Bomben-Haumann & Co.
Die fiesen Tricks von Polizei und Justiz

Seit Sommer 2002 erlebt Gießen eine hohe dichte kreativer Aktionen. Die Polizei, vor allem der seit Jahren unterforderte Staatsschutz, bekommen plötzlich alles mögliche zu tun ... (in 30 sek gehts weiter)

Wahlk(r)ampf

Die erste gelungene Aktion war ein Wahlkampfautritt von Guido Westerwelle auf dem Gießener Kirchenplatz. Ein Bericht von damals:

Guido Westerwelle hat sich angesagt. Er will mit seinem Guido-Mobil auf den Kirchenplatz fahren und dort seine Reden schwingen. Die FDP trat damals nicht nur als Partei der Besserverdienenden auf, sondern auch als Partei des Fallschirmspringers Jürgen W. Möllemann mit seinem Herumfischen in antisemitischen Gewässern. Genug Munition also für Aktionen. Der Kirchturm, Übrigbleibsel der Bombennächte über der Nazi-Rüstungshochburg Gießen, war an diesen Tagen mit einem Baugerüst umgeben. Das brachte die erste Idee. Als Westerwelle vorfährt und aus seinem verbrauchsstarken Metallgehäuse steigt, schallt ihm von hoch oben eine Stimme entgegen, begrüßt ihn herzlich und teilt die Freunde mit, ihn heute mit seinen schrägen Positionen nicht allein zu lassen. Ein großes Transparent weht am Gerüst herab „Herrschaft abwählen“. Noch bleibt FDP-Star Westerwelle gelassen. Er schreitet zu seinem eigenen Mikrofon und kanzelt die Menschen hoch oben über ihm locker ab. Sollen die doch runterkommen und ihm mit reden. Wer’s glaubt ... wahrscheinlich würden die Aktivistis nicht einmal bis zur Bühne vordringen, da hätte Westerwelle schon die uniformierten Truppen eingesetzt. Aber im Reden sind solche Eliteherren ja geübt. Allerdings: Nur ein Megafon auf dem Turm hätte auch nicht gereicht. Unter den ZuhörerInnen vor der FDP-Bühne setzt ein Murren an: „Runterschießen müsst man die“ sagt einer, der sich ganz nach vorne gedrängelt hat. Einige stimmen zu. Seriös gekleidete Personen drängeln sich an die FDP ran und erwerben mit ihren Schimpftiraden auf die StörerInnen das Vertrauen der Freidemokraten. Schließlich finden sich zwei von ihnen in einem nahen Laden wieder, wo der große FDP-Chef seinen Strom bezieht. Kurze Zeit später ist von Westerwelle nichts mehr zu hören. Mikro tot. Und für Westerwelle gilt: Zu früh gefreut. Fast eine Stunde lang machen die zwei Menschen auf dem Kirchturm auf Ersatzkapelle, während Guido nach einige Wiederbelebungsversuche seiner verlorengegangenen Stimmverstärkung sichtlich verärgert der Gießener City wieder den Rücken kehrt.


Guido vor dem Turm, Ausschnitt mit dem Transparent, ätzender Kommentar von Guido Tamme in der Gießener Allgemeinen, 24.8.2003 (S. 26)

Er hat die Stadtgrenze sicher schon erreicht, da treten die zwei Aktivistis den langen Weg vom Baugerüst nach unten an. Das Publikum rückt herüber, um zu sehen, wer da auftaucht und was nun passiert. Ein Polizeiwagen hat neben dem Turm eingeparkt, die Beamten quälen sich die Stufen hinauf. Sie kommen mit den beiden Aktivistis zusammen herunter. Ihr grünweißer Wagen ist nun voller Aufkleber – absurderweise wird diese Aktion den Personen angehängt, die nachweislich auf dem Turm waren. Gießener Polizeichaotik. Die Uniformierten wollen die Personalien überprüfen, geben sich aber hilflos mit den Ausweisen zufrieden, die Aktivistis essen erstmal ein Eis in der warmen Mittagssonne. Joschka Fischer hat sich für nachmittags angesagt. Fortsetzung folgt also.

So ging es weiter: Viele Aktionen, immer wieder Reaktionen der Polizei von Kontrollen, Platzvereinen, eine Hausdurchsuchung in der Projektwerkstatt - alles noch im normalen Spektrum polizeilichen Handelns.

Rechts: BILD-Zeitung am 14.8.2002 zu den Anti-Wahlaktionen (Seite 2).

Attacken

Demonstrationen, Kommunikationsguerilla, Kleinstsabotage, Straßentheater ... das fiel am meisten auf, fast jeden Tag. Aber es kam auch zu militanten Attacken auf Symbole und Orte der Herrschaft. In der Nacht auf den 14.9. erwischte es das Landgericht. Auch hier wieder die Bildzeitung:

Der Aktionstag am 14.9. gegen Rassismus und Wahlverarschung war in der Folge von einem großen Polizeiaufgebot geprägt. Offensichtlich als Racheaktion beschlagnahmten die Polizeihorden einen Fahrradanhänger, der als Anti-Wahl-Mobil geschmückt war. Heil bekamen die DemonstrantInnen den auch nie wieder. Er wurde im Polizei-Headquarter kaputtgeschlagen. Ein Wutanfall?
Beim Umzug durch die Stadt sicherten Polizeireihen Gebäude und alle Wahlstände.


Oben: Polizeireihe vor einem Wahlstand. Unten: Landgericht mit Wannen und verbretterten Fenstern.

Links und Infos zum Thema

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