Rezensionen zu
Autonomie und Kooperation

Siehe auch: Debatte um Herrschaftsfreiheit ++ Versandliste

Rezensionen

In Utopie kreativ (Linkspartei-PDS/Rosa-Luxemburg-Stiftung), Mai 2006 (S. 474 f.)
Hans-Günter Funke: Reise nach Utopia. Studien zur literarischen Utopie vom XVI. bis zum XVIII. Jahrhundert: LIT-Verlag Münster 2005, 352 S. (34,90 €)
Jörn Tietgen: Die Idee des Ewigen Friedens in den politischen Utopien der Neuzeit. Analysen von Schrift und Film: Tectum-Verlag Marburg 2005, 358 S. (29,90 €)
Gruppe Gegenbilder (Hrsg.): Autonomie und Kooperation. Projektwerkstatt Reiskirchen-Saasen, 196 S. (14 €)
Der Romanist Hans-Günter Funke gehört unbestreitbar zu den bekanntesten Utopieforschern seiner Disziplin. Mit dem Sammelband »Reise nach Utopia« liegt nun die Bilanz seiner bisheri-en Studien zur Utopieliteratur gedruckt vor, wobei vor allem die Epoche der französischen Aufklärun- im Fokus seines Interesses stand und steht. Editiert wurden ins-esamt fünfzehn .AUfSätze, die Funke zwischen 1982 und 2004 verfasste. Der hohe universitäre Stellenwert dieser Arbeiten resultiert sicherlich ein Stück weit daraus, dass er immer auch die Auseinandersetzung mit den theoretischen und methodischen Problemen der Utopieforschung suchte: Seine Clattungsgeschichtlichen Überlegungen stehen, von den Studien des Historikers Lucian Hölscher abgesehen, immer noch solitär in der Wissenschaftslandschaft. Das reflexive Niveau, das sich auch in verschiedenen Aufsätzen zu einzelnen Utopisten (z. B. Diderot, La Hontan, Fontenelle) niederschlug, kann daher durchaus paradigmatischen Charakter innerhalb der literarisch orientierten Disziplinen der Universitäten beanspruchen. Funke hat, das ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Forschungstätigkeit, die Literaturwissenschaften gegenüber anderen Fächern Oeöffnet, so aber -leichzeitig ihr eigenständiges Profil geschärft. Für eine breitere Offentlichkeit ist das Buch interessant, da es ihm gelingt, den Leser in einer klaren und nachvollziehbaren Sprache durch die verästelten Pfade der UtopieThematik zu leiten.
Über die als »klassisch« eingestuften politischen und/oder literarischen Utopien des 18. Jahrhunderts hinauscehend, hat Funke der Forschun- zahlreiche weitere Quellen und Texte zur Analyse zur Verfügung gestellt. Dies gilt auch für den Politikwissenschaftler Jöm Tietgen, der im Herbst 2005 seine Dissertation >,Die Idee des Ewiaen Friedens in den politischen Utopien der Neuzeit« publizierte. Zwar ist seiner Arbeit kritisch anzulasten, dass gerade auf der methodisehen und theoretischen Ebene einschlägige Bücher nicht berücksichtigt wurden. Andererseits hat Tietgen den Sozialwissenschaften jedoch einen neuen und kaum zu überschätzenden Quellenkorpus erschlossen: Spielfilme und Fernsehserien. Er vertritt die These, dass sich das utopische Denken der europäischen Neuzeit, das mit der »Utopia« von Thomas Morus 1516 schulemachend einsetzte, auch in den neuen Medien artikuliert. Darüber hinaus sei die Bedeutung filmischer Quellen darin zu sehen, dass sie den jeweiligen Zeitgeist sowie den Publikumsgeschmack in aller Deutlichkeit aufzeigen, (S. 37 f.) Die notwendige Vorbedingung eines solchen Verfahrens ist, wie Tietgen selbst explizit ausführt (S. 32), dass die Merkmale der inhaltlichen Bestimmung des Utopie-Diskurses in den Vorderorund rücken müssen. Damit bricht er an dieser Stelle mit dem von Funke vertretenen Konzept der Bestimmung der Utopie als literarischem Zeugnis bzw. zumindest als Teil der Sphäre der Ästhetik.
Sowohl bei Funke als auch bei Tietgen findet sich die These, dass der utopische Diskurs in zwei Linien zerfalle: Erstens die archistische und holistische Linie der geschlossenen Systernentwürfe, auf die auch immer die konservative Utopie-Kritik zielte, zweitens die im weitesten Sinne anarchistischen Entwürfe. Die so bestimmten herrschaftsfreien Szenarien sind es, die nach Tietgen die Zukunft verbürgen. (S. 307 f.) Von diesem Punkt geht auch der von der »Gruppe Gegenbilder« herausgegebene Band »Autonomie und Kooperation« aus. Er setzt einerseits auf das Individuum und damit auf die egoistische Struktur des Menschen, die andererseits aber in kooperative bzw. genossenschaftliche Strukturen zu überführen sei. (S. 41 ff.) Dies vorausgesetzt, könne der Abbau übergeordneter und von »oben« kommender Institutionen ebenso in Angriff genommen werden wie eine radikale Reform des gegenwärtigen Gesetzes- und Strafapparates, der ja spätestens seit Foucault als kritikwürdig anerkannt ist. Und auch Emanzipation und Ökologie könnten nur von hier gedacht werden. (S. 150 ff.) Gerade wenn die hier kurz vorgestellten Bücher zusammen gelesen und einander ergänzend konfrontiert werden, ergibt sich ein ideen- und literaturgeschichtliches Bild, das deutlich aufzeigt, welch hoher Stellenwert dem utopischen Diskurs auch in unserer sich als modern bezeichnenden Gesellschaft zukommt. Der Liberalismus bedarf der utopischen Idee und Methode, um seine fehlende Selbstreflexivität zu ersetzen und die eiaenen Prämissen zu überdenken, Erst das utopische Denken öffnet den Blick auf die mögliche Zukunft, stellt jene Visionen bereit, die in der Gegenwart als normative Ideen die tägliche Politik anzuleiten vermögen. Diese These ist es, die alle drei Bücher vereint.
ANDREAS HEYER

  • Kurzrezension in der Jungen Welt, 13.3.2006 (S. 15)
  • Rezension auf linkezeitung.de
  • Interview zum Buch auf freie-radios.net, Ankündigungstext dort:
    AnhängerInnen libertärer Ansätze geben oft vor, jegliche Art von Hierarchien und Regeln rundum Abzulehnen. Wie eine solche Gesellschaft allerdings Aufgebaut sein könnte, bleibt oft im Dunkeln. Nun haben sich zumindest ein paar libertäre AktivistInnen die Mühe gemacht, ein Buch herauszugeben, in dem sie ihre Utopie einer anderen, herrschaftsfreien Gesellschaft beschreiben. Coloradio aus Dresden sprach mit einem der AutorInnen des Buches Autonomie und Kooperation, herausgegeben von der Gruppe Gegenbilder.

Zu Hoppetosse +++ projektwerkstatt.de +++ Direct Action. Zum Anfang.