Bildung unter kooperativ-herrschaftsfreien Verhältnissen

Wo Leben und Lernen zusammenfallen: Bildung unter kooperativ-herrschaftsfreien Verhältnissen

Lernen ist ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen wie individuellen Lebens. Lernprozesse erweitern die Handlungsmöglichkeiten der Menschen ständig und sind Grundlage kultureller wie technischer Entwicklungen. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Lernen nicht im luftleerem Raum statt findet und zur Zeit nicht nur in Herrschaftsverhältnisse eingebettet, sondern auch intern herrschaftsförmig organisiert ist. Neben der Kritik an herrschaftsförmiger Bildung geht es diesem Text vor allem darum, Lernen unter den Vorzeichen von "Autonomie und Kooperation" zu denken. Dazu gehören sowohl Überlegungen zu den Rahmenbedingungen herrschaftsfreier Bildung und konkret-utopische Ausblicke, aber auch Perspektiven, wie die praktischen Schritte für ein selbstbestimmten Lernens aussehen könnten - damit die Emanzipation von Schule und herrschaftsförmiger Bildung sofort anfangen kann.

1 Aspekte herrschaftsförmiger Bildung

"Education sucks!" - Nie mehr zum Objekt machen lassen

Aus K.R.Ä.T.Z.Ä.: Erziehen ist gemein, www.kraetzae.de
Der regelrechte Erziehungswahn vieler Eltern, hat seinen Ursprung in der Annahme, Kinder seien erziehungsbedürftig. So weit verbreitet diese Annahme auch ist: Sie stimmt nicht. Viele Menschen verwechseln Erziehung und Lernen. Erziehung ist eine Veranstaltung des Erziehers. Lernen hingegen ist eine Tätigkeit des Kindes. Es erkundet seine Umwelt, nimmt Informationen auf. Das Kind ist Subjekt seines Lernens. Kinder lernen - und zwar ohne daß man sie dazu zwingen muß. Man kann das Lernen nicht einmal verhindern, höchstens behindern, durch Erziehung zum Beispiel. Kinder sind nicht erziehungsbedürftig, sondern lernbedürftig; und lernen tun sie auch ohne Erziehung.

Zur Zeit ist Lernen nicht trennbar von pädagogischen Ideologien und Strukturen. Pädagogik meint damit alle Ansätze, die Menschen formen wollen nach einer Zielvorgabe, die nicht sie selbst gesetzt haben. Insbesondere Kinder werden dabei als unmündige Mindermenschen gedacht, die erst noch zu Subjekten geformt werden müssen. Erziehung basiert auf dem Glauben, besser zu wissen was für andere gut ist als diese selbst: "Der Erzieher glaubt, er handele im Interesse des Kindes, so wie die Kolonialherren einst auch glaubten oder vorgaben, im Interesse der Kolonisierten zu handeln." (Quelle: K.R.Ä.T.Z.Ä.: Erziehen ist gemein, www.kraetzae.de) Damit werden Menschen zum Objekt gemacht.
Dieses grundsätzliche Muster findet sich in allen pädagogischen Ansätzen wieder. Bevormundung und Manipulation sind kennzeichnend für alle Erziehungsstile inklusive reformpädagogischer oder antiautoritärer Modelle - zwar enthalten diese immer auch Elemente, die Selbstbestimmung fördern (weniger verregelter Unterricht, kreativere Methoden usw.), aber auch hier gibt es ein Bild, nach dem andere geformt werden sollen. Die Unterschiede liegen eher in den Formen, mit denen die Erziehenden versuchen, ihren Willen durchzusetzen. Während die schwarze Pädagogik ganz offen äußere Zwangsmittel befürwortet, setzen moderne Erziehungsansätze stärker auf die subtile Beeinflussung oder moralische Appelle, die Erzeugung eines schlechten Gewissens.

Lernen "von unten" setzt voraus, dass Menschen sich gegenseitig als Subjekte anerkennen. Es kann niemand mehr geben, der für andere definiert, was und wie diese lernen sollen oder was diese aus ihrem Leben machen wollen. Was gelernt wird, entscheiden die Menschen selbst - bezogen auf das Individuum als auch die freien Zusammenschlüsse, in denen die Menschen agieren. Auch "heimliche Lehrpläne", d.h. unterschwellige Formen der Beeinflussung sind unvereinbar mit dieser Grundidee. Damit ist nicht gemeint, dass andere nicht dazu aufgefordert werden dürfen, sich etwas anzueignen oder dass kritiklos hingenommen werden muss, wenn eine Person sich selbst fertig macht. Entscheidend dabei ist eine offene Kommunikation auf gleicher Augenhöhe, welche die Autonomie des Gegenübers anerkennt und die eigene Wünsche und Wahrnehmungen immer als solche mitteilt ("Ich habe keine Lust, immer den PC zu reparieren - es wäre nett, wenn du dir das mal aneignest."). Darin inbegriffen ist, dass sich der Umgang mit Kindern radikal ändern muss: "Ein Kind ist von Beginn an ein gesellschaftliches Wesen - es wird nicht als nur biologischer Organismus geboren, dem dann die Gesellschaftlichkeit nach und nach erst anerzogen werden müsste." (Quelle: Schlemm, Annette (2001): Jeder Mensch ist natürlich gesellschaftlich. Internet: http://www.thur.de/philo/kp/naturmensch.htm)

