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Ausstellung

Organisierung von unten

Zur Debatte über "Organisierung von unten" der Hoppetosse-Mailingliste ++ Konkrete Vorschläge

Es funktioniert nicht, die zentrale Staatsmacht zu erobern und die Verhältnisse von oben neu zu ordnen. Die Macht hat viele Zentren und viele Gesichter; und im großen und ganzen müssen die versammelten Waffen des Alienismus zurückgedrängt, abgebaut, abgewickelt werden. Man kann sie nicht umstandslos für etwas Gutes einsetzen, ohne einen neuen Alienismus zu schaffen. Man muß die Macht, die Kompetenzen, die Entscheidugnsfreiheit an die Menschen zurückgeben.
Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns"

Stichwortprotokoll

vom Treffen 14.-16. September 2001 in Saasen
Bericht vom zweiten Treffen 2.-4.11. ++ Bericht vom vierten Treffen, Ostern 2002

1. Unsere Grundsätze einer „Organisierung von unten“
2. Warum funktioniert nix?

Hinweise: Die für die benannten Problempunkte aufgezählten Gegenstrategien der Organisierung von oben und von unten sind solche, die diese Probleme überwinden sollen. Daneben ist bei der Organisierung von oben weit verbreitet, daß die Probleme ganz bewußt belassen oder sogar erzeugt werden, als politischen oder Dominanzgründen. Als Organisierung von oben sind alle politischen Organisationskonzepte mit zentralen Gremien und ungleicher verstetigter Ressourcenverteilung (Geld, Befehlsgewalt, materielle Zugänge, Informationen usw.) gemeint – unabhängig davon, ob diese durch eine demokratische Wahl (Vorstand u.ä.), durch Selbstakklamation (Führungsgruppe) oder intransparent (dominante Zirkel) erfolgen.

2.1 Gesellschaftliche Konstruktionen (Sozialverhalten) wirken weiter
Organisierung von oben:
- Verregelung (z.B. Frauenquote)

Organisierung von unten:
- Allgemeine Analyse von Herrschafts- und Diskriminierungsmechanismen
- Aneignung, Anwendung und Weiterentwicklung kreativer Gruppenmethoden zum Abbau der gesellschaftlichen Konstruktionen und Steigerung der Handlungsfähigkeit (siehe Texte der Projektgruppe „HierarchNIE“ unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse)
- Verbindung der internen Diskussionen/Veränderungen mit nach außen gerichteter politischer Arbeit gegen soziale Konstruktionen

2.2 Sich „normal“ zu organisieren, scheint besser zu funktionieren
Org.v.o.:
-

Org.v.u.:
Muß wirksamer werden (nicht nur überzeugender, sondern auch wirkungsvoller, d.h. Organisierung von unten ist dann der sinnvolle Weg, wenn sie zwei Ziele verdindet – sich so zu organisieren, wie es emanzipatorischen Zielen entspricht („was wollen wir“) und wie es die Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit steigert („was nötig ist“).

2.3 Eigene Ohnmacht und unendliche Ressourcen von Staat und Gesellschaft. Irrelevanz und Marginalisierung der politischen Arbeit und der AkteurInnen (bzw. der Individuen und ihrer freien Zusammenschlüsse überhaupt)
Org.v.o.:
- Scheinmächtigkeit („religiös“, fanatisch, internalisierter Zwang)
- Pressegeilheit
- Minimalreformismus und Kooperationen mit Machtinstitutionen
- VertreterInnen der Macht in die eigenen Strukturen holen
- Eventhopping, Hype der Events

Org.v.u.:
- Prozesse erzeugen statt statische Ziele erreichen
- Flexible Handlungsfähigkeit erzeugen durch Aneignung von Methoden und Aktionstechniken
- Neue Handlungsfelder erschließen, z.B. Konzept direkter Aktion & Erregungskorridor, direkte Intervention im Alltag
- Subversion (Nutzen der Übermacht für eigene Ziele – Prinzipien japanischer Kampfkunst auf politische Auseinandersetzung übertragen)
- Visionen entgegensetzen und populär machen
- Raus auf die Straße, rein in die Gesellschaft („teachins“ statt Vorträge in Hinterzimmern, Drängen in öffentliche Räume mit Aktionen und Mitdiskutieren) ... statt Nischenbildung, Konspi-Gehabe usw.

2.4 Bedürfnis nach schnellen Erfolgen
Org.v.o.:
- Lobbyarbeit

Org.v.u.: (nicht diskutiert)

2.5 Unwillen zur kontinuierlichen Arbeit
Org.v.o.:
- Hauptamlichkeit

Org.v.u.: (nicht diskutiert)

2.6 Geringe Handlungsmöglichkeiten durch Einbindung der AkteurInnen in gesellschaftliche Zwänge (Arbeit, Ausbildung, Familie usw.)
Org.v.o:
- Hauptamtlichkeit

Org.v.u.: (nicht diskutiert)

2.7 Fehlende Phantasie, Verstellungskraft für Organisierung von unten, Alternativen zu gesellschaftlichen Zwängen
Org.v.o.:
- Verregelte Kurzzeitkreativmethoden (als Unterbrechung sonst starrer Strukturen)
- Einkauf von Kreativität von außen (Agenturen usw.)
Org.v.u.: (nicht diskutiert)

2.8 Angst vor Vielfalt, Dynamik, produktivem Streit
Org.v.o.: (das wird dort komplett nicht gewollt)
Org.v.u.: (nicht diskutiert)

2.9 Angst vor Repression, Eigenverantwortung/.initiative, Vereinzelung, Offenheit
Org.v.o.:
- Zu Repression (nur bei sich als radikal empfindendenden Gruppen): Konspi-Tick und intransparente Zuständigkeit
- Zu Eigenverantwortung: Schein-Eigenverantwortung durch Ämtervergabe, Einbindung in Apparate; ansonsten eher Zentralismus statt Eigenverantwortung/-initiative, z.T. durch den Begriff „Demokratie“ legitimiert
- Zu Vereinzelung: Cliquenbildung, Identitätskonstruktion, Vereinsmeierei, Uniformisierung
- Zu Offenheit: Mythos der Offenheit, z.B. bei Verbänden („hier kann jedeR mitmachen“ ... aber nur als StatistIn oder ZuarbeiterIn) oder im Begriff „antiautoritäre Linke“ für einen von Dominanzen und Machtkämpfen stark durchzogenen Zusammenhang von Gruppen

Org.v.u.: (nicht diskutiert)

Gesamter Text "Organisierung ... WIE GEHT DENN DAS?

