Zitate zu Schule und Schulkritik

Schule als "sakraler" Ort

"Es gibt keinen Grund, aus dem wir die mittelalterliche Tradition fortsetzen sollten, derzufolge die Menschen für das "weltliche Leben" dadurch vorbereitet wurden, daß man sie in einem sakralen Bezirk einsperrte, mochte das nun Kloster, Synagoge oder Schule sein."

(Ivan Illich (1972): "Die Schule als heilige Kuh." In: Schulen helfen nicht - Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft. S.32-33)

"Die Schule wird heute mit Bildung identifiziert, wie einst die Kirche mit Religion."

(Ivan Illich (1972): "Die Schule als heilige Kuh." In: Schulen helfen nicht - Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft. S.13)

Gleiche Bildungschancen sind in der Tat ein wünscheswertes Ziel; wer das aber mit Schulpflicht gleichsetzt, verwechselt die Erlösung mit der Kirche. Die Schule ist zur Weltreligion eines modernisierten Proletariats geworden und macht den Armen des technischen Zeitalters leere Erlösungsversprechen.

(Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft)

"Ist erst einmal die Phantasie einer ganzen Bevölkerung "verschult" oder auf die Überzeugung gedrillt, daß die Schule das Monopol der Bildung besitze, dann kann man die Analphabeten besteuern, um den Kindern der Reichen eine kostenlose Schul- und Hochschulbildung zu verschaffen."

(Ivan Illich (1972): "Geplante Armut als Frucht technischer Hilfe." In: Schulen helfen nicht - Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft. S.129-130)

Schule als Opium und Legitimation für Hierarchien

"Je größer die Dosis an Schulbildung ist, die der einzelne erhalten hat, um so bedrückender ist seine Erfahrung beim Ausscheiden. Wer in er siebten Klasse durchfällt, empfindet seine Unterlegenheit viel bitterer als ein "Durchfaller" in der dritten Klasse. Die Schulen der Dritten Welt flößen ihr Opium viel wirkungsvoller ein als zu früheren Zeiten die Kirchen. Je mehr eine Gesellschaft geistig geschult wird, um so mehr verlieren ihre Angehörigen allmählich das Gefühl dafür, daß es vielleicht möglich wäre Zu leben, ohne andern unterlegen zu sein. Während die Mehrheit vom Land in die Großstadt überwechselt, tritt an die Stelle der erblichen Unterlegenheit des Peons die Unterlegenheit des Schulversagers, den man für sein Scheitern persönlich verantwortlich macht. Schulen rationalisieren den göttlichen Ursprung der gesellschaftlichen Schichtung viel starrer, als es Kirchen jemals getan haben."

(Ivan Illich (1972): "Geplante Armut als Frucht technischer Hilfe." In: Schulen helfen nicht - Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft. S.131)

Schulen und die mythische Aufladung von Zertifikaten

"Zum Schulwesen gehört auch ein gleichsam als Ritual anerkanntes Bescheinigungsverfahren für alle Angehörigen einer "verschulten" Gesellschaft. Schulen wählen diejenigen aus, denen der Erfolg sicher ist, und schicken sie mit einem Etikett auf den Weg, das sie als tauglich ausweist. Wird erst einmal die allgemeine Schulbildung als Stempel für jene akzeptiert, die gesellschaftlich privilegiert sind, so bemißt sich ihre Tauglichkeit viel eher danach, wieviel Zeit und Geld in ihrer Jugend für ihre Schulbildung aufgewendet worden ist, als nach den Fähigkeiten, die sie unabhängig von einem "anerkannten" Lehrplan erworben haben."

(Ivan Illich (1972): "Die Schule als heilige Kuh." In: Schulen helfen nicht - Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft. S.27)

Fabriken zu Lernorten machen

"Anstelle der gewerblichen Schule sollten wir an eine subventionierte Umgestaltung industrieller Anlagen denken. Es sollte möglich sein, Fabriken zu verpflichten, daß sie in der arbeitsfreien Zeit als Ausbildungsstätten dienen; Manager müßten einen Teil ihrer Zeit für Planung und Beaufsichtigung dieser Ausbildung verwenden, und der Produktionsprozeß müßte so umgestaltet werden, daß er Bildungswert bekommt. Würden die derzeitigen Aufwendungen für Schulen teilweise dazu bestimmt, vorhandene Einrichtungen für Bildungszwecke zu nutzen, dann könnten die Ergebnisse schließlich - für die Wirtschaft wie für die Bildung - unvergleichlich größer sein. Würde ferner solche subventionierte Lehrzeit allen, die sich darum bewerben, ohne Rücksicht auf ihr Alter und nicht nur denen angeboten, die später in diesem Unternehmen beschäftigt werden sollen, dann. würde die Industrie allmählich eine wichtige Rolle übernehmen, welche heute die Schule spielt. Wir würden uns langsam von der Vorstellung freimachen, daß die Qualifikation der Arbeitskräfte der Anstellung, daß Schulbildung der produktiven Arbeit vorausgehen müsse."

(Ivan Illich (1972): "Die Schule als heilige Kuh." In: Schulen helfen nicht - Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft. S.32-33)

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