Die Methoden

Open-Space

Beschreibung
Open Space sowie die nötigen Weiterentwicklungen dieses Verfahrens sind „die“ umfassende Gestaltungsform für größere Treffen, Camps, Kongresse usw. Teil können jedoch vielfältige weitere Methoden sein, denn „Open Space“ stellt nur den Rahmen für das Gesamte. Es ist daher verbindbar mit vielen weiteren Ideen – organisiert diese aber nicht zwanghaft, sondern schafft einen Freiraum, in dem die TeilnehmerInnen ihre jeweilige selbstbestimmte Form der Informationsweitergabe, Diskussion oder Entscheidungsfindung entwickeln. Darüberhinaus sichert das Verfahren die Verknüpfung und die Transparenz.
Die Idee des Open-Space oder die “systematische Kaffeepause“ stammt aus der Wirtschaft und kann und sollte (wie jede Methode) immer kritisch betrachtet, hinterfragt und weiterentwickelt werden. Auf Konferenzen wurde beobachtet, dass die spannendsten und anregendsten Gespräche in den Pausen zwischen den Vorträgen stattfinden. In diesen informellen Gesprächen werden die wirklichen Wünsche und Ideen der Teilnehmenden eher und auch ehrlicher mitgeteilt – nur leider selten verwirklicht, da es meist bei einem beiläufigen Gespräch bleibt. Zudem bleiben sie intransparent, d.h. das Diskutierte bleibt in den Köpfen derer, die oft sehr zufällig beieinander standen und erreichen andere, die daran auch Interesse haben oder ähnliche Aktivitäten verfolgen, nicht. Die Wirtschaft hat aus diesen “Flurgesprächen” eine Methode entwickelt, um diese Ideen - selbstverständlich effektiv - zu “nutzen”.
Dieses Verfahren schafft in einem räumlichen und zeitlichen Zusammenhang die Möglichkeiten der freien Entwicklung von Diskussionsprozessen und Themen. Ständig können neue Fragestellungen und Themen je nach Verlauf der Debatte aufkommen und "ausgerufen" werden (z.B. durch Anschreiben an einer zentralen Säule "Thema XY trifft sich um ... Uhr in Raum A/in der Sesselgruppe am Aquarium"). Es gibt keine festen Anfangs- und Endzeiten der Kleingruppen. Es kann ein Kommen und Gehen zwischen den Kleingruppen entstehen. Während einige zuende gehen, entstehen neue Fragestellungen. Jede und jeder kann Themen benennen und zur Debatte einladen. Beim Open Space setzen sich meist die Themen durch (Abstimmung mit den Füßen, d.h. wo Leute hingehen, da kann auch die Debatte laufen - denkbar aber sind auch Arbeitskreise allein), die aus der jeweiligen Situation heraus entstehen, wenn ein unmittelbares Interesse vorhanden ist. Das ist auch gut so, da es bisherige Dominanzgruppen und -personen auf eine gleichberechtigte Ebene bringt. Wichtig ist, daß die Ergebnisse an den Stellen der Diskussion dokumentiert werden (z.B. als Plakat oder Protokoll), um wiederum die nötige Transparenz herzustellen über die diskutierten Inhalte, ob eine Debatte weitergeht oder ob konkrete Vorschläge bzw. Aktionsideen entwickelt wurden. Ein Austausch in zwischengeschalteten und abschließenden Plena ergänzt das, fördert die Entstehung neuer Diskussionen, das Zusammenkommen sich berührender Themen usw.

Infrastruktur “Marktplatz”:
1) Info-Wand (AK-Phasen – was läuft wann/gerade wo?, angedachter Zeitplan, Erklärungen zur Methode Open-Space, Prinzipien ...)
2) AK-Ankündigungs-Wand
3) AK-Ergebnis-Wand
4) Vernetzungs-Wand und andere Ankündigungen (z.B. 23. - 29. Juni Anti-AKW-Fahrradtour in ... Wer hat Lust mitzukommen? Oder: Ich suche für eine Aktion ein Soundsystem, bitte melden bei ...)
 