ÜBERLEGUNGEN VON DEN WOCHENENDEN 15./16.09.01 & 1.-4.11.01 IN SAASEN

Vorweg: Dieser Text ist eine Art Protokoll einer Diskussion - also genau das Gegenteil von "Thesenpapier" u.ä. Viele Punkte sind inzwischen weiterdiskutiert, aber leider nicht als neuer Text festgehalten. Emanzipation im allgemeinen und "Organisierung von unten" als Umsetzungsversuch in der Struktur politischer Organisierung im speziellen sind immer ein Prozeß. Kritiken sind denn auch gern gesehen!
Hinzuweisen ist auf Debatten, die eng verbunden sind, z.B. Entscheidungsfindung von unten, Direct Action und kreative Antirepression.
Und: Auch etliche Formulierungen werden inzwischen als "mißverständlich", zu "schwarz-weiß" u.ä. gesehen.

Materialien zum Thema auf der Bestellseite ... (z.B. der Reader "HierarchNIE!")

1. Grundsätze für eine >>Organisierung von Unten<<

Übersicht:

Obwohl es nur so wimmelt von Gruppen, die sich "antiautoritär", "emanzipatorisch" oder "hierarchielos" bezeichnen, können wir in den allermeisten von ihnen intransparente, macker-artige Führungsstrukturen und Dominanzen entdecken.

Obwohl der Verfassungsschutz sogar 6000 Militante kennen will, passiert eigentlich nicht viel hierzulande.

Obwohl es in vielen Ländern seit einigen Jahren wieder eine größere soziale Bewegung gibt, die "Globalisierungsbewegung", mitsamt Pink-Silver Block und Reclaim The Streets, sind hierzulande keine größeren kreativen Aktionen zu verzeichnen. Und obwohl sie eine herrschaftsfreie Gesellschaft wollen, organisieren sich manche bewusst zentralistisch.

Wir glauben aber, dass sich all diese Gegensätze auflösen lassen, dass wir einiges verändern können. Dabei ist es wichtig, dass das Ziel, eine "freie Gesellschaft" nicht vom Weg abgekoppelt ist, dass die Befreiung nicht ein irgendwie, nach einer irgendwie organisierten Revolution zu vollziehender Akt ist, sondern im Jetzt und Hier beginnt. Deshalb ist eine emanzipatorische Bewegung "von unten" organisiert.

Der Grundsatz hierfür ist, dass es keinerlei Hierarchien gibt, das heißt wir sprechen von einer freien Kooperation gleichberechtigter Menschen, sowie Netzwerken gleichberechtigter Gruppen. Dabei behalten die Gruppen (Zusammenhänge, Organisationen) ihre volle Handlungsautonomie. Sie können nicht gezwungen werden, irgendwo mitzumachen, noch besteht in diesen Netzwerken und Bündnissen ein Konsenszwang. Verschiedene Positionen können nebeneinander stehen bleiben, ohne die gemeinsame Arbeit zu verunmöglichen. Denn die Idee des Konsens führt dazu, dass zum einen Inhalte entleert werden, bis mensch sich auf den kleinsten angeblich gemeinsamen Nenner geeinigt hat. Zum anderen führt ein durch Mehrheitsentscheide herbeigeführter Konsens meist dazu, dass diejenigen, die nicht dafür gestimmt haben, schlicht nicht mitmachen.

Damit einher geht die Herstellung eines diskriminierungsfreien Raumes. Obwohl mensch meinen möchte, dieser sei durch die Gleichberechtigung automatisch gewährleistet, ist dies in Wirklichkeit ein immer wieder bewusst und aktiv zu betreibender Prozess, da wir alle eine gewisse, aus unserer Normal-Sozialisierung mitgebrachte "Vergiftung" (soziale Rollen u. Konstruktionen) in uns tragen. Die HerscherInnen in uns abzubauen, gehört da dazu. Notwendig ist auch eine Atmosphäre, in der die Individuen sich trauen, abweichende Meinungen zu äußern, skurrile Vorschläge zu machen, oder Fragen zu stellen. Zu oft können wir erleben, dass solches Verhalten zu aggressiven Reaktionen bei den Anderen führt. Nicht zu letzt sollten diese wichtigen emanzipatorischen Ansätze, Positionen und Visionen offensiv nach außen getragen werden, um die Idee populär zu machen und alte Strukturen aufzubrechen.

Die Belohnung für die Anstrengungen einer solchen Organisierung, die zugegebenermaßen jeglicher gesellschaftlicher Sozialisierung entgegenläuft, sind ein spürbares Mehr an Vielfalt der Ideen und Lösungsvorschläge, und damit ein höheres Maß an Kreativität und eine unglaubliche Vermehrung der Handlungsmöglichkeiten der Gruppe und der Individuen. Die Stärken der einzelnen AkteurInnen kommen viel stärker zur Geltung, die Entfaltung wird gefördert. Dadurch, dass kein Konsenszwang herrscht, ist es möglich, viel flexibler zu agieren.

Der zweite große Vorteil ist, auch wenn viele das sich nicht vorstellen können, dass offene, undogmatische Strukturen viel schwerer dominier- und unterwanderbar sind. Für Spitzel verkompliziert sich die Situation, wenn eine offene, spontane Atmosphäre und eine persönliche Ebene zwischen den AkteurInnen existiert. Unspontanes, auswendig gelerntes Verhalten fällt viel eher auf. Wer viel laut plant, bringt Verwirrung in die Einschätzung, was davon ernstgemeint sein könnte. Auch müssen Spitzel in einer solchen Situation viel mehr von sich selbst offenbaren. Extreme Konspirativität ermöglicht auch dem Spitzel in seiner Anonymität zu verweilen. Sie behindert mehr, als sie schützt. Sollten andere Gruppen Interesse an einer Unterwanderung haben, gestaltet sich auch das viel schwieriger in einer Gruppe, in der alle Entscheidungen transparent und alle Vorgänge offen sind.
Diese Hauptanforderungen werden zum großen Teil von vielen Menschen sogar geteilt. Dennoch werden sie nicht umgesetzt. Selbst die VerfasserInnen befinden sich momentan nicht in einer überaus handlungsfähigen emanzipatorischen Gruppe.

