Projektwerkstatt

FREIE FAHRT ... WARUM NULLTARIF?

Beispiele: Orte und Testphasen ohne Fahrscheine


1. Argumente für fahrscheinlose Busse und Bahnen
2. Wer soll das bezahlen? Die Geldfrage ...
3. Die soziale Frage
4. Die ökologische Frage
5. Die Machtfrage
6. Vorschläge für die praktische Umsetzung
7. Beispiele: Orte und Testphasen ohne Fahrscheine
8. Befürworter*innen des Nulltarifs in der Politik
9. Verkehrswissenschaftler*innen pro Nulltarif
10. Debatte und Statements in den Medien
11. Gegner*innen des Nulltarifs aus Autolobby, NGOs, Grüne ...
12. Links und Kontaktadressen


Deutschland - das Nulltarifsloch in Europa
(aus der Weltkarte und Liste aller Nulltarifs-Städte)


Wo sind die Nulltarif-Städte?

Städte, die den Nulltarif schon hatten oder haben (Berichte)
Übersicht im Artikel "Die freie Fahrt für alle - und ihre Gefahren", in Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018
Wie es klappen kann, lässt sich noch am besten im Ausland studieren. Europas Spitzenreiter beim kostenlosen öffentlichen Nahverkehr ist Polen: Gleich 40 Städte und Gemeinden bieten ihren Einwohnern, teils auch Gästen, freien Einstieg. Tendenz: steigend. Allerdings sind die Vorreiter wie Jawor in Westpolen oder das Städtchen Kozienice im Osten ländliche Gemeinden oder Kleinstädte. Sie leiden stark unter Überalterung und Abwanderung in die Boomregionen um Warschau oder Krakau, Danzig, Posen oder Breslau oder gleich nach Deutschland. Der kostenlose Nahverkehr ist für Polens Kleinstädte ein Mittel im Überlebenskampf. Auch sind Busse und Bahnen hier nicht nur Alternative zum Auto, sondern auch zum Fahrrad oder Zufußgehen. Polens Großstädter zahlen dagegen weiter. Anders in Estlands Hauptstadt Tallinn: Dort ist der öffentliche Nahverkehr für alle Steuerzahler kostenlos. Nach Angaben der Stadtverwaltung haben sich seit Einführung des Bürgertickets 25 000 Esten umgemeldet. Sie versteuern nun in Tallinn und fahren umsonst. Unter dem Strich bleibe ein Plus, meldet die Verwaltung.
Von einem Experiment kann man im belgischen Hasselt schon nicht mehr sprechen. 16 Jahre lang waren die Busse des öffentlichen Nahverkehrs der 80 000-Einwohner-Stadt für alle kostenlos. Der damalige sozialdemokratische Bürgermeister wollte mit der Gratisaktion einen neuen Stadtring für Autos und Lkw verhindern; er wollte den Verkehr anderweitig in den Griff bekommen. Und das gelang. So stieg die Zahl der Bus-Fahrgäste in den ersten zehn Jahren des Gratis-Prinzips von täglich etwa 1000 auf 12 600. Auch die Wirtschaftskraft der Stadt profitierte: Es kamen immer mehr Menschen nach Hasselt zum Einkaufen. In der Innenstadt entstanden neue Arbeitsplätze. Der angenehme Effekt für die Umwelt: Der Autoverkehr wurde spürbar weniger. Trotz des Erfolges kam 2013 das Aus für das Gratis-Prinzip, es wurde auf Dauer einfach zu teuer. Nun fährt nur noch kostenlos, wer jünger als 19 oder älter als 65 Jahre ist.


Deutschland
Ganz lange gab es nicht. Inzwischen gibt es einige kleinere Versuche.

Pfaffenhofen
Seit 10.12.2018 gibt es in Auto-Deutschland wieder einen Ort mit Nulltarif: Pfaffenhofen. Es sind zwar "nur" die Busse im Ort selbst, aber das wäre nicht das Problem - es wäre ein kleiner Anfang für mehr. Allerdings fahren die Busse so, dass eine Verdrängung von Autos nicht zu erwarten ist. Abends sieht es schlecht aus - und ab Samstag mittag ist bis Montag morgen ganz Schluss. Das bringt es so nicht.
  • Aus Wikipedia zu Pfaffenhofen an der Ilm (bei München)
    Seit 10. Dezember 2018 fährt der Pfaffenhofener Stadtbus kostenlos – für alle. Außerdem fährt er öfter, fast durchgehend im 30-Minuten-Takt, und abends länger, nämlich bis ca. 20:15 Uhr. Der Fahrplan wurde auf den der Bahn angepasst, damit mehr Pendler den Stadtbus nutzen können. Schließlich wurden die Ilmtalklinik, das ecoQuartier und die Firma Daiichi Sankyo besser angebunden. Ziel ist es, den PKW-Verkehr zu reduzieren un vor allem in der Innenstadt den Aufenthalt angenehmer zu machen. Die Stadt Pfaffenhofen betreibt dieses Projekt zunächst für drei Jahre als Übergangslösung, 2022 wird dann auf ein komplett neues Stadtbus-System umgestellt. Unter anderem sollen dann Elektrobusse eingesetzt werden, der Betrieb wird ab 2020 an die Stadtwerke ausgelagert.
  • Bericht im Donaukurer am 6.12.2018
  • Offizielle Seite der Stadt