Gleichberechtigung mit Kindern - gedacht als tendenzieller Prozess - ist nur möglich, wenn Erziehung eine klare Absage erteilt wird. Es geht darum, Kinder vom ersten Augenblick an ernst zu nehmen und sie dabei zu unterstützen, die Welt zu entdecken und sich selbst zu entfalten. An die Stelle von Verboten tritt Aufklärung und Diskussion ohne Dominanzanspruch. Wo Ungleichberechtigung erlebt wird oder Menschen kurzzeitig zum Objekt gemacht werden (z.B. wenn wir eine Person festhalten, um sie vor einem Autounfall zu schützen), wird dieses transparent gemacht und zum Gegenstand von klärenden Gesprächen, die Perspektiven zur Überwindung eröffnen können. Vor diesem Hintergrund ist es ein notwendiger Schritt, die Ideen und Debatten der Antipädagogik* in die emanzipatorische Theorie mit einzubeziehen. Dabei geht es nicht um eine einfache Übernahme antipädagogischer Ideen, sondern deren kritische Weiterentwicklung. Eine herrschaftskritische Praxis wird deutlich komplexere Veränderungen nötig machen, um sich immer weiter an Gleichberechtigung anzunähern. Es geht nicht nur um einen anderen Umgang mit Kindern, sondern um Rahmenbedingungen, die ein horizontales Zusammenleben ermöglichen (mehr zu dieser Frage im Kapitel "Vom Zauberwort zum konkreten Experiment: Horizontalität" unter "Horizontalität für alle: Kinder und Menschen mit ‚Behinderungen' als Subjekte denken")

*Antipädagogik fordert den Verzicht auf erziehungsförmiges Verhalten und tritt für die Gleichberechtigung von Kindern und Erwachsenen ein. Quelle: Ekkehard von Braunmühl (1975): Antipädagogik - Studien zur Abschaffung der Erziehung

Selbstentfaltung braucht keine Zwänge

Schulzwang und aufgezwungene Lerninhalte prägen die ersten Jahre fast aller Menschen, die das Pech haben, noch unter herrschaftsförmigen Verhältnissen aufzuwachsen. Die besonders offensichtlichen Formen der Herrschaftsausübung haben eine hohe Akzeptanz, obwohl offensichtlich ist, das produktives Lernen durch Zwang verhindert und teilweise völlig unmöglich gemacht wird. Was unter Zwang gelernt wird, schafft es meist nicht über das Kurzzeitgedächtnis hinaus - Zwang zum Lernen trainiert das Auswendiglernen mit anschließendem Vergessen.

Die Existenz von Zwang begünstigt zudem, dass kaum über die Formen nachgedacht wird, wie Wissen vermittelt wird - Schulzwang garantiert LehrerInnen volle Klassenräume unabhängig davon, wie langweilig oder unverständlich der Unterricht ist. Bei der Abwesenheit von Durchsetzungsmitteln wäre das anders: Wer findet, dass bestimmte Dinge unbedingt gelernt werden müssen, muss sie so aufbereiten, dass ganz viele Menschen Lust darauf haben. Unter herrschaftsfreien Verhältnissen ist sehr wahrscheinlich, dass viel mehr kooperative, lustbetonte Formen der Wissensvermittlung entwickelt würden und auch komplexe Themen verständlich aufbereitet würden.

Die Ängste, dass ohne Zwangsmechanismen das Lernen aufhören würde, erscheinen unbegründet: Auch ohne Zwang können die meisten Kinder vor der Schule lesen. Bereits vor der ersten Stunde Informatik sind viele junge Menschen heute ihren ausgebildeten LehrerInnen überlegen, wenn es um den Umgang mit Computern geht. Ein besonders aussagekräftiges Beispiel bietet die Freie Software Bewegung: Ohne jeden Zwang lernen Menschen überall auf der Welt abstrakte Programmiersprachen und entwickeln Freie Software, die denen von hochbezahlten EntwicklerInnenteams in vielerlei Hinsicht schon jetzt überlegen ist.

Der Antrieb, die Welt zu entdecken und sich anzueignen, ist prägendes Kennzeichen neugeborener Menschen, die noch nicht vom autoritären Bildungssystem erfasst wurden. Der Wunsch nach einem guten Leben und das Interesse an der eigenen Entfaltung führen ständig dazu, dass Menschen lernen, Erfindungen entwickeln und ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern. Deshalb müssen die Menschen nicht gezwungen werden zu lernen - ganz im Gegenteil: Zwänge verhindern Selbstentfaltung, die Antrieb des Lernens ist. Viele Talente, Interessen oder Neigungen werden dauerhaft verschüttet, weil sie Zwängen unterworfen und in feste Schemata gepresst wurden. Viele Menschen verlieren erst durch Schule jede Lust am Lernen. Die grundsätzlichen Fähigkeiten zur selbstbestimmten Aneignung und zur Selbstorganisierung werden hier systematisch zerstört. Diese Analyse wird auch durch die PISA-Studien bestätigt, allerdings ohne dass die "richtigen" Konsequenzen daraus gezogen werden (Quelle: Gabriele Sümer: Schule will Kreativität unterrichten. Frankfurter Rundschau, 21.1.2005, S.33).

Lernen "von unten" braucht keinen Zwang. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen das lernen können, was sie interessiert und weiter geben können, was andere spannend finden. Dazu gehört zum Beispiel, umfassende Transparenz zu schaffen über verfügbares Wissen und den Alltagsbezügen und Anwendungsgebieten, die damit verknüpft sind (mehr dazu im Abschnitt "Der Alltag wird zum Geflecht von Lernmöglichkeiten").

"So und nicht anders" - Standards, Vorgaben, Normierung

Die vorgegebene Abfolge des Lernens, Stundenpläne - unzählige ausgesprochene und unausgesprochene Vorgaben wachen darüber, das Lernen in den normalen Bahnen abläuft. Häufig wird argumentiert, dass es nur darum gehe, allen den Zugang zur Allgemeinbildung zu ermöglichen und Chancengleichheit zu gewährleisten. Allerdings unterstützen Standards nicht die Erreichung dieses Ziels. Und es gibt Gründe zu der Annahme, dass Normierung tatsächlich ganz anderen Zwecken dient:

Gerade dort, wo alle Menschen in ein Korsett gepresst werden sollen, wird Ungleichheit gefördert, weil die Vorgabe des "richtigen" Weges manche bevorzugt, viele dabei jedoch auf der Strecke bleiben. Gleichmacherei schafft nicht Gleichberechtigung!

