Projektwerkstatt

KONSUMKRITIK-KRITIK: VOM IRRTUM DER VERBRAUCHER_INNENMACHT

Die Machtfrage ausblenden: Selbstreduzierung aufs Konsument*innendasein


1. Einleitung
2. Die Machtfrage ausblenden: Selbstreduzierung aufs Konsument*innendasein
3. Wirkung der Kaufentscheidung wird stark überschätzt
4. Risiken und Nebenwirkungen: Die Kommerzialisierung des Guten
5. Ausblendungen: Die Bio-Tomaten auf den Augen und Ohren
6. Gutes Gefühl für Reiche - Niedermache der Armen
7. Kritik, Zweifel, aber keine grundlegende Analyse
8. Statt Ablasshandel und Schmieren der Getriebe: Aneignung der Verhältnisse
9. Irrtümer der Konsumkritik und Gegenmittel an Beispielen
10. Links und Materialien

Wer Menschen, die Alltagsbedarf, darüber hinaus gehende Waren, Genussmittel bis Luxus kaufen (müssen), dazu ermuntert, genau in dieser Rolle die eigene Bestimmung zu sehen, macht Menschen zu Rädchen im großen Profit- und Verwertungssystem. Das tun die Apparate von Umwelt- und Verbraucher_innenschutzverbänden, Grünen usw. Da sie selbst auch Verbraucher_innen sind, rufen sie sich selbst in die Disziplin, quasi an die Front gegen Mensch und Natur. Wer sich selbst als mächtige_r Konsument_in halluziniert, betritt auf eigenen Wunsch das Hamsterrad.

Wer sich selbst zur Konsument_in erklärt, betritt das Hamsterrad
Das Gerede von der Konsummacht ist die kapitalismuskompatible Simulation von Protest: Geld verdienen zu müssen, um es ausgeben zu können. Den Eliten beim Kauf das Geld hinzuwerfen. Sich vom Angebot treiben zu lassen. All das sind Formen der Ohnmacht im Kapitalismus - und keine Aktion für eine bessere Welt.

Im Original: Moralischer Schein statt konkrete Veränderung
Aus Alexander Neubacher: "Deutschland - ein Ökomärchen", in: Spiegel 11/2012 (S. 61)
Wir kaufen im Bioladen, tanken E10 und steigen auf Ökostrom um. Unsere Häuser sind mit Solardächern gedeckt und mit Dämmplatten beklebt. Das verschafft uns ein gutes Gefühl. Die Frage ist nur: Was hat eigentlich die Umwelt davon?

Aus Ralf Hoppe: "Der Kunde als Krieger", in: Spiegel 36/2008 (S. 62)
Die Erste Welt will die Ästhetik der Dritten Welt, und Jefferson und seine Kollegen im Streetkids-Projekt von Lima müssen jetzt mühsam lernen, schief und kruckelig zu drucken.
Ethik braucht Ästhetik, finden die neuen Ökos; und darum finden deren Kritiker, dass es ihnen in Wahrheit nur um den moralischen Schein geht, um das schöne Gefühl, um die ethische Illusion.
Eine neue Art des Ablasshandels sei das Ganze, die Erste Welt spendiere der Dritten Welt ein paar Prozente. Wer durch seinen Konsum wirklich die Welt verändern wolle, so der Einwand, der müsse weniger konsumieren, besser kein Auto als ein Drei-Liter-Auto. Zudem sei politischer Konsum in Wahrheit unpolitisch, weil er grundsätzlich nichts verändere. Weil sich nur die Besserverdienenden den korrekten Konsum leisten könnten, seien die ökonomischen und sozialen Effekte zu gering, um über den Markt die Gesellschaft zu verändern.

