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Ausstellung

Moderne Formen von Hierarchie
Wie geht Dominanz unter hierarchiekritischen Gruppen?

Führung ++ Wissen ++ Instrumentelle Herrschaft ++ Stellvertretung ++ Das Neueste ++ Unberechenbarkeit ++ Links

Ein Text im Reader "HierarchNIE!" und im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Aus Marshall B. Rosenberg (9. Auflage 2007): "Konflikte lösen durch Gewalfreie Kommunikation", Herder in Freiburg (S. 33): "Nehmen Sie sich vor netten Menschen in Acht."

Mahatma Ghandi: Ein bewusstes und aufrechtes Individuum ist sehr viel gefährlicher für die etablierte Macht als 10.000 eingeschlafene und unbewusste Individuen.

Muss politische Bewegung für die eigenen Strukturen den Anspruch entwickeln, eine "andere Welt" zu wollen und, wo es geht, zu schaffen? Oder ist sie nur ein Abbild gesellschaftlicher Normalität, mit der ein mehr oder weniger von der hegemonialen Politik abweichender Inhalt verkauft wird? Wäre sie Letzteres, würde sie - gleichzeitig, verzögert oder vorausgehend - auch die Modernisierungen von Hierarchien vollziehen. Genau das lässt sich beobachten. Wie in den modernen Demokratien verdrängen auch in Politorganisationen und -netzwerken intransparente Elitesphären die vorherigen, weitgehend formal gebildeten Führungen. Pluralität bedeutet dann nur noch das Neben- und Miteinander von je nach Einzelfall und Nützlichkeit konkurrierenden und kooperierenden Teilen der Eliten, darunter auch weiter hierarchisch organisierten Strömungen. Grabenkämpfe und Spaltungen sind meist nur das Ergebnis von Flügelkämpfen innerhalb der Eliten z.B. um politische Positionen, Anteile öffentlicher Wahrnehmung, Besetzung von Posten oder Zugang zu finanziellen und materiellen Ressourcen. Menschen und Gruppen ohne Anteil an den Eliten werden übergangen oder zum ungefragten Legitimationshintergrund der um Hegemonie ringenden Elitenangehörigen. Diesen gelingt es jeweils mehr oder weniger gut, Teile der Nichteliten durch steuernde Informationspolitik und die Konstruktion eines "Wir" für eigene Zwecke zu mobilisieren. Dadurch entsteht der Eindruck von Zersplitterung und Streit, der tatsächlich aber ein Ausdruck zwar intern um Macht ringender, aber insgesamt autoritärer, oligarchischer Organisationsstrukturen ist. Diese Struktur politischer Bewegungen entspricht dem Parteiwesen im Parlamentarismus, wo hoch-zentralistische Apparate über Informationspolitik und Kollektivbildung ihre jeweilige AnhängerInnenschaft gegen "das Andere" mobilisieren. Der Parteienstreit suggeriert Pluralität im politischen System, obwohl schon bei oberflächlichem Hinsehen deutlich erkennbar ist, dass sehr wesensähnliche Strukturen mit sehr ähnlichen Zielen um ihre Organisationsegoismen (Ressourcen, Macht, Ämter, Monopole) streiten. Das Gezänk erzeugt den Eindruck von Pluralismus, der angesichts der hohen Ähnlichkeit der sich Streitenden eine Täuschung ist. Der Eindruck aber reicht, um nennenswerte Opposition mit tatsächlich abweichenden Vorstellungen ganz oder in der medialen Wahrnehmung zu unterdrücken.

Zitat aus Agnoli, Johannes/Brückner, Peter (1967): "Die Transformation der Demokratie" in: Voltaire Verlag Berlin (S. 30 f.)
Innerhalb eines Systems hingegen gehen nur Führungskonflikte vor sich, die im wesentlichen Konkurrenzkämpfe zur Ablösung der jeweiligen Führungsgruppe sind und die der teilweisen Umgruppierung innnerhalb eines Oligarchienkreises dienen. Die Verkürzung des Herrschaftskonflikts auf den Führungskonflikt reproduziert staatlich-politisch den gesellschaftlichen Vorgang - und den manipulativ vorgenommenen Versuch - der Reduzierung des Antagonismus auf den Pluralismus. Diese Verkürzung - das eigentliche technisch-politische Kernstück des Friedens - trägt wesentlich zur Anpassung und schließlich zur Auflösung eines antagonistischen Bewußtseins gegenüber den Oligarchien bei.

Genau so wie in der modernen Demokratie funktioniert es auch in politischen Bewegungen. Hier wie dort macht gerade die Aufteilung in Strömungen mit ihren jeweiligen Oligarchien eine grundsätzliche Kritik fast unmöglich. Das Problem autoritärer Strukturen wird nun erfolgreich verschleiert - und eine Kritik daran stößt regelmäßig auf Abwehr und Unverständnis, weil die Ursache von kaum jemandem überhaupt noch wahrgenommen wird.

Im Original: Sehnsucht nach Führung? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus "Viele Finger, aber keine Faust" über Attac, in: FR, 8.8.2006 (S. 3)
Vor allem jüngere Teilnehmer wünschen sich mehr "Verbindlichkeit" von Attac, mehr Koordination, mehr Zentrale.

Aus einem Bericht zum G8-Vorbereitungscamp "Camp Inski". Mehr ...
Erschreckend war, dass viele TeilnehmerInnen diese Rollenverteilung selbst gut fanden und gegen Kritik verteidigten. So gab es kaum Organisierungsansätze über die von den ohne dominanten Gruppen und Personen hinaus. Eine Zweiteilung in MacherInnen und MitmacherInnen zementiert sich zunehmend.

Aus "Die Linke an einem Bericht", Bericht über eine Podiumsdiskussion mit PDS, Soziale Liste, DIDF, WASG und Sozialforum in Bochum in der Jungen Welt, 12.5.2005 (S. 3)
Es gibt zwar eine Vielzahl von Initiativen, die gegen "Hartz IV" und die Einführung von Studiengebühren, gegen Ausländerfeindlichkeit und Naziterror kämpfen - es ist aber keine Kraft da, die in der Lage wäre, diesen Widerstand überzeugend zu bündeln.

Modern führen: Das Methodenpaket für versteckte Dominanz

Dieser Text beschreibt moderne Führungsmethoden in sozialen Bewegungen. Die Bedeutung dieser Betrachtung geht über die Binnensicht politischer Gruppen hinaus. Denn sie könnten Experimentierlabore für emanzipatorischen Wandel sein, d.h. sie haben potentiell eine Bedeutung als Praxis - sei es eine anarchistische oder eine andere mit befreiender Perspektive. Kommen sie dieser nicht nach, sondern streben nach modernen Organisierungsformen, die den Selbstzweck des Kollektivs (Verband, Partei usw.) und die innere Disziplinierung vorantreiben, so dienen sie sogar dem Gegenteil: Sie helfen bei der nötigen Modernisierung der Gesellschaft, durch soziale Innovation Herrschaftsstrukturen effizienter und stabiler zu gestalten.

Modernisierung der Hierarchien, zum Ersten: Herrschen, ohne aufzufallen

Die abnehmende Befürwortung offener Hierarchien und Fremdbestimmung hat in den vergangenen Jahrhunderten und vor allem Jahrzehnten in vielen Ecken der Gesellschaft zu einem Wandel von Mechanismen und Inszenierung der Macht geführt. Die alten, personalisierten und formalen Pyramiden gesellschaftlicher Steuerung und Gewalt sind Methoden gewichen, die durch schwer lokalisierbare und kaum spürbare Prozesse wirken: Bildung, Medien, Werbung, das öffentliche Gerede (siehe Kapitel zu modernen Hierarchien und informeller Steuerung in "Freie Menschen in freien Vereinbarungen"). Etliche Beherrschungs-, Legitimations- und Integrationstechnologien sind hinzugekommen, die autoritäres Handeln, Normierung, Privilegien und sich herausbildende Eliten verschleiern sollen. Auf allen Kanälen der Propaganda läuft die Einnordung allen Denkens auf die Akzeptanz des Guten: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Sie haben den Platz Gottes übernommen, der in den düsteren Phasen kirchlicher Dominanz als Quelle legitimer Macht inszeniert wurde.
Ein solcher Prozess hat auch in politischen Bewegungen stattgefunden. Er unterschied und unterscheidet sich von den gesellschaftlichen Modernisierungen nicht prinzipiell, wohl aber in den konkreten Ausformungen. Denn Menschen sind - anders als im Staat oder bei der Gültigkeit von Gesetzen - nicht zwangsintegriert und unterworfen, sondern müssen ihre Mitwirkung an den fremdbestimmten Handlungsformen vollständig als freiwillig und gewollt empfinden. Zudem sind in politischen Organisierungen, seien sie formaler Verband oder informelle Initiative, die handelnden Personen sichtbar oder schnell herauszufinden. Das macht andere Methoden der Beherrschung nötig, die aber gefunden wurden und werden. Dass sich dabei der eine oder andere Verband bzw. seine Führungselite als nicht flexibel genug herausstellte und im Zuge der Veränderungen hinweggespült wurde, ändert nichts daran, dass Modernisierungsprozesse von Herrschaftstechnologien auch in politischen Bewegungen ein Kontinuum sind. Schließlich ist auch das wie in der Gesellschaft: Altbackene Parteien oder Konzerne gehen unter, neue entstehen und integrieren die jüngeren Generationen auf ihre modernere Weise.

Im Ergebnis findet sich ein Nebeneinander absterbender und in Wandlung befindlicher Alt-Organisationen mit modernen Kampagnen und Organisierungen, die neue Strategien und Beherrschungstechnologien in Bewegungen einbringen, um dann zu einer dauerhaften Struktur zu werden oder von den wandlungsfähigen Dinosauriern der Zunft eingefangen, d.h. integriert oder aufgekauft zu werden. Es ist die "Zunft der Mitglieder- und SpendeneintreiberInnen" mit integrierter Jagd nach Medienaufmerksamkeit. Über Strukturen wird dort - auch mangels bestehender Kontakte zur Basis - gar nicht mehr geredet. So agierten die Vorbereitungsrunden zu allen großen Events der vergangenen Jahre ohne jegliche Legitimation. Sie waren einfach da und sicherten sich ihre Hegemonie durch das Einschwören auf eine vermeintlich gemeinsame Aktionslinie und die Stellvertretung gegenüber Behörden und Medien. Gepaart wird dieses oft mit basisdemokratischem Schein. Doch glaubt wirklich jemand, dass die erst kurz vor Aktionsbeginn gebildeten und über alle wichtigen Sachen (Pressearbeit, Außenvertretung, Materialbestand, Kommunikationsflüsse, wichtige Telefonnummern usw.) gar nicht informierten Bezugsgruppen entscheidend sind? Wer an Schalthebeln sitzt, bleibt den MitläuferInnen meist unbekannt. Oft wollen die das gar nicht genauer wissen. Vielmehr gehört zum ständigen Ritual heutiger Organsierungen und Mobilisierungen, dass sich die im Hintergrund Fäden ziehenden Eliten in der großen Runde Dank und Anerkennung für ihre aufopferungsvolle Rolle einholen, als die sie ihre Hegemonie verkaufen.

Im Original: Beispiel: X1000mal quer und Ableger ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mathias Edler (2001): Demonstranten als "Staatsfeinde" - "Staat" als Feindbild?", Alte Jeetzel-Buchhandlung (S. 120). Edler war bei Erscheinen des Buches Sprecher der BI Lüchow-Dannenberg
"X-tausendmal-quer" bildet die vielleicht extremste Form der Inszenierung von Widerstand, die das Wendland bisher erlebt hat - und die wiederum eine Inszenierung von rechtsstaatlichem Verhalten auf Polizeiseite zur Folge hat, bis der Castor-Fahrplan durch die Aktion in Gefahr gerät. Widerstand wird zum vorher in "gewaltfreien Trainings" eingeübten Rollenspiel, in dem jeder seine feste Rolle - nicht mehr und nicht weniger - zu bekleiden hat.

Text sowie Interviewauszüge mit Jochen Stay über X-tausendmalquer im Interview mit Mareike Korte (Diplomarbeit von 2008 "Medienstrategien von Protestbewegungen" (S. 43 f. und 100)
Es gibt einige konkrete Strategien im Umgang mit Medien, die gezielt angewandt werden, um eine möglichst intensive Berichterstattung zu erreichen. Zu einen ist dies die Konzentration auf bestimmte Personen, die im Fokus der Pressearbeit stehen, diese Strategie beinhaltet aber auch Widersprüche zum eigentlichen gesellschaftspolitischen Anspruch: "Also, ich glaube, beispielsweise war eine sehr wesentliche Entscheidung, die wir irgendwann getroffen haben, diesem Medienmechanismus, der gerne Personalisierung will, [...] dem entgegen zu kommen. Zum Beispiel einfach, indem man Pressesprecher benennt und in Presseerklärungen Namen reinschreibt. ‚Der sagte, dass...’ und so weiter. Dass das auch nicht immer rotiert, sondern dass das möglichst kontinuierlich gleiche Personen sind. Das widerspricht [sich] ja eigentlich erst mal, wenn man sagt, man will relativ egalitär arbeiten [...]. Da haben wir an der Stelle aber gesagt, uns ist es [...] wichtiger, dass wir mit dem, was wir zu sagen haben, möglichst gut [...] wahrgenommen werden in den Medien." ...
Für die untersuchten Kampagnen und ihre Zielsetzungen spielen Medien eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund passen sie sich, um von den Medien berücksichtigt zu werden, an bestimmte Funktionsweisen der Medien an. Die Beschränkung auf wenige Personen, die gegenüber den Medien sprechen – auch als Personalisierung bezeichnet – ist eine dieser Anpassungen an Medienfunktionsweisen. Dies ist ein Kompromiss, der zu Lasten der emanzipatorischen Ansprüche von Nicht-Hierarchisierung und Aktivierung der Kampagnen geht. Er hat zur Folge, dass die Darstellung in den Medien oft den emanzipatorischen und antihierarchischen Charakter der Kampagne nicht wiedergibt und teilweise sogar Personen ausmacht, die die Proteste „anführen“.


Ohne Wort: Aus einem Massenbrief von Jochen Stay am 25.11.2009

Schilderungen vom Camp "Rebellisches Zusammenleben" im Juli 2012
Eklat und Machtdurchgriff schon im Vorfeld: Die Workshops "Freie Menschen in freien Vereinbarungen", "Demokratiekritik", "Den Kopf entlasten" und eine Direct-Action-Einführung wurden angemeldet und landeten zunächst auch auf der Internetseite. Aus der Orga-Gruppe wurde sogar noch um einen weiteren Beitrag (Ton-Bilder-Schau "Monsanto auf Deutsch") gebeten. Dann schweigen. Plötzlich und ohne jegliche Kommunikation verschwanden die Workshops aus dem Programm im Internet. Der Referent fragte nach. Daraufhin kam die Ausladung: Er sei auf dem Camp nicht erwünscht. Als sich TeilnehmerInnen beschwerten, dass die Workshops gestrichen wurden, inszenierten sich die ZensiererInnen als Opfer: Nicht ihr Machtdurchgriff, sondern die Kritik daran sei unsolidarisch. Der Mailwechsel (alle Auszüge, soweit zum Thema):

Mail am 25.06.2012 an das Orga-Team
ich würde gerne vom 25. abends (da tagsüber noch ein Strafprozess in
Lüneburg) bis Ende 28. aufs Camp kommen und hätte folgende
Workshopsideen (plus weitere Ideen, falls Ihr das für passend
haltet) für jeweils 2-3 Stunden Dauer.
Die drei Workshops, die ich gern machen würde:
1. Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung ...
2. Freie Menschen in Freien Vereinbarungen: Grundlegungen für eine
herrschaftsfreie Welt ...
3. Den Kopf entlasten: Kritik anti-emanzipatorischer Positionen in
politischen Bewegungen ...
Soweit die drei Workshops.
Wenn Interesse besteht, kann ich zum einen auch noch was zu
kreativen Aktionsformen (Einführung in Direct-Action u.ä.) oder auch
einen Beitrag zum Nachprogramm bieten, z.B. eine der
Ton-Bilder-Schaus "Monsanto auf Deutsch" oder "Fiese Tricks von
Polizei und Justiz". Text könnte ich bei Interesse zuschicken.
Ich freue mich auf Rückmeldung.

Mail am 5.7.2012 vom Orga-Team
Deine drei Workshops habe ich in die Ankündigung aufgenommen. Wie weit Interesse an weiteren Workshops o.ä. besteht, wird sich letztendlich auch vor Ort zeigen. Das Programm entwickelt sich ja auch von Tag zu Tag nach Interessenlage.
Was mich allerdings gerade noch sehr interessiert ist: Was ist denn die Ton-Bild-Schau "Monsanto auf Deutsch"? Gerade zu dem Thema gab es schon Nachfragen....

Mail am 14.7. an das Orga-Team:
Hallo, ich bin grad wieder auf Eurer Seite gewesen, weil ...
Bei der Gelegenheit fiel mir auf, dass nur noch einer meiner Workshops in der Workshopliste steht. Hat das was zu sagen?

Mail am 20.7.2012 aus dem Orga-Team
hiermit möchten wir dich bitten, nicht zum Rebellischen Zusammentreffen ins Wendland zu kommen. Einige Menschen aus dem Vorbereitungskreis finden das nicht gut, dass du dort auftauchst und Workshops gibst bzw. an andern Workshops teilnimmst. Dein Verhalten wird von Menschen als autoritär, anmassend und unsolidarisch empfunden.
Grüsse, Menschen aus der Vorbereitungsgruppe.