Nur das Standardisierte, das Quantifizierbare kann bewertet werden - unter kapitalistischen Rahmendingungen sollen die einzelnen daran gewöhnt werden, sich mit anderen zu messen und in Konkurrenz zu setzen. Daher ist bei der Idee standardisierter Bildung immer auch mitgedacht, dass ein vergleichbares "Humankapital" entsteht.

Regelmäßig werden SchülerInnen gerügt oder bestraft, welche das richtige Ergebnis nicht mit den vorgegeben Formeln erreichen oder ihre eigene Wege beschreiten, um sich Wissen anzueignen. Dieses Beispiel steht für viele andere und verdeutlicht, dass Standards als Disziplinierungsmechanismus verwendet werden. Es geht um die Anpassung an das Normale, das immer von aktuellen Diskursen und denen geprägt wird, welche privilegierte Möglichkeiten haben, diese zu beeinflussen (politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Eliten sowie Medien).

Normiertes Lernen setzt eine Instanz oder Strukturen voraus, welche Normen definieren, die für alle gelten sollen und die auch über Mittel verfügen muss, das durchzusetzen - egal, ob Regierung, Elite oder Rätestruktur. Das bedeutet, dass normiertes Leben nur mit Herrschaftsstrukturen umsetzbar ist, die es in einer Welt freier Menschen in freien Vereinbarungen nicht geben kann. Das ist auch nicht schlimm, da es weder nötig noch sinnvoll ist, das alle das Gleiche lernen. Der konsequente Abbau von Normen ist eine wichtige Voraussetzung für die Selbstentfaltung der Menschen. Dazu gehört der Wegfall aller zeitlichen wie räumlichen Begrenzungen - Lernen wird weder auf einen Ort, noch eine bestimmte Lebensphase festgelegt. Das Gegenbild zum normierten ist das selbstorganisierte Lernen - das Mit- und Nebeneinander unterschiedlichster Lernwege unter horizontal-kooperativen Rahmenbedingungen. Vielfalt an Ideen, Wissen und Erfindungen entsteht durch die Unterschiedlichkeit der Menschen, die sich das aneignen und erforschen, was ihnen nützlich erscheint und Lust bereitet (mehr dazu im Abschnitt "Rahmenbedingungen, damit Lernen und Leben zusammenfallen").

Lehrplan "Kapitalismus": Zurichtung auf Konkurrenz, Leistung und Verwertung

Kapitalismus überlebt, weil die Menschen von Beginn darin "trainiert" werden, die Logiken von Konkurrenz, Leistungsdruck und Verwertung zu verinnerlichen. Diese Zurichtung durchzieht alle Lebensbereiche - egal ob Sport, Medien oder Alltagserfahrung (z.B. ist jeder Ein- bzw. Ausstieg in Züge ein knallhartes Konkurrenztraining*). Aber auch das Bildungswesen spielt in diesem Prozess eine Rolle: Durch Benotungs- und Belohnungssysteme werden in den gesellschaftlichen Subräumen Schule oder Universität gezielt konkurrierende Ausgangsbedingungen geschaffen, welche vor allem auf das Erlernen kapitalistischer Tugenden abzielen. In der Schule stehen "Klassenarbeiten" für das genaue Gegenteil dessen, was der Begriff suggeriert - wer die gestellten Aufgaben kooperativ löst, würde dafür bestraft ("Abschreiben"). Bildung wird gedacht als Vorbereitung auf die Arbeitswelt. Inzwischen wird sogar offensiv dazu übergegangen, Lerninhalte, die nicht direkt der ökonomischen Verwertbarkeit dienen, zu verdrängen.

Aber vor allem ist Lernen so organisiert, das konkurrierendes Verhalten gestärkt und bevorzugt wird - dieser grundsätzliche Rahmen ist der prägendste - wenn auch unausgesprochene - Lernstoff, welcher die "eigentlichen" schulischen Inhalte in den Hintergrund treten lässt: "Noten führen zur Vereinzelung: Sie lenken unser Interesse auf die eigene Note, den eigenen Vorteil und erzeugen so ein konkurrierendes Verhältnis. Unter diesen Bedingungen ist es "schlau", Wissen nicht weiter zu geben, da damit der eigene Benotungsstatus gefährdet wird. Das dies doch häufiger passiert spricht dafür, dass Menschen auch heute nie völlig von den Logiken des Systems bestimmt werden. In einer kooperativen Umgebung jenseits von Verwertung wäre es genau umgekehrt - einfach mal visionär gedacht: Allen gehört alles. Gemeinsamer Reichtum ersetzt Eigentum. Wo Wissen nicht mehr dazu eingesetzt werden kann bzw. muss, um sich zu verwerten, Geld zum Überleben zu verdienen, ist es kein Verlust, dieses weiter zu geben. Niemand wäre mehr abhängig von der Unwissenheit anderer. Was Menschen sich aneignen, würde immer auch meine Lebenssituation verbessern. Es entstünde so ein ständiges "Fliessen" von Wissen, Fähigkeiten und Information als selbstorganisierter Prozess freier Menschen ... vermutlich viel effektiver als wir uns heute vorstellen können!" (Quelle: Schwarze Katze: Schule und anderer Unfug, den sich Erwachsene ausdenken, www.free.de/schwarze-katze/texte/schukri1.html)

*Während vor wenigen Jahren eine sicherlich auf Konventionen basierende Rücksicht spürbar war, erst aussteigen zu lassen, drängen sich die EinsteigerInnen heute vor der Tür, bevor noch die erste Person ausgestiegen ist. Wer nicht schnell genug aussteigt, wird einfach zur Seite gedrängt. Eigentlich nützt das niemandem - es kommt sogar denn eher zu Verzögerungen bei der Abfahrt, die allen ZugfahrerInnen schaden. Diese bewusstlose Ellbogenmentalität ist gleichzeitig "alltäglicher Niederschlag" der sich verschärfenden, gesamtgesellschaftlichen Konkurrenzverhältnisse.