2. Was funktioniert nicht, und warum funktioniert es nicht?

Gegen eine "Organisierung von unten"wird oft ins Feld geführt, dass diese nicht funktioniere, oder wenn, dann äußerst ineffizient; es wird auch richtig argumentiert, dass sich meist eben doch wieder Hierarchien einstellen, nur dann eben intransparent als "Mackerstrukturen" oder ähnlichem. Greenpeace, Attac und andere große, hierarchisch aufgebaute Organisationen erscheinen äußerst handlungsfähig und attraktiv, während der "Organisierung von unten" das Vorurteil der Mühseligkeit, des Chaotischen und Unübersichtlichen anhaftet.
Sich "normal", also hierarchisch zu organisieren, scheint besser zu funktionieren. Die Frage ist nur, zu welchem Preis! Denn die meisten emanzipatorischen Ansprüche müssen dabei zwangsweise über Bord geworfen werden, obendrein entpuppt sich so mancher Vorteil als Scheinvorteil, manche Effektivität als Scheineffektivität, mancher Erfolg als Scheinerfolg.
Die Organisierung von unten muss, um ihr Image loszuwerden und der hierarchischen Organisierung die schöne Maske herunterzureißen, wirksamer werden. Das bedeutet nicht nur, dass sie überzeugender wird, sondern dass sie auch die Verbindung der zwei Ziele leistet - sich so zu organisieren, wie es emanzipatorischen Zielen entspricht ("was wollen wir") und wie es Wirksamkeit und Handlungsfähigkeit steigert ("was nötig ist").
Wenn wir danach fragen, was nicht funktioniert und warum, so sprechen wir von Ansprüchen an die Organisierung und die Handlungsfähigkeit einer Gruppe, denen nicht genügt wird und die Gründe für diese Unzulänglichkeit.
Es werden zuerst der Problempunkt, dann die Gegenstrategien einer Organisierung von Oben (O.v.o.) und schließlich der Lösungsansatz für eine Organisierung von Unten (O.v.u.) genannt. Dabei ist es uns wichtig, dass diese Organisierung von Unten den unter Punkt 1 genannten Grundsätzen auch wirklich folgt. Die für die Problempunkte aufgezählten Gegenstrategien sind solche, die diese Probleme überwinden sollen. Daneben ist es bei der O.v.o. weit verbreitet, dass die Probleme ganz bewusst belassen oder gar erzeugt werden, sei es aus politischen oder Gründen des Dominanz- und Machtstrebens.
Als O.v.o. sind alle politischen Organisationskonzepte mit zentralisierten Gremien und ungleicher verstetigter Ressourcenverteilung (Geld, Befehlsgewalt, Zugang zu materiellen Ressourcen, Informationsmonopole) gemeint - unabhängig davon, ob diese durch demokratische Wahl (Vorstand oder ähnliches), Selbstakklamation (Führungsgruppe) oder intransparent (dominante Zirkel, unsichtbare Hierarchien) erfolgen.

2.1 Gesellschaftliche Konstruktionen und Mechanismen des Sozialverhaltens wirken weiter

Viele Menschen werden in diesem System krasser unterdrückt als andere. Dazu gehören beispielsweise Frauen, Homosexuelle oder ethnische Minderheiten. Auch gehen alle Menschen anders mit ihrer Unterdrückungssituation um. Je nach Charakter und Sozialisation reagieren die Individuen unterschiedlich auf Bevormundung, Dominierung, Herumkommandierung, Bestrafung und ähnlichem. Derlei Dinge haben wir alle erfahren: in der Schule, im Elternhaus, in der Uni, in der Arbeit, auf dem Spielplatz und so weiter. Immer wieder wurde uns beigebracht, wir seien unmündig, manchen mehr, manchen weniger. Das typische Verhalten, das mensch benötigt, um sich >>gegen andere durchsetzen<< zu können und >>im Kampf der Diskussion<< zu bestehen, ist, ebenso wie diese Logik, ein patriachales Mackertum: Laute, am besten tiefe Stimme, >>harte<< Argumente, rhetorisch gute, grammatikalisch und anderweitig fehlerfreie, akzentfreie Sprache, Erniedrigung des Gegners, verbale Intrigen, bedrohliche Gestik und Gebärde.
Dadurch werden Menschen, die diese Mittel nicht beHERRschen oder als in der gesellschaftlichen Hierarchie tieferstehend sozialisiert sind, also gelernt haben, dass sie nichts zu sagen haben oder sich nichts sagen trauen, davon abgehalten, sich einzubringen, oder ihr Beitrag wird im Vergleich zu dem der dominierenden Personen nicht als gewichtig wahrgenommen, relativ unabhängig von der inhaltlichen Qualität.
Symptome sind die in den meisten Gruppen vorhandenen "SchweigerInnen" und VielrednerInnen", sowie die Tatsache, dass manche "alles" tun und andere gar nicht aktiv sind. Die resultierende Überlastung einiger und Passivität anderer führt zur (teilweisen) Handlungsunfähigkeit der Gruppe, vor allem verglichen zu dem Potential, dass in einer gleichberechtigten Aktivität aller entstehen würde.

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

2.2 Eigene Ohnmacht gegenüber unendlichen Ressourcen von Staat und Gesellschaft; Irrelevanz und Marginalisierung der politischen Arbeit und ihrer AkteurInnen, der Individuen und ihrer freien Zusammenschlüsse überhaupt

Politische Arbeit erscheint uns manchmal wie ein endloses Rennen gegen eine Mauer, die einfach nicht einfallen will. Ich kann zwanzig Reihen von PolizistInnen durchbrechen, nur um auf die einundzwanzigste Reihe zu stoßen; der Castor kommt letztlich auch jedes mal durch; Gelungene Aktionen haben eventuell die Verschärfung der Repression zu Folge. Die meisten Aktionen, können ohnehin nur symbolisch sein, wirkliche Veränderung können wir uns meist nicht erhoffen, wenn wir Glück haben, denken ein paar BürgerInnen zwei Minuten darüber nach.
Dieses Gefühl von Ohnmacht und Marginalisierung, die Unerreichbarkeit der Ziele, Wünsche und Träume lässt viele Aktionspläne in der Schublade verstauben, da schlicht die Motivation fehlt, bei scheinbar so wenig Anreiz, etwas zu tun. Einer der wenigen Bereiche, wo dies anders ist, ist der antifaschistische Kampf, da auch die Nazis keiner scheinbar unerschöpflichen Ressourcen haben, direkt konfrontiert, frustriert und "besiegt" werden können. Diese Aussicht auf Erfolg macht den Anti-Nazi-Kampf sehr attraktiv.

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

2.3 Bedürfnis nach schnellen Erfolgen

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

Radikale Forderungen und Erfolge kommen von unten. Das erkennen auch einige "von oben" Organisationen, zum Beispiel zentralistische marxistische Gruppen oder Greenpeace.

2.4 Unwillen zu kontinuierlicher Arbeit

Eine Schwierigkeit, die auftritt, wenn mensch mit anderen Menschen arbeitet, liegt darin, dass sie schnell das Interesse an etwas verlieren, was sicherlich auch mit der Sozialisation in einer Zeit der Hochgeschwindigkeit zu tun hat. Das andere ist ein gewisse Unzuverlässigkeit, die auftritt, wenn die gewohnten Regeln und Zwänge wegfallen. Es ist nicht das eigene Geld, das eigene Eigentum, es gibt keine Sanktionierung, wenn mensch etwas nicht tut. Als Resultat stellt sich eine gewisse Passivität und Lähmung ein.
Ein anderer Grund für Unlust zu kontinuierlicher Arbeit liegt in der Aussichtlosigkeit, in der Erfolglosigkeit, des Erlebens der eigenen Handlungsunfähigkeit. Es macht schlicht keinen Spass, etwas zu machen, wenn nichts dabei herauskommt. Und Spass ist ein wichtiger Bestandteil der Motivation für ehrenamtliche Arbeit.

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

2.5 Geringe Handlungsmöglichkeiten durch Einbindung der AkteurInnen in gesellschaftliche Zwänge (Arbeit, Familie, Ausbildung usw.)