Aus einem Interview mit Stefan Hoffmann (Direktor des Instituts für Betriebswirtschaftslehre der Uni Kiel) in: SZ, 25.3.2014 (S. 25)
Frage: Sind Konsum oder Nichtkonsum die schärfste Waffe in der Marktwirtschaft?
Antwort: Solcher Protest hat viel mit Kapitalismus zu tun, man wählt über den Geldbeutel. Der Konsum drückt unsere Identität aus, politischen Willen und Moralvorstellungen. Gleichzeitig vertraut man nicht mehr darauf, dass Parteien und Institutionen Entscheidungen so treffen, wie man möchte. Man sucht andere Kanäle.

Aus "Ideologien über Konsum und Konsument in der Marktwirtschaft". in: Gegenstandpunkt 2/2010 (S. 67ff, als PDF)
Zur Privatsphäre von Konsum und Genuss denkt sich der Konsument natürlich auch noch sein Teil. Mit all seinem Vergleichen und Wählen in der Warenwelt entscheidet er eigentlich nur eines, nämlich sich. Das aber liest er in dichterischer Freiheit so, dass er es ist, der entscheidet. Ausgerechnet die abhängige Variable der ganzen kapitalistischen Produktion bildet sich ein, der Herr des Verfahrens zu sein, dem alles Wirtschaften dient. Bei diesem schlichten, aber falschen Selbstbewusstsein gewöhnlicher „Verbraucher“ hätte es vermutlich sein Bewenden, würden nicht Öffentlichkeit und wissenschaftliche Experten mit ihren mehr oder weniger elaborierten Beiträgen das Ihre zur phantasievollen Schönfärberei beisteuern und sie gehörig fortentwickeln. Dabei ist die ideologische Absicht so hart gesotten, dass sie sich auch von der jedermann zugänglichen gegenteiligen Erfahrung nicht bremsen lässt. Seit ein oder zwei Jahrzehnten widmen sich Journalisten wie Sozialwissenschaftler öffentlich einer wachsenden Kinderarmut im Land und zählen die steigende Zahl von Hartz IV-Empfängern zusammen. Die „Tafeln“ zur Armenspeisung begrüßen sie als innovative Wege im Kampf gegen das Verfallsdatum von Nahrungsmitteln. Genügend Hungerleider gibt es ja inzwischen in jeder Großstadt, die dankbar sind für diesen Akt großherziger Entsorgung von Produkten jenseits des Ablaufdatums. Und gleichzeitig halten dieselben Leute ihre Legende von der „Wohlstandsgesellschaft“ ungerührt in Kraft, in der wir alle leben und die Otto-Normalverbraucher sogar zum „König Kunden“ befördern soll.
Eine Kritik am Konsum gibt es aber auch noch. Allerdings nicht an seiner schäbigen Verfassung, sondern an einem Zuviel davon. Unversehens finden sich Menschen, die nicht recht wissen, wie sie mit ihrem Einkommen über die Runden kommen sollen, in einer „Überflussgesellschaft“ wieder. Und je nach moralischem Sensorium werden dem Überfluss auch noch Wirkungen zugeschrieben, die das Verantwortungsbewusstsein moderner Konsumenten auf den Plan rufen sollen. Dioxin in Lebensmitteln, durch Pestizide vergiftete Landarbeiter, Kinderarbeit in der Dritten Welt, Klimabelastungen durch den globalen Warentransport: Das sind Missstände, bei denen der Konsument sich besinnen soll. Leider nicht auf Zweck und Charakter einer Produktion, die so etwas hervorbringt, sondern auf sich und seine „Konsumentenmacht“. Weil er per Einkauf „am System“ beteiligt ist, soll er seinen Konsum für die Ursache dieser Übel halten und sie wiederum per Einkauf korrigieren. Das ist praktisch wirkungslos und theoretisch ebenso verfehlt wie die zitierten Varianten von Lob und Tadel an der „Konsumgesellschaft“. Das verdient eine Begründung. ...
Mit der Kunstfigur des Königs, die in jedem Kunden steckt, setzen sie auf die Legende von der „Wohlstandsgesellschaft“ noch eins drauf. Mit dem reichhaltigen Warenangebot des Kapitals soll sich der Mensch nicht nur gut bedient sehen, die herrschaftliche Metaphorik präsentiert den Kunden sogar als den eigentlichen Herrn der Produktion. Er bestimmt ihren Inhalt und ihre Richtung, das Was, Wie und Wieviel. Mit Anleihen bei der Volkswirtschaftslehre wird der Kaufakt als Abstimmungsverfahren gedeutet, bei dem die Kunden mit Hilfe ihrer Geldscheine Signale setzen und Weichen stellen für das in Zukunft Gewünschte an Produkten und Dienstleistungen. Das geht dann doch an der Wirklichkeit vorbei. ...
Nicht der Bedarf, sondern nur der kaufkräftige Bedarf zählt. Elementare Bedürfnisse wie das nach Wohnraum bleiben auf der Strecke, wo das Geld fehlt, und abwegigste Bedürfnisse wie das nach Genitalschmuck oder einem handgefertigten Maserati kommen zum Zug, sofern sie bei Kasse sind. Der Bedarf in der rein sachlichen Bedeutung des Wortes ist also nicht Ziel, sondern Mittel, und zwar für den gewinnbringenden Absatz des Warenangebots. Deswegen kommt es ja auf die einschränkende Bedingung – zahlungsfähig! – entscheidend an.
