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Fliegende Fetzen:  Emanzipatorische Streitkultur und die Steine im Weg dahin

"Was ist Streit? Streit ist eine sehr intensive Interaktion zwischen Menschen, eine Aus-ein-ander-setzung mit mir und anderen - die nicht per se als ,Gegeneinander' abgestempelt werden kann, wie es HarmoniesiererInnen teilweise tun."

Intro

Streit und Konflikte gehören zu Gruppenprozessen von unten selbstverständlich dazu - und das ist auch gut so! Ein Blick auf die derzeitigen Bewegungszusammenhänge verdeutlicht aber schnell, dass eine emanzipatorische Streitkultur nicht existiert: Anonymisierte Schlammschlachten; Leute, die sich einfach nur anpöbeln; Mackertum und Hahnenkämpfe. Daneben gibt es eine starke Tendenz, Konflikte zu verteufeln und statt dessen zu harmonisieren bis zum Abwinken ...
In diesem Text soll analysiert werden, warum Streit in der Szene so destruktiv verläuft und warum Harmonisierung niemals eine Lösung sein kann. Im Gegenzug versuche ich zu begründen, warum Streit ein wichtiges Element unseres Zusammenlebens und einer gegen Herrschaft gerichteten Bewegung ist. Und dann noch ein paar Anregungen zur Frage, wie eine herrschaftsfreie Streitkultur denn aussehen könnte.
Um einen falschen Eindruck zu vermeiden: Bedürfnisse nach Gemeinschaft und harmonischem Zusammenleben sind vollkommen in Ordnung und sollten auch offen ausgesprochen werden - absolut gesetzt bzw. als Selbstzweck ist beides politisch und persönlich fatal.

Streit um Harmonisierung

In Teilen politischer Bewegungen gibt es eine bis heute anhaltende Tendenz zur Harmonisierung. Harmonisierung meint: Streit wird zur Bedrohung für den Zusammenhalt der Gruppe aufgebaut und verklärt, denn real sind es ganz andere Probleme, die unser Zusammenleben unerträglich machen, wie z.B. Anonymisierung, patriarchale Rollenmuster, oder fehlende Sensibilität. Inhaltliche wie persönliche Auseinandersetzungen werden einer fragwürdigen "Wir"-Identität geopfert, einem Gemeinschaftsdenken, dass von jedem emanzipatorischen Anspruch abgekoppelt wird. Konflikte werden verdeckt statt ausgetragen. Es wird ein harmonischer (Quasi-)Naturzustand konstruiert, der durch Konflikte 'verschandelt' und zerstört wird. Wer Probleme offen thematisiert, wird zum Feind des verlogenen, harmonischen Zusammenlebens, unter dessen Deckmantel sich Abzocke, Verarschung und Unterdrückung abspielen.
Dazu passt auch ein esoterischer Boom seit Mitte der 70er, spürbar auch in linken Zusammenhängen: etliche Bücher, Seminare, Workshops, die uns raten, sich mit dem "eigenen Inneren" zu beschäftigen, "inneren Frieden zu finden". Statt der Verbindung von Selbstveränderung mit sozialer Umwälzung werden die Einzelnen auf sich allein zurück geworfen. Nicht in allen, aber in den Mainstream-Esoteriken werden Aggressionen, Wut, Hass und Konflikt als "böse" definiert und verdrängt, als gehörten sie nicht zu uns. Folge ist oft eine Ent-Politisierung, der Rückzug ins Private (Zweierkiste, Familie usw.). In den 80ern entwickelte Techniken zur Harmonisierung tauchen dabei immer häufiger in allen Bereichen der Gesellschaft auf - die "linke" Szene ist da keine Ausnahme: Moderation, Mediation, Beschwichtigungsrhetorik ("Jetzt streitet euch doch nicht so") und Konsensfixierung auf Sommercamps, überregionalen Treffen und Plena. Techniken, die längst zum Repertoire moderner, demokratischer Herrschaftssicherung gehören, d.h. von staatlicher Seite bewusst eingesetzt werden, um gesellschaftliche Widersprüche und (Klassen-)Gegensätze zu entschärfen (z.B. Ausbau Frankfurter Flughafen).
Die Folgen von Harmonisierung grundsätzlich sind immer ähnlich: Aggressionen werden unterdrückt und verdrängt. Ärgernisse summieren sich. Sehr häufig kommt es dann irgendwann zum großen Knall, bei dem sich aufgestaute Wut "entlädt" und Zusammenhänge bzw. persönliche Beziehungen auseinander krachen. Die Kritik ist aber noch weitergehender:

