Organisierung. Organisierung bedeutet, sich mit Gleichgesinnten (oder besser gesagt: in bestimmten Punkten ähnlich Gesinnten) gemeinsam für bestimmte Ziele einzusetzen und dabei gleichzeitig bereits eine alternative Praxis zu entfalten. Dies ist ein sehr breiter Begriff, der nicht unbedingt an feste Organisationen gebunden ist, sondern ebenso kulturelle Bewegungen, soziale Organisierung und Prozesse inhaltlicher Annäherung und praktischer Kooperation zwischen unterschiedlichen Emanzipationsbewegungen meint. Man muss nirgends eintreten, um sich zu organisieren (aber man kann), und es wird für eine Politik der freien Kooperation keinen Dachverband und kein Parteimonopol geben. Im Grunde gilt für Organisierung Ähnliches, wie für den Doppelcharakter der Demokratie: Organisierung kann zur Ausübung und zum Ausbau von Herrschaft dienen, aber es gibt keine Alternative zur Organisierung. Eine Politik der Organisierung, als Bestandteil einer Politik der freien Kooperation, schreibt daher keine formalen Organisationsmodelle vor, sondern umfasst praktische Elemente, in denen sich historische Erfahrungen niederschlagen, wie dem Herrschaftscharakter von Organisierung zu begegnen ist.


Fallen politischer Praxis
Aus einem Interview mit Jan Rehmann, in: Junge Welt, 3.1.2008 (faulheit&arbeit, S. 1 f.)
Die erste Falle ist eine abstrakte Ideologiekritik, die die ideologischen Felder wie Religion, Moral, Recht frontal von außen angreift, statt in sie einzugreifen. Dadurch verliert sie den Kontakt zur Bevölkerung und isoliert sich. Die zweite Falle besteht darin, dass man seine Forderungen in den herrschenden Diskursen ausdrückt und sich dabei an die hegemonialen Ideologien anpaßt. Das ist dann die Schleimspur, auf der man ausrutscht. Um diese Fallen zu vermeiden, braucht man eine kritische Ideologietheorie, die in der Lage ist, das Ensemble der ideologischen Normen und Werte so zu analysieren, dass man die Bruchstellen findet, an denen man effektiv intervenieren kann. Man kann eine solche Intervention als »interruptiven Diskurs« bezeichnen. ...
Immer wieder konzentrierte sich ein Teil darauf, im Hier und Jetzt alternative Lebensformen zu entwickeln, Genossenschaften, Kommunen, alternative Landwirtschaft zu gründen, am ausgeprägtesten vielleicht im israelischen Kibbuz, und immer wieder stellte sich das Problem, dass solche Projekte von gesamtgesellschaftlicher Politik abgeschnitten waren. Ein anderer Teil orientierte jeweils auf die Transformation der Makrostrukturen, sei es kommunistisch als Eroberung der Staatsmacht oder sozialdemokratisch als Reformversuch, und von dieser Warte wertete man dann die konkreten Alternativprojekte als utopisch, unpolitisch, kooptiert oder sektiererisch ab. Beide Seiten haben sich gegeneinander vereinseitigt.

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 238)
Im Rahmen einer integralen, d. h. alle gesellschaftlichen Teilbereiche einbeziehenden mehrdimensionalen Transformationsstrategie ist auch auf vielfältige Widerstands- und Protestformen nicht zu verzichten. Hier sind die von Anarchisten und revolutionären Syndikalisten propagierten »direkten Aktionen« wie Betriebsbesetzungen bei Konkurs, Hausbesetzungen und andere Maßnahmen sowie Aktionen zur Bloßstellung von Autoritäten heute durchaus von systematischer Bedeutung. Auf der Basis solcher nicht-frontalen und mehrdimensionalen Strategien der Gesellschaftsveränderung lassen sich die anarchistischen Entwürfe einer herrschaftsfreien Gesellschaft auf die heutigen hochkomplexen Industriegesellschaften beziehen. Die Vermittlung von utopischen Gesellschaftsentwürfen und der gesellschaftlichen Realität ist möglich, auch wenn der Gedanke eines alles verändernden revolutionären Umsturzes aufgegeben wird.
Aktion und Utopie

Ein besonderes Ansinnen ist, direkte Aktionen so zu organisieren, dass sie nicht nur für Änderungen im kritisierten Detail werben, sondern für weitergehende Veränderungen in der Gesellschaft. Oder die Debatte um Utopien anzetteln. Das gelingt dann leichter, wenn tragende Pfeiler herrschaftsförmiger Gesellschaft angegriffen werden: Eigentum, Strafe, Kategorien der Ausschließung, Privilegien oder die alles durchziehenden Mechanismen, also Gesetze, Diskurse usw. als Gesamtes.

Dezentral, vernetzt - von unten organisiert

Echte Netzwerke haben Knotenpunkte, aber keine Zentralen. Die Kunst ist, Kommunkationspunkte und Kooperationsanbahnung zu gewährleisten, so dass ohne die Rolle der Hierarchien schaffenden Apparate eine Miteinander immer möglich ist - in der Aktion, bei der effizienten Nutzung von Ressourcen, beim Austausch von Wissen und Erfahrungen, für gegenseitige Hilfe. Das ist keine leichte Aufgabe angesichts der starren Hierarchien und dem Konkurrenzkampf um Spendengelder, öffentliche Aufmerksamkeit, Adress- und Presseverteiler, Zugang zu den Tischen der Reichen und Mächtigen usw. Politische Bewegung muss auf den Kopf gestellt werden. Es gilt nicht mehr als primäres Interesse, starke zentrale Geschäftsstellen zu sichern und das eigene Label einheitlich zu vermarkten, sondern eine bunte, gut vernetzte Vielfalt handlungsfähiger Teile des Ganzen aufzubauen - von Basisgruppen bis zu selbstorganisierten überregionalen Projekten und Aktionen.