Einmal mit Kaufkraft ausgestattet, ist der Konsument dann tatsächlich eine Figur, die sich wie der King fühlen darf, weil sie von der Welt des großen Kommerzes wichtig genommen wird. Mit aufwändiger Werbung umschmeichelt die Geschäftswelt den Kunden, aber nicht, weil sie dessen Nutzen, sondern das an ihm Ausnutzbare im Blick hat, seine Kaufkraft nämlich. ...
Und der gewaltige Aufwand, der nicht nur mittels Werbung, sondern durch die Erfindung immer neuer Produkte und moderner Designs Moden bestimmen oder Trends setzen will, belegt ein Weiteres: Die Bedürfnisse sind gar nicht die autonome Größe, die der Produktion Art und Menge gewünschter Güter vorgibt, wie das in der Metapher vom König Kunden impliziert ist. Umgekehrt: Die Bedürfnisse sind ihrem Inhalt nach weitgehend durch das Universum einer Warenwelt bestimmt, mit der Unternehmen um die Kaufkraft potenzieller Kunden kämpfen. Die moderne Lebensmittelchemie bringt es mit Geschmacksverstärkern, Ersatzstoffen oder Light-Produkten zu innovativen Lebensmitteln, die IT-Branche mit Handy oder iPod zu physikalisch-technischen Neuheiten, von denen sich Verbraucher vorher nichts haben träumen lassen. Jetzt sind sie da, neu geweckte und definierte Bedürfnisse, leider nicht, um sie zu bedienen, sondern um sie zur Kasse zu bitten. ...
Kurzum, der moderne Verbraucher sieht sich umstellt von einer Horde konkurrierender Geschäftsleute, die nicht nur über seinen Geldbeutel, sondern mit ihren diversen Produkten auch noch über seine Sicherheit und Gesundheit herfallen. Unternehmen, die um diese Art der aufklärenden Kundenbetreuung natürlich wissen, machen sie gleich zu einer neuen Verkaufsstrategie ...
Die allgemeine Überraschung, mit der die Konsumenten von besagten Skandalen Kenntnis nehmen, ist eine einzige Widerlegung der gepflegten Vorstellung, der Kunde als König habe die Richtlinienkompetenz über das Treiben in den kapitalistischen Firmen. Nichts von dem, was ihn nun empört, hat er gewusst, geschweige denn bestellt. Als Marktteilnehmer ist er ganz die abhängige Variable, nicht nur im Hinblick auf das verfügbare Einkommen, das ihm die Firmenkalkulation lässt, sondern auch in Bezug auf Qualität und Herstellungsprozess der feilgebotenen Ware. ...
Ein ordentlicher Gewinn aus der beschränkten Kaufkraft der angesprochenen Klientel lässt sich selbst im Biosegment herauswirtschaften, wenn nur die Kosten entsprechend gesenkt werden. Also kaufen Bio-Produzenten neuerdings in der Ukraine Hühnerfutter auf, das sich mit seinem sensationell günstigen Preis wohltuend in der Bilanz und mit seinem Dioxin weniger zuträglich in Bio-Eiern bemerkbar macht. So kommt es auch, dass die größten Anbieter von Biogemüsen ihre Produkte von spottbilligen Tagelöhnern in Marokko fertigen lassen und mit dem enormen Wasserverbrauch ihrer Plantagen die ortsansässige Bevölkerung um bezahlbares Trinkwasser bringen.
Wer es etwa mit dem Klima hält – ein anderes Beispiel – und die Verbesserung seiner privaten CO2-Bilanz zum Dreh- und Angelpunkt verantwortungsvoller Konsumtion erhebt, verzehrt im Norden ab sofort keinen Spargel mehr aus mediterranen Ländern, weil der wegen seines langen Transportweges zuviel Kohlendioxyd auf dem Kerbholz hat. Stattdessen empfiehlt sich der Kauf beim heimischen Spargelbauern, der das Konsumentengewissen von jeder CO2-Belastung frei hält. Jedenfalls, was den Transport des Produktes angeht. Sein Geschäftsmodell jagt stattdessen Massen von osteuropäischen Wanderarbeitern mit ihren CO2-Schleudern über die Autobahnen, damit sie für einen Hungerlohn die Ernte einbringen. Ganz abgesehen davon, ob der Skandal nun mehr in den massiven Rückständen von Verbrennungsmotoren oder in der schlechten Behandlung der Humanressource anzusiedeln wäre: Es ist offenbar gar nicht so einfach, als Konsument eine geschäftliche Rechnung zu durchkreuzen, die man nicht angreifen will. ...