Es gibt etliche Punkte, die den Verlauf und die Ergebnisse eines Open-Space-Verfahrens beeinflussen:

  • Am Beginn muß die Methode genau erklärt werden – auch deshalb, weil sie später selbstorganisiert läuft, d.h. es nicht zur Methode paßt wenn von irgendwelchen „OrganisatorInnen“ ständig Eingriffe erfolgen. Gleichzeitig sind alle Vereinbarungen, die für den Start gelten, veränderbar aus dem Prozeß heraus.
  • Die Gruppengrößte muß passen. Open Space geht nur ab einer Mindestgröße, wo Untergruppen bildbar sind und sich dynamisch verändern können, ohne daß ständig irgendwelche aufgelöst werden müssen, weil es kein Hin und Her mehr gibt, alle weg sind, Gruppenteilungen alles gefährden usw.  Je nach der Gruppen und dem Willen der Personen, auch kleine Arbeitsgruppen zu akzeptieren, kann das auch schon ab 12 oder 15 Personen gelingen – allerdings wird es dann auch immer wieder nur zwei oder der Personen in einer Gruppe geben. Das muß den Verlauf aber nicht beeinträchtigen.
  • Die Beteiligten müssen verstehen und für sich entdecken , daß sie die Gestaltenden sind. Alles geschieht nur aus dem Interesse und der Selbstorganisation der Anwesenden. Es gibt keine „Zuständigen“, sondern die Handelnden sind auch die Entscheidenden.
  • Entscheidend für das Verfahren und der zentrale Unterschied zu der Zufälligkeit und Intransparent der „Kaffeepausengespräche“ auf anderen Treffen ist die Transparenz und der aktiv hergestellte Informationsfluß. Das bedeutet unter auch viel Vorbereitungszeit für die Infoflußstruktur (Marktplatz usw.), wenn nicht in Räumen gearbeitet wird, die auf solche kreativen Verfahren schon hin orientiert sind.
  • Es gilt das Gesetz der 2 Füße, d.h. wer gehen will, geht. Es soll keinen sozialen Druck geben, irgendwo zu bleiben, wie es sonst in bürgerlichen oder auch „linken“ Kreisen oft so ist – wer einfach geht, verhältlich sich unverschämt u.ä., Irritation der Dableibenden ist oft die Folge. Meist sind die Gruppen auch recht klein und offen, d.h. diskutieren nicht hinter verschlossenen Türen, so daß ein Dazukommen auch kaum stört.
  • Es wird Menschen geben, die viel herumsuchen. Bei Open-Space-Fans werden sie Hummeln genannt und sind sehr wertvoll, denn sie können zwar weniger intensiv und lange mitdiskutieren, organisieren aber einen ständigen Infoaustausch auch über den Info-Marktplatz hinaus. Sie sind also keine StörerInnen, sondern verhalten sich einfach so, wie sie das gerade für sich am besten finden.
  • Die Unterschiedlichkeit der Menschen wird zur Grundlage der Qualität. Kommt es in einer Gruppe zu unüberwindbaren Unterschieden (zwischen Personen oder bei der Frage, was genau das Thema sein soll), so können zwei gebildet werden oder ein Thema kann sich auch vertagen, da ja jede Flexilibität möglich ist.
  • Es gibt keine Normierungen - ständig herumzugucken, rein- und rauszugehen ist genauso o.k. wie tagelang nur über ein Thema reden zu wollen.
  • Open Space braucht Zeit, das Verfahren ist kaum unter Zeitdruck organisierbar. Aufgrund der steigenden Bekanntheit des Verfahrens wird Open Space oft als Lockmittel eingesetzt, z.B. eine Phase von zwei oder wenigen Stunden auf einem Kongreß. Das ist Verarschung und keine wirkliche offene Struktur.
  • Eine gute Einführung sowie ein kreativer Auftakt zum Austausch von Ideen sind bei Treffen, wo die Menschen weder sich untereinander noch die Methoden kennen, nötig zur Überwindung der anfangs üblichen "Spaltung" in CheckerInnen (die wissen, was sie vorhaben) und "KonsumentInnen" (die erst mal gucken wollen, was andere anbieten). Als Möglichkeit bieten sich die „Tuschelrunden“ an (siehe Beschreibung im Kasten Beispiele – Bundes-Ökologie-Treffen)
  • Es gibt deutlich niedrigere Anforderungen an das "Anbieten" von AKs/Treffen - weder ExpertInnentum noch eine MindestteilnehmerInnenzahl sind erforderlich. Das sollte auch schon in der Einladung und in der Einführung deutlich werden, d.h. alle Anwesenden sind aufgerufen, immer ihre eigenen Interessen in den Mittelpunkt zu stellen und von diesen ausgehend kooperativ zu handeln, d.h. die für das Zustandekommen von Treffen nötigen freien Vereinbarungen zu treffen.
  • Reine Wissensvermittlung ist schwieriger, d.h. es gibt weniger organisierte AKs, die "schulisch" ablaufen. Die Intensität von Fachwissensvermittlung kann unter dem Hin und Her leiden. Allerdings bleibt fraglich, ob diese Definition von „Fachwissen“ sinnvoll ist, da Wissen nicht auf feststehende Wissensinhalte (Wissen aus Büchern usw.) reduziert werden kann. Diese sowohl in bürgerlichen wie in „linken“ Kreisen verbreitete Auffassung von Wissen ist im Gegenteil eher zu durchbrechen. Das Wissen der Menschen aus ihrem Alltag und ihrer Beschäftigung mit den Büchern, Debatten usw. sind die Wissensmenge, die es auszutauschen und weiterzuentwickeln gilt. Es kann aber sinnvoll sein, Open Space so zu organisieren, daß es auch Elemente möglich macht, die nicht dem Wesen von Open Space entsprechen. Daher sind Weiterentwicklungen des bisherigen Open Space-Ansatzes sinnvoll.
Kurzanleitung
  (zum Aushang, Verteilen ...)