Aus "Einige Notizen zu aufständischem Anarchismus"
Autonome Aktion: die Selbstverwaltung des Kampfes bedeutet dass die, die kampfen autonom sind in ihren Entscheidungen udn Aktionen; dies ist das Gegenteil einer Organisation der Synthese, die immer versucht, die Kontrolle des Kampfes zu übernehmen. Kämpfe die synthetisiert sind, durch eine einzelne kontrollierende Organisation, sind einfach integrierbar in die Machtstrukturen der gegenwärtigen Gesellschaft. Selbstverwaltete Kämpfe sind in ihrer Natur unkontrollierbar, wenn sie über das soziale Terrain verbreitet werden. ...
Deshalb sind kleine, leicht reproduzierbare Aktionen, die einfache Mittel erfordern, welche allen zugänglich sind, durch ihre Einfachkeit und Spontanität unkontrollierbar. Diese machen sogar die meist vorangeschrittensten technologischen Entwicklungen der Aufstandsbekämpfung zum Gespött.

Den Alltag zur Aktionsfläche machen!

Politischer Widerstand ist oft auf große Events orientiert. Das zehrt an Kräften, denn diese sind aufwendig, müssen komplett inszeniert werden. Zudem sind sie anfällig für Vereinnahmung und hierarchische Strukturen. Der Alltag bietet andere Ansatzpunkte: Er ist immer da, mensch muss nicht aufwendig zu ihm hinkommen. In ihm spiegelt sich die Totalität von Herrschaft. Die Menschen verfügen über ein Know-How des Umgangs mit ihm und können Veränderungen daher unmittelbar ausprobieren, die Wirkungen prüfen und eigene Strategien weiterentwickeln. Die Menschen sind von ihrem eigenen Handeln selbst betroffen. Das ist wichtig. Politische Strategien schaffen heute immer wieder Orte, die gefahrlos betreten werden können, weil sie mit dem eigenen Leben ohnehin nichts zu tun haben. Wer den Alltag zum Kampffeld macht, wird Widersprüche und auch den entstehenden Druck direkt spüren. Das kann verunsichern, zeigt aber, dass es hier um tatsächliche Veränderungen geht, nicht nur um symbolische oder gar nicht verbale Politikformen.

Wer im Alltag agiert, läuft Gefahr, nur für sich zu handeln und sich in einer Nische zu isolieren. Kooperation ist aber hier besonders interessant, denn sie schafft konkrete Kommunikation, ist stark durch die Menschen selbst steuerbar und kann anonyme Kooperationen zurückdrängen. Die eigene Handlungsmacht nimmt zu – im günstigen, nämlich erfolgreichen Fall auch die Handlungsmöglichkeiten durch bessere materielle Absicherung, Infrastruktur und mehr Zeit.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 107)
Dies ist gleichbedeutend mit der Frage »Wer soll das alles durchsetzen?«, die sich gewöhnlich an Ausführungen über politische Utopie anschließt. So kompliziert und vielschichtig Herrschaft ist, so vielschichtig und vielgliedrig sind auch die Prozesse der Befreiung. Wir können uns heute kein historisch privilegiertes Subjekt mehr vorstellen, das die Veränderung der Verhältnisse bewirkt – keine nach Funktion, Ideologie oder Identität ausgewiesene Klasse, Gruppe, Organisation. Wir können uns heute auch keinen privilegierten Ort und keine privilegierte Form dieser Auseinandersetzung vorstellen. Und wir können uns nicht mehr vorstellen, dass dieser Prozess von formalen politischen Organisationen dominiert wird. Es geht um ein ganzes Bündel von Prozessen, einen komplexen Prozess, in dem Organisationen und soziale Bewegungen, Alltagsabsprachen und kulturelle Bewegungen, soziales Experimentieren, kulturelles Imaginieren und politische Kämpfe eine Rolle spielen und einander nicht untergeordnet werden können.

Wer schafft den Wandel?

Es werden neue Kreise sein, die diese Verkrustung durchbrechen können – aber nicht mit reinem Aktionismus, sondern in einer kreativen, einem ständigen Prozeß der Weiterentwicklung unterzogenen Arbeitsstil, in dem Vielfalt, Offenheit, direkte Aktion und direkte Kommunikation gelten – Bewegung von unten. Nur sie ist eine Alternative zum Bestehenden. Nur sie kann sich so entwickeln, dass ihre Ideen und Aktionen zu einer Gefahr für die herrschenden Verhältnisse werden. Der Blick “über den Tellerrand” in andere Länder zeigt, dass die politische Organisierung in Deutschland eher zurückliegt. Nirgendwo sonst setzen soviele politische AkteurInnen auf die Heilungskräfte des Marktes oder das Gute in den Regierungen – und entwickeln ihre Vorschläge entsprechend vor allem marktgängig und als Appell an die jeweils Regierenden. Ebenso gibt es nur in wenigen Ländern unter denen, die Politik wenigstens als Aktionsform gegen Herrschaft und Kapitalismus begreifen, eine so klare Dominanz derer, die an alten Strukturen festhalten, Praxisfeindlichkeit zeigen und auf Neuerungen derart ablehnend reagieren.
Dabei ist nichts gut, bloß weil es neu ist. Aber Neues ist es immer wert, offen diskutiert und auch ausprobiert zu werden. Politische Bewegung braucht mehr Mut, mehr Ideenreichtum, mehr Experimente, mehr Risikofreude, mehr direkte Aktion und selbstbestimmte Kommunikationsformen.
Die Diskussion hat erst begonnen. Die Umsetzung beginnt gleichzeitig. Die Praxis ist nicht nur Teil der Veränderung, sondern auch eine Grundlage der Diskussion um Strategien und Positionen. Kein gesellschaftlicher Wandel entsteht nur aus Aktionismus oder nur aus der Debatte um Theorien. Die Verknüpfung wird die Kunst sein. Die spannendsten Politikformen entstehen dort, wo inhaltlich-strategische Debatten geführt werden und eine politische Praxis der direkten Aktion und Öffentlichkeitsarbeit gefunden wird. Wer dann loslegt, macht Fehler. Eine aufmerksame Reflektion wandelt diese in strategischen Fortschritt und Ansporn, es besser hinzukriegen. Immer weiter. Fragend voran.