Monheim (zwischen Köln und Düsseldorf)
Aus "www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/monheim-busfahren-kostenlos-100.html" target="_blank">Ab 2020: Bus- und Bahnfahren in Monheim wird kostenlos", auf: WDR, 17.6.2019
Ab dem 1. April 2020 soll der Personennahverkehr in Monheim am Rhein kostenlos sein. Die Stadt teilte am Montag (17.06.2019) mit, dass die Entscheidung im Stadtrat für den 10. Juli angekündigt ist. Da die Bürgerfraktion "PETO" die Mehrheit hat und sie der Neuerung bereits zugestimmt hat, sei das wohl nur eine Formalität.
Bürgermeister Daniel Zimmermann bekräftigte: "Das ist kein kurzer Testlauf". Die kostenlose Nutzung des ÖPNV für rund 44.000 Bürgerinnen und Bürger soll zunächst für drei Jahre möglich sein.

Es war einmal: Templin
Neben Lübben die einzige Stadt in Deutschland, die das mal ausprobiert hat. Ergebnis: Vervierfachung der Fahrgäste. Das hatte die Stadt aber nicht erwartet und vorher versäumt, die entsprechende Infrastruktur aufzubauen. Jetzt gilt ein "halber" Nulltarif: Fahren zu einem superbilligen Jahresticket.
Aus "Vision Nahverkehr – Ideen gegen die Blechlawine", Sendung im Deutschlandfunk, 4.12.2015
Was viele Kommunen wollen oder sollten - Templin macht es schon. Der Luftkurort mit 16.000 Einwohnern liegt 80 Kilometer nördlich von Berlin im Biosphären Reservat Schorfheide-Chorin. Das "Bürgerticket" von Templin heißt "Jahreskurkarte". Begonnen hatte alles 1998 – mit einem Experiment. Der Autoverkehr belastete die mittelalterliche Innenstadt zunehmend. Kaum jemand fuhr noch Bus, sagt Bürgermeister Detlef Tabbert.
O-Ton/Tabbert: Wir haben überlegt: Wie kann man sinnvoll gegensteuern, dann ist die Idee geboren, den Stadtverkehr komplett gratis zu gestalten für die Einwohner und für alle andern…// im 20-Minuten-Rhythmus fuhren ab dann die Busse – von morgens um 7.00 bis abends 20.00 und dann mit ausgedünntem Takt bis 22.00
Sprecherin: – Und die Fahrgastzahlen explodierten. Innerhalb eines Jahres von 41.000 auf 350 000. Fünf Jahre lang fuhren die Templiner begeistert zum Nulltarif, so begeistert, dass ab dem Jahr 2001 über 500.000 Fahrgäste gezählt wurden. Dieser Erfolg wurde dem System zum Verhängnis. Fehlende Ticket-Einnahmen einerseits, mehr Betriebskosten anderseits – das konnte die Kommune nicht mehr finanzieren. 2003 musste der kostenlose Nahverkehr eingestellt werden.


Aus "Die freie Fahrt für alle - und ihre Gefahren", in Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018
Die deutschen Pioniere sitzen 80 Kilometer nördlich von Berlin, in Templin, Kurort, 16 000 Einwohner. Von 1997 bis 2003 war der öffentliche Nahverkehr der Kleinstadt für alle kostenlos. "Einiges hat bei uns funktioniert", sagt Ex-Bürgermeister Ulrich Schoeneich, 67. Im historischen Kern wollte die Stadt den Verkehr beruhigen. Weniger Abgase, weniger Lärm. "Wir haben alles umgekrempelt, damit der öffentliche Personennahverkehr, der ÖPNV, wieder interessant geworden ist", sagt Schoeneich. Linienausbau, neue Haltestellen und keine Fahrscheine mehr. Finanziert wurde das vor allem über eine Kurtaxe, die Templin als staatlich anerkannter Erholungsort erheben durfte.
Die Folgen waren frappierend: Innerhalb eines Jahres explodierten die Fahrgastzahlen, von 41 000 auf 350 000, bis 2001 sogar bis auf 615 000. Der Autoverkehr ging zurück, sagt Schoeneich, der Feinstaub war unter Kontrolle. Taugt Templin also als Vorbild für ganz Deutschland? Es habe nicht funktioniert, das System komplett kostenlos zu halten, sagt Schoeneich heute. Man habe die Templiner Bürger an der Finanzierung beteiligen müssen. Heute zahlen die Templiner 44 Euro für eine "Jahreskurkarte" und dürfen damit die Busse der Stadt nutzen. Detlef Tabbert, seit 2010 Bürgermeister, sieht im rasanten Fahrgastanstieg den Hauptgrund für das vorzeitige Ende des Experiments 2003. "Die Busse waren vor allem an regnerischen Tagen krachend voll", sagt er, die Stadt sei finanziell an Grenzen gestoßen.