Kritik an Harmonisierung
Gründe für Harmoniesucht

Bei "CheckerInnen" mit heraus gehobenen Positionen stecken oft Herrschaftsinteressen dahinter: Unter Rückgriff auf das Zerrbild einer 'harmonischen' Gemeinschaft und Harmonisierungstechniken kann eine diskussionsfeindliche Atmosphäre erzeugt werden, in der sie ihre Interessen viel besser, reibungsloser von oben durchsetzten können. Die Betonung von Konsens als einzig denkbarer Entscheidungsmethode suggeriert dabei Gleichberechtigung. Bei den meisten Menschen liegen reale, verinnerlichte Ängste (z.B. vor Spaltung und Kritik) der Harmoniesucht zu Grunde. Durch Erziehung und Sozialisation haben viele von uns ein einengendes Richter- bzw. Bewertungsdenken drauf ("Was denkt der jetzt wohl über mich?"). Dieses zu überwinden ist ein Akt der Emanzipation von der Beurteilung durch andere, der jedoch nur Schritt für Schritt ablaufen kann und im Moment der Auseinandersetzung einer grundsätzlichen und mehr oder minder stark zum Ausdruck gebrachten Wertschätzung durch andere Bedarf. Bei allen Streits und Diskussionen sollte daher mitgedacht werden, dass es darum geht, konkretes Verhalten oder bestimmte Vorgänge, Abläufe usw. zu kritisieren, nicht, Menschen in ihrer Ganzheit anzugreifen - auf allen Seiten. Dazu gehört z.B. sensibles Formulieren von Wahrnehmungen statt verurteilend wirkenden Objektivierungen. Ebenso wichtig ist zu lernen, Kritik nicht als Angriff auf die eigene Person zu begreifen und deshalb "dicht" zu machen, sondern als solidarisches und konstruktives Moment des Zusammenlebens und Chance zur Selbstveränderung. Aus diesen Gründen ist es wichtig, eine freundschaftliche Atmosphäre herzustellen, zu erleben und sich gegenseitig zu vermitteln, unabhängig vom konkreten Tun "ok" zu sein. (Weiterführende Gedanken Vorschläge und Ideen finden sich im Kapitel "Kommunikation" des Organisierung "von unten"-Protokolls)

Wider der Harmonisierung: Streit ist eine Produktivkraft!

Sinnvoll wäre, sich das Motto der freien Softwarebewegung anzueignen und populär zu machen: Streit ist eine Produktivkraft! Neue Ideen und Erfindungen ergeben sich erst im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Anschauungen, unterschiedlicher Menschen. Konflikte schaffen die Möglichkeit individueller und kollektiver Weiterentwicklung, indem alte Positionen in Frage gestellt werden. Sie dienen außerdem der Klärung von Problemen und Positionen: Konflikte sind die Voraussetzung für Harmonie. Erst durch das Zusammenspiel, über die Auseinandersetzung der Menschen kann Harmonie, Einigkeit aktiv hergestellt werden - wenn mensch das denn haben möchte, was ja total in Ordnung ist! Diese Harmonie muss immer wieder neu erstritten werden ...
Ohne Streit, inhaltliche Debatte und Zoff ist keine Bewegung von unten zu machen - schon gar nicht die herrschaftsfreie Welt. Streit ist keine Bedrohung für ein nettes Miteinander, sondern ein wichtiger Teil davon - ohne den eine als "Frieden" getarnte Langeweile droht. Nun, hört sich ja vielleicht ganz nett an - doch nun ein Blick auf linke Bewegungsüberreste:

Die Steine im Weg: Wenn Linke sich streiten

Trotz aller Harmonisierung wird in radikalen Bewegungszusammenhängen zur Zeit immer noch viel gestritten. Deutlich ist aber, dass sich meist weder produktiv, noch emanzipatorisch noch freundschaftlich gezofft wird - ganz im Gegenteil. Kritik an der vorherrschenden Streitkultur ...

Die aufgezählten Punkte zeigen, dass nicht Streit und Konflikt an sich das Problem darstellen, sondern die gegenwärtige Form der Auseinandersetzung. Daraus ist nicht Harmonisierung abzuleiten, sondern jede Menge notwendiger Veränderungen. Andere Formen des Streitens und kreative Gruppenprozesse sind zu fördern, bewusst zu entwickeln und offensiv in Zusammenhänge zu tragen.

Grundzüge und Bedingungen für eine herrschaftsfreie Streitkultur

Wichtig ist, auch neue Formen für Diskussionen zu entwickeln, die diesen Ansprüchen gerecht werden, z.B. Fishbowl statt hierarchischen Podiumsdiskussionen oder dominanzförderndem Plenum. Bleibt zu hoffen, dass dieser Text weitreichende Streits entfacht. Lasst die Fetzen fliegen ... für eine herrschaftsfreie, solidarische und kreative Streitkultur!