Das war's. Das Ende des Lesens ist (spätestens) der Anfang des eigenen Denkens - und Handelns.

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Aus Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 107ff)
1. Emanzipatorische Positionen benennen und erkämpfen
Die gesellschaftliche Diskussion ist geprägt von dem Bemühen um Konsens, Zugehörigkeit zur politischen Mitte und Angst von Radikalität. Politische Forderungen, die vom Status Quo stark abweichen, werden kaum noch benannt. Politik ist oft nur das Ringen um Minimalveränderungen oder Stillstand. Innerhalb reformistischer Gruppen gibt es nicht nur den Hang zu Reformen statt grundlegende Forderungen zu vertreten, sondern eine Vorliebe für ganz kleine Reformen, die niemandem wehtun und daher auch niemanden verprellen.
Ohne radikale Positionen, die gerade wegen ihrer Radikalität faszinieren und provozieren, ist politisch kaum etwas zu bewegen. Was sich von der Realität oder von den Konzepten derer, die die politische oder wirtschaftliche Macht haben, nur in wenigen Punkten unterscheidet, ist langweilig und demotivierend. Warum sollen sich Menschen für etwas interessieren oder gar engagieren, was ganz ähnlich ohnehin kommt? Daher ist es wichtig, wieder klare Positionen zu benennen, grundlegend “Nein” zu sagen, Widerstand zu organisieren und grundlegend abweichende Vorschläge und Visionen zu benennen. Wer gesellschaftliche Veränderung will, muss sich der Realität kämpferisch stellen, muss unterscheidbar sein von dem, was ist oder seitens derer, die Gesellschaft augenblicklich gestalten, als Zukunft benannt wird. Gesellschaftliche Auseinandersetzung braucht Menschen und Gruppen, die von den aktuell Mächtigen ausgegrenzt, als “Spinner” betitelt oder gar bekämpft werden. Emanzipatorische Politik stellt Herrschaft in Frage, grundlegend. Sie ist nicht integrierbar in Machtspielchen, daher muss sie zwangsläufig auf die Gegenwehr derer treffen, die aktuell Herrschaft ausüben.
Emanzipatorische Politik will nicht ein bißchen mehr Gerechtigkeit, ein bißchen mehr Gleichberechtigung, ein bißchen mehr Mit- oder Selbstbestimmung, sondern sie will es ganz. Ohne Abstriche. Werden Teilverbesserungen durchgesetzt, sind sie zu kennzeichnen als Schritte auf dem Weg nach mehr. Zufriedenheit tritt erst ein, wenn das Ganze erreicht wird. Das Ganze wird gefordert, auch in den Debatten um die Teilschritte. Teilschritte sind nie das Ziel, sondern der Weg dahin – als solche aber sinnvoll.

2. Vielfältige, selbstorganisierte Aktionskonzepte durch- und umsetzen
Horizontale Vernetzung heißt das Zauberwort. Sie bedeutet, dass Kommunikationsstrukturen, Aktionsplanungen usw. nicht mehr in hierarchischen Strukturen erfolgen, sondern aus einem gleichberechtigten Nebeneinander von Ideen und Aktivitäten besteht. Alles, was läuft, wird aus den tatsächlich agierenden Gruppen und Zusammenhängen, aus neu initiierten Arbeitsgruppen usw. heraus entwickelt, ohne dass irgendeine dieser Gruppen wichtiger ist als andere.
Als Beispiel sei die Anti-Atom-Bewegung angeführt. Das beste und wertvollste, was dort entwickelt und dann breit akzeptiert wurde, was das Konzept einer Aktionsvielfalt (“Streckenkonzept”), nach dem verschiedene Gruppen die ihnen liegenden Aktionsformen unabhängig voneinander umsetzen konnten. Niemand plant für alle mit, niemand schwingt sich auf, Führungselite für die Bewegung oder eine Aktion zu sein. Genau das hat die Stärke der Anti-Castor-Aktionen ausgemacht. Die Aktionen in Köln im Sommer 1999 waren genau das Gegenteil: Peinlich genau wurde darauf geachtet, dass alles zentral in der Hand der jeweiligen Organisationsleitung lag. Bei den Anti-Castor-Aktionen gingen vorher genaue Landkarten und Hinweise über Telefonnummern, Anfahrtsmöglichkeiten von allen Seiten und zu allen möglichen Ort rum. Aber in Köln – nichts dergleichen. Zentralistische Organisation. Die Demo-TeilnehmerInnen waren nur die Masse, die für den eigenen Medienerfolg (der dann auch noch ausblieb ...) oder die zentral ausgewählten Redebeiträge nötig waren.
Konzept der dezentral organisierten, aber dennoch vernetzten Aktionen muss im politischen Raum durchgesetzt werden – es muss möglich werden, solche Aktionsformen gegen die zentralistisch agierenden Verbände u.ä. zu verwirklichen oder auch ohne sie.
Im Expo-Widerstand wurde horizontale Vernetzung versucht – mit Teilerfolgen. Zentrale Strukturen wurden nicht geschaffen, alle Aktivitäten gingen aus konkreten Gruppen und Projekten hervor. Dadurch entstand eine Vielfalt und Unberechenbarkeit. Allerdings blieben oder entstanden Unterschiede zwischen denen, die viel machten und intensiv an den Kommunikationsstrukturen teilnahmen und denen, die sich nur begrenzt einbrachten. Konflikte zwischen den dominanteren Gruppen um Aktionsformen und Arbeitsstrategien beeinträchtigten den Gesamtzusammenhang.