Nur sehr wenige Menschen sind nicht dem täglichen Verwertungs- und Reproduktionszwang unterworfen. Die meisten von uns müssen entweder in die Schule oder Universität, arbeiten oder den Haushalt machen und die Kinder betreuen. Zwischen den einzelnen Abschnitten (nach Uniabschluss, nach Schulabschluss) oder im Renten- oder Kindesalter sind die einzigen Perioden, in denen mensch sich dem widmen kann, was er/sie gerne machen würde (innerhalb des vom System Gesetzen Rahmens). Das erschwert wichtige politische Arbeit. Wer wöchentlich nur eine Stunde Zeit dafür hat, kann keine großen Aktionen auf die Beine stellen.

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

2.6 Fehlende Phantasie, Vorstellungskraft für Organisierung von unten und Alternative zu gesellschaftlichen Zwängen

Dieser Punkt ist in mehrere Teile aufzuspalten. Einerseits (1) mangelt es den AktivistInnen, und denen, die es gerne wären, tatsächlich an Phantasie bezüglich ihrer Aktionsmöglichkeiten, zum zweiten (2) gibt es Probleme bei der Realisierung des Ausgedachten, die auch an mangelnder Vorstellungskraft liegen, und zuletzt (3) fehlt die Vorstellung davon, dass und wie Organisierung und Aktivität überhaupt anders sein könnten Deshalb richten sich auch die Gegenstrategien auf die drei Aspekte getrennt aus, wobei aber klar, ist, dass alles natürlich miteinander zusammenhängt.

a) Lösung von Oben:

"Von oben" organisierte haben natürlich das Problem, dass sie sich keine frei-kooperative Organisierungsform vorstellen können (Punkt 3) , nicht, da sie das gar nicht wollen. Für die beiden anderen Probleme haben vor Allem die ganz großen Organisationen (etwa Greenpeace) ziemlich einheitliche und typische Lösungen, während die kleineren HierarchistInnen (z.B. Linksruck) meist gar nicht in der Lage sind, diese Probleme zu lösen.


b) Lösung von Unten:

(1) Für die Basisbewegung ist der Mangel an Kreativität ein deutliches Zeichen, dass kein Kontakt zu künstlerischen Kreisen und alternativen Szenen besteht. Wo dies passiert, wie etwa bei ReclaimTheStreetsLondon mit der Raverszene, oder dem Pink-Silver-Block mit Transgenders und KünstlerInnen, kommen deutlich skurrilere, interessantere, phantasievollere und wirkungsvollere Widerstandsformen heraus. Womit also muss eine O.v.u. beginnen, um überhaupt einen Ansatz für eine solche Zusammenarbeit zu bieten, attraktiv zu werden?

(2) Oft erleben wir, dass gute Ideen für alle möglichen politischen Bereiche vorhanden sind, allerdings die Umsetzung für nicht möglich gehalten wird, oder bestimmte Aspekte der Realisierung unklar bleiben: "Aber was machen wir, wenn...?" Auch hier ist Flexibilität wichtig. Gemeinsam lässt sich meist eine Lösung finden, wenn mensch sich von den vertrauten Denkpfaden herunterwagt.

(3) Natürlich ist es kein Wunder, dass die Mittel am Ziel vorbeigehen, wenn die Auswahl der Mittel sehr gering ist, weil mensch keine anderen kennt. Deshalb ist eine Öffentlichkeitsarbeit innerhalb der Bewegung, die für andere Vorgehensweisen eintritt, unerlässlich. Die Arbeitsweise von Pink-Silver, nämlich das Einsetzen von Irritation und Subversion (auch bei "Linken"!), könnte richtungsweisend und viel breiter eingesetzt werden. Darum ist es für emanzipatorische Ansätze wichtig, dass sie öffentlich vertreten werden: in Bündnissen, durch Medienarbeit, in Vernetzungstreffen usw. Dabei können wir natürlich niemenschen vertreten außer uns selbst, und auch das ist wichtig deutlich zu machen. Alle sprechen immer nur für sich, niemensch kann für andere Menschen sprechen. Das ist zwar eine harte Nuss, und wir dürfen damit rechnen, uns erst mal unbeliebt zu machen und gegen einiges an Mackerstrukturen kämpfen zu müssen, aber es ist unsere Stärke, dass wir Situationen, die wir erkennen, auch gleich zur Sprache bringen. Das heißt, dass Mackerigkeit, Überheblichkeit oder Stellvertretertum von uns angesprochen werden, wenn wir sie erleben. Und so können wir Stück für Stück in mühseliger Kleinarbeit emanzipatorische Freiräume schaffen. Darüber dürfen wir unsere inhaltlichen Beitrage natürlich nicht vergessen. Irgendwann wird sich vermutlich der eine oder die andere für unsere Ideen interessieren. So kann ein Stück Handlungsfähigkeit auch bei den anderen erreicht werden. Belehrung wäre die falsche Methode. Streit und Irritation behandeln die Gegenüber als gleichberechtigte Menschen. Das ist wichtig.

2.7 Angst vor Vielfalt, Dynamik und produktivem Streit

Diese drei Aspekte gehören zu jenen Dingen, die wir auf jeden Fall brauchen und wollen. Vielfalt, Dynamik und produktiver Streit gehören zu einer emanzipatorischen, gleichberechtigten, selbstorganisierten und kreativen Bewegung. Sie lebt praktisch von Veränderung, welche wiederum auf jenen drei Aspekten aufbaut.
Angst vor Streit haben verschiedene Typen Mensch. Für uns sind zwei Kategorien wichtig. Diejenigen, die ihren Machtverlust zu befürchten haben, und diejenigen, die harmoniesüchtig sind. Deshalb sind verschiedene Taktiken zur Überwindung erforderlich.
Dass mensch Streit schlecht findet und einem Harmoniezwang verfällt ist allerdings nicht verwunderlich. Eigentlich beinhaltet dieses Verhalten noch eine Menge anderer Ängste. Denn die Welt "da draußen" erscheint uns oft als kalt und bedrohlich, wir haben Angst, alleine dazustehen. Einheit erscheint uns als Stärke, gibt uns Geborgenheit. Die meist aggressiven und destruktiven Streits, die patriarchisch geführt werden, also mit der Erniedrigung des/der GegnerIn zu tun haben, erinnern uns an die gesellschaftliche Kälte, die uns umgibt, wir fallen dann in ein ziemliches Loch. Und das ist nachvollziehbar. Die meisten Streits, die auch in unseren "linken Sphären" so ablaufen, sind Machtkämpfe und Verleumdungen. Dazu kommt dann ein selbstauferlegter Konsensdruck und Einigungszwang, der alles nur noch schlimmer macht. Und was nicht gegeneinander ausgetragen wird, wird "hintenrum" ausgetragen. Eine solche Atmosphäre verdirbt leicht die Lust am Streiten.
Angst vor Vielfalt und Dynamik ist meist eine Angst vor dem ungewissen Chaotischen, die Angst, dass dann alles aus dem Ruder läuft, unübersichtlich wird, und das ist natürlich eine Angst vor Kontrollverlust.
 