Eintrag auf der Internetseite am 23.7.2012 (unter Kontakt und Anmeldung, vorher wurde - ungefragt - eine Beschwerde einer Teilnehmerin über das Verbot der Workshops auf die Seite gesetzt):
seit einiger zeit diskutieren wir sehr intensiv genau über dieses problem. wir machen es uns sicher nicht leicht damit, denn ausschluss ist kein gutes mittel. allerdings steht auch in unserer einladung, dass wir einen gleichberechtigten und respektvollen umgang miteinander wollen. es gibt in der vorbereitungsgruppe einige, die schon ihre erfahrungen mit jörg b. gemacht haben.
die erfahrung ist, dass jörg menschen mit anderen ansichten anbrüllt, sehr dominant und autoritär ist und nicht bereit, mit kritik konstruktiv umzugehen. respektvoll und gleichberechtigt ist das nicht.
es gibt menschen, die nicht mehr bereit sind, sich von ihm persönlich angreifen zu lassen.
sicher kann mensch jetzt das kriegsbeil ausgraben und böse werden. es gibt aber auch die möglichkeit, mal drüber nachzudenken, ob an der kritik (die wirklich nicht nur von menschen aus unserem vorbereitungskreis geäussert wird) vielleicht etwas dran ist.
zu unserer mail nochmal: es war eine BITTE, nicht zu kommen. und wir finden es nicht toll, wenn welchen von uns unterstellt wird, dass sie sich nicht genügend auseinandergesetzt haben ( und deswegen eine mediation nicht schlecht wäre) oder gefordert wird, dass sie ihm ausweichen. wie soll das denn gehen: menschen, die das Rebellische vorbereiten, sollen sich ducken und ausweichen? was wäre das denn für eine situation? für uns ist es äusserst wichtig, dass auch leute, die nicht so eloquent sind, sich nicht gut durchsetzen können und nicht selbstsicher bis zur selbstgerechtigkeit sind oder widersprüche haben, zeit und raum haben, ihre gedanken zu formulieren. wir dürfen fehler machen und auch mal was falsches sagen, ohne gleich den verbalen knüppel übergebraten zu kriegen.
Wenn einer menschen verletzt, und das immer wieder seit langer zeit, muss er eben auch das echo vertragen. sprich die ansage, dass wir das nicht wollen. schade zwar, aber so isses. und auch diese entscheidung sollte respektiert werden, ohne denunziatorisch zu werden (heckenschützen z.b.).

schöne grüsse eine aus der vorbereitung

So ging es ins Camp. Der Ausgeladene kam trotzdem, ein Eklat unterblieb. Seine Anwesenheit wurde ebenso geduldet wie die Workshops, die überwiegend gut besucht und intensiv waren.

Während des Camps wurde der Ausschluss kaum thematisiert. In einem Plenum fragte jemand nach, was mit dem Vorgang sei. Die Orga-Gruppe gab bekannt, dass sie die Situation dulde, solange es zu keinen Beschwerden käme. Mehr erläutert nicht, auch ein Grund wurde hier nicht genannt.
Laut Aussagen verschiedener TeilnehmerInnen, die nachfragten, äußerten sich nur in einem Fall Orga-Mitwirkende dahingehend, dass es um eine Beleidigung ginge. Der Ausgeschlossene hätte vor einiger Zeit Elitenstrukturen kritisiert - sowas rechtfertigt also offenbar Ausschlüsse.

Das Camp selbst wurde unabhängig davon zu einem Paradebeispiel für moderne Steuerung, Inhalts- und Aktionsleere. Von "rebellisch" war nichts zu erkennen.
Beispiel Plenumssprüche im Wir-Stil: Orga-Leute erklärten, wofür das Camp steht. Orga an TeilnehmerInnen: "Ich glaube, zu hören ist wichtiger als zu reden erstmal" und "Wir wollen ein liebevolles, demokratisches Miteinander." Am Camp-Eingang hing noch das Schild "Sie verlassen den demokratischen Sektor" ... Als Vorbildstier wurde, durch eine Geschichte der Zapatistas präsentiert, der Maulwurf angeboten - im Gegensatz zum Löwen. Der Maulwurf war das Bild des Guten, weil er blind ist und nur nach Innen schaue. Der Löwe war der Inbegriff des Bösen. So einfach ist die Welt ...

Auf dem Samstagsplenum (28.7.) benannten Orga-Leute Details für einen Ausflug am Folgetag. Das Camp solle vor die Tore des Erkundungsbergwerkes zum Atom-Endlager Gorleben verlegt werden. Es sollte so an der Blockade teilnehmen. Um 15 Uhr (!) sollte es per Bus dorthin gehen. Es meldete sich eine Person und fragte, ob es nicht schon um 13.30 Uhr möglich sei, denn dann würde dort der Sonntagsspaziergang der Bürgerinitiativen stattfinden. Antwort aus der Orga: "Dann wären wir neun Stunden da, das ist zu viel". Eine Rückfrage ins Plenum erfolgte nicht. Stattdessen wurde sofort gefragt, wer um 15 Uhr mitwolle. Viele wedelten mit den Händen. Niemand achtete auf den Alternativvorschlag von 13.30 Uhr. Per Wedeln war 15 Uhr durchgesetzt - geräuschlos.

Geld, so die Logik, schaltet Atomkraftwerke ab. Den reich gewordenen Ex-Umweltbewegten dürfte das gefallen. Denn Aktion ist nicht mir ihr Ding, Geld aber haben sie.

In den Propagandaschriften wird dennoch Herrschaftsfreiheit suggeriert. Zwar haben die Basis- und Bezugsgruppen kaum Informationen udn wenig zu sagen, aber "in unserer Zusammenarbeit versuchen wir, hierarchiefreie Strukturen zur Anwendung zu bringen, d.h. wir werden nicht nach dem Mehrheitsprinzip, sondern nach dem Konsensprinzip entscheiden" (aus dem Faltblatt "Castor 2010": Aktionskonsens (S. 2)). Der Trick ist gut. Was schön klingt, ist gefestigte Macht. Wer in Eliten einfach entscheidet und macht, der Basis aber den Konsens verordnet, sichert sich bei internen Machtkämpfen doppelt ab: Erstens fällt alles nicht so auf, zweitens ist die Basis durch den Konsenszwang stark geschwächt, gegen die eigene Elite handeln zu können. Vorgaben von oben ließen sich nur ändern, wenn niemand dagegen stimmt. Solche Einstimmigkeit werden Eliten zu verhindern wissen, wenn es drauf ankommt.
Wie das praktisch aussieht, zeigte das Vorbereitungscamp im Sommer 2010 im Wendland. Per Veto durch den informellen Führer Jochen Stay wurde sowohl die gleichberechtigte Mitwirkung der BI Lüchow-Dannenburg nach dem Motto "Keine Nebenkönige!" verhindert als auch Workshops zu Kleinaktionen aus dem Programm gestrichen. Ziel war, die TeilnehmerInnen absichtlich blöd zu halten, um sie zum Mitmachen an der zentral geplanten Sitzblockade zu bringen.

Zum Zweiten: Kommunikation als Einbahnstraße im Gewand des Dialogs

Es gibt in den modernen Organisationen kaum noch Orte, an denen überhaupt noch über Fragen der Organisierungsform gestritten wird könnte. Die alten Verbänden hatten dafür Mitgliederversammlungen vorgesehen. Die waren zwar hochvermachtet und für einzelne Mitglieder kaum beeinflussbar. Aber die Konkurrenzen zwischen den formalen MachthaberInnen und Strömungen in den Verbänden schufen Streit und boten dadurch Spielraum für ein Ringen um Veränderungen.
Nicht so bei den modernen Netzwerken, Bewegungsagenturen und Kampagnen - sei es nun die Interventionistische Linke, die Teilorganisationen im ZUGABe-Netzwerk oder Delegiertensysteme in Themenkampagnen. Alle Kommunikationssysteme sind hier in der Hand Weniger, die kaum noch lokalisierbar sind.

Beispiele:

Und zum Dritten: Suggestion von Mitbestimmung und Pluralität

Keine moderne Herrschaft kann bestehen, wenn es ihr nicht gelingt, sich selbst als das Gegenteil zu inszenieren. Denn das Moderne an ihr ist ja, dass sie auf sichtbar autoritäre Züge weitgehend verzichtet. Stattdessen gelingt ihr, Unterstützung bei den Geführten oder Vereinnahmten einzuwerben durch den Anschein, dass alles ein gemeinsamer Wille und ein gemeinsames Projekt ist. Dafür notwendig sind Dialoge, die Meinungen einbinden, ohne sie unkontrolliert wirken zu lassen. Opposition wird assimiliert, weg-moderiert, eingebunden in weitgehend wirkungslose Diskussionszirkel, gerennt von Debatte und Realpolitik.
Die Eliten, die auf vereinheitlichtes Verhalten oder auf vereinnahmbare Aktionsvielfalt aus sind, stellen Projekte, Aktionen und Kampagnen nicht als ihr Werk, sondern als gemeinsame, viel Vielen getragene Sache dar. Abweichung verliert seine Spürbarkeit.

Ein beeindruckendes Beispiel, zudem eines der ersten in dieser Größe und durchgreifenden Wirkung, war der Protest gegen den G8-Gipfel in Rostock. Statt den üblichen Grabenkämpfen einigten sich die Eliten sonst sehr unversöhnlicher Bewegungsteile (z.B. Kirchen und autonome MarxistInnen) auf ein gemeinsames Programm. Linken und aktivistischen Zusammenhängen gelang es, die Reste unberechenbarer Aktionsgruppen in große Kampagnen einzubinden oder auszugrenzen. Dabei war die Ankündigung noch ganz anders: Es sollten "die Möglichkeiten und die Kräfte der Veränderung in der Aktion sichtbar werden".

Aus der Mobilisierungsseite zur 2. Aktionskonferenz in Rostock zum G8-Gipfel
Nach den bisherigen Planungen, wie sie auf der Rostocker Aktionskonferenz im März 2006  diskutiert worden sind, soll es nicht beim Pflichtprogramm Großdemonstration, Gegengipfel und Kulturevent bleiben. Die Perspektive vieler sind kraftvolle Tage des Widerstands, bei denen mit der Kritik der G8 und der bestehenden Weltordnung, auch gleichzeitig die Möglichkeiten und die Kräfte der Veränderung in der Aktion sichtbar werden. In diesen Zusammenhang gehören der migrationspolitische Aktionstag, das Camp – und eine Aktionsperspektive, die es noch zu füllen gilt: Blockade der G8!

Stattdessen aber setzte sich eine Zuspitzung auf eine große gemeinsame Aktion durch, durch die eine "möglichst kalkulierbare Situation geschaffen werden" sollte. Es ging um "Kollektivität vieler". Die Kontrolle verkaufte sich als freundliche Sorge, in dem "eine politische und praktische Verantwortung für den Ablauf der Blockaden übernommen" werde.

Einheitliche Aktion statt Vielfalt
Aus der Mobilisierungsseite zur 2. Aktionskonferenz in Rostock zum G8-Gipfel
Unser Ziel sind Blockaden, an denen sich tausende von Menschen aus unterschiedlichen politischen und kulturellen Spektren und unterschiedlicher Aktionserfahrungen beteiligen, die sich in den Aktionen nicht nur gegenseitig respektieren und tolerieren, sondern tatsächlich zum gemeinsamen Handeln finden. Dazu braucht es keine Helden , sondern den Mut, der aus der Solidarität und Kollektivität vieler entsteht. Unsere Aktionsplanungen orientieren sich daher gerade nicht an den Bedürfnissen der vermeintlich Entschlossensten und Radikalsten.
Vielmehr soll eine möglichst kalkulierbare Situation geschaffen werden, in der Entscheidungsstrukturen transparent sind, die Grenzen aller respektiert werden und eine politische und praktische Verantwortung für den Ablauf der Blockaden übernommen wird. Wir sind der Überzeugung, dass dies die Voraussetzung dafür ist, dass sich tatsächlich tausende von Menschen unterschiedlicher Hintergründe aktiv beteiligen. ...
Dieser Aufruf hat zunächst nur die Aufgabe, unsere bisherigen Überlegungen zu Massenblockaden vorzustellen. Wir würden uns freuen, wenn an möglichst vielen Orten in den nächsten Wochen und Monaten Blockadegruppen entstehen würden, die sich vorstellen können, an solchen Massenblockaden teilzunehmen Mit einer gemeinsamen „Blockade on Tour“ Rundreise ab dem Herbst wollen wir diese Gruppenbildungen unterstützen. Wir hoffen, dass dann viele dieser Blockadegruppen und sonstigen Zusammenhänge sich auf der Internationalen G8-Aktionskonferenz vom 10.-12. November 2006 zusammenfinden werden und ein gemeinsames Blockadenetzwerk ins Leben rufen.
Antifaschistische Linke Berlin; Avanti – Projekt undogmatische Linke; Grüne Jugend (Bundesvorstand), X-tausendmal quer, sowie AktivistInnen aus: Attac, Solid und der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion 

Das Konzept gelang - zumindest aus dem Blickwinkel des Ziels, eine Einheit zu schaffen und (fast) alle Menschen als große Herde zusammenzuführen. Unter Einsatz erheblicher Ressourcen (Medien, Treffen, TrainerInnen und Dominanz in Camps bzw. Plena) entstand eine Aktion, die als Aktion durchaus Erfolge erzielte, aber hinsichtlich des Selbstorganisierungsgrades sehr niedrig lag. Die Wirkung über den Aktionstag hinaus ließ sich absehen: Die Bewegungseliten priesen sich selbst als HeldInnen, erzielten Medienaufmerksamkeit, rekrutierten Mitglieder und sammelten Spenden. Doch die herbeiphantasierte Belebung der Bewegung blieb aus. Überraschen konnte das nicht. Wer Menschen entmündigt, macht sie zu Angehörigen einer Herde, nicht zu einer Vielfalt selbständig aktionsfähiger Individuen, Zusammenschlüsse und Kooperationen.
Das Selbstorganisierungsdesaster von Rostock verwundert hinsichtlich seiner allgemeinen Akzeptanz und unkritischen Übernahme auch deshalb, weil viele Jahre vorher im Castorwiderstand ein anderes Aktionskonzept gewählt wurde und seit Jahren zeigt, dass es anders geht und wirksamer ist: Das Streckenkonzept. Es sollte Vereinheitlichung überflüssig machen und eine Vielfalt schaffen - was auch gelang. Den Bewegungseliten mit ihrem ständigen Anspruch, Menschen zu Rädchen ihrer Ideen zu machen, scheint das nicht zu gefallen ...

Erinnert sei an den Spruch aus dem zapatistischen Widerstand in Chiapas (Mexico), auf den sich viele soziale Bewegungen auch hierzulande positiv bezogen haben. Sinngemäß hieß es: "Für eine Welt, in der viele Welten Platz haben". Dieser Zielsetzung werden sowohl politische Ziele wie auch Organisierungskonzepte sozialer Bewegungen regelmäßig nicht gerecht. Gefordert wird mehr Einheit, mehr Handlungsstärke zentraler Strukturen wie dem (National-)Staat oder globaler Institutionen. Gleichzeitig werden intern einheitliche Aktionsformen durchgesetzt statt Vielfalt organisiert und gefördert.

Noch ein Viertes: Privilegien und Zugang zu Wissen/Ressourcen

Wissen ist Macht - das wissen auch die Eliten der Bewegungen. Sie brauchen keine formalen Hierarchien, nicht einmal die Tricks der Verhandlungsführung in den egalitär wirkenden Plena und konsensualen Debatten. Sie benötigen nur das für die Durch- und Umsetzung von Ideen und Themen nötige Wissen: Adressen, Pressekontakte, Zugang zu materiellen und finanziellen Ressourcen usw. Sind die ungleich verteilt, entstehen Privilegien. Das ist regelmäßig der Fall. Meist wird das einfach vertuscht, ab und zu aber sogar begründet, z.B. mit vermeintlichen Gefahren.

Im Original: Geheimdiplomatie? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Text von Jörg Djuren aus der Graswurzelrevolution Oktober 2005 (S. 18)
Eine der zentralen Forderungen alter Revolutionen war die Aufhebung der Geheimdiplomatie
Eine Forderung, die nie umgesetzt wurde und an deren Nichtumsetzung u.a. die Revolutionen gescheitert sind. Informationsmonopole, das Beschränken von Informationen auf bestimmte In-Gruppen, sind insbesondere in informellen Strukturen der anarchistischen und autonomen Linken ein oft genutztes Mittel zur Durchsetzung von Entscheidungen und zum Aufbau informeller Hierarchien.
In der BRD gibt es nur wenige Bereiche, in denen auf Grund der realen Repression eine solche Geheimhaltung notwendig ist (also dort, wo Dritte betroffen sind, bei der Arbeit im Ermittlungs-Ausschuß, bei der direkten Soli-Arbeit für Illegalisierte, usw.). Im Regelfall ist die Geheimhaltung aber sogar unter Sicherheitsgesichtspunkten eher kontraproduktiv, macht sie doch die klandestin organisierten Gruppen zur idealen Projektionsfläche der Medien und der Spitzelbehörden für alles Böse auf der Welt. Und vereinfacht so ihre Kriminalisierung. Außerdem schafft sie auf Grund des nicht mehr offen mit einander Umgehens/Sprechens eine Situation, in der es Spitzelbehörden und Spitzellinnen leicht gemacht wird, Gruppen zu zerstören, indem Personen durch gezielt gestreute Halbwahrheiten und Fehlinformationen gegeneinander ausgespielt werden. Zumindest werden die Gruppen dazu gebracht, sich primär mit sich selbst zu beschäftigen. Die größte Sicherheit gegen staatliche Repressionen bildet ein offener Umgang untereinander und eine Öffnung nach Außen, was auch den offenen Umgang mit Konflikten beinhaltet.
Ich rede hier nicht vom Verhalten in laufenden Ermittlungsverfahren, hier gilt immer: keine Aussage machen, zumindest nicht ohne Anwältln und Rücksprache mit der eigenen Gruppe. Dies ist aber die Ausnahme und nicht der politische Alltag.
Mir geht es hier um die Paranoia, die zum Teil aus der Computer- ­und Hackerszene in die Linke rüberschwappt und als Aspekt des sich Wichtigmachens über Geheimhaltung („Ich weiß was, was Du nicht weißt - Ätsch -!“) schon länger Element der link(sradikal)en Szene ist. Wieso soll ich meine Email unleserlich machen oder meinen Namen geheim halten, ich tue schließlich das Richtige als Anarchist, die SpitzelInnen sollen gefälligst unter ihren Abtretern bleiben und am besten auch dort verschwinden. Die Entwicklung von link(sradikal)er Politik hin zu politischem Klappensex halte ich für fatal. Das bewußte Besetzen öffentlicher Räume ist ein wesentlicher Bestandteil der Durchsetzung von politische Anschauungen. Die lesbische und die schwule Szene haben wesentliche politische Erfolge ihrem offensiven Coming Out zu verdanken. Wenn Link(sradikal)e heute den umgekehrten Weg gehen und beginnen, sich auf dem Klo zu verstecken, werten sie damit nicht nur sich selbst und ihre Position ab, sie werten auch die SchnüfflerInnen und andere Büttel der verschiedenen Repressionsdienste symbolisch auf.
Freiräume, die ich nicht nutze, werden eingeschränkt. Die unnötige Selbstzensur innerhalb der Linken durch Anonymisierung in Bereichen, wo dies nicht nötig ist, befördert die Repression.
Geheimhaltung und Informationshierarchien produzieren innerhalb einer Gruppe autoritäre Strukturen, und die paranoide Abschottung nach Außen („Feindesland“) produziert sektenähnliche Gruppenstrukturen.