Hallo,
hier soll „Open Space“ laufen ... was so fremd klingt ist nichts anderes als der Versuch, Hierarchien abzubauen und in diesem Treffen das zu verwirklichen, was die Einzelnen interessiert – also z.B. Dich! Darum gibt es kein vorgegebenes Programm, denn das hätten wieder nur die „CheckerInnen“, die die immer schon dabei waren, ausgekungelt. Sondern es kommt darauf an, daß alle ihre Wünsche und Ideen einbringen – und zwar immer wieder neu. Was hier ablaufen soll, ist ein kreatives, motivierendes und durchschaubares Chaos, ein Feuerwerk von Ideen, von Gesprächen, Projektplanungen, Diskussionen, Reflexionen usw. Es wird nicht im Vorherein ein „Programm“ abgesprochen, sondern alles ist jederzeit möglich – wie in den berühmten „Kaffeepausen“ von Kongressen, die immer wieder das Spannendste sind. Aber: Es soll transparent abgehen.
Wie das funktioniert? Hier ein paar Tipps:

  • Wer eine Idee hat, guckt, wann darüber weiter geredet werden soll (sofort, später, morgen ...): Zettel mit Ankündigung und Zeitpunkt schreiben und auf dem Pinnbrett der Gesprächsecken am Infopoint aufhängen. Die Räume und Ecken, wo was laufen kann, sind gekennzeichnet – Ihr findet am Infopoint einen Plan, zudem die Markierungen auch an den Räumen selbst sowie manchmal Wegweiser. Ansonsten: Suchen – der Wille treibt Euch schon dahin ...
  • Solche Ideen können Einzelnen kommen, in  Gesprächen zwischendurch oder auch in einer Arbeitsgruppe, wenn dort ein weiteres Thema auftaucht und die Gruppe sich spaltet oder einigt, eins jetzt und das andere später zu diskutieren. Als Regel gilt nur: Nichts im Geheimen machen. Alle sollen die Möglichkeit haben, an Diskussionen teilzunehmen. Daher: Aushängen – wo und wann!
  • Ergebnisse sichtbar machen: Bitte schreibt die Ergebnisse auf ... Ihr findet Plakate an der Wand, schön wäre aber auch eine Protokollierung – zum Rundgeben, Rundmailen, für Internetseiten usw. Kontaktpersonen u.ä. angeben für alle, die Nachfragen haben. Eine Ergebnis-Pinnwand kann die Ergebnisse zusammenfügen – nehmt auch Euren Ankündigungszettel wieder ab, wenn Ihr fertig seid.
  • Guck immer an diese Pinnwand, wenn Ihr da vorbeikommt oder wissen wollt, was läuft, damit Ihr nichts Spannendes verpaßt. Wenn es hier richtig abgeht, wird da ständig was Neues zu finden sein! Wenn jemandem ein Thema richtig wichtig ist, das noch auf der „Kommt noch“-Wand hängt, schreibt Euren Namen auf den Zettel. Dann können andere interessierte Personen Euch fragen, wann es Euch paßt (aber bitte nicht überall eintragen, dann funktioniert das nicht! Niemand kann überall sein!).
  • Seid mutig, Gruppen zu verlassen, wenn es Euch nicht mehr so interessiert – sucht das, was Ihr wollt. Oder ladet selbst zu dem ein, was Euch interessiert. Oder macht was Eigenes – auch Phasen, mal allein einen Vorschlag oder eine Idee umzusetzen, können sehr kreativ und cool sein.
  • Verabschiedet Euch von dem Irrtum, irgendwie müssen viele über was geredet oder gar entschieden haben, damit es so unglaublich irgendwie total demokratisch ist – das ist ein Irrglaube und oft von denen vertreten, die selbst dominant sein wollen. Nein: In großen Runden sind Dominanzen am schlimmsten – schlimmer sind nur formale Hierarchien (Vorstände, Steuerungsgruppen, Koordinationskreise und so’n Scheiß).
  • Wenn wir das Bedürfnis haben, uns mal in großer Runde zu treffen und Infos auszutauschen, dann sollte auch dieser Vorschlag einfach so eingebracht werden. Niemand ist gezwungen, aber ein „Infoaustausch in großer Runde“ oder wie Ihr das nennt, ist nicht verboten – logisch. Dafür gibt es die größeren Räume. Ihr könnt auch Streitdebatten mit besonderen Formen, Vorführungen von Filmen, Theater, Vorträge u.ä. so einfach ankündigen. Was beliebt, ist auch erlaubt!
