Projektwerkstatt

DIE ALLGEMEINE LAGE DER UMWELT

Beschreibungen


1. Beschreibungen
2. Dummheiten und unpolitische Texte
3. Links und Lesestoff

Im Original: Öko-Rollback?
Aus Friedrich Schmidt-Bleek (2014), "Grüne Lügen", Ludwig-Verlag in München (S. 24f)
Öko Rollback - zurück in die Vergangenheit
In einer Ausgabe des Magazins Intelligent Life war vor einigen Jahren ein interessantes Gedankenexperiment zu lesen: "Es wäre einfach, sich eine Parallelwelt vorzustellen, in der die BBC Nachrichten mit dem Wetterbericht beginnen, der uns über Hitzewellen, Hurrikane und Monsune informiert. Danach würde der Umweltredakteur übernehmen. Er würde analysieren, wie diese sich auf Hunger, Ressourcenvorkommen und Migration auswirken, bevor er schließlich an den Politikredakteur übergibt mit einer gewissen Erleichterung , der vor der Downing Street Nr. 10 steht und die letzten Wendungen im Finanzskandal erklärt. Das hätte eine gewisse Logik."
Der Autor Robert Butler beobachtet, dass geografische Themen heute selten ohne alarmierenden Unterton diskutiert werden. Sobald ein Gegenstand aus dem Bereich Geografie aufkomme zum Beispiel Ackerbau, Flüsse, Bevölkerungswachstum , finde man sich fast zwingend in einem Gespräch über versalzene Ackerböden in Bangladesch, die Versauerung der Ozeane oder die fortschreitende Wüstenbildung in Afrika wieder. Und wo immer man das Gespräch begonnen habe, am Ende lande man unweigerlich beim Topthema: dem Klimawandel. Der BBC hingegen attestiert der Autor eine Perspektive auf das Weltgeschehen, die eher dem 19. Jahrhundert entspreche, die die Politik eher als Zusammentreffen konträrer Meinungen verstehe, die durch Wahlen, Gipfeltreffen und Friedensprozesse verhandelt werden könnten. "Auf diese Weise wird die Umwelt getrennt als eines von vielen Themen behandelt, obwohl die Geschichte zeigt, dass die Überlebensfähigkeit einer Zivilisation davon abhängt, wie sie mit ihrer Umwelt umgeht. Die großen Faktoren, die unser Leben in den nächsten 50 Jahren bestimmen werden, sind vermutlich Dinge, über die wir nur wenig Kontrolle haben. Oder, wie der UN Generalsekretär Ban Ki moon einmal sagte: >Man kann mit dem Iran verhandeln. Man kann nicht mit der Natur verhandeln.
Butlers Artikel erschien 2009. Heute, fünf Jahre später, scheint es, dass die Entwicklung genau die entgegengesetzte Richtung genommen hat. Es ist nicht gelungen, die Lösung der uns bedrängenden Umweltprobleme zum Topthema zu machen, ihr vor allen anderen Themen den Vorzug zu geben, in den Medien nicht und schon gar nicht in Politik und Gesellschaft. Im Gegenteil: In einem Artikel der ZEIT vom 21.11.13 ist zu lesen: "Öko war früher. Von den grünen Bekenntnissen der Menschheit ist wenig geblieben. Die Welt gibt erst mal auf." Die Autoren sprechen vom Öko Rollback vom Rückfall in eine Vergangenheit, da Fragen des Umweltschutzes kaum die Gemüter bewegten. Denn selbst hartgesottene Kämpfer für die Umweltsache ziehen