3. Autonomie aller Teile des Ganzen
Eine emanzipatorische Bewegung kann nur eine “Bewegung von unten” sein, in der die konkreten Zusammenhänge und in ihnen wiederum die Teilgruppen bis hin zu den einzelnen Menschen die entscheidenden Teile, also die Subjekte politischer Arbeit sind. Alle zentralen Gremien haben Initiativ- und Koordinationsfunktion, aber auch dieses wiederum nur aufgrund der Beteiligung konkreter Personen und autonomer, d.h. unabhängiger, selbstbestimmter Gruppen und Projekte. In der konkreten Arbeit bedeutet das, dass die sich für eine konkrete Aktivität zusammenfindende Gruppe auch die Entscheidungsgewalt über ihre Aktivität hat. Gerade weil sie die hat, vergrößert sich dann auch die Chance, dass sie ihre Handlungen innerhalb von Vernetzungen transparent macht – es geht ja nicht um Machtkampf, Abstimmungen oder ähnliches. Plena und übergeordnete Vernetzungen stimmen nur über das ab, was auch alle zusammen betreiben – und das ist im Idealfall nichts mehr. Die Autonomie der Teilgruppen des Ganzen muss sich auf alle Bereiche beziehen, von der materiellen Selbständigkeit bis zum Auftreten in der Öffentlichkeit. Alle Gruppen sind autonom, alle treten folgerichtig aber auch nur für sich selbst auf, nicht für etwas Ganzes, was ohnehin meist konstruiert und von der Existenz von Führungsgremien (gewählt oder informell) abhängig ist.

4. Autonome Strukturen aufbauen
Aktions- und Kommunikationsstrukturen für jede Aktion neu aufzubauen, wäre anstrengend und dumm. Daher ist es sinnvoll, autonome, d.h. selbstorganisierte und unabhängige Struktur zu schaffen, die neben den jeweils zu Aktionen aufgebauten Arbeits- und Vernetzungsstrukturen dauerhaft nutzbar sind.

a. Orte, Plätze, Zentren
Politische Freiräume braucht das Land! Infoläden, Projektwerkstätten, Wagenplätze, Kommunen usw. sind wichtig – wenn sie sich denn als politische Plattform begreifen und nicht nur als Rückzugsidylle, Fetenraum und/oder als Ort maximaler Anpassung an den Staat oder seine finanziellen Förderstrukturen. Doch die Wirklichkeit ist katastrophal: Selbst die meisten autonomen Zentren gehören dem Staat oder der Stadt. Dieser Zustand spiegelt wieder, wie weit entwickelt das strategische Potential autonomer politischer Bewegung ist. Wo Wagenplätze oder Zentren in Gefahr sind, wird nach Mami/Papi Staat gerufen, etwas Neues zu geben. Peinlich! Wir müssen stattdessen eigene, unabhängige Plätze schaffen – durch (kollektives) Eigentum oder durch politische Besetzung.
Wo wir aber solche Plätze haben, müssen sie auch Aktionsplattform sein für die politische Arbeit. Rein private Häuser oder Plätze sind privat und damit nicht-politisch – egal ob sie von BänkerInnen oder Anarcha/os bewohnt werden! Das Private ist wichtig, aber es ist nicht politisch!
Es muss unser Anliegen sein, an unabhängigen Orten Arbeitsmöglichkeiten für politische Gruppen, selbstorganisierte Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit usw. zu schaffen: Medienwerkstätten, Bibliotheken und Archive, technische Infrastruktur, Werkstätten und mehr in jedem Ort!!!
Durch geschickte Formen kollektiver Verfügungsgewalt über die politischen Räume müssen diese auf Dauer vor Privatisierung und Kommerzialisierung geschützt sein – also auch vor denen, die ein Projekt aufbauen und zunächst tragen (“uns selbst”), da wir davon ausgehen müssen, dass jedeR von uns zu der Mehrheit politisch Aktiver gehört, die sich nach einiger Zeit politischer Arbeit etablieren und dann das mit politischen Zielen Geschaffene für die eigene Lebensidylle bzw. -absicherung nutzen wollen.