Die Trends zum "Team Work" stehen dadurch nur äußerlich im Widerspruch: Zum einen handelt es sich dabei fast immer um erzwungene Kooperation - die Teamzusammensetzung und insbesondere die Ziele werden von anderen definiert. Zum anderen stellt das Konzept die herrschenden Rahmenbedingungen nicht in Frage, sondern fördert eher die Modernisierung von Herrschaft und Verwertung. Solches "Teamwork" schafft nicht die Konkurrenz ab - nur die Kontrolle von außen wird überflüssig, da die Menschen sich selbst und auch untereinander kontrollieren. Äußere Beherrschung wird immer stärker durch Selbstbeherrschung abgelöst, die sich als stabiler erwiesen hat, weil die Menschen sich nicht mehr "von oben" beherrscht fühlen und Reibungsflächen für Widerstand verloren gehen: "In der modernisierten Variante ist diese Fremdbestimmung subtiler: Gruppenarbeit, Teamwork und projektbezogenes Arbeiten bewirken, dass Herrschaft kaum noch spür- und lokalisierbar ist. Erst einmal führen diese Methoden dazu, dass sich Menschen tatsächlich intensiver selbst organisieren und ihre Kreativität einbringen (was gut ist!), verdecken dabei aber, dass es weiter Vorgaben gibt, die von anderen gesetzt werden - Selbstbestimmung bleibt begrenzt: Das Ziel der Gruppenarbeit wird von Lehrplänen vorgegeben und von LehrerInnen bewertet, genau so wie im Betrieb Projektarbeit nicht für ein geiles Leben, sondern für Profite da ist! Hier verlagert sich zudem Kontrolle von LehrerInnen auf die SchülerInnen selbst, die sich in den Gruppen gegenseitig überwachen, da Fehler bzw. "Leistungsverweigerung" einzelner die Benotung bzw. Belohnung beeinträchtigt usw." (Quelle: Schwarze Katze: Schule und anderer Unfug, den sich Erwachsene ausdenken, www.free.de/schwarze-katze/texte/schukri1.html)

Dass Stundenpläne oder zeitlich begrenztes Lernen in der Wirtschaft out sind, ist leider nicht unbedingt ein Hinweis dafür, dass sich die Idee selbstbestimmter Bildung ausbreitet. Das Problematische an Konzepten wie "Lebenslanges Lernen" ist nicht ihre eigentliche Grundidee, sondern die damit verknüpfte Akzeptanz kapitalistischer Rahmenbedingungen. Es geht darum, das kreative Potential der Menschen verwertbar zu machen - nicht aber darum, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Ungeachtet dieser Kritik bedeutet das keineswegs, dass kreative Methoden wie das "Open Space"* zu verteufeln wären, weil sie aus der Wirtschaft stammen. Gerade solche reflexhafte Ablehnung überlässt denen das Feld, welche die Verwertung optimieren wollen. Sinnvoller ist es, sich die Methoden anzueignen und in einem Prozess der kritischen Reflektion und ständigen Weiterentwicklung emanzipatorische Ansprüche einzubeziehen. Lern- und Gruppenmethoden können Ansatzpunkte für eine befreiende Praxis bieten, wenn damit die Herrschaftsfrage verknüpft, d.h. die Rahmenbedingungen hinterfragt werden (siehe dazu: Projektgruppe HierarchNIE: Pack die Herrschaftsbrille ein. HierarchNIE-Reader, S.18-20, www.hierarchnie.tk)

* Open Space ist die "systematische Kaffeepause" - das dynamische Gegenmodell zu starren Konferenzen. Es verknüpft die Produktivität der kleinen Runden mit hoher Transparenz. Eine genauere Beschreibung und Links zu Open Space findet sich unter www.hierarchnie.tk.

"Entschulung" des Lernens: die Trennung der Lebensbereiche beenden, zentrale Institutionen abschaffen

Es gibt keinen Grund, aus dem wir die mittelalterliche Tradition fortsetzen sollten, derzufolge die Menschen für das "weltliche Leben" dadurch vorbereitet wurden, daß man sie in einem sakralen Bezirk einsperrte, mochte das nun Kloster, Synagoge oder Schule sein.

(Quelle: Ivan Illich (1970): Schulen helfen nicht. Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft)

Inzwischen gibt es eine ausdifferenzierte Schulkritik, die sich gegen Schulzwang, Benotung, Leistungsdruck und autoritäre Strukturen richtet. Allerdings greifen diese richtigen Kritiken fast immer nur die konkrete Ausformung der Schule an, die sehr stark von den Rahmenbedingungen abhängt. Jenseits dessen gibt es aus herrschaftskritischer Perspektive einige grundsätzliche Bedenken gegenüber einer Institutionalisierung von Bildung.

Schulen sind Orte außerhalb des sonstigen Lebens. Lernen und Leben werden hier künstlich getrennt - sicher nicht zufällig: Nur wer die Trennung der Lebensbereiche verinnerlicht hat, wird später bereit sein, jeden Tag zu einem Arbeitsplatz zu fahren. Diese Aufspaltung ist eine deutliche Vorbereitung auf den fremdbestimmten Arbeitsprozess. Schulen waren immer als Zurichtungs-Anstalten konzipiert: Das nachwachsende "Humankapital" wird von den Einflüssen einer chaotischen Umwelt isoliert, um sie manipulieren zu können. Zentrale Orte sind immer anfällig für Kontrollversuche, wahrscheinlich ist das sogar der Hauptgrund für ihre Existenz (Quelle: Wolfgang Dreßen: Die pädagogische Maschine). Historisch gesehen ist die Entstehung von Knästen, Psychiatrie und Schulen in Europa nicht voneinander zu trennen - getragen sind alle vom pädagogischen Geist, besser zu wissen, was für andere gut ist ... und das auch entsprechend durchsetzen zu können. Ein Lernen, was beiläufig und überall stattfindet, kann nur schwer und sicher nicht umfassend kontrolliert werden.