Aus der Bedingung für den Unternehmenserfolg, dem Kauf der Ware, wird der Grund für die Unternehmensstrategie und ihre Beeinflussung. Eine Verwechslung, die sich rächt. Einem in Misskredit geratenen Unternehmen wird der Kaufakt ja nur dadurch verweigert, dass der Konsument ihn einem anderen Unternehmen zuspricht. Das mag eine Wirkung haben, aber keinesfalls die, welche die Konsumentenmacht von sich behauptet. Auf diese Weise kann der Umsatz des einen Betriebs leiden, der der anderen wächst aus demselben Grund. Mit diesem Wechsel der Kaufentscheidung hat sich der Konsument ja ganz innerhalb des Spielfeldes bewegt, das die vielen beklagten Auswüchse überhaupt erst hervorbringt. Dieselbe Geldrechnung, die der Grund für die hässlichen Folgen war, kann nicht zugleich das Heilmittel dagegen sein.
Dass die Freunde der Konsumentenmacht von diesem Widerspruch keine Kenntnis nehmen wollen, rührt daher, dass sie eben auch gar nicht im Geschäft, sondern im verantwortungslosen Geschäft ihren Feind wähnen. Für sie zerfällt die Welt des Kommerzes in gute und böse Unternehmen, in solche, die moralisch handeln, und andere, die es an dieser Gesinnung fehlen lassen. Gegen den Profit haben sie gar nichts einzuwenden, gegen die Profitgier aber sehr wohl. Und mit dieser Sicht der Dinge widerfährt der kapitalistischen Rechnungsweise in den Betrieben eine Ehrenrettung, die sie nicht verdient hat. Auf diese Weise wird nämlich nicht die Gewinnkalkulation, sondern eine überzogene oder verantwortungslose Stellung zu ihr für alle Übel verantwortlich gemacht. Man muss aber gar nicht als Unternehmer von bösen Absichten getragen sein, um die Hälfte der Belegschaft zu feuern oder schwarze Tagelöhner mit einem Billiglohn abzuspeisen. So etwas ist ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft, die hierzulande gilt. Mit der Kostensenkung, die solche Maßnahmen erzielen, setzt sich ein Unternehmen am Markt über die Preissenkung seiner Ware gegen Konkurrenten durch, um den Gewinn, mitunter sogar die Existenz der Firma zu sichern.
Der Wechsel, den der Konsument in Ausübung seiner Verbrauchermacht vollzieht, ist denn auch gar keiner zwischen zwei verschiedenen Unternehmensphilosophien. Er tauscht in Wahrheit nur seine eigene Enttäuschung gegen eine neue Hoffnung aus, der neue Anbieter möge sich besser benehmen als der alte. Mehr als die schlechte Erfahrung hat er ja gar nicht aufzubieten für seinen Boykott eines aufgeflogenen Missetäters. Und das ist das einzige, was das neu ins Herz geschlossene Unternehmen dem Missetäter voraus hat: Die schlechte Erfahrung will erst noch gemacht sein. Diese Moral moderner Konsumenten gegen die Auswüchse von Kommerz und Handel ist natürlich bei letzterem angekommen und prompt zu einem Geschäftsmodell für den Handel ausgebaut worden. Große Modemarken umwerben dieses spezielle Klientel damit, dass sie auf Kinderarbeit und Gifte in ihren Textilien garantiert verzichten. Fast-Food-Ketten locken mit dem Versprechen, gentechnisch veränderte Ingredienzien nicht in ihren Burgern zu verarbeiten. Was sie mit ihren Tellerwäschern machen, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. ...
Die Leistungsbilanz der Konsumentenmacht fällt bescheiden aus. Auf der Habenseite steht vor allem eines: die Wirkung, die die Idee auf das Selbstbewusstsein ihrer Träger entfaltet. Man hat Verantwortung gezeigt und sich nichts vorzuwerfen. Dass die angepeilten objektiven Wirkungen auf den Markt ausbleiben, ist mit dem Prinzip der Produktion verbürgt, das unangetastet bleibt. Die Rechnungsweise, die jeden Aufwand als Kost bilanziert, die sich durch einen Gewinn rechtfertigen muss, bleibt auch in der Biobranche und anderen ethisch angeleiteten Unternehmungen in Kraft. Die schlechte Behandlung von Mensch und Natur stirbt daher auch in den Branchen nicht aus, die elaborierte Konsumenten zu den Edelsegmenten auch moralisch inspirierter Produktion zählen. Man hat sich daran gewöhnt, dass die großen Skandale unserer Tage auch und gerade auf das Konto derer gehen, von denen man „so etwas nicht erwartet“ hätte. ...
Das ist sie, die schlechte Meinung vom Verbraucher, bei der die gute Meinung vom Kapitalismus als Dienst am Kunden notwendig landet. So kommt „König Kunde“ am Ende in den Genuss einer Doppelrolle. Als Konsument darf er dem Kapitalismus für eine Leistung danken, die gar nicht im Programm ist: Versorgung. Und die schädlichen Wirkungen, die das kapitalistische Wachstum tatsächlich auf Natur und Gesundheit hat, weil Gewinn statt Versorgung sein Ziel ist, darf der Konsument seiner mangelnden Verantwortung und Maßlosigkeit in Versorgungsdingen zurechnen.


