Projektwerkstatt

KONSUMKRITIK-KRITIK: VOM IRRTUM DER VERBRAUCHER_INNENMACHT

Risiken und Nebenwirkungen: Die Kommerzialisierung des Guten


1. Einleitung
2. Die Machtfrage ausblenden: Selbstreduzierung aufs Konsument*innendasein
3. Wirkung der Kaufentscheidung wird stark überschätzt
4. Risiken und Nebenwirkungen: Die Kommerzialisierung des Guten
5. Ausblendungen: Die Bio-Tomaten auf den Augen und Ohren
6. Gutes Gefühl für Reiche - Niedermache der Armen
7. Kritik, Zweifel, aber keine grundlegende Analyse
8. Statt Ablasshandel und Schmieren der Getriebe: Aneignung der Verhältnisse
9. Irrtümer der Konsumkritik und Gegenmittel an Beispielen
10. Links und Materialien

Konsum verändert - das stimmt. Aber. Die Richtung ist unklar ... Wer einkauft, schmeißt sein Geld in eine Art Blackbox - und was daraus folgt, ist weder steuer- noch überhaupt berechenbar.

Viele Effekte lassen sich gar nicht berechnen oder werden bewusst falsch dargestellt
Mit der Auswahl am Ladenregal (oder beim Stromanbieter oder oder ...) ist es wie mit dem Wählen von Parteien. Es ist nicht wirklich zu berechnen, was durch welches Verhalten bewirkt wird. Denn ökonomische und gesellschaftspsychologische Systeme sind komplex. Zudem sind andere, vielfach mächtigere Player im Spiel, die jede Auswahl zu ihrem Vorteil umzudeuten versuchen. Wer im Bioladen einkauft, fördert nur vielleicht die ökologische Landwirtschaft in der Umgebung - und nur vielleicht ernährungssouveräne, bäuerliche Höfe. Vielleicht finanziert sie_er aber auch große Bio-Schlachthöfe, die Ausräumung der Landschaft für große Maschinen oder gar imperialistische Landaufkäufe ("Landgrabbing") in Afrika, Asien oder Südamerika. Das ist kaum zu steuern - und noch einfach gedacht. Tatsächlich verliert sich die einzelne Kaufentscheidung in Millionen Verästelungen und Umdeutungen, während die gesamte Welle im Kommerzialisierungsprozess aller neuen Kaufmoden in Richtungen gelenkt wird, die wieder Profitinteressen dienen. Es ist nicht möglich, sich vom Kapitalismus und seinen Wirkmechanismen freizu"kaufen".
Wer Geld in eine Branche wirft, macht die größer - und wahrscheinlich auch kommerzieller. Das kann sogar richtig nach hinten losgehen. Als die Bioläden groß wurden, war sie es, die mit einer gemeinsamen Boykottkampagne die FoodCoops getötet haben. Aus diesen waren sie vorher selbst entstanden - jetzt war der Kommerz wichtiger als die eigene Geschichte und die Sache. Denn zusammen hätten Bioläden und FoodCoops ja mehr Menschen erreicht.

Im Original: Engagement ohne Wirkung
Aus Alexander Neubacher: "Deutschland - ein Ökomärchen", in: Spiegel 11/2012 (S. 61)
Ob eine Umweltschutzmaßnahme den gewünschten Erfolg hat, ist dann am Ende gar nicht so wichtig. Das Dosenpfand hat nicht nur die Dose vom Markt gefegt, sondern leider auch die ökologisch vorteilhafte Mehrwegflasche - aber egal: Das Pfand bleibt, wie es ist. ...
Joghurtbecher sind "restentleert", "tropffrei" und "löffelrein" zurückzugeben, so steht es in den Regeln des Dualen Systems. Nicht wenige stellen den Becher sogar in die Geschirrspülmaschine, bevor sie ihn in den gelben Sack stopfen.
Doch dann passiert etwas Merkwürdiges. Mein Joghurtbecher, den ich so liebevoll gespült und sortiert habe, wird gar nicht recycelt. Er wird wieder mit dem ganzen anderen Müll zusammengekippt. In einem Ofen. Und dort wird er dann verbrannt.
Ja, das ist erlaubt. Genau 36 Prozent des Plastikmülls muss das Duale System "wertstofflich verwerten", also recyceln, so steht es im Gesetz. Mit den restlichen 64 Prozent kann die Müllfirma machen, was sie will und womit sie das meiste Geld verdient. Der Dreck landet in der Verbrennungsanlage; man spricht von "thermischer Verwertung". So findet der Kreislauf ein jähes Ende.



Auch eine Folge der Kommerzialisierung: Verpackung, Verpackung, Verpackung ...