b. Medien und Veranstaltungen
Der inzwischen fast abgeschlossene Niedergang selbstorganisierter Medien nimmt uns eine wichtige Möglichkeit der Einflußnahme auf das gesellschaftliche Geschehen. Als Alternativen bleiben einem nur noch die Anbiederung an die bürgerliche Presse (deren Ausrichtung der Krieg gegen Jugoslawien nicht veränderte, wohl aber mal wieder besonders deutlich machte!) oder der Rückzug in eine Nische ohne Wahrnehmung von außen.
Dabei ist unsere Gesellschaft eine Mediengesellschaft. Viele grundlegende Ideen lassen sich nicht auf Spucki oder Plakat unterbringen. Daher müssen wir wieder eigene Zeitungen, Radioprojekte (legal oder illegal ist scheißegal, wichtig ist: selbstorganisiert und politisch), Internetplattformen (gerade im Sinne einer kommunikativen Öffentlichkeitsarbeit) und auch Bildungsarbeit organisieren – von Einzelveranstaltungen bis zu Ideen wie Volkshochschulen von unten u.ä.
Auch bei Aktionen können zeitlich befristete Zeitungen oder ein Piratensender bzw. ein Kanal im vorhandenen Radio sinnvoll sein. Wir haben gute Ideen – aber niemand bekommt es mit!

c. Betriebe, Verlage usw.
Was für Medien gilt, kann auch für Betriebe im allgemeinen gelten – von Verlagen über Kneipen bis zum Kino. Betriebe sollten als politische Plattform begriffen werden. In vielen Kommunen oder ähnlichen Projekten dienten Betriebe vor allem der finanziellen Absicherung der AkteurInnen. Nur wenige Jahre später waren sie eine Ansammlung von kommerziellen Einheiten zum allein privaten Nutzen. Teil einer politischen Bewegung aber sind Betriebe nur dort, wo sie ein politisches Ziel (Bildungs- oder Öffentlichkeitsarbeit, Bau von Aktionsmaterial, Renovierung von Häusern oder Wägen, Kommunikation usw.) verfolgen.

d. Kommunikation und Vernetzung
Welche Vernetzung existiert? Krampfhaft werden einige, bundesweit weniger bedeutsame[[n]] Zeitungen erwähnt (Interim, radikal usw.), wenn die Frage darauf kommt. Aber es gibt nur wenige Versuche, das breiter anzulegen, viele zu erreichen. Im Antifa-Bereich gibt es einige Vernetzungsblätter, im Umweltbereich seit kurzem die “Ö-Punkte”, aber in vielen Bereichen nichts. Übergreifende Telefonketten: Fehlanzeige. Vernetzung zwischen Wagenplätzen, Infoläden und/oder Häusern: Schwach. Gegenseitige Hilfe oder Aufbau gemeinsamer Strukturen: Kaum.
Dabei ist Informationsaustausch eine wichtige Grundlage strategischer Arbeit. Ihn zu schaffen, ist ein wichtiges Ziel. Dabei wird es, auch hier nach dem Konzept der selbstorganisierten Vielfalt, verschiedene Wege geben. Im Optimalfall ist das Geflecht von Zeitungen, Email-Vernetzung, Telefonketten, Rundbriefen usw. aber durchschaubar und jede Gruppe und Einzelperson kann sich dort einbringen, wo es ihr am sinnvollsten erscheint.
Möglichkeiten der Koordination (auch hier muss es die Vielfalt der Selbstorganisation bringen): Adreßbüchlein, Kalenderprojekt(e) u.ä. Einiges gibt es schon und könnte weiterentwickelt werden – aber bislang sind fast alles Nischenprodukte, jede Szene bedient sich selbst.

5. Lebensperspektiven für die Einzelnen entwickeln
Autonome Wohnprojekte sind meist nichts anderes als unverbindliche WGs, die ökonomisch von der Substanz der Orte, vom Überfluß der Gesellschaft oder, am häufigsten, aus ganz normalen Quellen gespeist werden: Eltern, BaFöG, Staatszuschüsse, Maloche oder Sozialamt. Solange aber für die einzelnen Menschen keine Perspektive besteht, das eigene Leben selbst zu organisieren, bleiben die Zwänge des Alltags ein wichtiger Grund für das ständige Wegetablieren der ehemals politisch Aktiven.
Stattdessen müssen autonome Wohn- und Lebensformen entstehen, die die einzelnen Menschen herauslösen aus den Zwängen der Normalität und ihnen damit erst die Freiheit geben, Leben und politisches Engagement sowie auch das Ausprobieren alternativer, u.a. herrschaftsfreier Zusammenlebensformen zu verbinden. Die bisherigen Versuche (Kommunen, Ökodörfer, Öko-WGs, Wagenplätze usw.) konnten den Prozeß des Etablierens nicht aufhalten, da mit zunehmendem Alter von Personen und Gruppen der Hang zu Absicherungen, mehr Luxus und Einnischung [Einnischung heißt, sich einen Platz zu suchen und dort zu verharren. Der Begriff stammt aus der Ökologie und meint den Ort und die Rolle, den ein Tier oder eine Pflanze einnimmt.] in der Normalität nicht durch ein positives Gegenmodell aufgehoben wurde. Hier gilt es, eine strategische Debatte zu führen. Alternative Lebensprojekte müssen Willen und Fähigkeit der Einzelnen zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaft erhöhen und selbst Plattform dazu sein. Dumpfe Rückzugsprojekte, legitimiert über “unsere Existenz ist politisch”, “echte Veränderung kommt von innen” oder den Glauben an spirituelle bis esoterische Kräfte, sind entpolitisierend und befrieden kritisches Potential. Was wir brauchen sind Projekte, die Gegenmodelle darstellen, sich öffentlich zeigen und reiben an der Realität, sich selbst als politische Speerspitze einer Veränderung und Teil politischer Bewegung begreifen – und trotzdem nicht eine unverbindliche WG ohne langfristige Perspektive für die Einzelnen sind, wo es sich für die paar Jahre der Unzufriedenheitsphase vor der Etablierung aushalten läßt, aber mehr auch nicht.
Hinzukommen muss eine ökonomische Basis, die auch dauerhaft ein Gefühl der Sicherheit verschafft. Sonst werden die vorgegebenen, gesellschaftlichen Sicherungssysteme von vielen Menschen bevorzugt werden. Die konkrete Freiheit, d.h. das Ausbrechen aus den ständigen ökonomischen Zwängen kann nur im Projekt oder als Kooperative (gemeinsame Ökonomie, Gemeinschaftseigentum oder intensives Tausch- und Gemeinschaftsnutzungssystem zwischen Einzelpersonen und/oder Projekten) geben, wenn diese sich weitgehend aus den Marktlogiken auskoppeln und andere Formen der Reproduktion aufbauen. Dauerhafte Sicherheit kann es in Form der Beteiligung an existenzsichernden Eigentumsaufteilungen, z.B. an Gebäuden oder Boden geben, aber auch an gemeinsamen Fonds der Geldanlage geben, die eine langfristige Rendite im herkömmlichen Sinne ermöglichen - bei aller Problematik der Geldwirtschaft. Ein Beispiel ist das Anlegen von Geld in Windkraftanlagen, aus deren Stromverkauf dann auch dauerhaft Erlöse kommen – selbst dann, wenn die eigene Erwerbskraft eingeschränkt ist.