sich inzwischen resigniert zurück, wie bei der 2013 im polnischen Warschau veranstalteten Weltklimakonferenz, bei der zum ersten Mal in der Geschichte der Klimakonferenzen die NGOs (die Nicht Regierungs Organisationen) geschlossen und unter Protest den Saal verließen. Das Zauberwort, mit dem jede vernünftige Umweltpolitik in die Schranken gewiesen wird, lautet "Wachstumshindernisse". Keine Regierung, auch nicht die deutsche, traut sich eine Politik zu, die sich als Wachstumshindernis für die eigene Volkswirtschaft erweisen könnte. Da mag die ökologische Gefahr noch so groß sein.
Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko erteilten die USA noch mehr Genehmigungen für die riskante Offshore Ölförderung als zuvor. Zugleich verbreitet sich im Inland das sogenannte Fracking, die Gewinnung von Erdgas aus besonders tief liegenden Gesteinsschichten. Mit beiden ausgesprochen risikoreichen Techniken sichern die USA der heimischen Industrie die Grundlage zu weiterem unbegrenztem Wachstum. Besonders fatal an dieser Entwicklung: Die neuen Reserven verschaffen der amerikanischen Industrie unerwartete Mengen billige Energie und damit Wettbewerbsvorteile, sodass Länder, die sich für eine vernünftigere, aber teurere Energiepolitik entscheiden, auf dem Weltmarkt ins Hintertreffen geraten, zumindest auf kurze Sicht. Damit üben die USA einen gewaltigen Druck auf den Rest der Welt aus und nehmen letztendlich auch der deutschen Energiewende den Wind aus den Segeln. Die Folgen waren auf der Klimakonferenz in Warschau zu beobachten. Wie in einer Kettenreaktion zog sich Regierung um Regierung von der Verantwortung zurück. Japan gibt sein Ziel auf, den CO2 Ausstoß zu begrenzen, und verkündet, von nun an wieder größere Mengen CO2 zuzulassen. Der polnische Außenminister erklärt die Kohle zur unverzichtbaren Existenzgrundlage seines Landes. Während in Neuseeland gerade der Asylantrag des weltweit ersten Klimaflüchtlings geprüft wird, will das Nachbarland Australien die eben eingeführte CO2 Steuer wieder abschaffen. In Deutschland beschließt die neue Große Koalition, die Energiewende zu bremsen; insbesondere Hannelore Kraft (SPD), Ministerpräsidentin von Nordrhein Westfalen, macht sich für die dort ansässige Industrie stark und betont, dass wirtschaftliche Interessen und Arbeitsplätze Vorrang haben vor der Umwelt. Und die CDU handelt nach demselben Prinzip: Unmittelbar nach ihrer Wiederwahl betrieb die Regierung unter Angela Merkel die Änderung eines Abkommens der EU, das die Begrenzung des CO2 Ausstoßes von Neuwagen ab dem Jahr 2020 vorsah. Die Begrenzung von 95 Gramm Kohlendioxid Ausstoß pro Kilometer müssen die Autobauer nun erst 2021 einhalten. Ein besonders offensichtlicher Fall von Lobbyismus nur wenige Tage später wurden mehrere Großspenden von Autofirmen an die CDU und ihre bayerische Schwesterpartei bekannt.
Die Rückwärtsrollen in der Umweltpolitik sind eine beängstigende Entwicklung.