Die Erfahrungen von Templin sind spannend. Denn der Ort wurde allein gelassen. Die Einsparungen des Nulltarifs streicht vor allem die Bundesregierung ein, den Ausfall der Fahrkartenverkäufe muss aber die Kommune stemmen. Deshalb trug es sich finanziell nicht. Hätte die Bundesregierung die Ersparnisse aus geringeren Pendler- und Dienstwagenpauschalen, Dieselsubventionen und Strafverfolgung an Templin ausgezahlt, hätte es wahrscheinlich kostenlos bleiben können. Das ginge auch jetzt noch - und nicht nur hier, sondern überall ...

Beispiele aus Europa rundherum
In Frankreich sind es zwischen 20 und 30 Orten, die den Nulltarif haben, in Polen noch mehr - und auch viele andere Länder rund um Deutschland haben Städte und Gemeinden ohne Fahrschein. 2020 will Luxembourg den Nulltarif einführen - landesweit.

Hasselt
Inzwischen aus politischen Gründen wieder abgeschafft.
Aus "Vision Nahverkehr – Ideen gegen die Blechlawine", Sendung im Deutschlandfunk, 4.12.2015
Eines der spektakulärsten Beispiele lieferte Hasselt in Belgien. Als die Stadt Mitte der 1990er Jahre vor dem Ruin stand und deswegen eine zur Verkehrsentlastung benötigte Umgehungsstraße nicht mehr finanzieren konnte, ging der grüne Bürgermeister Steve Stevaert mit einem alternativen Konzept in die Offensive. Ab 1997 lud er die 68.000 Bürger zum Nulltarif ein. Das Bussystem wurde ausgebaut und mit einem 15-Minuten-Takt ausgestattet. Innerhalb der nächsten Jahre stiegen die Fahrgastzahlen auf das 13-fache. 2013 wurde auch hier der große Erfolg zur Kostenfalle. Das System musste mangels Geld eingestellt werden.
Der Stadt fehlten Einnahmen, unter anderem aus dem Autoverkehr. Die Bürger fuhren so häufig Bus, dass sie viel weniger Parkgebühren zahlten. Heute ist der ÖPNV in Hasselt nur noch für Senioren und unter 18-Jährige gratis. Alle anderen müssen zahlen - wenn auch nur eine geringe Gebühr. Immerhin: Auch in Hasselt wurde bewiesen, dass sich Verkehrsströme zu Gunsten des ÖPNV verlagern lassen. Und die positiven Nebeneffekte auf die Wirtschaft haben das Experiment überdauert. Denn der Bürgermeister hatte die Zeit gut genutzt. Er ließ den vierspurigen Innenstadtring für den Autoverkehr sperren und zum "grünen Boulevard" umwidmen – mit Bäumen und Radwegen. Die Menschen entdeckten die Innenstadt neu – was wiederum Inhaber von Geschäften und Restaurants freute. Die Wiederbelebung der City war nachhaltig.


Tallinn
Aus: WirtschaftsWoche am 3.3.2014
Das Ziel, ärmere Bevölkerungsschichten mit dem Angebot anzusprechen, war anscheinend erfolgreich.
Gleichzeitig hat sich durch den Wegfall der Fahrscheinkontrolle auch die Aufenthaltszeit an den Stationen verringert. Zusammen mit dem Netzausbau und der Anschaffung weiterer Busse und Bahnen führte dies zu höheren Taktzahlen und höherer Geschwindigkeit im Innenstadtbereich und entlang bestimmter Verkehrsachsen, wie die Studie zeigt.

Nach dem Start in der Hauptstadt Tallinn haben inzwischen große Teile von Estland den Nulltarif eingeführt. Ticketfreies Fahren fast im ganzen Land ist dadurch möglich.