6. In bestehende politische Bewegung einmischen
Aktionen, Zeitschriften, Veranstaltungen und mehr sind Teil der politischen Arbeit. Emanzipatorische Positionen haben fast überall ein Schattendasein. Nur selten kümmern sich Menschen auch schon in der Vorbereitung darum, dass Aktionen, Zeitschriften, Veranstaltungen u.ä. emanzipatorisch und nach Autonomiegesichtspunkten (Selbstorganisation, Unabhängigkeit usw.) organisiert werden. Autonome Strategien und Inhalte sind es wert, prägend zu sein für politische Bewegung und sich als durchsetzungsfähig gegenüber reformistischen bis kapitalismusbefürwortenden Positionen, vor allem aber gegenüber herkömmlich-hierarchischen Organisationsmodellen in Bündnissen zu erweisen. Die Zeit muss vorbei sein, in der etablierte Organisationsspitzen von NGOs und anderen, oft mit Parteibüchern in der Tasche, sich als Bewegung ausgaben und Schröder, Daimler & Co. als ihre GesprächspartnerInnen über die Zukunft der Welt ansahen. Dafür aber müssen sich selbstorganisierte Gruppen offensiv in die politischen Zusammenhänge, Medien, Netzwerke und Aktionen einmischen, um ihre Vorstellungen politischer Organisation dort einzubringen und auch gegenüber Zentralisierungs- und Hierarchisierungsversuchen durchzusetzen.

7. In gesellschaftliche Prozesse einmischen
Emanzipatorische Politik steht heute sehr stark am Rande der Gesellschaft und ist kaum noch wahrnehmbar. Schuld daran ist die Menschen, die eine solche Politik wollen und vertreten, auch selbst. Sie ziehen sich seit Jahren immer mehr aus der öffentlichen Debatte zurück und schmoren im eigenen Saft. Der Wille zur inhaltlichen Konsequenz wird nicht so umgesetzt, dass emanzipatorische Ziele immer klar und unmißverständlich formuliert werden, sondern es wird vor allem darauf geachtet, dass der Rahmen und die VeranstalterInnen z.B. von Diskussionen die politisch “richtige” Meinung haben (“pc” sind). [“pc”, Abk. von “political correctness, ist ein in politischen Bewegungen gebräuchlicher Begriff und meint eine Verregelung des Alltagsverhaltens in politischen Zusammenhängen aufgrund von Erwartungshaltungen.] Diese Strategie hat zur Folge, dass emanzipatorische Ideen zur Zeit (fast) nur innerhalb einer kleinen Szene überzeugter Menschen diskutiert oder verbreitet werden. In dem bedeutend größeren Teil etablierter Bewegungen und Organisationen, erst recht in der Normalität der Gesellschaft, auch in ihren Bildungs- und Diskussionskreisen (Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen, Verbänden und Vereinen, Bildungszentren, Medien usw.) gibt es die Themen Herrschaft, Ausbeutung usw. nicht. Es wirkt fast, also hätten Menschen mit emanzipatorischen Ideen Angst, sich der Realität zu stellen und für ihre Ideen zu kämpfen. Oder fürchten sie um ihre sozialen Beziehungen in der “Normalität”, in der die meisten von ihnen auch existieren wollen (Job, Hobbies, NachbarInnenschaft usw.)?
Emanzipatorische Politik muss aus der Isolation befreit werden. Dafür ist nicht notwendig, dass Inhalte oder Positionen aufgegeben werden. Es ist keine Anbiederung, auf einer Veranstaltung, die nicht selbst emanzipatorische Ziele hat, aber die Formulierung solcher zuläßt, für die eigenen Positionen zu kämpfen. Politischer Verrat geschieht erst dann, wenn Verhaltensweisen oder inhaltliche Positionen zwecks besserer Akzeptanz, Etablierung oder Anbiederung verändert werden. Notwendig ist aber, radikale, emanzipatorische Politikinhalte und Aktionsformen an vielen Orten dieser Gesellschaft offensiv einzubringen – und sich auch offen zu zeigen als Gruppe, Projekt, Kommune o.ä., die bewußt und sichtbar für eine Welt von unten eintritt. Kein Stammtisch, kein Podium, keine Vorlesung, kein Seminar, kein Arbeitsplatz, keine Schulstunde, keine WG oder Familie und kein anderer Ort ist zu schade für eine Debatte für eine Welt von unten. Wer anders agiert, isoliert sich im eigenen Saft und hat auch ein falsches Verständnis einer Welt von unten – denn “unten” sind sicher nicht die selbstisolierten linken Kader.
Die Menschen, die emanzipatorische Politik vertreten wollen, sollten sich in Veranstaltungen, Kongresse, Diskussionen und auf den Podien einmischen, wo über zukünftige Strategien geredet wird. Diese Plattformen sind gute Gelegenheiten, die Dominanz der kapitalismuskompatiblen Politikkonzepte der Marken Humanität, Nachhaltigkeit, Agenda oder Bündnis für Arbeit zu brechen. Nicht die anderen Personen auf den Podien oder die VeranstalterInnen sind unsere Zielgruppe (Kritik an ihnen kann daher auch kein Grund der Verweigerung von Debatten sein!), sondern die Menschen, die zu solchen Veranstaltungen kommen. Sie der “anderen Seite” zu überlassen, ist schlicht dumm!