Aus: Reimund Schwarze, 2000: Internationale Klimapolitik, Metropolis Marburg (S. 104)
Während in den meisten Industrieländern die drängendsten Umweltprobleme (Luft, Wasser, Boden) gelöst zu sein scheinen und eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch erreicht wurde, nehmen die Umweltprobleme in den Entwicklungsländern damatisch zu. Die Bevölkerung wächst, die Verstädterung schreitet fort und die Umweltprobleme steigen ins Unerträgliche.

DNR-Geschäftsführer Helmut Röscheisen im Interview, in: punkt.um 10/2001 (S. 22)
Wie geht es dem Naturschutz in Deutschland?
Schlecht und immer schlechter. Das Artensterben schreitet voran, die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten wird immer länger. Und - was mindestens genauso bedenklich ist - die Liste der gefährdeten Lebensräume wächst auch energisch an.


Aus einem Interview mit Pfarrer Hans-Peter Gensichen, Umweltforschungsheim Wittenberg, in der taz
Wenn die Naturschützer einen Truppenübungsplatz aufkaufen, um daraus ein Naturschutzgebiet machen zu wollen, ist das ein tolles Ding. Aber das ist punktuell und ändert nichts an gesellschaftlichen Strukturen, die Truppenübungsplätze hervorbringen.

Christian Hey, Generalsekretär des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen, im Interview in den Umweltkommunalen Briefen 12.12.2001 (S. 27)
Man braucht nur in einen Buchladen zu gehen: Vor 15 Jahren standen viele Umweltbücher in den Regalen, heute sind es nur wenige. Die öffentliche Meinung bestimmt eine Mischung aus Frustration und Entwarnung.

Aus Richard Häussler, "Erfundene Umwelt" (2004, ökom in München, S. 16)
Umweltbildung findet heute in der traditionellen Erwachsenenbildung, beispielsweise an Volkshochschulen, kaum noch statt. Die außerschulische Umweltbildung konzentriert sich in den Umweltstationen und Umweltzentren, die jedoch unter zunehmenden Professionalisierungs- und Vernetzungsdruck geraten. Eine umfassende Evaluationsstudie zur außerschulischen Umweltbildung in Deutschland, die Gerhard de Haan kürzlich vorgelegt hat, enthält den deutlichen Vorwurf, die Methoden und die Didaktik der außerschulischen Umweltbildung seien nach wie vor vom "Klassischen, ja Konventionellen bestimmt". Traditionelle Seminarformen, Führungen und Ausstellungen dominieren offenbar das Angebotsspektrum. Teilnehmeraktive, experimentelle, partizipative und selbstorganisierte Formen von Umwelt- oder Nachhaltigkeitsbildung sind noch selten.

Aus Richard Häussler, "Erfundene Umwelt" (2004, ökom in München)
Tatsächlich lassen sich empirisch keinerlei Zusammenhänge zwischen dem Grad des Natur- und Umweltbewusstseins und dem praktischen Handeln finden. ... (S. 45)
Die praktische Wirkungslosigkeit der Naturerfahrungspädagogik, die weder kommt. nachweisbar umweltbezogenes Verhalten stärkt noch pro-soziale Einstellungen hervorbringt, ergab einen ersten Hinweis auf die Brüchigkeit des „Natur“-Konzeptes in der Umweltbildung. Ein zweiter Hinweis kommt von der naturwissenschaftlichen Kritik am Konzept des „natürlichen Gleichgewichts", wie das z.B. von Josef H. Reichholf geübt wird. Der Zoologe und Evolutionsbiologie bezeichnet die Idee des „natürlichen Gleichgewichts“ als menschliche Wunschvorstellung, die möglicherweise mit dem menschlichen Bedürfnis nach innerer, körperlicher Homöostase zusammenhänge, aber nicht mit der Entwicklungsgeschichte des Lebens: „Wie grundfalsch sich die Vorstellung vom Gleichgewicht in der Natur erweist (und dass darin alles seinen rechten Platz, gute Ordnung und Richtigkeit habe), geht aus einem längst zentral gewordenen Bereich der Biologie hervor – dem der Evolution, dem Werden der Organismen in der Entwicklungsgeschichte des Lebens. Veränderung, Evolution kennzeichnet das Leben auf der Erde und seinen Erfolg; nicht das Verharren in der Unbeweglichkeit von ,natürlichen Gleichgewichten‘.“ (S. 50)


Aus Heinberg, Richard (2004): "The Party's Over", Riemann Verlag in München (S. 338)
Wenn man den Zusammenbruch nicht völlig vermeiden kann, ist die beste Alternative ganz klar ein geregelter Zusammenbruch, bei dem die Gesellschaft auf bewusste, systematische Weise ihre Strukturen vereinfachen und ihre Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Energiequellen reduzieren würde.