Ein pragnantes Beispiel für den Hype um die Weltrettung durch richtigen Konsum ist Raphael Fellmer. Er ist zur telegenen Topfigur des Umsonstlebens geworden, obwohl sein autobiografisches Buch von Peinlichkeiten nur so wimmelt und keinerlei politische Position zeigt. Aber vielleicht ist es gerade das nebulöse Irgendwie-ist-alles-gut,-wenn-ich-mich-dabei-gut-fühle das Gefragte ...

Im Original: Aus R. Fellmers Buch "Glücklich ohne Geld!"
Begeistert von Verschwörungstheorien
Ich war mehr als jemals zuvor bereit, die längste Reise meines Lebens anzutreten - die zu mir selbst! Während der Weihnachtsferien in Berlin sah ich ein paar weitere Dokumentarfilme, die mich nachhaltig veränderten. Zunächst war da der über das Internet kostenlos Vertriebene Film Zeitgeist, eine unglaublich sehenswerte Dokumentation, die einige höchst brisante Themen anschneidet, unter anderem das Thema Geld und Schulden. Es mag unglaublich klingen, aber mir kam es vor, als ob in meinem Inneren ein Licht aufging. Kurios war, dass ich das Gefühl hatte, als trüge ich viele Themen und Fragen des Films bereits in mir, zwar noch nicht so recht ausformuliert, aber doch immer stärker greifbar. (S. 45)