Nicht nur herrschafts-, auch lerntheoretisch ist völlig unklar, was Schulen bringen sollen: Jede Situation im Alltag ist so komplex, dass das Lernpotential unendlich ist. Lernen im Alltag ist immer auch interdisziplinär angelegt, weil es nicht in schematische Themengebiete aufgespalten ist. Angesichts dessen ist unbegreiflich, warum Lernen dadurch gefördert werden soll, dass Menschen aus ihren konkreten Lebenswelten gerissen werden und Lerninhalte mühselig voneinander getrennt werden. Nicht zuletzt verursacht diese Auftrennung eine unglaubliche Ressourcenverschwendung - statt neuer Schulbetonklötze könnten Mittel z.B. darauf verwendet werden, Werkstätten, Fabriken und Häuser zu Lernorten zu machen und Kommunikationsstrukturen zu schaffen, damit Interessierte zueinander finden können (mehr dazu im Abschnitt "Kommunkation und Transparenz"). Der "Mythos Schule"* ignoriert zudem, dass Lernwege so vielfältig wie die Individuen sind ... ob autodidaktische Aneignung, "einfaches" Gespräch, selbstorganisierte Gruppen von Interessierten, Mischungen dieser und ganz neue Formen. Die genannten Probleme treten überall dort auf, wo auf Institutionen und Zentralisation gesetzt wird. Die Schaffung neuer Institutionen oder alternativer Schulen lässt diese Probleme unangetastet - unabhängig vom guten Willen oder tatsächlichen Verbesserungen.

* Quelle: Ivan Illich (1970): Schulen helfen nicht. Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft

Eine der spannendsten Ideen herrschaftsfreier Bildung liegt daher darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Leben und Lernen zusammenfällt. Statt Lernen zu zentralisieren würden Wege gesucht, um offene, frei zirkulierende Lernprozesse möglich zu machen. Statt Lernen auf eine bestimmte Lebensphase zu beschränken, würden all diese Begrenzungen überwunden. Die Umwelt würde so gestaltet, das beiläufige Lern- und Aneignungsprozesse gefördert werden. Damit sind ausdifferenzierte Lernorte und Experimentierstudios, die dem Willen von Menschen entspringen, natürlich nicht ausgeschlossen - aber auch hier ist wahrscheinlich, dass sehr direkte Anbindungen an den Alltag gesucht werden, gerade weil das gesellschaftliche Leben - das kreative Aufeinandertreffen von Menschen - eine eigenständige Produktivkraft ist.

Unperfekte Utopien

Die Utopie herrschaftsfreien Lernens wird bedroht durch alle Versuche, das perfekte Bildungssystem zu schaffen. Kontrolle garantiert nicht, dass die edlen Ziele erreicht werden - aber es garantiert, das wieder neue Durchsetzungsmittel notwendig sind, um die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Davon abgesehen spricht einiges für die Annahme, das gesteuerte Bildung und Zwang zum Lernen alles andere als Lust auf Lernen produzieren. Deshalb ist es wichtig, sich von der pädagogischen Mentalität und dem Wunsch nach umfassender Kontrolle zu trennen.

2 Lernen und Leben fallen zusammen - Rahmenbedingungen und utopische Andeutungen

Lernen unter den Vorzeichen von "Autonomie und Kooperation"

Kooperation findet immer dann statt, wenn Menschen zusammen eine Sache herstellen, entwickeln oder ein Projekt organisieren. Emanzipatorisch ist sie in Verbindung mit Autonomie, wenn die Beteiligten selbst die Entscheidenden bleiben, und nicht einer Zwangsstruktur unterworfen sind. Kooperation beschränkt sich nicht auf die materielle Ebene. Ganz im Gegenteil werden bei dem permanenten Prozess in Richtung herrschaftsfreier Verhältnisse die immateriellen Dinge eine ganz herausragende Rolle spielen. Wissen wäre frei zugänglich. Da alle Menschen mangels Abschottung durch Eigentumsbildung an neuen Erkenntnissen, Erfindungen und Maschinen. teilhaben können, entsteht ein unmittelbares, durchaus eigennütziges Interesse daran, dass auch die anderen Menschen sich weiterentwickeln. Egoismus schafft und sichert Kooperation.
Um selbst Wissen für sich gewinnen zu können und weil mehr Wissen und Können der anderen Menschen das eigene Leben verbessert und vereinfacht, wird viel Kraft dafür entstehen, den Wissensbildungsprozess zu organisieren und voranzubringen. Es bedarf keiner kontrollierenden Metaebene - die Menschen selbst sind aus eigenem Interesse am Austausch von Wissen interessiert. Sie werden dafür die Räume schaffen - vom Internet über Orte des freien Lernens bis zu "Erfindungsstudios", d.h. experimentellen Räumen.

Im Vordergrund ihres Drängens nach Wissen, neuen Fähigkeiten und neuen Möglichkeiten wird ihr eigenes Leben stehen, weil der Drang nach einem besseren Leben die entscheidende Motivation ist, wenn Zwang und Profit wegfällt. In der Folge werden Erfindungen, Maschinen und neues Wissen vor allem für das Leben der Menschen erfolgen, während heute Technik, Wissen usw. vor allem dem Profit und der Sicherung von Herrschaft dient. Ein ungeheures Potential an Innovation wird in eine menschlich-emanzipatorische Richtung verändert. Aus ganz egoistischen Motiven wird es für einen Menschen in der Regel keinen Sinn ergeben, Wissen und Können für sich zu behalten.

Es wäre zwar möglich, durch Androhung der Entziehung z.B. eines nur mit Spezialwissen zu handhabenden Geräts eine Machtposition zu erlangen, aber die Nachteile einer solchen Strategie überwiegen deutlich. So wäre eine Maschine durch unsachgemäße Bedienung häufiger kaputt, andere Menschen können sie nicht mit weiterentwickeln und die Vorteile durch den Gebrauch kämen seltener vor. Ähnliches gilt für andere Lebensbereiche.