  • Der Infopoint in der Mitte ist wichtig. Es wäre schön, wenn Ihr den immer mit Infos spickt. Die Theke und Sitzrunde dort ist auch für alle offen, die gerade nichts vorhaben. Vielleicht könnt Ihr dann anderen helfen, die nach etwas suchen, wenn Ihr die Ohren aufhaltet, was gerade wo diskutiert wird (wer spielt nicht mal gerne „Verfassungsschutz“?) – und es anderen erzählt. Ansonsten können in dieser Runde immer wieder neue Ideen entstehen. Wenn das der Fall ist: Nicht vergessen – Thema und Raum auf Zettel und aufhängen!
  • Viel Spaß, Power, Kreativität. HierarchNIE!
Weiterentwicklung
  • Dynamik von Auseinander- und Zusammengehen von Gruppen stärken.
  • Räumliche Gestaltung für OpenSpace (zentraler Raum als Info"Marktplatz" mit Cafe, Wandzeitungen, Litfaßsäulen, Was-läuft-wo-Plänen usw.) – siehe im Kasten Beispiele zur Projekwerkstatt.
  • Problem: Anfangssituation - wie kommen die Leute dazu, ihre Ideen und Träume zu benennen und daraus Gruppen zu bilden. Beispiel vom BÖT in Augsburg - alle rennen durcheinenander, Stoppzeichen, die Zufällig Zusammenstehenden berichten sich gegenseitig, was sie sich wünschen, was immer schon mal passieren müßte, was auf dem Treffen mal passieren müßte usw. - dann wieder durcheinander, das Ganze dreimal. Dann die Ideen auf Karten und an die Wand. Es entstand eine Riesenmenge von Ideen, dominiert von den Wünschen vor allem "neuer" Leute. Sinnvoll hätte dann sein können, sofort einzusteigen, z.B., daß Menschen nach Lust einzelne Zettel abnehmen und dann mit weiteren zu diesem "Lieblingsthema" anzufangen.
  • Verbinden mit anderen Formen (experimentell zunächst: Zukunftswerkstatt und OpenSpace, Planspiel und OpenSpace, OpenSpace mit gemeinsamen Brainstormingphasen, OpenSpace mit SprecherInnenräten als Kommunikations- oder, wenn für die Situation nötig, Entscheidungsvorbereitungsebene).
  • Innerhalb der OpenSpace können Räume geschaffen werden, die den Mechanismen von OpenSpace von nicht unterworfen sind (z.B. 1 oder mehrere Räume, in denen kein ständiges Rein- und Rausgehen erwünscht ist, um intensive längere Lernphasen bei Fachvorträgen/-AKs zu haben).
  • Einbinden einer Infothek, die Neue einweisen oder Infos weitergeben können – denkbar wäre, daß Menschen, die gerade Pause machen wollen oder die kein anderes Thema interessiert, dort sitzen (gemütlich Sitzecke an Info-Marktplatz???) und immer zuhören, was am Marktplatz berichtet wird. Sie können anderen Leuten erzählen, was so läuft (Vergleich reales Leben: Dorftratsch, Verfassungsschutz :-).
  • Namensfindung: Marktplatz, OpenSpace usw. sind eher nichtssagende oder sogar irreleitende Begriffe, die z.T. Verwertungslogiken (Markt) nahelegen. Passender könnten Ableutungen aus Kultur, Historie oder subversiven Räumen sein.
Planspiel und Open-Space verbinden?
Eine besondere Idee der Weiterentwicklung wäre, Elemente des Planspiels ins Open-Space aufzunehmen. Denkbar wäre z.B., in einer Phase des Open-Space den Austausch von Ergebnissen und konkrete Planungen als Planspiel mit den realen Akteursgruppen zu „spielen“ (z.B. als Vorbereitung auf eine Aktion die daran beteiligten Gruppen – von Aktionsgruppen bis Sanis, EA, Zeitungsgruppe usw.). Das wäre auch in anderen Formen möglich. Denkbar wäre aber auch (oder zusätzlich) bestimmte Elemente der realen Praxis bereits im Open Space zu simulieren, also z.B. Treffen fester Gruppen, die z.B. den Terminkalender im Internet machen oder ein Einladungsflugblatt für das nächste Treffen formulieren usw.. Das wären dann jeweils gesetzte Gruppen mit besonderen Aufträgen – wie im Planspiel ja üblich.