8. Modelle und Kristallisationspunkte schaffen
Kaum eine politische Idee wird ohne einen Bezug auf eine Symbolik durchsetzungsfähig sein. Symbole für Unterdrückung, Ausbeutung, Umweltzerstörung usw. können der Aufhänger für die Kritik am Bestehenden sein, ebenso aber auch als Symbole für emanzipatorische Ziele und Modelle dem Entwurf neuer Ideen, Konzepte oder Visionen dienen – im Einzelfall gibt es sogar Symboliken, die beides beinhalten: Widerstand und neue Ziele. Alle Symbole haben vielfache Bedeutung für die politische Arbeit:
- Als Mobilisierungspunkt, an dem die verschiedenen Gruppen, die sonst “nur” auf ein Thema spezialisiert sind, zusammen agieren und so Kräfte bei den umfassenden Zielen bündeln.
- Als öffentlich wahrnehmbares Modell für Alternativen oder Symbol für die aktuelle Normalität, d.h. die Herrschaftsformen, Ausbeutungsstrukturen u.ä.
- Bündelung verschiedener politischer Stoßrichtungen, um gemeinsame Ziele zu formulieren.
Beispiele für solche Modelle und Kristallisationspunkte können die besonderen Symbole von Herrschaft und Ausbeutung sein (Knäste, SpitzenpolitikerInnen-Gipfel, thematisch passende Veranstaltungen, Knäste, Wahlen, Großtechnische Baustellen oder Objekte, Expo 2000). Ebenso können es positive Modelle sein, also Visionen, Versuche alternativer Projekte mit politischen Zielen und als ein Kern politischer Bewegung usw. Solche gemeinsamen Aktionen ersetzen nicht die weiter notwendigen Ein-Punkt-/Ein-Themen-Gruppen und –Initiativen, sondern bieten die Chance zum gemeinsamen Agieren – beides zusammen ergibt die sinnvolle Mischung.

9. Emanzipatorische Verhältnisse durch unmittelbare Intervention schaffen
Der Abbau von Herrschaft und Verwertungslogik ist immer und überall Gesamtziel politischer Arbeit. Auch die eigenen politischen Gruppen, Projekte usw. sind Teil der Gesellschaft – noch dazu ein unmittelbar beeinflußbarer. Konsequente emanzipatorische Binnenverhältnisse herzustellen, ist daher wichtiges Element des politischen Engagements. Hierzu zählen der Abbau aller formalen Dominanzstrukturen von Vorständen bis zu unterschiedlichen Zugriffsrechten auf die gemeinsamen Ressourcen (Wissen, Geld, Materialien, Räume, Kontakte usw.) sowie der Kampf gegen jede Form der Diskriminierung, sei sie sexistischer oder rassistischer Art, der Ausgrenzung von sogenannten Behinderten oder der Bevormundung bis Unterdrückung von Kindern und Jugendlichen. Alle diese Arten von Diskriminierung sind auch in politischen Gruppen überall anzutreffen. Der bisherige Umgang damit war in der Sache wirkungslos und vom Ziel her verfehlt. In der Regel ging es nicht um den Abbau der Diskriminierung, sondern nur um Machtverschiebungen, neue Definitionsgewalten oder auch die Denunziation mißliebiger Personen. Das wird auch darin sichtbar, dass in den meisten politischen Gruppen nur solche Arten von Diskriminierung diskutiert werden, die auch selbst vertreten sind und daher auch ein reales Interesse an dieser Debatte einbringen. So sind antisexistische und antirassistische Diskussionen und Verregelungen inzwischen weit verbreitet, während sogenannte Behinderte und, am auffälligsten, der Umgang mit Kindern und Jugendlichen fast überall ganz durchschnittlichen gesellschaftlichen Gepflogenheiten entspricht.
Ein Ende der Diskriminierung ist über Verregelungen und neue Machtpositionen nicht zu erzielen. Stattdessen müssen auch in diesem Fall die Menschen selbst zu den AkteurInnen werden. Dieses bewußt und jeden Menschen zum Mittelpunkt des Handelns zu machen, ist das Ziel der Debatte. Es gilt, aufmerksam zu werden für die Formen der Unterdrückung und Diskriminierung, zudem ist unmittelbares, d.h. sofortiges und von den konkreten Personen durchgeführtes Handeln im Sinne einer Intervention erforderlich. Das Ende der Diskriminierung kann nur dann erreicht werden, wenn alle Menschen als Einzelne begreifen, dass sie es sind, auf die es ankommt. Diese Verantwortung kann nicht auf Gruppenstrukturen, Regeln oder Plena verlagert werden – wie es bislang regelmäßig der Fall ist. Sexistische, rassistische oder sonstige Übergriffe, die ständige Bevormundung und Zurechtweisung von Kindern, die Ausgrenzung von sogenannten Behinderten oder weniger intellektuell auftretender Menschen müssen sofort angegriffen werden. Dieser “Angriff” muss nicht eine Tätlichkeit sein, sondern vielmehr die klare Intervention, das Sich-selbst-Positionieren der einzelnen Menschen gegenüber dem diskriminierenden Verhalten – statt dem Wegsehen, statt dem Verlagern von Verantwortung auf übergeordnete Strukturen. Ebenso muss klar sein, dass nicht die Person, sondern das diskriminierende Verhalten Ziel des Angriffs ist.