Melbourne
Kostenlos mit der Tram fahren, damit die Stadt Geld spart
Ich wollte wissen, warum der Innenstadtverkehr mit der Straßenbahn kostenlos ist, und habe bei der Transportbehörde in Melbourne nachgefragt. "Weil die Stadt so Geld spart", war die Antwort. Es fahren Zehntausende Pkws weniger durch das Stadtzentrum, Straßen halten länger, Unfälle sind seltener, die positiven Auswirkungen auf die Luft sind immens. Dazu kommt, dass man keine Fahrkartenkontrolleure bezahlen muss, die Zahl der kostspieligen Strafverfahren gegen Schwarzfahrer ist gegen Null gegangen - und die Zahl der Touristen angestiegen.
Die Fahrt im Stadtzentrum mit der Straßenbahn ist kostenlos für alle, zu jeder Zeit, so oft und so lange man will. Und gerade mit der Straßenbahn kommt man in Melbourne erstaunlich weit. Nach offiziellen Angaben hat Melbourne das größte Tram-Netzwerk der Welt. Natürlich wird die Tram von sehr vielen Fahrgästen benutzt. Das ist ja der Sinn des kostenlosen Angebotes. Die Zahl der Fahrgäste lag im Jahr 2016 bei knapp über 200 Millionen Personen. Zur Hauptverkehrszeit sind über 90 Prozent der insgesamt 450 Fahrzeuge unterwegs. An manchen Haltestellen hält alle 60 Sekunden eine Bahn.

Bonus für Touristen: Völlig kostenlos
Für Touristen gibt es noch ein Extra-Bonbon: Die Linie 35 fährt als Ringlinie durch die gesamte Innenstadt. Auf dieser Strecke werden ausschließlich Fahrzeuge aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingesetzt. Gründlich restauriert und mit moderner Sicherheitstechnik fahren sie im Abstand von höchstens zehn Minuten. In den Trams gibt es über die Lautsprecheranlage eine Erklärung zu Sehenswürdigkeiten und zur Streckenführung. Fahrt und Erklärung sind selbstverständlich völlig kostenlos.
(Quelle)

Städte/Regionen, die den Nulltarif einführen oder testen wollen (oder das behaupten)
Tübingen
Boris Palmer (grüner Oberbürgermeister von Tübingen), in: "Vision Nahverkehr – Ideen gegen die Blechlawine", Sendung im Deutschlandfunk, 4.12.2015
Mehrkosten verursacht ticketfreier Nahverkehr nur dann, wenn mehr Leute einsteigen, mehr Busse fahren müssen, mehr Fahrten eingesetzt werden, dann wäre es aber ein Erfolg, denn dann haben wir ja tatsächlich etwas für die Umwelt und auch dafür, dass die Straßen freier sind, erreicht, und dann wäre es mir diesen Mehrpreis wert.

Mainz

Weitere in Hessen
Aus "Vision Nahverkehr – Ideen gegen die Blechlawine", Sendung im Deutschlandfunk, 4.12.2015
Das hessische Umweltministerium wiederum hat den Städten Offenbach und Limburg dringend nahegelegt, zur Einhaltung des Luftreinhalteplanes über ein Bürgerticket nachdenken.

Debatte über Nulltarif in Luxemburg
Aus "Lösen Gratis- Busse unsere Verkehrsprobleme?", in: L 'essentiel, 14.9.2018
In Luxemburg fahren zur Zeit alle Jugendlichen unter 20 Jahren kostenlos mit Bus, Bahn und Tram. Zuletzt hatte sich die DP bei ihrem nationalen Parteikongress für die kostenlose Nutzung aller Bürger im luxemburgischen Nahverkehr ausgesprochen. Auch die LSAP begeistert sich neuerdings für den «Nulltarif». Déi Gréng mit Minister François Bausch stehen dem «Gratis-Glück» hingegen skeptisch gegenüber: Erst müssten die Infrastruktur und Kapazitäten entsprechend ausgebaut werden. ...
Im französischen Dünkirchen probiert man das Modell seit Anfang September aus und stößt auf viele begeisterte neue Fahrgäste. Auch in anderen französischen Städten feiert das Modell Erfolge. In der 17.500-Einwohner-Stadt Vitré haben sich die Fahrgastzahlen versiebenfacht, in Aubagne (45.000 Einwohner) fast verdreifacht. ...
Die Finanzierung ist insbesondere im Kontext kleinerer Großstädte nicht so dramatisch wie gedacht, da der Personennahverkehr fast nie kostendeckend arbeitet und immer quersubventioniert wird, wie zeit.de berichtet. Die Mehrkosten für das Großherzogtum würden daher auch nur rund 30 Millionen Euro betragen.


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