Wie wichtig den Eliten die Frage der Wissenskontrolle ist, zeigte der Versuch einer offenen Presseplattform. Er gelang erfolgreich 2002 bei den Protesten gegen die NATO-Sicherheitskonferenz in München, scheiterte ab dann aber durch Verbote seitens linker Führungskreise im Folgejahr bei gleichem Anlass und beim Castor-Widerstand. Die ursprüngliche und 2002 auch so umgesetzte Idee war die der entpersonalisierten Vermittlung direkter Kontakte zwischen Aktionsgruppen und JournalistInnen. Dieses geschah über sein Suche/Biete-Pinnbrett in einem festen Raum und im Internet, eine eingeladene unmoderierte Pressekonferenz als Begegnungsraum zwischen JournalistInnen und Aktionsgruppen sowie ein Presse-Arbeitstisch mit Faxverteiler und Telefonummern. Durch die öffentliche Zugänglichkeit dieses Wissens verschwanden Privilegien. Im Ergebnis waren 2002 verschiedene Aktionsgruppen mit zum Teil deutlich radikaleren Positionen in den Medien zu finden als in den darauffolgenden Jahren. Die Folge: NGO- und linke Eliten dafür sorgten, dass unabhängige Aktionsgruppen in politischen Zentren der Stadt keine Handlungsmöglichkeit mehr hatten. Ebenso verhinderten linksradikale Szenefürsten in Lüneburg 2003 die Verwirklichung dieser Idee.

Um die eigene Führungsposition zu behaupten, wird politische Einmischung als kompliziert und schwierig beschrieben. Basisprotest hätte wenig Sinn. Im Leitfaden "Gegen die Errichtung von Massentierhaltungsanlagen" schreibt z.B. der BUND, dass Planverfahren von Tierställen zwar keine formalen Eingriffsmöglichkeiten bieten, aber trotzdem nur das versucht werden sollte - eine Anleitung zur Ohnmacht.

Bei der Genehmigung derartiger Anlagen gibt es in aller Regel weder einen Ermessensspielraum noch die Möglichkeit direkter politischer Beeinflussung. Zwar hängt die Ansiedlung einer solchen Anlage auch davon ab, ob sich beispielsweise die Gemeinde oder die Landesverwaltung dafür oder dagegen aussprechen. Allerdings besteht in den Genehmigungsverfahren grundsätzlich ein durchsetzbarer Rechtsanspruch eines potentiellen Betreibers, wenn die geplante Anlage die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt. Dies bedeutet: Beim Kampf gegen Massentierhaltungsanlagen kommt es vor allem auf fachlich qualifizierte Stellungnahmen an, die in den meisten Fällen nicht ohne Zuhilfenahme von Fachleuten erarbeitet werden können. (S. 5) ...
Bei der Frage, ob sich Anwohner gegen die Genehmigung einer Tierproduktionsanlage wehren können, kommt es zum einen darauf an, ob die Anlage tatsächlich alle Genehmigungsvoraussetzungen erfüllt, zum anderen aber auch darauf, ob verletzte Rechte von den Anwohnern überhaupt ins Spiel gebracht werden können. (S. 13) ...
Wichtig für die Organisation des Protestes ist eine zentrale Anlaufstelle. (S. 15)

Das Fünfte in der Hinterhand behalten: Formale Macht

Sei es aus mangelndem Vertrauen zu den noch recht neuen Methoden moderner Führung oder als zusätzliche Absicherung: Die klassischen Handwerkzeuge der Macht bleiben erhalten. Spürbar werden die spätestens, wenn moderne Machtmittel hinterfragt werden. Wer das tut, gerät schnell unter Druck. Reichen die diskursiven Steuerungsmittel nicht, kommt der Knüppel: Rauswürfe, Verbreitung von angstmachenden Gerüchten usw. über die missliebigen Personen oder Gruppen sind schnell an der Tagesordnung. In der Regel reicht das hinten rum, d.h. die Masse der MitläuferInnen bekommt von den Ellbogeneinsätzen wenig mit.

Im Original: Ausgrenzung praktisch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wartelisten statt Selbstorganisierung
Am 27.8.2011 druckte die FR auf S. 21 ein Interview mit der "Ökobuch"-Schreiberin Charlotte Roche (Sexbücher "Feuchtgebiete" und "Schoßgebete") ab. Die berichtete dort, sich auch für den Umweltschutz zu engagieren. Im Original: "Ich wollte mich jetzt auch anketten in Gorleben, gegen das Atomzwischenlager. Hab ich hingeschrieben, an die Organisatoren. Klar gerne, in zwei Jahren, war die Antwort. Die haben eine Warteliste, und ich muss mich wie alle anderen hinten anstellen".

Rauswurf der Projektwerkstatt aus dem Email-Verteiler der deutschsprachigen Infoläden (eigenmächtig durch Infoladen Bielefeld, unterstützt dann aber durch weitere Infoladen, siehe folgende Mail an die Projektwerkstatt-Mailadresse ca. Ostern 2002 - voraussichtliche AbsenderInnen sind die Führungseliten der jeweiligen Infoläden, aber die zeichnen gerne im Namen des Ganzen):
Liebste Projektwerkstatt!
Wen zum Teufel interessiert Eurer Kram? Was habt Ihr auf dieser Mailinglist zu suchen? Meint Ihr den Quatsch ernst? Warum reden Leute von Euch mit den Kieberern? Eigentlich haben wir massenhaft Fragen an Euch, aber wenn wir ehrlich sind, dann möchten wir keine Antworten haben. Schleichts Euch aus dieser Mailing-List.
Infoladen 10 Wien


hallo,
so langsam reichts, die infoladen mailinglist hat eine klare funktion (siehe e-mail 18.5.01), das beinhaltet nicht das, was du da immer rumschickst.  wir haben kein interesse an dem ganzen zeug. richte dir doch bitte eine eigene liste ein.
vielen dank
schorsch /il ffm


Ausgrenzung und Herrschaftsvokabular
Auszüge aus Rechtfertigungstexten nach einem Ausschluss einer Person von einer Anti-Atom-Antirepressionsmailingliste im Januar 2014 (ohne vorherige Information der Betroffenen und der anderen Menschen auf der Liste):
"Wir (...) haben beschlossen S. von der Liste zu werfen und das auch getan. ... Diese Liste verliert in unseren Augen ihren Sinn, wenn sich die Menschen darauf nicht vertrauen und auf eindeutige Absprachen verlassen können."
"Ist die Frage nicht erst, ob es reicht, wenn das Vertrauensverhältnis zweier Personen gestört ist, dass eine der beiden von der Liste entfernt werden muss? Das würde eine "öffentliche" Diskussion erübrigen, da niemand, außer der zwei Personen selbst, das beurteilen kann."
"hier eine kurze Erklärung, weshalb bisher keine Reaktion kam. Ich befinde mich gerade mit Unterstützer_innen in den Entzügen meiner Prozessvorbereitung, deshalb haben die Menschen gerade keine weiteren Kapazitäten darauf einzugehen."
"Ich habe auch keine ahnung von nichts, und hatte kein Prozesstraining. Was mache ich dann? Ich höre auf Ratschläge anderer! Das hat S. mir selbst empfohlen!! Den eindruck dass sie selbst diesen Rat befolgt hatte ich bei ihr nicht. Ob es daran liegt wer Ratgeber*in ist, vermag ich nicht zu sagen. Das allein ist kein ausschlusskriterium, manche Leute haben halt nen derberen dickkopf als anderen (...), aber irgendwann - und spätestens zu dem Zeitpunkt zu dem sie den einspruch zurückgezogen hat, ohne zu fragen- reicht es einfach! Jeder Mensch hat eine Chance verdient, vielleicht auch zwei oder drei, oder vier. Es gehört zum Leben dazu Fehler zu machen, und sie zu verzeihen. Aber ich fühle mich außer Stande mit Leuten zusammen zu arbeiten, auf einer vertrauensbasis, die ständig irgendwelche Alleingänge machen! Das kann ich nicht. Sollen die doch allein ihre Alleingänge machen, damit will ich nichts zu tun haben, denn das hält mein Magen nicht aus, wenn ich nicht weiß welcher Schock mich als nächstes erwartet! ...
Ich finde weiter undenkbar über den rausschmiss einer person zu reden, wenn diese auf der Liste steht, da das für die Person sehr verletzend sein kann. ... manchmal sind vorläufige ausschlüsse, die schnell entschieden werden nötig. ...
ich kann die Kritik nachvollziehen, aber so richtig verstehe ich es nicht. ...
und zu letzt: wir sollten unsere gemeinsamen Ziele über diese diskussionen hier nicht aus den Augen verlieren!"
"uns erschien der Rauswurf von Spicky dringlich und notwendig. Wir haben uns damit alles andere als leicht getan und sehen da deutliche Kommunikationsfehler auf unserer Seite. Wir hätten von Anfang an deutlich kommunizieren sollen, dass die Entscheidung nicht endgültig gemeint war, sondern uns als Sofortmaßnahme notwendig erschien."

Natürlich geschah nichts weiter. Wie immer. Das wissen die, die einfach handeln und das, dank ihrer Privilegien (hier: interne Cliquenkommunikation und Listenpasswort) auch können. Es mag vielleicht überraschen, aber sollte deshalb nicht unerwähnt bleiben: Fast alle Zitate und die Ausgangshandlung (Streichen von der Liste) kamen von Leuten aus dem Umfeld der Projektwerkstatt. Die dort gepflege Verbalradikalität gegen Hierarchien stört also nicht, selbst so zu agieren ...

Es ist also wie bei "Animal Farm". Einige sind gleicher als andere. Und die belügen die weniger Gleichen, indem sie ihre Herrschaft zu verschleiern versuchen. Gelingt das nicht, können sie auch anders ...

Aus Bookchin, Murray (1981): "Hierarchie und Herrschaft", Karin Kramer Verlag in Berlin (S. 17 f.)
Der „Managerradikalismus" hat kein wirkliches Interesse für seine Anhänger und für deren Qualitäten als informierte, gesellschaftlich engagierte und aktive Persönlichkeiten. ,,Massenaktion" ist ihm wichtiger als Selbsttätigkeit, die Zahl wichtiger als das Ideal - Quantität geht vor Qualität. Das Konzept der direkten Aktion, das zu aktiven Persönlichkeiten führen soll, die als Individuen und individuierte Gemeinschaften fähig wären, alle sozialen Belange direkt zu ihren eigenen zu machen - eine authentische und von ethischen Oberlegungen anstatt von legislativen Maßnahmen geleitete Öffentlichkeit -, dieses Konzept der direkten Aktion ist auf widerliche Weise zu einer bloßen Sache der „Taktik" - statt Selbsttätigkeit, Selbstentwicklung und Selbstbestimmung - geworden. „Affinitätsgruppen", ein anarchistisches Organisationsmodell, das gedacht war, enge, menschliche und dezentralisierte Formen für die Entwicklung eines neuen Selbst und der Sensibilität für eine wirklich freie Gesellschaft bereit zu stellen, werden lediglich als Einsatzgruppen betrachtet, die man schnell herbeirufen und wieder auflösen kann, um begrenzte, konkrete Aktionen durchzuführen. Kurz gesagt, befaßt sich der „Managerradikalismus" in erster Linie mit Managen und nicht mit Radikalisieren. Und indem er zunehmend die Manipulation der ihm folgenden Massen kultiviert, zersetzt er alle wirklich libertären Ansätze der gegenwärtigen Epoche, oft auf Kosten der Geschichte, die ein abstoßender Karrierismus innerhalb seiner selbsternannten Elite und der Zynismus in den Kreisen seiner naiven Anhänger einbringt.

Herrschen, ohne dass es jemand merkt: Instrumentalisierung

Instrumentelle Herrschaft bedeutet, dass keine direkte Befehlsgewalt (Hierarchie) vorliegt, sondern eine Elite im Namen derer spricht, die sie intrumentalisiert. Eine "Basis" ist nötig als bunter Background, damit die "SprecherInnen" als wichtig erscheinen. Die BasisakteurInnen haben aber keinen oder kaum Einfluss auf das, was die Eliten als Meinung "aller" behaupten.
Diese instrumentelle Herrschaft übt z.B. Attac nach innen aus, d.h. die Basis wird vereinnahmt. Ebenso tritt Attac als Sprachrohr noch breiterer Teile von Bewegung auf - z.B. bei Bündnissen, Demonstrationen, gemeinsamen Aktionen. In den Medien wird Attac für die gesamte globalisierungskritische Bewegung genannt, ab Ende 2002 auch zum Thema Krieg sowie phasenweise zu ökologischen und sozialen Fragestellungen (siehe die Instrumentalisierung durch und den Filz um Attac).

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 35)
Wir können weder eine soziale Bewegung noch eine kritische Theorie so "programmieren", daß sie nicht in der Lage wäre, in eine Form des Alienismus überzugehen beziehungsweise von besonders schlauen und aufgeklärten Aliens für ihre Zwecke genutzt zu werden; und wir können diese Übergänge nicht rechtzeitig erkennen und verhindern, solange wir nicht gelernt haben, die richtigen Fragen zu stellen und andere Kriterien zu entwickeln.

Was ist instrumentelle Herrschaft? Das Beispiel Attac ...

Vorweg: Nach den Protesten von Göteburg (EU-Gipfel) und Genua (G8) kurz nach der Jahrtausendwende wurde die regierungsnahe und prostaatliche Gruppe Attac von Medien und Regierungsparteien systematisch zum Ansprechpartner für alle KritikerInnen und zum "Dachorganisation der Globalisierungskritiker" (FR, 5.9.2001) stilisiert, um damit radikalere Forderungen zu verdrängen. Attac war zu dem Zeitpunkt, als es zum Dach aller konstruiert wurde, nur eine kleine Gruppe. Die Forderungen von Attac finden sich teilweise bereits bei Weltbank oder SPD - sind also leicht zu erfüllen ... ganz im Gegensatz zu antikapitalistischen Positionen.

Im Original: Attac - oben und unten ganz neu ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einen Kritiktext an Attac (Autor: Jörg Bergstedt, Quelle: Faltblatt "Mythos Attac" aus 2006)
Instrumentelle Herrschaft übt keine direkte Befehlsgewalt aus. Es bedarf gar keines Kontaktes zur Basis außer dem Wissen, dass es sie gibt. Die Attac-Basisgruppen sind unabhängig von den zentralen Gremien. Das macht ihre Aktionen und Positionen bunter als in anderen Verbänden. Manche Basisgruppen sind linkspopulistisch, viele marxistisch geprägt, andere von Parteien wie der PDS, der SPD oder Grünen dominiert. Einige haben pazifistische Schwerpunkte, andere argumentieren bürgerlich-demokratisch, manche gehören rechten Strömungen an. Das ist möglich, weil für die Medienpolitik und das öffentliche Auftreten von Attac die Positionen der Basis nicht wichtig sind. Die zentralen Attac-Forderungen sind nie breit diskutiert, geschweige denn abgestimmt worden. Das politische Programm stammt aus der Retorte, wurde in der Gründungsphase von den wenigen Personen des Koordinierungskreises und den am Aufbau von Attac beteiligten Medien geformt und ist seitdem nur um einige aktuelle Aspekte ergänzt worden. Die Handlungsmacht dazu haben Medienstars wie Sven Giegold oder Peter Wahl - international vor allem Susan George und Ignacio Ramonet. Keine Basis kann sie kontrollieren oder gar auf eine Verbandslinie einzuschwören. Ihr Wort ist die Meinung von Attac, denn was von Attac nach außen und zur eigenen Basis durchdringt, steht in Zeitungen wie taz, FR, Spiegel oder Junge Welt. Mit der Anti-Kriegs-Kampagne "Resist" wiederholten die StrategInnen von Attac dieses Meisterstück. Sie schufen in kleinen Runden Profil und Positionen, bevor dann über den Medienhype die Basis zum bereits bestehenden Projekt entstand und wenige Personen über die "Marke" Resist immer wieder als Sprachrohr der Friedensbewegung agieren konnten.

"Oben" und "unten" neu ausgerichtet
Die bisher üblichen Hierarchien setzen den Kontakt zwischen "Oben" und "Unten" voraus. Es gibt formalisierte oder informelle, d.h. eingespielte Regeln, wie sich Interessen durchsetzen - auch gegen den Willen anderer. Es gibt Unterschiede darin, wer was "zu sagen" hat, wer welchen Zugang zu Wissen, materiellen und finanziellen Ressourcen hat usw. Es gibt aber ebenso Regeln, wie sich Positionen von unten nach oben durchsetzen lassen, z.B. über Anträge auf Mitgliederversammlungen.
Instrumentelle Herrschaft kommt ohne den direkten Kontakt aus. Allein die Existenz einer Basis reicht. Instrumentalisierung bedeutet, die Existenz und die Tätigkeit der "Beherrschten" für sich zu nutzen, sie abzuschöpfen und nach eigenen Interessen umzulenken. Die Führungsgremien von Attac benutzen die breite Basis, die steigenden Mitgliedszahlen, den Flair des offenen und umfassenden Bündnisses für ihre Interessen. Sie reden im Namen von Attac, sie machen Politik als Attac. Eine Handvoll Personen "ist" Attac. Denn Attac ist das Produkt der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Für die politische Wirkung sind die Basisgruppen, ihre Aktionen und Positionen völlig unbedeutend. Selbst in den regionalen Tageszeitungen sind die Inhalte und Aussagen der Attac-Bundesführung öfter zu finden als die Aktivitäten der örtlichen Gruppe.
Weil die Basisgruppen von ihrer Führung nicht direkt in bestimmte Richtungen gedrängt werden, nehmen sie die Beherrschung im Verband kaum wahr. So erklärt sich, warum Kritik an der Struktur kaum benannt und Kritik von außen auch von den Basis-AktivistInnen oft zugewiesen wird. Was aus des Bundesbüro kam, war nett, bunt und offen. Es gab Empfehlungen, was mensch tun konnte. Manches war mitreißend formuliert, so dass schon deshalb viele mitmachten. Der Zwangscharakter entstand nicht über eine direkte Aufforderung zum Mitmachen, sondern die Attac-Führung steuerte die politische Außenvermittlung und die Akzeptanz von Kampagnen über die Medien. Attac-Mitglieder und -Aktive erfuhren wie andere Menschen auch aus den Medien, was als neues Thema angesagt war und welche Aktionen laufen sollten. Das hatte Zugkraft, wurde aber nicht als Dominanz wahrgenommen. Die Attac-Führung sprach im Namen der bunten Basis, ohne sie zu konsultieren. Die Positionen und Kampagnen entstanden in kleinen Runden. Sie wurden dann professionell aufbereitet und präsentiert.
Mit einer solchen Politik "instrumentalisiert" die Attac-Führung seine Mitglieder, AktivistInnen und Basisgruppen. Das Ganze wurde zudem als "Organisierung neuen Typs" mythologisiert. Wo gar keine Basisbeteiligung stattgefunden hat, suggerieren die Worte der Führungsgruppe die Breite der Entscheidungen. Vermeldet wurden sogar Ausgrenzungen über die Medien - wie vom Spiegel im Bericht zum Attac-Kongreß 2001: "Unvermeidlich waren von den Autonomen bis zu den Trotzkisten alle alt-linken Gruppen und Grüppchen vertreten, zumeist mit lautstarken Rednern. Gegen deren Forderung nach Radikalisierung setzten Giegold und seine Mitstreiter ihr Konzept der ‚wirklich innovativen' Netzwerk-Organisation: Außer Neo-Nazis und Gewalttätern solle jedermann mitarbeiten dürfen. Unter dem Rubrum attac könnten gleichwohl nur jene ‚Kernforderungen' firmieren, die ‚in jahrelanger Arbeit international unter hunderten von Initiativen' abgestimmt seien". Dass Attac Deutschland zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate existierte und seine Forderungen aus der Retorte seiner Eliten stammten, fällt bei solchen Worten nicht mehr auf.