Beispiele

Open-Space-Projekteforum in Marburg
Als monatlicher Treffpunkt zum Austausch von Ideen, zur Planung von Aktionen und Projekten sowie zur inhaltlichen Debatte oder Auswertung von Aktionen ist das Projekteforum gegründet worden. Es fand erstmal am 6. Februar statt und seitdem an jedem ersten Mittwoch im Monat (www.nichtwissen.de). Als Raum wird ein selbstverwalteter Kneipen- und Veranstaltungsraum genutzt. Kicker usw. wandern an diesem Tag auf den Flur. In den zwei Räumen sind jeweils in den Ecken zwei bzw. drei Sitzgruppen aufgestellt. Neben diesen hängt jeweils eine Wandzeitung, auf dem Tisch liegen Stifte und Zettel. Ungefähr in der Mitte finden sich die zentralen Infowände. Dort werden angehängt (jeweils an verschiedenen Pinnbrettern):
  • Was läuft gerade in welcher Ecke (Bereich für jeden Bereich, wo Zettel mit jeweiligem Thema angepinnt werden)?
  • Termine für die nächste Zeit, u.a. auch weitere Termine, die in den jeweiligen Kleingruppen abgesprochen werden (das kommt recht häufig vor, daß aus der ersten Runde auf dem Projekteforum mehr entstehen soll und dann das nächste Treffen, eine Infoveranstaltung und dort aufgehängt wird.
  • Sonstige Hinweise, Ergebnisse u.ä.
Das Projekteforum hat keinen offiziellen Beginn. Die Menschen kommen über den ganzen Abend gestreut in den Raum. Beim ersten Treffen gab es gar keinen direkten Infoaustausch jenseits der Bretter und vielen Einzelgespräche. Beim zweiten entstand um kurz vor 22 Uhr ein solches Infoplenum. Das sollte eigentlich nur kurz den Stand der Dinge austauschen, allerdings gab es über Nachfragen u.ä. dann doch immer wieder die Neigung, in der Gesamtrunde zu diskuieren. Angesichts der Zahl der Anwesenden (ca. 15) war der Hang zur Unterteilung eher noch gering. Dennoch war das Plenum deutlich zäher als die anderen Phasen.
Typisches Ergebnis, soweit das nach den wenigen Versuchen zu sagen ist, sind viele kleine Projekte statt einem großen gemeinsamen. Was zu hoffen ist, ist daß die Projektansätze nicht nebeneinander stehen, sondern auch gemeinsame Aktivitäten hervorrufen.
Weitere Infos: www.nichtwissen.de, Bericht und Ziele des "Open Forum" in Marburg.