Behauptung, Valentin Thurn sei der Initiator der Debatte
Einer der Initiatoren des Projekts war Valentin Thurn, der im Jahr 2011 mit dem erfolgreichen Film Taste the Waste die Debatte um das Thema Lebensmittelverschwendung in Deutschland entfacht hatte. (S. 176, Hinweis: Die Internetseite www.alltagsalternativen.tk mit Tipps zum Containern ging am 20.3.2003 online ... Thurn der erste?)

Abschied vom Gratisleben
Es war wohl dieses kleine, manchmal auch große Ego in mir, das mir sagte, Du musst zeigen, dass es auch ohne Geld geht, um authentisch zu sein. Rückblíckend weiß ich, dass ich mir meiner selbst noch nicht ganz sicher war und die Einladungen für Eisenbahnfahrten einfach noch nicht annehmen konnte, weil ich das Gefühl hatte, ich muss es anderen Menschen beweisen, dass auch Mobilität gänzlich geldfrei funktioniert. Anfänglich war es komisch, wieder in der S-Bahn zu sitzen und mich in Zügen zu bewegen, aber ich gewohnte mich sehr schnell an die Deutsche Bahn, den größten Stromverbraucher des Landes. ... Mir war es wichtig, meine Familie nicht länger allein durch die Gegend fahren zu lassen und mich in Anbetracht des gewaltigen Interesses nicht einfach zurückzuziehen, sondern einen gesunden Mittelweg zu gehen. (S. 195)

Konsumkritik und verklärte Kapitalismuskritik
Mein Ziel der Reduzierung von Verschwendung bedeutet schlussendlich auch ein Ende der Überproduktion, was wiederum die Schlagader des Kapitalismus und ein von der Politik geschützter Bereich der 'Zivilgesellschaft' ist. (S. 204)
Schon während meiner Schulzeit lernte ich von einem Lehrer, dass die Macht der Verbraucherlnnen viel stärker und größer ist als die der Regierung und es nur darum geht, das nötige Bewusstsein in der Gesellschaft zu entwickeln, um den schon längst überfälligen Wandel hin zu wahrhaftiger Nachhaltigkeit und Transparenz voranzubringen.
(S. 205)
Alternativen, wie Buch7.de (Büchershop), Memo.de (Bürobedarf), Fairnopoly.de (genossenschaftlicher Marktpaltz) und viele andere On- und Offline.Läden nutzen. (S. 219)

Soziale Ausblendungen
Alle Erdenbewohner betrifft die Frage des Umweltschutzes gleichermaßen … (S. 207)

Auch von "links" wird der Unsinn verbreitet, Konsum und Geldausgeben könnten die Welt retten. Der Unrast-Verlag verlegte in der Reihe "linker alltag" das Buch "Überdruss im Überfluss" von Peter Marwitz. Dort finden sich bemerkenswerte Zitate.