Der Alltag wird zum Geflecht von Lernmöglichkeiten

Wo Bildung nicht mehr aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang gerissen ist, wird der Alltag fast überall durchzogen sein von Lernen. Dieses Lernen geschieht vor allem für das Leben und den Alltag, dort sind folglich auch die passenden Orte des Lernens. Jedes Haus, jede Werkstatt, jeder Experimentierraum und vieles mehr werden Räume, in denen Wissen ausgetauscht wird. Ein Zwang zu hoher kurzfristiger Produktivität wird nur in Ausnahmefällen vorhanden sein. Es gibt keine Dienstvorschriften, die Menschen auf ihre Arbeitskraft reduzieren und diese ausbeuten. Dadurch entsteht die Freiheit, sich die Zeit zu nehmen, Informationen auszutauschen und sich ständig gegenseitig weiterzubilden. Lernen wird nicht mehr entkoppelt, sondern gezielt in den Alltag integriert. Dabei wird die Trennung der Lebensbereiche aufgehoben - zwischen produktivem Schaffen, Reproduktion, Bildung usw. stehen keine Schranken mehr, was zu solchen Ergebnissen führen könnte (wahrscheinlich wird es noch viel "seltsame" Mischungen geben, die wir uns heute nicht auszumalen vermögen):

Die Druckerei ist inzwischen mit Faulenz- und Leseecken ausgestattet - manche drucken eine neue Broschüre, andere sitzen und sehen dabei zu, stellen Nachfragen, um vielleicht schon morgen selber an den Maschinen zu werkeln - "Schuften", Entspannen und Lernen bilden eine interessante Mischung. Und in der Gemeinschaftsküche drei Häuser weiter entwickelt eine Gruppe beim Schnibbeln neue mathematische Formeln ...

Um Lernen und Leben zu verbinden, bedarf es der intensiven Umgestaltung der Umwelt, die bisher u.a. wegen der Verwertungslogik auf ExpertInnentum und Verknappung von Wissen angelegt war. Ein Rahmen für Selbstorganisierung und Aneignung muss erst noch aktiv geschaffen werden: Räume werden so ausgestattet, dass auch Uneingeweihte sich dort zurecht finden können und eine hohe Transparenz darüber besteht, wo Wissen abrufbar ist und wo Menschen zu finden sind, die beim Erlernen neuer Techniken helfen können. Erklärende Schilder, Anlaufpunkte und aufmerksame Menschen werden das Geschehen prägen. Insbesondere bei der Öffnung vormals reiner Werk- und Produktionsstätten wird es wichtig sein, diese Aspekte zu berücksichtigen. Ein Ausschnitt einer solchen Zukunft könnte so aussehen:

Menschen aus zwei benachbarten Häusern haben eine Projekt-Zone mit Computern, Druckern, Kopierern usw. eingerichtet. Es gibt zwar Leute, die den Raum geschaffen haben, aber die sind nur selten auffindbar - und das ist auch nicht schlimm: Überall hängen gut lesbare Zettel, die das jeweilige Gerät erklären und vermitteln, wo es benötigte Verbrauchsmaterialien gibt, wo Handbücher zu finden sind oder wer ansprechbar ist, wenn mensch etwas bestimmtes lernen möchte. Es gibt sogar eine ausführliche"Anleitung", wie der gesamte Raum im einzelnen funktioniert. An bestimmten Tagen gibt es Einführungen, die auch spontan verabredet werden können. Alles ist so eingerichtet, dass Aneignung erleichtert wird - und wird ständig verbessert ...

Kommunikation und Transparenz

Gerade in einer freien Gesellschaft werden sich Menschen immer nur einem begrenzten, für sie aktuell interessanten Ausschnitt der Gesellschaft zuwenden - und das ist gut so! Dieses Möglichkeitsfeld immer mehr zu erweitern ist eines der wichtigsten Anliegen emanzipatorischer Politik. Sehr wahrscheinlich ist, dass Lernorte, -gruppen und -möglichkeiten deutlich vielfältiger sein werden als in der jetzigen Gesellschaft. Gerade der Wegfall zentraler Institutionen zugunsten eines bunten Geflechts selbstorganisierter Prozesse macht Kommunikationsstrukturen, die Transparenz herstellen, umso wichtiger. "Wo ist welches Wissen verfügbar?" und "Welche Lernorte und -möglichkeiten gibt es?" sind dabei zentrale Fragen. Eines der wichtigsten Ziele ist es, die Möglichkeiten zu erweitern, dass sich die Menschen treffen, welche etwas von- oder miteinander lernen wollen. Wandzeitungen, Open Space als Dauereinrichtung oder Datenbanken sind nur ein paar der möglichen Ideen:

Das Haus, in dem ich gerade lebe, verfügt in der Gemeinschaftsküche über eine große Wandzeitung, auf der alle interessierten HausbewohnerInnen notieren können, welches Wissen sie weiter geben können oder was sie gerade unbedingt lernen wollen.

Ein Straßenzug in der Nähe hat eine (nach dem Ende des Kapitalismus funktionslos gewordenes Werbeplakatwand in einen Umschlagplatz für ein ständiges Open Space verwandelt. Dort sind grob alle Gebäude und Plätze aufgezeichnet, die der Straßenzug umfasst - dazu ein Chaos an bunten Zetteln. Zudem gibt es eine Anleitung für die Methode und Hinweise, wer ansprechbar ist, falls Unklarheiten bestehen. Immer wieder kommen und gehen Leute, manche hängen Zettel an die Wand, wenn sie in nächster Zeit etwas tun, an dem auch andere teilhaben können sollen - ob Lernmöglichkeit, Gesprächsrunde, Veranstaltung, Aufräum- oder Koch-Aktion. Auf den Zetteln stehen Sätze wie: "Heute Abend trifft sich die FahrradschrauberInnengruppe im Hof vom grünen Haus. Wenn du mit uns üben willst, deinen Drahtesel zu flicken usw. komm doch vorbei!", "Ab 21h offene Lesung auf der großen Wiese", "Ich nehme heute ein neues Lied auf - wer mir beim Abmischen zusehen will, kann mich ab 15 Uhr im Keller vom roten Haus besuchen." oder "Lesekreis Psychologie in der Hängematte 17-23 fällt heute leider aus." Ständig kommen neue Zettel dazu, werden alte abgehängt oder bei einer Begegnung entwickeln ein paar Menschen wieder eine neue Idee. Außerdem gibt es Rubriken mit Terminübersichten für die nächsten Tage. Das kulturelle Leben entsteht selbstorganisiert und jeden Augenblick neu.