Vorläufer instrumenteller Herrschaft: Castor, Demos & Co.
Die Vereinnahmungstaktik von Attac ist nicht neu, aber erstmals in einem großen NGO und dauerhaft so umgesetzt. Beim Widerstand gegen den Castor hat kein Verband und kein Führungsgremium die Chance, die Vielzahl bunter Aktionen zu kontrollieren. Befehle oder Beschlüsse, wer was tun solle, erfolgen nicht oder nur innerhalb der Gruppen und Verbände. Dennoch waren es immer nur wenige Personen, die gegenüber den Medien in Interviews und Pressemitteilungen die politischen Ziele der Aktionen vermittelten - ohne selbst dabei zu sein. Diese instrumentelle Herrschaft, Aktionen anderer ohne deren Einverständnis zur Präsentation eigener Positionen zu nutzen, wurde verstärkt dadurch, dass die meisten AktivistInnen ihre Handlungen kaum oder gar nicht nach außen vermitteln wollten oder konnten. Die Pressesprecher redeten dagegen im "Wir"-Stil und ständig für die Anti-Atom-Bewegung.
Bei großen Demos, Camps oder Aktionstagen ergibt sich ein ähnliches Bild. Hier treten RednerInnen oder PressesprecherInnen im Namen aller auf, sprechen von "wir" bei der Beschreibung von Aktionen und Zielen. Vielfach nutzen sie diese instrumentelle Herrschaft auch zur Steuerung von Aktionsformen, in dem sie nicht mehr im direkten Verhältnis (Entscheidungsverfahren, Versammlungen, direkte Anweisungen), sondern über die Presse bis hin zu den Kooperationsgesprächen mit Unterstützergruppen oder gar der Polizei formulieren, was alles dazugehört bzw. erwünscht ist und was nicht.

Instrumentelle Herrschaft am Beispiel Attac
Attac hat keine ausgeprägte Hierarchie. Die Verbindungen von zentralen Gremien und den Basis- und Arbeitsgruppen sind locker. Dadurch entsteht eine hohe Vielfalt unterschiedlicher Aktionsformen, Strukturen und Inhalte vor Ort. Das Spektrum reicht von anarchisch geprägten Gruppen über die mehrheitliche Orientierung auf reformistische Korrekturen des Bestehenden in einer neokeynesianisch bis traditionell-sozialdemokratischen Weise bis hin zu rechten, z.B. nationalistischen oder freiwirtschaftlichen Strömungen. Der modernen Strategie instrumenteller Herrschaft kommt diese Vielfalt entgegen, denn sie suggeriert eine große Breite und hohe Verankerung in verschiedenen politischen Gruppen. Attac wirkt wie der Dachverband aller Bewegungen und wird medial inzwischen zu fast allen Themen als Sprachrohr von Bewegung inszeniert. Die hohe Unterschiedlichkeit der Basis ist für die Vereinnahmung durch die zentralen Gremien und Sprecher gegenüber der Presse günstig, intern dagegen gleichgültig. Da zwischen Basis und zentralen Gremien wenig Verbindungspunkte bestehen, kann denen, die für das gesamte Attac nach außen auftreten, schlicht egal sein, wer an der Basis was denkt und tut. Die, die Attac vertreten, sagen das, was sie für richtig halten. Meist gibt es für die Positionen von Attac keine Abstimmungsprozesse im Verband. Was Attac ist, denkt, tut und fordert, bestimmen Sven Giegold, Peter Wahl und wenige andere mit ihren Interviews, Presseerklärungen und Reden. Attac ist ein mediales Konstrukt plus angeschlossener Basis. Die Attac-Sprecher reden im Namen aller, ohne dass diese überhaupt dazu befragt werden. Sie werden instrumentalisiert - als Personen, ihre Aktionen und die Bilder, die sie liefern.
Dieses Prinzip dehnt Attac auf die konkreten Kampagnen, auf Bündnisse und Aktionen aus. Immer wieder tritt das Phänomen neu auf: Viele Menschen engagieren sich auf ihre Weise, aber nur wenige verkünden über die Medien, warum das geschieht und welche politischen Forderungen damit erhoben werden.
Beispiele:
  • Intern: Der Koordinierungskreis bzw. einige prominente Ko-Kreis-Mitglieder vertreten nach außen, was Attac ist und fordert. Die Mitglieder und aktiven Gruppen erfahren aus der Zeitung davon. Es wird aber immer als "Attac" oder "wir" gesprochen, d.h. alle Mitglieder und Aktiven werden vereinnahmt. Die Forderung nach einer "anderen Welt" wird mit Tobin Tax und Schuldenerlass gefüllt. Sven Giegold forderte einen Kapitalismus wie in Skandinavien oder bekannte sich z.B. am 1. Mai 2004 als Hauptredner beim DGB in Fulda zur freien Marktwirtschaft. Aufgrund seiner Medienmacht wurde das, was er sagt, als Meinung von Attac wahrgenommen.
  • Proteste in Seattle und Genua: Die Aktionen in den Städten waren breit getragen, widerständig und mit unterschiedlichen Forderungen versehen. Die Tobin Tax kam dort gar nicht oder selten vor. Erst einige Jahre nach Seattle und nach den Protesten von Genua wurden sie von Attac und den Attac-nahen Medien als Demonstrationen für eine Tobin-Tax "verkauft" und damit die vielen Gruppen für die politischen Forderungen von Attac vereinnahmt.
  • Sozialforen: In der Charta des Weltsozialforums, die auch vom Europäischen Sozialforum und den meisten regionalen Sozialforen anerkannt wird, ist eindeutig festgelegt, dass die Sozialforen offene und horizontal organisierte Räume sind. Niemand darf für sie sprechen, es werden keine gemeinsamen Beschlüsse gefasst. Attac und einigen weiteren organisierten Verbänden ist diese Charta gleichgültig. Nach jedem Sozialforum präsentieren sie Beschlüsse und Kampagnen, die angeblich dort gefasst worden sein sollen. Auf dem Weltsozialforum werden Pressekonferenzen mit Bodyguards gegen Basisgruppen abgeschirmt, damit Attac & Co. - oft zusammen mit Regierungsvertretern - gegenüber der Öffentlichkeit verkünden können, welche Ziele das Sozialforum hat.

Kontrolle der Außenvertretung

Es gibt unzählige Veröffentlichungen, Podiumsgespräche usw., bei denen Leute über Strategien politischer Bewegung debattieren. Und auch hier: Immer die gleichen Kreise mit ihren StellvertreterInnen. Selbstorganisierte fehlen, aber manchmal schwingen sich Eliten auf, die behaupten, in ihrem Namen zu reden ...



Daniel Mittler kommt aus dem BUND, Jochen Stay und Felix Kolb sind Bewegungsstiftung, Heike Walk in nahestehenden Projekten zur Bürgergesellschaft. Zusammengefasst also: Hier diskutiert eine bestimmte Clique mit sich selbst - aber über die Strategien und mit dem Anschein der gesamten Bewegung. Quelle: Programm für den Attac/BUND/Grünen/usw.-Kongress McPlanet 2009

Das kleine Beispiel steht für viele, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würde. Einige kleine Fallbeispiele der vergangenen Jahre mögen die Logiken der Herrschaftsausübung durch Vereinnahmung und Stellvertretung beleuchten.

Klima-/Antira-Camp 2008 in Hamburg

Das Antira-/Klimacamp im August 2008 in Hamburg gehörte zu den Nachfolgeereignissen des als Erfolg stilisierten G8-Protestes von Rostock. Das stimmte insofern, als wieder Funktionseliten dominierten und für das Camp alle wichtigen Entscheidungen vorher trafen. Die TeilnehmerInnen des Camps waren die Massen, die vorgedachte Aktionen ausführen und ausfüllen sollten. Dabei war nicht eine Gruppe am Werk, sondern mehrere Teile elitärer Strukturen machten ihr Ding - immer schön nach dem Elitenmotto "Eine Hand wäscht die andere" in Abstimmung mit anderen, die an einem anderen Tag dann ihr Ding machten. Jeder Eliteteil bekam seinen Aktionstag. Über dem Ganzen thronten die besonders wichtigen Eliten, die dem Camp ungefragt Themen, Motto und Presseaussagen aufdrückten. Unprivilegierte durften das Pressezelt gar nicht betreten, wo einsame Macher ihre Kreise zogen und den Medien erzählten, wofür auch die Teile des Camps da waren, mit denen sie sich vorher gut gestritten hatten. Auf dem Camp gab es kaum Streit. Die Hierarchien wirkten sich nicht sichtbar nach innen aus. Die Eliten handelten einfach und an den Tafeln stand wie selbstverständlich ein Programm, an dem teilgenommen werden durfte. Eigene Ideen und Spontanität - Fehlanzeige. Als dann eine der Elitenpersonen vor Gericht stand, inszenierte ihn sein Umfeld erfolgreich als Chef: "Hier sollte um jeden Preis der Sprecher des Klimacamps verurteilt werden, das Land will die Anti-Kohle-Bewegung einschüchtern" (aus einem Text bei Indymedia, 11.2.2009, als AutorInnen genannt wurde X-tausendmal quer HH - also: Eine Elitehand wäscht die andere).


Die Pressekonferenz, in der der "Sprecher" Tadzio Müller (zweiter von links) von anderen VertreterInnen wichtiger Eliteteile präsentiert wurde. Unerwünschte Basiszusammenhänge wurden von der Konferenz ebenso gar nicht informiert wie diejenigen, die die Aktion durchführen, an deren Rand es zu der Festnahme kam. Durch solche Inszenierungen werden Stellvertretungsfunktionen geschaffen - nicht nur des Sprechers für das Gesamte, sondern die anderen Personen als SprecherInnen für Teilströmungen (z.B. G8-Landwirtschaftsnetzes, einer Minigruppe von Personen, die dadurch auffällt, dass sie sich als Netzwerk zu Themen wie Landwirtschaft, Gentechnik usw. in linksradikalen Kreisen inszeniert und damit alle anderen, die dort arbeiten, aus den Organisierungsvorgängen herausdrängen). Kritiktext zum Vorgeplänkel ...

Flughafen Frankfurt: Waldbesetzung 2008/2009 und später

Kern des Protestes sind seit Jahren viele BürgerInneninitiativen. Sie haben formale Strukturen mit SprecherInnen oder sogar Vorständen. Doch 2009, als der Neubau einer Landebahn im Kelsterbacher Wald näher rückte, kletterten plötzlich bislang weniger aufgefallene AktivistInnen auf die Bäume, errichteten Hütten und versuchten, durch direkte Aktion Widerstand zu leisten. Das klappte nur begrenzt, was auch an fehlender Fähigkeit zu Selbst- und Aktionsorganisierung lag. Dennoch entstand ein Kristallisationspunkt außerhalb der im Laufe der Jahre immer biederer gewordenen BI-Szene, die sich als ziemlich verschlafen zeigte und erst aufwachte, als die Flugzeuge auf der neuen Bahn landeten - und zwar laut. So stand das Wald-Hüttendorf lange im Zentrum - und die modernen HierarchistInnen rüsselten nach der öffentlichen Aufmerksamkeit. Für die Graswurzelrevolution (GWR Nr. 3/2009, S. 1) war klar, dass "seit Mai 2008 gewaltfreie AktivistInnen einen Teil des Waldes besetzt" hatten. So wurde eingemeindet. Passte es andersherum besser, ging das auch locker von der Hand. Als das Auto eines Fraport-Managers Feuer fing, titelte die Frankfurter Rundschau (12.3.2003): "Gewaltsamer Protest" und sammelte Zitate wie nach einem Bombenangriff: "Das kann man sich gar nicht vorstellen" und "Ich bin dankbar, dass es keinen getroffen hat". Das Bild in der FR war so aufgenommen, dass es wirkte, als sei der Wagen von einer Bombe zerstört worden. Tatsächlich zerstörte der Brand aber nur eine vordere Ecke. Interessant die Stellungnahme des LKA dazu, die zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Beweise hatten, dass es überhaupt ein Brandanschlag war. Sichtbar versuchte die FR hier, ein noch gar nicht geklärtes Kleinstereignis zu einer Art Terror aufzuspielen und auch gleich denen eine Plattform zu bieten, die das billige Spiel der Spaltung mitmachten. Passend dazu platzierte sie daneben einen Artikel "Erinnerungen an die Schüsse", mit dem daran erinnert wurde, dass bei Auseinandersetzungen an der Startbahn West einst zwei Polizisten erschossen wurden..

Einige BIs, gefördert als Sprachrohre in bürgerlichen Medien
Aus einem Interview mit Winfried Heuser, von der FR als "Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiaven" (so treten etliche auf!) dargestellt, in: FR, 12.3.2008 (Hessen D3)
Wir arbeiten auf sachlicher, fachlicher Ebene mit Argumenten. ... Radikal ist bei uns niemand. Die Leute sind alle friedlich. Manche mögen im Aussehen nicht immer den bürgerlichen Idealen entsprechen, aber von der Gesinnung her sind sie die treuesten Staatsbürger. Gewalt oder gar Terrorismus sind keine Lösung für gesellschaftspolitische Konflikte. Wir setzen auf Vernunft und gute Argumente.
Sascha Friebe, der vielfach selbst bei der Waldbesetzung mitmischte und nicht nur als Sprecher von Bürgerinitiativen vom Rand aus wichtig sein wollte. Er sagte in der Jungen Welt vom 13.3.2009 (S. 8)
Aber es gibt natürlich unterschiedliche Gruppierungen. Auch solche, die jetzt lieber eine härtere Gangart einschlagen würden. Es wäre wenig überraschend, wenn die Wut nun zum Ausbruch kommt. Fraport hat den Ausbau mit Mitteln durchgesetzt, die einer Gewaltausübung gleichkommen. Mit Macht hat man versucht, die Presse fernzuhalten, um Berichterstattung über die Räumung des Widerstandscamps zu verhindern. Journalisten wurden mit Kameras überwacht. Nach der öffentlichen Kritik dieser Methoden entschuldigte sich der Flughafenkonzern zwar – machte aber munter weiter. Man hängte nur Schilder auf mit der Aufschrift »Kamera überwacht«. Die Natur, die Medien und wir, die Waldbesetzer, wurden vergewaltigt. Diese Uneinsichtigkeit provoziert. Doch unabhängig davon, wie man zu militanten Aktionen steht, finde ich es nicht gut, die Verantwortlichen für den Flughafenausbau in ihrem privaten Umfeld anzugreifen.

Ohnehin war bei den BIs alles wohlsortiert. Damit keine unerwünschten Menschen zu ihren Versammlungen kamen, wurden Namenslisten, Anmeldezwang und Eingangskontrollen eingeführt: "Die Teilnehmer sind namentlich gemeldet und werden am Eingang kontrolliert. Zu diesen strengen Maßnahmen sind wir leider gezwungen. Das hat einen wichtigen Grund. Ausnahmen wird es keine geben", gab die informelle Chefetage der BIs bekannt.

Aus einem Mailwechsel zwischen einer interessierten Person, die beim Wald-Hüttendorf aktiv war, und der BI-Koordination:
Daher wurde statt der großen Halle, ein kleinerer Saal angemietet. Jetzt läuft der Saal über und Ingrid hat mich gebeten die Anmeldungen aus Mainz zu reduzieren. Da fängt für mich natürlich das große Problem an. Wen soll ich bitten, sein Meldung zurück zu ziehen? Meinen Bemühungen weitere Arbeits- und Aktionsgruppen aufzubauen würde es schlecht anstehen, wenn ich jetzt die Sprecher der Arbeitsgruppen ausladen würde. Ich möchte Dich daher bitten, Deine Teilnahme zurück zu ziehen und hoffe, dass Du mir nicht böse bist.
Das war offenbar eine Lüge. Der Angeschriebene zog seine Teilnahme nicht zurück. Sondern schrieb:
Ich persönlich brauche nicht unbedingt einen Sitzplatz, sondern kann gerne an der Wand stehen oder mich zeitweise auf den Boden setzen. In dieser Hinsicht bin ich recht anspruchslos und durchaus pflegeleicht. Auch kann ich gern meine eigene Verpflegung selbst mitbringen.
Daraufhin wurde die Mail regider:
Die Teilnehmer sind namentlich gemeldet und werden am Eingang kontrolliert. Zu diesen strengen Maßnahmen sind wir leider gezwungen. Das hat einen wichtigen Grund. Ausnahmen wird es keine geben.

Stuttgart 21

2010 eskalierte ein Streit um große Umbaumaßnahmen in der baden-württembergischen Bahninfrastruktur. Auffälligster Umbau sollte der Abriss des bisherigen Kopfbahnhofs in Stuttgart mit Neubau eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs sein. Dagegen hatte es schon viele Jahre Protest gegeben - oft aber in der typischen Form der NGO-Arbeit. Auf der Straße sichtbar wurde er erst, als die Bagger rollen wollten. Dann eskalierte er schnell: Ramboallüren der führenden Politiker, Beratungsresistenz bei der Bahn-Führung und ein gewalttätiger Einsatz der wieder mal Profitinteressen durchsetzenden VollstreckerInnen in Uniform machten aus dem bis dahin provinziellem Thema einen bundesweiten Nachrichtenhit. Die damalige schwarz-gelbe Landesregierung geriet unter Druck, die Grünen schossen in den Wahlumfragen nach oben (aufs Wählen degradierte Massen vergessen schnell ...), Demonstrationen wurden Woche für Woche größer. CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus zauberte trotzdem eine Lösung aus dem Ärmel. Sehr schlau nutzte er - offenbar lernfähig nach anfänglicher Stümperei in der Protestbekämpfung - die Steuerungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Diskurse und moderne Integrationsmethoden von Protest: Heiner Geißler wurde als Schlichter eingesetzt. Er ist CDU-Mitglied, aber auch bei Attac. Die um Medienerwähnung buhlende NGO hatte Geißler auch immer wieder selbst in den Mittelpunkt der Wahrnehmung gerückt. Das nutzte Geißler nun geschickt aus. Es kam zu einem Runden Tisch. Dort saßen fast nur noch PolitikerInnen und FunktionärInnen (darunter auf beiden Seite je eine Frau), die live im Fernsehen übertragenen Schlichtungsgespräche boten den Flair von Duellen vor Wahlen. Der Protest auf der Straße ging fast auf Null zurück. Eine Einigung erreichte die Schlichtung nicht, aber den bundesweiten Applaus für eine ungewöhnliche Fernsehunterhaltung. Der als Moderator geschickt agierende Geißler erntete derart viel Lob, dass er zum Abschluss ganz allein ein Ergebnis präsentierte. Als "Schlichterspruch" getarnt warb er für den Bau des unterirdischen Bahnhofs - selbstverständlich ein bisschen grün angestrichen.
Nun geschah etwas Beeindruckendes: Ob Ministerpräsident, Bahnchef oder der Grünen-Bundesboss Özdemir - sie alle kündigen an, dem Schlichterspruch folgen zu wollen. Innerhalb weniger Wochen war aus dem völlig unbeteiligten Geißler der König der Stuttgart-21-Debatte geworden. Gereicht hat ihm ein mediales Schauspiel erster Güte, das ihm die Chance bot, als diskurssetzende Institution wichtiger zu werden als sämtliche sonstigen gesellschaftlichen Einflussgrößen. Eine beachtliche Leistung, die nur gelang, weil Geißler mit dem Label Attac und seiner beachtlichen Medienschläue als großer Integrator erschien.