Im Original: Aus "Überdruss im Überfluss"
Eines der umfassendsten Projekte, der Konsumgesellschaft die kalte Schulter zu zeigen und statt dessen auf nachhaltige, sich selbst versorgende Gemeinschaften zu bauen, ist die Transition-Town-Bewegung, die auf den Iren Rob Hopkins zurückgeht. Sie fußt auf der umweltphilosophischen Überlegung, dass unser Wirtschaftssystem angesichts schwindender Rohstoffe eine Gefahr für den Menschen darstellt, und setzt diesem das System der regionalen und lokalen Selbstversorgung. die sogenannte Permakultur, entgegen. Kommunen sollen ermuntert werden, den Verbrauch fossiler Energieträger zu senken, die regionale und lokale Wirtschaft zu stärken und so ähnlich effizient und energiesparend wie ein natürliches Ökosystem funktionieren. Auch in Deutschland gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Transition Towns - siehe www.transition-initiativen.de. (S. 58f)

Zwölf Faustregeln für einen sinnvolleren Konsum
Die folgenden einfachen Faustregeln können dabei helfen, sich durchs Konsumdickicht zu schlagen - sie sollen natürlich nur erste Anregungen für das Umstellen der eigenen Kaufgewohnheiten sein.
1. Niemals beim Discounter kaufen. Nie. Nichts. Das betrifft alle Discounter, also Aldi, Lidl, Netto, Penny, Norma, KiK usw. (außer man muss jeden Euro dreimal umdrehen, dann bleibt einem ofi nichts anderes übrig.)
2. Möglichst die großen Supermarktketten meiden. Lieber zu kleinen Läden oder auf den Wochenmarkt gehen - auch dort kann man günstig einkaufen, wenn man den richtigen Moment abpasst (beim Wochenmarkt kurz vor Ende). Sich einer Einkaufsgenossenschaf oder einem Mitgliederladen anschließen - dort kann man regionale und Bio-Produkte fast zum Einkaufspreis erwerben.
3. Keine Produkte und Marken kaufen, für die im Fernsehen oder in überregionalen Medien usw. Reklame gemacht wird; denn nur die großen Unternehmen können sich solche Medienpräsenz leisten. Und als KäuferIn bezahlt man Reklameaufwand und Markenbildung mit, da das Marketingbudget mit in den Endverbraucherpreis einfließt. Außerdem sollte man Unternehmen für ihre Bemühungen, uns mit ihrer Reklame hinters Licht zu führen, nicht auch noch belohnen.
4. Wenn es Alternativen gibt, immer Produkte kaufen, die nicht von den großen, weltweit agierenden Konzernen stammen. Also im Lebensmittelsektor die ganzen Marken von Nestlé, Unilever, Kraft Foods. Danone. Coca Cola, PepsiCo etc. im Regal liegen lassen. Möglichst regional, saisonal, am besten Bio und Fairtrade. Kein Bio von Großkonzernen, wenn auch andere Bioangebote existieren. Am besten kein EU-Bio, sondern Bioland, Demeter oder Naturland, also die richtigen, "harten" Bio-Siegel. Kein Wasser in Plastikfaschen kaufen.
5. Weniger oder gar kein Fleisch essen. Generell weniger Tierprodukte konsumieren, erst recht keine aus Massentierhaltung.
6. Den Fernsehkonsum reduzieren, insbesondere kein Privatfernsehen schauen. Reklamefinanzierte Mainstreammedien kritisch betrachten (selbst Tagesschau etc. sind nicht neutral), sich lieber bzw. zusätzlich mithilfe alternativer Medien informieren. Und hin und wieder einfach mal abschalten - die "Digital Detox Weck" des Adbusters Magazins ruft einmal im Jahr zu einer Woche ohne elektronische Gadgets auf - um den Geist zu entgiften.
7. Wenn möglich, den Einfluss von Reklame auf das eigene Leben minimieren. Am besten keine werbeabhängigen Zeitschriften o.ä. lesen. Im Internetbrowser eine kostenlose Erweiterung wie AdblockPlus für den Firefox installieren. Das Netz wird nicht nur plötzlich schneller, sondern auch viel weniger grell und plärrend. www.adblockplus.org/de/ firefox
8. Achtet auch auf den permanenten, weniger sichtbaren Konsum - wechselt beispielsweise den Stromanbieter. Nicht zu einem möglichst billigen, der bei den Vergleichsportalen hoch platziert ist - in der Regel sind dies Unterabteilungen der großen Konzerne, die mit Kohle und Atomkraft ihr Geld verdienen -, sondern am besten zu einem der vier echten Ökostromanbieter (Lichtblick, Greenpeace Energy, EWS Schönau, Naturstrom). Es empfiehlt sich auch, die Bank zu wechseln, sofern man bislang bei einer der großen Privatbanken wie Deutsche Bank, Dresdner Bank, Citibank etc. ein Konto unterhält. Alternativen sind beispielsweise die GLS Bank, Umweltbank oder Ethikbank.
9. Das Autofahren reduzieren; generell die eigene Mobilität überdenken (nicht jede Flugreisen muss wirklich sein). Viele Wege lassen sich auch per Fahrrad erledigen.
10. Dinge reparieren (lassen), anstatt sie wegzuwerfen. Es ist auch vernünftig, Produkte möglichst lang zu benutzen, anstatt kurzzyklischen Trends zu folgen.
11. Wer die Fähigkeiten bzw. der Ressourcen hat, sollte versuchen, z.B. Obst und Gemüse selbst anzubauen – oder Dinge selbst herzustellen.
12. Häufiger mal einen Spaziergang machen und kreativ „auf Reklame antworten“. (S. 68ff)