Später surfe ich noch mal durch das Netz: Ein paar SoftwareprogrammiererInnen haben eine Lerndatenbank ins Internet gesetzt, in der Menschen weltweit eintragen können, was sie anderen beibringen können und was sie lernen möchten. Wer etwas bestimmtes lernen will, kann dort nach Menschen in der Nähe suchen, die dabei behilflich sein könnten. Und überall gibt es Leute, die Printversionen ausdrucken und in Räumen aufhängen, wo sie unterwegs sind, damit auch die etwas von der Datenbank haben, die keine Lust haben, im Netz zu surfen. Nebenan layoutet eine andere Gruppe die gelben Lernseiten, die auf der Datenbank aufbauen ...

Streit ist eine Produktivkraft

Kooperation ist ein weitreichender Begriff. Auch Streit gehört dazu, denn positiv gedeutet ist Streit ebenfalls ein Vorgang, der die Weiterentwicklung von Menschen, Ideen und Wissen nach sich zieht. Das ist allerdings nur dort der Fall, wo Streit nicht zum Ziel hat, der einen oder anderen vorhandenen Position zum Sieg zu verhelfen, wie es bei Streit mit Entscheidungsvorgang (Abstimmungen, Wahlen ...) regelmäßig der Fall ist. Dort geht es nicht um Erkenntnisgewinn und Weiterentwicklung, sondern um das Durchsetzen gegen andere. Daher verhalten sich die Beteiligten meist taktisch, verschweigen Schwächen ihrer Position und Stärken der anderen. Eigene Unsicherheiten werden überspielt, populistische Verkürzungen sollen Stimmen fangen. Eine solche Auseinandersetzung nach Sieg-Niederlage-Orientierung, die bei Entscheidungsgängen immer dominiert*, ist Kooperation ohne Autonomie. Die Menschen agieren zwar zusammen und erzeugen auch ein gemeinsames Ergebnis, aber sie verlieren ihre Autonomie, d.h. sie können nicht anschließend individuell entscheiden, was sie aus einer Debatte an neuen Erkenntnisse für sich herausnehmen, was sie umsetzen, wo sie eigene Akzente setzen wollen.

* Daran ändert sich auch nichts, wenn die Entscheidungsmodalitäten z.B. durch basisdemokratische Regeln, Konsens u.ä. tatsächlich oder scheinbar etwas gleichberechtigter organisiert werden. Der Wille zum Sieg verbleibt und prägt das Kommunikationsverhalten.

Ein Zusammenspiel von Autonomie und Kooperation entsteht im Streit dann, wenn die Diskussionsform des Streites selbst gleichberechtigt organisiert wird (Zugang zu allen Fakten offen gestalten, gleiche Relevanz aller Beiträge, kommunikativer Prozess) und die Autonomie der Einzelnen immer gesichert ist, weil keine kollektive Entscheidung stattfindet. Hierarchische Strukturen, privilegierte Gremien oder entscheidungsbefugte Plena oder Versammlungen haben in einem System von Autonomie und Kooperation nichts mehr verloren. Streit als dynamische Form der freien Kooperation hat Selbstwert. Er ist eine besondere Form der Auseinandersetzung, des Informationsaustauschs und im günstigen Fall der Weiterentwicklung von Theorie und Praxis. Er tritt auf, wenn unterschiedliche Interessen oder Meinungen aufeinandertreffen, weil sie sich gegenseitig behindern, blockieren oder berühren. Er kann aber auch offensiv, d.h. ohne konkreten Anlass organisiert werden als Streit-Treffpunkt, weil Streit ohne Herrschaft eben als kommunikatives und voranbringendes Mittel begriffen wird. Niemals jedoch wird er mit Entscheidung verbunden, die Streitenden sind immer frei darin, was sie aus dem Streit ableiten, ob sie weiter kooperieren oder wieder getrennte Wege gehen wollen, ob sie Konfliktkurs beibehalten oder z.B. Unterschiedlichkeit strategisch so geschickt organisieren wollen, dass sich alle Formen entfalten können. (Quelle: Projektgruppe HierarchNIE: Fliegende Fetzen - Emanzipatorische Streitkultur und der Weg dahin. HierarchNIE-Reader, S.10-13, www.hierarchnie.tk)

"Neue" Technik: Auf Aneignung orientiert

Kooperativ-herrschaftsfreie Rahmenbedingungen werden auch auf die Technikentwicklung zurück wirken. Ohne Verwertungslogik dürfte das Interesse schwinden, Wissen zu verknappen. Umso umfassender Wissen verbreitet wird, desto mehr Menschen können sich an der Weiterentwicklung beteiligen oder am Produktionsprozess teilnehmen. Daher ist wahrscheinlich, dass Technik so gestaltet wird, dass diese einfach zu verstehen ist - denn die Akzeptanz durch die NutzerInnen und ein gutes Leben für alle stehen im Mittelpunkt.
Unter kapitalistischen Rahmenbedingungen ist es funktional, Technik als kompakte Einheit zu konzipieren, bei der Defekte an einem Teil immer gleich den Neukauf vieler anderer Teile mit sich führt - Reparaturen und Neuanschaffungen fördern den Profit. Unter kooperativen Verhältnissen wären andere Entwicklungen zu erwarten: Auch die eifrigsten SchrauberInnen werden ihre Zeit nicht mit Reparaturdiensten ausfüllen wollen, denn sie tun dies ja freiwillig. Da Ressourcen nicht mehr "von oben" verfügt werden können, wird die Neigung zu schonendem Materialverbrauch zunehmen. Daher ist das Interesse aller am Produkt beteiligten Menschen hoch, dass Geräte nicht nur lange halten, sondern auch möglichst einfach reparier- und modifizierbar sind. Unter kooperativen Verhältnissen ist eine deutliche Hinwendung zu kleinteiligen Technologien zu erwarten, bei der defekte Einzelteile problemlos ersetzt werden können. Selbstbau- oder Reparaturanleitungen sowie Schaltpläne werden frei verfügbar sein, offene Werkstätten das Wissen um Reparatur und Wartung weiter geben.