Bundes-Ökologie-Treffen
Nach einigen mißglückten Versuchen gab es auf dem BÖT im Mai 2001 in Augsburg erstmals ein lupenreines „Open Space“ – angefüttert mit weiteren Ideen. Es war klassisch aufgebaut, in einer Infoecke, wo Ideen und was jeweils wo läuft, aufgehängt wurde. Kreativ war der Beginn, die dort so genannte „Tuschelrunde“. Alle Anwesenden (bzw. alle, die wollen) laufen kreuz und quer durch einen Raum (nur kurz). Auf ein Stoppsignal bilden die Zusammenstehenden Gruppen, die sich wenige Minuten darüber austauschen, warum sie da sind und was sie wollen. Dann wieder kreuz und quer und nochmal (insgesamt war es 3x). Am Ende wurden alle entstandenen Ideen auf Zettel geschrieben und aufgehängt – aus dem Pool entstanden die ersten Arbeitskreise. Was sichtbar wurde, war die dadurch entstandene Ideenvielfalt. Zudem dominierten jetzt die Ideen der Nicht-CheckerInnen, also der Menschen, die sonst nicht prägend sind, weil die vorformulierten Ideen und Arbeitskreisvorschläge der Wichtig-Leute meist schnell allen Raum einnehmen und die anderen Menschen sich diesen nur noch zuordnen (nicht als Zwang, sondern weil es sie tatsächlich auch interessiert – aber eben nur aus dem Angebot ausgewählt, statt selbst die Interessen durchdacht werden). Diese „Tuschelrunde“ hat viele Dominanzen gebrochen, weil alle Menschen darin gleiche Möglichkeiten hatten (teilweise waren die Wichtigleute sogar gehemmter, weil sie weniger offen sind für Experimente). Es erscheint aber sinnvoller, diese Tuschelrunden öfter als Einstieg (z.B. jeden Morgen oder zu Beginn jeder längeren Phase) zu organisieren und dann sofort aus den „Zufallsrunden“ zu starten. Es zeigte sich nämlich, daß in vielen dieser Runden sofort die Diskussionen einsetzten, die einen Arbeitskreis begründen konnten. Der abgewandelte Verlauf wäre dann, daß nach den Tuschelrunden sofort begonnen wird – aber zum einen transparent, d.h. die zwei, drei oder mehr aus einer Tuschelrunde, die sich sofort an ihren vorgetragenen Wunschthemen festgebinnen hatten, machen noch Raum und Thema an der Pinnwand sichtbar, sowie zum zweiten noch erweitert um die Vorschläge, die gerade keine Tuschelrunden-Gruppen schon fesselten, aber die trotzdem jetzt oder später laufen sollten.
Im Verlaufes des BÖTs entstand eine akzeptable Dynamik auch immer wieder neuer AKs, manche trafen sich zusammen, wenn sich Themen überschnitten usw.
Das folgende Bundes-Ökologie-Treffen wurde ähnlich versucht, litt aber unter Mangel an Dynamik, weil nur wenige Menschen ihre Ideen einbrachten (war eher ein „Familientreffen“ derer, die sonst auch immer kommen). Open Space lebt stark davon, daß Menschen kommen, die etwas wollen (und nicht nur die, die kommen, weil sie immer kommen).
In mehreren linken Medien wurde dieses weitere BÖT scharf angegriffen – vor allem die Praxis des Open Space, weil dann keine strukturierten Diskussion laufen konnten. Die „Junge Welt“ kritisierte, daß geladene ReferentInnen nicht mehr den ihnen zustehenden Aufmerksamkeitsgrad bekamen – wenn sie ihr Thema uninteressant präsentierten, ging niemand hin. Das zu kritisieren, bedeutet eine Verteidigungshaltung derer, die sich als Wichtigleute ansehen und das auch sein wollen. Sie wollen über Strukturen ihre Wichtigkeit auch gebührend durchsetzen. Selbstbestimmung ist in überwiegenden Teilen der deutschen Linken nicht gewollt (da ist noch viel stärker zu sehen in anderen Zusammenhängen – so wurde der Vorschlag für eine Open Space bein 25. BUKO als „antitheoretizistisch“ abgelehnt. Diese Kritik kam von Personen, die seit Jahrzehnten dabei sind und sicherstellen wollten, daß sie auf den Podien den ihnen zustehenden Platz bekamen und dann auch alle diesen Podien zuhören müssen – sprich: keine offene Programmdynamik stattfindet).

Raumgestaltung in der Projektwerkstatt Saasen
Die Projektwerkstatt in Saasen hat im Laufe des Jahre 2001 ihren Seminarbereich, der ohnehin schon stark auf Selbstorganisierung ausgerichtet war, auf Open Space-Verfahren umgestaltet. Nun findet sich in der Mitte, umgeben vom Zeitschriftenarchiv, der Info-Marktplatz – eine kleine Theke mit Sitzplätzen und viele viele Infowände. In drei Richtungen geht es von dort in andere Räume oder Durchgänge, in und an denen sich insgesamt sieben kleine Sitzecken einrichten lassen, vier davon mit Computern (z.T. mit Internet), alle mit Wandzeitungen, Stiften usw. Sollte das nicht reichen, gibt es noch einige Räume mehr, die allerdings etwas weiter entfernt im Haus liegen (anderes Stockwerk u.ä.).
Diese räumliche Aufteilung macht „Frontalunterricht“ fast unmöglich, weil es sehr einfach ist, sich sofort zusammenzusetzen und auch handlungsfähig zu sein. Die umfangreichen Archive, Materialsammlungen der Projektwerkstatt durchziehen denselben Bereich und können auch genutzt werden – hinzukommen Layoutsammlungen, Kopierer, Fotolabor, Transpistoff und Farbe, Fax-Presseverteiler, Internet-Programme usw. in weiteren Räumen.
 