Im Original: Zitate zu Stuttgart 21 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Geißlers Erfolg
Aus "Stuttgart, sonnig, warm", in: SZ, 2.12.2010 (S. 3)
Die Werte der CDU sackten ab. Ein halbes Jahr vor der Landtagswahl. Jetzt aber hat der Schlichter gesagt: weiterbauen. Das ist das, was für Mappus zählt. Weiterbauen. Heiner Geißler, den doch fast alle toll finden, dem fast alle vertrauen, er hat sich mit seiner ganzen moralischen Autorität für Stuttgart 21 ausgesprochen. Plötzlich müssen die anderen erklären, warum sie diesem Schlichter nicht folgen. Stefan Mappus dagegen steht jetzt endlich auf der richtigen Seite. Er ist jetzt der Friedfertige. Und er gibt sich dieser Rolle mit der ganzen Inbrunst hin, mit der er früher die andere Rolle gespielt hat ...
Heiner Geißler hat ihm den Weg geebnet. Ausdrücklich hat der Schlichter gesagt, die jetztige Landesregierung sei nicht schuld an der Bürgerbeteiligung. "Das hätte schon vor vier, fünf Jahren stattfinden sollen", hat Geißler gesagt. Es ist ein Freispuch erster Klasse für Mappus, zumal Geißler auch dessen Vorstoß lobt, eine bessere Vermittlung bei Großprojekten künftig per Gesetz zu regen. Mappus ist jetzt ein Guter. Draußen rufen Demonstranten schon wieder: "Mappus weg!". Aber die sind jetzt die Bösen, die Unbelehrbaren, die Kompromisslosen.


Möglichst viele integrieren und harmonisieren, gegen den Rest hetzen und spalten
Aus einem Interview mit Heiner Geißler nach der Schlichtung, in: SZ, 2.12.2010 (S. 2)
Ich habe den Konflikt humanisiert. Man kann Konflikte nicht einfach beseitigen, vor allem nicht, wenn sie so kontradiktorisch angelegt sind. Aber wir können die Austragung des Konfliktes harmonisieren und humanisieren. ...
Frage: Erwarten Sie, dass die Zeit des aufeinander Eindreschens nun vorbei ist?
Ja, zwischen den Schlichtungsteilnehmern und ihren Gruppen. Aber niemand kann die Verantwortung übernehmen für kleine Gruppierungen wie die "Aktiven Parkschützer", die an der Schlichtung nicht teilgenommen haben. Das vielleicht 15 Leute mit vielleicht noch einmal 50 Anhängern. Sie sind keine Massenbewegung, sie sind nicht die eigentlichen Träger des Alternativkonzepts. Die Träger sind vielmehr die Zehntausenden Bürger von Stuttgart, ganz normale Leute, die die Methoden der Parkschützer ablehnen.


BILD-Zeitung am 2.2.2010 (zitiert in: Junge Welt, 3.12.2010, S. 4)
Sie wollen wieder Demo, Krawall, Bäume besetzen. (...) Wer jetzt noch weitermacht, als habe es keinen Schlichterspruch gegeben, verletzt entweder die Regeln von Anstand und Rechtsstaatlichkeit oder er ist nur der nützliche Idiot für Leute, die einen anderen Staat wollen.

Aus Demirovic, Alex: "Es geht ums Ganze", in: ak 15.10.2010 (S. 29)
Unter der Regierungs Schröder gab es beides, einerseits die Einschränkung des Verbandsklagerechtes, das Verfahrensbeschleunigungsgesetz, die Verlagerung von Entscheidungen in Kommissionen und andere Formen von Governance - aus Angst, politische Entscheidungen könnten durch zu viel Mitsprache von unten "zerredet" werden. Andererseits wurde die Partizipationsbereitschaft der Zivilgesellschaft nicht nur gefordert, sondern auch gefördert, die Lichterketten, die NGOs, das Engagement und die Courage der BürgerInnen, die Zivilgesellschaft. ...
Es ist demokratisch-popularer Kampf gegen diejenigen, die seit Jahrzehnten in der Gestaltung der Verhältnisse immer so weiter machen, die Macht ausüben und gesellschaftlichen Reichtum aneignen, um an morgen Macht ausüben und Reichtum aneignen zu können. ...
ört zu den definierenden Merkmalen der Demokratie, dass der demokratische Souverän das Recht zur Revision seiner früheren Entscheidungen hat.

Aus Sternstein, Wolfgang: "Die gewaltfreie Revolte gegen 'Stuttgart 21'", in: GWR Dez. 2010 (S. 1 und 7)
Ungewöhnlich an diesem Protest ist die Mischung aus Zorn und Heiterkeit, Erbitterung und Volksfeststimmung. Sie äußert sich in einer Vielzahl von einfallsreichen, witzigen Transparenten, Plakaten, Luftballons und Verkleidungen. ...
Unter zivilem Ungehorsam in der Tradition von Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi und Martin Luther King versteht man die bewusste Übertretung von Gesetzen oder gesetzesähnlichen Vorschriften sowie die Gehorsamsverweigerung gegenüber polizeilichen Anweisungen mit dem Ziel, staatliches Unrecht oder staatliche Korruption zu beseitigen.
Ziviler Ungehorsam in diesem Sinne sollte "zivil", also offen, dialogbereit und gewaltfrei sein. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die für die Gesetzesübertretung oder die Gehorsamsverweigerung verhängte Sanktion klaglos hinzunehmen. ...
Wer zivilen Ungehorsam leistet, dem geht es um die Verbesserung der Demokratie, nicht um ihre Zerstörung. Durch ihre Bereitschaft, Nachteile und Strafen hinzunehmen, bekunden sie ihren Respekt vor dem Recht als solchem und appellieren an die Regierung und die Parlamente, die angefochtenen Entscheidungen noch einmal zu überdenken. ...
Selbst wenn Staat und Wirtschaft ein Projekt mit aller Macht durchsetzen wollen, werden sie am gewaltfreien Widerstand der betroffenen Bevölkerung scheitern, vorausgesetzt - und diese Bedingung ist entscheidend - sie ist bereit, den Preis zu bezahlen, den gewaltfreier Widerstand kostet.

Aus einem Kommentar von Heribert Prantl, in: Süddeutsche Zeitung, 1.12.2010 (S. 4)
Geißler sagt "Ja, wenn" zu Stuttgart 21. Dann lässt er eine Kette von (zum Teil unübersehbaren Bedingungen) folgen. Wenn es gutgeht, sorgen diese Bedingungen für einen wackeligen Frieden in Stuttgart. Wenn es wirklich gutgeht, dann wird es vor dem Bahnhof nicht wieder Bilder von gewalttätigen Polizeieinsätzen geben. Wenn es noch besser geht, wird aus dem umstrittenen Projekt Stuttgart 21 ein halbwegs akzeptiertes Projekt "Geißler 21". ... Geißler hat in einer vorbürgerkriegsähnlichen Situation aus Kriegern wieder Bürger, aus Feinden wieder Gegner gemacht ...
Die Steigerung, Stufe 1: Im Namen der gesamten Bewegung

Ein konkretes Projekt, einen Verband, ein Camp oder eine Aktion zu steuern und/oder zu vereinnahmen, erscheint noch recht einfach. Aber die ganze Bewegung? Tatsächlich aber ist das noch einfacher, vorausgesetzt, jemand hat privilegierte Zugänge zu Behörden, Medien oder anderen, vor denen er/sie als "die Bewegung" auftreten kann. Leichter ist das deshalb, weil es "die Bewegung" gar nicht gibt. Sie ist also nicht nur eine Vereinfachung und Hierarchisierung wie bei den selbsternannten oder gewählten SprecherInnen von Organisationen oder Kampagnen. Sondern sie ist komplett konstruiert. Damit verfügt sie aber auch über keine Möglichkeiten, sich den Übergriff der Vereinnahmung zu verbitten. So ging es jedes Jahr im November den vielen Castor-Aktionsgruppen. Sie ketteten sich vor den Zug, baumelten an Seilen zwischen Bäumen oder Brückenpfeilern oder kletterten direkt auf die strahlende Fracht. Doch im Scheinwerferlicht der Kameras und, noch beliebter, in den warmen Fernsehstudios vermittelten die immer gleichen Führungspersonen, warum die da draußen das machten. Da half es nicht einmal, wenn sich Aktionsgruppen dieser Vereinnahmung selbstbewusst entgegenzustemmen suchten. Die Eliten der Bewegung mit ihren besseren Zugängen zu den JournalistInnen trafen auf eine Erwartungshaltung von Medien, die genau passte: Schnelle O-Töne ohne anstrengendes Kraxeln bei Kälte im Gelände.

Das Spiel des Castors ist anderswo Alltag. RednerInnen auf Demos reden im "Wir"-Stil. Bündnisse reden nicht nur für sich, sondern für alle. "Das Transition Town Movement ist monentan der Überbegriff für alle Bewegungen", behauptet dreist ein ein Kölner Mitwirkender der kleinen, revolutionsromantischen Splittergruppe (Contraste, März 2012, S. 1). Ständig werden so Einheit und Gemeinwillen konstruieren, die - wie bei Volk und Regierung - aber erst dadurch entstehen, dass Privilegierte sie verkünden.

Die Steigerung, Stufe 2: Im Namen der Menschheit

Das lässt sich noch weiter toppen: Reden nicht nur für "die" Bewegung, sondern für die ganze Welt. Occupy agiert mit dem Spruch "Wir sind 99%" - eine bemerkenswerte Anmaßung, unverständlich gerade aus kritischen Kreisen, die den Anspruch, für "die Welt" zu handeln, eigentlich energisch zurückweisen müssten statt sich selbst in diese Rolle zu versetzen. Ins Absurde gerät der Spruch vollends angesichts der überwiegend stark auf sich und die kleinen Zeltdörfer bezogenen Aktivitäten.
Neu ist die Idee aber nicht, einfach eine Menschheit herbeizureden, sie zur Einheit zu konstruieren und ihr Eigenschaften bzw. Meinungen anzudichten - um sie als vermeintliches Sprachrohr dann zu verkünden. Auffällig ist die Ähnlichkeit zu Propheten, die sich erst ihren Gott erschaffen, um dann - mit seiner Autorität aufgeladen - in seinen Namen die eigene Meinung zu verpacken.

Im Original: Weitere Beispiele ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Im Namen aller Menschen ...
Aus dem Konzept für einen Weltzukunftsrat (Quelle: www.weltzukunftsrat.de) ... mehr hier!
Unsere Welt braucht eine starke Stimme, die für unsere Werte als Weltbürger und für die Interessen des Planeten spricht.
Der Welt-Zukunftsrat wird als Stimme der globalen Vernunft, die sich für gemeinsame menschliche Werte und Traditionen einsetzt ... Unser Ziel ist ein globaler Rat der Weisen, der Pioniere und Vorreiter auf verschiedenen Gebieten sowie engagierter junger Menschen, die für unsere gemeinsamen Werte als Bürger dieser Erde und für die Rechte zukünftiger Generationen sprechen. ... Die Mitglieder der ersten Jahre sollen nach einem breiten Konsultationsprozess ausgesucht werden, mit Hilfe der schon an dieser Initiative beteiligten Organisationen wie EarthAction, Friends of the Earth, B.A.U.M. usw.. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es sicher möglich sein, Mitglieder des Rates direkt zu wählen.
Die Legitimität des Rates wird sich aus der Qualität seiner Vorschläge und seiner Zusammenarbeit mit demokratisch gewählten Parlamentsmitgliedern ergeben, deren Unterstützung für die Umsetzung erforderlich sein wird.
Der Rat wird eine Exekutive wählen, die sich mit Notfallsituationen befasst.


Aus Ignacio Ramonet (Attac-Initiator und Ehrenpräsident, Chefredakteur der le monde diplomatique), 2002: "Kriege des 21. Jahrhunderts". Rotpunktverlag, Zürich
... Weltsozialforum im brasilianlischen Porto Alegre. Dort sind fünf von den sechs Milliarden Menschen vertreten, die auf dieser Welt leben. Das Forum von Porto Alegre vertritt die Menschheit. Was sich dort jedes Jahr Ende Januar versammelt, ist zum ersten Mal in der Geschichte - die Menschheit.

Reden im Namen aller
Aus der Schrift "Die Stimmrechtsreform bei Weltbank ..." des eed (Evang. Entwicklungsdienst) ... siehe Scan rechts

Neu ist eine Art Wohlfühltheorie hinter der modernen Steuerung, die Schwarmintelligenz. Der Begriff "neu" bezieht sich hier auf das Jahr 2011, in dem die Idee der Schwarmintelligenz von politischen Bewegungen als positive Idee aufgenommen wurde. Besonders prägnant vollzog sich das innerhalb der Occupy-Bewegung, die ihre Orientierungslosigkeit und fehlende Selbstorganisierung so verschleierte. In den Monaten und Jahren vorher waren verschiedene Bücher und Aufsätze zum Verhalten von Schwärmen (Bienen, Fische usw.) erschienen. Die Übertragung auf Menschen reduziert diese auf Rädchen im System und ist zudem ein klassischer Biologismus, d.h. die Ableitung sozialer Organisierung aus instinktiv gesteuerten Überlebensstrategien in der Natur. Dabei wurde gar nicht verheimlich, dass Schwärme die Steuerbarkeit erhöhen - vor allem dann, wenn die Menschen die "angelernte Neigung" haben, sich nicht selbst zu organisieren, sondern nach Orientierung zu suchen.

Im Original: Steuerung im Schwarm ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt
Die Erdbevölkerung besteht aus Milliarden von Menschen, und die Kräfte der gegenseitigen Anziehung und Abstoßung lassen auch unter uns Strukturen entstehen. Unsere Gesellschaften sind allerdings nicht annähernd so regelmäßig wie das Atomgitter eines Kristalls. Komplexitätsforscher verwenden ein poetisches, wenngleich etwas irreführendes Bild: Die menschliche Gesellschaft befindet sich am Rande des Chaos.
Das ist leicht misszuverstehen, denn das klingt so, als könnte unsere Gesellschaft jeden Moment in der Anarchie versinken. Damit ist jedoch lediglich gemeint, dass der Grad ihrer Organisation irgendwo zwischen völliger Ordnung und völligem Chaos liegt. ... (S. 16f.)
Computermodelle zeigen, dass die Führungsrolle dieser informierten Bienen einfach eine Folge ihres Informationsvorsprungs ist. Mit anderen Worten braucht es nur einige wenige anonyme Anführer mit einem klaren Ziel vor Augen und einer klaren Vorstellung davon, wie dieses zu erreichen ist, um den Rest des Schwarms in eine bestimmte Richtung zu lenken - und zwar ohne dass dieser es bemerkt. Einzige Voraussetzung ist, dass die anderen das bewusste oder unbewusste Bedürfnis haben, bei der Gruppe zu bleiben, und dass sie keine eigenen Ziele verfolgen. ... (S. 45)
Das eben geschilderte Experiment zeigt jedoch, dass es auch andere Möglichkeiten gibt: Wir können eine Gruppe schon allein dadurch führen, dass wir ein Ziel haben, vorausgesetzt natürlich, die anderen verfolgen kein eigenes. ... (S. 46)
Aber im Ernst - die Anwesenheit einiger weniger informierter Individuen in einem Schwarm hat erheblichen Einfluss auf dessen Leistung. Ohne sie reagiert die Gruppe nur auf die Umwelt, genau wie ein Fischschwarm, der einem Hai ausweicht, oder Heuschrecken, die mit dem Wind fliegen. Ohne das Wissen und die Ziele einiger Individuen hält die Schwarmintelligenz eine Gruppe zwar zusammen und ermöglicht ihr, auf die äußeren Umstände zu reagieren, doch es ist dem Schwarm beinahe unmöglich, Eigeninitiative zu entwickeln. ... (S. 47)
Die Vorstellung vom unsichtbaren Anführer, der aus der Gruppe heraus wirkt, ist so alt wie die Menschheit. Ein chinesisches Sprichwort, das Lao-Tse, dem Gründer des Taoismus, zugeschrieben wird, besagt: »Ein Führer ist dann am besten, wenn ihn die Menschen kaum bemerken. Wenn die Arbeit getan und sein Ziel erreicht ist, dann sagen sie, 'Wir haben es selbst vollbracht'.«
Neu jedoch ist der theoretische und praktische Beweis, dass ein Anführer (oder eine Gruppe von Anführern) eine Gruppe unerkannt und von innen heraus auf ein Ziel zuführen kann. Daraus lässt sich eine Regel ableiten, die wir nutzen können, wenn wir eine Gruppe in unserem Sinne beeinflussen wollen: Führen Sie von innen heraus (am besten mit einer Gruppe gleichgesinnter Kollegen oder Freunde), aber achten Sie darauf, dass es die anderen Gruppenmitglieder nicht bemerken. Gehen Sie einfach in die Richtung, in die Sie gehen wollen, und überlassen Sie den Rest den Gesetzen des Schwarms.
Das funktioniert in Gruppen, deren Angehörige eine angeborene oder angelernte Neigung haben, sich anderen in ihrer Umgebung anzuschließen. Es reicht schon aus, wenn einige nicht nachahmen, sondern die Führung übernehmen, und schon bald folgt ihnen die gesamte Gruppe. jede Abweichung wird rasch durch negative Rückkopplung korrigiert, und die Abweichler werden durch sozialen oder physischen Druck dazu gebracht, sich dem Rest anzuschließen. je größer die Abweichung, umso stärker der Druck. ...
Polizeibeamte haben uns berichtet, dass es ausreicht, bei Demonstrationen und Straßenschlachten eine kleine Gruppe von Randalierern festzunehmen, um die ganze Menge zu kontrollieren. (S. 48 f.)