Wer steuert Angebot und Produktionsverhältnisse?
Herrschaftstheoretisch ist die Debatte um Konsument_innenverantwortung und heile Welt durch Einkaufen ein Desaster.

  • Sie verschleiert die Ursachen, die in den Produktionsverhältnissen und im dem Kapitalismus innewohnenden Zwang zur Profitabilität liegen. Mensch schaut auf Ladenregale, in Einkaufswägen und Privatkühlschränke - und verliert die Industriehallen und Werbeagenturen der großen Konzerne und ihrer Helfer_innen in Regierungen und Ämter aus den Augen.
  • Die Täter-Opfer-Struktur wird auf den Kopf gestellt. Die HartzIV-Bezieher_innen werden zum Sündenbock, weil sie sich keine Bioware leisten können. Konzerne und Politik inszenieren sich geschickt als willenlose Trottel, die nur Käufer_inneninteressen bedienen und von diesen daher gelenkt sind. Die von diesen Käufer_innen akquirierten Milliarden nutzen sie dann, um durch Landkauf, Privatarmeen, Bestechung und Propaganda das letzte aus Mensch und Natur herauszupressen.
  • Für das Geld, welches potente Käufer_innen zur vermeintlichen Weltverbesserung ausgeben, erwarten sie das einigermaßen sicher wirkende Gefühl, für sich und die Welt das Beste getan zu haben. Solche guten Tagen dürfen nicht anstrengend sein. Selbst hingucken, Behauptungen hinterfragen oder etwas Eigenes organisieren, scheiden damit aus. Staat und industriefinanzierte Einrichtungen mit dem Hauch der Unabhängigkeit sollen es richten durch Kontrolle und Zertifizierung. So legitimiert der naive Wille, mit Geld Gutes tun zu wollen, die Macht. Ein einfaches Beispiel: Lebensmittelskandale führen regelmäßig nicht zu einer Veränderung von Produktionsverhältnissen und dem ursächlichen Kampf um Profite, sondern zu mehr Überwachung. Alle Produzent_innen müssen mehr Daten sammeln, mehr Rechenschaft ablegen an immer neue Behörden. Die Kleinen schaffen das nicht. Der Kampf um bessere Lebensmittelkontrolle fördert die Zentralisierung - und schafft so die nächsten Skandale.
  • Als würde das nicht schon reichen, wird noch eine Form verstetigter Macht gefördert: Zielgruppe der Konsumkritik sind die, die (Über-)Lebensmittel einkaufen. Das sind nach wie vor überwiegend Frauen. Die Firmen aber werden - ebenso immer noch - vor allem von Männern geführt. Der Appell an die Verbraucher_innenmacht ist daher gelebtes Patriarchat. Die Frauen sollen retten, was die Männer kaputt machen. Und dafür den Männern auch noch ihr Geld geben.

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