Bildauswahl der Seminar-/Open-Space-Räume in der Projektwerkstatt

Mehrere Sitzecken im Archivbereich

Links: Großer Seminarraum (mit großen Pinnwänden usw.)

Überall stehen Arbeitsmaterialien wie Computer, Diaprojektor usw.

Links: Infopoint (Open-Space-"Marktplatz") in der Mitte des Tagungshauses
Rechts: Weiterer Kleingruppenraum
Links zu weiteren Bildersammlungen des Seminarhauses: Infos zum Seminarhaus.

Weitere Infos: www.projektwerkstatt.de/saasen

Und zum Abschluß noch ein paar „Leitsätze“ aus der Open-Space-Literatur ...
 
  • „Es gibt einen einzigen Weg, der den Misserfolg einer Open-Space-Konferenz garantiert, und das ist der Versuch, die Kontrolle zu behalten.“
  • Egal ob 3 oder 25 Leute in Deinem angebotenen Workshop sitzen, diese Menschen sind genau die richtigen, da sie sich genauso wie Du für das Thema interessieren und motiviert sind dieses weiter zu bringen.
  • Nicht die Anzahl der Leute ist ausschlaggebend, sondern die Intensität des Treffens.
  • Es kann auch passieren, dass niemand in Deinen angebotenen Ak kommt. Das kann am “Konkurrenz”programm liegen, das heißt der AK liegt einfach ungünstig, aber auch daran, dass Du der/die Einzige bist, der/die sich dafür interessiert. In diesem Fall kannst Du die Zeit natürlich nutzen, um dasThema für Dich allein anzugehen oder aber Dich in einen anderen AK “hummeln”.
  • Vielleicht hast Du Dir einen Plan gemacht, was Du alles in „Deinem“ AK machen möchtest.  Das bedeutet allerdings nicht, dass es dann auch genauso ablaufen wird, und das ist auch gut so. Die ungeplanten und unerwarteten Dinge sind oft die kreativsten, machen die gemeinsame Arbeit spannend und beflügeln.  Kontrollzwang kann diesen Ideenreichtum bremsen und Leute demotivieren.
  • Wann immer das Treffen beginnt, es ist die richtige Zeit.
  • Wenn ihr früher fertig werdet als die angesetzte Ak-Phase dauert, dann braucht Ihr natürlich nicht zwanghaft zusammenbleiben. Oft passiert es dann, dass man alles nochmal durchkaut, sich langweilt und die gefundenen konkreten Ergebnisse wieder zerredet. Außerdem laufen ja auch noch andere spannende Aks. Umgekehrt bedeutet dieses Prinzip, dass Euer Ak nicht beendet  ist, nur weil die Ak-Phase vorüber ist. Wenn Ihr das Gefühl habt, dass Ihr noch nicht fertig seid, dann macht aus wie es weitergehen soll. Am Nachmitttag, am nächsten Tag?
  • Gehe nur in Gruppen, die Dich interessieren!” Wenn Du während eines AKs feststellst, dass Du zu dem Thema nichts mehr beitragen kannst oder Du das Gefühl hast nichts dazu zu lernen,dann schau doch in einen anderen AK oder mach eine Pause.  Du bist dafür verantwortlich, dass Du Dich nicht langweilst und das Geschehen für Dich spannend und anregend bleibt.
  • Für diese Dynamik wurden symbolisch zwei Tiere gesetzt: die Hummel und die Schmetterlinge.  Die Hummeln fliegen von einem Workshop zum nächsten (sich tummeln wie die Hummeln) und können durch anregende Aspekte aus anderen Aks mit dazu beitragen, dass über das Ein-Punkt-Thema hinausgedacht wird.

Die Diskussions-Methode “Fishbowl”

