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Coming Out für Linksradikale

Eine der zentralen Forderungen alter Revolutionen war die Aufhebung der Geheimdiplomatie.

Eine Forderung, die nie umgesetzt wurde und an deren Nichtumsetzung u.a. die Revolutionen gescheitert sind. Informationsmonopole, das Beschränken von Informationen auf bestimmte In­Gruppen, sind insbesondere in informellen Strukturen der anarchistischen und autonomen Linken ein oft genutztes Mittel zur Durchsetzung von Entscheidungen und zum Aufbau informeller Hierarchien.

In der BRD gibt es nur wenige Bereiche, in denen auf Grund der realen Repression eine solche Geheimhaltung notwendig ist (also dort, wo Dritte betroffen sind, bei der Arbeit im Ermittlungs-Ausschuß, bei der direkten Soli-Arbeit für Illegalisierte, usw.). Im Regelfall ist die Geheimhaltung aber sogar unter Sicherheitsgesichtspunkten eher kontraproduktiv, macht sie doch die klandestin organisierten Gruppen zur idealen Projektionsfläche der Medien und der Spitzelbehörden für alles Böse auf der Welt. Und vereinfacht so ihre Kriminalisierung. Außerdem schafft sie auf Grund des nicht mehr offen mit einander Umgehens/Sprechens eine Situation, in der es Spitzelbehörden und Spitzellinnen leicht gemacht wird, Gruppen zu zerstören, indem Personen durch gezielt gestreute Halbwahrheiten und Fehlinformationen gegeneinander ausgespielt werden. Zumindest werden die Gruppen dazu gebracht, sich primär mit sich selbst zu beschäftigen. Die größte Sicherheit gegen staatliche Repressionen bildet ein offener Umgang untereinander und eine Öffnung nach Außen, was auch den offenen Umgang mit Konflikten beinhaltet.

Ich rede hier nicht vom Verhalten in laufenden Ermittlungsverfahren, hier gilt immer: keine Aussage machen, zumindest nicht ohne Anwältln und Rücksprache mit der eigenen Gruppe. Dies ist aber die Ausnahme und nicht der politische Alltag.

Mir geht es hier um die Paranoia, die zum Teil aus der Computer- ­und Hackerszene in die Linke rüberschwappt und als Aspekt des sich Wichtigmachens über Geheimhaltung („Ich weiß was, was Du nicht weißt - Ätsch -!“) schon länger Element der link(sradikal)en Szene ist. Wieso soll ich meine Email unleserlich machen oder meinen Namen geheim halten, ich tue schließlich das Richtige als Anarchist, die SpitzelInnen sollen gefälligst unter ihren Abtretern bleiben und am besten auch dort verschwinden. Die Entwicklung von link(sradikal)er Politik hin zu politischem Klappensex halte ich für fatal. Das bewußte Besetzen öffentlicher Räume ist ein wesentlicher Bestandteil der Durchsetzung von politische Anschauungen. Die lesbische und die schwule Szene haben wesentliche politische Erfolge ihrem offensiven Coming Out zu verdanken. Wenn Link(sradikal)e heute den umgekehrten Weg gehen und beginnen, sich auf dem Klo zu verstecken, werten sie damit nicht nur sich selbst und ihre Position ab, sie werten auch die SchnüfflerInnen und andere Büttel der verschiedenen Repressionsdienste symbolisch auf.

Text von Jörg Djuren aus der Graswurzelrevolution Oktober 2005 (S. 18)

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