Kapitalistische Wendungen ex-alternativer Betriebe
Betriebe in Selbstverwaltung, Welt-, Vegan- und Bioläden, Couchsurfing, den Zug Locomore - was hat es nicht alles schon gegeben, um im Kapitalismus alternative Ideen zu stärken. Doch wenn dann Geld in die Branchen wandert (was ja das Ziel ist und die Kund*innen mit ihrem bewussten Konsum dann auch tun), formt das einzelne Betriebe, Läden, am Ende die ganze Branche: Immer mehr Import, bezahlte Dienstleistung statt politischem Engagement, Investition mit Verschuldung und Profitzwang, Übernahme der Idee (AirBnB statt Couchsurfing) oder gleich des Betriebes (Locomore wird zu FlixTrain) sind keine Ausnahme, sondern im wahrsten Sinne des Wortes die Regel. Die Regel des Kapitalismus - vorhersehbar, wenn mensch ohne die Öko-Tomaten oder Fairtrade-Kiwis auf den Augen hinguckt!


Der Spiegel Nr. 36/2007 (S. 36) veröffentlichte ein Luftbild aus den spanischen Massenanbaugebieten von Gewächshausgemüse - dem Teil, wo "bio" produziert wird. Ein Unterschied ist nicht sichtbar - und die Billigarbeitskräfte der Region werden dort sicherlich ähnlich elend schuften müssen.


Durchsetzung marktwirtschaftlicher Formen
Wer sich von den Produktionsmitteln entfernt, sich für diese gar nicht interessiert, kann auch nicht mehr selbst sehen, ob eine Propaganda der Weltrettung stimmt. Kund*innen verlassen sich daher auf Zertifikate - das einzige Mittel, im anonymen Markt irgendetwas zu garantieren. Ob die stimmen, ob hinter den Kulissen gefälscht, vermischt, umdeklariert wird - das alles ist dem Produkt nicht anzusehen. Das Zertifikat dient also nicht der Information, sondern der Beruhigung der Kund*innen. Die zahlen mehr Geld - und wollen dafür einen Gegenwert: Das gut Gefühl. Das Öko- oder Fairtrade-Siegel verschafft das. Es erfolgt also aus kommerziellen Gründen. Das bedeutet natürlich nicht, dass alles nur Fälschung ist, aber im Kapitalismus kommt es nur darauf an, den Profit zu steigern. Das Zertifikat fördert den Verkauf und erhöht die Bereitschaft, mehr Geld zu zahlen.
Die Attraktivität von Zertifikaten und Öko-Labels führt automatisch zu Überlegungen, damit auch zu fälschen. Das ist im profitgetriebenen Wirtschaften normal, also der Skandal im Bio-Sektor keine Überraschung. Die Bio-Labels sind daran mit Schuld, weil es sie gibt. Das ist schließlich die bereits hinreichende Bedingung, dass es auch den Skandal gibt.
Aber noch etwas anderes tritt ein - und das wissen alle Beteiligten: Das Label kostet Geld. Wer es zur Verkaufsförderung auf seine Verpackung druckt, muss Gebühren oder irgendwo Mitgliedschaften bezahlen. Die kleinen können das nicht. So führen die Labels zu Monopolbildung und Konzentration im Produktionsbereich. Es ist kein Wunder, dass Ökohöfe durchschnittlich größer sind als konventionelle.

Aus der Süddeutschen Zeitung, 23.4.2018
Welche Meeresfische darf man noch guten Gewissens essen? Verbraucher vertrauen bei dieser Frage auf Ökozertifikate, doch eine WDR-Doku zeigt, dass die selbst längst ein Millionengeschäft sind.

Im Energiesektor ist es nicht anders. Die Label und das Versprechen von Umweltschutz öffnet die Geldbeutel. Also wird gelogen, was das Zeug hält - es verspricht halt Profit. Und ist meist nicht einmal verboten.

Aus "Grüner Anstrich", in: Spiegel Nr 18/2018 (28.4.2018)
Beim Berechnen des Energiebedarfs von Häusern wird munter getrickst. Der wahre Verbrauch ist viel höher. Mieter und Hauskäufer zahlen drauf. ...
Dabei verrät schon ein Blick in die deutsche Energiestatistik, dass die Einsparungen bei Weitem nicht so groß sind, wie man nach all dem Gerede von Energieeffizienz meinen könnte. Während auf dem Papier die Gebäude besser werden, bleibt der Verbrauch an Gas, Erdöl un Fernwärme in Deutschland beinahe unverändert.

Fazit: Wenig Wirkung, oft gar nicht - und dann schwer berechenbar
Zusammmenfassend ist festzustellen, dass es nicht gelingt, allein oder hauptsächlich durch Kaufverhalten die komplexen Wirkungen, Reaktionen und Rückkopplungen im ökonomischen und gesellschafts-psychologischen Bereich so anzusprechen, dass gezielte und gewollte Veränderungen eintreten. Zumindest die starke, fast zwangsartige Tendenz im Kapitalismus, eine jede Nachfrage profitorientiert auszulegen und die Kommerzialisierung der betroffenen Branche voranzutreiben, ist kaum zu vermeiden. Hinzu kommt die Schwierigkeit, im Markt des Kaufens und Verkaufens Propaganda und Hintergründe überhaupt zu durchschauen. Das aber wäre Voraussetzung, überhaupt den eigenen Willen im Konsum ausdrücken zu können.


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