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

2.8 Aktiv gegen Repression

Ob bei Aktionen gegen Herrschaft und Verwertung im Ganzen oder dem Protest gegen Diskriminierung, Umweltzerstörung usw. – immer steht der Staat und die herrschende Rechtsordnung mit seinen Organen gegen uns. Die drohende Gewaltanwendung reicht vom Bullenknüppel bis zur Gefährdung von Ausbildung oder Arbeitsplatz, Druck im sozialen Umfeld oder psychische Einschüchterung. Angst vor solcher Repression kann zur Handlungsunfähigkeit führen. Um das zu verhindern, ist es nötig, die Folgen abzuschätzen, Hilfe, Solidarität und Schutz zu organisieren und zu lernen, mit umzugehen mit dem Ziel, aus der Ohnmacht auszubrechen, handlungsfähig zu bleiben, vom Opfer zum/r AkteurIn zu werden. Selbst im Gerichtssaal, auf der Polizeiwache und im Knast gibt es Möglichkeiten, Inhalte zu transportieren und weiterhin aktiv zu bleiben, leichter ist es bei der Festnahme, im Bullenkessel, vor Bullenketten usw.
Ziel ist ein doppeltes: Zum einen verschafft die Handlungsfähigkeit Chancen der Vermittlung Herrschaftsverhältnissen nach außen, zum anderen hilft sie gegen Ohnmachtsgefühle und Einschüchterung. Daher greifen Antirepression (Repressionsorgane und –handlungen attackieren oder demaskieren) und Repressionsschutz (Schutz vor den Folgen der Repression wie Strafen) ineinander – die Antirepression hilft gegen das fatale Ohnmachtsgefühl, das Ausgeliefertsein gegenüber der Staatsgewalt, in der dann dem Druck z.B. zu Aussagen nachgegeben wird. Und der Repressionsschutz, also das Wissen um Unterstützung und Solidarität, hilft beim offensiven Umgang mit der Repression.
All das wird einfacher zu erreichen sein, wenn Gruppen und AkteurInnen, die Rechtshilfe und Repressionsschutz organisieren, mit denen kooperieren, die kreative Antirepressionsideen entwickeln und trainieren. In Broschüren, auf Internetseiten, bei Infoveranstaltungen und Seminaren sollten immer beide mit dabei sein und sich ergänzen – denn zu einer emanzipatorischen Politik gehört beides: Der Schutz vor und der gut nach außen vermittelte Angriff auf Repression!

a. Angst vor Überwachung

Oft führt bereits die Erwartung von Überwachung in Form von Wanzen oder Spitzeln zu Einschränkungen der Vernetzung, der Tranzparenz usw. Soziale Kontakte in politischen Gruppen werden eingeschränkt, was Dominanzen und Unsicherheit fördert. Der Staatsapparat tut also nichts, außer die Gewissheit zu streuen, daß es den Verfassungsschutz, den Staatsschutz, Überwachung usw. gibt - und erzielt damit Wirkung: Konspirativität statt Tranzparenz. Veränstigung statt Kreativität. Dominanz statt Offenheit. 
Wichtig ist daher das Abwägen zwischen den tatsächlichen Risiken und dem Nutzen in  Form von mehr Menschen die informiert und aktiv sind. Zum Beispiel die Frage was die staatliche Seite mit den Informationen tatsächlich anfangen könnte oder in wieweit mehr Personen die Aktion bereichern würden.
Gefahr „von oben“: Konspirativität kann Dominanzen massiv steigern, wenn Strukturen auch innerhalb der Gruppe nicht mehr gleichberechtigt einsehbar und Informationen zugänglich sind. Zudem fördert Konspirativität die Gefahr der Bespitzelung: In einer anonymen und ernsten Atmophäre fällt es besonders leicht sich bedeckt zu halten und genau heraus zu filtern was geplant ist.
Chance „von unten“: Eine politische Gruppe muß auch eine soziale Gruppe sein – also mit der direkten Beziehung zwischen Menschen, mit Offenheit und dem Willen zur Gleichberechtigung. Das kann Ängste abbauen. Wer den Umgang mit Repression diskutiert, Handlungsmöglichkeiten auslotet und trainiert, baut einen Teil der Angst und Unsicherheit ab. Ständige Konspirativität zerstört Vertrauen, hemmt Aktivität und Kreativität. Davon unabhängig ist, daß bei bestimmten Aktionen keine Transparenz möglich ist – das aber ändert nichts daran, daß eine emanzipatorische politische Bewegung grundsätzlich offen, gleichberechtigt und in direkter, sozialer Interaktion organisiert sein soll.

b. Angst vor schlagenden Bullen, Strafen und dem „längeren Hebel“ der Justiz

Keine Frage, diese Angst ist begründet und nachvollziehbar. Manchmal verbergen sich dahinter aber ein übertriebenes Bild der Gesetzeslage und Horrorgeschichten, oft aber auch die Unsicherheit und Angst vor Bullen, Knästen usw. sowie fehlende Ideen und Übung, damit umzugehen.
Wichtig ist es zum einen, die eigenen Rechte und Möglichkeiten  zu kennen (wielange muß ich höchstens in Gewahrsam sitzen, wie bekomme ich Kontakt nach außen ...) und diese gegenüber der Polizei o.ä. auch klar zu vertreten. Zum anderen hilft, auch weiter die Inhalte, die mensch mit der vorangegangenen Aktion transpotieren wollte, deutlich zu machen. Zumindest Festnahme, Kontrollen, Personalienaufnahme oder Gerichtsprozeß laufen öffentlich und sind somit weiter Teil der Aktion. Selbst auf dem Polizeirevier oder im Knast können weiter Inhalte vermittelt werden – sie erreichen andere Gefangene und helfen einem selbst, sich nicht vollständig handlungsunfähig und ausgeliefert zu fühlen. Politische Vermittlung und Antirepression haben aber nichts mit Aussagen zu tun. Die Fragen der Bullen können höchstens Anlaß sein, eigene Themen zu setzen, niemals dagegen sollten „Anna und Athur“ Namen, Tathergänge schildern, über sich oder andere reden usw. Doch das schränkt kaum ein – vom antistaatlichen Lied, Brecht- oder Mühsam-Gedicht bis zu lautem Nachdenken über das beschissene Leben von Bullen in der Herrschaftsstruktur ist alles möglich. Oder einfach Blödsinn: Die laufende Waschmaschine oder der hungernde Hund zuhause (am besten, wenn mensch sowas gar nicht hat!).
Gefahr „von oben“: Kreative Antirepression, also der offensive Umgang mit den Organen der Repression, darf nicht zu Leichtsinn führen. Bullen und Spitzel trainieren Verhörmethoden. Es gibt „gute“ und „böse“ Bullen. Beide wollen Dich für sie gewinnen. Daher: Klar eine eigene Strategie durchziehen (am besten vorher in der eigenen Gruppe üben – und immer wieder hinterfragen), sonst aber lieber schweigen! Schweigen ist immer richtig! Antirepression soll die Handlungsmöglichkeiten erweitern, mehr vermitteln – aber das Schweigen bleibt als Möglichkeit immer da! Kreative Antirepression verstärkt Dominanzen und die Gefahr der Kriminalisierung, wenn scheinbare „HeldInnen“ andere zu Experimenten verführen, ohne das eine politische Auseinandersetzung und das Training stattgefunden haben. Zudem kann Antirepression im Einzelfall Aggressionen bei Bullen oder RichterInnen schüren. Das muß Teil der Trainings und Diskussionen sein – in gut überlegten Fällen kann das sogar gewollt sein.
Chance „von unten“: Trainings und Diskussionen zu Antirepression helfen, sich handlungsfähig zu machen, sich  immer der eigenen Position gewiss zu sein und diese zu artikulieren. „Ich bin hier nur für einen begrenzten Zeitraum, die staatliche Seite ist in den Strukturen gefangen“ kann auch mental befreiend wirken gegenüber der ausschließlichen Reduzierung auf das schweigende Opfer von Repression. Wichtiger aber ist noch die Chance, Repression selbst zum Ausgangspunkt politischer Arbeit zu machen