Konfliktbearbeitung

Persönliche Konflikte sind nicht nur alltäglicher Teil sozialer Prozesse, sondern greifen auch tief in die Organisierung von Gruppen und Aktivitäten ein. Nicht selten werden politische Auseinandersetzung durch persönliche Anti- und Sympathien überlagert und zugespitzt. Daher ist die Auseinandersetzung über den persönlichen Umgang ebenso wichtig wie die Frage der politischen Organisierung. Ohnehin gilt: Organisierung von unten ist kein Spezifikum für politische Gruppen. Ob FreundInnenkreise, WGs, Betriebe, Lerngruppen oder was auch immer - der Abbau von Dominanzen und die Herstellung gleicher Handlungsmöglichkeiten für alle sind immer und überall Ziel emanzipatorischer Veränderungen. Daher gelten Grundlagentexte und methodische Hinweise für politische Gruppen ebenso wie im sogenannten "Privaten". Darüber hinaus gibt es etliche Methoden zur direkten Lösung zwischenmenschlicher Konflikte.

Mediation

Mediation ist eine Verfahrensweise zur Bearbeitung und Lösung von Konflikten. Dabei hilft eine von den Konfliktparteien allseitig akzeptierte Dritte Person, eine einvernehmliche Lösung für die Probleme der Konfliktparteien zu finden. EinE MediatorIn ist dabei keinE RichterIn, er/sie fällt kein Urteil; vielmehr strebt die Mediation an, daß die Konfliktparteien gemeinsam für alle tragbare Lösungen entwickeln. MediatorInnen treffen sich einzeln und gemeinsam mit den Konfliktparteien und versuchen, wieder eine direkte Kommunikation in die Wege zu leiten. Mediation orientiert sich an dem Gedanken, daß hinter Konflikten Bedürfnisse stehen, die nicht erfüllt werden. Bedürfnisse können verschiedenster Art sein, etwa materiell (Ökonomische Existenz, Zugang zu Arbeitsmitteln, ... ) oder psychologisch (Gemeinschaft, Selbstbehauptung, ...). Mediation will Positionen in einem Konflikt nicht moralisch bewerten, (gut/böse, richtig/falsch), sondern die dahinter liegenden Bedürfnisse offenlegen. Durch die Überwindung einer Ebene von gegenseitigen Vorwürfen und moralisierenden Positionen durch Erhellung der dahinter liegenden Bedürfnisse schafft Mediation wieder eine Basis für Kommunikation und gegenseitige Akzeptanz, die Grundlage für eine gemeinsame Lösung von Problemen bietet. Ziel der Mediation ist eine Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien, die von allen getragen und umgestzt wird. Mediation ist von ihren Grundprinzipien her an herrschaftskritischen Idealen orientiert. Sie sieht sich bewußt als Alternative zu Konfliktlösungsstrategien, die die Lösung an die Autorität einer Dritten Instanz abgeben, wie es etwa ein Gerichtsverfahren tut. Sie beruht auf dem Prinzip freier Vereinbarung, einem genuin anarchistischen Ansatz. Mediation hat ihren festen Platz überall da, wo Gruppen anstreben, in egalitären Strukturen gemeinsam zu leben und/oder zu arbeiten. Insbesondere wo Entscheidungen im Konsens gefällt werden und Konflikte nicht durch Mehrheitsentscheid oder andere autoritäre Lösungen übergangen werden können, kann Mediation eine große Hilfe sein.

Die Übertragung der Mediationsmethode auf politische Konflikte ist ein schwieriges Feld. Grundvoraussetzungen der Mediation sind die Freiwilligkeit der Teilnahme bei allen Beteiligten und die Bereitschaft, auf den Gebrauch von Machtmitteln zu verzichten. Versuche, etwa zwischen Bürgerinitiativen und dem Staat zu mediieren, sind Augenwischerei und haben mit den Grundideen der Mediation nichts gemein; wenn eine Partei Machtmittel wie Recht und Polizei auf ihrer Seite hat, mit denen sie den Konflikt jederzeit gewaltsam "lösen" könnte und damit "machtlosen" BürgerInnen entgegentritt, so kann kaum eine Situation entstehen, in der beide Parteien gleichwertig in einen Dialog eintreten. Andererseits kann etwa in Kriegssituationen oder bei ethnischen Konflikten Mediation durchaus auch im größeren Rahmen zur Lösung beitragen. Hier kann es auch in politischen Konflikten Situationen geben, wo die Voraussetzungen für Mediation gegeben sind.

Supervision

Supervision ist ein therapeutischer Ansatz zur Strukturierung, Reflektion von Gruppenprozessen. Ziel ist die Klärung und Bearbeitung von Konflikten in Teams, Arbeitszusammenhängen usw. Sie dient vor allem der Auflösung von Blockaden im Gruppenprozess und ist kein direktes Verfahren zur Entscheidungsfindung.

Bewertung:

Ähnlich wie die Mediation und jede Form der Moderation besteht die Gefahr der Manipulation. Emanzipatorische Momente und Qualitäten sind stark abhängig von der ausführenden, d.h. moderierenden Person.

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