Aus "Schlauer im Schwarm", in: Spiegel 22/2008 (S. 151)
In einem zweiten Schritt testeten die Forscher, wie die Gruppe reagiert, wenn einzelne Mitglieder sie in eine bestimmte Richtung lenken sollen. "Die Bewegungen stimmten größtenteils mit dem Modell des Fischschwarms überein", sagt Couzin ...

Kritik in einem Interview mit dem Piratenfunktionär Martin Delius (Berlin) in: FR, 16.7.2012
... auch wenn ich nichts von dem Ausdruck Schwarmintelligenz halte. Politische Veränderungen werden von Einzelnen und kleinen Gruppierungen angestoßen, nicht von einer diffusen Masse aller.

Rechts: Positiver Bezug auf den Schwarm als soziale Formation in der aus fundamentalistisch-christlichen und verschwörungstheorien-besessenen Kreisen gemachten Zeitung "Stimme&Gegenstimme" Nr. 7/2014

Aus Eduard von Wyl (2012): "Von den Quarks ins dritte Jahrtausend", R.G.Fischer in Frankfurt (S. 647f.)
Der theoretische Physiker Giorgie Parisi von der Universität von Rom hat den Flug der Stare erstmals mit einem quantitativen Ansatz der statistischen Physik erforscht. Es wurden 3 synchronisierte Fotoapparate eingesetzt. Die Resultate bestätigen, dass es innerhalb des Schwarms keinen Führer, ja überhaupt keine Hierarchie gibt. Für ihn ist das Schwarmverhalten wie das Verhalten einer Flüssigkeit. Ein Star im Schwarm ist wie ein Molekühl in einer Flüssigkeit, er ändert dauernd seine Position. Es bestätigte sich auch, dass das Verhalten eines Stars sich nach dem Verhalten seiner 6-7 Nachbarn richtet. ...
Forscher des MIT haben die Bildung von Hering-Bänken mittels eines Sonar-Systems analysiert. ... Die Fische schwimmen in die gleiche Richtung und mit der gleichen Geschwindigkeit, so wie ein sehr kleiner Prozentsatz von "Führern" es vormacht. ...
Das zu tun, was der Nachbar tut (Allelomimetismus), findet man überall in der Natur oder in menschlichen Gemeinschaften. Etwa die Händler an der Börse machen meist das das, was die Nachbarn tun. ...
4 Miniroboter wurden zu 12 Küchenschaben gegeben. Der Durchmesser der Arena betrug 1m. Im Innern gab es ein dunkles und ein helles Versteck. Den Minirobotern gelang es, die 12 Kakerlaken zum hellen Versteck zu führen. Die Küchenschaben unter sich wählen stets das dunkle Versteck. Die Miniroboter haben somit eine kollektive Entscheidung bestimmt.

Aus Michael Brückner, "Die Akte Wikipedia" (S. 24 f.)
Schwarmintelligenz - gemeinsam klüger oder dümmer?
Viele Köche verderben den Brei, heißt es im Volksmund. Doch das scheint in Zeiten von Wikipedia und den sogenannten Social Networks eine längst überholte Einstellung von unbekehrbaren Spießern zu sein. Und es klingt tatsächlich durchaus logisch: Weisheit ist die Summe von Wissen. Je mehr Menschen ihr Wissen teilen, desto größer die Weisheit. Sollte man zumindest meinen. Wie kann es dann aber nach wie vor zu spektakulären Fehleinschätzungen kommen, zum Beispiel zu Börsencrashs und Finanz-krisen? Versagt hier die Schwarmintelligenz? Salopp ausgedrückt: Die viel gepriesene Schwarmintelligenz folgt oft dem gleichen Verhaltensmuster wie der Herdentrieb.
An der ETH Zürich wurde dieses Phänomen vor einigen Jahren wissenschaftlich untersucht. Einer Reihe von Studenten wurden Schätzfragen gestellt. Sie sollten zum Beispiel beantworten, wie lang die Grenze der Schweiz zu Italien ist und wie viele Mordfälle es bei den Eidgenossen im Jahr 2006 gegeben habe. Einem Teil der Gruppe wurde anschließend der Durchschnittswert der Schätzungen ihrer Kommilitonen präsentiert. Ein weiterer Teil der Probanden erhielt die Schätzwerte der anderen Teilnehmer vorgelegt. Und dann kam es zu einem bemerkenswerten Effekt: Die Schätzungen näherten sich immer weiter an, es bildete sich sozusagen ein Mainstream heraus. Die Ext-remwerte verschwanden zwar, allerdings kam der Mainstream dem tatsächlichen Wert nicht näher. Menschen neigen also offenbar dazu, sich bei ihrer Urteilsbildung an anderen zu orientieren. Sind viele Menschen einer bestimmten Meinung, kann diese vermutlich nicht falsch sein so die gängige Einschätzung. Die Zürcher Forscher haben die Ergebnisse ihrer Untersuchung im Wissenschaftsblatt Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Dirk Helbing von der ETH Zürich bringt das Ergebnis dieser Untersuchung auf den Punkt: »Wenn alle anderen das Gleiche machen wie man selbst, glaubt man, auf dem richtigen Dampfer zu sein.«"
Dass der Mainstream nicht unbedingt Ausdruck großer Weisheit sein muss, stellt an sich keine Überraschung dar. je mehr der Mensch weiß, was andere denken, desto be-reitwilliger passt er sich offenkundig an. Das (vermeintliche) Wissen der Masse verringert zwar die Diversität der Antworten, nicht jedoch die kollektiven Fehler. Insofern können interessierte Kreise den Mainstream gezielt manipulieren. Das Individuum ist nicht mehr selbst ein kritischer Denker, es passt sich der Mehrheitsmeinung allzu gern an in der Überzeugung, damit nichts falsch machen und auch nicht anecken zu können.


Aus Lia Polotzek, "Schwarmintelligenz", in: agora42 2/2016 (S. 11)
Schwarmintelligenz (auch kollektive Intelligenz) bezeichnet das Phänomen, dass selbstorganisierte Gruppen im Zusammenspiel eine höhere Problemlösungskompetenz aufweisen als die fähigsten Individuen unter ihnen für sich genommen. ... Schwarmintelligenz funktoniere allerdings nur, wenn drei Bedingungen erfüllt wären: Diversität, Unabhängigkeit und Dezentralisierung.

Aus "Schwarmintelligenz: Gemeinsam sind wir dümmer", in: Spiegel Online, 17.5.2011
Ein Forscherteam von der ETH Zürich hat nun in einem Experiment gezeigt, wie schnell Schwarmintelligenz in Schwarmdummheit umschlagen kann. Sobald Menschen nämlich erfahren, dass andere über ein Problem anders denken als sie selbst, ändern sie ihre eigene Meinung - zumindest ein bisschen.

Aus "Der Etikettenschwindel mit der Schwarmintelligenz", in: Harvard Business Manager, 18.8.2014
Laut Verhaltensbiologe Professor Jens Krause bedarf es hierzu Individuen, die unabhängig voneinander Informationen sammeln und diese in sozialen Interaktionen verarbeiten und zusammenführen, was dann in der Lösung eines kognitiven Problems mündet. ...

Aus "Und nun alle zusammen", in: SZ, 21.5.2015 (S. 38)
In der Gruppe treffen Tiere oft die klügere Wahl, als wenn sie auf sich allein gestellt sind. Dies hat dazu geführt, dass viele Menschen die "Weisheit der Vielen"als eine geradezu mystische Erfolgsformel verklären. Schließlich hat schon Francis Galton, ein Cousin von Charles Darwin, im Jahr 1906 mit seiner berühmten Ochsen-Schätzung gezeigt, dass auch Menschen von Schwarmintelligenz profitieren können. (Ironischerweise wollte er eigentlich das Gegenteil demonstrieren, nämlich die "Dummheit der Masse".) Galton analysierte die Beiträge von knapp 800 Wettbewerbs-Teilnehmern, die das Gewicht eines Ochsen schätzen sollten. Die einzelnen Angaben lagen oft weit daneben. Doch der Mittelwert aller Tipps war erstaunlich genau. Das tatsächlich 1207 Pfund schwere Tier wurde demnach auf 1198 Pfund geschätzt.
Seit diesem Wettbewerb wurden unzählige Angestellte zum vermeintlich effizienten Brainstorming verdonnert, stets in der - mittlerweile lange widerlegten - Hoffnung, damit besonders gute und kreative Lösungen zu finden. Warum funktioniert das nicht? Weil Menschen in so einer Situation nicht auf ihre eigenen Einfälle vertrauen, sondern sich automatisch auch an denen ihrer Nachbarn orientieren. Das Prinzip der Schwarmintelligenz baut hingegen darauf, dass die einzelnen Gruppenmitglieder ihre persönliche Wahl unabhängig voneinander treffen. Erst danach dürfen die Einzelmeinungen zusammengeführt werden. Besonders plastisch wird die Verzerrung durch "soziale Information" - also dem Verhalten anderer - an einer roten Fußgängerampel. Irgendwann marschiert der erste los - und andere folgen ihm. Sie vertrauen der sozialen Information mehr als dem tatsächlichen Geschehen um sie herum, das sie mit eigenen Sinnen wahrnehmen. Eine möglicherweise fatale Entscheidung. Zum Trost für die Menschheit: Auch Tiere geraten in vergleichbare Konflikte.
Vermeiden lassen sich solche Probleme häufig durch kleinere Gruppengrößen. Couzin zufolge bleiben die Mitglieder dann empfänglicher für Reize aus der Umwelt. Die Individuen können die Lage dann sozusagen nicht nur durch Sekundärquellen - das Verhalten ihrer Nachbarn - einschätzen, sondern auch mittels Informationen aus erster Hand. Ob das Argument der kleineren Gruppen aber in jedem Fall gilt, und ob riesige Schwärme diesem Problem vielleicht anders entgegensteuern, ist noch unklar.
Weiterführendes im Netz ...

Bewegungsagenturen und -kraken

Emma Goldmann:
Wie sehr grinsen sich die politischen Kulissenschieber eins, wenn sie den Andrang der Menschen auf die neueste Attraktion in der politischen Kino-Show beobachten.

Politische Aktion wird in Hauptamtlichenapparaten, meist aus jung-dynamischen Ex-AktivistInnen zusammengesetzt, vorbereitet. Das Mitmachniveau wird immer niedriger gesetzt: Protestmails werden einschließlich der AdressatInnen vorgefertigt, Busse und Winkelemente für Demos bereitgestellt, Betreuung auf der Anfahrt und vor Ort sichergestellt. Mensch muss eigentlich nur noch überweisen und während der Teilnahme das Atmen nicht vergessen.

Auszug aus dem dem .ausgestrahlt-Rundbrief Winter 2010/11 (S. 2)
Nehmen wir jetzt den Atomausstieg selbst in die Hand! Wie ginge das besser als mit einer Menschenkette?
Im Begleitbrief dazu von Jochen Stay:
Doch unsere Kampagnen-Kasse ist leer. Jetzt brauchen wir Dich, Dein Engagement, Deine Spende, um die Erfolgsstory fortsetzen zu können. ... Mehr Informationen auf der Kampagnen-Webseite ... Dort kannst Du auch online spenden.

Aus einem Interview mit Wolfgang Hertle (u.a. Gründer der Kurve Wustrow), in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 4/2013 (S. 81)
Was mir jetzt in letzter Zeit relativ oft begegnet, ist das Epertentum und die zunehmende Professionalisierung in den Bewegungen bzw. den NGOs, die sich daraus entwiceklten. Mit dieser Entwicklung geht einher, dass manche "Protest-Profis" keine Lust auf die unverzichtbare und notwendige Knochenarbeit der Auseinandersetzung mit "normalen Menschen" haben. Also die eine Seite ist die Professionalisierung der letzten Jahre, ausgefeilte Techniken, wie man große Menschenmengen dazu bringen kann, zusammen zu finden udn gemeinsam Aktionen durchzuführen, die es der Polizei schwerer machen, damit umzugehen. Die andere Seite der Medaille ist, dass eine stärkere Verbreitung oft auch mit einer Verflachung von Inhalten und Einstellungen verbunden ist.

Aus dem Digitalcourage-Newsletter vom 8. September 2016
Italienischer „L'Espresso“ berichtet: Wie Change.org unsere E-Mails verkauft
Die italienische Zeitung „L'Espresso“ hat herausgefunden, wie die Plattform Change.org Daten von Menschen verkauft, die an Online-Petitionen teilnehmen. Im April 2016 haben wir der Kampagnenplattform change.org einen BigBrotherAward verliehen. Den Negativpreis bekam das Unternehmen für sein Geschäftsmodell, personenbezogene Daten von Unterzeichner.innen zusammen mit deren politischen Meinungsäußerungen zu vermarkten. Jetzt hat die italienische Zeitung „L'Espresso“ eine Recherche aufgenommen und unter anderem die von change.org verlangten Preise für persönliche Daten ermittelt.
Wie Change.org unsere E-Mails verkauft ++ BigBrotherAward für change.org ++ Video der Verleihung

Bewegungsstiftung

Tür an Tür mit Campact residiert die Bewegungsstiftung ebenfalls in der norddeutschen Kleinstadt Verden. Die Konzeption stammt aus den gleichen Köpfen und trägt die gleichen Ideen: Finanzgrundlagen sichern durch Hegenomie in der Protestbewegung. Stiftung und Campact ergänzen sich dabei gut. Campact bedient die spontanen Proteste und sammelt unauffällig Spenden und Adressen unter dem Deckmantel bunter Aktion oder vorgekauter Protestschreiben. Allerdings ist die Bewegungsstiftung älter und quasi der zurückhaltender agierende, strategische Kern des Verdener hegemonialen Zentrum smarter Steuerung von NGOs, Netzwerken und Kampagnen. Die Bewegungsstiftung hingegen besetzt zentrale organisatorische Positionen. Ganz offen bemühen sie sich darum, zentrale Personen in verschiedenen Teilen politischer Bewegung in ihre Finanzförderungen zu bekommen. Die müssen sich zwar dann selbst um die Einnahmen kümmern, sammeln die aber nicht direkt, sondern per Stiftung, so dass sie - wie einE ArbeitnehmerIn - geldabhängig von der Stiftung werden. Hinzu kommen Förderungen für Initiativen - grundsätzlich keine schlechte Sache, aber im Gesamtpaket doch eine bemerkenswerte Ballung von Steuerungsmitteln. Selbst zu großen, viel länger aktiven NGOs schickt die Bewegungsstiftung ihre Funktionär_innen und macht Beratungen für eine Neuausrichtung der Organisationsstrukturen. Davon berichtete z.B. die Robin-Wood-Zeitung in ihrer Ausgabe 3/2011 ganz offen. Und sie nannte auch die zwei Personen, die Robin Wood auf Kurs brachten - darunter ein Stifter. Das bedeutet politischen Einfluss per Geld statt Kompetenz - eine zusätzliche Annäherung an den kapitalistischen Normalzustand immer größerer Teile politischer Bewegung.
Ausnutzen müssen die BewegungsmanagerInnen um Campact und Bewegungsstiftung ihre Macht gar nicht. Die Schwäche selbstorganisierten Protestes hat den Hauptteil aller Unzufriedenen längst zu antriebslosen MitläuferInnen gemacht, die geradezu darauf hoffen, dass von irgendwo her Protestmöglichkeiten angeboten werden, die möglichst einfach sind - vom Mausklick bis zur organisierten Busfahrt zwecks Händchenhalten auf irgendwelchen Deichen. Das für Protest heute regelmäßig Geld zu zahlen ist wie für den Gang ins Kino, vollendet die Ähnlichkeit solcher Vorgänge.

Aus einem Text von Wiebke Jahanning, Pressesprecherin der Bewegungsstiftung, in: FR, 16.11.2010
Protestbewegungen sind ein gutes Zeichen für unsere Demokratie. ...
Es kommt darauf an, zwischen solchen Klientel-Protesten und Bewegungen, die sich für das Wohl aller einsetzen, zu unterscheiden. ...
Bewegungsstiftung ... Gegründet wurde sie von Menschen, die selbst in Bewegungen aktiv waren - und erlebt haben, was diese erreichen können. Sie haben aber auch erlebt, dass Bewegungen scheitern können, wenn Geld oder eine klare Strategie fehlen. Hier setzt die Stiftung an und fördert Kampagnen finanziell und mit Beratung. Ziel ist es, Bewegungen zu mehr Stabilität zu verhelten und ihnen auch über Flauten hinwegzuhelfen. In solchen Phasen sind Vollzeitaktivisten wichtig. Sie bilden das Rückgrat von Bewegungen und verfügen über eine Menge Erfahrung.

Aus der Anfangszeit
Die Bewegungsstiftung ist aus dem gleichen Umfeld wie der NGO "attac" entstanden. Die Ziele der Vereinnahmung von Bewegung sind auch hier sichtbar. Sehr offensiv wird mit Plakaten vor allem von Basisgruppen geworben, während das Konzept der "BewegungsarbeiterInnen" eher die Eliten in den politischen Gruppen stärkt und von den Zusammenhängen um Bewegungsstiftung, Attac und das Ökozentrum Verden abhängig macht.

Das Gründungsgeld stammt vor allem aus der AllerWohnen Genossenschaft, einer Firma im ethischen Geldanlagebereich. Partner ist zudem die versiko AG, die als eine der profit- und marktorientiertesten Geld- und Versicherungsmaklerfirmen im Ökobereich gilt. Im ersten Jahr (2001) gab die Bewegungsstiftung aus:

Die Gelder waren Ende 2001 wie folgt festgelegt: 40.000 DM als Festgeld bei der Umweltbank. 150.000 DM als Festgeld bei der Bank für kleine und mittelständische Unternehmen (BkmU), 175.000 DM als Aktien im Ökovisions-Fonds und 150.000 DM als Aktien der Sonne und Wind AG (versiko).

Die StifterInnen können Projekte verhindern, Geld ist Macht.

Zu BewegungsarbeiterInnen
Durch ihr langjähriges Engagement verfügen sie über herausragendes Wissen und Erfahrung, damit verbunden aber potentiell auch über großen Einfluss und Dominanz. ... Unser Wissen um die Probleme ändert nichts an unserer grundsätzlichen Überzeugung, dass VollzeitaktivistInnen - wir nennen sie BewegungsarbeiterInnen - wichtig für den Erfolg sozialer Bewegungen sind. Wir denken vielmehr, daß das es das Problem ist, dass es so wenige von ihnen gibt.