c. Repressionsschutz

Wichtig sind die Rechtshilfestrukturen wie Ermittlungsausschüsse (EAs) oder die dauernde politische Arbeit z.B. von Roter oder Bunter Hilfe. Seminare, Vorträge, direkte Beratung und Mitwirkung in Vorbereitungsgruppen von Aktionen sind sinnvoll, um Hilfestellung zugeben und die Agierenden zu stärken. Hinzu kommen finanzielle und juristische Unterstützung sowie das Wissen, daß nicht alleine mit der Repression klar kommen muss. 
Gefahr „von oben“: Wenn Repressionsschutz intransparent erfolgt und die, denen die Hilfe gilt, in Abhängigkeit beläßt statt ihnen Handlungsmöglichkeiten und Solidarität zu vermitteln, werden Dominanzen verstärkt. Dieses ist zur Zeit immer wieder Praxis des Repressionsschutzes – z.B. in der Reduzierung auf Anweisungen, Hinweisen für „richtiges“ Verhalten und der Weitergabe einer Telefonnummer ohne genaue Information, was dahintersteht. Das bringt die AktivistInnen in ein doppeltes Ausgeliegertsein – dem Staat und der Hilfe von „irgendwo da draußen“ gegenüber. Noch schlimmer wird das, wenn Solidarität und Hilfe selektiv sind, also AktivistInnen nicht mehr sicher sein können, ob sie solche erhalten – z.B. weil sie ungeliebten politischen Strömungen angehören. Viel schlimmer als die intransparente, nicht die Handlungsmöglichkeiten der AkteurInnen selbst stärkende Form des Repressionsschutzes ist kein Repressionsschutz. Vor allem große NGOs, die zudem meist staatsorientierte Positionen vertreten (und damit die repressionsausübende Instanz bejahen), informieren ihre AktivistInnen oft gar nicht zu diesem Thema.
Chance „von unten“: Repressionsschutz gehört zu einer widerständigen politischen Bewegung dazu. Die Menschen, die sich um solchen kümmern, sind wichtiger Teil des Ganzen. Wenn sie sich als solche auch in den Aktionsvorbereitungen bewegen, können sie viel dafür tun, daß Vertrauen entsteht und Menschen selbstbestimmt entscheiden können, welche Aktionen sie umsetzen wollen. Daher sollten sich Rote und bunte Hilfe sowie alle anderen, die sich um Repressionsschutz kümmern wollen, offensiv in die Diskussionen um Aktionen einbringen, direkte Kontakte knüpfen und direkte Rücksprachen mit Aktionsgruppen schon vor den Aktionen treffen. Das setzt Vertrauen voraus – und das wiederum entsteht nicht allein über eine Telefonnummer auf dem Unterarm.

d. Trainings, Infrastruktur und Diskussionen für den Umgang

Den Umgang in Verhören, im Gerichtssaal, bei der Festnahme usw. sollte mensch trainieren und diskutieren, z.B. auf Camps, in Seminaren und Basisgruppen, Freundeskreisen, AKs usw. Das alles sind eine gute Gelegenheiten, sich Methoden anzueignen und sich selber auszutesten. Bei Aktionen können Info- und Trainingscenter/-treffpunkte geschaffen werden, wo Menschen vorher und währenddessen üben können, Informationen über Aktionsmöglichkeiten, die Örtlichkeit (Stadtpläne mit Markierungen), Rechtshilfe, Anlaufpunkte usw. bekommen. Auch hier gilt wieder, daß Transparenz hilft, Konspirativität viele Menschen in der Ohnmacht beläßt und Dominanzen stärkt.
Gefahr „von oben“: Trainings dürfen nicht zum Machbarkeitswahn verleiten, außerdem wäre eine ausschließliche Fixierung auf den Umgang mit Repression stark einschränkend für die politische Arbeit.
Chance „von unten“: Mit den Möglichkeiten, die Subversion, Vermittlung, passiver Widerstand usw. bieten, können Repressionsmaßnahmen zur zweiten Aktion (nach der Aktion, die zur Repression führte) gemacht werden. Das bietet große Chancen, stärker Öffentlichkeit zu erreichen und gerade die hinter Castoren, Nazis, Banken, Abschiebungen usw. stehenden Macht- und Verwertungsinteressen zu genennen, also nicht beim Ein-Punkt-Bezug stehen zu bleiben. Die Repression ist eine Attacke der institutionalisierten Herrschaft auf die Kritik in der Sache – sie offenbart daher die Interessen, die hinter dem Kritisierten stehen. Das ist eine Riesenchance! Kein Bullenübergriff, keine Verhaftung, kein Prozeß und kein Tag Knast sollten mit ungenutzt vorübergehen. Sie bieten Ansatzpunkte für grundlegende Kritik und sogar für die Vermittlung von Visionen, denn wer Bullen und Knast ablehnt, wird auch insgesamt eine herrschaftsfreie Gesellschaft wollen!