10. Offene und direkte Streitkultur statt Harmonie und Gruppenidentität
Ohne offene und direkte, d.h. intersubjektive Beziehungen gleichberechtigter PartnerInnen kann eine politische Bewegung oder ein Projekt nicht die Selbstentfaltung der Einzelnen fördern. Streit dient dann, wenn die Menschen und nicht der Selbstzweck der Gruppe im Vordergrund stehen, nicht der Ausgrenzung anderer oder dem Aufbau von Macht, sondern dem gemeinsamen Ringen um das Wohlbefinden und die Gleichberechtigung der Einzelnen, der Vielfalt der Ideen, der Weiterentwicklung von Positionen und der Qualität der eigenen Strategien. So wie die konkreten Aktionsmethoden zwischen den AkteurInnen unterschiedlich sind, gleichzeitig daher zugelassen wie auch offen und kritisch diskutiert werden, sind es auch die Verhaltensweisen im Streit. Gemeinsames Ziel muss sein, Streit als Ringen um Positionen und Strategien zu fördern und so zu gestalten, dass einerseits Dominanzkämpfe und Ausgrenzungen, andererseits aber auch unklare Verhältnisse aufgrund eines harmonisierenden Gruppendrucks vermieden werden. Gegenstand des Streites sind Abläufe, Rahmenbedingungen, Strategien, Verhältnisse, nicht Personen. So lassen sich emanzipatorische Positionen klären, erstreiten, beschreiben, in Veröffentlichungen und Aktionen verdeutlichen, niemals aber durch das Ausgrenzen von Menschen.
Die einzelnen Menschen müssen die Träger der politischen Aktivität und die AkteurInnen in der politischen Arbeit sein – von der Entwicklung der Ideen bis zur Umsetzung und Nachbereitung – und nicht die Gruppe!

11. Die Debatte anzetteln
Eine Debatte um Strategien muss selbstkritisch sein, d.h. schonungslos aus eigenen Erfolgen und Fehlern lernend. Sie kann und sollte aus den Erfahrungen aus den vielen Jahren selbstorganisierter politischer Arbeit schöpfen, aber nicht daran kleben. Die autonome Politik hat zur Zeit nicht nur gegenüber der herrschenden Politik und Normalität das Nachsehen, sondern auch gegenüber der Art nichtautonomer politischer Arbeit, wie sie von den etablierten, meist staats- und oft wirtschaftsnahen Verbänden (neudeutsch: NGOs) betrieben wird.
Autonomie bzw. Selbstorganisation ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Wegbleiben von Strategie – genausowenig wie Anarchie nur das Wegfallen des Staates und das Heraufkommen völliger Unorganisiertheit bedeutet. Ganz im Gegenteil: Eine politische Autonomie besteht erst dann, wenn sie sich organisiert, denn “allein machen sie dich ein”! Politischer Widerstand braucht eine wirkliche Qualität, die wehrhaft ist gegen Repression, Abhängigkeiten und Einverleibung, die Alternativen bietet zu den Wegen der Normalität (auch der normal-etablierten politischen Arbeit z.B. der NGOs). Autonome Politik ist nicht nur ein Inhalt, sondern auch eine Strategie. Und sie hat nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie die bessere ist, also der wirksamere Weg, diese Von-oben-Gesellschaft in Richtung einer Welt von unten, einem emanzipatorischen Ziel zu verändern. Die Existenz autonomer Gruppen als Selbstzweck kann und darf es nicht geben. Notwendig ist die Entwicklung einer Strategie, die den Aufbau von Infrastruktur, Kommunikationsformen und Aktionsfähigkeit beinhaltet und eigene Wege in die Öffentlichkeit, Modelle und Kristallisationspunkte, ökonomische Absicherungen, Solidarität und Perspektiven für die einzelnen AkteurInnen schafft.

12. Kontinuierliche Diskussionspunkte schaffen
Politische Aktivität orientiert sich meist an zeitlich beschränkten Anlässen. Strategie- und politische Diskussionen beginnen, wenn sie überhaupt laufen, ständig neu. Auswertungen und Weiterentwicklung unterbleiben so meist. Durch die AkteurInnen politischer Gruppen muss ein über Teilbereichsbewegungen hinweg reichender, dauernder Diskussionsprozess zu Strategien, Zielen und Positionen politischer Arbeit geschaffen werden. Treffen, Internetprojekte, kontinuierlich weiterentwickelte Positionspapiere und Veröffentlichungen, Austausch über bestehende Magazine, Seminare und mehr können Bausteine dieses Prozesses sein.

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