Orientierung auf Geld als Machtmittel
... scheiterte eine Volksabstimmung über die EXPO nur knapp mit 48% zu 52%, weil die GegnerInnen der EXPO nicht in der Lage waren, eine systematische Öffentlichkeitskampagne zu organisieren. ... Nur einige zehntausend Mark haben damals gefehlt, um die EXPO 2000 zu verhindern. Für uns war es im letzten Jahr frustrierend mitanzusehen, dass zehn Jahre später viele AktivistInnen ihre Energie aufgewendet haben, gegen ein Ereignis zu protestieren, das mit Hilfe einer Bewegungsstiftung hätte verhindert werden können.
Anmerkungen dazu: Dieser Absatz zeigt, wie eindeutig Bewegung instrumentalisiert wurde. Die Kreise, die die Bewegungsstiftung (und auch Attac) initiierten, haben am Widerstand gegen die Expo 2000 nicht mitgewirkt. Vielmehr haben sie eine Nähe zu solchen NGOs und Gruppen, die auf der Expo mitwirkten. Zudem war es gar keine Volksabstimmung, sondern wurde von der rotgrünen Koalition zu einer unverbindlichen Volksbefragung heruntergestuft. DAS war der Hauptgrund für Schwächen bei der Mobilisierung - und ein Zeichen, daß Widerstand, nicht aber Wirken im System sinnvoll sind. Rotgrün sind aber zu nahe an der Bewegungsstiftung als daß diese deren taktische Winkelzüge als Grund für das Scheitern der Abstimmung benennen würden ...

Macht durch Geld
Die StifterInnen können ein Votum zu den Vorlagen des Stiftungsrats abgeben und die Förderung eines Projektes oder einer Kampagne durch ihr Veto verhindern.

Quelle: www.bewegungsstiftung.de

Im Original: Vorstellung und Kritik in der Contraste ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Texte in der Contraste Oktober 2003
Die Bewegungsstiftung - Anstöße für soziale Bewegungen
Soziale Bewegungen wie die Friedens-, Anti-Atom- und globalisierungskritische Bewegung haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung und öffentlicher Wahrnehmung gewonnen. Die Kampagnen und Projekte sozialer Bewegungen bleiben jedoch häufig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dies liegt einerseits an schwierigen politischen Rahmenbedingungen und der Macht ihrer Gegenspieler in Wirtschaft und Politik. Fehlende finanzielle Ressourcen und unzureichend Know-how etwa in den Bereichen Strategießentwicklung und Evaluation, Öffentlichkeitsarbeit oder Fundraising verhindern zudem ein effektives und nachhaltiges politisches Engagement - gerade in der Entstehungsphase. Den Aktiven mangelt es allzu oft an einem differenzierten Verständnis der Mechanismen sozialen Wandels. Die Bewegungsstiftung will einen Beitrag zur Überwindung dieser Probleme leisten.
Ein Artikel von Christoph Bautz
Der 15.2.2003 ist zum Synonym für das Entstehen einer globalen Friedensbewegung geworden. 500.000 Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher Herkunft und politischer Weltanschauung gehen in Berlin auf die Straßen; mindestens 15 Millionen sind es weltweit. Viele Medienberichte konstatieren, die US-Regierung habe wieder einen globalen Gegenspieler bekommen - die Weltöffentlichkeit. Gleichzeitig spricht sich der UN-Sicherheitsrat gegen eine militärische Intervention im Irak aus. Bush und Blair sind für Tage in die Defensive gedrängt. Doch nach diesem fulminanten Erfolg kann die Friedensbewegung besonders in Deutschland nicht mehr richtig nachlegen. Die unzähligen dezentralen Aktionen, festigen zwar die kriegskritische Stimmung. Sie erreichen jedoch bei weitem nicht mehr die Durchschlagskraft und öffentliche Wahrnehmung des 15. Februar.
Sicher hätte es Möglichkeiten gegeben, den Konflikt mit bedachten und gut koordinierten Schritten öffentlich weiter zu eskalieren. Als nächstes an vier Orten bundesweit Grossdemonstrationen zu organisieren und die Millionengrenze zu nehmen. Wenig später mit 10.000 Menschen die US-Airbase Rhein-Main zu blockieren. Wieso ist dies der deutschen Friedensbewegung nicht gelungen? Es fehlte eine klare Strategie und eine effektive Koordination, um die lokalen, bundes- und weltweiten Aktivitäten aufeinander abzustimmen. Darüber hinaus sind Großaktionen mit einem erheblichen finanziellen Risiko verbunden, und es ist gut nachvollziehbar, dass viele davor zurückschrecken oder nicht in der Lage sind, dieses Risiko zu tragen.

Cash und Köpfchen sind gefragt
Die Friedensbewegung ist mit ihren Schwächen kein Einzelfall. Das Fehlen einer durchdachten Strategie sowie Geldmangel sind hauptverantwortlich für das Scheitern vieler sozialer Bewegungen. Genau an dieser Stelle setzt die im März 2002 gegründete Bewegungsstiftung mit ihrer Arbeit an. Sie fördert insbesondere Projekte und Kampagnen, die sich durch neue Methoden oder Inhalte auszeichnen und Lösungsansätze für bestehende Defizite sozialer Bewegungen aufzeigen. Außerdem unterstützt die Bewegungsstiftung Kampagnen zumeist in deren Startphase, denn viele innovative Ansätze scheitern in einer Situation, in der die öffentliche Wahrnehmung für das Kampagnenthema noch gering ist. Hat die Kampagne die erste kritische Durststrecke hinter sich gelassen, so ist es mit Hilfe einer professionellen Spendenwerbung möglich, für die entsprechende Finanzierung zu sorgen. Mit der "Movement Action Success Strategy" (MASS) gibt die Bewegungsstiftung Kampagnen das Know-How an die Hand, die Wirkungsweise sozialer Bewegungen zu ergründen und erfolgreiche Kampagnenstrategien zu entwickeln. In MASS sind wichtige Erkenntnisse der Bewegungsforschung der letzten Jahrzehnte eingeflossen. Als anwendungsorientiertes Konzept stellt es eine Schnittstelle von Wissenschaft und konkretem politischem Handeln dar.

Das erfolgreiche Förderprojekt: resist
Ein sehr erfolgreiches Förderprojekt ist die Kampagne "resist", die Sitzblockaden mit mehreren tausend Menschen gegen den Irak-Krieg organisierte. Die Realisierung von "Resist" wäre ohne die Unterstützung durch einige StifterInnen der Bewegungsstiftung viel schwerer gewesen. Mit einem Darlehen mit Ausfallbürgschaft in Höhe von 20.000 € griffen die SifterInnen der Kampagne in ihrer Startphase finanziell unter die Arme. Erklärtes Ziel von "resist" war es, massenhaften Zivilen Ungehorsam als eine erfolgreiche Methode wieder in der Friedensbewegung zu etablieren. Diesem gewaltfreien aber konfrontativen Mittel kommt besonders in einer Phase große Bedeutung zu, in der es gilt, die Öffentlichkeit für ein Problem zu sensibilisieren oder den nötigen öffentlichen Druck zu erzeugen, um ein bestimmtes Politikergebnis zu erzielen. Ziviler Ungehorsam ist aber nur dann zu legitimieren, wenn er die bestehende Rechtsordnung akzeptiert und nur eingesetzt wird, wenn massive Verstöße gegen das Völkerrecht oder die Menschenrechte vorliegen.
Außerdem wollte resist politischen Druck erzeugen, bevor die politischen Entscheidungen gefallen waren. Damit orientierte sich die Kampagne an den in "MASS" diagnostizierten Defiziten der Friedensbewegung und versuchte diese Fehler zu vermeiden - mit Erfolg. "Resist" demonstrierte die Wirksamkeit und Effektivität von massenhaften Zivilen Ungehorsams und forcierte dadurch das erfolgreiche Comeback dieses seit den 80er Jahren in der Friedensbewegung nicht mehr eingesetzten Protestmittels.
"Resist" war ein Erfolg auf ganzer Linie: Lange bevor die übrige Friedensbewegung öffentliche Aufmerksamkeit erlangte, hatte resist schon mehrere tausend Selbstverpflichtungen von Menschen gesammelt, die sich an Aktionen Zivilen Ungehorsams beteiligen wollten. Mit diesen Absichtserklärungen trat die Kampagne in Pressekonferenzen und mit Aktionen an die Öffentlichkeit und unterstützte so die Mobilisierung der Friedensbewegung. Während der Hauptmobilisierungsphase der Friedensbewegung wurde aus der Ankündigung Wirklichkeit. Jeweils mehrere tausend Menschen beteiligten sich an gewaltfreien Sitzblockaden von resist vor der US-Airbase Rhein/Main und an verschiedenen anderen Militärstandorten. Die Medienresonanz war überwältigend. Und auch finanziell ging die Rechnung auf. Das Darlehen der StifterInnen konnte in vollem Umfang zurückgezahlt werden und steht nun zur Finanzierung weiterer Aktionen Zivilen Ungehorsams zur Verfügung.

Anstiften - die StifterInnnen
Die Handlungsfähigkeit jeder Stiftung ist stark abhängig vom Umfang ihres Kapitalstocks. Die Bewegungsstiftung hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Nach fünf Jahren soll ihr Kapitalstock stolze fünf Millionen Euro umfassen. Ein Jahr nach Gründung sind die ersten Schritte schon getan: Fast 50 StifterInnen haben insgesamt 700.000 € in das Stiftungskapital eingebracht. StifterInnen werden Menschen verschiedener Generationen, Lebenssituationen und Weltanschauungen. Junge Erben, von einem unerwarteten Geldsegen verunsichert, treffen zusammen mit Immobilienmaklern, die noch der 68er Generation verhaftet sind. Kinderlose Ehepaare auf der Suche nach der sinnvollen Verwendung ihres Ersparten lernen Erben kennen, die zu ihrer vermögenden Identität stehen und sie im Sinne ihrer politischen Ideale einsetzen. Sie alle sind froh, progressiv denkende Menschen in vermögender Lebenssituation treffen und austauschen zu können. Viele der StifterInnen gehen gleich noch einen Schritt weiter und beteiligen sich aktiv am Aufbau der Stiftung.

Geldanlage nicht nur mit grünem Anstrich - ethisches Investment durch die Stiftung
Viele Stiftung haben in ihrer Konzeption einen blinden Fleck: Sie legen großen Wert darauf, möglichst hohe Renditen zur Förderung ihrer jeweiligen Ziele zu erreichen. Doch ihre Kapitalanlage steht diesen Zielen häufig diametral entgegen. Wenn die Bewegungsstiftung etwa mit Renditen aus einer Geldanlage bei der Deutschen Bank indigenen Völkern beim Widerstand gegen ein von dieser Bank finanziertes Staudammprojekt in Amazonien unterstützen würde, dann bisse sich hier die Katze in den Schwanz. Stattdessen sieht die Bewegungsstiftung ihr investiertes Kapital als ein ebenso wichtiges Mittel an, um politischen Wandel zu erzielen, wie die ausgeschütteten Renditen. Die Kapitalanlage der Stiftung ist daher an strengen sozialen und ökologischen Kriterien ausgerichtet. Gleichzeitig hinterfragt die Bewegungsstiftung die jeweiligen Veränderungspotentiale von ethischem Investment. Offensichtlich erbringt eine Investition in einen ethischen Sektor, in dem ein Überangebot anlagesuchenden Kapitals vorhanden ist, wenig politischen Wandel. So legen in der Regenerative-Energien-Branche mittlerweile konventionelle Investoren ohne jegliche ethische Motivation ihr Kapital an, da relativ hohe Renditen locken. Die Bewegungsstiftung will daher besonders alternativen Projekten Kapital zur Verfügung stellen, die auf niedrig verzinste Kredite angewiesen sind, beispielsweise das Mietshäusersyndikat in Freiburg, die Bremer Stadtkommune Alla Hopp und das Hamburger Hotel Schanzenstern. Trotzdem muss die Bewegungsstiftung auf einigermaßen hohe Rendite achten, wenn die Stiftung ihre finanzielle Leistungsfähigkeit bewahren und gleichzeitig noch Fördergelder ausschütten will. Die Stiftung verfolgt deshalb eine breit gestreute Anlagepolitik. Das Portfolio besteht aus niedrig verzinsten Anlagen bei Alternativprojekten und aus "konventionellem" ethischen Investment in der regenerativen Energien-Branche und in ethischen Fonds.

Fulltime für politischen Wandel - BewegungsarbeiterInnen
Um einzelne direkt und unbürokratisch in ihrem sozialen, politischen oder ökologischen Engagement effektiv zu unterstützen, hat die Bewegungsstiftung ein spezielles Förderinstrument entwickelt - ein Patenschaftsprojekt für einzelne AktivistInnen. Sogenannte "BewegungsarbeiterInnen" erhalten finanzielle Mittel von der Bewegungsstiftung, um sich voll und ganz ihrem Kampf für einen gesellschaftlichen Wandel widmen zu können. Gleichzeitig soll so ein zentrales Problem sozialer Bewegungen überwunden werden: die hohe Fluktuation der Bewegungsaktiven. Für viele Menschen ist Aktivität in einer sozialen Bewegung lediglich auf einen bestimmten Lebensabschnitt begrenzt. Familiäre Zwänge, Berufssuche und Auseinanderbrechen des sozialen Umfeldes lassen langfristiges politisches Engagement als kostspieligen Luxus erscheinen. Kompetente und erfahrene Personen verlassen so immer wieder die sozialen Bewegungen, in denen sie jahrelang aktiv waren. Die BewegungsarbeiterInnen werben mit dem Qualitätssiegel der Bewegungsstiftung PatInnen, die monatlich mit einem bestimmten Betrag eine/n BewegungsarbeiterIn unterstützen. Zu den derzeit sieben BewegungsarbeiterInnen zählen die Anti-Atom-Aktivisten Jochen Stay und Holger Isabelle Jänicke, die türkische Antimilitaristin Ferda Ülker, der Attac-Aktivist Sven Giegold und Jürgen Heiser, der sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt (siehe Interview).

Die Struktur der Stiftung
Die Bewegungsstiftung betritt mit ihrer demokratischen Struktur in der bundesdeutschen Stiftungslandschaft Neuland. Sie bricht mit der in anderen Stiftungen häufig omnipotenten Stellung der StifterInnen im Stiftungsrat als dem zentralen Entscheidungsorgan. Zum einen erhalten die geförderten Projekte im Stiftungsrat eine Stimme. Hierdurch soll den Bedürfnissen der geförderten Projekte mehr Gehör geschenkt werden. Gegenwärtig sind diese durch den Anti-Atom-Aktivisten Jochen Stay vertreten. Zum zweiten hat auch der wissenschaftliche Blickwinkel auf soziale Bewegungen eine Stimme im Stiftungsrat. Der Bewegungsforscher und Soziologe Prof. Dieter Rucht ist derzeit für diese Position nominiert. In Zukunft soll eine Person von einem Fachbeirat delegiert werden. Über den Rat der StifterInnen können alle StifterInnen auf die Entscheidungen des Stiftungsrates Einfluss nehmen. Sie haben derzeit Susann Haltermann in den Stiftungsrat delegiert. Des weiteren sind zwei Personen des öffentlichen Lebens in den Stiftungsrat berufen - der Journalist Mathias Greffrath und die Feministin und Soziologin Dr. Gisela Notz.
Es ist das Hauptanliegen der Bewegungsstiftung, häufig festzustellende Defizite sozialer Bewegungen zu überwinden - einerseits eine fehlende oder lediglich rudimentär entwickelte Strategie, andererseits ihr permanenter Geldmangel. Der Weg, der zu einer erfolgreichen und effizienten Arbeit sozialer Bewegungen führt ist lang. Die Bewegungsstiftung hat in den letzten Monaten begonnen, erste Schritte dieses Weges zu gehen.. Die bisherigen Ergebnisse des sozialen Engagements sind vielversprechend. Kampagnen wie "resist" belohnen Aktive und Stifter gleichermaßen. Vor allem aber führen sie dazu, dass schnell und unbürokratisch gehandelt wird, wo Handeln nötig ist.