e. Repressionsstrukturen und –maßnahmen angreifen

Nötig ist ein politischer und offensiver Umgang mit Repression, in dem auch der staatliche Repressionsapparat als solcher kritisiert wird, da dieser die herrschenden Verhältnisse mitproduziert und stabilisiert. Der Angriff auf Repression kann nicht nur dann erfolgen, wenn wir selbst betroffen sind. Knäste, Gerichte, Bullen, Überwachung, Ordnungsbehörden und Abschiebung sind immer grausam und Symbole einer herrschaftsförmigen Gesellschaft. Sie anzugreifen, kann Macht symbolisieren – in Einzelfällen (Befreiung von Abschiebehäftlingen u.ä.) sogar Menschen direkt helfen.
Gefahr „von oben“: Offensive Antirepression würde, wenn sie tatsächlich breiter stattfindet, Reaktionen zeigen – und zwar auch seitens der Staatsmacht, die keine Lust hat, wenn ihre VS-Kontaktbüros in den Städten auffliegen (alle MitarbeiterInnen auf Fotoplakaten, die Büros und Autos ständig per Farbbeutel markiert ...), Bullenfahrzeuge platte Reifen oder Buttersäure im Kühlergrill haben, Gerichtstüren zugeklebt oder Wände verziert sind, Prozesse zu politischen Aktionen werden sowie Knäste mit Bildern und Parolen, Blockaden und Aktionen in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte gezerrt werden. Diese Zuspitzung von Repression muß bedacht werden, ohne sich dadurch einschüchtern zu lassen. Denn die Reaktion des Staates ist auch ein Zeichen, daß es ihm wehtut – und das ist, wenn verbunden mit öffentlicher Vermittlung, schließlich ein Ziel.
Chance „von unten“: Repressionsstrukturen sind eines der offensichtlichsten Merkmale von Herrschaftssystemen. Hier wird deutlich, daß Herrschaft nicht auf Akzeptanz und Zustimmung baut, sondern Kontrolle und Unterdrückung braucht – auch und gerade in der Demokratie, wo der Mythos gestreut wird, die Regierung handele im Auftrag der Menschen. Tatsächlich ist sie die Elite des „Volkes“ – und Volk ist ein Konstrukt, daß von oben organisiert ist und bestimmt ist. Die Menschen müssen über ökonomische Abhängigkeit, mentale Zurichtung und Repressionsdrohung und –anwendung zu Rädchen im System geformt werden. Der Angriff auf diese zentralen Orte der Herrschaftsausübung (neben Repressionsorgane und Behörden noch Schulen, Unis, Betriebe, Arbeitsämter, Militär usw.) eröffnet Debatten, die über Ein-Punkt-Bezüge hinausgehen und visionäre Ziele vermitteln können. Das ist eine große Chance, eine Ausdehnung von Aktionen auf diese Ziele für eine emanzipatorische Politik sehr wichtig.

f. Antirepression und neue Interessierte?

Politische Arbeit soll so angelegt sein, daß sie offen ist, daß mehr Menschen aktiv werden können, daß Befreiung zu einem Prozeß mit immer mehr AkteurInnen wird. Kann kreative Antirepression dazu beitragen?
Gefahr „von oben“: Wer neu in politische Zusammenhänge kommt, wird aktive Antirepression vielleicht als Überforderung wahrnehmen. Angst und Respekt vor Uniformierten sind vorhanden. Menschen, die scheinbar furchtlos diese symbolisch, subversiv oder direkt attackieren, könnten so wirken, als würden sie „in einer anderen Liga spielen“. Zudem kann das Gefühl aufkommen, immer perfekt vorbereitet zu sein – was Vorsichtsmaßnahmen vergessen läßt. Selbstüberschätzung droht dann.
Chance „von unten“: Kreative Antirepression muß begründet, geübt und immer wieder reflektiert werden. Es geht nicht (nur) darum, immer „besser“ zu werden, sondern auch solche Aktionsformen zu einem Teil selbstbestimmter Politik zu machen. Wer sich Handlungsmöglichkeiten aneignet, kann Ängste überwinden und Selbstvertrauen gewinnen. Kreative Antirepression z.B. in Gerichtssälen oder bei Festnahmen/Kontrollen bietet zudem auch für die AkteurInnen die Chance, sich mit Visionen jenseits vom Staat auseinanderzusetzen – angesichts der weitverbreiteten Rufen nach mehr Repression (härtere Strafen für Nazis und Vergewaltiger, internationaler Strafgerichtshof usw.) und damit mehr Herrschaft wäre das eine wichtige Debatte. Die visionäre Debatte kann dabei auch Menschen aus der unreflektierten Gefolgschaft staats- und herrschaftsbejahender Gewerkschaften, Kirchen, NGOs und Parteien bzw. der reinen Zuarbeit für zentrale Kader- und Aktionsgruppen herausholen und sie für eine emanzipatorische Politik gewinnen. Wichtig ist in jedem Fall, neuen AkteurInnen die Möglichkeiten von kreativer Antirepression UND Repressionsschutz transparent zu machen (Seminare, Trainings, Infoveranstaltungen, Broschüren usw.).

2.9 Angst vor Vereinzelung, Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Offenheit

"Linke" Gruppierungen haben oft was von "Ersatzfamilie". Ansonsten aber drücken sich die meisten um wichtige (Drecks-) Arbeit. Die Gruppe als solches bleibt unter sich, mit neuen müsste mensch sich ja Mühe geben. Das führt dazu, dass politisch Interessierte auf einer langen, mühseligen Suche sind, bis sie einen Zusammenhang finden, der zu ihnen und zu dem sie passen. Die politische Arbeit der Gruppe auf der anderen Seite wird wie Briefmarkensammeln betrieben. Wenn mensch mal Zeit und Lust hat, gibt mensch sich Mühe, auch mit der Zuverlässigkeit und Anwesenheit. Sonst ist das Treffen vor Allem ein lustiger Kaffeeklatsch, am besten im Hinterzimmer vom Infoladen: so findet eineN niemensch, die Gruppe plant nichts konkretes, auch sonst passiert nix, aber mensch fühlt sich wohl. Gut, das ist jetzt ein krasses Klischee. Viel anders geht es in vielen Vereinigungen aber tatsächlich nicht ab. Professionelle, große Organisationen haben dafür natürlich ihre eigenen Lösungsideen.