Im Original: Kritik
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 157 f., mehr Auszüge)
Die ökologische Bewegung ist in mehrere fragwürdige Strömungen gespalten, die sich häufig direkt widersprechen. Viele Menschen sind einfach nur ganz pragmatische Umweltschützer. Ihre Bemühungen konzentrieren sich auf punktuelle Reformen wie beispielsweise die Kontrolle von Sondermüll, den Widerstand gegen den Bau von Kernkraftwerken, Beschränkungen des urbanen Wachstums und dergleichen. Zweifellos sind solche Kämpfe notwendig und sollten nicht als beschränkt oder Stückwerk geringgeschätzt werden, bremsen sie doch den atemlosen Wettlauf in Katastrophen wie Tschernobyl oder Love Canal.
Sie können aber nicht die Notwendigkeit ersetzen, zu den Wurzeln der Verwerfungen der Umwelt zu gelangen. Solange sie sich auf bloße Reformen beschränken, tragen sie oft sogar zu der gefährlichen Illusion bei, daß die gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung in der Lage ist, ihre eigenen Mißbräuche wiedergutzumachen. Die Denaturisierung der Umwelt muß immer als dem Kapitalismus inhärent gesehen werden, als das Produkt seiner eigenen Gesetzmäßigkeit, als Folge eines Systems unbegrenzter Expansion und Kapitalakkumulation. Den anti-ökologischen Kern der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung zu ignorieren - sei es in der westlichen Form der Konzerne oder der bürokratischen Form des (ehemaligen) Ostens - bedeutet, die allgemeine Sorge um die Tiefe der Krise und um wirksame Mittel zu ihrer Bewältigung zu beschwichtigen.
Als Reformbewegung der kleinen Schritte verstanden, erliegt die Umweltbewegung leicht den Verlockungen der Staatskunst, also der Teilnahme an Wahlen, parlamentarischen und parteiorientierten Aktivitäten. Es bedarf keiner großen Bewußtseinsänderung, um eine Lobbygruppe in eine Partei oder einen Petitionsschreiber in einen Parlamentarier zu verwandeln.
Zwischen dem Menschen der demütig von der Macht erbittet, und demjenigen, der sie arrogant ausübt, besteht eine düstere, nichts Gutes verheißende Symbiose. Beiden ist dieselbe Mentalität zu eigen, daß nämlich Veränderungen nur durch die Ausübung von Macht herbeigeführt werden können, und zwar durch die Macht genau jener sich selbst korrumpierenden professionellen Kaste von Gesetzesmachern, Bürokraten und Militärs, die man den Staat nennt. Die Berufung auf diese Macht dient unweigerlich der Bestätigung und Bestärkung des Staates, der am Ende das Volk entmachtet. Die Macht läßt im öffentlichen Leben kein Vakuum zu. Wo immer der Staat Macht erhält, geschieht dies auf Kosten der Volksmacht. Und umgekehrt: Alle Macht, die das Volk gewinnt, entreißt es dem Staat. Wer die Staatsmacht legitimiert, entlegitimiert im Endeffekt die Volksmacht.
Ökologische Bewegungen, die sich in parlamentarische Aktivitäten begeben, legitimieren nicht nur die staatliche Macht auf Kosten der Volksmacht, sondern sie sind auch gezwungen, innerhalb des Staates zu funktionieren und letzten Endes Blut von seinem Blute und Fleisch von seinem Fleische zu werden. Sie müssen sich an die "Spielregeln" halten, was bedeutet, ihre Prioritäten nach vorbestimmten Regeln zu setzen, über die sie keine Kontrolle haben.
Dabei bleibt es aber nicht bei einer bestimmten, Konstellation von Beziehungen, die sich aus der Teilnahme an der Staatsmacht ergeben; - vielmehr setzt ein fortwährender Prozeß der Degenerierung ein, die stetige Rückentwicklung von Idealen, Vorgehens_weisen und Parteistrukturen. Jede Forderung nach "wirksamer" Ausübung parlamentarischer Macht, erzwingt eine weitere Abkehr von den eigentlich unverzichtbaren Glaubens- und Verhaltensstandards.


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