Kritischer Kommentar zur Bewegungsstiftung
Organisierung von unten statt immer neue Eliten
Wer fördert wie wen mit welchen Zielen und Wirkungen? Diese Frage müssen sich alle Strukturen stellen, die sich zur Aufgabe setzen, andere zu unterstützen: Verbände, Stiftungen, autonome Zentren, Netzwerke, Medien usw. In einer emanzipatorischen politischen Bewegung (das zu sein, behaupten fast alle politischen Gruppen) müßte als Ziel immer auch gelten, die Möglichkeiten von Menschen zur freien Entfaltung und zum gleichberechtigten Zugang zu Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Hier setzt die grundsätzliche Kritik an der Bewegungsstiftung an. Mit ihren Förderstrategien stärkt sie genau nicht die "Organisierung von unten", also die Verbesserung von Handlungsmöglichkeiten und Know-How zur selbstorganisierten Aktion, sondern sie fördert und schafft gezielt Eliten, verbessert deren Handlungsmöglichkeiten und schafft einen Rahmen für eine Steigerung der Unterschiedlichkeit im Zugang zu Ressourcen. Das prägnanteste Beispiel ist die Idee der "BewegungsarbeiterInnen". Hier werden Menschen zusätzlich gestärkt, die ohnehin schon deutlich überdurchschnittlich engagiert sind, die deutlich überdurchschnittliche Handlungsmöglichkeiten, Zugang zu technischer Infrastruktur, zu Wissen und zu Informationen haben, die über deutlich überdurchschnittlich entwickelte Beziehungen zu anderen wichtigen AkteurInnen in politischer Bewegung, aber auch in staatlichen Stellen (EntscheidungsträgerInnen, Fördertöpfe usw.), zu Stiftungen und anderen haben.
Auch die sonstige Förderpraxis passt dazu. So werden vor allem große Kampagnen, die ohnehin z.B. von den großen bürgerlich-liberalen Zeitungen (von der euro-militaristischen FR über taz, Spiegel und Zeit bis zur "Saddam Hussein muß bleiben"-Junge Welt) ständig zu den Führungsprojekten gemacht werden, zusätzlich noch mit Geld ausgestattet. Was das bewirkt, macht das Beispiel "resist" sehr deutlich. Es erscheint mir keineswegs positiv, dass hier ein Label in kürzester Zeit zum Vorzeigeprojekt gehypt wurde - wie ein "Nike" der Friedensbewegung. Das schmälert nicht das Engagement vieler Aktiver, aber an wichtigen Schaltstellen von "resist" ging es um etwas ganz anderes: Binnen kürzester Zeit sollte ein Label geschaffen werden, das Menschen einbindet, Spenden einbringt und Publicity schafft. Der Aufbau einer handlungsfähigen sog. Friedensbewegung war dabei schlicht egal: Es wurde nicht auf die Unterstützung vieler eigenständig handlungsfähiger Basisgruppen gesetzt, sondern die Menschen und Gruppen sollten das Projekt "resist" unterstützen, wie es von den VordenkerInnen durchgeplant und vorgegeben war. Auch die sog Friedensbewegung ist alles andere als ein Erfolg, die es ohnehin so nur in den Medien und bei den Eliten politischer Bewegung gibt, die gern im Namen der von ihnen herbeigeredeten, einheitlichen Masse sprechen. Dass zu einem Konsum-Event wie der Demo am 15.2. viele Menschen kommen, ansonsten aber sehr wenig und nur immer dasselbe läuft, ist eher ein betrübliches Zeichen denn ein Grund zum Jubeln. Das Problem ist auch nicht, wie von der Bewegungsstiftung behauptet, dass weitere Massenveranstaltungen gefehlt haben, sondern das der selbstorganisierte Protest nicht stattfindet. Hinzu kommt eine beunruhigende inhaltliche Peinlichkeit, die sich in den Reden und Transparenten vom 15.2. ebenso wie an vielen anderen Stellen niederschlug. Zitat Schorlemmer: "Wir sollten uns wünschen, dass Joschka Fischer seine Arbeit im Auftrage dieser Regierung gut und besonnen macht" (Riesenjubel). Das Gerede von Völkern, das Lob der deutschen Position zum Irakkrieg und vieles mehr zeigen, dass politische Analyse ausfällt zugunsten von platten Mobilisierungen, Massenevents und Einschaltquoten.
"Resist" ist dabei nur ein Beispiel. Die Bewegungsstiftung ist Teil einer durchdachten Strategie, politische Bewegung einheitlicher zu formen - als Kanalisierung zugunsten bestimmter, politisch sehr zurückhaltender Ziele, und aus Eigennutz. Es ist wichtig für das Verständnis der Bewegungsstiftung, zu bemerken, dass hier ein sehr kleiner Kreis von Menschen unter verschiedenen Gruppennamen versucht, politisches Engagement für bestimmte Ziele und für sich selbst zu benutzen. Resist, die Pressesprecher bei Castorprotesten, Attac, die Bewegungsstiftung, die Bewegungsakademie und einige mehr bestehen im Kern aus den gleichen Personen. Ihre Methodik ist immer gleich: War nicht Attac das gelungene Projekt, einen bunten, breiten, widerständigen, aber (noch) orientierungslosen Haufen von protestierenden Menschen und Gruppen in eine einheitliche Form zu gießen, die plötzlich nicht mehr gegen den Kapitalismus, sondern für die Tobin Tax eintrat? Wo auf Massenevents den Eliten dieser kanalisierten Bewegung zugejubelt wird und nicht einmal mehr auffällt, wenn Superstars wie Sven Giegold in Interviews sich mit Peinlichkeiten ständig selbst übertreffen (z.B. seinen Aussagen, dass er den amerikanischen Kapitalismus schlecht findet und mehr auf den dänischen steht, oder dass er es eine andere Welt findet, wenn ein paar Länder die Schulden gestrichen bekommen und die Tobin Tax eingeführt wird; umfangreiche Zitatesammlungen unter http://go.to/tobin-tax).
Die Eliten, die hinter den verschiedenen Gruppen stehen, fördern sich über dieses Geflecht gegenseitig. Die BewegungsarbeiterInnen der Bewegungsstiftung sind oft FunktionärInnen der anderen Gruppen und Kampagnen. In den Beiräten sitzen mit Leuten wie Rucht, Richter, Altvater und anderen immer wieder dieselben, inzwischen penetrant langweilenden Redenhalter, deren frühere Verdienste ich nicht schmälern, deren langweilige Stereotypen ich aber als Top-Redebeiträge auf Kongressen und Demos nicht mehr ausstehen kann. Da ist dann nur noch das I-Tüpfelchen auf dem Filz, dass kaum bekannt ist, dass fast überall als formale Struktur ein ganz kleiner Verein aus der Verdener Hochburg dieser modernen Bewegungskanalisierung steht namens Share e.V.
Ich meine, wir brauchen nicht die strategische Steigerung von Elitenstrukturen, sondern die Entwicklung einer breiten, unabhängigen und handlungsfähigen Bewegung. Eine, die gar keine VorturnerInnen mehr braucht, die ihre Themen und Kampagnen als Kooperation zwischen handlungsfähigen und gleichberechtigten Gruppen und Projekten entwickelt. Die Bewegungsstiftung steht für die strategische Modernisierung des Typus "Greenpeace": Die Massen haben als willfährige Schafe darauf zu warten, was ihre Eliten an Ideen und Aktionsformen vorgeben - ob nun mit einer formalen Hierarchie (wie in den alten NGOs) oder mit den modernen Mitteln der Kommunikations- und der Finanzsteuerung. Die Massen werden zu Events und zu örtlichen Unterstützungsaktionen aufgerufen. Sie dürfen Fahnen und Wimpel schwingen, spenden und Unterschriften sammeln - aber es ist nicht ihr Ziel, selbstorganisiert aktiv zu sein. Warum eigentlich wundert das niemand, dass dem ewigen Gerede von den erfolgreichen Organisierungen wie Attac, Resist usw. überhaupt keine spürbare Entwicklung von örtlichen Protesten entgegensteht? Wo ist die Bewegung eigentlich - außer auf den platten Massenevents wie der 14.9.2002 in Köln oder der 15.2. in Berlin?
Darum halte ich die Bewegungsstiftung nicht für einen Fortschritt. Ich werde sie akzeptieren als einen Ansatz, der der Überzeugung einiger Menschen entspricht. Die bürgerlichen NGOs oder die meisten linksradikalen Zusammenhänge sind kein Stück besser. Überall sichern Eliten ihren Abstand zu den anderen - durch Geld, Passwörter, Schlüssel, Hausrecht, Informationsmonopolisierung, intransparente Planungen und Treffen. Ich will etwas anderes und werde an etwas anderes mitwirken: Der "Organisierung von unten", wo das Ziel ist, dass viele (am besten alle) einen guten und gleichberechtigten Zugang zu Handlungsmöglichkeiten, Infrastruktur und Ressourcen haben. Ich bin auch nicht durch den Satz "Wir wollen doch alle dasselbe" von dieser Kritik abzubringen. Dieser Satz gehört zu dem modernen Kommunikationsmitteln der Eliten. Sie leben davon, dass Kritik an ihnen nicht aufkommt.
Jörg Bergstedt, Red. Umweltschutz von unten

Gekauft?
Die Bewegungsstiftung nimmt Eliten aus verschiedenen Bewegungsteilen als "BewegungsarbeiterInnen" in ein Lohnverhältnis. Dabei werden solche Personen bevorzugt, die in den Bewegungen die politischen und strukturellen Ziele der Verdener JungmanagerInnen-Clique und ihrem Umfeld absichern. Besonders auffälliges Beispiel ist Jochen Stay, der gern als gewaltfreier Anarchist auftritt, aber seit Jahren für Attac und NGOs die Werbetrommel rührt. Er sitzt im Stiftungsrat der Bewegungsstiftung und wird von dieser seit Jahren als Bewegungsarbeiter finanziert. Hier folgen Jubeltexte ders"Eingekauften":

Im Original: Jubel bei Jochen Stay (stiftungs-finanziert) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Die Renaissance der Protestbewegungen von Jochen Stay
2003 war ein Jahr der Massenproteste und des neuen Selbstbewusstseins politischer Basis-AktivistInnen
Galten Straßenproteste und Bürgerinitiativen lange als Relikt der 60er bis 80er Jahre, so hat sich inzwischen eine muntere und mutige neue Protestgeneration auf den Weg gemacht, die etablierte Politik aufzumischen.
Zwei Wochen im November 2003: Großdemonstration gegen den Sozialabbau in Berlin, anhaltende Proteste gegen Castor-Transporte nach Gorleben und die globalisierungskritische Bewegung trifft sich zum Europäischen Sozialforum in Paris. So geht ein Jahr zu Ende, das bereits mit einer Massenbewegung begonnen hatte: Von Januar bis März waren bundesweit Hunderttausende fast jedes Wochenende mit bunten PACE-Fahnen gegen den Irak-Krieg unterwegs, mit dem Höhepunkt der größten Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik - am 15. Februar waren in Berlin 500.000 Menschen auf der Straße.
Was da in den letzten Jahren entstanden ist, lässt sich mit "Generation Attac" umschreiben, ohne diese Generation damit auf die Organisation Attac zu beschränken. Diese Protestgeneration besteht einerseits aus vielen jungen Menschen, aber auch aus erstaunlich vielen, die nach Jahren der Resignation neu aktiv geworden sind - im Osten wie im Westen der Republik. Diese Generation ist über die Grenzen von Staaten und auch über die Grenzen unterschiedlicher politischer Milieus und Kulturen hinweg kooperativer als alles, was es in den Jahrzehnten davor gegeben hat.
Und diese "Generation Attac" überwindet auch mühelos die thematischen Grenzen traditioneller Protestbewegungen. Sie wendet sich gegen Krieg, Umweltzerstörung, globale Ungerechtigkeit und Sozialabbau, ist immer dort aktiv, wo es gerade am Nötigsten ist. Die Zeit der Ein-Punkt-Bewegungen ist vorbei - zumindest was die aktive Basis angeht.
Noch nie war die Teilnahme an einer Protestveranstaltung so normal wie heute. War das Demonstrieren in der "alten" Bundesrepublik noch ein Ausdruck von Gegenkultur zum herrschenden Mainstream und führte vielerorts zu heftigen Familienkonflikten, so werden heute viele Jugendliche von ihren Eltern geradezu ermuntert, auf die Straße zu gehen. Das verbessert einerseits die Situation von Protestbewegungen, nimmt ihnen aber auch einen Teil ihrer Wirkung. Wer nicht mehr provoziert, wird auch in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen.
Fünf Jahre nach dem Regierungseintritt der einstigen "Bewegungspartei" Bündnis 90/Die Grünen haben sich die sozialen Bewegungen davon erholt, dass ihnen vormals wichtige MitstreiterInnen abhanden gekommen sind. Längst wurde aus dem Jammern über grünes Umfallen in der Militär-, Atom- oder Sozialpolitik ein neues Selbstbewusstsein. In vielen Politikfeldern sind die Aktionsgruppen, Initiativen und NGOs wieder zu einer Art außerparlamentarischer Opposition geworden. Das muss kein Nachteil sein und so wird diese Rolle von vielen AktivistInnen offensiv angenommen. Sie sind dabei zu lernen, wie sich trotzdem politische Erfolge erzielen lassen, spielen immer öfter professionell auf der Klaviatur zwischen Lobbying, Massenprotest und Zivilem Ungehorsam.
Die erstaunlichste Entwicklung der letzten Jahre ist, dass sich die Protestbewegungen wieder zutrauen, dicke Bretter zu bohren. Zwar existiert bei vielen Aktiven von heute im Gegensatz zur früheren westdeutschen Bewegungs-Linken kein anderer Gesellschaftsentwurf mehr im Hintergrund. Aber wenn beispielsweise Attac heute mit dem einerseits diffusen aber andererseits ehrgeizigen Slogan "Eine andere Welt ist möglich" agiert, dann zeigt dies schon, das man bereit ist, sich mit den Mächtigen in Wirtschaft und Regierungen anzulegen, auch wenn ein kurzfristiger Erfolg nicht in Reichweite ist.
Dass gerade auch junge AktivistInnen bereit sind, sich trotz revolutionärer Ungeduld auf den langwierigen Weg des Ringens um wirkliche Veränderungen zu machen, ist eine der ermutigenden Eigenschaften aktueller Bewegungen. Noch vor Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass in unzähligen deutschen Städten bunte Aktionen gegen einen Vertrag der Welthandelsorganisation (WTO) zur Liberalisierung von Dienstleistungen (GATS) stattfinden.
Neben der Mehrheitsmeinung in der Gesellschaft "Wir kleinen Leute können ja doch nichts ändern" gibt es immer mehr Menschen, die bereit sind, für Veränderungen einzutreten, nach dem Motto: Besser ich mache den Versuch, etwas zu bewegen, als einen schlechten Zustand unwidersprochen hinzunehmen. Sprengkraft könnte diese Tendenz dann entwickeln, wenn ein relevanter Teil der Betroffenen des aktuellen Sozialabbaus sich dieser Haltung anschließt.
Jochen Stay, ist Anti-Atom- und Friedensaktivist, Bewegungsarbeiter und im Stiftungsrat der Bewegungsstiftung. Der Beitrag erscheint am kommenden Freitag, den 14.11. in einer Beilage zur taz, die die Bewegungsstiftung herausgibt.

(Quelle: www.bewegungssstiftung.de)

Aus dem Text "Generation attac" aus (ganzer Text hier ..., Quelle: Blätter für deutsche und internationale Politik, 4/2005, S. 455 ff.)
Vor fünf Jahren wurde Attac Deutschland gegründet. Gleichzeitig erleben wir in den letzten Jahren so etwas wie die Renaissance der Protestbewegungen ... Die "Generation attac" ist eigentlich eine Mischung unterschiedlicher Protestgenerationen. Sie besteht einerseits aus vielen jungen Menschen, aber auch aus erstaunlich vielen Älteren, die nach Jahren der Resignation neu aktiv geworden sind - übrigens im Osten wie im Westen der Republik. Dadurch entsteht ein brisanter Mix aus jugendlichem Elan und vielfältiger Protest-Erfahrung. ... Die Zeit der Ein-Punkt-Bewegungen ist vorbei ... Ideologisches Klein-Klein und Abgrenzungsrituale gehören vorerst der Vergangenheit an. War es bisher eine treffende Karikatur linken Sektierertums, wie im Kinofilm "Das Leben des Brian" die "Judäische Volksfront“ und die "Volksfront von Judäa" gegeneinander arbeiten, so haben diese nun zueinander gefunden und arbeiten mit vielen anderen Organisationen und aktiven Menschen in einem lockeren Netzwerk gemeinsam für eine gerechtere und friedlichere Welt. ... War früher die Gruppe für viele die Keimzelle oder die Verheißung einer neuen Gesellschaft, oder doch zumindest eine effektive Arbeitsform, so bestimmen heute vor allem emotionale Werte den Zusammenhalt auch einer politischen Gruppe. Da geht es um den Erlebniswert, manchmal auch den Kuschelfaktor - also die Frage, wie nahe mir die anderen Gruppenmitglieder emotional stehen. Macht es Spaß, mit denen zusammenzuarbeiten? Manchmal geht es auch ganz direkt um die Möglichkeit der Partnerwahl. ... Den Rekordteilnehmerzahlen bei Demos und Aktionen stehen teilweise schwache organisatorische Kerne vor Ort gegenüber. Zwei Jahre nach der größten Demo in der Geschichte der Bundesrepublik - gegen den Irakkrieg im Februar 2003 - gibt es erschreckend wenig aktive lokale Friedensinitiativen. Und auch die Zahl der halbwegs vorbereiteten Bezugsgruppen, die sich an den Blockaden der Castor-Transporte beteiligen, nimmt stetig ab, obwohl sich gleichzeitig seit einem Tiefpunkt im Herbst 2001 jedes Jahr mehr Menschen auf die Straße vor Gorleben setzen.
Im Text erwähnt er zwei Beispiele zum Mitmachen: www.campact.de und www.bewegungsstiftung.de. Beides Projekte aus der Gruppe von JungmanagerInnen, die auch den medialen Hype von Attac organisiert haben und Politik als Marketingprojekt sehen.

Alle Zitate aus Broschüren und Faltblättern der Bewegungsstiftung, u.a. erster Rundbrief Dez. 2001 und "Das Konzept" (Jan. 2002).

 

Von Staat und Bewegungsoligarchen gefürchtet: Unberechenbarer Protest

Wenn Menschen eigene Ideen umsetzen, entsteht unkontrollierbarer Protest. Einziges Beispiel dieser Art, bei dem das in Deutschland seit Jahren geschieht, ist der Castorprotest. Zwar kommt es hier auch zu Kanalisierungsversuchen und Werbung für berechenbare Aktionen (.ausgestrahlt, X-1000malquer), aber die Tradition wirkt eher dahin, dass viele Gruppen ihre spontanen oder gut geplanten Sachen machen. Darunter sind auch wendländische Kreise wie die BäuerInnen, die erkennbar immer wieder neue Blockadekonzepte fahren und sich den Vereinnahmungsversuchen durch Vielredner und selbsternannte SprecherInnen des Protestes entziehen.

In anderen Fällen entstehen unberechenbare Aktionsformen nur in geringem Umfang (Spaßguerillagruppen, BlockiererInnen- und BesetzerInnenszene usw.) oder in den dynamischen Anfangsphasen von Protest, den die schwerfälligen Bewegungsapparate erst im Laufe der Zeit unter Kontrolle bringen. Ein prägnantes Beispiel waren die Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau. Diese begannen aus einer kleinen, spontan versammelten Runde und wuchsen binnen weniger Tage in den ersten Städten auf das Zehn- bis Hundertfache an. Es kam sehr schnell zur Ausbreitung in die Fläche. Ab der dritten oder vierten Woche drangen die Bewegungseliten in die Montagsdemonstrationen ein und wandelten die spontanen, möglicherweise aktionsbereiten und im Laufe der Zeit aktionsfähigen Ansammlungen zu billigen ApplaudiererInnen von LinksparteipolitikerInnen oder GewerkschafterInnen mit ihren mehr oder weniger langweiligen Reden. Mit der Gründung der Linken als gesamtdeutsche Partei gelang den dortigen Parteioberen, das Thema für sich aufzusaugen - obwohl so gut wie niemand der vom Sozialabbau Betroffenen in der Partei irgendwas zu sagen oder ein Pöstchen ergattert hat.

Im Original: Pro unberechenbarer Protest ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Indymedia-Text "Von Protestböen zum Proteststurm"
Entscheidend wird in den kommenden Wochen und Monaten sein, dass die Phase des Bewegungsaufschwungs nicht durch die KontrolleurInnen sozialer Bewegungspolitik bestimmt bleibt. Die Kampagnenprofis von attac, die linksparteilichen SonntagsrednerInnen bis hin zu Resten der bewegungsnahen Grünen werden Vieles unternehmen, um die Zügel festzuhalten, damit sich Protestformen nicht „verselbständigen“.
Aber genau um eine solche „Verselbständigung“, oder besser gesagt, um eine Emanzipation von den „bewegungsinternen AufpasserInnen“ geht es. Soziale Bewegungen sind auch immer ein Terrain von „Richtungsauseinandersetzungen“; wer bestimmt unter welchen Vorzeichen mit welchen Ausdrucksformen und mit welchen Zielsetzungen die Protest-Szenerie.
Mehr:

Links zur Debatte um die Professionalisierung sozialer Bewegungen auf Schattenblick

Texte zu Elitenstrukturen ...

Zum nächsten Text über ein Update für anarchistische Theorie, dem ersten im Kapitel über Perspektiven der Anarchie


Diskussion über Massenpsychologie & Organisierung politischer Bewegungen (Live-Mitschnitt eines Seminars mit Jörg Bergstedt)

Links zu Alternativen ...

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Etliche Texte und Zitate sind mit, andere ohne Namen - das liegt zum einen daran, wie wir die Texte bekommen haben, zum anderen können die, deren Texte hier abgedruckt sind, auch selbst bestimmen ... Mail mit Begründung genügt und der Name wird, wenn das Argument überzeugt, gestrichen bzw. hinzugefügt.