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

2.10 Kommunikation

Nicht statt findende oder falsch laufende Kommunikation in der Gesellschaft, aber auch in "unseren" Zusammenhängen, wird immer wieder als Problem benannt - bei genauerem Hinsehen mit vielen verschiedenen Hintergründen: Das Verhalten in Diskussionsrunden ist oft sehr mackerhaft geprägt, das heißt, sie folgt patriarchalen Sieg-Niederlage-Logiken ("jemanden platt machen" usw.), es geht ums Gewinnen, nicht um produktiv-inhaltlichen Austausch. Zu oft geht es gar nicht um Meinungsaustausch, Debatte oder Ähnlichem, sondern um die Wirkung im (schweigenden) Publikum; eine "Arenaatmosphäre" entsteht, die ganze Diskussion verkommt zu einem "verbalen Schwanzvergleich".
Dazu kommen vielfach belehrungsartige, von oben herab sehende Kommunikationsformen, Dominanzrhetorik - vor allem gegenüber Frauen, Jüngeren und neuen Leuten, denen z.B. auf Plena immer wieder mit Arroganz und Selbstüberlegenheit begegnet wird. Die Neigung, mit vermeintlich objektiven Wahrheiten und "Wir"-Konstruktionen zu reden, entpersonalisierten Formeln und Verallgemeinerungen ("man" sollte...) verschleiern den subjektiven Charakter der eigenen Beiträge und machen diese unangreifbar. Monologe, bewusstes Unterbrechen und das unsensible Nicht-Eingehen auf einander verhindern gleichberechtigte Prozesse und sind auch persönlich belastend.
Kommunikation hat viele Ebenen und Facetten. Es geht mit Nichten immer nur um den Inhalt geleisteter Redebeiträge. Die Form, wie diese vorgetragen werden kann davon nicht getrennt werden, ist sie doch ausschlaggebend für die Bereitschaft anderer, den Inhalt überhaupt für sich anzunehmen, dem/der Redenden überhaupt zuzuhören. Dazu gehören der Tonfall, die Lautstärke, die Stilmittel "Zynismus und Sarkasmus zum Beispiel können sehr verletzende, der Erniedrigung anderer dienende Stilmittel sein - die Mimik und Gestik und eine Reihe anderer Faktoren, die Kommunikation beeinflussen. Zusätzlich zu dieser formalen und der inhaltlichen Ebene existiert auch noch die emotionale Ebene, die sich sowohl auf das emotionale Verhältnis zwischen SenderIn und EmpfängerIn, wie auch auf das Verhältnis der beiden beteiligten KommunikationspartnerInnen zum transportierten Inhalt bezieht. Wichtig anzumerken ist vielleicht, dass Kommunikation auch auf non-verbaler Ebene stattfindet, was berücksichtigt werden sollte - etwa bei Sitzanordnungen.

a) Lösung von Oben:
b) Lösung von Unten:

Grundsätzlich sollte die Begegnung aber mit einem Gefühl von "Gleichmut" geschehen. Gleichmut zu haben, bedeutet nicht seiner/ihrerseits wiederum nun SiegerIn zu werden, sondern zu versuchen, die Position des/der anderen zu verstehen, auch seine/ihre eventuelle Wut bzw. den Anlass seiner/ihrer Aggression mit-zu-fühlen, um dann aus dieser Position heraus - mit Verständnis für des/dies/das andereN - die Situation zu überwinden. Gleichmut bedeutet ausgeglichen sein, Mitgefühl zu pflegen und ruhig zu bleiben. Das ist manchmal ganz schön schwer, aber Du kannst bestimmt erleben, wie viel weniger anstrengend Kommunikation - auch Streit und Diskussion - wird, wenn die Eskalationsspirale in der Kommunikation aufgehalten wird. Eine Möglichkeit, Verständnis und Ausgeglichenheit zu transportieren, dem/der anderen fühlen zu lassen, dass Du Dich um Mit-Gefühl bemühst, kann Körperkontakt sein. Je nachdem., wie gut ihr Euch kennt, kannst Du den/die AggressorIn kurz am Arm oder auf der Schulter berühren, in den Arm nehmen oder an den Händen fassen. Du solltest hier vorsichtig sein, nicht die Grenzen des/der anderen zu überschreiten. Ob und in wiefern Du Körperkontakt aufnimmst, hängt stark mit Deiner Beziehung zu Deinem/r Gegenüber und der Situation zusammen.
Es geht  nicht um Harmoniesucht, erzwungene Friedlichkeit oder "wir lieben und doch alle" Mentalität. Es geht darum, die Dominanzen und Schwierigkeiten von Kommunikation zu sehen, zu analysieren und zu überwinden - auf emanzipatorische Art. Unsere Kommunikation ist - wie unsere anderen Lebensbereiche auch - von patriarchalen und kapitalistischen Logiken durchzogen. Streit , Kritik und Diskussion sind notwendig und wichtig. Sie sollten aber jenseits von "Kampf" oder "Verwertung" stattfinden, wenn wir einen emanzipatorischen Umgang miteinander pflegen möchten.
Wie die Problematik von Kommunikation nach außen / innen vermittelt werden kann (außer Direkter Intervention und Kommunikationsguerilla), bleibt momentan eine offene Frage, da der Appell, die Gruppen sollen das irgendwie machen, noch nie funktioniert hat. Vermutlich wird es notwendig sein, Konferenzen, Seminare und Trainings zum gesamten Organisierung von Unten Komplex zu veranstalten. Allerdings ist es immer ein Anfang, wenn diejenigen, die dieses Papier lesen oder an seiner Weiterentwicklung interessiert oder schon beteiligt sind, versuchen, diese Ansätze bei sich selbst zu verwirklichen ( was immer nur ein Prozess ohne endgültiges Ergebnis sein kann) und in das eigene Umfeld zu tragen. Die Erfahrung hat bereits gezeigt, wie heilsam Kommunikationsinterventionen auf Bündnisplena sein können. Es handelt sich dabei um einen mühsamen Akt des immer wieder Bewusstmachens, wie wir alle uns gerade verhalten. Der lohnt sich jedoch, weil in einer verbesserten Kommunikationsatmosphäre, auch die besseren Inhalte transportiert und somit bessere Beschlüsse gefasst werden.

3. Abschließendes und konkrete Pläne zur Umsetzung

Auf mehreren Treffen haben einzelne Menschen aus dem Hoppetosse Zusammenhang dieses Papier erarbeitet. Dabei haben wir versucht, uns auch konkrete Projekte auszudenken, die wir uns vornehmen wollen oder die wir anderen zur Verwirklichung vorschlagen möchten. Dieses Protokoll ist nichts weiter als ein Ansatz. Es muss ständig erneuert und erweitert und an der Praxis überprüft werden. Neue Erfahrungen sollten miteinbezogen, Punkte in Diskussionen Verändert werden. Es wird von einzelnen Hoppetossies immer wieder zu Treffen aufgerufen werden. Wir laden ausdrücklich alle Menschen, die sich für dieses Projekt und seine Verwirklichung interessieren, ein, mitzumachen. Dieses Projekt wird niemals beendet sein, auch nicht nach einer Revolution.
Alle Kritik an Organisationen, Gruppen und Personen, die in diesem Papier vorkommt, ist solidarisch gemeint und soll dazu dienen, die kritisierten und allen LeserInnen zu einer Reflexion über ihre Strukturen und ihre Arbeitsweise anzustoßen. Wir möchten Alternativen aufzeigen und Auswege aus verfahrenen Situationen aufweisen. Wir haben eine Vision , die herrschaftsfreie Gesellschaft, und wir möchten für sie kämpfen, sie leben und sie hörbar und sichtbar machen. Eine andere Welt ist möglich - sie fängt heute in Dir an. Vieles muss anders werden, neu werden, in der "Linken", damit es nicht nur weiter geht, sondern vorwärts. Die Linke bist Du, erneuere Dich.
Unsere konkreten Pläne stellen wir nun hier vor. Updates und mehr Infos zu diesen und auch sonst allem unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse und auf der Mailingliste "hoppetosse".