3 Selbstbestimmtes Lernen - Umrisse einer konkret-utopischen Praxis

Lernorte "von unten" schaffen

Der Begriff "Lernorte" ist selbst irreführend, weil er die Trennung von Leben und Lernen fortschreibt, auch wenn er sich klar von Schulen oder Universitäten abgrenzt. In einer Welt ohne zentralisiertes Bildungssystem sind alle Orte immer auch Lernorte bzw. können so angelegt sein. Der Begriff ist sinnvoll als strategisches Konzept unter herrschaftsförmigen Rahmenbedingungen. Ähnlich wie beim Begriff "Freiraum" geht es bei Lernorten "von unten" darum, Herrschaft in gesellschaftlichen Subräumen stückweise zurück zu drängen und neue Organisierungsformen auszuprobieren. Unvollkommene Ansätze für solche Lernorte "von unten" bilden Projektwerkstätten, die Idee "offener Unis"* oder "autonomer Institute", die im Zuge von Uni-Streiks erkämpft wurden - wie bei vielen Feldern emanzipatorischer Politik stehen die Debatten und praktischen Gehversuche erst am Anfang. Viele der unter Punkt 2 genannten Ideen können als Keimform sofort umgesetzt werden.

*Ein konkretes Beispiel bildete die Offene Uni Berlins: http://www.refrat.hu-berlin.de/sowi/alle/selber-denken/sdindex.html

Widerstand und Vision verbinden

Es geht aber nicht um, einfach nur Inseln selbstorganisierten Lernens aufzubauen, welche den Kampf um eine herrschaftsfreie Welt der Einnischung opfern. Lernorte "von unten" sind nur dann erste Schritte, wenn diese als offensive Gegenentwürfe angelegt sind, d.h. sich als Reibungsfläche zur Normalität begreifen. Dazu gehört der Versuch, in Gesellschaft hinein zu wirken und deutlich zu machen, dass Herrschaft und Verwertung keine unabänderliche Konstanten darstellen. Formen dazu könnten eine Mischung aus direkten Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit und widerständiger Alltagspraxis sein, die immer wieder Diskussionen anzetteln und die Verhältnisse hinterfragen. Auch die individuelle Schulverweigerung kann als Aktionsfläche genutzt werden, um fremdbestimmtes Lernen zu kritisieren und Utopiedebatten anzustoßen.

Selbstbestimmte Bildung ist kein Selbstzweck! Daher braucht selbstbestimmte Bildung die Verbindung von "Widerstand und Vision", d.h. das offensive und gezielte Hineinwirken in Gesellschaft und laufende Debatten. Um Kritik und Gegenbilder zur totalen Unterwerfung von Mensch und Umwelt zu vermitteln und für die konkreten Experimentierfelder einer Welt "von unten" zu werben, bieten sich direkte Aktionen, kreativer Widerstand und eine aktive Öffentlichkeitsarbeit an. All das sorgt u.a. für die Reibung mit der herrschaftsförmigen Welt, bricht Normalität und schafft damit Raum für die kontroverse Diskussion über Alternativen. Über Aktionen (Sabotage, Störungen, Kommunikationsguerilla, Theater, Performances, Besetzungen usw.) kann dieser hergestellt werden - wo öffentliche Debatten bereits laufen, kann auch direkt eingegriffen werden: Die PISA-Studie oder - noch deutlicher - der amoklaufende Schüler von Erfurt waren z.B. solche "Erregungskorridore", d.h. Situationen, wo Wahrnehmung und Interesse vieler auf das Thema Schule und Bildung gerichtet war.

Kreative Gruppenprozesse und Abbau von Hierarchien

Auf dem Weg in eine andere Lernkultur wird es auch Zeit, die gängigen Formen der Wissensvermittlung kritisch zu hinterfragen zu überwinden, in die Hierarchien eingeschrieben sind. Auch in Zusammenhängen, die über Emanzipation diskutieren, sind Frontalunterricht, Podien oder Seminare und Konferenzen mit starrer Leitung und vorgeplanten Inhalten prägend. All das hat wenig mit selbstbestimmtem Lernen zu tun und kann nicht damit gerechtfertigt werden, dass eine perfekte Umsetzung unter den gegebenen Verhältnissen nicht möglich sei. Auch wenn die Diskussion erst in den Starlöchern steht, fehlt es nicht an Vorschlägen, wie Veranstaltungen und Gruppentreffen horizontal und kreativ gestaltet werden können. "Open Space" könnte starre Konferenzen in Orte der dynamischen, selbstorganisierten Weitergabe von Wissen und der Entwicklung neuer Ideen verwandeln, "Fish Bowl" den Kampf um Sieg-Niederlage zugunsten von produktiven Streits ablösen. Experimente mit kreativen, Gleichberechtigung und Selbstorganisierung fördernden Methoden könnten deutlich breiter angegangen werden. Ob Kongress , Sommercamp, Theoriezirkel, Aktionsgruppe oder sonstiges Projekt - jeder soziale Raum kann ein Ort sein, um solche Methoden auszuprobieren.

Espi Twelve

Über diesen Text

Dieser Text ist ein Kapitel des Buches "Autonomie und Kooperation". Bezug über den Materialienversand der Projektwerkstatt.

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