Aktionsbericht gegen Verwertung und Herrschaft

(Aktion vor Genua in Göttingen)

Ich stelle nachfolgend zum Zwecke der Nachahmung und Dokumentation ein Aktion - die „Lotterie Sorglos“ - vor, die wir vor Genua in der Göttinger Innenstadt (07.07.01) und in der Göttinger Zentralmensa (12.07.01) durchgeführt haben. Wir (schöner leben göttingen) freuen uns über NachahmerInnen und stellen alle vorhandenen Materialien und Erfahrungen gerne zur Verfügung. Vielleicht können ja noch andere von solchen Aktionen berichten. Ich jedenfalls fände das gut. Und wenn wir dann noch Aktionsmaterial gegenseitig ausleihen, ist es bestimmt nur noch ein kurzer Weg bis sich die Freie Kooperation allüberall durchsetzt...
Bitte entschuldigt die Länge und daß ich zur Vervollständigung des Eindrucks auch noch zwei Fotos (in KB-freundlicher schlechter Qualität) drangehangen habe, ist vielleicht nicht für alle interessant, aber es gibt ja auch nicht so viele Aktionsberichte.  Orientiert Euch an den Überschriften zwischen den ------------.
Die Aussagen im Bericht wurden nicht formal als Gruppenkonsens verabschiedet, wenngleich ich den Bericht natürlich in Rückkopplung mit den anderen geschrieben habe. Ich habe mich bemüht, die Eindrücke der AktionsteilnehmerInnen zusammenzufassen.
Mit solidarischen Grüßen
einfreunddesmaquis
 
 

Aus Sicht nur einer der vielen PassantInnen ging die Lotterie Sorglos so:

Ich schlenderte wohlgelaunt Samstagmorgens durch die Innenstadt Richtung Markt, als mir schon von weitem einige große Schilder auffallen, die von Menschen in knallroten Overalls herumgetragen wurden. Als ich näher kam, hörte ich ihre Rufe „Greifen sie Ihr Glück!  Mit einem Los alle Sorgen los!“ Große Versprechungen dachte ich...  Alle PassantInnen durften einmal in den Eimer in der Hand des rot Gewandeten greifen und ein Los ziehen. Da wollte ich nicht nachstehen und ich versuche flugs zuzugreifen, es kostete offenbar nichts, denn ich konnte weder Preisschild noch Kasse entdecken - selber schuld also. Als ich dann bei dem Losverteiler war und zugreifen wollte, habe ich doch nicht sofort ein Los bekommen. Der Mensch in dem roten Overall zuckte ein wenig mit der Lostrommel und fragte mich, ob ich schon einen der fünf Preise, die auf seinem großen Schild aufgeführt sind, ausgesucht hätte. Er riet mir dazu, damit ich dann gezielt ein (farblich gekennzeichnetes) Los ziehen könne, um den ausgesuchten Preis gewinnen zu können. Also gut, dachte ich, suche ich also einen passenden Preis aus, schaden kann es ja nicht. Ich habe also einen Blick auf das Schild geworfen (s.a. Foto 1):
LOTTERIE SORGLOS - Nehmen Sie Ihr Glück in die eigene Hand...
Die Preise:

Mit einem Los alle Sorgen los ... LOTTERIE SORGLOS
Beim Blick auf diese Preise schwante mir aber dann doch, daß da irgendwas nicht stimmen konnte. Es war ohnehin schon merkwürdig, daß die kostenlos Lose verteilen. Aber wieso wollen die, daß ich ein Los nehme und wieso besteht der Verteiler darauf, daß ich mir die Wahl des Preises auch gut überlege? Schwierig, was ist mir denn jetzt am wichtigsten...? Also gut, ich nehme ein rotes Los (5-Stunden-Arbeitswoche) und frage den Losverteiler aber sicherheitshalber noch mal, ob es den Gewinn den wirklich gäbe. Denn ein bißchen komisch fand ich das schon, aber weil sich der Losverteiler überhaupt nichts hat anmerken lassen, war ich mir auch noch ein wenig unsicher, ob es nicht doch was zu gewinnen gegeben hätte. Ich blieb stehen, öffnete das kompliziert verschlossene Los und ... ... „Schade, Sie haben nicht gewonnen. Aber es noch nicht alles verloren!“ Auf dem Los findet sich ein kleiner Text, der dazu aufruft (grob), eine entsprechende Markt und Macht ablehnende politischen Bewegung zu stärken, um doch noch an die Preise zu kommen. Auf der Rückseite des Loses ist eine Weltkarte und steht Genua 19.-21.07., Internetadressen und ein Hinweis auf einen Büchertisch finden sich da auch noch. Und da endlich ist es mir eingefallen, das sind also diese Leute, die immer zu den Gipfeln fahren, hm... Das wollen die also, ist ja so schlecht nicht. Weil ich da dann noch so rumstand hat mich der/die LosverteilerIn noch gefragt, ob ich noch Fragen hätte oder an mehr Informationen dazu interessiert sei. Das hat mich dann aber wirklich interessiert und ich hab so einen „Göttinger Bewegungsmelder“ mitgenommen. „Ganz schön geschickt gemacht, diese Werbeaktion,“ (Originalkommentar) dachte ich.
Als ich dann 50m weiter am Markt bin, wurde mir natürlich alles klar. Auf dem Platz stand ein Büchertisch mit dem Überwurf „schöner leben“. Dort gab es Literatur zu Utopien, zur Globalisierung, zu Wirtschaftspolitik und Flugis von einer Gruppe namens „Schöner Leben“ (daher wohl auch der Tischüberwurf, s.a. Foto 2). Und hinter dem Büchertisch stand dann auch „die Auflösung“ auf einem Transparent: „Nehmen Sie Ihr Glück in die eigene Hand ... ... durch Proteste beim G7/G8-Gipfel in Genua und anderswo!“ Und diese frechen Leute in roten Overalls haben auch noch am hellichten Tag die Ballustrade des alten Rathauses erklettert und dort einfach die zwei großen Transpis der Stadt mit ihren eigenen verhüllt („Verlosung des Rathauses“, „Lotterie Sorglos - Nehmen Sie Ihr Glück in die eigene Hand“). Also eigentlich haben die ja Recht, so wie die sich das vorstellen, wäre es schon schöner und ganz nett sind sie auch. Aber ob das geht, was die wollen...?

Das haben wir gebraucht:

Wir haben alles noch elektronisch oder physisch (bis auf die Klamotten): Ausleihe, weitere Infos etc. gerne auf Anfrage.


So ist die Aktion gelaufen:

Also für uns war es super. Besonders gut für uns war, daß wir erstmalig und bislang einmalig eine Aktion von der Idee bis zur Pressearbeit komplett alleine geplant und durchgeführt haben.  Personalaufwendig, aber empfehlenswert sowas!
Insgesamt war die Aktion ein Erfolg, wir haben sie an einem anderen Tag in der Uni-Mensa noch einmal wiederholt. Durch die Aktion hatten wir rekordverdächtig viele Gesprächskontakte sowohl durch die LosverteilerInnen, als auch am Büchertisch, wo sich interessierte Leute erkundigt haben. Wir haben sogar drei richtige Bücher verkauft und einige kleine Spenden „für Genua“ bekommen, was für derartige Büchertische/Aktionen wohl sehr selten geworden ist. Außerdem haben wir über die richtigen Sachen geredet, nicht über Tobin o.ä., sondern über die Frage, welche Sorgen die Leute haben, welche Bedürfnisse sie wie verfolgen und ob es nicht eine politische Bewegung oder eine andere Gesellschaft geben könnte/müßte, wo sie ihre Bedürfnisse besser verwirklichen können und was wir überhaupt mit der Globalen Bewegung wollen.
Die Preise sind unterschiedlich gut angekommen. Unter Frauen war die „Gleichverteilung der Hausarbeit“ ein Renner, das lila Los wurde sogar bisweilen mit einer drohenden Bemerkung an den begleitenden Mann gezogen („jetzt kannste was erleben...“ o.ä.), ansonsten ist aber erwartungsgemäß oft das Los „Kostenloses Einkaufen“ genommen worden, vielleicht gibt es für so etwas (Warenzugriff ohne Verwertzungszwang) noch bessere, nicht rein materiell besetzte Übersetzungen in das Jetzt. Das Los „Uneingeschränkte Reise- und Bewegungsfreiheit“ war eigentlich speziell für AusländerInnen, Flüchtlinge etc. gemacht, aber viele haben das wohl als Reisegutschein von tui o.ä. aufgefaßt. Wir hatten noch einige andere Vorschläge für Preise. Unsere Formulierungen haben sich danach orientiert, daß jeder Preis nur in einer Utopie umzusetzen ist und nicht rein materialistisch begriffen werden kann, er aber gleichwohl auch faßbar bleiben muß - eine Gratwanderung.
Nicht so gut gelungen ist uns der Text auf dem Los selbst. Der Text war wohl mal wieder zu abstrakt und zu sehr mit der Türe ins Haus (man sollte Vor-Tests machen, bevor man sowas rausgibt). Auch muß man ein Layout wählen, wo die Leute stärker gezwungen sind, sich den Text anzuschauen (manche haben nur „nicht gewonnen“ gelesen und das Los weggeworfen). Da haben wir viel von der Wirkung der Aktion verschenkt, denn das Los haben ja alle TeilnehmerInnen bekommen (insg. ca. 1300).  Aber das kann man ja leicht verbessern. Unzureichend war auch die Berichterstattung in der Presse (immerhin gab es sie aber). Dafür braucht man offenbar klare, an gängigen Begriffen orientierte Forderungen und peppige Aussagesätze, die das jeweilige Anliegen zum Ausdruck bringen, ohne dafür auf Vokabeln wie emanzipatorisch, selbstbestimmt, herrschaftsfrei, verwertungskritisch, Dominanzstrukturen etc. zurückzugreifen, denn so etwas „können“ Journalisten sowieso nicht in Artikeln unterbringen. Solche pressetauglichen Formulierungen fallen uns immer noch eher schwer, hat jemand erfolgreiche(!) Bespiele für Presseerklärungen, die die Überwindung von Markt und Macht fordern? Ebenfalls nicht richtig geklappt hat die Inanspruchnahme einiger auf der Rathaus-Ballustrade befindlicher Fahnenmasten. Zwar konnten wir in einer Überrschungsaktion unsere Großtranspis dort anbringen (mit Leitern, ohne Vermummung oder so), aber der Hausmeister war dann sehr schnell und wir hatten für die Minuten, als sie hingen kein Mega o.ä. zur Hand, mit dem man die Aufmerksamkeit darauf hätte lenken können. Der Rathaus-Hausmeister hat uns die Transpis nach dem abschneiden jedoch wiedergegeben und diese kleine Aktion war am Ende auch nicht so wichtig für das Gelingen des Ganzen.
Natürlich wollten viele Menschen die LosverteilerInnen lieber nicht ernstnehmen. Die haben einfach wegen der Preise und der Kostenlosigkeit den Braten gerochen und wollten nicht Gefahr laufen, in eine Falle zu gehen. Leider war es dann oft so, daß es gerade die etwas einfacher denkenden Menschen waren, die auf die Sache „reingefallen“ sind, z.T. haben die Leute sogar versucht, sich zur Steigerung der Gewinnchancen zusätzliche Lose zu „erschleichen“. Viele andere werden sich aber Gedanken gemacht haben und - wie gesagt - es gab ja auch viele (positive) Reaktionen. Wir waren natürlich kein bißchen hämisch zu den Glücksritter(Innen?), wäre ja auch bescheuert gewesen, denn bei uns gab es ja wirklich was zu gewinnen.
Ich denke insgesamt und bei entsprechender Umsetzung (bürgerliches oder sonstiges einheitliches Spezial-Outfit für LosverteilerInnen, freundliches und offenes Auftreten, einheitliches und möglichst professionelles Design für die Lotterieteile) ist das eine sehr gute Aktion. Man kann was erleben, so richtig auf Otto- und Anneliese NormalverbraucherIn zugehen und Feinde vor Ort macht man sich ausnahmsweise auch mal keine. In manchen (kleineren?) Städten kann man damit vielleicht auch etwas Inhaltliches zum bevorstehenden Event in die Presse bekommen. Wir hatten jedenfalls eine Menge Gesprächskontakte und Spaß. Ohne Gespräche, bei durchschnittlich aufgeschlossenem Publikum an einer belebten Stelle kann man maximal 50-90 Lose (Miniflugis) pro Stunde verteilen. Den „Utopie-Kick“ durch das Lesen der Preistafel holen sich deutlich mehr.
Wir warten auf Anfragen.

Lostext (ohne Bilder etc...):

Schade, Sie haben nicht gewonnen.
Aber es ist noch nicht alles verloren!

Schließlich können Sie Ihr Glück in die eigene Hand nehmen und gemeinsam mit der globalen Beweguing gegen Unterdrückung und Ausbeutung und für die Verwirklichung Ihrer Bedürfnisse und Interessen kämpfen - beim G7/G8-Gipfel in Genua und anderswo.
Fordern Sie direkte Mitbestimmung bei allen Angelegenheiten, die Sie angehen, und sorgen Sie dafür daß das auch alle anderen können. Falls Geld hierbei ein Hindernis darstellen sollte, holen Sie es sich dort, wo es in Massen ist - oder schaffen Sie es ganz ab. Nehmen Sie nicht hin, daß das Lebensglück vieler Menschen durch Rassismus, soziale Ausgrenzung und geschlechtsspezifische Rollenmuster eingeschränkt ist.  Das große Los für alle muß kein Wunschtraum bleiben!
Ein Teil der globalen Bewegung wird den G7/G8-Gipfel in Genua zum Anlaß nehmen, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu kritisieren und mit der Umsetzung von Alternativen zu beginnen.
Informieren Sie sich:


... oder heute am Tisch von schöner leben beim Gänseliesel
Widerstand weltweit
G7/G8-Gipfel, Genua/Italien, 19.-21.07.2001

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