Bewegungs-Oligarchien

Beschreibung

Mach's nochmal, Sam
Kinder raufen sich, Kinder verprügeln andere Kinder. Was lernen sie dabei? Wie man mit einer blutigen Nase fertig wird? Daß es immer jemanden gibt, der stärker ist? Michael Soth ist Lehrer einer Schulklasse von 22 Sieben‑ und Achtjährigen. Er hat einen kreativen Weg gefunden, Kinder aus ihren Kämpfen mehr lernen zu lassen.

Lassen wir ihn erzählen:
Eines Morgens kam ein Mädchen mit einer blutigen Lippe in die Schule, sie war auf dem Schulweg in einen Streit verwikkelt worden. Auf meine Frage, was denn geschehen sei, bekam ich mindestens sechs verschiedene Versionen der Geschichte gleichzeitig zu hören. Waren die Kinder bislang gewohnt, "gute" Ratschläge wie »Nimm dich künftig in acht!« zu hören, so wurden sie diesmal gefragt: »Was kann man denn tun, wenn jemand mit einem Streit anfängt?« Drei Möglichkeiten wurden sofort erwähnt: zurückschlagen, weglaufen oder dem Lehrer petzen. Ich versuchte es nun mit einer Methode, die Forum Theater genannt wird und von einem Brasilianer, Augusto Boal, entwickelt wurde.
Der Konflikt wird zuerst diskutiert. Wenn die Situation, das Verhalten und die Gefühle der Beteiligten allen klar sind, spielt man die Situation ohne Unterbrechung noch einmal von Anfang bis Ende durch. Bei einer weiteren Wiederholung werden die nichtbeteiligten Zuschauer aufgefordert, »Stop!« zu rufen, wenn ihnen etwas auffällt. Sie sollen ihre Version nun direkt ins Spiel einbringen. Sie sollen nun herausfinden, ob ihre alternative Handlungsweise vielleicht zu einer Lösung des Konflikts führen kann. Dieses Spiel braucht Zeit, denn man muß allen Kindern die Gelegenheit geben, ihre Meinung zu sagen und eventuell vorzuspielen. Es muß den Kindern klar sein, daß der Lehrer in diesem Fall neutral ist, sich nicht auf eine Ablaufversion festgelegt hat. Am Ende des Schuljahres war festzustellen, daß wir eine Art der Konfliktlösung angeboten hatten, die von allen akzeptiert wurde, da die Kinder die Sicherheit hatten, daß ihnen diese Methode die Möglichkeit gibt, all ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Zum Abschluß des Schuljahres wurde das Forum Theater noch einmal diskutiert und die Kinder erzählten, was sie dabei gelernt hatten: Raufereien zu vermeiden, nicht so selbstsüchtig zu sein, anderen zuzuhören und sich nicht durch das Rufen von Schimpfnamen provozieren zu lassen. Auch das Feedback der Eltern und anderer Lehrer war sehr positiv. Sie hatten das Gefühl, daß die Kinder etwas gelernt hätten, was sie in der Tat im späteren Leben gebrauchen könnten.

Aus Pieper, Werner: "Widersteh' Dich!", W. Piepers Medienexperimente in Lörrach

Links zu weiteren Methoden

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