Eine sehr einfache, aber oft dynamische Alternative zu Podiumsdiskussion (formale Hierarchie) oder moderierten Großplena. Die ist besonders gut geeignet für Streitfragen und offene Diskussionsprozesse (Abwägung von Alternative, Argumente austauschen usw.) in großen Runden (ab ca. 20 Leute, je nach räumlichen Gegebenheiten braucht der diskutierende Innenkreis in größerer Runde ein Mikro).
Bei einer „Fishbowl“ werden ein innerer und ein äußerer Stuhlkreis aufgebaut (oder auch mehrere, z.B. Matratzen-, Stuhl- und Tischkreise hintereinander, damit eine Art „Arena“ entsteht). Im inneren Kreis stehen 4-6 Stühle und im äußeren Kreis Stühle für die restlichen Teilnehmenden (TN).
Wie läuft eine „Fishbowl“ ab:
  1. Nur die TN im Innenkreis dürfen diskutieren, die TN im Außenkreis hören zu.
  2. Wenn sich ein/e TN aus dem Außenkreis an der Diskussion beteiligen will, dann muss er/sie sich entweder auf einen freien Stuhl im Innenkreis setzen oder stellt sich hinter einen Stuhl. Diese darf ihren Gedanken noch zu Ende formulieren und anschließend den Kreis verlassen. Die andere Person darf dann diesen Platz einnehmen.
  3. Ebenso kann jedeR TN im Innenkreis jederzeit den Platz im Innenkreis verlassen, wenn er/sie in der Diskussion pausieren möchte.
  4. Wer den Kreis verläßt, kann auch wiederkehren. Wer das penetrant macht (also dominieren würde), fällt sofort auf. Das Verfahren schafft dann Transparenz über Dominanzverhältnisse.
  5. In der Praxis entwickelt sich nach einer anfänglichen Unsicherheit ein Kommen und Gehen, ohne daß dadurch die Debatte abbricht. VielrednerInnen werden schnell bevorzugt "rausgekickt" - für "Wichtigleute" eine bemerkenswerte Erfahrung!
Diese Methode muss zu Beginn genau vorgestellt werden, es muss deutlich dargestellt werden, dass sich die TN abwechseln sollen. Wichtig ist daß, weil nach dem Start keinerlei „höhere Ebene“ mehr existiert. Auch das sollte offensiv klargestellt werden. Es bedeutet nämlich, daß die TeilnehmerInnen sich immer selbst als einzige Instanz der Intervention, wenn was nicht klappt, sehen.
Zu Beginn treten oft Hemmungen auf, in die Mitte zu gehen. Auch sollte darauf hingewiesen werden, dass die TN im Innenkreis laut und deutlich diskutieren müssen, damit sie verstanden werden.
Die Fish Bowl kombiniert eine Großveranstaltungen mit den Vorteilen kleiner Gesprächsrunden. In diesen werden keine Reden gehalten, sondern miteinander geredet. Die rhetorischen Unterschiede werden aufgeweicht, weil eben miteinander geredet wird, die Formulierung dadurch weniger wichtig wird. Gegenseitige Unterstützung, Nachfragen, Aufeinander-Eingehen wird viel einfacher, weil keine Starren Regeln, Redelisten, Moderation usw. bestehen. Die Menschen in der Mitte sind relativ gleichberechtigt. Es entwickelt sich meistens schnell eine ganz normale Redekultur – die drumherumsitzenden Leute werden kaum wahrgenommen. Die Menschen reden authentischer, auch über Gefühle, Bedenken usw., nicht nur taktisch, auf Punktsieg aus. Spannend ist, daß Unterbrechen, Dominanz usw. viel häufiger mit direkter Intervention der Leute untereinander beantwortet werden – ein genialer Beweis dafür, daß die Existenz von Herrschaftsorganen (Moderation, Polizei, Gerichte usw.) unterbinden, daß Menschen sich selbst kümmern! Auch Störungen von außen bringen keine Probleme – Applaus, Pfiffe, Zwischenrufe usw. können zugelassen werden. Sie gehören zur Emotion von Menschen! Verregelung ist keine Steigerung menschlicher Selbstbestimmung!
Wichtig: Es gibt immer wieder viele Bedenken gegen die Fish-Bowl. Viele Menschen haben Angst, ein Verfahren zu starten, bei denen es nach dem Beginn keine hierarchischen Eingriffsmöglichkeiten (seitens der VeranstalterInnen, der „Wichtigleute“ usw.) mehr gibt. Doch genau das ist das Ziel! Der Protest aus „Wichtigkreisen“ oder deren Versuche, Hierarchie zu reorganisieren, muß als Versuch der konservativen Orientierung von Macht entlarvt werden (Beispiel: Beim BUKO 1999 setzen FunktionärInnen des BUKO eine Moderation in der Fish Bowl durch – das Verfahren scheiterte erwartungsgemäß, die Leute hielten Reden, drehten sich teilweise sogar um).

Beispiele und Abwandlungen/Weiterentwicklungen

  • Die "Blüte", Diskussions- und Entscheidungsmodell auf dem Jugendumweltkongreß (Entwurf und Debatte)
Zu Hoppetosse +++ projektwerkstatt.de +++ Direct Action
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